Die Probefahrt nach Amerika

Part 10

Chapter 103,847 wordsPublic domain

Wie von diesem braven Doctor, so ging für mich nun ein tägliches Scheiden an, von jeder Gegend, jedem Bach, jedem Baum, jedem guten, freundlichen Menschen -- aber zuerst beinahe von meiner Tochter! Sie war mir krank geworden; ich wollte sie in Gottes Namen nach Lawrencebury am Ohio schicken, in das Haus des jungen, sie ehrenden Marfolk. Aber mit wem? Ach, war nur mein Schulmeister Tolera hier! Denn auf dem Straßenbau hier im Lande hätte er nicht nöthig gehabt, die Menschen hungern zu lehren! Im Gegentheil nicht gar so viel essen; zum Frühstück schon in Butter gebratenen Schweinebraten, Fische, fetten Kuchen, Eier, Käse; und ihr Aufseher -- nicht gegen die Unmäßigkeit im Essen angestellt -- erzählte mir mit sonderbarer Freude, daß die 6000 Arbeiter hier in 90 Tagen keiner einen Schnaps getrunken habe! Aber meine Tochter nahm sich zusammen, und ihr Geist, so jung der liebe Geist war, war stark. Ich fand es für meine Leute hier überall gut, sich niederzulassen, so weit wir umherzogen, beschwerlich genug. Hier begruben die Leute selbst; sie trauten junge Paare, sie tauften selbst -- und der Papst und die Clerisei fiele auch hier in Ohnmacht! Ja, wir wurden selber zu einer Taufe in Silverheelstown eingeladen, wo ein Vater an jedem seiner Kinder einen besondern Gläubigen hatte. Der älteste Sohn war ein Jude; der folgende ein Türke; der dritte ein Quäker; die älteste Tochter eine Katholikin, und so fort, damit doch Eines seiner Kinder den rechten Glauben erwische. Ich sollte nun Pathe stehen bei einem kleinen Buddhaisten. Aber wir wußten Alle von den Ceremonieen dabei nichts. Tolera selbst hätte sich zu Tode gewundert oder betrunken. Indessen dieser Vater wollte auch Vater meiner Kinder werden, und ihnen ein gesegnetes Stück Wüstenei verkaufen. Und ich schloß mit ihm die Bedingungen ab. Und nun begehrten wir alle nach Cincinnati zum Bruder, vielleicht alle weiter, nach Hause. Aber das Geld ging mir unterwegs nun endlich aus! Maria will ihr Halsband von Josephinen verkaufen; -- das will ich nicht! Ich will den Ring vom Prinzen verkaufen; -- das will sie nicht. Aber das mußte geschehn, denn für den spätern Erlös des Halsbandes bezahlten wir die Heimfahrt nach Europa. Aber nun war kein baares Geld von den Kauflustigen für den Ring aufzutreiben! Höchstens Anweisungen auf eine ferne Bank. Sollten wir nun hier, was wir an Materialien zum Tausch erhielten, verzehren -- so waren wir nicht weiter. Wir mußten also lebendige Ochsen und Schweine nehmen und einen Treiber, um sie am Ohio in Geld zu verwandeln. Die Reise war merkwürdig genug. Schweine verliefen sich -- ich konnte nicht nachlaufen! Ochsen waren marode, Maria schüttete ihnen Gras hin, beklagte sie und ließ sie liegen. Eine Nacht ruhten wir in einer Höhle der Berge, die voll uralter fremdartiger Menschengerippe war. Wir sahen Postdampfwagen pfeilschnell vorüberfahren, wir konnten keine Stelle darauf bezahlen. Endlich trieben wir glücklich in Lawrencebury ein. Aber Niemand lachte uns aus. Alles Nothwendige steht hier in Achtung. Wir frugen nach Marfolk's Wohnung, fanden sein großes Gehöft mit Niederlagen und Speichern, und ob er gleich mein Schwiegersohn werden wollte, so drückte er mir doch die übrigen Ochsen und Schweine ab. »Im Handel keine Freundschaft!« sagte er. Dagegen im Hause war er unser Freund. Er wußte um mein Anliegen, er führte mich, noch ehe wir ausgeruht, in seines Vaters Zimmer. Da hing über seinem Tische meiner Großmutter Bild.

