Die Pharisäer Ein Beitrag zum leichern Verstehen der Evangelien und zur Selbstprüfung

Part 9

Chapter 93,589 wordsPublic domain

Anstatt durch solche auffallende Zeichen auf Gottes Wege aufmerksam zu werden, „giengen die Hohenpriester damit um, auch den Lazarus zu tödten.“ War es möglich, die Verblendung weiter zu treiben? Konnte verhärtete Bosheit und Heuchelei schrecklicher wüthen? Gottes Werke wollte menschliche Tücke widerlegen -- +durch doppelten Mord+!!!

Unserm Herrn blieb von allen diesen Planen gewiß nichts verborgen; deßungeachtet ließ er sich nicht abschrecken, festen Sinnes den letzten Schritt zu thun, und seinen feierlichen Einzug zu Jerusalem als Messias zu halten. Welch’ ein Muth! Welche unerschütterliche Ergebung in den Willen seines Vaters! Aber auch andererseits welche Reinheit, welche Demuth, welche göttliche Hoheit! -- Da zieht er den Oelberg heran -- David’s und Gottes Sohn -- auf dem Füllen einer Eselin, das mit Kleidern seiner Jünger gepolstert ist.

Schaaren seiner Jünger und Verehrer begleiten ihn mit frohen Gefühlen. Jetzt kommt er auf die Spitze des Berges; Jerusalem, die prächtige, die sündhafte liegt zu seinen Füßen; ihr Anblick entflammt seine Begleiter zum lauten Triumphgeschrei -- +Jesus zerfließt in Thränen der Wehmuth und Erbarmung+. -- Kleider bedecken die Straße, Palmzweige wehen in den Händen, Freudenruf erfüllet die Luft -- Ihm glänzt die Thräne im Auge. +So ist er seinen Feinden furchtbar und unbezwinglich!+ --

Hier lernet Heuchelei und Wahrhaftigkeit, beide in ihrer Siegeshöhe, kennen; jene fliehen, diese nachahmen!!

* * * * *

Der Einzug unseres Erlösers zu Jerusalem giebt uns noch Gelegenheit zu mehr als Einer interessanten Vergleichung der Pharisäer mit andern geradsinnigen Menschen.

„+Meister, verbiete es doch deinen Jüngern!+“ So fuhren die Pharisäer unsern Herrn an, als die Schaaren seiner Verehrer ein lautes Hosianna dem Sohne Davids erschallen ließen. Die Jünger und die Volkshaufen, welche nach Bethanien gekommen waren, wurden durch die wechselseitig erregte Erinnerung an die großen Thaten Jesu ganz begeistert; sie waren jetzt gewiß, daß er und kein Anderer der Messias sei; darum gaben sie dem mächtigen Drange ihrer überzeugten Herzen nach, und drückten sich lebhaft und stark genug aus. Jesus ließ es geschehen, weil dieser ehrende Zuruf nur volle und reine Wahrheit enthielt. Die Sache so angesehen, gehörte doch nicht wenig freche Tadelsucht und schamlose Eigenliebe dazu, Jesus öffentlich darüber Vorwürfe zu machen. Aber hatten denn die Pharisäer auch hier wiederum gar so Unrecht? War Jesus nicht vom Synedrium förmlich als falscher Prophet und Messias erklärt worden? Wie konnten die alten, frommen Väter Israels sich so ganz an ihm versehen, wenn er der Sohn Gottes wirklich gewesen wäre? Was bedurfte es da noch einer eigenen Untersuchung jedes Einzelnen, wo die Vorsteher schon so bestimmt entschieden hatten? Diese unberufenen Tadler handelten im Geiste ihrer Sekte, und konnten sich in ihren Augen an einem Menschen, wie Jesus war, unmöglich versündigen.

