Part 5
bei dem wir als Erreger des angenehmen Gefühls die Harmonie der gegebenen Vorstellung mit der niedrigsten Entwickelungsstufe der praktischen Normen, d. h. mit dem Egoismus und dem gesteigerten Selbstgefühl antreffen, während auf Seiten des unangenehmen Gefühls die Verletzung irgend einer andern Norm steht. Da, wo das erhöhte Selbstgefühl mit den ästhetischen Normen in den komischen Contrast tritt, entsteht das Lachen über körperliche Hässlichkeit, über allerlei Gebrechen, die den Schönheitssinn beleidigen, wie Verunstaltung durch Buckel, durch Lahmheit u. dergl., die wir schon oben erwähnten. Hierbei wird also die eigentlich erregte Unlust durch das Gefühl der Lust im Gedanken an die Verschonung der eigenen Person, durch das Sichbesserdünken" aufgewogen. Bei Verletzung der ethischen Ideen tritt das geschmeichelte Selbstgefühl gegen moralische Hässlichkeit, Unsittlichkeit, Unwahrheit u. dergl. in die Schranken und bei Disharmonie mit den praktischen Ideen und logischen Normen endlich ruft es das Lachen über die Ungeschicklichkeit, die Dummheit und den Unsinn hervor. In all' diesen Fällen muss also das Selbstgefühl der Verletzung übrigens höher stehender Normen das Gleichgewicht halten können, wenn der komische Contrast entstehen soll, und daher ist es leicht ersichtlich, dass jene Gefühlsconflicte hauptsächlich bei solchen Menschen ein Lachen erzeugen, welche die hohen sittlichen und ästhetischen Ideen nur in unentwickelter Form besitzen, deren Selbstgefühl dagegen abnorm gesteigert ist. Dies ist der Fall bei rohen, ungebildeten Leuten und bei Kindern, in denen sich die höheren sittlichen Ideen noch nicht entwickelt haben.
In einem Falle nur ist das erhöhte Selbstgefühl als eine etwas edlere Regung anzusehen, wenn wir uns nämlich gewissermaassen über unsere eigene Schwachheit und Dummheit erheben und unser Selbstgefühl daran stärken, dass wir in einem gegebenen Falle eine Schwierigkeit überwunden, einen uns gestellten Fallstrick umgangen haben. Hierauf beruht zu einem Theil das Lachen über die sog. Münchhausiaden, Lügen- und Jagd-
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geschichten (sofern dieselben nicht zum Witz gehören). Während einerseits durch die Verletzung der Wahrheit unser Gefühl beleidigt wird, empfinden wir andererseits ein angenehmes Gefühl in Folge der berechtigten unserem Selbstgefühl schmeichelnden Freude darüber, dass wir der beabsichtigten Täuschung nicht unterlegen sind, _so nahe wir der Gefahr auch waren_. In einer gewissen Gefahr, der Täuschung zu unterliegen, müssen wir geschwebt haben, damit die Lust durch eine Leistung unsererseits einigermaassen motivirt ist. Daher dürfen die Lügen nicht gar zu plump angelegt sein, sondern müssen die Möglichkeit einer Täuschung enthalten. -- Da es zum Lachen über diese Geschichten ausserdem einer gewissen Gutmüthigkeit und Harmlosigkeit bedarf, welche eine Kränkung des Selbstgefühls über die beabsichtigte Düpirung nicht aufkommen lässt (wir lassen uns solche Geschichten ungestraft auch eigentlich nur von guten Bekannten erzählen), so steht diese Form des Komischen schon dadurch ein wenig höher; doch ist sie in steter Gefahr auf das gewöhnliche Niveau des niedrig Komischen herabzusinken, sobald solche Münchhausiaden einer grösseren Gesellschaft erzählt werden. Denn sofort stellt sich dann bei jedem Zuhörer das Gefühl der Ueberlegenheit über die Anderen ein, denen er Dummheit genug zutraut, dass sie jene Geschichten glauben. Findet sich nun vollends ein Dummer, der sich wirklich die Lüge als Wahrheit aufbinden lässt, so steigt unser Selbstgefühl in gleichem Maasse, wie die Form des Komischen sinkt. Eine Stufe höher steht die folgende Form des Komischen, die ich wegen ihrer grossen Aehnlichkeit und häufigen Verwechselung mit dem Naiven (das danach besprochen wird)
