Die Physiologie Und Psychologie Des Lachens Und Des Komischen E
Chapter 7
Gegenstande oder der dargestellten Person herausfinden, aber doch durch die darin enthaltene Uebertreibung unangenehm berührt werden. Das was die Carricatur im Bilde, das ist die witzige Uebertreibung oder Hyperbel in der Darstellung durch Worte. Ich erinnere z. B. an Haug's Zweihundert Hyperbeln auf Herrn Wahls ungeheure Nase", von denen hier die folgende einen Platz finden mag:
Er stand und sprach vor seinem Haus, Da hielt ein Güterwagen an. He! rief der trunk'ne Fuhrmann aus: Den neuen Schlagbaum aufgethan!
Aus Kuno Fischer will ich hier noch einen recht guten Witz dieser Art mittheilen, den man sich von Friedrich Wilhelm IV. erzählt. -- Auf einer seiner Landreisen wird der König in einer kleinen Provinzialstadt von der Obrigkeit empfangen und von dem Bürgermeister des Städtchens in feierlicher Anrede begrüsst; an dem kleinen wohlbeleibten Mann tritt nichts so hervor als die weisse Weste in stattlicher Wölbung; das Wetter ist sehr kalt und die Rede nimmt kein Ende; da unterbricht der König den Redner gleichsam besorgt um seine Gesundheit und auf die Weste deutend sagt er gütig: mein Lieber, erkälten Sie sich Ihren Montblanc nicht." -- Diese Anekdote enthält eine Fülle komischer Contraste, der eigentliche Witz beruht aber offenbar auf der Verbindung resp. Substituirung zweier vollständig heterogener Vorstellungen, die aber eine gewisse Aehnlichkeit mit einander haben. Fischer führt diesen Witz unter dem Wortspiel (speciell unter der mit Doppelsinn" überschriebenen Form) auf, nach meiner Auffassung aber mit Unrecht, denn das Wort Montblanc enthält _an und für sich_ keinen Doppelsinn.
In manchen Fällen ist die versteckte Aehnlichkeit, die der Witz aufdecken soll, nicht direct ausgesprochen, sondern kann erst nach Kenntniss gewisser Verhältnisse verstanden werden. Als Beispiel führe ich einen fall von witzigem Anachronismus an: Ein italienischer Maler wurde von dem Prior eines Klosters aufgefordert, für dessen Kirche ein Altar-Bild, das heilige Abendmahl darstellend, zu malen. Er macht sich an die Arbeit; lernt aber während derselben den Prior als einen ganz schlechten Menschen, einen Lügner und Verräther kennen, der ihn selbst
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um den bedungenen Lohn betrügen will. Darüber entrüstet, beschliesst der witzige Maler sich zu rächen und malt in einer Nacht, nachdem das Bild vorher bis auf die Person des Judas fertig geworden war, die Gestalt des Priors wie er leibt und lebt an dessen Stelle, um sich dann natürlich heimlich davon zu machen. -- Das Bild enthält einen Anachronismus, der in diesem Falle aber nicht blos komisch, sondern für den, der die Verhältnisse kennt, auch witzig wirkt. Die Person des Judas und des Priors, die hier mit einander indentificirt sind, gehören zeitlich nicht zu einander, dagegen finden wir in Beziehung auf ihren Geiz und ihre Verrätherei zwischen beiden eine Aehnlichkeit, die in Verbindung mit dem Anachronismus den Witz erzeugt. Die komische Wirkung wird in diesem Fall dadurch unterstützt, dass die gerechte Schadenfreude mit eine Rolle spielt; wir gönnen dem Prior wegen seiner Schlechtigkeit diese Blamage und den Aerger, den er doch wahrscheinlich über das Bild empfunden. Solche Witze, bei denen die gerechte Schadenfreude mitwirkt, nennen wir _satyrische Witze_ oder _Sarkasmen_, deren Wesen also in einer zum eigentlichen Witz hinzukommenden Nebenwirkung besteht.
