Die Physiologie Und Psychologie Des Lachens Und Des Komischen E

Chapter 3

Chapter 33,308 wordsPublic domain

Komisch oder lächerlich nennen wir diejenigen Dinge, Situationen oder Aeusserungen, welche in uns den Affect des Lachens erregen. Wenn wir zunächst ein allgemeines Urtheil fällen sollen, so werden wir wol nicht anstehen, jenen Affect als einen angenehmen zu bezeichnen, und wir könnten uns daher leicht zu dem weiteren Schlusse versucht fühlen, dass das Komische selbst sich als etwas _durchaus_ Angenehmes, unserem Gefühl _durchweg_ Zusagendes charakterisiren liesse. Dieser Schluss wäre aber ein falscher; denn wenn wir an Beispielen dem Inhalt des Komischen nachforschen, so springt uns gerade umgekehrt bei Allem was unser Lachen erregt, zunächst eine Vorstellung ins Auge, welche etwas _Unangenehmes_, unserem Gefühl _nicht Zusagendes_ enthält. Schon Aristoteles hat diese Thatsache richtig erkannt und bezeichnet in der Definition des Komischen, die er in seinem Buche peri poiêikês [1] mit kurzen Zügen entwirft, dasselbe als etwas Fehlerhaftes, Hässliches, Ungereimtes (hamartêma ti kai aischos) mit der Einschränkung, dass es nicht schmerzhaft und schädlich sein dürfe. (anôdunon ou phthartikon.) Er führt als Beispiel ein verzogenes und hässliches Gesicht an, das uns dann lächerlich erscheine, wenn wir darin nicht gleichzeitig den Ausdruck des Schmerzes bemerken.

In den meisten späteren Definitionen, deren es eine sehr

[1] Becker's Ausgabe. Berlin 1833. Peri poiêikês. -- 5. --

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grosse Zahl giebt [1], finden wir diesen Factor, den Aristoteles mit seinem hamartêma ti kai aischos bezeichnet und in welchem er das Hässliche in seiner weitesten Bedeutung umfasst, mehr oder weniger erschöpfend wiedergegeben, indem von dem Einen mehr das sinnlich Hässliche, von dem Andern das sittlich Hässliche, von einem Dritten das für den Verstand Ungereimte als eigentlicher Inhalt des Lächerlichen besonders betont wird.

So hebt z. B. Kant [2] hervor, dass in Allem, was ein lebhaft erschütterndes Lachen erregen solle, etwas Widersinniges sein müsse, woran also der Verstand an sich kein Wohlgefallen finden könne; alsdann aber fügt er noch einen andern Factor hinzu, den er für den eigentlich wesentlichen hält, indem er weiter mit gesperrter Schrift fortfährt: „Das Lachen ist ein Affect der plötzlichen Verwandlung einer gespannten Erwartung in Nichts".

Bei alledem drängt sich uns nun aber die Frage auf, wie es denn zugeht, dass lauter unangenehme Eindrücke, wie das Hässliche, Widersinnige, eine getäuschte Erwartung u. dgl. doch schliesslich einen angenehmen, heiteren Affect hervorrufen, als welcher uns der Affect des Lachens in der That doch erscheint.

Aristoteles hat diese Frage ganz übergangen, Kant dagegen beschäftigt sich lebhaft mit ihr. Er gesteht zu, dass diese Verwandlung der gespannten Erwartung in Nichts für den Verstand durchaus an sich nicht erfreulich sei; da sie nun aber doch indirect auf einen Augenblick sehr lehhaft erfreue, so müsse die Ursache in dem Einflusse der Vorstellung auf den Körper und dessen Wechselwirkung auf das Gemüth bestehen. Er kommt schliesslich [3] nach ausführlicher Excursion hierüber zu dem Resultate, dass die angenehme Wirkung des Lächerlichen auf der für die Gesundheit heilsamen Motion und verdauungsbefördernden Zwerchfellbewegung beim Lachen beruhe; da „das Lachen immer Schwingung der Muskeln ist, die zur Verdauung gehören, welche diese weit besser befördert, als die

[1] Vergl. M. Schasler, Aesthetik I. Bd. Berlin 1871 der die wichtigsten Theorien des Komischen anführt und sehr treffend kritisirt. [2] Kritik der Urtheilskraft. Sämmtl. Werke. Leipzig 1839. Bd. 7. p. 198. [3] Vergl. auch Kant's Anthropologie § 77.