*2. Das Pseudonaive*
nennen will, gleichzeitig auch deshalb, weil das angenehme Gefühl bei ihm nur aus einer _scheinbaren_ oder _bedingten_ Coïncidenz mit höheren Ideen (namentlich mit der Wahrheit) hervorgeht. Während einerseits, und zwar hauptsächlich durch die _kindliche Einfalt_, unsere praktischen Ideen von Klugheit oder die logischen Normen beleidigt werden, ist andererseits in der pseudonaiven Aeusserung oder Handlung doch etwas _relativ_ Wahres, Kluges, Vernünftiges enthalten, namentlich wenn wir
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uns auf den Standpunkt der bei dem Redenden _naturgemäss_ vorhandenen und daher _verzeihlich scheinenden_ Unkenntniss stellen. -- Die Beispiele zu dieser Form sind sehr zahlreich und lasse ich hier einige folgen, die dieselbe wohl hinreichend verdeutlichen werden.
Das vierjährige Töchterchen eines Pfarrers wird zum ersten Male mit in die Kirche genommen, vorher aber ernstlich verwarnt, ja recht artig zu sein, denn in der Kirche müsse man sich ganz ruhig und still verhalten. Nach der Kirche wird das Kind gefragt, wie es ihm gefallen habe, und erwidert darauf: Ach recht gut, es waren auch alle ganz artig. Bloss der Papa allein hat so geschrieen und gelärmt.
Ein anderes Pastorenkind rief, als es zum ersten Male in die Kirche kam und seinen Vater auf der (übrigens ungewöhnlich hoch angebrachten) Kanzel stehen sah, ängstlich aus: Ach, Du lieber Gott, wer hat nur meinen Papa dort oben 'naufgesperrt. Wird er denn auch wieder herunterkönnen?"
Ein Knabe auf einem einsamen Dorfe besass viele bleierne Soldaten, auch Cavalleristen, hatte aber noch nie einen lebendigen Reiter gesehen. Da plötzlich, als er just am Fenster steht, sprengt ein solcher in den Hof und springt an der Hausthür vom Pferde: O", ruft der Knabe da mit tiefem Bedauern, jetzt ging er entzwei". --
Ein Kind sollte das Vater unser" beten und fragte die Mutter: ob der Vater unser mit dem Onkel Unzer (einem Hausfreunde) verwandt sei. --
Ein weiteres Beispiel zu dieser Form ist das später aus Kant angeführte.
Endlich gehören hierher fast sämmtliche Beispiele, welche Schopenhauer zu seiner zweiten Form des Lächerlichen, der von ihm sog. Narrheit anführt. Nach Schopenhauer, der wie erwähnt nur zwei Arten des Lächerlichen: den Witz und die Narrheit kennt, entsteht die letztere dadurch, dass wir beim Auffinden der Incongruenz zwischen Anschauung und Begriff vom Begriff zum Realen übergehen. Objecte, die übrigens grundverschieden, aber alle in einem Begriff gedacht sind, werden auf gleiche Weise angesehen und behandelt, bis ihre übrige grosse Verschiedenheit zur Ueberraschung und zum
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Erstaunen des Handelnden hervortritt." -- Die Beispiele, die S. zu dieser Art des Lächerlichen anführt, sind nun merkwürdiger Weise fast alle pseudonaiv und scheinen mir auch durch die von diesem Standpunkt ausgehende Erläuterung in ihrem Wesen viel bestimmter präcisirt zu werden, als durch die zu weit gefasste Schopenhauer'sche Erklärung. -- Ich lasse einige Narrheiten" von ihm folgen: Soldaten machen einen Arrestanten und erlauben demselben dann aus Gutmüthigkeit an ihrem Kartenspiel Theil zu nehmen; als er aber während des Spiels anfängt zu chicaniren, werfen sie ihn schliesslich in dem dabei entstehenden Streite hinaus." -- Die Soldaten begehen offenbar eine thörichte Handlung, die gegen die Gesetze der praktischen Klugheit gewaltig verstösst, indem sie einen Arrestanten hinauswerfen. Von einem anderen Standpunkt aus, der durch die Erhitzung beim Streit und die daraus _natürlich_ hervorgehende momentane Unzurechnungsfähigkeit uns in diesem Falle ganz entschuldbar erscheint, ist ihre Handlung aber wiederum eine ganz vernünftige, zweckentsprechende, daher also eine pseudonaive.