Schwarz, in großer Haube, und drunten stand der Name des reisenden Silhouetteurs _Näthe_ aus Görlitz. Er öffnete die Weihnachtsbriefe. Sie waren nach dem Ort meiner Heimath adressirt. Es gab eine Scene der Erkennung, welche Maria durch kühlen Anstand milderte. Marfolk war in allen Zeitungen im ganzen Lande durch seine Anklage auf Hinrichtung gleichsam an's schwarze Bret geschrieben. Er wollte fort aus Amerika. Er fand es schön, vor die alte Großmutter zu treten, und wenn er nicht in Europa bliebe, wollte er bei der Rückkehr als ein frischer Einwanderer sich in einem andern Staate der Union unter seinem wahren Namen Volkmar niederlassen. Er wollte mit uns reisen! Das setzte voraus, daß wir wirklich reiseten. Auch war ihm die Reise im Testament des Vaters, also nun meines Oheims, aufgegeben. Wegen des Knaben Wilhelm bestimmten wir, daß er ein Gerber werde, als die jetzt noch vortheilhafteste Profession, weil Häute um ein Spottgeld und Leder sehr theuer wären. Übrigens war hier nichts mit andern Handwerken; denn die Maschinen machen schon alles, oder werden hier noch alles machen, als seelenlose, blinde Ableger oder Riesenkinder des Menschen, gleichsam ein eisernes Geschlecht, in welches der Mensch seine Sclaverei gebannt hat; und worüber Europa zu Grunde geht, durch Maschinen, das bringt Amerika empor, weil hier Alle breit und bequem auf die fruchtbare Erde sich stützen, und Alle sich neben und mit Maschinen grade erst recht hoch emporrichten. Um dem Wilhelm zu der Ansiedlung von seinem Vater zu verhelfen, mußte ich ihn jedoch erst durch einen verschriebenen Taufschein als Erben legitimiren. Übrigens lernte ich hier im Hause das Verhältniß und das Verhalten der Dienstboten -- bei uns des Gesindes -- hier der dienenden Herren und Frauen -- kennen, die so behandelt werden und so sich betrugen, als bei uns adlige Herrn und Fräulein im Dienst bei Bürgerlichen sich benehmen und behandelt werden würden. Mein Gott! so viel thut schon das bloße Bewußtseyn: Wir sind frei! und das große Verhältniß: Es ist nur Ein Stand im Lande -- der Stand des Menschen! Das war das Bitterste, was ich erfahren habe, und das Schönste. Ja, wenn wir hier blieben, wenn ich keine andere Aussicht für uns wüßte -- und ich sahe weder als Pastor, ja nur als Schulmeister ein Ankommen -- wenn wir nicht _Bauer_ wurden, in dem kolossalen, freien, Amerikanischen Sinne, durch Ankauf aus dem Ertrag des Diamantenhalsbandes -- -- -- so wollten wir uns selbst mit meiner Tochter vermiethen.

Aber ich hatte recht vermuthet! Mein Vetter Marfolk hielt um meine Tochter an. Ich konnte ihm nichts darauf sagen, als daß schon ein Anderer um sie angehalten, dem ich es schreiben wolle. Und so that ich. In 14 Tagen erhielt ich die Antwort von Erwin: »Im November komme ich nach Philadelphia. In vielen Geschäften. Erwin.« Noch stand das Wort dabei: »Ich bin Senator der vereinigten Staaten.«