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Weisheit des Arztes thun würde." -- Kant spricht hier, wie ersichtlich, nur von dem körperlichen Genuss, den das _Lachen_ bereitet und nicht von dem geistig Angenehmen, was im Lächerlichen selbst liegt, während doch offenbar das Komische selbst dann einen angenehmen Kitzel in uns verursacht, wenn das „lebhaft erschütternde Lachen" nicht zum Ausbruche kommt. Es muss also im Lächerlichen selbst oder in seiner directen Einwirkung auf unser Gemüth neben dem mehr ins Auge fallenden unangenehmen Inhalt noch ein Factor wirksam sein, aus dem sich die angenehme Wirkung des Lächerlichen erklärt. In der That ist auch von anderen Autoren vielfach der Versuch gemacht, diesen Factor neben dem erstgenannten aufzufinden, und zum Belege dafür, in welcher Weise dies geschehen und wie weit es gelungen ist, lasse ich noch einige Definitionen des Komischen hier in aller Kürze folgen, die mir unter den mir bekannt gewordenen, als die bedeutendsten erschienen sind.

Ich erwähne zuerst die Theorie des Lächerlichen von Schopenhauer [1]. Auch er hebt hervor, dass das Lächerliche eine unserem Gefühl unangenehme Wahrnehmung enthält, nämlich die von der Incongruenz zwischen einem Begriff und dem durch denselben gedachten Gegenstande.

Dass diese wahrgenommene Incongruenz uns aber Freude mache, erklärt Schopenhauer in folgender Weise: „Bei jenem plötzlich hervortretenden Widerstreit zwischen dem Angeschauten und Gedachten behält das Angeschaute allemal unzweifelhaft Recht". -- „Dieser Sieg der anschauenden Erkenntnisse erfreut uns, denn das Anschauen ist die ursprüngliche, von der thierischen Natur unzertrennliche Erkenntnissweise, in der sich Alles, was dem Willen unmittelbares Genügen giebt, darstellt: Es ist das Medium der Gegenwart, des Genusses und der Fröhlichkeit: auch ist dasselbe mit keiner Anstrengung verknüpft. -- Vom Denken gilt das Gegentheil; es ist die zweite Potenz des Erkennens, deren Ausübung stets einige oft bedeutende Anstrengung erfordert und deren Begriffe es sind, welche sich oft der Befriedigung unserer unmittelbaren Wünsche entgegen-

[1] Die Welt als Wille und Vorstellung. Leipzig 1859. (3. Aufl.) Band I. p. 70 ff. u. Bd. II. p. 99 ff.

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stellen, indem sie als Medium der Vergangenheit, der Zukunft und des Ernstes, den Vehikel unserer Befürchtungen, unserer Reue und aller unserer Schmerzen abgeben. Diese strenge, unermüdliche, überlästige Hofmeisterin Vernunft jetzt einmal der Unzulänglichkeit überführt zu sehen, muss uns daher ergötzlich sein." So viel Richtiges die Definition von Schopenhauer auch enthält, so kann ich doch seiner Erklärung von der angenehmen Wirkung des Lächerlichen nicht beitreten. Vor allen Dingen ist jene Bestimmung zu weit umfassend, da nach ihr _jeder_ Irrthum lächerlich sein müsste, in welchem die Anschauung uns belehrt, dass wir etwas Fehlerhaftes gedacht haben; während doch, wie wir später sehen werden, nur unter gewissen Bedingungen (nämlich bei Hinzukommen eines angenehmen Factors, der in dem lächerlichen Dinge selbst liegt) ein solcher Irrthum lächerlich wird.