Sahen wir in der ersten oben besprochenen Klasse der Associationswitze die _Aehnlichkeit_ zur Erzeugung des angenehmen Gefühls thätig, so treten in den anderen Klassen ebenso die Normen der _Gleichzeitigkeit_ und _Succession_ dafür ein. In dem schon erwähnten Lichtenberg'schen Auctionsverzeichniss wird u. A. weiter ausgeboten: Eine Mausefalle mit den nöthigen Mäusen dazu und ein messingenes Schlüsselloch. In dem ersten Beispiel erscheint es uns einerseits nach dem Gesetze der Coexistenz ganz natürlich, dass zur Mausefalle auch Mäuse gehören, andererseits sehen wir auch sofort das Unsinnige der Zusammenstellung ein. Ebenso ist es mit dem messingenen Schlüsselloch. Wir haben den Messing mit dem darin befindlichen Schlüsselloch so oft zusammen gesehen, dass wir diese beiden Begriffe leicht und ungezwungen in Zusammenhang bringen und deshalb lachen, wenn wir andererseits den Widersinn einsehen. -- Es spielt in diesen Beispielen übrigens nebenbei auch das gesteigerte Selbstgefühl in gleicher Weise wie bei den Münchhausiaden mit. Wir merken, dass uns eine Falle gelegt ist,
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dass wir confuse gemacht werden sollten und freuen uns nun der glücklich überstandenen Prüfung.
Wir kommen jetzt zur zweiten Hauptgruppe der Witze, die wir
*2. Doppelsinn-Witze*
nannten. Bei den Doppelsinn-Witzen werden die zwei Vorstellungen resp. Vorstellungskreise, die in dem Witz uns dargeboten sind und mit einander in den Wettstreit eingehen sollen, gebildet: erstlich durch ein Wort, eine Aeusserung, Geberde oder Darstellung irgend welcher Art, und zweitens durch die Situation oder den Zusammenhang des Satzes, in welchem jene stehen. -- Das erste dieser Glieder lässt eine doppelte Deutung zu, enthält einen Doppelsinn und je nachdem nun die eine oder die andere Bedeutung substituirt wird, passt das erste Glied in Bezug auf die logischen Normen (oder Ideen der Wahrheit) in den Zusammenhang vollständig hinein -- oder nicht (resp. weniger gut).
Eine grosse Unterabtheilung hierzu bildet das Wortspiel oder genauer
a) _das homonyme Wortspiel_.
Bei diesem entsteht der Doppelsinn dadurch, dass das eine Wort zwei homonyme Bedeutungen in sich schliesst und zwar am häufigsten die methaphorische und sinnliche Bedeutung. Diese Witze sind sehr verbreitet und stehen ihrem Werthe nach den Klangwitzen nahe, weil sie sehr wohlfeil sind. Nicht eigentlich wir machen dieselben, sondern die Sprache macht sie für uns. -- Auf unterster Stufe steht das Wortspiel mit Namen, von welchem u. A. Falstaff auch ein Beispiel liefert, wenn er zu seinem Fähndrich Pistol sagt: Drücke Dich aus unserer Gesellschaft ab Pistol". Das Wortspiel ist hierin sogar ein doppeltes. Erstlich das mit dem Worte Pistol, das in der Bedeutung des Namens nicht eigentlich in den Zusammenhang des Satzes passt, (namentlich, wenn wir uns denken, es hiesse etwa: _schiesse_ Dich ab), während die andere Bedeutung einen Sinn giebt, der aber hier nicht gemeint ist. Durch Einzukommen des zweiten
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Wortspiels, oder richtiger Klangwitzes, welcher die Worte sich abdrücken und sich drücken" für einander substituirt, wird der Witz verdoppelt und dem Wortspiel gewissermaassen der Weg besser gebahnt.
