Die Pharisäer Ein Beitrag zum leichern Verstehen der Evangelien und zur Selbstprüfung

Part 7

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Nikodemus, der sonst so schüchtern war, konnte den empörenden Auftritt nicht mehr aushalten; das lebendige Gefühl für Wahrheit und Recht, welches ihn beseelte, gab ihm Muth, die hohe Versammlung auf ihre übereilte Hitze und Partheilichkeit aufmerksam zu machen. Wahrlich ein Licht am finstern Orte, dessen reiner Strahl für das Geistesauge um so lieblicher und willkommener ist, je tiefer und stürmischer die Nacht der Leidenschaften den Zuschauer umhüllt! Allein sein edler Sinn, sein besonnenes Wort, seine schonende, kluge Warnung macht nur die Verkehrtheit der Andern noch bemerklicher. Nicht nur richtete Nikodemus nichts aus; er selbst wurde mit dem brandmarkenden Sektennamen des „+Galiläers+“ belegt, und wie sie wähnten, widerlegt. Zuletzt schloß sich die Scene, wie sie eröffnet worden war -- mit Scheingründen, welche der bitterste Haß angab: „+Aus Galiläa ist noch kein Prophet aufgestanden+“ -- also +wird+ keiner auferstehen; also +kann+ Jesus kein Prophet sein! Eine Schlußart, die solcher Meister im Heucheln und Verfolgen würdig ist!

War denn Jesus ein +geborner+ Galiläer? Hielt es gar so schwer, der Wahrheit durch Nachfrage auf die Spur zu kommen? Oder ließ es die schriftgelehrte Erbitterung und der beleidigte Stolz nicht zu? Auf jeden Fall bleibt es merkwürdig, wie Gott auch diesen Umstand der verkannten Geburt seines Sohnes zur Probe der reinen Wahrheitsliebe, die nicht an Zeit und Ort hängt, machte, und zur Erreichung seines göttlichen Planes benützte.

„Und ein Jeder gieng in sein Haus.“ Lassen wir uns dieses sein Symbol geistiger Einkehr bei und in uns selbst sein, um über diese wichtigen Vorfälle vor Gott nachzudenken -- +um unser selbst willen+!

XIV.

Die Pharisäer und die Ehebrecherin vor Jesus.[16]

Was der heilige Sänger von der Sonne mit frohem Jubel ausspricht: „Sie stralt hervor, wie ein Bräutigam aus seinem Zimmer, und freudig, wie ein Held, durchläuft sie ihre Bahn;“ dasselbe gilt in einem noch viel höhern Sinne von Jesus, bei der rastlosen Vollendung seines Erlösungswerkes. Jeden Morgen gieng er mit unerschöpfter Kraft, mit nie zu ermüdender Beharrlichkeit, mit dem heitersten Eifer an seinen Beruf, den Menschenkindern den „Willen seines Vaters bekannt zu machen“ „und Gutes zu thun.“ So fand er sich auch an dem Tage nach dem Laubhüttenfeste mit Tagesanbruch im Tempel ein; denn sehr wahrscheinlich hielten sich noch viele Festpilgrimme zu Jerusalem auf, und traten erst an diesem oder dem folgenden Tage ihre Rückreise an. Diesen wollte er noch durch Lehren eine göttliche Wohlthat erweisen. Sonst war es eben nicht seine Gewohnheit, lange in der Hauptstadt zu verweilen.

Aber auch seine Feinde schliefen und schlummerten nicht. Jesus konnte kaum thätiger auf Menschenwohl bedacht sein, als sie auf seinen Untergang. Heute waren die Pharisäer schon sehr frühe daran, ihn endlich einmal in ihr Todesnetz zu verstricken. Daß es nicht gelang, war gewiß nicht ihre Schuld; sie thaten alles, was teuflische List und Bosheit im Gewande des Gesetzeseifers vermochte.

Eine Frau wurde auf frischer That als Ehebrecherin ertappet. Die Pharisäer liessen sie sogleich ergreifen, und führten sie nicht vor den Richter, sondern zu Jesus; denn blitzschnell hatten sie in ihr ein Mittel entdeckt, unserm Herrn eine Falle zu legen, die beinahe unvermeidlich und doch so trefflich verkleidet war, daß Niemand, der nicht tiefer sah, daran das Werk der niederträchtigsten Leidenschaft erkennen konnte.