Ganz im Gegensatz zu Schopenhauer stellt Lazarus [1], der an verschiedenen Stellen seiner geistvollen Arbeit über den Humor sich über das Komische ausspricht, den Sieg des in uns vorhandenen Positiven, Vernünftigen, Idealen über das gegebene Negative als den angenehm wirkenden Factor im Komischen dar, indem er Letzteres überhaupt dadurch entstehen lässt, dass wir das Mangelhafte sehen, wo wir das Vollkommene erwarten; während der von Schopenhauer dem Lächerlichen vindicirte Sieg der gegebenen negativen Vorstellung über das in uns vorhandene Positive nach Lazarus den Affect des Weinens hervorruft. Weiter fasst L. das Komische als eine der drei möglichen Seiten des Contrastes auf, indem er ihm seine Stellung zwischen dem tragischen und humoristischen Contrast anweist. Der Contrast aber ist nach ihm ein solcher Gegensatz, bei welchem die Glieder desselben zugleich einen Punkt oder eine Seite der Vereinigung haben, indem die dabei wirkenden Vorstellungen einmal wegen ihrer Gleichheit zu einem einzigen Denkact verschmelzen, während sie nach anderer Richtung hin wieder ganz und gar geschieden sind. Die Möglichkeit und die Unmöglichheit der Verschmelzung tritt zu gleicher Zeit ein,

[1] Das Leben der Seele. Berlin 1856. I. p 179 ff. Der Humor als psychologisches Phänomen.

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daraus entsteht ein Widerstreit nicht blos in den Vorstellungen, sondern auch im Zustande der Seele, und diesen nennen wir Affect -- und zwar entsteht der Affect des Lachens durch den Widerstreit zwischen Schein und Sein. -- Wir werden auf diese z. Th. sehr treffende Definition später bei Gelegenheit des Witzes noch einmal zurückkommen.

Gingen die bisher mitgetheilten Definitionen alle mehr oder weniger entschieden vom psychologischen Standpunkte aus, so muss ich jetzt eine andere Auffassungsweise der uns beschäftigenden Frage erwähnen, nämlich die metaphysisch-ästhetische, als deren eigentlicher Begründer Jean Paul [1] anzusehen ist. Auch von diesem Standpunkte aus lässt sich das Vorhandensein zweier Factoren im Komischen nachweisen, von denen der eine etwas Unangenehmes, der andere etwas Angenehmes enthält. Jean Paul, der übrigens selbst zum Theil die psychologische Betrachtungsweise noch festhält, bringt in seiner Vorschule zur Aesthetik viele geistreiche Bemerkungen und Aperçus über unseren Gegenstand vor, doch ermangelt seine Darstellung der wissenschaftlichen Schärfe und Uebersichtlichkeit. Er findet u. A. das Wesen des Komischen in einem sinnlich angeschauten unendlichen Unverstand, wobei wir demselben unsere Einsicht und Ansicht leihen; dadurch aber, dass J. P. das Komische zuerst als das umgekehrt Erhabene bezeichnet, legte er den Grund zu jener metaphysisch- ästhetischen Auffassungsweise, die durch Schelling, Hegel, Ruge, Weisse, u. A. weiter gefördert wurde. Am Eingehendsten behandelt von diesem Standpunkt aus Fr. Th. Vischer (Tübingen) [2] unser Thema und liefert eine Fülle wohlgeordneten, schätzbaren Materials. Nach ihm bildet das Erhabene im Komischen den einen Factor, dem ein zweiter Factor entgegensteht, der das Erhabene zu Fall bringt. Aus dem kurzen Abschnitte über den „Subjectiven Eindruck des Erhabenen und Komischen" entnehmen wir aber, dass das Erhabene als Unlust auf die Seele des Anschauenden eindringt, während durch die plötzliche Aufhebung des Erhabenen die

[1] Sämmtliche Werke, Berlin 1841. 18. Bd. §. 26 ff. [2] Ueber das Erhabene und Komische. Stuttgart 1837, und Aesthetik Reutlingen und Leipzig 1846. I. Th. p. 334. ff.