Zwei Bauerjungen hatten ihre Flinten mit grobem Schrot geladen, welches sie, um ihm feines zu substituiren, heraushaben wollten, ohne jedoch das Pulver einzubüssen. Da legte der Eine die Mündung des Laufes in seinen Hut, den er zwischen die Beine nahm und sagte zum Andern: Jetzt drücke Du ganz sachte, sachte, sachte los; da kommt zuerst das Schrot." -- Auch hier haben wir eine thörichte Handlung (oder eine Aufforderung zu einer solchen) vor uns, die aber, wenn wir uns auf den Standpunkt des Bauerjungen stellen, der nichts von der beim Schuss vor sich gehenden Explosion des Pulvers weiss und _wissen kann_ (dessen Unkenntniss wir jedenfalls verzeihlich finden), so ist die Aeusserung im gewissen Sinne eine ganz kluge und überlegte, indem sie (wie Schopenhauer ganz richtig anführt) von dem Begriff ausgeht, Verlangsamung der Ursache giebt Verlangsamung der Wirkung.
Auch die Münchhausiaden, die Schopenhauer weiter als Beläge zu seiner Definition anführt, lassen sich bei entsprechender Auffassung unter das Pseudonaive stellen, wenn sie nämlich solchen Inhalts sind, dass sie zwar für uns etwas absolut Un-
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sinniges, Unmögliches enthalten, aber von einem bestimmten Standpunkte aus, welcher Kenntnisse in dem gerade vorliegenden Gegenstande mit einer gewissen Berechtigung als nicht vorhanden voraussetzt, dennoch nicht allein möglich, sondern sogar klug ersonnen erscheinen. So enthält die Geschichte von den im Posthorn eingefrorenen Melodien, die in der warmen Stube später aufthauen, für den Einsichtsvollen einen puren Unsinn; denken wir aber, Jemand wisse Nichts von dem eigentlichen Wesen des Tons, sondern sähe denselben mit gutem Recht für etwas Materielles an, etwa für eine Flüssigkeit, die unter Umständen ja auch einfrieren könne, so erscheint uns diese Idee von den aufthauenden und dadurch wieder zum Vorschein kommenden Tönen ganz klug. -- Werden uns diese Geschichten von irgend Jemand als Münchhausiaden erzählt, so wird in der Regel freilich die eben besprochene Auffassung uns nicht zum Bewusstsein kommen, sondern das Lachen in der früher mitgetheilten Weise sich motiviren, anders aber verhält es sich, wenn wir die in der Geschichte liegende Idee etwa einem Kinde in den Mund legen, welches sieht, dass in dem Mundstück des Posthorns sich Eis angesetzt hat und nun fragt, ob das eingefrorene Töne seien und ob die nicht in der Stube wieder aufthauen würden. --
Manche dieser pseudonaiven Aeusserungen (wie z. B. die vom Onkel Unzer) gehen, wie erst bei Besprechung des Witzes deutlich werden kann, vermöge einer etwas anderen Auffassung leicht in den Witz über, indem sie das _unbewusst Witzige_" bilden. Von zwei Menschen, welche dieselbe Aeusserung belachen, kann der eine sie als pseudonaiv, der andere sie als eine witzige auffassen.