Moses hatte auf den Ehebruch den Tod durch Steinigung als Strafe gesetzt. Dieß galt auch noch zu den Zeiten Jesu; nur durften die Richter die Todesstrafe nicht mehr vollziehen, ohne die Genehmigung des römischen Landpflegers, weil der Kaiser sich als Landesherrn betrachtete. Hätte nun Jesus den Ausspruch gethan, sie sollten nur ohne weitere Umstände die im Gesetze bestimmte Strafe vollziehen, so wären sie zu Pilatus gelaufen, und hätten ihn als Empörer gegen des Kaisers Gebot angeklagt, während sie dieselbe Erklärung an jedem Andern als ächten Patriotismus, als heiligen Eifer für Gottes Gesetz, als gerechte Verachtung der heidnischen Herrschaft über das Volk Gottes gerühmt und sich eines solchen Helden gefreuet haben würden. Die Geschichte bestätiget dieß auf mehr als Einem Blatte. Gemäß der bekannten Strenge in sittlicher Hinsicht hatten sie auch wahrscheinlich keine andere Entscheidung von Jesus erwartet. Wurden sie aber auch in dieser schönen Hoffnung getäuschet, so stund ihnen doch noch ein Weg der Verfolgung gegen den Galiläer offen. Hätte nämlich Jesus sich dahin geäußert, daß sie die Ehebrecherin zwar steinigen, aber zuvor die Bestätigung des Pilatus einholen sollten, so würden sie ihn unter dem Volke als einen von dem väterlichen Glauben und Gesetze Abtrünnigen, als einen Freund und Beschützer aller Sünder und Aergernisse, als einen Schmeichler und Partheigänger der Römer verschrieen haben. Wie fein war also nicht das Netz gestellt!

Betrachtet man aber die Sache von einer andern Seite; wie viel Schein des Guten hatten die Pharisäer für sich? Verdiente nicht vor allem ihre Wachsamkeit gebührendes Lob, durch welche es ihnen gelungen war, diese schändliche That zu entdecken? Gaben sie dem Volke nicht einen sprechenden Beweis, daß sie seinen Lieblingslehrer selbst hochschätzen, da sie ihm einen so wichtigen Fall zur Entscheidung vorlegten? Legten sie nicht Eifer, Muth und Beharrlichkeit an den Tag, dadurch daß sie Moses Gesetz selbst in den Tagen der Unterdrückung aufrecht zu erhalten strebten? Wer kann zweifeln, daß sie nicht auch das Aeußere -- Worte, Mienen, Stellung -- so abgemessen und einstudirt hatten, daß nicht so leicht Jemand ihre Tücke ahnen konnte?

„Jesus aber bückte sich nieder, und schrieb auf die Erde.“ -- Ein Zeichen der Unaufmerksamkeit auf ihre vorgelegte Frage, wodurch er zu verstehen gab, daß er weder von dieser Sache etwas wissen, noch sie entlarven und beschämen wollte. Allein sie verstunden ihn nicht, und mochten dieses sonderbare Benehmen für Unentschlossenheit und Verlegenheit halten; um so mehr fühlten sie sich in ihrer geheimen Freude aufgemuntert, auf eine entscheidende Antwort zu dringen. Diese ward ihnen: „+Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe zuerst den Stein auf sie!+“ -- Das traf, wie ein Blitz vom heitern Himmel. Betäubt, stumm und starr vor Schrecken, Schaam und Zorn stunden jetzt die Musterbilder der Heiligkeit da; ihre geheime Schande lag vor Aller Augen enthüllet; aufgedecket war die tückische Bosheit bei Vorlegung der Frage; entschieden hatte Jesus, daß sie nicht die Sünderin strafen, sondern ihm eine Falle legen wollten; darum zeigt er, +daß sie im gleichen Falle mit der Ehebrecherin seien; daß sie zuerst sich selbst steinigen müßten+. Wider alle Erwartung und Wünsche drang ihnen Jesus dieses Mal einen Beweis seiner göttlichen Sendung auf, der nun so unwiderleglicher war, da er in +ihrem Gewissen+ einen lauten, unabweislichen, unfehlbaren Zeugen fand. Es war nicht nöthig, ihre Sünden auf den Boden zu schreiben[17]; sie waren mit unauslöschlichen Zügen in die Tafel ihres Herzens gegraben; und da ließ sie Jesus lesen, was sie nicht wollten, und was Niemand wissen konnte, als der Herzenskenner. Läugnen und widersprechen gieng bei aller sonstigen Dreistigkeit nicht an; sie waren zu gut getroffen, zu tief verwundet; +sie schlichen sich Einer nach dem Andern davon+ -- und hinterließen den Heuchlern aller Zeiten ein warnendes Beispiel, was sie von dem, der „die Wahrheit ist“, und der „Herz und Nieren prüfet“, zu erwarten haben, wenn sie auch ihre schwachen Brüder -- die Menschen täuschen.

