Part 2
Hierbei geben uns zunächst die sehr schätzenswerthen experimentellen Untersuchungen von Dr. Oswald Naumann einen Fingerzeig, welcher, um die Wirkung der Hautreizmittel kennen zu lernen, eine Reihe exacter Versuche angestellt hat, die namentlich darauf ausgingen, den Einfluss der Hautreize auf die Circulation festzustellen [1]. Er richtete einen Frosch, den er durch Trennung der Wirbelsäule vom Kopf getödtet hatte, derartig für das Mikroskop vor, dass er den Blutkreislauf im Mesenterium (dem Dünndarmgekröse -- einer feinen Haut, die den Darm überkleidet) gut beobachten konnte, unterband, um bei den folgenden Versuchen jede directe Einwirkung auf das Gefässsystem unmöglich zu machen, die Gefässe des einen Oberschenkels und durchschnitt sodann unterhalb der Unterbindungsstelle alle Theile dieses Schenkels, mit Ausnahme des Nervus ischiadicus (des Hüftnerven -- der in seinen feinsten Endverzweigungen u. A. auch die Fusssohle mit Tastnerven versieht), so dass der Thierkörper nur noch durch letzteren mit dem Schenkel in Verbindung blieb. Reizte er nun die Ausbreitungen des Hüftnerven (die Fusssohle) vermittelst des galvanischen sog. Faradayschen Pinsels _mit einem im Verhältniss zur Reizbarkeit des Thieres schwachen elektrischen Reiz_, so konnte er unter dem Mikroskop eine entschiedene Beschleunigung des Blutkreislaufs in den Gefässen des Mesenteriums, der Lunge und der Schwimmhaut des unverletzten Froschschenkels, sowie _eine deutliche Verengerung jener Gefässe_ beobachten. Da diese Erscheinung sich in den verschiedensten sowohl von einander als auch von der Stelle des Reizes entfernten Gefässprovinzen nachweisen liess, so kann man wol mit ziemlicher Sicherheit schliessen, dass durch jenen Hautreiz überhaupt das ganze Gefässsystem in der gedachten Weise in Mitleidenschaft gezogen wird. Bei Wiederholungen dieser Versuche an der Flughaut lebender Fledermäuse und
[1] Untersuchungen über die physiologischen Wirkungen der Hautreizmittel. Prager Vierteljahrschrift 1863. I. Bd. p. 1 ff.
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endlich vermittelst eines eigens construirten, einfachen Sphygmographen (Pulsmessers) an der Arteria tibialis postica (hinteren Schienbeinpulsader) des Menschen konnte N. dieselben Thatsachen constatiren, die sich in gleicher Weise ergaben, wenn er statt des galvanischen Pinsels andere _leichte_ Hautreize wie Senfspiritus _im ersten Stadium der Einwirkung_, Eintauchen in warmes Wasser etc. anwendete. Immer erhielt er als Resultat eine allgemeine Verengerung der Blutgefässe. Machen wir uns, ehe wir weiter gehen, das gewonnene Resultat klar.
Wir haben in Folge des leisen Reizes sensibler Nerven eine Verengerung der Blutgefässe an fernliegenden Organen beobachtet, und es wird diese Erscheinung nach dem Eingangs Gesagten offenbar als eine Reflexwirkung, d. h. als ein directes Umsetzen" des Empfindungsreizes in eine Bewegung aufgefasst werden müssen. Die hier in Thätigkeit gezogenen Muskeln sind die Ringmuskeln der Gefässe, welche bei ihrer Zusammenziehung eine Verengerung des Gefässrohres verursachen und die jene Muskeln versorgenden Nerven, auf welche die Empfindung reflectirt ist, sind die sog. vasomotorischen Nerven, welche zum grössten Theil im Grenzstrange des Nervus sympathicus (der ausserdem namentlich noch die Pupille sowie verschiedene innere Organe versorgt) verläuft. Wir haben es hier also mit einer Reflexreizung des Nervus sympathicus zu thun, denn wir beobachten dieselben Erscheinungen, die wir sonst nach directer Reizung dieses Nerven auftreten sehen, d. h. zunächst Verengerung der Gefässe, namentlich der an glatten Muskelfasern reicheren _kleinen_ Arterien.