Die Wahrheit dieser Erklärung wird unwiderleglich bestätiget durch den Ausbruch pharisäischen Unwillens, welchen Johannes erzählt: „+Ihr sehet, daß ihr nichts ausrichtet; sehet, die ganze Welt läuft ihm nach!+“ Sie hatten also schon gegen Jesus entschieden; einer nähern Prüfung wollten und konnten sie weder gemeinschaftlich noch für sich selbst seine Lehren und Thaten nicht mehr unterwerfen. Ihr ganzes Bemühen war nur dahin gerichtet, ihn um das Zutrauen des Volkes zu bringen, oder, wenn dieß nicht möglich wäre, aus dem Wege zu räumen. Daher der niederträchtige, feigherzige Zorn, als keines von beiden gelingen wollte. Und doch bildeten sie sich dabei ein, die Stützen der Wahrheit und Religion zu sein. Wie liebenswürdig erscheint hier der gemeine Jude, der sein redliches Herz dem Zuge des himmlischen Vaters folgen ließ, und Jesus als Messias bekannte, ohne einen Pharisäer zu fragen!

Als Jesus nach seinem Einzuge im Tempel verweilte, kamen Blinde und Lahme zu ihm, um geheilt zu werden. Der laute Ruf seiner Thaten, besonders der wiederbelebte Lazarus, hatte sie ohne Zweifel zu diesem Schritte ermuntert -- und zu ihrem Besten. Sie wurden wieder hergestellet. Die Hohenpriester und Schriftgelehrten waren +Augenzeugen+ dieser göttlichen Thaten, die doch wohl laut genug für seine Messiaswürde sprachen; sie sahen und hörten die Freude, den Jubel und Dank der Geheilten gegen Gott und seinen Sohn -- und +blieben ungerührt+! Aber noch mehr! Knaben fanden sich auch dabei ein; diese hatten es schon in den Straßen gehört, und hörten es jetzt von den Geretteten wahrscheinlich wieder mit Enthusiasmus ausrufen, daß Jesus der Sohn David’s sei; was war daher natürlicher, als daß sie mit jugendlicher Unschuld und Freude nachriefen: Hosianna dem Sohne David’s?! Dieß brachte die Pharisäer außer sich. „+Hörest du, was diese sagen?+“ Wie herzlos, wie empörend, und doch auch lächerlich klingen diese Worte im Munde der Meister Israels!! Jünger, Kinder -- Steine verkündigten die Ehre unseres Herrn; die Heuchler fluchten ihm, und segneten sich dabei -- Jehova zu Ehren! --

Kein Wunder! Jesus hatte sie auch zu arg gereizet. Zum zweiten Male nahm er ihnen ihr frommes Gewerbe im Tempel, indem er die Verkäufer austrieb. Dieß war in ihren Augen offenbar nur Rachsucht gegen sie, die er unter dem Schutze des mit ihm eingezogenen Volkes verübte. Da es schon Abend war, mußten sie es geschehen lassen; aber sie sannen wüthend auf Wiedervergeltung. Wie mancher Pharisäer wird sich in der folgenden Nacht wie ein getretener Wurm auf seinem Lager gewälzet und auf Racheplane gedacht haben!