Auf solche unbestimmte Antwort drängte mich meine arme Tochter, die mir herzlich leid that, zur Heimreise nach Europa. Ja vorher, gewiß vorher -- ehe sie den Erwin wiedersähe. Aber leider waren wir schon im Herbst, der unendlich schön und bunt und mild und heiter sich über das ganze Land gesenkt hatte. Meine Reise konnte nicht die Absicht haben, die Natur abzumalen, und so habe ich alle die tausend Gelegenheiten vorüber gehen lassen, ein Bild von Dinte ihr nachzupfuschen! Denn hier ist mehr wie Griechenland und Italien. Hier ist Persien, kurz alle schönen Gegenden der Welt, nur keine Schweiz. Freilich blieb mir übrig, auf der Besitzung der Baronesse Freysingen und ihres mir so nah verwandten jungen Mannes den Voigt zu machen, oder den Gehülfen auf der Ansiedlung unsrer zwanzig Dörfer -- aber meine Tochter hatte _alle_ Amerikaner satt, durch Einen, und Amerika mit ihm herzlich satt. Zum nächsten Frühjahr also versprach mir der gute, bescheidene Vetter Marfolk mit nach Europa überzufahren. Jetzt nahmen wir von ihm Abschied. Wir reiseten ziemlich armselig. Jeder Vater kann sich denken, daß ich endlich schweres Verlangen trug, meinen Knaben in Cincinnati zu sehen. Wir schifften die kurze Strecke den Ohio hinauf nach der Stadt, die einen Hügel hinauf schön und herrlich liegt. Wo er seyn sollte, wußte ich. Ich ließ meine Tochter in unserm Boarding, oder höchst anständigen Familien- oder Gesellschafts-Gasthof, ging allein und fand das Haus. Aber mein Sohn war fort! Fort in eine Anstalt nach Philadelphia. Wer konnte das gethan, ihm so wohlgethan haben? Alles Rathen war aber vergebens. Indeß er lebte, er hatte geschrieben -- auch an mich; ich empfing seine Briefe. Ich mußte sie küssen, ehe ich sie las, und dann weinen, denn er erinnerte mich an die Mutter, die nun schon lange im Lande hier schlief. Ich schrieb ihm wieder und ein Diener ging sogleich mit dem Briefe fort.

Als ich nach Hause gekommen, fand ich eine Einladung zum Mittagessen zu einem guten Freunde, der sich jedoch nicht genannt hatte. Straße und Haus war angegeben. Warum sollte ich der Einladung nicht folgen? Meine Aufregung war heftig. Ich zog wieder einmal die guten Kleider an. Alle meine guten Freunde schwebten mir vor. Wie angenehm war mir ihre Nähe im Geist. Aber ach, wie viele waren elend gebannt zu Hause! Doch auch unter den Wenigen, die hierher gewandert seyn konnten, rieth ich vergebens, und blieb in der holden Erwartung, wen ich sehen, wen ich an das Herz drücken würde.

So geh' ich. So trete ich ein. Niemand zu sehn! Nur ein Tischchen mit zwei Gedecken steht bereit. Aber im Cabinet regt sich es wieder mich sonderbar erinnernd. Ich sehe. Es lauscht zwischen den zugehaltenen Vorhängen. Ich spähe. Ich gewahre ein großes braunes Auge in seinem milchweißen Himmel. Mir klopft das Herz. Ich sehe oben darüber schwarzes, glänzendes Haar. Nun erscheint ein kostbares Nasenspitzchen, die schöne, edelgebildete Nase. Jetzt Lippen wie Erdbeeren, wie eine Doppelkirsche. Mir beben die Kniee wie in meiner grünsten Jugend. Mir vergehen die Sinne. Denn nun sehe ich auch schöne, aber blasse Wangen -- das ganze edle Antlitz ist frei. Aber die Augen sind jetzt leise geschlossen. Die Augensterne zucken unter den langbesäumten Augenliedern. Ja, an den Wimpern quillt es leis und zart hervor wie Thau an Blumen. Ich weine selbst.

Josephine! ruf' ich.

Da verhüllt sich ihre ganze Gestalt wieder hinter dem Vorhang. Ich bin betäubt. Ich setze mich gleichsam in Ohnmacht auf das Sopha. Meine Hand bedeckt die Augen. So bleibe ich lange. Ich träume, ich schlafe eine mannigfach bestürmte, aber schöne Zeit. Ich komme zu mir. Die Gestalt sitzt neben mir. Ihre Hand hält meine Hand. Ich schlage die Augen auf. Ihre großen, feuchten Augen sehen mich an. Wenn ich nicht auf dem Sopha saß, wär' ich ihr zu Füßen gefallen.

