Die Philosophie unserer Klassiker: Lessing, Herder, Schiller, Goethe
Part 1
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Die Philosophie unserer Klassiker
Lessing · Herder · Schiller · Goethe
Von
Karl Vorländer
1923
J. H. W. Dietz Nachf. G. m. b. H.
Berlin und Stuttgart
Alle Rechte vorbehalten
Druck von J. H. W. Dietz Nachf. G. m. b. H. in Stuttgart
Vorwort
Goethe sagt einmal in einem seiner Sprüche in Prosa: Das _Klassische_ ist das _Gesunde_, das Romantische ist das Kranke. Von der gleichen Ansicht ausgehend, habe ich im vergangenen Sommersemester die Philosophie unserer Klassiker _Lessing_, _Herder_, _Schiller_, _Goethe_ meinen Zuhörern an der hiesigen Universität vorgetragen und lege sie nun hier, erweitert und ergänzt, einem breiteren Leserkreise vor. Ich tue das in der Überzeugung, daß es gerade in unserer Zeit und gerade auch in der Philosophie doppelt not tut, gegenüber aller ungesunden, sich auf unklare _Gefühle_ stützenden Romantik (verkappe sie sich hinter dem Namen reiner Ästhetik oder Theosophie oder Lebensphilosophie oder Patriotismus oder sonstwie immer), auf die reinen Quellen des Wahren, Guten und Schönen, wie sie in dem Denken und Dichten unserer großen Klassiker fließen, nachdrücklichst hinzuweisen. Während der Arbeit habe ich meine Freude daran gehabt, mich wieder einmal in ihre unvergänglichen, ewig jungen und wahren Gedankengänge vertiefen zu können, und hoffe, daß es meinen Lesern ähnlich gehen wird.
_Münster i. W._, im September 1922
=Karl Vorländer=
Inhalt
Seite
Vorwort III
Einleitung VII
Lessing
~A.~ Jugendjahre 1729 bis 1760 (Meißen, Leipzig, Berlin) 3
Auf der Fürstenschule zu Meißen -- Auf der Universität Leipzig -- Nach Berlin -- Stellung zur Religion um 1750 -- Religionsphilosophische und religionsgeschichtliche Schriften der 50er Jahre -- Mit Moses Mendelssohn und F. Nicolai.
~B.~ Das Jahrzehnt 1760 bis 1770 11
Weitere religionsphilosophische Entwicklung -- Von Christian Wolff zu Leibniz und Spinoza -- Philosophie der Kunst (Ästhetik): Der »Laokoon« -- Die Hamburger Dramaturgie.
~C.~ Das letzte Jahrzehnt 1770 bis 1780 26
Wiederum Religionsphilosophie: Wolfenbütteler Funde -- Die Fragmente eines Ungenannten (Reimarus) -- Der Streit mit der Orthodoxie (Antigoeze) -- Ergebnisse.
~D.~ Philosophische Weltanschauung überhaupt 37
1. Toleranz und Vernunftreligion: Nathan der Weise. 2. Religions- und Geschichtsphilosophie: Erziehung des Menschengeschlechts. 3. Ansichten über den Staat: Lessings politische Entwicklung. 4. Staats- und Gesellschaftsphilosophie in: Ernst und Falk. 5. Letzter philosophischer Standpunkt: Determinismus, Pantheismus, Spinozismus.
Schluß: Lessings Persönlichkeit 60
Herder
~A.~ Der junge Herder bis zur Übersiedlung nach Weimar 1776 65
1. Die Jugend (Mohrungen, Königsberg) 1744 bis 1764 -- Kant und Hamann 65
2. Vorherrschend literarisch-ästhetische Epoche 1765 bis 1772 69
In Riga -- Reisetagebuch -- In Straßburg: Vom Ursprung der Sprache.
3. Vorherrschend religiöse Periode 1772 bis 1776 72
Hofprediger in Bückeburg -- Älteste Urkunde des Menschengeschlechts -- Auch eine Philosophie usw. -- Vom Erkennen und Empfinden.
~B.~ Die Höhezeit 1776 bis 1788 77
In Weimar -- Theologische Schriften -- 1. Die Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit -- Politische Anschauungen -- Kritik des Christentums -- Wirkung des Werks -- 2. Die Gespräche über »Gott« -- Spinozismus.
~C.~ Das Ende 1789 bis 1803 91
Altersjahre -- Stellung zur Französischen Revolution -- Goethes Abwendung -- Der Kampf gegen Kant -- Tod.