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Unlust in Lust verwandelt wird. Beide Factoren, welche Vischer sehr ausführlich einzeln bespricht, bilden durch ihren plötzlichen Zusammenstoss das Komische, das je nach der Form des Erhabenen, das sich in ihm bricht, verschiedene Arten zeigt.

In allen mitgetheilten Definitionen sehen wir also mehr oder weniger bestimmt jene beiden Factoren hervorgehoben, von denen der eine Unlust verursacht, während wir dem zweiten Factor, über den sich die Autoren hauptsächlich in Differenz befinden, die Erzeugung eines angenehmen Gefühls zuschreiben müssen. Diese beiden Factoren hat man aber bisher nicht als gleichwerthige aufgefasst; denn während man das unangenehme Gefühl ans der Einwirkung erklärt, die der im Komischen vorhandene Inhalt auf unsere Seele ausübt, suchte man das angenehme Gefühl aus einem von jenem Inhalt zum grössten Theil unabhängigen psychischen Processe herzuleiten, so Schopenhauer aus dem Siege des Anschauens über das Denken, Lazarus aus dem Siege des in uns vorhandenen Positiven über das gegebene Negative, Vischer endlich aus der Aufhebung des unangenehmen Gefühls. -- Nur eine, zuerst von Hobbes ausgesprochene und seitdem vielfach verwerthete (und wohl indirect auch in der Definition von Lazarus enthaltene) Erklärung, welche den Grund der Lust beim Lächerlichen in dem Gefühl unserer Ueberlegenheit über die Schwachheit des Belachten sucht, macht davon eine Ausnahme, indem sie die Lust aus gleicher Quelle herleitet, wie die Unlust. Denn während die Schwachheit, Dummheit etc. des Andern einerseits unser Gefühl beleidigt, ruft sie andererseits dadurch, dass sie uns unsere Ueberlegenheit zum Bewusstsein bringt, ein angenehmes Gefühl hervor. Doch gilt diese Erklärung, so richtig nach meiner Anschauung der Weg ist, den sie einschlägt, nur für eine ganz beschränkte Form des Lächerlichen. Eine allgemeine Ausdehnung auf das ganze Gebiet des Komischen hat nur im negativen Sinne Geltung, insofern eine Verletzung und Erniedrigung unseres Selbstgefühls selbst durch die Harmonie mit den höchsten Ideen nur sehr selten aufgewogen wird und dieselbe daher für den komischen Contrast in der Regel untauglich ist. Es giebt ausser der hier erwähnten noch viele andere auf demselben Grunde

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entspringende Quellen der Lust beim Komischen und es soll in der folgenden Untersuchung unsere Aufgabe sein, dieselben aufzufinden. Wir wollen nachweisen, dass die Quellen, aus denen das angenehme Gefühl beim Komischen entspringt, ebenso zahlreich sind, wie die Quellen des unangenehmen Gefühls, und dass beide Gefühle aus der Einwirkung der im Komischen enthaltenen Vorstellungen auf unsere Seele hervorgehen.

Ehe wir aber zur Lösung dieser Aufgabe schreiten, ist es nöthig, dass wir uns über die wichtigsten dem Ganzen zu Grunde liegenden psychologischen Fragen verständigen und uns namentlich darüber einigen, was wir unter Gefühlen verstehen wollen, und welche Quellen wir für dieselben annehmen [1]. Es ist eine genaue Verständigung hierüber um so unerlässlicher, als mit dem Worte _Gefühl_ die heterogensten Begriffe bezeichnet werden und namentlich die in der gewöhnlichen Umgangssprache herrschende Gleichbedeutung der Worte _Empfindung_ und _Gefühl_ zum Theil auch in die Wissenschaft eingedrungen ist, und hier die grösste Verwirrung angerichtet hat.