In dieser herzbeklemmenden Stunde erschien mir wie damals wieder im Zimmer vor mir stehend die Gestalt meiner Frau. Ich machte die Augen vor ihr zu. Aber sie sprach heut mild zu mir: »Fürchte Dich nicht! Ich bin unter den Todten so klug geworden, wie alle Todten. Weiber und Männer, die von den Ihren hinweggerissen, nur wohlthun, ihnen auf Erden noch alles Glück zu gönnen, ihnen neidlos alles Glück zu verschaffen, oder bei ihrer Ohnmacht sie doch zu segnen. Also jetzt sprich zu dem armen Weibe. Sie wird kein Wort Dir sagen. Denn ein Weib ist edel. Und so sehr sie verrufen sind, daß sie schwatzen, so halten sie doch ihre Liebe zu heilig, als sie je auf die Zunge zu nehmen gegen einen Mann. Rede also Du! Und sie wird Dir antworten ohne Worte, mit Thränen, mit ihrem ganzen Dir holden, schönen Wesen. Auch prophezeihe ich Dir, lieber Volkmar: Noch heut wirst Du mit ihr getraut. Diese Nacht schon ruhest Du hier. Und wenn Du das Licht auslöschest, und es sich unheimlich im düstern Zimmer regt, so denke: ich bin's, die hinschwebt, das kalte Lager der Todten zu drücken.« --

Jetzt schwieg sie, sahe mich zärtlich an, und verschwand oder verlosch vielmehr auf derselben Stelle allmählig, wie ein Regenbogen verschwindet und hin ist.

Ich aber war noch ganz verworren, und sagte laut und verständlich vor mich hin: Das laß ich mir eine vernünftige Frau seyn! Sie räth mir nun selbst zu, den Engel zum Weibe zu bitten. -- Ich fuhr auf. Denn ich erwachte jetzt über die Worte erst völlig und war gewiß über und über roth.

Aber auch Josephine war von Röthe übergossen. Aber sie verbarg sie an mir.

Und das einmal ausgesprochene Wort meines vormaligen Weibes gab mir Muth und Veranlassung, der schönen jungen Wittwe zu erklären, ja Alles aufrichtig zu sagen, was ich von der Erscheinung gehört . . . . und mein Schlußwort dazu zusetzen oder anzubringen.

Und wie mich mein Weib versichert, so geschahe es. Josephine weinte blos, oder schlang höchstens nur einmal ihre Arme um meinen Nacken -- aber die Edle küßte mich nicht! Doch -- um ein aufrichtiger Mann zu seyn -- ich küßte sie! Zum Erstenmal. Aber nicht zum Letzten. Und als Braut führte sie der Bräutigam -- meine Wenigkeit -- zu Tische.

Wie wenig essen Glückliche!

Aber wie viel trinkt ein armer erlöster Pastor vortrefflichen Wein! Um ein aufrichtiger Mann zu seyn, muß ich aber gestehen -- und jeder Eingang mit dem Worte »_gestehen_« taugt gewöhnlich nicht viel -- ich schämte mich vor meiner Tochter, wieder ein Weib zu nehmen, und ein so schönes, so junges, und da es einmal so war, auch ein so reiches. Wenn meine Tochter heirathete, so mußte sie sich vor mir schämen -- daß sie so liebte bis zum Heirathen. Oder wir waren doch quitt. O, ein Vater hat in jeder Lage gar viel zu denken, zu bedenken, zu beobachten. Doch meine Tochter sollte ja gar nicht erfahren, daß ich nur wieder heirathen könnte! So war ich heraus. Aber dabei mußt' ich nun bleiben.

