Die Prinzessin Girnara: Weltspiel und Legende

Chapter 2

Chapter 2915 wordsPublic domain

GEISTERSTIMME: Das Schwanken hat er verworfen, der Ungewißheit ist er entronnen, er zweifelt nicht am Guten, vom Schwanken befreit er sein Herz.

GIRNARA: Entschwindest du mir schon, Erhabener?

GEISTERSTIMME: Des Beseligten Gemüt wird einig.

GIRNARA: Entschwinde mir noch nicht, Seliger, der zu beseligen vermag.

DER SIEGREICH-VOLLENDETE: Nimm an das Kleine, ans Geringe wende dich gern; und wenn du die Wege der Lastträger gehst, so beuge dich nieder und küsse ihre Spuren; und liebe; ohne Maß sollst du lieben; den, der neben dir keucht und den, der neben dir jauchzt, und den, der unterm nassen Mantel geht, und den, der auf goldener Stufe steht; und schaue; schau die vielen Dinge der Welt; liebe dein Auge, wenn es schaut, schau die Sterne, schau die Rinder; schau die Weisen, schau die Blumen; gib dich hin und du wirst sein; sei verloren und du bist schön: des Beseligten Gemüt wird einig.

GIRNARA: Entschwunden ist er mir. Die Irdischen kommen, die Irdischen öffnen das Tor.

STIMME DES PILGERS: Anders ist das Leben, anders der Leib. Heil dir, Siegreich-Vollendeter!

DIE ALTE DIENERIN: Fremde Ritter haben das Tor geöffnet.

GIRNARA: Dort ist Glanz gewesen, dort war Licht.

DIE ALTE DIENERIN: Gnade, Prinzessin, wie bist du schön! Herrliche, wie bist du schön!

DER ERSTE RITTER: Heb' empor die Fackel! Finster ist's im Zimmer der Prinzessin.

DER ZWEITE RITTER: Mir bangt vor unserm Tun, unbesonnen scheint mir's und strafwürdig.

DIE JUNGE DIENERIN: Die Herrin ist schön! Unfaßlicher Zauber hat sich begeben.

DER ERSTE RITTER: Siehe, sie ist schön! Verborgen ward sie den Menschen, weil sie so schön ist.

STIMME DES TORWARTS: Verbrechen geschah! Fremde Ritter haben das Tor geöffnet.

DER ZWEITE RITTER: Sie ist schöner als die Schönsten des Landes. In ihrem Antlitz ist die Seele der Engel.

DER HÖFLING: Was habt ihr getan, Unsinnige, das verbotene Gewölbe betreten!

GIRNARA: Kommt mein Gemahl denn nicht, um mich zum Feste zu holen?

DER ERSTE RITTER: Deine Schönheit, Herrin, ist wie die seltenste Blüte im Mangohag.

GIRNARA: Kommt mein Gemahl nicht bald, mich liebreich zu begrüßen?

WÜRDENTRÄGER: Verbrechen geschah? Wer frevelte wider des Königs Gebot?

SIHOS STIMME: Wahrer Traum beginnt. Licht schwillt auf.

STIMMEN: Weh uns! Weh uns!

GIRNARA: Nahet nicht mein Gemahl? Soll ich nicht Schmuck anlegen für ihn?

STIMMEN: Heil uns! Heil uns!

STIMMEN DER DREI DIENERINNEN: Ein Wunder hat sich begeben, unfaßliches Wunder im Hause.

DER ERSTE RITTER: Ich beuge mich, Herrin, vor dir, ich beuge mich vor deiner Schönheit.

DER ZWEITE RITTER: Du bist im holdesten Schmuck, Herrin, wenn du gehst, wenn du blickst.

WÜRDENTRÄGER: Herrlich schön ist die Herrin! Ein Bote eile zum König!

SCHÖNE DAME: Ist es wahr, die Prinzessin ist schöner als die Schönsten des Landes?

SIHO: Strahl der Ahnung, wiesest du mir den richtigen Weg?

STIMMEN: Heil uns! Heil uns! Ein Wunder hat sich begeben!

GIRNARA: Bist du gekommen, mein Herr? Ist deine Stirne entwölkt?

HÖFLING: Mit rosigem Flor bedecken sich die Gewölbe, blühender Glanz umflutet die Kuppel.

WÜRDENTRÄGER: Herein ihr alle mit Fackeln und Lampen, daß Überfülle des Lichtes wird!

SIHO: Nieder zur Erde, Wunderbare, vor dir, mit der sich Wunder begab!

WÜRDENTRÄGER: Herein, ihr alle, bewillkommt die Herrin. Nieder zur Erde, die Köpfe geneigt!

STIMMEN: Heil uns! Heil uns! Der König! Der Herr!

HÖFLING: Die Drommeten verkünden die Ankunft des Königs, dreiunddreißig Drommeten!

WÜRDENTRÄGER: Nieder zur Erde, die Köpfe geneigt!

DER KÖNIG: Boten riefen mich her, Unglaubhaftes raunten sie mir in den quälenden Schlummer.

SIHO: Sie ist wie eine Göttin, Herr, wie die seltenste Blume im Mangohag.

GIRNARA: Göttin bin ich mit nichten; Mensch und diene den Menschen. Blume nicht: Leib, der der Liebe gehorcht.

DER KÖNIG: Du warst ein Schrecken und Fluchbild sterblichen Augen: Wie bist du schön geworden?

GIRNARA: Der Siegreich-Vollendete hat sich mir gezeigt.

DER KÖNIG: So ist er herabgekommen, der Göttliche, und hat Freude geschenkt?

STIMME DES PILGERS: Fern zieht er hin, der Siegreich-Vollendete, entraten der Paarung, fern dem gemeinen Gesetze.

DER KÖNIG: So ist er herabgekommen, der Sanfte, zu lösen verjährten Fluch, die bereute Untat zu nehmen vom quälenden Schlummer, auszugleichen das Übel und Freude zu schenken, das Böse zu heben von der wissenden Seele?

DER PILGER: Des Beseligten Gemüt wird einig.

SIHO: Hebe mich empor zu dir, Gewordene; berührend weihe den dir Gewordenen.

STIMMEN ALLER: Hebe ihn zu dir empor, Gewordene, berührend weihe den dir Gewordenen. Des Beseligten Gemüt wird einig.

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[Transcriber's Note: After proofreading on PGDP-EU had been completed, the text has been compared to another eText version, based on the same edition of the book prepared by Marina Lukas for the »Project Wassermann« (http://www.marinal.de/wassermann/werke_prinzessin.htm). This resulting eBook is thus believed to be free of transcription errors.

On page 40, _Jfrids_ is possibly a misspelling for _Ifrids_. However, as the word is quite uncommon in German, I decided to stay true to the printed book and keep the original spelling.]

End of Project Gutenberg's Die Prinzessin Girnara, by Jakob Wassermann