Für stärkere Hautreize ist es durch Nothnagels, Heidenhains u. a. Untersuchungen ebenfalls experimentell nachgewiesen worden, dass sie eine reflectorische Reizung des Sympathicus und in specie auch eine Verengung der Gefässe der weichen Hirnhaut zur Folge haben. -- Es fragt sich aber, ob auch ein so leichter und vorübergehender Hautreiz wie der Kitzel den Sympathicus reflectorisch erregen kann? Um diese Frage experimentell zu entscheiden, schienen mir die Versuche an Thieren weniger geeignet, weil wir bei diesen eine specifische Wirkung des Kitzels (dem Lachen des Menschen entsprechend) nicht kennen. Nun bietet sich aber zur Veranschaulichung der
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geschehenen Sympathicus-Reizung beim lebenden Menschen ein sehr bequemes und leicht zugängliches Beobachtungsobject in der Pupille dar. Ich erwähnte schon oben, dass der Nervus sympathicus ausser der Gefässmusculatur auch den Erweiterungsmuskel der Pupille versorgt. Eine Reizung des Sympathicus (gleichviel ob directe oder reflectorische) hat neben der Verengerung der Gefässe eine Erweiterung der Pupille zur Folge. Umgekehrt können wir in der Regel aus einer nach einem bestimmten (wenn nicht gerade nur localen) Eingriff eintretenden Pupillenerweiterung auf eine geschehene Sympathicusreizung und damit Hand in Hand gehende Verengerung der Gefässe zurückschliessen. Um nun also nachzuweisen, dass beim Kitzel wirklich auch eine Reizung des Nerv. symp. stattfindet, stellte ich folgendes höchst einfache und leicht von Jedermann zu wiederholende Experiment an.
_Man kitzelt mit einem Federbart oder Pinsel die Versuchsperson, welche mit ihren Augen einen Punkt unveränderlich fixiren muss, an einer besonders reizbaren Stelle_ (Ohr, Volarseite des Vorderarms oder Fusssohle) _und beobachtet dabei die Pupillen, nachdem man sich vorher von der Weite derselben und den oft auch normaler Weise mit den Phasen der Respiration eintretenden Schwankungen eine Zeitlang überzeugt hat. Unmittelbar nach erfolgtem Kitzel sieht man eine zwar geringe, aber ganz deutlich constatirbare schwankende Erweiterung der Pupillen_. Bei jungen, reizbaren Subjecten gelingt das Experiment fast immer und versagt nur nach öfterer Wiederholung, wobei aber auch gleichzeitig nach Angabe der betreffenden Person die Empfindlichkeit für den Kitzel abgenommen hat. Bei älteren Personen, deren Pupillen überhaupt träge reagiren, sah ich die Wirkung öfter ausbleiben.
Wir können aus diesem Experiment also den Schluss ziehen, dass der Kitzel eine reflectorische Reizung des Sympathicus zur Folge hat und somit auch die für leichte Hautreize schon von Naumann constatirte Verengerung der Gefässe nach sich zieht. Entsprechend der dem Kitzel eigenthümlichen unterbrochenen Reizung sehen wir ein Schwanken in der Erweiterung der Pupille und dürfen demnach auch eine schwankende Verengerung der Gefässe erwarten.