So viele Monate, so schwere Zwischentage waren wir uns unter tausend Zweifeln mit Josephinen doch gut gewesen -- hier zu Lande war kein langweiliges, meist nur überflüßiges Aufgebot nöthig, da keine Kirche, also auch keine Kirchenordnung oder Litanei hier ist. Auf einem Spaziergang gegen Abend ließen wir uns dem Geistlichen melden, denn meine Braut kam mir garnicht mehr so voll vor, als da ich sie zum letztenmal gesehen. Und so standen wir vor dem Geistlichen, gelobten uns Treue, gelobten uns: Glück und Unglück mit einander zu ertragen, und der Mann hielt eine kurze Rede, wie ich selber niemals eine zu halten im Stande gewesen -- so gerührt war er. Und als junger Mann und junge Frau wandelten wir nach Hause. Marien aber ließ ich sagen, ich wäre in so liebe Gesellschaft gerathen, daß ich wohl vor Morgen früh nicht nach Hause kommen würde. Dabei schickte ich aber der guten Seele ein großes Körbchen mit allerhand vortrefflichen Speisen und Wein, damit sie unbewußt doch von meinem Hochzeitschmause koste.

Bis zum Morgen aber hatte sich meine liebe, kostbare Jungefrau entschlossen, mit uns nach Europa zu gehn. Ich bat sehr, ob ich gleich wußte, wie gern sie ging, um aus einem Lande zu kommen, wo sie, so schön und edel sie war, nur mit dem Schleier sich zeigen durfte -- ihrer schimmernden Farbe wegen.

Als ich nach Hause kam, schlief meine Tochter, und ich küßte sie, und bat ihr unser Glück ab und meine liebende Täuschung. Ich aber konnte ja nun wieder -- versteht sich ohne den rechten Namen -- von ihrer guten Mutter reden. Ja, der folgenden Tage Einem führte ich Josephinen bei ihr ein -- als eine Gesellschafterin für sie auf der schönen Herbstreise durch Ohio nach Philadelphia, ja nach Europa.

Abends ging ich gewöhnlich in die oben angeführte »so liebe Gesellschaft.« Und so hatte ich in diesen wieder glücklichen Tagen nur einen, aber höchst bittern Verdruß. Ich wollte doch das Merkwürdige von Cincinnati sehen. So lasse ich mich in die gelehrte Gesellschaft einführen, zu der auch, und besonders die hiesigen Buchhändler gehören. Man muß meinen Namen Volkmar mit: Volkhard verwechselt haben. Manche kommen und bedauern mich. Manche drücken mir die Hände. Einer fragt mich mißtrauisch: wie ich aus meinem 19jährigen Zuchthaus entkommen? Ein Andrer: was ich gedacht oder für Entschlüsse gefaßt, als ich das Bildniß habe um Vergebung anflehen müssen? Andere wendeten mir den Rücken, oder sahen mich höhnisch, ja was noch barbarischer war, sie sahen mich mitleidig an. Kurz, ehe es zu der Collecte kam, die man für meine arme, unschuldige Frau und Kinder sammeln und ihnen schicken wollte, suchte ich zu entkommen. Denn meine nackte Versicherung, daß ich kein Buchhändler, am wenigsten ein Bayer sei, schlug bei den einmal Verblendeten nicht an, und sie hielten mein Ablehnen für Schaam, für falsche Schaam in Amerika. Durch diesen Vorfall erwachte aber -- in meiner Weise, der mitleidigen, hülfreichen -- mein Heimweh bis zur Angst. Und ich wand die Hände.

Also nach einer schönen, glücklichen Reise durch das, reich angebaute, unvergleichliche Ohio -- worin aber zwischen Urbana und Bixbie und zwischen Chillicothe und Marietta noch ungeheurer Platz zu den gesegnetsten Niederlassungen der Einwanderer harret -- waren wir im November endlich in Philadelphia, und wohl logirt, denn meine Frau hatte unermeßliches Vermögen, ob ich gleich noch nicht darnach gefragt, und ich war der Herr wiederum meiner Frau.

Sie ging mit mir voll Freuden zu nunmehr unsrem Sohne Gustav Adolph, welchen, wie ich jetzt erfuhr, _sie_ in eine vortreffliche Erziehungs-Anstalt hatte bringen lassen. Sie ging zuerst zu ihm hinein. Aber das war vergebliche Vorsicht ihn auf den Vater vorzubereiten! Er kam -- bei ihr vorbei, über den Saal, auf die Treppe mir entgegen gestürzt, wo er auf den höheren Stufen stehend, mich wie gleichgewachsen, so recht umhalsen konnte. Aber er hatte ja mich, den Vater. Und so war sein erstes Wort: »Ist die Mutter drunten?«

Vorbereitet auf diese Frage sagte ich ihm, daß sie wieder nach Hause gereiset sei, weil ihr lieber Sohn Marbod krank gelegen.

