Die Pharisäer Ein Beitrag zum leichern Verstehen der Evangelien und zur Selbstprüfung

Part 8

Chapter 83,581 wordsPublic domain

Diese Zurechtweisung wäre stark genug gewesen, um Menschen, welche weniger erboßt und nicht so ganz an innere Schande gewöhnt waren, verstummen zu machen; die Pharisäer aber wurden nur noch schamloser und zudringlicher mit Fragen: „+Was hat er dir gethan? Wie hat er deine Augen aufgethan?+“ Auf diesem Wege hofften sie wenigstens der äußerlichen Schande zu entgehen, und ihre Ehre vor Menschen zu retten, wenn der Blindgeborne bei so oft wiederholter Erzählung etwas weglassen oder hinzusetzen würde, was ihnen Anlaß gäbe, die That und ihren Urheber verdächtig zu machen. Welche Niederträchtigkeit!

Diese Bemerkung entgieng auch dem armen Manne nicht. Es ist wirklich ein anziehendes Schauspiel, das Lamm mitten unter Wölfen mit so viel Ruhe, Besonnenheit, Muth und Geistesgegenwart reden und handeln zu sehen. Je schlichter sein Verstand, je unverdorbener sein Herz war, desto tiefer und schmerzlicher empfand er die Tücke seiner Gegner. Entschlossen weigerte er sich, die Erzählung zu wiederholen, und schloß mit einer beißenden Gegenfrage: „Oder wollet etwa auch ihr seine Jünger werden?“

Das gieng ihnen durch das Herz; sie sahen, daß der Mann ihre Arglist durchschauet habe, und ergrimmten. Allein es war ein ohnmächtiger Grimm, der sich höchstens in +Schimpfwörtern+ Luft machen konnte. So sehr vergaßen sich die Meister Israels, die Vorbilder der Rechtglaubigkeit und Frömmigkeit, die Richter über göttliche Thaten und göttliches Leben!!! Moses Sendung von Jehova war jetzt ihr letzter Anhaltspunkt; Moses Jüngerschaft ihr einziger Wunsch, ihr Stolz -- wer hätte dieses von den unumschränkten Vertheidigern der Satzungen der Alten erwarten sollen? An Jesus können sie nur keine Spur einer göttlichen Sendung finden.

„Eben darin liegt das Sonderbare, daß +ihr+ nicht wisset, woher er ist &c.“ gab unvergleichlich schön und treffend der Blindgeborne zur Antwort. Schärfer hätte er ihre Eitelkeit nicht züchtigen, tiefer ihren schriftgelehrten Stolz nicht beugen können, als dadurch, daß er das prunkende: „+Wir+ wissen“ mit einem solchen „+Ihr+ wisset nicht“ erwiederte. Sein mit allem Grunde empörtes Gefühl legte ihm einen eben so kräftigen als kurzen und gehaltenen Verweis auf die Zunge. Wer bewundert nicht die Herrschaft über sich selbst in solcher Lage? Wer möchte ihm nicht um den Hals fallen für die Schutzrede, welche er so bündig, so nachdrücklich, so unerschrocken seinem Wohlthäter hielt? Wer verabscheuet nicht die Pharisäer, welche aufhörten, wie sie angefangen hatten, indem sie auch ihn für „geboren in Sünden“ erklärten, während sie allein die Reinen -- in +ihren+ Augen, -- waren und blieben? Wer läßt sich nicht freudig mit dem Blindgebornen aus der Synagoge stoßen, wo solche Versammlungen von solchen Menschen sind?

Evangelium! du Gottes Wort! Was für ein Strom von Licht, welche Allmacht der Kraft, welcher Himmel von Seligkeit liegt in Dir! Was hast du, Erlöser! mit Einer That aus diesem Blinden gemacht! Wie bieder, wie gerade, wie bescheiden, wie mäßig, wie entschlossen, wie gottbegeistert steht er da unter schlauen, verkehrten, unverschämten, leidenschaftlichen, lichtscheuen, von der Hölle entflammten Heuchlern! -- Und noch hatte der Verbannte seinen Retter -- den Sohn Gottes nicht gesehen. Er sah ihn, fiel nieder, betete an -- +wir mit ihm+!!