Der Tag brach an; Jesus kam in den Tempel; das Volk strömte herbei; Jesus lehrte, wie gewöhnlich; die Hohenpriester und die Aeltesten des Volkes stellten sich auch ein; sie hatten schon ein Mittel ausgesonnen, sich für die Schmach des vorigen Tages empfindlich an ihm zu rächen. Todeshaß im Herzen, Brandmale im Gewissen, Ruhe im Gesicht, Wahrheit und Recht im Munde, Amteswürde im Gange -- so traten sie zu Jesus, unterbrachen seinen Vortrag und stellten feierlich die Frage: „Sage uns, aus welcher Vollmacht hast du das gethan? Und wer hat dir die Macht gegeben?“ -- Es war nicht so leicht, auf diese listige, unerwartet vorgelegte amtliche Frage auf der Stelle eine genügende Antwort zu geben. Wer Mißbräuche abstellen will, muß dazu befugt sein; Jesus hatte dieß gethan, und zwar auf eine für den Priester- und Levitenstand gar nicht ehrenvolle Weise. Sie hatten ihm dazu keine Erlaubniß gegeben; und er würde wohl auch vergeblich darum nachgesucht haben. Mit gutem Grunde konnten sie also ihm Verletzung der bestehenden Ordnung, Kränkung ihrer Ehre und Verminderung ihres Ansehens vorwerfen. -- Aber Jesus war ja als Messias in die Stadt eingezogen, und hatte mithin als solcher gehandelt! Eben dieß war es, worauf sie lauerten. Wie geschwinde würden sie ihm Beweise seiner Messiaswürde abgefordert, diese ungültig und nichtig befunden und ihm, als Betrüger, den Prozeß gemacht haben! Die Heuchler maßen unsern Herrn nach ihnen selbst; darum verrechneten sie sich so sehr. Reinheit des Herzens, Heiligkeit des Lebens, Wahrheit der Lehre, Weisheit und Kraft Gottes -- dieß waren die Waffen, mit denen er den großen Kampf für uns kämpfte. Er war bereit, sich zu verantworten, und öffentlich sich als Messias zu bekennen, sobald die Hohenpriester eine vorläufige Frage öffentlich beantworten würden; nämlich, ob Johannes, der Täufer, ein Prophet gewesen sei, oder nicht? Bejaheten sie die Frage, so hatte Jesus einen göttlichen Gesandten zum Zeugen, daß er Gottes Sohn sei; ein für Juden unwidersprechlicher Beweis! Leugneten sie die Sendung des Täufers, so mußten sie Beweisgründe anführen; woher wollten sie aber diese nehmen? Jesus war also auf jeden Fall gesichert -- durch Wahrheit; sie geriethen in die schrecklichste Verlegenheit. Welche Hölle mit allen Aengsten der Verzweifelung und Ohnmacht werden diese Elenden empfunden haben! Da stunden sie vor den Augen des Volkes; sagten sie ja, so mußten sie mit Schande abziehen; sagten sie nein, so drohten die gemeinen Leute, ihnen mit Steinwürfen den Gegenbeweis ihrer Lüge zu machen. Ihre Fuchsnatur fand noch einen Schleichweg -- +sie wußten es gar nicht+, ob Johannes von Gott oder Menschen gekommen sei. Nun blieb auch Jesus seine Antwort schuldig. Aber lieber wollten sie die Sache unentschieden lassen und mit Schande bedeckt abziehen, als dem verhaßten Nazarener Recht geben. --

Winkelzüge dieser scheußlichen Art, Verleugnung der Wahrheit und Anhänglichkeit an die Lüge unter der Maske des Guten mit solcher Tücke und Verhärtung -- welche Warnung für uns Alle! Wie sehr sollen wir uns hüten vor den Anfängen und leisesten Spuren der Heuchelei um nicht so zu enden!

Jesus ließ Manches der Art ohne besondere Bemerkung an sich vorübergehen; aber dieser Vorfall ergriff ihn selbst zu lebhaft, regte gerechten Unwillen und tiefes Mitleid zu sehr in ihm auf, als daß er den Pharisäern ihr Unrecht nicht hätte zu verstehen geben und noch einen Versuch zu ihrer Besserung machen sollen. In malerischen Gegensätzen schilderte er ihr Betragen gegen Gott und seine Gesandten, und brachte sie auch dießmal dahin, sich selbst das Urtheil zu sprechen. Ein gewaltiger Stich aber mußte ihnen durch ihr Herz gehen, da Jesus vor allem Volke den Täufer für einen Propheten erklärte, und ihre erheuchelte Unwissenheit beschämte. Kränkender konnte überdieß kaum etwas sein, als daß er Huren und Zöllner mehr bei Gott gelten ließ als sie, die angepriesenen Musterbilder ächter Frömmigkeit. Ein ernster, wohl zu beherzigender Wink, daß Gott Sünder, die +offenen+ Ungehorsam verüben, aber denselben +innig+ und +thätig+ bereuen, liebevoll aufnimmt, während er Frömmler, die +scheinbar+ seinen Willen thun, +im Geheimen+ aber seinen Namen schänden, und +keine Reue+ fühlen, wohl gar auf +Belohnung+ Anspruch machen, mit richterlichem Unwillen verwirft! Der gewöhnliche Sünder spricht: „Ich will nicht,“ und thut zuletzt doch noch den Willen des Vaters; der schlaue Heuchler sagt mit schmeichelnder Miene: „Ja, Herr!“ und thut das Gegentheil. Mit welchem haltet ihr es lieber, Menschenkinder?! -- --