Das glaubte er. Denn er kannte ihre Vorliebe zu jenem Kinde. Und ach, so blieb ihm die Mutter leben, lange, lange Jahre. Er frug aber nach der Schwester Maria. Und so mußte ich ihn unter Bitten und Bedrohungen ermahnen, daß er sage: die Mutter habe mir ihn selbst, den Gustav Adolph, mit einem Freunde hierher nach Philadelphia nachgesandt, weil die Schwester sonst über die Mutter und den kranken Bruder sich grämen würde. Was die Mutter betraf, hatte ich die Wahrheit gesagt. Unter dieser mir von dem folgsamen Knaben zugesagten Bedingung konnte ich der armen Tochter doch eine Freude machen: den Bruder wiederzusehn. Auch mußte sie das glauben, denn auch ihr hatte ich in Vorrath gesagt, daß ich meinen kleinen Sohn gern nachgesandt hätte, und deswegen nach Hause an die Mutter geschrieben. Und so belohnte sich diese fromme List auf der Stelle. Denn Maria kam herauf, und die Geschwister weinten reine Freudenthränen.

Eines Abends darauf -- es mochte in Deutschland um die Zeit seyn, wo Tag und Nacht mit einander ringen, nach Mitternacht -- kam meine heimliche Frau zu uns in merkbarer Aufregung, und ladete uns zu einem Gang an den Hafen ein, denn es wären Schiffe gekommen, die auslandeten. Wir gingen also.

Die Delawarabai wimmelte von Schiffen. Unmerklich aber führte uns Josephine an einen Stapelplatz, wo Boot auf Boot voll Neger, Hundert zu Hunderten ans Land gesetzt wurden. Negermütter saßen schon auf der Erde, und hatten die Kinder an der Brust, auf dem Schooß, oder um sich her. Junge und ältere Männer, alle neu gekleidet, gingen ab und zu und halfen den Ihrigen Seil ziehen, Päcke tragen, alles in brüderlicher, fröhlicher Gemeinschaft. Auf einmal trat meine Tochter bestürzt hinter mich. Ich wandte mich um. Sie verbarg sich an meiner Brust. Sie war blaß wie von Schnee; sie bebte wie geschüttertes Rohr. »Was? Wer? Warum?« frug ich. -- »Ach, dort!« sprach sie und deutete unmerklich über meine Achsel mit dem Zeigefinger. Ich sah überall umher. So erblickte ich auch unter einigen Gruppen zwei einzeln stehende Männer, deren Einem, dem großen, schlanken in blauem Überrock ich nicht ins Gesicht sehen konnte; aber der Andere hatte es uns zugewandt -- es war Erwin. Nun wußte ich Alles! Ich drückte ihr herzlich die Hand und hieß sie abwärts sehen. Aber die Männer kamen beide im Gespräch auf uns zu. Ich wich unmerklich aus, aber Erwin schien uns vermuthet, erkannt zu haben. Und während wir alle die Augen zur Erde niedergeschlagen hielten, kamen sie uns so nahe, daß ich ihre Fußspitzen sahe. So blieben sie vor uns stehen. Sie grüßten leicht und zuversichtlich -- und ich hatte die Ehre und das Vergnügen und die Erfahrung, an Erwin das Compliment eines getäuschten Tochtervaters zu machen oder zu schneiden, und ihm zu danken. Welches Gesicht ich aber dazu gezogen oder geschnitten, kann ich als ein aufrichtiger Mann nicht sagen; denn ich habe es nicht gesehen -- als im Spiegel von Josephinens Antlitz, worauf es ganz roth aussah. Wie mußte mir aber erst werden, als Erwin nun so seine liebe Stimme vernehmen ließ:

»Ich sollte eigentlich recht bös seyn, und ich will auch nicht leugnen, daß ich im Kern der Seele, im Stolze, recht schwer, ja recht schwer beleidigt war! Sehen Sie nur, General,« sprach er zu seinem Begleiter, »da hinter dem Vater steht verschämt das Kind, das mir das Leben so schwer gemacht -- aber mich zum freien Manne, und hoffentlich nun auch zum glücklichen« . . . .