XVI.

Beantwortung der Frage eines Schriftgelehrten über die Liebe.[21]

Schon der königliche Sänger spricht von Leuten, welche „segnen mit dem Munde, und doch im Herzen fluchen,“ deren „Worte glatt, wie Oel, unter deren Zunge Dolche sind.“ David lernte sie als seine furchtbarsten Gegner kennen. Dieselbe Erfahrung machte unser Herr. Er hatte Menschen um sich, welche seine Denk- und Redeweise einstudirten, sich ihm mit verstellter Lernbegierde näherten, zur Verstärkung des Scheines wohl gar ernstliche Sorgen für ihr Seelenheil blicken ließen, gar demüthig um Belehrung über die wichtigsten Gegenstände baten -- alles bloß in der boshaften Absicht, ihn bei solcher Gelegenheit in die damals geführten Streitfragen zu verwickeln, und durch freimüthige Entscheidung derselben verhaßt zu machen. So schlich sich einmal ein Gesetzgelehrter an ihn heran, und trug die Frage vor: „Lehrer! was muß ich thun, damit ich das ewige Leben ererbe?“ Schon die Ausdrücke sind hier mit Sorgfalt und Bedacht gewählt. Jesus sprach gerne von +ewigem Leben+, und bezeichnete damit den höchsten, vollkommensten Zustand, welchen der Mensch in sittlicher und religiöser Hinsicht für Zeit und Ewigkeit erreichen kann. Die heiligen Schriften des A. B. hatten sich derselben Sprache schon bedient; aber aus den Schulen der geistlosen Rabbinen war sie verbannt worden oder doch verdrehet. Sie stritten sich lieber, selbst in ihren erbaulich sein sollenden Vorträgen an das Volk, darüber, ob die Sitten- oder die Ceremonialgesetze den Hauptpunkt der Gottes-Verehrung ausmachten; und die Zahl derer, welche sich für Opfer und Gebräuche entschieden, war aus sehr nahe liegenden Gründen nicht die kleinere, bei dem großen Haufen aber die beliebtere. Stellte der Schriftgelehrte die Frage in der gewöhnlicher Schulform, so konnte er nicht hoffen, Jesus in die Falle zu bringen; darum heuchelte er die Sprache unseres Herrn, und glaubte nun, seiner Sache gewiß zu sein. Ueberdieß war der Punct, wie man wohl sieht, von höchster Bedeutung; es handelte sich um das Wesen der Religion. Die Frage selbst lautete so allgemein und unbestimmt, daß die entgegengesetztesten Antworten statt finden konnten.