*3. Das Naive*
bildet, wie schon gesagt, die auf höchster Stufe stehende Form des Komischen. Die Bezeichnung _naiv_ wird in einer weiteren und engeren Bedeutung gebraucht, je nachdem das unangenehme Gefühl aus der Verletzung _irgend einer_ praktischen, logischen oder ideellen Norm hervorgeht, oder sich nur aus einem Verstoss gegen unsere Ideen von _conventionellem, gesellschaftlichem Anstand_ herleitet. Es leuchtet ein, dass
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(natürlich nur für sittlich entwickelte Menschen) im ersten Fall das entgegenstehende angenehme Gefühl ein stärkeres sein muss, als im zweiten Fall, wo gewissermaassen nur künstlich geschaffene Gesetze verletzt werden. Immer aber ist es nöthig, dass uns in der naiven Aeusserung eine sittliche Unschuld und Reinheit entgegentritt, von der wir wissen, dass sie die künstlichen Schranken, welche die Etiquette uns gezogen, nicht kennt und daher auch nicht zu respectiren braucht, indem sie einer freieren und höheren Sittlichkeit folgt. -- Am häufigsten beobachten wir aus diesem Grunde die Naivetät bei Kindern, bei denen wir die Unkenntniss mit den künstlich geschaffenen Gesetzen des sogenannten Anstandes als naturgemäss voraussetzen. --
An Beispielen für das Naive ist kein Mangel. Eine recht hübsche und dankenswerthe Zusammenstellung von kindlich naiven Aussprüchen (untermischt mit pseudonaiven und unbewusst witzigen) hat Dr. Walter Hoffmann kürzlich in einem kleinen Heftchen unter dem Titel: Humor aus der Kinder- und Schulstube. Eine Sammlung der vorzüglichsten Anekdoten aus der Kinderwelt" herausgegeben [1]. Ich empfehle dieses Büchelchen, aus dem ich auch schon oben einige Beispiele entlehnt habe, nicht blos weil es für den, der einmal tüchtig und von Herzen lachen will, reichlichen Stoff enthält, sondern weil es einen schätzenswerthen Beitrag zur Psychologie der Kinderseele liefert. --
Hier nur ein Beispiel:
Aber Mama, wann essen wir denn heute", fragt der kleine Ernst seine Mutter. Bald, warte nur noch ein Weilchen", entgegnete diese. -- Nach einer Weile fragt er wiederum und erhält dieselbe Antwort. Aber weshalb essen wir nur heute nicht; ich habe solch' grossen Hunger". -- Warte nur noch ein Bischen, bis der Soldat fort ist, dann wird gleich gegessen". -- Darauf geht Ernstchen zum Soldaten in die Stube und fragt ihn: Höre, wann gehst Du denn fort?" -- Gleich, mein Sohn, aber weshalb fragst Du denn?" Nun, weil ich Hunger habe und Mama sagt, wenn Du fort bist, soll gegessen werden." Ich glaube, der Soldat hat über diese naive Aeusserung lachen
[1] Leipzig, Arnoldische Buchhandlung. 1871.