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Da nun, wie schon gesagt, die oben genannten Veränderungen der Gefässe sich besonders deutlich an den mit glatten Muskelfasern reichlicher versehenen kleineren Arterien markiren müssen, so werden natürlich vor Allem die Organe, die sich besonders durch ihren grossen Reichthum an kleineren Arterien auszeichnen, vorzüglich davon betroffen werden -- so _namentlich das Gehirn_. Es ist aber eine bekannte Thatsache, dass Circulationsveränderungen gerade im Gehirn unter Umständen von grosser Bedeutung sind, namentlich wenn sie, wie hier, plötzlich eintreten. Dass dabei die in kurzen Intervallen wiederholte Reizung und daher entstehende nicht unbeträchtliche Schwankung (Ab- und Zunahme) im Tonus der Gefässe die daraus etwa entstehenden Gefahren noch vergrössert, leuchtet ein. Ist es schon an sich Jedem aus eigner Erfahrung gegenwärtig, dass länger dauerndes Kitzeln einer besonders empfindlichen Hautstelle keinen gleichgültigen Eingriff auf das Centralnervensystem ausübt, so dürfte die Thatsache, dass man zur Zeit der Inquisition Leute zu Tod gekitzelt hat, unseren Betrachtungen noch mehr Gewicht verleihen. Der Grund, weshalb gerade das Gehirn durch Druckschwankungen so besonders gefährdet ist, liegt einerseits in der grosen Zartheit und Verletzlichkeit dieses edelsten aller Organe, zweitens aber in dem Umstande, dass das Gehirn, in der völlig abgeschlossenen starren Schädelkapsel gelegen, nicht wie andere Organe einem vermehrten Gefässdruck ausweichen kann, sondern durch denselben offenbar eine Compression seiner Elemente erfahren müsste, während umgekehrt bei negativen Schwankungen im Gefässsystem eine plötzliche nicht minder gefährliche Druckentlastung eintreten würde. Die Grösse der hieraus zu fürchtenden Gefahr kann man am besten daraus ermessen, dass die Natur bei der Organisation des Gehirns gerade für diesen Fall nicht durch _eine_, sondern durch eine ganze Reihe von Schutz- und Sicherheitsmaassregeln Vorsorge getroffen hat. Zunächst ist durch die grosse Geräumigkeit des Venensystems innerhalb der Schädelhöhle der Abfluss des Blutes ungemein erleichtert worden, wodurch bei zunehmendem Blutdruck ein schnellerer Ausgleich ermöglicht wird, während umgekehrt bei abnehmendem Druck ein Rückstauen des Venenblutes zur Ausfüllung des Fehlenden leicht zu Stande kommen
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kann, weil den Venen innerhalb des Gehirns die sonst in ihnen vorhandenen Klappen fehlen. Einen weiteren Schutz gewährt die von Hyrtl [1] besonders beschriebene Gefässverbindung, in Folge deren die Venen des Gehirns mit denen des Rückenmarks in einem alternirenden Füllungsverhältniss stehen. Am wichtigsten aber ist das zuerst von Magendie in seiner Bedeutung gewürdigte eigenthümliche Verhalten des sog. liquor cerebrospinalis. Diese Flüssigkeit, zwischen den beiden weichen Häuten (Arachnoidea und Pia mater), welche Gehirn und Rückenmark umhüllen, eingeschlossen, hat eben den Zweck, bald durch Zurückweichen in den Arachnoidalsack des Rückenmarks bei gesteigertem Gefässdruck im Gehirn, bald durch Zuströmen in die Schädelhöhle bei vermindertem Druck, die drohenden Schwankungen auszugleichen und dadurch einen wie Magendie sich ausdrückt für die Aufrechterhaltung der Gehirn- und Rückenmarksfunctionen nothwendigen mittleren Compressionszustand zu sichern (un certain degré de compression indispensable à l'accomplissement régulier des fonctions des centres nerveux).
Es fragt sich nun, ob die eben genannten Mittel ausreichend sind, um die Druckschwankungen, denen das Gehirn durch die beim Kitzel auftretende Veränderung an den Gefässen ausgesetzt ist, zu compensiren.