Dazu wurde auch dem Gesetzgelehrten freier Spielraum gegeben. Er mußte sich selbst in seiner Schlinge fangen. „Was steht im Gesetze geschrieben? Wie liesest du vor“ -- in der Synagoge oder im Tempel? Mit dieser Gegenfrage nöthigte ihn die göttliche Weisheit, die Antwort selbst zu geben, und zwar aus dem +Gesetze+, nicht nach Lehrmeinungen der Schule. Ganz im Sinne Jesu berief er sich auf die geistreichste Schriftstelle, welche hier beizubringen war. Er hatte die Lehrart unseres Herrn gut und richtig gefaßt, und wußte sich fein genug zu wenden. Allein alle Schlauheit half nichts. „Du hast recht geantwortet; thue das, so wirst du leben,“ hieß es, und damit hatte +Gottes Wort+ entschieden. Einwenden ließ sich nun eigentlich so geradezu nichts; das fühlte der Schriftgelehrte nur zu gut. Für das Gegentheil stunden ihm keine Schriftstellen zu Gebote. Aber er war nun in eine ärgerliche Verlegenheit gerathen. Entweder mußte er den Verdacht auf sich ruhen lassen, daß er gleiche Gesinnung mit dem Lehrer von Nazareth hege, oder er gab sich auf einer andern Seite bloß, als uneingeweihter und ungeschickter Vertheidiger seiner Schule. Doch half er sich noch einiger Maaßen heraus durch eine neue spitzfindige Schulfrage: „+Wer ist mein Nächster?+“ -- Spitzköpfige, engherzige Rabbinen hatten auch da den hohen, reichen Sinn der heiligen Schrift sich und andern verkümmert, dadurch daß sie unter dem Nächsten +nur den Juden+ verstanden wissen wollten. Dieser Lehre der Alten mit dürren Worten zu widersprechen, war eben nicht ganz rathsam, schon um einen langen und heftigen Streit zu vermeiden. Da stund unserm Herrn ein unfehlbares Mittel zu Gebote -- die +Parabel+. In dieser lag die Antwort und der Beweis, beide durch eine Geschichte anschaulich gemacht, so klar und unwiderleglich, daß sie dem überraschten Schriftgelehrten das Geständnis abzwang, „der, welcher Barmherzigkeit an ihm gethan hat“, d. i. der +Samarite+ sei der +Nächste+ des +Juden+ gewesen. Nun konnte er auch nicht mehr läugnen, daß die Liebe ächter Art weder an eine Nation, noch an eine Religionsform, noch an einen Stand gebunden sei, sondern dort walte, wo ein edles Herz sich finde, welches dem göttlichen Zuge folgt. Schwer mag es allerdings den Rabbi angekommen sein, solche Dinge einzuräumen, die mit seiner Lehre in geradem Widerspruche stunden; und wohl wurde es ihm noch sauerer darum, weil seine Glaubensgenossen, ein +Priester+ und ein +Levite+, die Gott und sein Gesetz so genau im Kopfe hatten, eine gar schlechte Rolle spielten neben dem hochherzigen, menschenfreundlichen Samariten.

XVII.

Ueber Heuchelei im Urtheilen.[22]

„+Heuchler! Das Ansehen des Himmels wisset ihr zu beurtheilen, aber bei den Zeichen der Zeit vermöget ihr es nicht?+“ -- Auch bei dieser Stelle glaubt man es unserm Herrn gewöhnlich auf sein Wort, daß et seinen guten Grund gehabt habe, die Pharisäer Heuchler zu nennen; aber selten bekümmert man sich darum, zu seiner eigenen Warnung und Belehrung, die Ursache dieses Vorwurfes zu erforschen. Und doch liegt sie so nahe!

So viele und so große Wunder hatte Jesus bereits gethan vor den Augen Israels. Waren dieß nicht kennbare und leicht verständliche +Zeichen Gottes+ zu +ihrer Zeit+, die ihnen sagten, was jetzt geschehe, und was bald kommen werde -- +das Reich Gottes mit seinem Sohne+? Gehörte dazu mehr Schärfe und Tiefe des Verstandes, als zu den alltäglichsten Wetterprophezeihungen? Wo fehlte es denn? Im +Herzen+; an +gutem Willen+; an +reiner Liebe zur Wahrheit+. Die Natur sahen die Pharisäer nicht als ihren Feind an; von ihr befürchteten sie nichts für ihr System, für ihre Ehre oder für ihren Beutel. Ganz anders verhielt es sich mit Jesus. Darum wurde ihr Geistesauge böse, neidisch, trübe; sie sahen nicht an Jesu Lehren und Thaten, was sie am Himmel wahrnahmen -- +weil sie nicht wollten+. Obwohl die Zeichen so deutlich waren, als Wolken, Farbe, Wind im Luftkreise, so verstunden sie doch davon so wenig, daß sie von Jesus ein „Zeichen vom Himmel“ verlangten, d. h. ein ungewöhnliches, recht viel Lärm und Aufsehen erregendes Spektakel. Ihr triefäugiger Sinn und Verstand erblickte in den göttlich wohlthätigen Heilungen Jesu nur etwas Gemeines, Alltägliches; sie argwöhnten sogar -- wie in unsern Tagen -- nur Täuschung und Betrug. Ein klarer Beweis, daß sie an Jesus ihren Mann nicht gefunden hatten, daß er bisher noch gar nicht nach ihrem Sinn und Geiste gehandelt hatte; darum waren sie auch nicht aufgelegt, ihn zu verstehen und anzuerkennen. Fand nun hier nicht Tücke des Herzens, Krümmung der Seele statt? Entwickelte sich nicht daraus nothwendig Verdüsterung der Erkenntniß? --