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müssen, so wie wir jetzt noch darüber lachen. Wir haben hier zunächst eine Beleidigung unserer Idee von Schicklichkeit und gesellschaftlichem Anstand vor uns, andererseits aber bewegt uns die kindliche Unschuld, welche jene conventionellen Schranken nicht kennt und unbekümmert darum die Wahrheit sagen darf, in angenehmer Weise. -- Aus gleichem Grunde lachen wir über jenes Kind, das, einen fremden Herrn empfangend die Abwesenheit der Mutter mit den naiven Worten entschuldigt: Mama wird gleich kommen, sie setzt sich nur noch ihre Locken auf." Verstösst diese Aeusserung einerseits gegen unsere Idee von gesellschaftlichem Takt (und praktischer Klugheit), so befriedigt und erfreut uns doch in höherem Grade das rückhaltlose, wahrheitsliebende Bekenntniss des Kindes, welches in seiner Unschuld jene künstlich geschaffenen Lügengesetze nicht kennt und daher sittlich höher zu stehen scheint. --
Bei einer etwas anderen Auffassung kann diese selbe Aeusserung aber auch unter die nun folgende Form des Komischen gestellt werden, indem wir dann nicht über das Kind, sondern über die Mutter lachen, ja! dieselbe auslachen. -- Wir empfinden nämlich über die eitle Frau eine gewisse sittliche Entrüstung und gönnen ihr nun die Blamage, welche ihr durch die Aeusserung der Tochter bereitet wird, als eine wohlverdiente; -- unser Gerechtigkeitsgefühl wird dadurch befriedigt. Es wird bei dieser Auffassung, von der Naivetät der Aeusserung ganz abgesehen, und an Stelle der letzteren könnte eben so gut ein Zufall treten, der die Frau gerade beim Aufsetzen der Perücke überrascht werden lässt. -- Es bestätigt dies Beispiel die unzählig oft zu beobachtende und schon erwähnte Thatsache, dass ein und dieselbe komische Situation oder Aeusserung mehrfache komische Elemente enthält, wobei natürlich im Ganzen der komische Effect sich steigert, wenn uns die verschiedenen Auffassungen nach einander zum Bewusstsein kommen. Gerade durch diesen Umstand wird aber die Beurtheilung des Komischen, sowie die Beibringung von einfachen Beispielen sehr erschwert. --
Dass das Naive im Gebiete des einfach Komischen die höchste Stellung einnimmt oder wenigstens dasselbe nach einer Richtung hin abgrenzt, erkennen wir am besten daraus, dass es aus dem _Lächerlichen_ sehr leicht in das _Rührende_ über-
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geht. Ich führe dazu wieder ein Beispiel aus Walter Hoffmann an:
Vom verstorbenen Prof. A. v. Schaden erzählte mir seine Mutter, sie habe einst auf seine Fürsprache einem Bettler Brod geben wollen und sich angeschickt, ihm ein Stück von einem Laibe abzuschneiden. Da sei ihr Sohn zu ihr getreten und habe ihr zugeflüstert: Mama, die Thür steht offen, er (der Bettler) hat ja gesehen, dass Du einen _ganzen_ Laib hast, Du kannst ihm daher nichts abschneiden! (d. h. Du musst ihm denselben ganz geben)."
Diese Aeusserung ist offenbar eine naive, sie verstösst einerseits gegen unsere Idee von praktischer Klugheit, andererseits aber überrascht uns darin eine hohe Sittlichkeit und kindliche Unschuld. Wir lachen über die Aeusserung -- aber zugleich ist uns auch vor Rührung das Weinen nahe. Indem nämlich jene hohe kindliche Reinheit in uns das Gefühl unserer eigenen Erbärmlichkeit und berechnenden Selbstsucht lebhaft anregt, werden wir beschämt und durch die Wucht jener Ideen gewissermaassen erdrückt. Dadurch wird aber auf Seiten der unser Selbstgefühl herabstimmenden Empfindungen ein Uebergewicht erzeugt, -- aus dem der Affect des Weinens hervorgeht. --
Im Anschluss an das Naive muss ich hier wenigstens anhangweise den *Humor* kurz erwähnen, der als nächster Nachbar neben dem Komischen eine Form für sich bildet oder richtiger gesagt, einen besonderen Standpunkt bezeichnet, von dem aus das Komische und Rührende sich in etwas abweichender Weise erzeugt, und einen besonderen Hintergrund erhält. Aehnlich wie das Naive zeigt auch der Humor den leichten Uebergang vom Lachen ins Weinen (er lacht mit dem einen Auge, während er mit dem andern weint"), ebenso wie beim Naiven treten auch bei ihm als Erreger des angenehmen Gefühls die höchsten, sittlichen und religiösen Ideen in die Schranken; doch wie wir sehen werden, in etwas anderer Weise. Der Humor ist vor allen Dingen im Gegensatz zum Naiven, völlig bewusst, ja willkürlich. Er beruht ganz und gar auf einer subjectiven Auffassung, die bei dem Humoristen eine vorherrschende, eine allgemeine Weltanschauung geworden ist [1]. Er bringt vorsätzlich,
[1] Lazarus l. c.