XV.

Die Pharisäer untersuchen gerichtlich die wunderbare Heilung des Blindgebornen.[18]

Licht und Finsterniß, Wahrheit und Lüge treten dießmal in einem wunderbaren Kampfe auf; kaum läßt uns eine andere Begebenheit des Evangeliums tiefer und deutlicher in das Labyrinth heuchlerischer Verblendung und Verkehrtheit blicken; aber kaum zeigt uns auch eine Geschichte der Zeit Jesu auffallender die unbesiegbare Kraft der reinen Liebe zur Wahrheit. Daher muß jeder Zug dieses herrlichen Gemähldes unsere ganze Aufmerksamkeit fesseln.

„Wer hat gesündiget? Dieser oder seine Aeltern, daß er blind geboren wurde?“ Welche Frage? Wer hätte sie von den Jüngern unseres Herrn erwartet? Es war noch pharisäischer Sauerteig, der in ihrem Herzen gährte; in der Synagoge war er hineingelegt worden. So licht- und lieblos konnten nur Pharisäer urtheilen; sie lehrten, daß alles Uebel von besonderer Art wohlverdiente Strafe früher begangener Sünden sei; ja, daß an Kindern die Vergehungen der Aeltern bestraft würden; noch mehr, daß Jemand schon vor seiner Geburt, in einem frühern Lebenszustande, könne gesündiget haben, und jetzt dafür leiden müße. Damit war nun der +Gewissensrichterei+ ein weites Thor geöffnet; das gemeine Volk lernte diese empörende Sprache nur zu bald führen, weil sie den kürzesten Aufschluß in jedem Falle gab. Ueber der Heuchellehre anmaßender Selbsterfinder vergaß man +Gottes Wort+, welches laut bezeugte, daß +Hiob+, +Joseph+, +David+, +Jeremias+, viele Andere, gelitten hatten -- nicht, weil sie in jedem Falle Sünder waren, sondern weil Gott sie liebte und prüfte. Unter dem Lärm gelehrter Schreier verscholl fruchtlos die Stimme +Ezechiels+, durch welchen Jehova gesprochen hatte[19]: „+Die Seele, welche sündiget, soll sterben. Der Sohn soll nicht tragen die Missethat des Vaters.+“ War es nicht gerechte Strafe von Gott, wenn er solche „blinde Führer“ in die Irre gehen ließ, daß sie eher eine Art +heidnischer Seelenwanderung+ zur Erklärung des Uebels zu Hülfe nahmen, als Belehrung aus +ihres Gottes Wort+ und +That+ schöpften?