Um diese Frage zu entscheiden, müssen wir noch genauer untersuchen, wie sich der auf dem Gehirn lastende Druck während der eben beschriebenen Veränderungen am Circulationsapparat verhält.
Wir haben es in Folge des Kitzels mit einer Reizung des Sympathicus zu thun; dieselbe führt, wenn sie einen gewissen Grad erreicht, eine entschiedene Verengerung der Gefässe herbei; in den geringeren Graden der Sympathicusreizung aber, wie wir sie bei dem gewöhnlichen leisen Kitzel annehmen müssen, wird als entschieden wesentlicheres Symptom neben einer leichten Verengerung der Gefässe, eine vermehrte Spannung in der Muskulatur der Gefässwand hervortreten. Diese plötzliche Vermehrung des sog. Gefäss-Tonus muss aber, selbst wenn sie ohne Verengerung der Gefässe auftreten könnte, an sich eine
[1] Handbuch der topogr. Anat. Wien 1857. I. p. 97.
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bedeutende Einwirkung auf den Compressionszustand des Gehirns entfalten; denn der Druck, welchen das in den Gefässen fliessende Blut auf das Gehirn ausübt, ist durchaus nicht gleich der Spannung, welche das Blut innerhalb des Gefässrohres besitzt. Es wird vielmehr durch die tonisch gespannte Gefässwand ein bedeutender Theil des Blutdrucks von der Gehirnmasse abgehalten, gewissermaassen parirt. Je stärker der Tonus der Gefässwand wird, um so grösser ist die Druckentlastung, welche die Gehirnmasse erfährt. -- Jene oben genannten mechanischen Compensationsmittel, welche alle nur auf eine Vermehrung resp. Verringerung der Blutfülle berechnet sind, würden allein nicht im Stande sein, die beim Kitzel in Folge des gesteigerten Gefässtonus herbeigeführten Druckschwankungen auszugleichen.
Gegen die von dieser Seite her drohenden Gefahren ist aber ein anderer besonderer Schutzapparat in Thätigkeit gesetzt, dessen Wirkung in jeder Beziehung der Leistung jener oben beschriebenen Mechanismen gleichkommt und mit ihnen in wohlberechtigte Concurrenz tritt; es ist dies die in verschiedener Richtung hin thätige, modificirbare Kraft der Respiration. Es ist ja anderweither bekannt, welch gewaltigen Einfluss die Athmung auf den Blutkreislauf ausübt und wenn auch bei ruhiger, oberflächlicher Respiration durch die dabei mitspielenden verwickelten Verhältnisse die verschiedenen Wirkungen der Aus- und Einathmung auf die Arterien und Venen sich ziemlich ausgleichen und aufheben, so finden doch bei forçirten Athmungsbewegungen und _namentlich, wenn die freie Respiration irgend behindert ist_, sehr wesentliche Veränderungen der Kreislaufsverhältnisse statt. -- Bei der Einathmung wird durch das Herabtreten des Zwerchfelles und das Heben der Rippen der Brustraum erweitert und der Inhalt desselben, d. h. also Lungen, Herz und die zu und von ihm führenden grossen Gefässe unter einen geringeren Druck gesetzt. Zur Ausgleichung desselben strömt erstlich die äussere atmosphärische Luft in die Lungen und dehnt dieselben aus; zweitens wird aber auch zugleich das Blut von den grossen Gefässen nach dem Herzen angesogen und dadurch einerseits zwar die Fortbewegung des Blutes in den Arterien etwas gehemmt, dagegen aber andererseits in viel höherem Maasse in den Venen (deren viel dünnere Wandungen