In einer Schule trug der Lehrer die Geschichte des Tobias ganz mit den Worten der heiligen Schrift vor. Bei den Worten Hanna aber, sein Weib, die arbeitete fleissig mit ihrer Hand und ernährte ihn _mit Spinnen_", machte ein Mädchen mit Gesicht und Händen die Geberde des Abscheues und Ekels. Agnes, was hast Du denn?" ruft der Lehrer: Antwort: Ach Herr Lehrer, ist denn das wirklich wahr?" Lehrer: Warum zweifelst Du daran?" Kind: O, weil _die Spinnen_ doch gar zu schlecht schmecken müssen!" -- In der vorliegenden Anekdote, so wie sie hier erzählt ist, ist die Aeusserung des Kindes offenbar eine pseudonaive. Die Kleine sagt eigentlich etwas Dummes, aber indem wir uns auf den Standpunkt des in diesem Falle leicht entschuldbaren Missverständnisses stellen, hat sie mit ihren Worten eigentlich ganz recht. Dieselbe Aeusserung können wir aber auch als Witz auffassen und zwar als Wortspiel, wenn wir das Wort _Spinnen_" bald in der einen, bald in der anderen Bedeutung in den Zusammenhang substituiren. Einen logischen Sinn geben in vorliegendem Falle eigentlich beide Bedeutungen, doch kann es für den Einsichtsvollen keinen Augenblick zweifelhaft sein, welche von beiden die gemeinte ist. Eine doppelt komische Wirkung entsteht oft dadurch, dass die nicht gemeinte Bedeutung uns zuerst allein aufstösst und wir gerade bei der Substituirung dieser ausserdem noch unsere Schadenfreude befriedigt sehen, wie im folgenden Beispiel. -- Ein im Bezahlen seiner Rechnungen sehr säumiger Herr schickt seinen Diener zum Schneider, um diesen zum Maassnehmen für einen neuen Anzug zu sich zu bestellen. Nun Friedrich"! fragt er den Rückkehrenden, warst Du beim Schneider? Wann kommt er?" Antwort: Gnädiger Herr, in einer _schwachen_ Stunde wird er herkommen, hat er g'sagt." -- In einer schwachen Stunde soll offenbar soviel heissen wie in einer kleinen Stunde (so wie man von einer starken und schwachen Meile spricht). Die andere Bedeutung, die eigentlich nicht gemeint ist, aber ganz der Situation entsprechend die Ab-
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neigung des Schneiders ausdrückt, für einen so schlechten Zahler weiter zu arbeiten, fällt uns jedoch zunächst auf, und wir lachen deshalb um so mehr. -- Es gehört dieser Witz, besonders wenn wir annehmen, dass der Schneider oder der Diener ihn absichtlich gemacht habe, zu den sog. _zweideutigen Wortspielen_, von denen Kuno Fischer sehr richtig sagt: Jetzt ist der Doppelsinn nicht mehr harmlos, sondern pikant; das Wortspiel hat nicht blos zwei Bedeutungen, sondern zwei Gesichter, das eine ist Maske, das andere das wahre Gesicht; jenes sieht harmlos aus, dieses hat den Schalk im Nacken."