In himmlischer Verklärung trit auch hier das Evangelium mit seinem reinen Gottesglauben der doppelherzigen Heuchelei gegenüber. „Weder dieser hat gesündiget, noch seine Aeltern; sondern +Gottes Werke sollten an ihm offenbar werden+.“ Freilich eine ganz andere Auflösung des Knotens, als die pharisäische! Gott ließ diesen Mann blind geboren werden, damit er durch die Heilung desselben mittelst seines Sohnes verherrlichet würde. Der Vater im Himmel behandelt seine Kinder nicht nach dem erträumten Strafcodex sauertöpfischer Heuchler, sondern er leitet sie in unendlicher Liebe zu seines Namens Ehre. Wenn anders die Worte unsers Erlösers zu unserer Belehrung und Anweisung gesprochen sind: so dürfen wir es als unbezweifelten Grundsatz der göttlichen Regierung auch heute noch annehmen, daß Unglückliche in der Welt sind, damit der +Sohn+ des Vaters Werke -- Erbarmung, Rettung, Liebe -- an ihnen mit göttlicher Macht und Weisheit thue, und damit die, +welche dem Sohne angehören+, in ihrem Kreise und nach ihren Kräften +deßgleichen thun+. Welch’ ein Trost für den Elenden! Welch’ eine Aufmunterung für den Glücklichen! Welch’ eine Schande für den Heuchler! --

Diese Schande muß bis zum Erblassen und Erstarren, so wie jener Trost bis zum Frohlocken und Jubel steigen, wenn man den Sohn Gottes sein +Werk Gottes am Sabbate+ schon zum voraus rechtfertigen höret. Die Aufträge der Liebe seines Vaters gegen seine Kinder gestatten keinen Sabbat, sondern müßen an jedem Tage, zu jeder Stunde, wo es seyn kann, vollzogen werden. Die Sonne erquicket und erfreuet nach ihres Schöpfers Willen alle Tage die ganze Natur; so handelt auch Jesus, die Sonne der Gerechtigkeit für die Geisterwelt. Es wäre Entheiligung seiner Bestimmung auf Erden, wenn er im pharisäischen Sinne Sabbatsruhe halten, frömmelnde Gebete sprechen, und die Unglücklichen schmachten lassen würde. -- -- Haben nicht auch die Menschen Werke Gottes in Liebe jeder in seinem Kreise zu verrichten? Sind nicht alle zu Lichtern der Welt berufen? Sollen, dürfen sie da ausruhen vom Gutesthun? Dürfen sie der Welt je ihr Licht entziehen? Heuchler! könnet ihr es vergessen, daß „+eine Nacht kommt, wo Niemand wirken kann+?“ -- --

Der Blindgeborne wandelt ohne Führer frohlockend durch die Straßen Jerusalems. Viele Menschen bemerken ihn, staunen, zweifeln, lassen sich die Wahrheit seines Sehens von ihm selbst bestätigen -- und gerathen in wilden Eifer, als sie hören, daß und wie ihn +Jesus+ am +Sabbate+ sehend gemacht habe. „Wo ist der --?“ fragten die pharisäisch gesinnten Frommen mit drohender Gebehrde, die zu verstehen gab, daß er von ihnen nichts geringeres als Steinwürfe für diese Wohlthat zu erwarten habe. Steinwürfe als Belohnung eines Wunders? -- Warum denn nicht? Welche Feier des Sabbates war wohl solcher Leute würdiger, als die durch tumultuarischen Menschenmord zur Ehre ihres entstellten und verkannten Gesetzes? +Kinder des Vaters der Lüge und des Mordes+ -- dafür hatte sie die ewige Wahrheit selbst erklärt -- prahlten sie mit den prunkenden Tituln: „+Kinder Abrahams+, Kinder Gottes“, und verleugneten diesen und jenen im Leben durch Wort und That. Hatten sie doch kurz zuvor an +eben diesem Sabbate+ Jesus +im Tempel steinigen+ wollen, weil er sich für den ewigen Sohn Gottes etwas räthselhaft erklärt. Kaum entgieng er ihren gesetzeseifrigen Händen[20]. Jetzt sollte er nicht mehr entkommen, weil er himmlische Wahrheit der Lehre noch durch eine wunderbare Wohlthat zu besiegeln und zu verstärken sich erkühnte. Welche tiefe Bedeutung erhält nun ihre Frage: „Wo ist der --?“