Er wollte Mariens Hand ergreifen, und wie sie sich ihm entzog, und um mich herum schlüpfen wollte -- ergriff er sie von der andern Seite und hielt sie fest an der Hand. Und das ganze Mädchen zitterte.

Und mit seelenreiner, seelenfroher Stimme sprach er getrost zu ihr: »Ehe ich nicht frei war -- denn wer nur noch einen Schatten von einem Sclaven hat, der ist selber ein Sclave -- eher schämte ich mich Dir mit einem Worte zu nahen -- und Du, Du hast doch das Schweigen verstanden? Meine ich! Aber jetzt, jetzt! Ich habe keinen Sclaven mehr! Bin ich nun Deiner werth? Nicht wahr -- ein Amerikaner! . . . . und er sollte Sclaven haben . . . . nicht wahr, das konnte die liebe Seele ja nicht ertragen! Wer würde so ein Mann als Mann gewesen seyn! Nicht wahr? Aber ich habe keinen Sclaven mehr, da siehst Du sie alle umher! Du, mein edles Kind, Du hast sie frei gemacht -- und hast doch nur Einen Menschen recht geliebt. Und das hab' ich verstanden! Das hab' ich geehrt.«

»Wohl, sehr wohl! Senator,« sprach der General.

Wir andern alle weinten, und namentlich mir schnürte es heimlich ordentlich die Kehle zu. Aber o Gott, der Blick, der jetzt aus meines Mädchens Augen in ihres Freundes Augen strömte, der war wohl werth, daß Du Menschen geschaffen hast, Du allliebender Vater, daß Du sie Sclaven werden lässest und erlösest, durch Deine heilige Macht. Was hätten die Menschen denn sonst auf der Welt zu thun, als etwa alle ewig im Bett zu liegen -- wenn Alles vollkommen wäre! Das verhüthe Gott, und hat es verhüthet. So haben die guten Menschen etwas vor, das Gute zu thun, und eine Freude, den Sieg über Irrthum und Blindheit der andern armen Menschen. -- Das war mein innerliches Gebet. O ich war ja nun endlich ein glücklicher Tochtervater! Und die Unglücklichen können nicht beten; denn Beten heißt: Gott loben in allen Dingen. So meine ich.

»Die Sache freut mich!« sprach der General. »Sie geben ein Beispiel, und ich danke Ihnen für Viele, Senator.«

»Es geschieht nach meines Vaters Testament;« sprach nach Gottes Willen nun mein Schwiegersohn. »Denn welcher Deutsche vergäße sein Vaterland! Das ist uns keine Schande; denn Deutschland ist auch das Vaterhaus von England, woraus unser Penn stammt. Thue ich was dazu, so geschieht es aus allerhand Liebe und Ehrfurcht. -- Also mir keinen Dank, Präsident!«

Gott's Wetter! hätte ich bald laut gesagt, das ist der Präsident der ganzen 27 vereinigten Freistaaten! und ich hielt mir wirklich den Mund bescheiden zu und sahe meine Tochter bedeutend an, deren Auge aber schon an dem Manne hing, still, sanft, ehrfurchtsvoll, wie eines Kindes Auge, das zum erstenmal den Engel, das Christkind sieht, und selber die eigene größere Schwester in ihm nicht erkennt, ob es sich gleich ohne Maske zu ihm neigt und mit unverstellter Stimme freundlich zu ihm spricht. Das blaue Band auf ihrem Busen ging aber auf und nieder . . . so klopfte ihr Herz. Und ich hätte die golden untergehende Sonne fragen mögen, ob sie etwas Größeres auf ihrer weiten Bahn erblicke, als einen freien Vater freier Kinder.

. . . . . »Und lieber Vater,« sagte Erwin nun zu mir, »die Neger gehen nach Deutschland.« --

Ich erschrak billig und unbillig.