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der negativen Druckschwankung bedeutend zugänglicher sind) die normale Blutbewegung nach dem Herzen zu wesentlich begünstigt und beschleunigt. Bei der Ausathmung aber greifen die umgekehrten Bedingungen Platz; durch Hinabsinken der Rippen und Hinaufdrängen des Zwerchfells wird der Brustraum verkleinert und ein beträchtlicher Druck auf seinen Jnhalt ausgeübt. Deshalb entweicht die Luft aus den Lungen durch die Luftröhre; gleichzeitig aber wird in Folge derselben Ursache der Abfluss des Venenblutes, in der Richtung zum Herzen, wesentlich erschwert, ein Kreislaufhinderniss, das durch die geringe Begünstigung, welche die Circulation in den Arterien vermittelst dieses Zuschusses an Druckkraft erfährt, doch nicht ganz ausgeglichen wird. Namentlich bei sehr heftigen und noch dazu durch vollständigen oder auch nur theilweisen Verschluss der Stimmritze (wie er z. B. zur Tonerzeugung beim Lachen nothwendig ist) bedeutend gesteigertem Exspirationsdruck wird der Rückfluss des Blutes nach dem rechten Herzen sehr bedeutend gehemmt. Die erste Folge davon ist ein Zurückstauen des Blutes in die dem Herzen am nächsten gelegenen Venen, und so sieht man namentlich auch an den grossen Halsblutleitern (Venae jugulares) eine beträchtliche Ausdehnung und pralle Spannung. Es ist klar, dass diese Ueberfüllung mit Venenblut sich auch nach dem Gehirn weiter fortsetzen muss, da ja auch von hier aus der Abfluss gehindert ist.
Dadurch wird aber natürlich ein bedeutender Druck auf das Gehirn ausgeübt, indem das Blut weiterhin auch aus den Gehirnarterien schwieriger abfliessen kann und gezwungen ist, dieselben auszudehnen. Durch die directen Versuche von Donders [1] zeigte sich bei Steigerung des Exspirationsdruckes, dass ein Gehirngefäss von 0,04 Mill. Durchmesser auf 0,14 und eines von 0,07 auf 0,16 erweitert wurde.
Erinnern wir uns nun, dass wir als Wirkung des Kitzels eine reflectorische Sympathicusreizung mit folgender plötzlicher Verminderung des auf das Gehirn wirkenden Blutdruckes annehmen mussten, so werden wir nicht anstehen, in den forcirten
[1] Vgl. Virchow, Handbuch der speciellen Pathologie und Therapie. Erlangen 1854. Bd. 1. p. 111.
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Ausathmungsbewegungen, die ja, wie wir eben sahen, den Gehirndruck steigern, ein souveraines Mittel zu erkennen, um den in Folge des Kitzels drohenden Gefahren entgegenzuwirken. Und in der That sehen wir, dass die Natur mit selbstwirkendem Mechanismus sich wirklich dieses Mittels bedient; denn was ist das Lachen anders, als eine rhythmisch unterbrochene äusserstforcirte, durch die damit verbundene Tonbildung erschwerte Ausathmung? Wenn wir einen heftig Lachenden ansehen, so fällt uns ja sofort das blau-geröthete Gesicht und das starke Hervorquellen der Halsvenen auf, welche die vermehrte Blutfülle in den venösen Gefässen kennzeichnet, die sich auch nach dem Gehirn fortpflanzen muss. Wir dürfen somit, das Resultat unserer Untersuchung zusammenfassend, _das Lachen als eine zweckmässige Reflexbewegung ansehen, welche die Aufgabe erfüllt, die durch den Kitzel verursachten negativen Druckschwankungen im Gehirn durch eine entsprechende Drucksteigerung zu compensiren_.