Leidenschaft macht blind; Einseitigkeit religiöser Ansichten mit unerleuchtetem Eifer erzeugt Ungerechtigkeit, die man für Gottesdienst hält. Einen Beleg dazu liefert das, was jetzt mit dem Blindgebornen erfolgte. Da er nicht angeben konnte, wo Jesus sei, so nahmen die Fragesteller dieses für bösen Willen und für geheimes Einverständniß mit dem verhaßten Lehrer; sie fanden daher ihn wegen seiner Anhänglichkeit an Jesus eben so schuldig, als diesen selbst, und führten ihn vor ein Gericht schriftgelehrter Pharisäer, um Untersuchung wegen Sabbatsverletzung über ihn zu veranlassen. Sollten sie für diesen kräftigen Beweis ihrer Anhänglichkeit an das Gesetz so ganz ohne wortreiche Lob- und Segenssprüche entlassen worden sein? -- --

Der arme Blindgeborne! Kaum hat er durch ein Wunder das Tageslicht erblickt; kaum der schönen Welt seines Gottes einige Augenblicke sich gefreuet; noch ist sein gutes Herz trunken von Jubeldank und Liebe; noch haben seine Augen den Retter nicht gesehen -- und schon wird er angefeindet, verfolgt, vor Gericht gezogen um Jesus willen! Noch vor wenigen Stunden hatte ihn wohl mancher Pharisäer als einen wegen seiner Sünden von Gott Geplagten verachtet; jetzt wird er eben von solchen Menschen des größten Verbrechens beschuldiget, weil Gott ihm durch Jesus geholfen hat! Welche Gefühle und Gedanken fliegen in ihm auf, als er das erstemal eine Versammlung von Menschen, und in ihnen bereits seine Feinde erblickte? Doch ein edles Gemüth, innig und lebendig von Wahrheit und Liebe ergriffen, findet sich überall zu recht. Einfach und bescheiden, aber auch bestimmt und fest beantwortet er die erste Frage über seine Heilung.

Wie der Blitz in einer grauenvollen Gewitternacht die Gegend in ein klares, aber zu plötzliches und schauerliches Licht versetzt: so wirkte der Geradsinn und die Wahrheit in der Antwort dieses Mannes auf die düstern Herzen der Heuchler. In einem Nu verwandelt sich die Scene; nicht mehr der Sabbat und seine Heiligkeit, noch weniger der Blindgeborne und das an ihm geschehene Wunder, sondern +Jesus einzig und allein+ ist jetzt der Gegenstand, der ihren Geist und ihr Gemüth fesselt; entschieden, obwohl unbewußt, trit es hervor, das nicht die Sache, sondern seine Person in Untersuchung kommen soll; der böse Schatz des Herzens thut sich auf: „+Dieser Mensch ist nicht von Gott, weil er den Sabbat nicht hält.+“ Jesus hat Erde mit Speichel gemischet, die Augen des Blinden damit bestrichen, diesem noch einen weiten Gang und eine Waschung aufgebürdet -- also hat er +gearbeitet+ und Arbeit +befohlen+; also den +Sabbat geschändet+; folglich ist er ein Sünder, mithin +kein göttlicher Gesandte+! Eine treffliche Schlußreihe! Zuerst macht man eine beliebige Auslegung der Heil. Schrift zur Grundlage; dann zieht man eben so willkürliche Schlüsse aus entstellten Thatsachen, schmiedet diese mit Schriftworten zusammen, und verurtheilt den Heiligsten und Gerechtesten als den größten Verbrecher und Betrüger! Das von Neid, Haß und geistiger Herrschsucht kranke Auge schielt weg über die Kraft Gottes auf Umstände und Nebendinge, ärgert sich ohne Grund der Wahrheit an diesen, und verabscheuet die That und den Mann, weil dieser sich keine von Menschen erfundene Form aufzwängen läßt, sondern ein natürliches Gewächs in Gottes Garten sein will.