Doch unser Herr war damit noch nicht zufrieden, bloß überhaupt das Betragen dieser Leute gerüget, und die göttliche Sendung Johannes in Schutz genommen zu haben; sie hatten in seinen Augen -- und bei wem nicht? -- eine noch schärfere Ahndung in Bezug auf ihr Verhalten gegen seine eigene Person verdient. Aber er kleidete diesen äußerst eingreifenden Verweis in Parabeln ein -- von den +Pächtern des Weinberges+ und von der +königlichen Mahlzeit+.

Sie faßten auch den Sinn so richtig und ganz, wenigstens so weit er sie betraf, daß sie schon nach der ersten Parabel fest entschlossen waren, sich seiner zu bemächtigen, und ihm für die Zukunft Gelegenheit und Macht zu solchen Angriffen zu nehmen. Nur eines hielt sie ab -- Heuchelei. Mit dem Volke wollten sie es nicht verderben; denn dieses hielt Jesus für einen Propheten, und entschiedene, öffentliche, formwidrige Prophetenmörder wollten sie doch nicht sein. Listiger waren sie doch, als -- ihre Väter.

Als aber Jesus auch die zweite Parabel mit gleicher Unbefangenheit und Unerschrockenheit vortrug, riß ihre Geduld, die Furcht ward überwunden auf einer Seite, auf der andern waren sie noch gefesselt davon; darum „+giengen sie hin, und hielten einen Rath, wie sie ihn fienqen in seiner Rede+.“

In diesem Rathe ward ein Projekt beliebt, ihn sagen zu machen, daß dem Kaiser der Zins nicht gebühre. Eigentlich waren die Pharisäer wider den Kaiser, hatten ihm auch keinen Eid schwören wollen; aber der König der Wahrheit war +ihnen+ noch mehr zuwider, weil sie bei dem noch mehr zu verlieren hatten. Und so schickten sie sich in die Zeit, und machten Allianz mit dem Kaiser, um sich durch den geringern Feind den größern vom Halse zu schaffen. Christus sollte sagen; es sei nicht recht, daß man dem Kaiser Zins gebe; und dann war er verloren -- meinten sie.

Aber wie macht man ihn das sagen? -- Die schlauen Füchse kannten sich, und wußten, daß eine Wanne mit Wasser eher überfließt, wenn sie in Bewegung gesetzt ist. Deßwegen beschloßen sie weiter, ihm durch verstelltes Lob und durch Anerkennung seiner Competenz das Herz vorher groß zu machen, seine Wahrhaftigkeit, seinen geraden Sinn und sein Nichtachten der Person vor dem Volke zu loben, damit er geneigt würde, gleich eine Probe davon gegen den Kaiser zu geben.

Das Alles war hier nun freilich nicht angebracht; aber sie verstunden das nicht besser, und so sandten sie denn ihre Jünger -- Und Herodis Diener mußten gleich mitgehen, damit es bei dem Zeugenverhör desto weniger Weitläufigkeit gäbe, oder als gute Freunde, die den Sieg mit ansehen und ausbreiten helfen sollten. Ja oder Nein! und in beiden Fällen siegten die Pharisäer. Denn sollte Christus den Zins gut heißen, und also dem Hauptprojekte ausweichen, so verdarb er es beim Volke, das den Zins ungern bezahlte, und von seinem Messias Befreiung von allem fremden Joch erwartete.

Die Sache war sehr klug angelegt, und wäre unter gleichen Umständen gewiß Zehn- gegen Einmal durchgegangen. Hier, wie gesagt, gieng’s nicht.

„Da nun Jesus ihre Schalkheit merkte, sprach er: Ihr Heuchler, was versuchet ihr mich?“

Das war der freimüthige, gerade Sinn &c. den sie aus Schalkheit gelobt hatten, wahrhaftig; aber anders, als sie erwarteten.