Schiller
~A.~ Die Anfänge 1779 bis 1786 99
Auf der Karlsschule -- Die beiden medizinischen Dissertationen -- Rousseaus Einfluß: »Räuber« und Jugendlyrik.
~B.~ Die Übergangszeit 1787 bis 1790 103
Die Philosophischen Briefe -- Die Götter Griechenlands und Die Künstler -- Studium der Geschichte -- Erste Bekanntschaft mit dem Kritizismus.
~C.~ Die Höhezeit: Schiller als Jünger Kants 1791 bis 1795 108
Geschichtliche Entwicklung: Endgültige Bekehrung zu Kant -- Die ersten ästhetischen Aufsätze -- Anmut und Würde -- Die ästhetischen Briefe -- Naive und sentimentalische Dichtung.
~D.~ Schillers Philosophie in seiner Reifezeit 113
1. Methodisches und theoretische Philosophie. 2. Ethik. 3. Ästhetische Ergänzung der Ethik: das Sittlich-Erhabene und das Sittlich-Schöne. 4. Stellung zu Griechentum und Christentum sowie zur Religion überhaupt. 5. Zusammenfassung und Ergebnisse. 6. Die Grundzüge von Schillers Ästhetik. 7. Schiller als Politiker. 8. Schiller, der Idealist.
Goethe
~A.~ Anfänge 1774 bis 1776 151
Im Elternhaus -- In Leipzig -- In Straßburg: Berührung mit der französischen Philosophie, mit Herder -- Erste Bekanntschaft mit Spinoza -- Philosophische Gedichte.
~B.~ Das erste Jahrzehnt in Weimar. Die italienische Reise 1776 bis 1788 160
Pantheismus -- Neues Spinoza-Studium -- Nahe Freundschaft mit Herder -- Naturwissenschaftliche Studien (Metamorphose der Pflanzen) -- Einfluß Italiens auf seine Natur- und Kunstauffassung.
~C.~ Erstes Kant-Studium 1789 bis 1894 167
Lektüre der Kritik der reinen Vernunft -- Einfluß der Kritik der Urteilskraft.
~D.~ Der Freundschaftsbund mit Schiller 1794 bis 1805. Die Altersjahre 1805 bis 1832 172
Das glückliche Ereignis vom Sommer 1794 -- Das Jahrzehnt mit Schiller -- Verhältnis zu andern Denkern (Schelling, Herder u. a.) -- Spätere philosophische Studien u. Beziehungen.
~E.~ Goethes Philosophie in seiner Reifezeit 179
1. Theoretische Philosophie. 2. Ethik. 3. Religionsauffassung. 4. Politische Stellung. Sozialismus in Wilhelm Meisters Wanderjahren? 5. Die Kunst. Schluß.
Zur Literatur 189
Namenverzeichnis 192
Einleitung
Die Philosophie unserer Klassiker
Wir wollen uns in diesen Vorlesungen mit der Philosophie unserer Klassiker, d. h. unserer klassischen deutschen Dichter beschäftigen. Wer sind diese _Klassiker_? Wir wurden in meiner Jugend gelehrt, drei Dichterpaare des achtzehnten Jahrhunderts als solche zu betrachten: Klopstock und Wieland, Lessing und Herder, Schiller und Goethe. Allein das erste Paar dürfte schon in der allgemeinen Schätzung längst aus deren Mitte ausgeschieden sein. Mögen noch so starke Wirkungen auch von Wieland und Klopstock auf die Steigerung des dichterischen Gefühls und der künstlerischen Einbildungskraft, auf die Fortbildung unserer Sprache und deren poetische Form, auf die Lyrik insbesondere und den Roman ausgegangen sein, mögen sie noch in den Schulstuben unserer Primaner an der herkömmlichen Stelle stehen: in die Masse unseres Volkes sind sie nicht eingedrungen, ja sogar in dem geistigen Leben der großen Mehrzahl unserer Gebildeten führen sie kein lebendiges Dasein mehr. Was Lessings bekanntes Epigramm von _Klopstocks_ berühmtem Messias-Epos sagte:
»Wer wird nicht einen Klopstock _loben_! Doch wird ihn jeder _lesen_? Nein!«
das gilt heute nicht bloß von Klopstock überhaupt mit seiner Vereinigung von antiker Form und christlich-germanischem, zum Teil fast nordisch-germanischem Inhalt, den selbst unsere begeistertsten »Nationalen« kaum mehr bewundern, ja vielfach gar nicht mehr kennen. Das gilt erst recht von _Wieland_ mit seiner dem französischen Geschmack im Zeitalter eines Ludwigs XV. nachstrebenden, vielfach ins Lüstern-Weichliche hinüberspielenden Denkweise und seiner geradezu abschreckenden Weitschweifigkeit des Stils. Vor allem aber, beide kommen als _Philosophen_, also für unser Thema überhaupt nicht in Betracht. Von dem frommen Sänger der Messiade oder der Erlöser-Oden brauche ich das gar nicht erst nachzuweisen: weder er selbst noch sonst jemand hat Klopstock jemals für die Philosophie reklamiert. Und Wieland hat sich zwar in seinen Romanen, sogar mit Vorliebe, mit Gestalten, die uns aus der griechischen Philosophie bekannt sind, von Pythagoras, Demokrit und Sokrates an bis zu dem Wundermann Peregrinus Proteus und dem Spötter Lucian, am meisten bezeichnenderweise mit solchen aus der Periode ihres Niedergangs, beschäftigt; indes mit seinen oberflächlich-breiten Erörterungen für philosophische Methode oder Wissenschaft, ja nur für die schärfere Erfassung philosophischer Probleme nicht das mindeste geleistet.