Doppelsinn im Herzen, getheilt zwischen Gott und der Welt, hinkend auf beiden Seiten, ist der Heuchler nie im Stande, jede Sache in ihrem natürlichen und wahren Gesichtspunkte zu fassen, und ein richtiges Urtheil zu fällen. Diese Verkehrtheit im Urtheilen ist es auch, was Jesus hier vorzüglich bestimmte, die Pharisäer der Heuchelei zu beschuldigen. Davon überzeugt uns am besten die Verbindung, in welcher die eben behandelte Stelle bei Lukas vorkommt. Das unserm Herrn aufgedrungene Schiedsrichteramt, welches die unübertrefflichen Lehren über Reichthum, Vertrauen auf Gott und Wachsamkeit veranlaßte; dann die tiefen Bemerkungen über die entgegengesetzten Wirkungen der Stiftung seines Reiches im Vorhergehenden geben mit dem folgenden Licht genug, um uns zu zeigen, worinn nach dem Sinne Jesu Heuchelei des Urtheiles bestehe. Wie lehrreich sind in dieser Beziehung die Erzählungen von den hingerichteten Galiläern und von der Heilung der Frau am Sabbate[23]! Man kann durch Vergleichung und Nachdenken daraus lernen, wie groß das Gebiet der Heuchelei sei, wie tief ihre Wurzeln in das Innerste unseres Herzens dringe, wie mannigfaltig sich ihre Erscheinung gestalte. Wer soll sich zu Betrachtungen dieser Art nicht hingezogen fühlen, da dieselben mit unserm Heile in so naher Verbindung stehen?

XVIII.

Verhalten der Pharisäer vor, bei und nach dem Einzuge Jesu zu Jerusalem.[24]

In den letzten Tagen unseres Herrn nahm alles einen weit höhern Schwung, einen viel raschern Gang; Thaten drängten sich auf Thaten, Reden auf Reden. Noch ein Mal durchbrach die untergehende Sonne der Gerechtigkeit die düstern Wolken des Hasses und der Verfolgung, und leuchtete in ihrer ganzen Kraft und Herrlichkeit, um die Herzen der Menschen für Wahrheit und Liebe zu entzünden. Aber auch die Werkzeuge des Fürsten der Finsterniß verdoppelten ihre Kräfte, ließen boshafte Ränke, tückische Arglist, offenen Haß und verbissenen Grimm in allen höllischen Farben der Heuchelei spielen, und erhöhten dadurch die Majestät des Glanzes, der vom Sohne Gottes ausgieng.

Zu Bethanien erscholl das Allmachtswort: „+Lazarus, komm heraus!+“ Und der Verstorbene kam heraus. Wer vermag den Eindruck dieser erstaunlichen That zu beschreiben? Was mußte sich in den Herzen der Maria und Martha und gleichgesinnter Zuschauer regen? Wie demüthigend und erhebend zugleich werden sie die Nähe Gottes gefühlt haben? „Viele von den Juden, die zu Maria gekommen waren, und sahen, was er that, +glaubten an ihn+.“ Dieß waren keine gemeinen Leute, sondern angesehene Männer aus der Hauptstadt. Bisher hatten sie sich nicht zu recht finden können in Bezug auf die göttliche Sendung Jesu; aber dieser außerordentliche Thatbeweis überwog alle Zweifel und Bedenklichkeiten; sie wurden überzeugt, und bekannten ihre Ueberzeugung laut am Grabe. An ihnen erfüllte sich das, was Jesus in seinem Dankgebete gesprochen hatte.

