Die Pharisäer Ein Beitrag zum leichern Verstehen der Evangelien und zur Selbstprüfung

Part 6

Chapter 63,440 wordsPublic domain

Wundern wird man sich eben auch nicht, daß dieses Verfahren unseres Herrn sowohl als seine Grundsätze den Pharisäern ärgerlich, empörend und gottlos vorkam. Hieß das nicht ihr Ansehen beim Volke zernichten, wenn Jeder selbst entscheiden sollte? Drohte nicht ihrem Lehramte mit dieser Anrede an das Volk der Untergang? Stund nicht ihr ganzes System in der dringendsten Gefahr, wenn diese neue Lehre Eingang fand? Wer war Pharisäer, und mußte nicht so denken? Sie gaben es auch laut genug zu verstehen, wie entsetzlich anstößig ihnen die Begriffe Jesu über Rein und Unrein seien; +nur wußten sie nichts Gründliches dagegen beizubringen+, und zogen deßwegen voll Unwillen ab, den sie mit frommem Abscheu artig zu maskieren wußten.

Wirklich ließen sich selbst die Jünger täuschen, und ihre bedenkliche Frage an Jesus scheint darauf hinzudeuten, daß sie wenigstens in Zweifel geriethen, ob ihr Lehrer, wenn auch +wahr+, doch nicht zu +stark+ gesprochen habe. Dieß konnte um so leichter geschehen, da sie selbst den Sinn der Rede Jesu nicht ganz gefaßt und verstanden hatten. Unerwartet genug für sie blieb Jesus fest auf seinem Satze, und erklärte geradezu die Lehre und Handlungsweise der Pharisäer für so verwerflich, daß man sie ohne Schonung widerlegen, aus den Herzen und Augen der Menschen entfernen und gänzlich zernichten müße, weil sie unfehlbar ins Verderben stürze. Dieses strenge Urtheil ist um so merkwürdiger, je liebreicher, nachsichtiger und erbarmender sonst Jesus die Fehler der Menschen ansah und behandelte. +Allein gegen Heuchler kannte er keine Milde+; diese +will+ er ärgern; ihnen +soll+ seine Lehre ein Todesgeruch sein; ihr Gottesdienst muß gestürzt werden, wenn wahre Religion aufkeimen soll. Faßt man dabei +Zeit+, +Ort+, +Personen+ gehörig ins Auge, so spricht sich in Jesus eine Reinheit der Gesinnung, eine Höhe der Frömmigkeit, eine Festigkeit des Geistes aus, welche man nie genug bewundern kann.

Die nähere Erklärung für die Jünger ist eine sichere, unüberwindliche Vormauer gegen Heuchelei für alle Jahrhunderte. Zwei Punkte sind es, auf welche wir unser Augenmerk richten müßen:

1.) „Alles +Aeußere+, wenn es in den Menschen +hineinkommt+, kann ihn +nicht unrein machen+; denn es geht nicht in das +Herz+, sondern in den +Magen+.“

2.) „Was aber aus dem Munde +herauskommt+, das kommt aus dem +Herzen+, und +das+ verunreiniget den Menschen.“

Ist es möglich, daß auch nur der leiseste Zweifel entstehe über die Fragen: Wann ist der Mensch rein vor Gott? Was macht ihn mißfällig vor Gott? Der +Geist+ des alten Testaments konnte nicht herrlicher gegen den Tod des Buchstabens gerettet und +allgemein anwendbar+ gemacht werden, als auf diese Weise. Die Reinigungsgebräuche sollten kein religiöses Handwerk werden, wodurch man bei Gott etwas auf Rechnung bringen könnte; sondern erinnern, hinweisen sollten sie auf Reinigung des Herzens. Wer diese Sprache nicht versteht; wer von solchen starken Winken die +Anwendung auf sich+ nicht zu machen weiß; was soll dem das +neue+ Testament? Er hat noch nicht einmal das +alte+ erreicht!

„+Seid auch ihr noch so unverständig?+“ So sprach Jesus damals zu seinen Jüngern; was würde er jetzt sagen?? --

XIII.

Jesus auf dem Laubhüttenfeste zu Jerusalem.[14]