Also bleibt es für uns bei den beiden anderen Paaren: _Lessing_ und _Herder_, _Schiller_ und _Goethe_, die heute noch, abgesehen vielleicht von dem minder bekannten Herder, bei allen denen lebendig sind, die überhaupt von den ewigen Geistesschätzen unserer klassischen Literatur und Dichtung zehren. Allein selbst bei diesen vier Großen läßt sich die Frage aufwerfen: Sind sie wirklich »_Philosophen_« im engeren Sinne des Wortes zu nennen? Hat doch keiner von ihnen ein philosophisches System entworfen, keiner sich selbst für einen Philosophen ausgegeben, keiner, wenn wir von Herders »Ideen« absehen, ein größeres philosophisches Buch geschrieben. Und doch, so lange es, um mit Kantischen Worten zu reden, eine Philosophie nicht bloß nach dem _Schul_-, sondern auch nach dem _Welt_begriff, mit anderen Worten eine Philosophie als Weltanschauung gibt, so lange werden auch Lessing und Herder, Schiller und Goethe in die Reihe der Philosophen gehören. Allerdings, und damit ergibt sich eine bestimmte Grenze für unsere Darstellung, nur, insoweit sie ihre Weltanschauung _philosophisch_ zu _begründen_ versucht haben.
Lessing
~A.~ Jugendjahre 1729 bis 1760
Meißen, Leipzig, Berlin (Religionsphilosophie)
Gleich der erste unserer vier Klassiker, Lessing, mutet uns so modern an, als wäre er einer der Unseren, mit seiner Mannhaftigkeit und Ehrlichkeit, seiner Geistesfreiheit und -klarheit. Und doch ist er vor beinahe zweihundert Jahren in einer kleinen hinterwäldlerischen Stadt der sächsischen Lausitz geboren, der Sohn eines rechtgläubigen lutherischen Pastors, der, ursprünglich auch gelehrten Studien zugewandt, in dem abgelegenen kleinen Nest immer mehr zum versauerten Orthodoxen und kirchlichen Eiferer geworden war. Sein Ältester, eben unser Gotthold, hat von ihm vielleicht die Heißblütigkeit im Kampfe für das als recht Erkannte geerbt, daneben eine gewisse Achtung vor ehrlicher Orthodoxie beibehalten.