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oder durch sein Naturell gezwungen, jedenfalls mit einer gewissen Vorliebe das ihm entgegentretende Alltägliche, Kleine, Niedrige, Gemeine mit den in ihm lebhaft vorhandenen hohen sittlichen und religiösen Ideen in Gegensatz. Daraus erzeugt sich einerseits in ihm ein unangenehmes Gefühl, andererseits aber entsteht dadurch, dass _der Humorist sich gerade in dem Contrast mit dem Niedrigen, der Hoheit und Erhabenheit der in ihm ruhenden Ideen lebhafter bewusst wird, ein angenehmes Gefühl_. Behält das Letztere das Uebergewicht, so erzeugt sich der komische Affect, während der rührende Affect dann entsteht, wenn wir lebhaft fühlen, dass unser eigenes Thun und Handeln mit unseren Idealen nicht im Einklang stehe. Dies sind die beiden Formen des sogenannten versöhnten Humors. Es kann nun aber auch der Fall eintreten, dass der Humorist durch das gegen seine Ideale kämpfende Niedrige und Gemeine zu tief gekränkt wird, -- und an Allem verzweifeln möchte: dann entwickelt sich der _unversöhnte Humor_, der sich daher gern im Sarkasmus ergeht und wohl auch meist als erste Stufe dem versöhnten Humor vorausgeht. Letzterer ist, wie Vischer [1] richtig sagt, voll Unschuld, aber es ist nicht die einfache Unschuld eines Kindes, sondern eine solche, die durch innere Wehen, durch Zerrissenheit, Kampf, Schuldbewusstsein hindurchgegangen, sich wieder mit ihrem Gott versöhnt hat". Dass die Humoristen bei all' ihrer Gemüthlichkeit, sehr häufig eigentlich, unglückliche Menschen sind, erklärt sich daraus, dass sie für Alles in der Welt vorgehende Widrige, für alle kleinen Leiden des Lebens ein viel feineres Gefühl haben als andere Menschen, und sich doch meist ihren Idealen gegenüber selbst klein fühlen. Daher haben die meisten Humoristen einen Anflug von Melancholie oder Hypochondrie. Aber selbst über diese wissen sie sich wiederum zu erheben, indem sie gewissermaassen an sich selbst ihren Witz auslassen. Aecht humoristische Personen sind z. B. die Narren im Shakespeare, ebenso auch Hamlet, der in vielen Scenen den unversöhnten Humor erkennen lässt. Ich erinnere an die Scene vor Aufführung des Schauspiels bei Hofe, wo er zu Ophelia sagt: Was sollte ein
[1] Erhab. u. Komische p. 215.
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Mensch anderes thun, als lustig sein? Denn seht nur, wie vergnügt meine Mutter aussieht, und mein Vater ist doch erst vor zwei Stunden gestorben. Ophelia: Vor zwei Mal zwei Monaten, gnädigster Herr. Hamlet: So lange ist's her?! Ei da mag der Teufel noch schwarz gehen! ich will mir ein munteres Kleid machen lassen" [1]. -- Weitere Repräsentanten des Humors liefert Jean Paul im Titan und Siebenkäs etc., vor Allen auch Sterne in seinem Leben und Meinungen Tristam Shandys."