Aber wer hätte es glauben sollen? Einige blieben ungerührt bei der erhabenen, wahrhaft göttlichen That. Es waren wohl dieselben, welche die unschätzbaren Thränen Jesu am Grabe seines Freundes mit ihrer Lästerzunge begeiferten, und die lieblichen Worte bewegter Seelen: „Siehe! wie lieb er ihn hatte!“ mit unmenschlicher Gefühllosigkeit als Zeichen der schmerzlich gefühlten Ohnmacht des vorgeblichen Propheten deuteten. „Konnte der, welcher die Augen des Blinden aufthat, nicht machen, daß dieser nicht starb?“ -- Welche Herzen! Welche Gesinnungen! Das war die fromme Bildung, welche die Pharisäer den ihrigen gaben! Wem schaudert nicht vor dieser pharisäischen Gerechtigkeit, welche taub gegen die Stimme der Natur, unempfindlich gegen die zartesten Rührungen der trauernden Liebe, ausgelernt in boshafter Verdrehungskunst wüthende Schlangenbisse des unversöhnlichsten Religionshasses in die Unschuld der reinsten Menschlichkeit thut? Befremden kann es da freilich nicht mehr, aber Entsetzen über den Abgrund der Verkehrtheit und Verhärtung erregt es, wenn man lieset: „+Einige aber aus ihnen giengen hin zu den Pharisäern, und sagten ihnen, was Jesus gethan hatte+.“ Wie mit der erfreulichen Nachricht eines unerwartet entdeckten Verbrechens eilten sie in die Hauptstadt, um anzusagen, der verhaßte Nazarener sei plötzlich in Bethanien erschienen, und habe da schon wieder einen Todten erwecket. Waren es gutmüthig dumme Werkzeuge der Pharisäer, oder wußten sie, was sie thaten, und warum? In beiden Fällen bebt der wahrhaft Gute zurück -- ein Mal vor der schrecklichen List und Gewalt heuchlerischer Gottesgelehrter, und dann vor der furchtbaren Selbstverblendung befangener, herzloser Systematiker, wie sie damals in Judäa waren.

Welch’ ein großes Gewicht die Pharisäer zu Jerusalem auf diese Anzeige legten, läßt sich daraus abnehmen, daß sogleich der hohe Rath sich versammelte, um in seiner Weisheit zweckmäßige Maaßregeln zu ergreifen gegen den kühnen Volksverführer. Dieß war wirklich der Standpunkt, auf welchen sie ihre Leidenschaft gestellt hatte. Johannes lüftet den Schleier, und läßt uns mehr als Einen Blick in das Geheimniß der Bosheit thun. In ihre Berathungssaale legten sie, weil sie unter sich und einander gleich waren, die Maske der Heiligkeit ab, und äußerten ihre Gesinnungen unverholen: „+Was thun wir? Denn dieser Mensch thut viele Zeichen.+“ Eine ganz andere Sprache, als die, welche · sie vor den Ohren des Volkes führten: „Er treibt die Teufel nur durch den Obersten der Teufel aus.“ -- „Was hat er dir gethan? Wie hat er deine Augen aufgethan?“ Da leugneten sie die Wunder, oder wollten wenigstens den Schein gründlicher und redlicher Zweifler haben. Jetzt können und wollen sie nicht mehr läugnen, aber auch nicht glauben. Sie gerathen in Verlegenheit; denn es liegt am Tage, daß Jesus Wunder thut, Wunder sind aber nach ihrer eigenen Lehre Beweise göttlicher Sendung; warum erkennen sie Jesus nicht als Propheten? Hat er etwa nur Scheinwunder verrichtet? Auf denn! Entdecket den Betrug, entlarvet den Verführer, und weiset das Volk zu recht! Fehlt es euch doch nicht an kritischem Scharfsinn und feiner Verdrehungskunst; die Geschichte des Blindgebornen beurkundet, daß ihr Sterne der ersten Größe am allerneuesten exegetischen Himmel sein könntet --