Aus seinem sechsten Lebensjahr ist ein von einem herumziehenden Maler gefertigtes Bild von ihm und seinem Bruder Theophil erhalten: dieser streichelt ein Lämmchen, Gotthold wollte durchaus »von einem großen Haufen Bücher umgeben« gemalt sein. Kursachsen hatte seit der Reformation die besten höheren Schulen Deutschlands. So konnte der junge Lessing seiner Bücherliebhaberei genugsam frönen während der fünf Jahre 1741 bis 1746, die er auf der »Fürstenschule« Sankt Afra in _Meißen_ -- neben dem noch heute bekannten Schulpforta einem der ersten Gymnasien des Landes -- zubrachte. So tyrannisch wie Schiller und seine Jugendgefährten auf der Karlsschule wurden die Meißener Fürstenschüler zwar nicht behandelt, und Lessing hat später gern an seine Schuljahre zurückgedacht. Aber der Drill war doch auch hier stark und die Abgeschlossenheit von allem Modernen, wie es damals die englische Aufklärung zu vertreten angefangen hatte. Ähnlich wie in dem Königsberger Friedrichskolleg, in dem Kant ein Jahrzehnt früher seine acht Lehrjahre verbrachte, waren Religion mit 25 (!) und Latein mit 15 Wochenstunden der Mittelpunkt des Unterrichts. Und doch, alles dort eingeprägte Massenwissen strengte Gottholds schnell fassenden Geist nicht an, ja genügte ihm nicht. »Die Lektiones, die anderen zu schwer werden, sind ihm kinderleicht,« berichtete sein Rektor von ihm, »es ist ein Pferd, das doppeltes Futter haben muß.« Am meisten zog seinen verstandesscharfen Geist, der auch später die Begriffsoperationen bis zum Spielen mit ihnen geliebt hat, der daher auch, wie sein Saladin und sein Al-Hafi, stets ein eifriger Liebhaber des Schachspiels gewesen ist, die Mathematik an: er übersetzte den Euklid und wählte zum Thema seiner Abgangsrede (Juni 1746) »die Mathematik der Barbaren«, also der Nichtgriechen und -römer. Ins Philosophische schlägt die offizielle »Glückwunschungsrede«, die er zu Neujahr 1743 an den Vater schrieb, deren Thema der für einen noch nicht Vierzehnjährigen besonders altklug anmutende Satz ist, daß die Menschheit im Grunde weder einen besonderen Fortschritt noch einen Rückschritt zu verzeichnen habe, sondern daß jedes Jahr dem anderen gleich sei. Es ist eben eine im üblichen Geleise der herrschenden Leibniz-Wolffschen Schulphilosophie einhergehende rhetorische Schulübung eines besonders klugen Knaben, der den »deutlichen Ausspruch der Vernunft«, das »göttliche Zeugnis der Heiligen Schrift« und den »unverwerflichen Beifall« seiner -- vierzehnjährigen »Erfahrung« auf seiner Seite zu haben behauptet.
Auch auf der Universität _Leipzig_, die der Siebzehnjährige im September 1746, nach dem Wunsche des Vaters als Studiosus der Theologie, bezieht, scheint er philosophisch keine besonderen neuen Einsichten gewonnen zu haben. Wohl gehen in seinem inneren und äußeren Leben große Umwälzungen vor. Er sieht ein, daß die bloße Bücherweisheit ihn »wohl gelehrt, aber nimmermehr zu einem Menschen machen« würde. Er lebt in der reichen, blühenden Stadt, wo man »die ganze Welt im kleinen sehen« konnte, dem »Klein-Paris« in Goethes »Faust«. Er lernt Tanzen, Reiten, Fechten, verkehrt mit Schauspielern und anderen leichten Gesellen, dichtet nach der Zeitsitte leichte »anakreontische« Liedchen über Liebe und Wein, schreibt seine ersten Dramen, gibt dann 1748 sein theologisches Studium auf, studiert kurze Zeit Medizin und geht zu Ende des Jahres, als der erste freie Literat, der bewußt auf Anstellung im Hof- und Staatsdienst verzichtet, nach der preußischen Hauptstadt, die er nur vorübergehend verläßt, um 1750/51 in Wittenberg den Magistergrad, der ungefähr dem heutigen ~Dr. phil.