Doch nicht Allen gefiel dieses Urtheil. Bei Manchen regten sich Bedenklichkeiten und Zweifel an der Wahrheit desselben. Es klang ihnen gar zu sonderbar, das Wunder als wirklich geschehen dahingestellt sein zu lassen, und den Urheber einer göttlichen That für einen gottlosen Menschen zu erklären. Die Sprache leidenschaftlicher Uebereilung war hier zu kennbar. Sie machten daher auf das Unzusammenhängende und Widersprechende aufmerksam. Dieß hatte eine Theilung der Meinungen zur Folge, welche die Versammlung zu einem höchst sonderbaren Schritte verleitete. Der Blindgeborne sollte sein Urtheil über Jesus abgeben, und sich darüber aussprechen, daß Jesus diese Heilung eben am Sabbate vorgenommen habe. Die brennende Begierde unsern Herrn auf irgend eine Weise in eine Schuld zu verwickeln, ließ die guten Männer ihren gelehrten Stolz, ihre richterliche Würde und ihre erkünstelte Rechtschaffenheit auf einige Augenblicke so ganz vergessen, daß sie von einem gemeinen Manne Belehrung über eine so wichtige Sache, von einem Angeklagten ein Urtheil, von einem wunderbar Geheilten Undank gegen seinen Retter erwarteten. Dieß thaten die frommen Lehrer Israels -- am Sabbate!! Wie mußten sie sich im Stillen schämen, als der biedersinnige Mann mit edler Haltung sprach: „Er ist ein Prophet?“ Als er darauf unbeweglich bestund, Jesus habe ein Wunder an ihm verrichtet, also den Sabbat nicht verletzet, also nicht gesündiget; folglich habe Gott ihn gesandt? Da lag ihre schlaue Sophistik, durch das reine Wahrheitsgefühl und durch die innige, dankbare Liebe zu der Wahrheit und zu ihrem Urheber von einem blind gewesenen Bettler besiegt, schimpflich am Boden.

„Nun glaubten die Juden nicht, daß er blind gewesen und sehend geworden war.“ Ein seltsamer Sprung! Nachdem sie mit ihren hochfahrenden Urtheilen, mit scheinheiligen Verdrehungen und Verläumdungen, selbst mit aller Niederträchtigkeit an der redlichen Standhaftigkeit des Geheilten gescheitert waren, verwandelten sie sich plötzlich in scharfsinnige Zweifler; jetzt erst fanden sie für nothwendig, sich zu erkundigen, ob dieser Mensch auch wirklich blind geboren, ob nicht das Ganze ein feiner Betrug sei. Anfangs war ihnen die That willkommen, weil sie hofften, auf irgend eine Weise dieselbe zur Sabbatschändung zu stempeln; als dieses nicht angieng, läugneten sie das Wunder. So wechselt das heuchlerische Chamäleon alle Farben!

Die Aeltern des Blindgebornen wurden gerufen; der Sohn mußte abtreten; jene kamen in die Versammlung, wurden gefragt, bestätigten vor Gericht die Thatsache, daß dieser ihr Sohn blind geboren sei. Mehr wollten sie nicht wissen. Gar erbaulich ist der Grund, welchen Johannes für diese geflissentliche Unwahrheit angiebt -- +Furcht vor dem Kirchenbanne+. Das Synedrium hatte nämlich einen Beschluß bekannt gemacht, daß Jeder, welcher Jesus für den Messias bekennen würde, von der Synagoge ausgeschlossen werden sollte. Mit Recht fürchteten daher diese gemeinen Leute die Auslegungskunst dieser gelehrten Herren; denn wie leicht war es, jede Sylbe die sie zu seiner Gunst auch nur zu sprechen +schienen+, dahin zu +deuten+, daß sie dem Nazarener von Herzen zugethan, ihn +äußerlich+ wenigstens für einen Propheten, innerlich aber Zweifels ohne für den Messias hielten, also in den Bann verfallen seien? Schelmisches Lächeln würde die Lippen des Schriftgelehrten unausstehlich verzogen haben, wenn es ihm gelungen wäre, an dem sichtbar mit Bedacht zweideutig abgefaßten Beschlusse ein solches Pröbchen seiner Kunst zu geben. Fein und listig bleibt die Wendung alle Mal, daß sie bloß verboten, „ihn für den Messias zu erkennen.“ Daß er seine Lehren mit Wundern bestätigte, folglich ein Prophet sei, war zu offenkundig, als daß sie es läugnen durften; daß er für den Messias gehalten sein wolle, davon glaubten sie viele Spuren entdeckt zu haben; endlich hatten sie schon öfter bemerkt, wie geneigt die erstaunten und begeisterten Schaaren seien, ihm diese höchste Würde beizulegen. Es blieb also keine bessere Auskunft übrig, als bei harter Strafe einen solchen entscheidenden Schritt jedem Einzelnen zu verbieten, und sich die Hinterthür offen zu lassen, entweder diese Entscheidung selbst zu geben, wenn +ihre+ Erwartungen vom Messias an ihm in Erfüllung giengen, oder seinen und des Volkes Plan wo möglich zu vereiteln. Im ersten Falle hätte man ihre weise Vorsicht -- eigentlich schön verkleidete Gewissensherrschaft, loben müßen; im zweiten wollten sie jeden Widerspenstigen ihren starken Arm fühlen lassen, d. h. Gott widerstreiten. Die Schlauen wurden aber in ihrer eigenen List gefangen; und dieß ist vom Herrn geschehen!!