„+Wenn+ wir +ihn gehen lassen, werden alle an ihn glauben+.“ Das war ein Mal aufrichtig gesprochen; nicht die Lehre, nicht die Wunder stunden ihnen im Wege, sondern die +Person+ Jesu und das allgemeine große +Ansehen+, welches er sich ohne ihr Zuthun, ja gegen ihr Wollen und Sträuben erworben hatte. Sich glaubten sie zurückgesetzt zu sehen, ihr Ansehen zernichtet, ihre Lehrstühle entbehrlich gemacht, wenn der Nazarener so viele Anhänger finde. Jesus hätte nicht nur ihre Menschensatzungen, er hätte Moses und die Propheten angreifen und umstürzen dürfen, wenn er nur Befreiung vom römischen Joche geprediget, den Pharisäern geschmeichelt, ihnen hohe, einträgliche Stellen in seinem Reiche versprochen hätte. Da er aber nur von Besserung, von einem himmlischen Reiche, von Freiheit durch lebendige Wahrheit, von Demuth und Selbstverleugnung, von reiner Liebe sprach, und dieß Alles, ohne von ihnen dazu autorisirt zu sein: so konnte Gott mit dem ganzen Himmel wohlthätiger Kräfte und Thaten an diesen selbstsüchtigen Frommen nichts ausrichten; sie drückten die Augen zu vor dem Glanze seiner Herrlichkeit; sie verhärteten ihr Herz gegen seine Vaterstimme; sie stritten gegen Gott, um +ihre+ Religion zu vertheidigen.

Aber mit welchen Waffen wollen sie sich in diesen entsetzlichen Kampf wagen? Mit geistigen nicht: diese haben sie nicht; sondern mit dem Rüstzeuge dieser Welt. „+Dann werden die Römer kommen und uns Land und Leute nehmen.+“ Höret ihr die staatsklugen Väter des Volkes? Da sie unsern Herrn von sittlicher und religiöser Seite nicht mit Grund anklagen, da sie seine Wunderthaten nicht leugnen oder widerlegen konnten, so liehen sie seinem göttlichen Plane der Menschenerlösung eine +politische+ Wendung. Durch den Glauben an Jesus war der Staat bedroht. Eigentlich aber drückten sie sich nur zweideutig aus; denn der +Staat+ -- das waren +sie+. -- -- Die Geschichte bestätiget es unwiderleglich, daß nach dem Tode unseres Herrn die fanatischen Pharisäer sich von den schlechtesten Betrügern, als vorgeblichen Messiassen (Joh. V, 43), zu allen Greueln der Empörung hinreißen ließen; worauf dann wirklich die Römer kamen, und ihnen Land und Leute nahmen. Diejenigen aber, welche an Jesus glaubten, entgiengen diesem Grausen erregenden Untergange des jüdischen Staates. -- Es bleibt aber ein für alle Jahrhunderte merkwürdiger Zug des Verfolgungsgeistes scheinheiliger Heuchler, daß die Pharisäer die Sache der Religion so listig mit der Politik zu vermischen wußten.

Wie Bileam wider seinen Willen Israel segnete, so weissagte Kajaphas das größte Heil für das Menschengeschlecht, da er Tod und Verderben über Jesus schnaubte. „+Besser ist es, Ein Mensch sterbe für das Volk, als daß das ganze Volk zu Grunde gehe.+“ Wie wahr im Sinne Gottes, und wie entsetzlich im Munde des staatsklugen Oberpriesters! Der Mann war würdig in dem Rathe der Pharisäer oben an zu sitzen, obwohl er selbst nicht zu diesem Orden gehörte, sondern Sadducäer war. Aber in listiger Verstellung und vermummter Ungerechtigkeit gab er dem wüthendsten Pharisäer nichts nach. Ohnehin haßten die Sadducäer Jesus so sehr, als die Pharisäer. -- Das rasche, blutige Wort riß die erbitterten, aber unschlüssigen Pharisäer aus ihrer Verlegenheit. Ob Jesus schuldig oder unschuldig sei, kam jetzt nicht mehr in die Frage; sondern ob er noch länger geduldet werden könne, oder nicht. Sie fanden ihn unerträglich für ihre Lehre und mehr noch für ihre Lebensweise; also war er gefährlich, staatsverderblich -- +todeswürdig+. Von nun an dachten sie ernstlich auf seinen Untergang und auf die Mittel dazu. Um aber doch auch die Form des Rechtes zu beobachten, machten sie einen Befehl bekannt, daß jeder eifrige Jude gehalten und verbunden sei, den geheimen Aufenthaltsort Jesu anzuzeigen, damit man ihn ergreifen könne.