~ entspricht, zu erwerben. Erst ein in ernster Auseinandersetzung mit dem Vater zur Rechtfertigung seines neuen Lebensplans geschriebener Brief vom 30. Mai 1749 zeigt, daß er auch eine religiöse Krisis hinter sich hat. »Die Zeit soll lehren,« schreibt er dem Vater mit der ruhigen Klarheit, die nur eine selbsterrungene feste Überzeugung verleiht, »ob der ein besserer Christ ist, der die Grundsätze der christlichen Lehre im Gedächtnis und oft, ohne sie zu verstehen, im Munde hat, in die Kirche geht und alle Gebräuche mitmacht, weil sie gewöhnlich sind; oder der, der einmal klüglich gezweifelt hat und durch den Weg der _Untersuchung_ zur Überzeugung gelangt ist oder sich wenigstens noch dazu zu gelangen bestrebt. Die christliche Religion ist kein Werk, das man von seinen Eltern auf Treue und Glauben annehmen soll.« Und vom christlichen Handeln bekennt er offen und scharf: »Solange ich nicht sehe, daß man eines der vornehmsten Gebote des Christentums, seinen Feind zu lieben, nicht besser beobachtet, so lange zweifle ich, ob diejenigen Christen sind, die sich davor ausgeben ...«
Diese festen und klaren Sätze des erst Zwanzigjährigen zeigen schon ganz den Lessing der Mannesjahre. Sie zeigen ihn ferner auf demjenigen Gebiet philosophierend, das bis zu seinem Tode das _Haupt_gebiet seines Philosophierens gebildet hat: dem der _Religion_. Und sie zeigen ihn in derselben Linie tätig, wie die Tendenzstücke unter seinen Jugenddramen, auf die wir hier nur hinweisen können; und, beiläufig gesagt, auf einem ähnlichen Wege, wie ihn der nur fünf Jahre ältere junge Kant ging. »Der junge Gelehrte« richtet sich gegen die Pedanterie und Schulfuchserei, »der Freigeist« gegen die oberflächlichen Aufklärer, welche alle Frömmigkeit als Beschränktheit oder Heuchelei verschreien, aber doch auch den irreligiösen Freigeist vom Vorwurf des Lasters freisprechend; und »die Juden«, wider die religiöse Unduldsamkeit gegen Andersgläubige, ein Vorläufer seines »Nathan«, den er übrigens schon um 1751 geplant hat.
Will man literarische Einflüsse geltend machen, so kann man auf den des berühmten französischen Skeptikers Pierre _Bayle_ hinweisen, jenes ersten Begründers der französischen Aufklärung, den schon der Student Lessing in den Vorlesungen des Professors Christ kennengelernt hatte, und dem er jetzt nähertrat. Mit Bayle, der überhaupt auf die erst allmählich sich aus den Fesseln der Theologie losringenden freieren Geister des damaligen Deutschlands: einen Winckelmann, einen Friedrich den Großen und andere mehr von nachhaltigem Einfluß gewesen ist, verbanden ihn mancherlei gemeinsame Geisteszüge: die ungeheure Belesenheit und Vielseitigkeit, die dialektische Meisterschaft, der Geist eindringender Kritik, aber auch die Duldsamkeit gegen anderer Überzeugung, die Kampfstellung infolgedessen nur gegen herrsch- und verdammungssüchtige Unduldsamkeit. Und neben Bayle stand dann bald sein Nachfolger und Fortsetzer _Voltaire_, mit dem Lessing ja in Berlin als sein zeitweiser Sekretär bekanntlich auch in persönliche, zuletzt recht unliebsame Berührung geraten ist; und neben ihm das Haupt der Enzyklopädisten, der feurige _Diderot_, der »durch Gänge voll Nacht zum glänzenden Throne der Wahrheit« führt.
Indes wir brauchen bei einem von Jugend auf so selbständigen Geist wie Lessing nicht einmal, jedenfalls nicht immer fremde Anstöße anzunehmen. Wie der dreiundzwanzigjährige Immanuel Kant in seiner Erstlingsschrift, deren etwas selbstbewußten Titel Lessing in einem später mit Grund gestrichenen Epigramm bespöttelte, das kühne Wort schrieb: »Ich habe mir die Bahn schon vorgezeichnet, die ich halten will; ich werde meinen Lauf antreten, und nichts soll mich hindern, ihn fortzusetzen«, so schreibt in demselben Alter auch der junge Lessing zu Wittenberg einem Bekannten den Vers ins Album:
»Wie lange währt's, so bin ich hin Und einer Nachwelt untern Füßen; Was braucht sie, wen sie tritt, zu wissen? Weiß _ich_ nur, _wer ich bin_.«
Und in einem Gedicht des Jahres 1749 hatte bereits der Zwanzigjährige, unbewußt und ohne dabei an sich selbst zu denken, den stolzen Adlerflug des freien Genies beschrieben:
»Ein Adler hebet sich von selbst der Sonne zu, Sein ungelernter Flug erhält sich ohne Ruh ... Ein Geist, den die Natur zum Mustergeist beschloß, Ist, was er ist, durch sich, wird ohne Regeln groß. Er geht, so kühn er geht, auch ohne Weiser sicher, Er schöpfet aus sich selbst, er ist sich Schul und Bücher.«