Bei einer anderen Klasse der Wortspiele ist es nicht die _homonyme_ Bedeutung eines Wortes, sondern die doppelte Bedeutung, die dadurch entsteht, dass ein Wort dem Zusammenhang des Ganzen entsprechend (und zwar nicht immer ganz correct) in einem weiteren oder engeren Sinne gebraucht und dann im Witze plötzlich in seine wirklichen Grenzen zurückgewiesen wird. Ich nenne diese Wortspiele deshalb
b) _limitirende Wortspiele_
und führe zuerst solche an, bei denen ein Begriff, der eigentlich eine weitere Bedeutung hat, zunächst in einem engeren Sinne gebraucht wird und in diesem in den Zusammenhang des Ganzen nicht hineinpasst, während die Substituirung der eigentlich richtigen, weiter umfassenden Bedeutung, an die wir aber erst erinnert werden müssen, einen richtigen Sinn ergiebt. Fast sämmtliche Beispiele, die Schopenhauer vom Witz giebt, gehören in diese eben genannte Klasse und wir werden das gewissermaassen begreiflich finden, wenn wir uns der Schopenhauer'schen Definition des Lächerlichen erinnern. Die paradoxe und daher unerwartete Subsumtion eines Gegenstandes unter einen ihm übrigens heterogenen Begriff gilt ihm als das Kennzeichen des Lächerlichen. Dabei soll beim Witz das Auffinden dieser Incongruenz vom Anschaulichen zum Begriff übergehen. Schopenhauer erzählt folgende Witze:
Ein Gascogner geht bei strenger Winterkälte in leichter Sommerkleidung umher. Der König, der ihm begegnet, lacht über ihn, worauf der Gascogner sagt: Hätten Ew. Majestät an-
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gezogen, was ich angezogen habe, so würden Sie es sehr warm finden. Auf die Frage: was er denn angezogen habe, erwidert er: meine ganze Garderobe." -- Unter dem _was_ (ich angezogen habe) verstehen wir zunächst, der Situation ganz entsprechend, den Anzug, den wir auf seinem Leibe sehen und es scheint uns diese kärgliche dünne Bekleidung seine Behauptung nicht zu rechtfertigen. -- In seiner weiteren Antwort wird aber dieses von uns selbstverständlich in so enger Bedeutung aufgefasste _was ich anhabe_" plötzlich erweitert zu dem Begriff meine ganze Garderobe" und in dieser Bedeutung passt allerdings seine Antwort vollkommen zur Situation. --
Das Publikum eines Theaters in Paris verlangte einst, dass die Marseillaise gespielt werde und gerieth, als dies nicht geschah, in grosses Schreien und Toben, so dass endlich ein Polizeicommissarius in Uniform auf die Bühne trat und erklärte, es sei nicht erlaubt, dass im Theater etwas Anderes vorkomme, als was auf dem Zettel stehe. Da rief eine Stimme: Et vous, Monsieur, êtes-vous aussi sur l'affiche?"" welcher Einfall das einstimmigste Gelächter erregte."
Das Wort, um welches es sich bei diesem Witze handelt, ist das Wort _vorkommen_. Wir fassen dasselbe zunächst und entsprechend dem, wie es gemeint ist, in dem Sinne von: aufgeführt werden" auf, es darf im Theater nichts Anderes aufgeführt werden" etc. Der witzige Einfall erweitert aber plötzlich die Bedeutung zu ihrem eigentlichen Umfang und nun fällt das Auftreten des Polizeibeamten auch mit unter den Begriff: vorkommen. Hätte der Beamte sich correct ausgedrückt und gesagt: es darf nichts Anderes aufgeführt werden, als was auf dem Zettel steht, so wäre die Gelegenheit zu dem vorliegenden Witz genommen. --
Gerade die gegentheilige Operation findet bei den folgenden Witzen statt, bei denen ein Wort zuerst in einer weiteren Bedeutung gebraucht ist und nun plötzlich durch den Witz eingeschränkt wird.
Die Beispiele dazu entlehne ich aus Kuno Fischer, der dieselben unter der Form Das witzige Abfertigen" mittheilt, ohne auf das eigentliche punctum saliens bei diesen Witzen einzugehen.