Woher ist denn diesen weisen Vätern der Muth auf ein Mal so sehr gewachsen, daß sie es wagten, öffentlich die Hand nach Jesus auszustrecken? Diese Kühnheit ist so groß nicht, als sie beim ersten Anblicke zu sein scheint. Sie hatten ja schon einen vorbereitenden Schritt gethan durch das Verbot, Jesus für den Messias zu erkennen. Da er sich dadurch von seinem Lehren und Wirken nicht abschrecken ließ; da es vielmehr von seiner Messiaswürde immer lauter wurde: so schien dieser zweite Befehl nicht übereilt zu sein. Ueberdieß durften sie auf ihr priesterliches Ansehen doch auch etwas rechnen, besonders zu Jerusalem und in Judäa; und für diese Gegend scheint die Aufforderung besonders gegolten zu haben wegen dem Aufenthalte Jesu während der Festzeit. Endlich war ihr Anhang unter dem vornehmen und niedrigen Pöbel immer noch groß und stark genug, um die sich erst bildende Parthei unseres Herrn zu überwältigen, da sich ohnehin nur gute, stille Menschen an ihn anschlossen. Man vermißt also auch bei diesem offenen Mordanschlage die Fuchsnatur der Heuchler nicht.

* * * * *

Einen schönen Contrast mit der im Finstern schleichenden Bosheit der Pharisäer bildet die +ächte Klugheit+ und der +wahre Muth+, welchen Jesus in seiner immer schwieriger werdenden Lage bewies.

Er wollte sterben zum Wohle der Menschen, aber nicht früher und nicht anders, als es der Wille seines Vaters war. Darum wich er mit der besonnensten Vorsicht der Verfolgungswuth seiner erboßten Feinde aus, und zog sich nach Ephraim zurück, einem Städtchen, welches nahe an der Wüste lag, und ihm einen sichern Zufluchtsort gewährte. In dem Charakter unseres Herrn lag also weder die unüberlegte Hitze des Fanatikers, der sich blindlings in Gefahr und Tod stürzet, noch die schwachherzige Feigheit des Heuchlers, der Wahrheit und Tugend menschlichen Rücksichten opfert. Durch weise Mäßigung ward er uns Muster der Nachahmung. --

Als seine Stunde gekommen war, legte er einen Muth und eine Entschlossenheit an den Tag, welche seine Freunde in die höchste Begeisterung versetzte, und alle Feinde in die schrecklichste Verlegenheit stürzte. Wer hätte es erwartet, daß er sich sobald wieder nach Bethanien wagen würde? Ja, er ließ sich von Maria als den Retter ihres Bruders auf eine ausgezeichnete Weise verehren, billigte nicht nur ihre dankbare Gesinnung, sondern nahm sie sogar gegen pharisäische Seitenbemerkungen des Judas und der von ihm verleiteten Jünger in Schutz.

Niemals trug Jesus seine Wunderthaten zur Schau; aber eben so wenig verbarg er sie ohne Noth. Dießmal wollte er die Erweckung des Lazarus so laut und öffentlich bekannt gemacht wissen, als es möglich war; denn diese That war entscheidend.

Was werden die Hohenpriester von diesen scheinbaren Widersprüchen der Schüchternheit und Kühnheit in dem Betragen Jesu gedacht und gefaselt haben? Ungefähr dasselbe, was noch heute sadducäische Feinde und pharisäische Freunde von seinen Lehren und Thaten träumen und schwätzen.

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An der heiligen Flamme des Gottbegeisterten Führers entzünden sich die Herzen Aller, die mit frommem Vertrauen um ihn sind. Dieß war der Fall bei Maria, Martha und Lazarus. Unverholen bekannten sie sich zu dem verfolgten, geächteten Lehrer von Nazareth, liebten und verehrten ihn als ihren Freund und Retter vor den Augen Aller, in der Nähe der Hauptstadt, in dem Angesichte seiner Todfeinde, die mächtig, angesehen und gewissenlos genug waren, um alles Böse fürchten zu lassen.

Das Volk -- war es anders gesinnet, als die hochherzigen Geschwisterte? Schaarenweise zog es nach Bethanien, sahe Lazarus, und glaubte an Jesus, gegen das scharfe Verbot der Hohenpriester: Die Wahrheit sprach zu laut zum Herzen des gemeinen Mannes, daß er nicht Gott mehr hätte gehorchen sollen, als den Menschen.