Als nicht unwesentliche Stütze für diesen Satz dient das interessante Zusammenzutreffen der Intermission sowohl des Reizes wie auch der Exspirationsbewegungen. Sehen wir als wesentliches Charakteristicum des Kitzels die fortwährende Unterbrechung und Schwankung des Hautreizes an, so erkennen wir ganz dem entsprechend im Lachen eine rhythmisch intermittirende Ausathmungsbewegung, und wenn es sich auch nicht feststellen lässt, dass jedem einzelnen Hautreiz ein einzelner Exspirationsstoss entspricht, so ist die allgemaine Uebereinstimmung doch auffällig genug, namentlich wenn wir dieselbe mit den beim Schreien aus Schmerz stattfindenden Verhältnissen zusammenstellen. -- Der körperliche Schmerz ensteht durch eine stärkere und in ihren Wirkungen anhaltendere Reizung sensibler Nerven und ruft nach Nothnagels und Pflügers Beobachtungen einen anhaltenden Gefässkrampf, eine starke ununterbrochene Verengerung der Gefässe hervor, die aber (wie auch Naumanns weitere Versuche beweisen) nach kürzerer oder längerer Zeit in eine Gefässlähmung und dem entsprechende mehr oder minder bedeutende Erweiterung der Gefässe übergeht. Dem ersten Stadium der _ununterbrochenen_ Gefässverengerung entspricht nun das Schreien als eine _ununterbrochene_ Exspirationsbewegung
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mit demselben Zwecke wie das Lachen [1]. Dem zweiten Stadium der Gefässlähmung, welches also gerade die entgegen gesetzten Veränderungen des Gehirndruckes d. h. eine Steigerung desselben zur Folge haben muss, entspricht das zweite Stadium des Weinens, das sog. Schluchzen, welches als forcirte Inspirationsbewegung nach dem oben Gesagten den Druck im Gehirn herabsetzt. --
*b. Das Komische.*
Es ist uns also gelungen für das Lachen, insofern es durch den Kitzel verursacht wird, eine physiologisch-anatomische Begründung nachzuweisen. Nach dem oben Gesagten haben wir damit zum Mindesten (wenn eine directe Uebertragung nicht gestattet ist) einen deutlichen Fingerzeig erhalten, nach welchem Ziele wir bei Untersuchung des Lachens, sofern es in Folge des Komischen entsteht, zu streben haben. Es lässt sich von vornherein vermuthen, dass bei Einwirkung des Komischen dieselben physiologisch-anatomischen Veränderungen eintreten werden, wie nach dem Kitzel, das heisst eine intermittirende Contraction der Gehirngefässe als Folge einer intermittirenden Sympathicusreizung. Das Experiment, das wir zur Bestätigung der geschehenen Sympathicusreizung beim Kitzel anstellten, ist beim Komischen aus leicht begreiflichen Gründen schwer auszuführen. Wenn man Jemandem etwas Komisches erzählt, hält derselbe doch in der Regel seine Augen nicht auf einen Punkt fixirt und wir können die Pupillen nicht genau beobachten; andererseits hört die komische Wirkung meist auf, wenn der Betreffende sich beobachtet fühlt. Dennoch ist es mir nach vielen vergeblichen Versuchen in einigen Fällen gelungen, eine genaue Beobachtung zu machen und konnte ich in der That als Wirkung des Komischen eine deutliche Erweiterung der Pupillen constatiren.
Es muss aber möglich sein, noch auf einem andern Wege
[1] Hieraus erklärt sich u. A. die auffällige Thatsache, dass das Schreien oder auch Stöhnen (welches ebenfalls ein Exspiriren bei theilweise geschlossener Stimmritze darstellt) bei körperlichem Schmerz wirklich eine Erleichterung verschafft.