Nahlowsky, der sich um die Klärung dieser Begriffe das grösste Verdienst erworben hat, giebt eine ganze Sammlung von Citaten, welche beweisen, dass selbst Psychologen von Bedeutung die scharfe Trennung zwischen Gefühl und Empfindung ausser Acht lassend in unlösbare Widersprüche und auf Abwege gerathen sind.

Wir nennen mit Nahlowsky alle jene Zustände, die auf der blossen Perception organischer Reize beruhen (d. h. alle solche, die entweder durch sensorielle oder sensitive Nerven vermittelt sind) *Empfindungen;* alle jene Zustände dagegen, die keineswegs _unmittelbares_ Product von Nervenreizen, sondern vielmehr _Resultat gleichzeitig im Bewusstsein zusammentreffender Vorstellungen_ sind, *Gefühle* und zwar beruhen dieselben _auf dem unmittelbaren Innewerden der Hemmung oder Förderung unter den eben im Bewusstsein vorhandenen Vorstellungen_. Die Hemmung erzeugt

[1] Waitz, Lehrbuch der Psychologie Braunschweig 1849. _Nahlowsky das Gefühlsleben_. Leipzig 1862. Lazarus l. c. I. p. 238.

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das Gefühl der Unlust, die Förderung das Gefühl der Lust und zwischen diesen beiden Polen bewegen sich alle Gefühle, die den Menschen jemals beherrschen können.

Die Empfindungen theilen sich in die Aussen- oder Sinnesempfindungen und die Innen- oder Körperempfindungen. Unter letzteren sind namentlich die sogenannten Gemeingefühle oder richtiger Gemein_empfindungen_ für uns wichtig, weil sie, wie schon der (auch in der Wissenschaft) geläufige Name sagt, fälschlich zu den Gefühlen gerechnet werden. Es gehören hierher z. B. die Empfindungen körperlicher Frische oder Mattigkeit, des gehobenen leiblichen Lebens oder der Abgeschlagenheit, der physischen Gesundheit oder Krankheit und dgl.

Während die Empfindungen ursprüngliche Zustände sind, sind die Gefühle abgeleitete; während erstere die Elemente darstellen, aus denen die Vorstellungen sich bilden, gehen die Gefühle erst aus den Vorstellungen hervor. Dadurch stehen aber die Gefühle mit den Empfindungen in indirecter Verbindung und gerade diese Abhängigkeit der einen von den andern hat zu der verwirrenden Vermischung beider Zustände geführt. Die Empfindungen erzeugen Gefühle stets durch Vermittlung von Vorstellungen, die uns nur mehr oder minder klar zum Bewusstsein kommen. Meistens werden die Vorstellungen in Folge einer zwischen bestimmten Empfindungen und bestimmten Vorstellungen früher zufällig eingegangenen Verbindung geweckt. Wenn wir beim Anblick eines Kirchhofs in traurige Stimmung gerathen, so geschieht das in Folge der damit verknüpften Vorstellung vom Tode überhaupt oder vielleicht vom Tode einer geliebten Person etc. Wenn uns ein heller Sommertag heiter stimmt, so wirken dabei, wenn auch zum Theil unbewusst, Vorstellungen mit, die sich auf genossene Sommerfreuden im Freien beziehen, andrerseits aber spielt dabei auch das grössere körperliche Wohlsein eine Rolle. Dasselbe führt nämlich durch leichteres von Stattengehen der Ernährungsvorgänge auch im Gehirn zu einer schnelleren Verknüpfung der Vorstellungen überhaupt, welche wie wir gleich sehen werden eine Quelle der angenehmen Gefühle ist. Die körperliche Schmerzempfindung, namentlich ein dauernder Schmerz oder ein körperliches Unbehagen bewirkt ein Stocken des Vor-

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stellungsverlaufes welches unangenehme Gefühle erregt. Immer also bilden die Vorstellungen das Mittelglied zwischen Empfindung und Gefühl. Die weiterfolgenden Auseinandersetzungen werden diesen Satz noch näher beweisen helfen.