Mathematisch gewiß waren wohl die Pharisäer des guten Ausganges nicht; denn sonst wären sie selbst gekommen, und hätten nicht ihre Jünger geschickt. Indessen hatten sie doch ohne Zweifel, gute Erwartungen, und sie haben ohne Zweifel den Deputirten Jüngern in einem nicht geringen Tone von ihrer klugen Anlage und Erfindung gesprochen, und diese hatten gewiß ihre heimliche Freude, daß Christus von dem allem nichts wisse, und ihrem ehrbaren Gesichte nicht ansehen werde, was hinter ihrer Frage stecke. Da kann man denken, wie sie erschrocken sind, als unser Herr Christus anfieng zu sprechen, und seiner Gewohnheit nach nicht dem Gesichte, sondern dem Herzen antwortete.

„Wessen ist das Bild und die Ueberschrift?“ Fühlst du nicht den +feinen+ Sinn? -- Ueber das Ebenbild Gottes hatten die Eiferer für die Religion nichts zu fragen, wohl aber über das silberne Ebenbild des Kaisers. -- Die Zinsmünze und das Geben oder Nichtgeben derselben war im Grunde eine kleine und unbedeutende Angelegenheit, die über ihre Glückseligkeit nichts entschied. -- Ueberhaupt war die ganze Frage über das Recht und Unrecht der Zinsmünze eine sehr alberne Frage, und gerade soviel, als wenn ein Ehebrecher fragen wollte, ob es recht sei, die auf den Ehebruch gesetzte Strafe zu bezahlen? -- Man sieht, wie die Pharisäer eigentlich stunden, und was von allen Seiten für Anlaß und Raum zu bitterer Antwort war; und Gott weiß, daß sie hier nicht unverdient gegeben wäre. Aber Er war zu +gut+, bitter zu sein. Auch war er nicht gekommen, das letzte Wort zu behalten, und über die Künste der Pharisäer und +Welt+-Weisen zu triumphieren, sondern die Künstler selig zu machen.[25]

* * * * *

Die Antwort unseres Herrn war entscheidend und beschämend; der Sieg vollkommen. Erstaunt über seine Weisheit und Scharfsichtigkeit schlichen sich die jungen Männer davon, welche als Werkzeuge boshafter Tücke gedient hatten. Sollte sich nicht Mancher darüber geschämt haben? Sollte nicht bei Manchem ein Zweifel an der Redlichkeit und Wahrheitsliebe der Meister in Israel aufgestiegen sein? Wenn wir in ihren Herzen hätten lesen können! Was mag Jesus darin gesehen haben! -- Wie unglücklich macht doch Heuchelei!

Aber auch wie unheilbar! Wer hätte es erwartet, daß die Pharisäer nach so vielen, schmachvollen Niederlagen die Angriffe auf Jesus nicht aufgeben würden? Und doch war es so. Kaum waren die albernen Einwürfe leichtsinniger Sadducäer gegen die Auferstehung mit Würde und Nachdruck beantwortet, als schon wieder eine Parthie zusammentrat, und die alte Streitfrage über das +wichtigste Gebot+ im Gesetze wieder auf die Bahn brachte. In Galiläa und Judäa blieb sich diese Secte gleich; engherzig, streitsüchtig und eigenliebig drehte sie sich stets im Kreise um denselben Punct und verwarf und verfolgte Jeden, der diesen Kopf und Herz betäubenden Kreisgang nicht mitmachte. Was half es, daß Jesus sie auch in Jerusalem in diesem Stücke zurecht wies? Sie hörten, wandten sich weg, warfen seine Antwort weg -- aber nicht ihren Haß gegen ihn. Bewundern muß man in solcher Lage die Langmuth und die Liebe Christi, der nicht müde wurde, seine Todfeinde zu retten, noch weniger müde, als sie, ihn zu verderben.