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dasselbe Resultat, wenn es ein wirklich richtiges ist, festzustellen, nämlich durch eine unbefangene psychologische Betrachtung des Komischen, durch eine Zerlegung desselben in seine etwaigen einzelnen Factoren und Untersuchung, welche Wirkung diese auf den Organismus ausüben. Für die Art und Weise, wie solche Untersuchungen ausgeführt werden müssen, kann die treffliche Arbeit Dommrichs [1] als Muster angesehen werden. In Bezug auf das Lachen ist D. freilich zu keinem Resultat gekommen. Er sagt: Wie das spielende Vergleichen contrastirender Vorstellungen nun gerade diese Gruppe motorischer Nerven auslöst, ist schliesslich ebensowenig zu begreifen, als warum dies gekitzelte sensible Hautnerven thun." Auch Harless hat sich, wie schon oben erwähnt, mit dem Lachen aus psychischer Ursache beschäftigt. Er lässt dasselbe einfach aus dem Lustgefühl hervorgehen -- was, wie wir später sehen werden, durchaus nicht richtig ist -- und erklärt den organischen Zusammenhang in folgender Weise: Er sagt: Das Lustgefühl verlangt oder erleichtert und unterstützt jede organisch geforderte Bewegung (?); die von der Natur geforderte active Bewegung ist aber die Einathmung. (?) Es wird also beim Lustgefühl die Inspiration mit der grössten Leichtigkeit vollzogen, aber in der Exspiration, weiche eine ruhige Erschlaffung der Thoraxmuskeln und des Zwerchfelles erheischt, setzt sich die durch die Inspiration eingeleitete Contraction noch fort und geräth daher in Conflikt mit der jetzt organisch geforderten Erschlaffung, was sich in auf und abgehenden Excursionen am Zwerchfell um so leichter abspiegeln wird, als dieser Muskel bei Weitem die geringsten Massen und den grössten Spielraum, und an den Bauchmuskeln keine energischen Antagonisten hat.
Es ist nicht schwer einzusehen, dass diese Erklärung in keiner Weise zutrifft. Abgesehen von der mindestens nicht bewiesenen Prämisse, dass das Lustgefühl jede organisch verlangte Bewegung erleichtert, und der alleinigen Anwendung dieses Satzes gerade nur auf die Inspiration, scheint es mir unzweifelhaft, dass wir beim Lachen gerade keine erleichterte Inspiration, sondern eher eine erschwerte, beobachten und dass wir
[1] Die psychischen Zustände, ihre organische Vermittlung etc. Jena 1849.
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dasselbe vielmehr als eine gesteigerte, forçirte Ausathmungsbewegung (durch Contraction der Bauchmuskeln etc. verursacht) ansehen müssen, die beim starken Lachen sogar bis zum äussersten Punkt geht, bis man nicht weiter ausathmen kann. Die Inspiration ist wegen des bedeutenden zeitlichen Ueberwiegens der Exspiration (gerade im Gegensatz zu Harless' Behauptung) eine sehr hastige, überstürzte und gerade dieses Moment prägt dem Gesicht des Lachenden den ihm eigenthümlichen _mimischen Ausdruck_ auf.
Bei der Hast, mit welcher wegen sofort wieder drohender Exspiration die Einathmung geschehen muss, werden sämmtliche inspiratorische Hilfsmuskeln, auch die des Gesichtes, in Thätigkeit gesetzt, ähnlich wie bei Erstickungszufällen. (Vor Lachen ersticken"). Nicht allein der Mund steht offen und wird durch die Contraction der MM. zygomatici, levatores labii superior. propr. etc. möglichst vergrössert, sondern auch die Nasenflügel sind durch Betheiligung der MM. levatores alae nasi in ihre inspiratorische Stellung versetzt. Es ist diese letztere Thatsache von um so grösserer Bedeutung, als, wie Piderit sehr richtig nachgewiesen hat, der Hauptunterschied zwischen dem lachenden und weinenden Gesicht gerade darin besteht, dass beim lachenden die Nasenflügel in die inspiratorische Stellung versetzt, d. h. gehoben, beim weinenden dagegen durch den depressor alae nasi herabgezogen sind.
Wir kehren nach diesen Zwischenbemerkungen zu unserem Hauptthema zurück und wenden uns, zunächst ganz ohne Rücksicht auf das bisher Behandelte, zu einer psychologischen Entwicklung des Komischen.
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*B. Psychologie des Komischen.*