In diese Periode des Ringens mit sich selbst und den anerzogenen Vorstellungen, die jeder ernsthafte Mensch früher oder später in sich durchmachen muß, fallen mehrere Bruchstück gebliebene religionsphilosophische Lehrgedichte, wie »_Die Religion_« (veröffentlicht November 1751) und »_Über die menschliche Glückseligkeit_« (veröffentlicht 1753), auf die wir indes nicht näher eingehen: einmal, weil sie eben Fragmente geblieben sind und nicht viel mehr als Zeugnisse dieses inneren Ringens darstellen; dann auch, weil sie doch noch nicht den Lessing der Reifezeit enthalten, mit dem wir es vor allem zu tun haben. Es war wohl die Zeit, von der er später (um 1779) einmal rückschauend gesagt hat, daß er in ihr alle die verschiedenen neuerschienenen Schriften _für_ und _wider_ die Religion gierig verschlungen habe, ohne daß ihn eine ganz befriedigt hätte; sie hätten ihn vielmehr nur »von einer Seite zur anderen gerissen«. Und nun kommt eine Bemerkung, die so recht Lessings bis ans Ende seines Lebens ihm eigentümlich gebliebenes geistiges Verhalten kennzeichnet: »Je bündiger mir der eine das Christentum erweisen wollte, desto zweifelhafter ward ich. Je mutwilliger und triumphierender mir es der andere ganz zu Boden treten wollte: desto geneigter fühlte ich mich, es wenigstens in meinem Herzen aufrechtzuerhalten.« Es ist die Art des selbständigen Geistes, der in Dingen, die doch schließlich durch das persönliche Gefühl entschieden werden, gegen ihm von fremder Seite aufgezwungen werden sollende sogenannte Verstandes»beweise« sich wehrt; der Geist des Mißtrauens gegen sich aufblähende »Autoritäten« der einen oder der anderen Seite, gegen Systemmacherei überhaupt, die ihm einmal in einem scherzhaften Liede die Verse eingibt:
»Allen Narren, die sich ›isten‹, Zum Exempel Pietisten, Zum Exempel Atheisten, Zum Exempel Rabulisten -- -- -- -- -- -- Quietisten und Sophisten -- -- -- -- -- -- Mag ich, Lessing, nicht gefallen!«
In diesen Zusammenhang gehören auch die bei ihm so beliebten »_Rettungen_« einzelner von der hergebrachten Theologie, sei es der liberalen oder der orthodoxen, verketzerter Persönlichkeiten oder ganzer Richtungen, deren »Recht auf Ewigkeit« er untersuchen, denen er »unverdiente Flecken abwischen, falsche Verkleisterungen ihrer Schwächen auflösen« will. Dahin gehören z. B. die Rettungen einzelner durch die Autorität eines Luther niedergekämpften, nur unseren gelehrten Kirchenhistorikern bekannten Männer wie Cochläus oder Lemnius im sechzehnten Jahrhundert; dahin die des italienischen Renaissancephilosophen Cardano oder des deutschen Predigers Adam Neuser, die als »Atheisten« verdammt worden waren, weil sie -- das spätere Nathan-Problem! -- den Schein der Gleichberechtigung oder gar der Minderwertigkeit des Christentums gegenüber dem Islam nicht ganz vermieden hatten. Dahin auch die »_Gedanken über die Herrnhuter_« (1750), die im Grunde genommen -- sie sind freilich auch nur Fragmente geblieben -- so gut wie gar nicht von »diesen Leuten« selbst handeln, sondern sie nur zum Ausgangspunkt seiner eigenen ketzerischen Sätze benutzen. Er gibt darin eine Geschichte der Weltweisheit wie der Religion auf wenigen Seiten, von »Adam bis zur Gegenwart«, d. h. von den sieben Weisen Griechenlands bis zu Leibniz und Wolff -- Sokrates ist sein Held, Jesus ein von Gott erleuchteter Lehrer --, um daraus den Schluß zu ziehen: »Sie füllen den _Kopf_, und das _Herz_ bleibt leer.« Man wird »durchgängig finden, daß die Menschen in der einen wie in der anderen nur immer haben _vernünfteln_, niemals _handeln_ wollen«. Und doch »ward der Mensch zum Tun und nicht zum Vernünfteln erschaffen«. Das haben die Herrnhuter auf dem Gebiet der Religion zu ihrem Ziel gemacht. Lessing wünscht, daß auch in der Philosophie bald ein Mann mit ähnlichen Gedanken auftreten möge (wir denken dabei an J. J. Rousseau oder an Kants praktische Philosophie).