* * * * *

Ein höchst demüthigendes Beispiel von der tiefen Geistesarmuth der in ihrer Einbildung an Gotteskenntniß überreichen Pharisäer liefert die +letzte Frage+, welche Jesus ihnen vorlegte. „Was dünket euch von Christus? Wessen Sohn ist er?“ -- „+David’s+“ war die fertige Antwort, die sie mit schülerhafter Hast und wohl nicht ohne hämischen Seitenblick über die Leichtigkeit der Frage gaben. Allein sie hatten nur halb die Wahrheit getroffen. Sobald daher Jesus auch die andere Hälfte verlangte, und sie mit David’s eigenen Worten darauf hinwies, verstummten sie, und „konnten ihm nichts antworten.“ War es möglich? Sogar nothwendig. Die Heuchler suchten nicht Gott, sondern unter einem heiligen Namen nur sich; sie forschten nicht nach Wahrheit, sondern unter gutem Vorwande nach eigenem Vortheile; daher wollten sie als Messias zunächst einen Sohn David’s, groß, mächtig, reich, angesehen, kriegerisch, allenfalls auch gesetzlich fromm und den Heiden feindlich. Dabei fanden sie ihre Rechnung. Wie hätten sie da an eine höhere -- göttliche Natur und Würde des Messias denken, wie die Frage unseres Herrn auch nur verstehen können! Gottes Sohn war ihnen etwas Unbedeutendes gegen einen Helden, der die Römer schlug, und ihre Beutel und Bäuche füllte. Unter seiner milden Regierung hätten sie wohl auch Jehova -- und sich Wolken von Weihrauch aufsteigen und fette Opfer bluten lassen.

Schmerzlich wird es den hochgelehrten Rabbinen doch gefallen sein, daß sie mit der Antwort auf eine so wichtige, und wie man allgemein vermuthen mußte, ihnen wohl bekannte Frage ins Stocken geriethen; und dieß dem neuen Lehrer gegenüber, auf den sie gewiß nicht selten mit Verachtung herabsahen, weil er in ihren Erblehren und Zusätzen zu Moses nicht bewandert war, ja nicht einmal Werth darauf legte. Was dachte wohl das umstehende Volk? Ein neuer Grund, sich zu schämen und zu ärgern. So stößt der Heuchler am Ende überall an.

XIX.

Letzte Rede Jesu gegen die Lehre und gegen das Leben der Pharisäer.[26]

Paulus gehörte einst auch selbst zu der angesehenen Secte der Pharisäer. Allein er riß sich davon los, nachdem er die Allgewalt des Wortes Gottes auf die erschütterndste und ergreifendste Weise an sich selbst erfahren hatte. Niemand konnte daher die Kraft göttlicher Aussprüche besser und zuverläßiger schildern, als er; Keiner hat es auch nachdrücklicher gethan, als er in seinem Briefe an die Hebräer IV, 12-13, wo er den Unglauben und Ungehorsam bedroht: „+Lebendig ist Gottes Wort und kräftig, und schärfer als jedes zweischneidige Schwerdt; es dringt durch bis zur Scheidung von Seele und Geist, von Mark und Bein; und es richtet Gedanken und Anschläge des Herzens; und kein Geschöpf ist verborgen vor ihm, sondern Alles ist enthüllt und aufgedeckt vor den Augen dessen, von dem wir reden+“ -- nämlich vor Jesus von Nazareth, dem Sohne Gottes und der Menschen. Durch ihn haben sich auch „diese Worte vor unsern Ohren erfüllet,“ da er wenige Tage vor seinem Welterlösenden Tode eine Charakterschilderung der Heuchler seiner Zeit entwarf, wie es nur der „Herzenskenner“ vermochte. Wäre an diesen Menschen noch etwas zu bessern gewesen, so hätte sie diese gewaltige prophetische Strafrede unfehlbar aus scheinheiligem Sündenschlafe aufgeschreckt. Doch dieß gieng nicht mehr an. Indeß konnte es Jesus auch nicht ärger mit ihnen verderben, als es bisher durch Lehre und That geschehen war. Auf jeden Fall lernte sie das Volk kennen, wenn er ihnen die Heuchlerlarve abriß, und sie in ihrer häßlichen Naturgestalt unverhüllt sehen ließ. Seine Jünger konnte er nicht kräftiger vor Heuchelei warnen, als wenn er ihnen das Bild dieses scheußlichen Lasters so lebendig vor Augen stellte. --