Wir haben uns hier zunächst ganz im Allgemeinen mit den Gefühlen der Lust und Unlust zu beschäftigen, und wollen vor Allem ihre Quellen noch näher erforschen. Wir führten schon oben die Definition von Nahlowsky (und Waitz) an, welche das angenehme Gefühl aus einer Förderung, das unangenehme aus einer Hemmung der gerade im Bewusstsein vorhandenen Vorstellungen erklärt. Es soll unsere Aufgabe sein, die Begriffe der Förderung und Hemmung noch näher zu specialisiren, indem wir dabei genetisch verfahren, d. h. die Gefühle beim Eintritt einer (sei es durch Wahrnehmung uns neu zugeführten, sei es durch Reproduction über die Schwelle des Bewusstseins gebrachten) Vorstellung zu erforschen suchen.

Die Art und Weise, wie die neue Vorstellung sich zu dem schon vorhandenen Vorstellungscamplex, der unser geistiges Ich bildet, verhält, wird dabei maassgebend sein. -- Die leichtere oder schwerere Einverleibung in denselben (Assimilation) bestimmt die Qualität des dabei entstehenden Gefühls. Es lässt sich in Bezug hierauf folgender Satz aufstellen, der seinen ausgiebigen Beweis in der ganzen folgenden Arbeit finden wird:

_Ein angenehmes Gefühl entsteht dadurch, dass eine neue Vorstellung schnell und ungestört mit einer andern eben im Bewusstsein vorhandenen oder einer aus dem gesammten Vorstellungscomplex durch jene geweckten Vorstellung in Verbindung tritt, und auf diese Weise leicht assimilirt wird; während ein unangenehmes Gefühl dadurch entsteht, dass die Assimilation durch irgend welche Umstände eine Verzögerung erleidet._

Um diesen Fundamentalsatz zu beweisen, müssen wir zunächst die Gesetze, nach denen die Assimilation der Vorstellungen vor sich geht, kurz erörtern.

Diese Assimilation, von der wir zu reden haben, ist also derjenige psychische Vorgang, durch welchen eine neu auftretende

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Vorstellung sich mit den schon vorhandenen in bestimmte Beziehungen setzt, mit denselben die mannigfachsten Verbindungen eingeht und dadurch unser geistiges Eigenthum, ein integrirender Bestandtheil unseres geistigen Ich's wird. -- Die Gesetze, nach denen diese Assimilation vor sich geht, lassen sich am leichtesten aus der Beobachtung der Reproduction der Vorstellungen herleiten, indem wir, wie eine kurze Ueberlegung zeigt, die Verbindungen, welche eine Vorstellung bei ihrer Assimilation eingegangen ist, am besten nachträglich daraus ersehen können, in welchem Zusammenhange mit anderen Vorstellungen wir sie am leichtesten reproduciren können. Es ist demnach leicht einzusehen, dass die Gesetze der sogenannten Ideenassociation ihren eigentlichen Grund in den Vorgängen der Assimilation zu suchen haben, indem Vorstellungen, die bei ihrer Aufnahme in irgend einer Weise mit einander in Verbindung standen, auch für die Folge derart verbunden bleiben, dass sie sich gegenseitig leicht „wecken". Zunächst werden zwei Wahrnehmungen, die wir einmal oder öfter in enger Verbindung neben einander oder zeitlich nach einander gemacht haben, auch in ihren zurückbleibenden Vorstellungsbildern diesen Zusammenhang behalten und es ergiebt sich daraus das Gesetz der _Coexistenz_ und das der _Succession_. Die beiden, nach einem dieser Gesetze verbundenen Vorstellungen, werden sehr leicht und daher auch mit einer gewissen Befriedigung eine die andere wecken, so dass, wenn uns eine dieser Vorstellungen etwa durch die Wahrnehmung dargeboten wird, ihr schnell die andere gewissermaassen entgegenkommt und auf diese Weise, indem sie die erstere an sich zieht, deren Verbindung mit dem gesammten Vorstellungscomplex, d. h. die _Assimilation_ erleichtert. Ebenso dient die _Aehnlichkeit_ zweier Vorstellungen in einzelnen wesentlichen oder durch besondere Umstände auffällig gemachten Eigenschaften dazu, diese Vorstellungen in dauernder Verbindung zu erhalten und es ergiebt sich daraus einerseits als _dritte Norm der Ideenassociation die der Aehnlichkeit_, andererseits erklärt sich aus dem Gesagten die Thatsache, dass eine Vorstellung um so leichter und schneller assimilirt werden kann, je schneller sie ähnliche Vorstellungen zu wecken vermag.