Das Verhör mit den Aeltern war eben so fruchtlos, wie das mit dem Sohne. Bei diesem konnten die Pharisäer ihr verläumderisches, voreiliges Urtheil nicht durchsetzen, weil sie selbst nicht einig waren; bei jenem fanden sie eine Bestätigung, statt einer Widerlegung des Wunders. Wenn ein Sterblicher in dieser Stunde das Innere dieser Unglücklichen hätte durchschauen können, wie würde er sich entsetzt haben über dem wilden, ungestümmen, greulichen Kampfe des in den Banden der Sophistik schmachtenden Wahrheitsgefühles und des mit Gewalt unterdrückten Gewissens mit der in Schlangenkrümmungen sich windenden Heuchelei und mit zügellosem Hasse, Neide und Stolze? und doch war der letzte Auftritt noch nicht erfolgt; noch stund Aergeres bevor. Jesus konnte, durfte und sollte das Wunder nun einmal nicht verrichtet haben; es war unannehmbar, unglaublich, unmöglich, +weil er nicht ihr Mann war+. In solchen Fällen ist +Gott zu Ehren+ das Schlimmste zu vermuthen, zu behaupten, zu thun erlaubt in den Augen des Heuchlers. Folgen wir der Geschichte, damit diese beweise, daß man den Pharisäern nicht leicht zu viel Böses zutrauen könne!

Das zweite Verhör begann mit den Worten: „+Gieb Gott die Ehre!+“ -- Was soll diese heilige Formel an der Spitze? Mehr nicht, aber auch nicht weniger, als: Du bist bisher nicht ganz aufrichtig gegen uns gewesen: noch hast du uns manchen Nebenumstand von Bedeutung verborgen; denke, du stehest vor Gott, dem Allwissenden; darum sage die Wahrheit, d. h. mache durch eine wohlangebrachte Lüge Jesus zu Schanden, um unsere Ehre zu retten. Empörend; aber noch nicht genug! „+Wir wissen, daß dieser Mensch ein Sünder ist.+“ -- +Wir!?+ Also auf +ihr Wort+ sollte der Blindgeborne seine auf +Gottes Kraft und Geist+ gegründete Ueberzeugung aufgeben? Hatte ihr bisheriges Betragen ihm so viel Zutrauen einflößen können? Warum gaben sie Jesus für einen Sünder d. h. für einen Irrlehrer und Betrüger aus? Weil er nicht zu ihren Füßen saß, und die Lehren der Alten hörte; weil er den Sabbat nicht heiligte, wie sie, sondern wie Gott, sein Vater; weil er den Buchstaben des Gesetzes übertrat, um den Geist zu befolgen. -- Von gerechtem Unwillen ergriffen, gab der biedere Mann ihnen ihre Lieblosigkeit deutlich genug, aber doch mit seltener Mäßigung zu verstehen. Ueber die beleidigende Ansicht seiner persönlichen Gesinnung gieng er edelmüthig weg; zeigte ihnen mit feiner, satyrischer Anwendung auf sich, wie sie Jesus hätten beurtheilen sollen, und blieb unbeweglich dabei, daß er blind gewesen, und durch den Propheten sehend geworden sei.