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Herzog Karl von Württemberg trifft auf einem seiner Spazierritte von ungefähr einen Färber, der mit seiner Handthierung beschäftigt ist; kann er meinen Schimmel blau färben?" ruft ihm der Herzog zu, und erhält die Antwort zurück: ja wohl, Durchlaucht, wenn er das Sieden vertragen kann". Die beiden Glieder des Witzes sind die _bejahende_ Antwort und das Wort _können_". In der Frage des Herzogs ist letzteres in der weiteren Bedeutung gemeint können, so dass es eben ohne Schaden geschieht." In der Antwort aber wird die Bedeutung in ihre strengen eigentlichen Grenzen zurückgewiesen und erst zu dieser Bedeutung passt die bejahende Antwort. --
Zur Verstärkung der komischen Wirkung, aber ganz ausserhalb des Witzes gelegen, kommt das Moment der witzigen Abfertigung hinzu (das also zur Unterscheidung einer besonderen Witzform eigentlich nicht gebraucht werden kann). Wir sympathisiren mit dem Färber, der vom Herzog geschraubt werden soll und gönnen letzterem die Abfertigung, die er sich zuzieht, als eine gerechte Strafe für seine böse Absicht. Aber auch ohne dies Nebenmoment bleibt der Witz als solcher bestehen und wir können ihn etwa in die Räthselfrage kleiden: Kann man einen Schimmel blau färben? Antwort: Ja, wenn er das Sieden vertragen kann.
Friedrich der Grosse hört von einem Prediger in Schlesien, der im Rufe steht, mit Geistern zu verkehren; er lässt den Mann kommen und empfängt ihn mit der Frage: Er kann Geister beschwören?" Die Antwort war: zu Befehl, Majestät, aber sie kommen nicht". -- Die beiden Glieder des Witzes sind auch hier die bejahende Antwort und das Wort beschwören", das in seiner doppelten Bedeutung zu dem Wortspiel Veranlassung giebt. In der Frage ist dasselbe so gemeint, dass wir ohne Weiteres das Erscheinen der Geister mit einbegreifen; in der Antwort wird das Wort auf seine eigentliche Bedeutung zurückgeführt und daraus entsteht der Wettstreit mit der bejahenden Antwort. -- Auch hier dient das Moment der Abfertigung nur zur Erhöhung der komischen Wirkung.
Es braucht aber nicht immer _ein_ Wort zu sein, welches eine doppelte Bedeutung enthält, oft ist es auch die Construction die einen doppelten Sinn zulässt. Diese
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c) _Witze aus doppelsinniger Construction_
sind häufig unwillkürliche wie z. B. der folgende. -- Einer unserer verflossenen Duodezfürsten überraschte eines Tages seinen Kammerdiener, wie dieser behaglich auf dem Thronsessel Probe sass und fuhr ihn mit den heftigen Worten an: Kerl, verdammter, wie kommst Du mir vor? bildest Dir wohl gar ein, regierender Herr zu sein, dumm genug wärst Du dazu!" [1] -- Was der Kurfürst sagen wollte, ist wol klar: Du bist dumm genug, Dir das einzubilden." Durch die etwas uncorrecte Satzstellung aber ist der Sinn: Dumm genug, regierender Herr zu sein" nahe gelegt, der offenbar nicht der gemeinte ist. Daraus aber entsteht ein Witz, dessen komische Wirkung zunächst dadurch beträchtlich erhöht wird, dass wir aus dem Munde eines Mannes, dem wir von vornherein übel wollen, diese (in gewisser Auffassung) naive Aeusserung, mit der er sich selbst ins eigene Fleisch trifft, gern und mit einer nicht unberechtigten Schadenfreude hören, weil wir diesen eigentlich nicht gemeinten Sinn, für den mit der Wahrheit am meisten übereinstimmenden halten. Dadurch, dass wir aber wissen, dass der Fürst seine Aeusserung nicht so gemeint hat, wird aus der Naivetät ein *unbewusster Witz*, indem bei Substituirung der beiden möglichen Constructionsauslegungen ein Wettstreit zwischen den beiden Sätzen eintritt. --
So wie hier in der doppelsinnigen Construction oder wie vorher in einem doppelsinnigen Wort, so liegt oft das punctum saliens des Witzes in einem ganzen Satze, der seinen Doppelsinn entweder in sich trägt oder durch eine ihn begleitende Geberde erhält. Meist handelt es sich dabei um ein absichtliches Missverständniss. Ich will diese Classe
d) _Doppeldeutungs-Witze_
nennen. Als Beispiele dienen folgende Anekdoten: Eine Dame steckt den Kopf zum Coupéfenster hinaus und schreit mit giftigem
[1] Ludwig Reinhard, Komische Spaziergänge. Coburg 1867.