Bei dem verzehrenden Feuereifer, von dem unser Herr bei dieser Rede ergriffen war; bei dem grimmigen Hasse seiner erbosten, niederträchtigen Feinde; bei dem gewaltigen Einflusse auf die Herzen des Volkes; bei dem mehr als menschlichen Ansehen und Berufe, den er hatte, bleibt es -- menschlich betrachtet -- immer eine eben so bewunderungswürdige, als nachahmungswerthe Erscheinung, daß er in seinem Vortrage sogar nichts Ueberspanntes zeigte, so weit von schwärmischer Hitze entfernt war. Mit der ruhigsten Besonnenheit und billigsten Schonung räumt er den Pharisäern die Würde und die Rechte ein, die ihnen gebührten. Mit dem Priester, mit dem Leviten hatte er nichts zu thun, aber an dem Heuchler in beiden hatte er vieles zu tadeln. Er that dieses, ohne jenem die seinem Amte gebührende Achtung zu versagen. „+Auf Moses Stuhl sitzen die Schriftgelehrten und Pharisäer &c.+“ damit erkennet er ihr Recht, Gottes Wort vorzulesen und auszulegen -- wie es ehedem +Moses+ gethan hatte -- aber freilich in Moses +Sinn+ und +Geiste+! Was sie so gebieten würden, sollten alle Juden halten. Man übersehe es nicht, +wie Jesus das Volk anweiset, den wahren Lehren der ordentlichen Vorgesetzten sich anzuschließen! Er billigte es nicht, daß Jeder seinen eigenen Weg gieng, und sich selbst sein Gesetz machte.+

„+Aber nach ihren Werken sollet ihr nicht thun; denn sie sagen es wohl, aber thun es nicht.+“ Welche Wendung! Was für Lehrer waren die, deren Thaten ihren schönen Worten widersprachen? Gaben sie damit nicht selbst Jesus die Waffen in die Hand? Glichen sie nicht Giftpflanzen mit lockenden Blüthen? Ihrem Lehramte ließ Jesus volles Recht widerfahren; allein um so schärfer und schonungsloser mußte er nach Allem, was er von ihnen sah und hörte, ihr Leben angreifen. +Sagen+ und +nicht thun+. Andern strenge gebieten, und selbst übertreten -- Darin fand Jesus den charakteristischen Zug der Heuchelei, und diesen hob er ohne Rücksicht hervor.

Nun folgen +Beispiele+ von Reden und Thaten der Pharisäer, denen man +nicht+ folgen soll. -- Das Erste, was Jesus rügte, war ihre +Schriftauslegung+. Sie machten Gottes Wort zu einer unerträglichen Last. Nicht nur zerstückelten und zerschnitten sie den Text so lange, bis alles Leben und aller Geist verschwunden war, sondern sie gaben jedem Gesetze die ungemessenste Ausdehnung, wollten triefäugigen Sinnes alle möglichen Fälle vorhersehen, und ersäuften auf diese Weise Gottes hohe und reine Gedanken in dem todten Meere rabbinischer Noten und Glossen. Die gesetzlichen Vorschriften häuften sich daher durch den gelehrten Eifer und durch die scharfsichtige Frömmigkeit der Meister Israels so sehr, daß man sie kaum fassen, viel weniger ausüben konnte. Desto unbarmherziger bestunden die Pharisäer auf der pünktlichsten Beobachtung eines jeden Jota und Striches. Nur Eines vergaßen sie dabei -- das +eigene gute Beispiel+. Dazu wollten sie sich so wenig verstehen, daß sie alle verschmitzten Kunstgriffe aufboten, um sich, wenigstens im Stillen, die Last des Gesetzes vom Halse zu schaffen. Sinnreich erfanden sie tausend Gründe, mit denen sie ihr Gewissen über die gröbsten Gesetzesverletzungen zu beruhigen wußten. Aber die Leute durften das nicht wissen, viel weniger sehen. Vor den Augen der Menschen thaten sie selbst den übertriebensten Forderungen Genüge, damit sie bewundert und gelobt wurden -- die guten, großen Geister!