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Das Herausfinden der Aehnlichkeit ist natürlich von einem Urtheil abhängig. Je mehr nun aber der Geist sich ausbildet, um so mehr unterliegt die Aufnahme neuer Vorstellungen auch nach anderen Richtungen hin einer Beurtheilung, von deren Ausfall dann vornehmlich die schnellere oder verzögerte Assimilation abhängig ist. Und zwar stützt sich dieses Urtheil auf gewisse gleichsam abgeschlossene Ideenkreise, die in uns bei wachsender Geistesreife und Charakterentwicklung immer umfassender sich herausbilden, immer bestimmter als ideale Urtheilsmaximen zur Geltung kommen und immer maassgebender werden. Es sind dies die _logischen und praktischen Normen_, sowie die _ethischen, ästhetischen und religiösen Ideen_, welche drei letzteren wir auch unter der Bezeichnung der _ideellen Normen_ zusammenfassen können, indem wir darunter die Ideen von Wahrheit, Gerechtigkeit, Güte, Freiheit Sittlichkeit, Schönheit u. dgl., sowie die Gott-Idee und alles darauf Bezügliche verstehen, während die logischen und praktischen Normen in den logischen Begriffen, Urtheilen und Schlüssen, sowie in den Ideen von Zweckmässigkeit, Nützlichkeit etc. ihren Ausdruck finden.

_Steht eine Vorstellung oder ein Vorstellungscomplex mit den logischen und praktischen oder ideellen Normen im Widerspruch, so ist dadurch die Assimilation erschwert und es entsteht ein unangenehmes Gefühl; während die Uebereinstimmung mit jenen Normen eine leichte ungehinderte Assimilation und somit ein angenehmes Gefühl bewirkt._

Die logischen, praktischen und ideellen Normen zeigen freilich je nach der Individualität und Bildung des Einzelnen, sowie der Cultur des Volkes, dem das Individuum angehört, in ihrer Zahl und namentlich in ihrem qualitativen Inhalt und ihrer Entwickelungshöhe sehr bedeutende Verschiedenheiten und von der grösseren oder geringeren Ausbildung dieser Normen hängt es mit ab, ob ein Vorstellungscomplex, der mit denselben in Conflict tritt, uns mehr oder minder unangenehm berührt, oder wie gross im umgekehrten Fall das angenehme Gefühl ist, das aus der Uebereinstimmung einer gegebenen Vorstellung mit einer jener Normen entsteht. Im grossen Ganzen

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wiegen bei der Mehrzahl der Menschen die praktischen Normen bei Weitem vor und indem dieselben in ihrer niedrigsten Entwicklungsstufe nur auf die Person des Empfindenden selbst bezogen werden, concentriren sie sich im Egoismus, der deshalb bei Ungebildeten fast ausschliesslich den Maassstab für die Qualität der Gefühle abgiebt. -- Nur das, was den praktischen Ideen in diesem Sinne entspricht, ist für den wenig Gebildeten eine Quelle angenehmer, nur das, was ihnen zuwiderläuft, der Ursprung unangenehmer Gefühle.