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Gesicht: Herr Conducteur, ist es erlaubt, in diesem Coupé zu rauchen? Wenn die Herren darin nichts dagegen haben, so können die gnädige Frau getrost rauchen", lautet die Antwort. -- Die beiden Glieder des Witzes, die hier mit einander in Wettstreit treten, sind: die Frage und Antwort; die Gelegenheit zum Witze giebt die mögliche doppelte Deutung der Frage. Die Dame will sich offenbar über die rauchenden Herren beschweren; der Schaffner aber deutet ihre Frage anders, wozu er, wenn er die Geberde der Dame nicht bemerkt oder bemerken will, volles Recht hat. Die komische Wirkung wird auch hier durch unsere Schadenfreude gesteigert. Wir sympathisiren mit den rauchenden Herren, welche durch die Dame in ihrem Genuss gestört werden sollen und freuen uns, dass Letztere mit ihrer Beschwerde so lächerlich abfällt. --
In einer Dorfschule wird der Katechismus überhört. Der Lehrer sieht einen Knaben ganz unaufmerksam dasitzen und fasst ihn schnell mit den Worten beim Arm: Was ist das?" um ihn nach der Lutherschen Erklärung des eben von einem andern Schüler hergesagten Gebotes zu examiniren. Der Unaufmerksame stottert die Antwort hervor: Das ist meiner Mutter ihre alte Pelzjacke." Diese Antwort erregt natürlich unter den Mitschülern unbändiges Gelächter. Einzelne der Lacher werden vielleicht das unbewusst Witzige der Antwort gar nicht bemerken. Sie lachen einfach aus gerechter Schadenfreude über die der Dummheit resp. Unaufmerksamkeit folgende Blamage und etwaige Strafe. Anderen Schülern aber wird der Witz jener Aeusserung nicht entgehen. Die Frage des Lehrers war eine doppelsinnige, indem dieselbe durch Anfassen des Armes d. h. also der Jacke des Schülers begleitet war. Welchen Sinn die Frage eigentlich haben _soll_, darüber ist uns kein Zweifel; durch den Doppelsinn der Frage entsteht nun aber zwischen Frage und Antwort ein Wettstreit. In gewissem Sinne passen beide zu einander, in anderem Sinne und zwar dem eigentlich gemeinten, dagegen gar nicht. Das war ja aber das Charakteristicum des Witzes. --
Wir haben in den letzten Nebenformen den Widerspruch zwischen dem wirklich Gesprochenen und dem eigentlich Gemeinten als wesentlich erkennen müssen. Zwei andere Neben-
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formen zeigen ebenfalls diesen Widerspruch; doch ist bei ihnen der Doppelsinn nicht in dem gesprochenen Wort oder der geschehenen Aeusseruug selbst enthalten, sondern wird erst durch die Hörenden dem Sinn des Redenden entsprechend hineingelegt. Es sind dies die beiden Formen der Ironie und des Vexirwitzes.