Neben dem bisher dargestellten _subjectiven_ Humor, wo eine selbstbewusste humoristische Person auftritt, die absichtlich als solche handelt," giebt es, wie Lazarus richtig hervorhebt, auch einen _objectiven_ Humor, wo nur der Leser und Zuschauer die Absicht und Wirkung des Humors empfindet", indem der objective Humorist, wie z. B. Falstaff, alle hohen Ideen, deren Widerpart er in Leben und Gesinnung ist, durch sein Reden und Thun in uns erweckt. Er spricht von Ehre, Muth etc., stellt den König dar, wie er Heinrich straft etc., in Allem ist er ein Gebildeter, die Ansprüche der Idee Kennender und Zeigenden. Wir lachen über ihn, obgleich er das Hohe erniedrigt (z. B. in seiner Definition der Ehre), wir lachen, weil er selbst die wahre Idee in uns weckt und diese desto sicherer siegt, je angelegentlicher er dagegen kämpft" [2].
Doch kehren wir nach dieser Abschweifung zu unserem eigentlichen Thema zurück, und wenden uns zur zweiten Hauptform des Komischen.
*II. Das Komische mit zwei vereinbaren Vorstellungen.*
Kam bei der vorher besprochenen Form des einfach Komischen überhaupt nur _eine_ Vorstellung in Frage, die durch ihre Harmonie mit einzelnen und Disharmonie mit anderen Normen die beiden einander conträren Gefühle erregte, so sind bei der vorliegenden Form _zwei_ im Komischen selbst enthaltene Vorstellungen zur Erzeugung des angenehmen Gefühls thätig während zum unangenehmen Gefühl wiederum nur eine der beiden gegebenen Vorstellungen die Ursache giebt. --
[1] Vergl. weiter unten das bei Ironie" Gesagte. [2] Aus Lazarus l. c. p. 206.
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Wir haben hier die sogenannte
*Gerechte Schadenfreude*
zu erwähnen, bei welcher das unangenehme Gefühl aus dem Verstosse einer gegebenen Vorstellungsreihe gegen irgend eine der beiden Normen hervorgeht, während das angenehme Gefühl daraus resultirt, dass eine zweite gleichzeitig gegebene Vorstellung sich mit jener ersten in Rücksicht auf die ethische Norm der _Gerechtigkeit_ leicht verbindet. Die beiden Vorstellungen stehen dabei in dem Verhältniss von Ursache und Wirkung -- von Vergehen und Strafe. Während uns einerseits die Dummheit, Schlechtigkeit u. dergl. ärgert, wird andererseits durch die gleichzeitig eintretende Strafe unser Gerechtigkeitsgefühl befriedigt. -- Wir haben schon oben in dem zweiten vorläufigen Beispiel angeführt, wie in diesem Sinne auch den Gebildeten die Corpulenz eines Falstaff zum Lachen reizen kann. Wir erwähnen hier noch, als ähnliche sinnlich-hässliche Gegenstände des Gelächters, die Glatze und die rothe Nase, da wir auch diese Fehler (freilich nicht immer mit Recht) als Folgen einer etwas lockeren, üppigen Lebensweise anzusehen gewohnt sind, und wir demnach statt Mitleid mit dem also Entstellten zu empfinden, vielmehr durch die Befriedigung unserer Gerechtigkeitsidee angenehm berührt werden.
In demselben Sinne kann ein Gebildeter auch über die Dummheit lachen, nicht sowohl insofern er sich seines Besserwissens freut, als vielmehr in der Voraussetzung, dass die Dummheit mehr oder weniger auf eigenem Verschulden beruht und wir die den Dummen treffende Blamage oder auch einen geringen Schaden, den er erleidet, als verdient und ihm von Rechtswegen zukommend ansehen. --
Zu beachten ist aber hierbei ein sehr wichtiger Umstand (der gleichzeitig am besten die Richtigkeit meiner Erklärung beweist): Die Strafe darf nicht das uns gerecht erscheinende Maass überschreiten, sonst hört die komische Wirkung in dem jetzt besprochenen Sinne auf. Wir lachen über einen ungeschickten Menschen, wenn er in Folge seiner Ungeschicklichkeit ein mässiges Unheil anrichtet, etwa hinfällt und im Fallen sein Beinkleid an einer am wenigsten dazu geeigneten Stelle auf-
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