e) _Die Ironie_
charakterisirt sich dadurch, dass sie gerade das Gegentheil von dem behauptet, was sie wirklich meint, dabei aber voraussetzt, dass der Hörende den eigentlich gemeinten Sinn erräth. Sie lobt eben _die_ Eigenschaften des Subjects, die sie tadeln will, indem sie ihnen Gründe vorstreckt, deren Unhaltbarkeit gerade in der Uebertreibung zu Tage kommt, oder sie sagt die entgegengesetzten schönen Eigenschaften von ihm aus [1]. -- In ähnlicher Weise wie beim Wortspiel -- nur noch etwas verborgener und darum für den Hörer angenehmer kitzelnd -- enthält das ausgesprochene Urtheil eigentlich einen doppelten Sinn: einmal den wörtlich genommenen und zweitens den versteckten gegentheiligen; der letztere passt zur Situation, der andere nicht und indem bald der eine, bald der andere substituirt wird, erzeugt sich bald die Möglichkeit, bald die Unmöglichkeit der Vereinigung. -- Je versteckter der Angriff, um so schwerer ist die Vertheidigung, um so sicherer trifft der abgeschossene Pfeil. Darum wirkt die Ironie so überaus vernichtend; denn wenn sie nicht plump, sondern fein angelegt ist, weiss der Angegriffene im ersten Augenblick wohl gar nicht, ob er's mit Ernst oder mit Ironie zu thun hat, und merkt er nun den Angriff, so gesteht er durch eine Vertheidigung zu, dass er das Lob, das ihm im wörtlichen Sinne gespendet wurde, nicht verdient habe, in der That also in dem betreffenden Punkte tadelnswerth sei. Besonders häufig bedient sich der Humor der Ironie als Waffe, indem er z. B. Handlungen, die aus grossartigen, oft grossartig bösen Motiven hervorgegangen sind, ganz im Sinne des Humors auf die kleinlichsten Gründe zurückführt. So sucht z. B. Hamlet im unversöhnten ironischen Humor die schnelle
[1] Vischer l. c. p. 437.
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Heirath seiner Mutter zu entschuldigen: Pah, Oekonomie, Oekonomie; das Gebackene zum Leichenschmaus gab kalte Hochzeitsschüsseln!"
Der Grund weshalb dem Humor unter allen Formen des Witzes die Ironie gerade bei Weitem am meisten zusagt, ist leicht einzusehen. Die Neigung des Humors, das ihm entgegentretende Alltägliche, Kleine, Niedrige, Gemeine mit den höchsten sittlichen und religiösen Ideen in Gegensatz zu bringen, findet eben am leichtesten in der Form der Ironie Ausdruck, da diese ja gerade in der Vereinigung der grösst- denkbaren Gegensätze d. h. der Gegentheile besteht. -- Deshalb aber, weil der Humor die Ironie so vorwiegend in seinen Dienst nimmt, darf man beide nicht mit einander verwechseln. --
In der Hand des Kritikers ist die Ironie eine der schärfsten Waffen. Unter den neueren Schriftstellern ist als Meister in ihrer Benutzung Paul Lindau zu nennen, der in seinen literarischen Rücksichtslosigkeiten", namentlich aber auch in seinen harmlosen Briefen eines deutschen Kleinstädters" eine unerschöpfliche Fundgrube von ironischen Witzen bietet, auf die ich hier nur verweisen kann.
f) _Der Vexirwitz_
hat viel Aehnlichkeit mit der Ironie, ist aber durchaus harmlos und nimmt eine ziemlich niedrige Stufe im Gebiet des Witzes ein. Wenn ich z. B. sage: Es ist doch recht abgeschmackt von Schiller, dass er seinen Don Carlos mit der alten, abgedroschenen Phrase beginnt: Die schönen Tage von Aranjuez sind nun vorüber", so ist das ein Vexirwitz, indem ich dabei voraussetze, dass der Hörende weiss, was ich eigentlich sagen will und, die Entstellung der Thatsachen sofort merkend, den richtigen Sinn substituirt.
Wie bei den Münchhausiaden, die unter Umständen auch als Vexirwitze aufzufassen sind, wird das angenehme Gefühl durch die Freude darüber, dass wir der beabsichtigten Täuschung nicht unterlegen sind, noch erhöht.
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Hiermit haben wir den Witz in seinen wesentlichsten Formen vorgeführt und wenden uns jetzt noch einmal zu dem ganzen Gebiet des Lächerlichen zurück. --