Für seine Zeitgenossen -- und nur für diese? -- war das Leben unseres Erlösers ein wahres, schwer zu lösendes Räthsel. Auf einer Seite war er genau in Beobachtung aller +göttlichen+ Vorschriften über Glauben und Liebe; auf der andern Seite handelte er frei in Bezug auf +menschliche+, den göttlichen gleich sein sollende, Gesetze: bald war er strenger Israelite, bald schien er unreiner Heide zu sein; jetzt besuchte er ein nicht gebotenes Fest, dann schändete er wieder in vieler Augen den Sabbat; einmal sprach er holdselige, trostreiche, göttlich erhabene Worte, ein anderesmal ärgerte er viele durch unerhörte, schneidende, gegen alle Schullehren verstoßende Vorträge u. s. w. Bei ihm waren dieß freilich keine Widersprüche mit sich selbst; alle diese scheinbar so entgegengesetzte Handlungen waren Ein Erguß eines sich ewig gleichen, unerschütterlichen Charakters, der allen Umständen gebot, und doch auch sich in alle Lagen zu fügen wußte, ohne sich selbst zu verlieren. Freunde und Feinde, Gute und Böse, Starke und Schwache am Geiste, Geradsinnige und Tückische, Zeiten, Orte &c. gaben dem Einen Leben so mannigfaltige Farben. Aber welch’ ein reiner und tiefer Blick gehörte dazu; welche Einfalt und Güte des Herzens wurde erfordert, „sich nicht zu ärgern an dem Sohne des Menschen!“

Wundern kann es uns also nicht, wenn seine Zeitgenossen +widersprechende+ Urtheile über ihn fällten; vielmehr müßte es befremden, wenn dieß nicht geschehen wäre. „Die Einen sagten: Er ist rechtschaffen. Die Andern sprachen: Nein! sondern er verführet das Volk.“ Wer hatte Recht? Unstreitig die Erstern; sie bewiesen ein uneingenommenes Gemüth, einen reinen Willen, der fähig war, auf die Wahrheit aufmerksam zu sein, und Erkenntniß derselben dadurch herbeizuführen. So sahen sie, trotz aller Hindernisse, ungeachtet alles widrigen Anscheines das Gute, das Göttliche in Jesus Lehren und Thaten. Aber die Andern; wie kamen diese zu ihrem Urtheile? Hier zeigten sich unläugbar die Früchte pharisäischer Bearbeitung des Volkes. Die Pharisäer müßten weniger schlau und scharfsinnig in Besorgung ihres eigenen Vortheiles gewesen seyn, wenn sie es nicht frühzeitig hätten merken sollen, in Jesus sei ein Mann aufgetreten, der ihrem Wesen und Treiben ein Ende zu machen drohe; denn er hielt sich in Wort und That so an Gottes Wort, daß ihre selbst erfundenen Lehren, mit denen sie das göttliche Gesetz verunstalteten, in ihrer ganzen Grund- und Werthlosigkeit erschienen. Selbst der gemeine Mann fieng an, dieses einzusehen. Welche Gefahr für das +damalige Synedrium+, und in demselben natürlich für die +Religion der Väter selbst+! In solchen Fällen erlaubt sich der gleißende Religionseifer jedes Mittel, um mit dem Scheine der Gottesfurcht seine vortheilhafte Sache zu retten. Reichen Gründe nicht aus -- wie es hier der Fall war -- so nimmt man zu Lästerungen seine Zuflucht. Daher warfen sie häufig mit +Sabbatschänder+ und +Volksverführer+ um sich, und erreichten so bei manchem Kurzsichtigen ihren Zweck schneller und sicherer, als mit Beweisen, die sie nicht liefern konnten oder mit wahrhaft frommen Thaten, die sie nicht ausüben wollten. Viele im Volke, besonders die Bewohner der Hauptstadt, sprachen den weisen und eifrigen Lehrern nach, und lästerten, „was sie nicht verstunden.“ +So leisteten gehässige Namen, mit denen man eine gute Sache brandmarkte, schon damals den Heuchlern treffliche Dienste!!+

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„+Wie versteht denn dieser die Schrift, da er sie doch nicht gelernet hat?+“ Diese Frage würde unsere ganze Aufmerksamkeit fesseln, wenn wir es nicht zu sehr gewohnt wären, Alles, was die Feinde unseres Herrn sagen und thun, ungereimt und böse zu finden, ohne weiter über den Grund der Sache nachzudenken und in unser eigenes Herz zu blicken. Wir selbst werden an den Pharisäern gar oft auch zu Pharisäern.

Schon mit zwölf Jahren hatte der Sohn des Zimmermannes die Alten in der Tempelschule durch Fragen und Antworten in Verlegenheit und Staunen gesetzt; und später hatte er es niemals nöthig gefunden, zu den Füßen eines Rabbi zu sitzen, um Weisheit zu lernen; und doch war er ihnen in der Blüthe des männlichen Alters an Schriftkenntniß unendlich überlegen. Sie führten den prangenden Titul; Er hatte die wichtige Sache. Daher spricht ihre Frage eben so viel Neid und Verkleinerungssucht als Befremdung und Verwunderung aus. Den meisten Antheil daran hatte aber offenbar ihr gleißender Charakter, vermöge welchem sie es nur nicht begreifen konnten, daß Jesus außer ihrer +Schule+, ohne ihre +Formen+, frei von ihren +Erblehren+ die Wahrheit sollte gefunden haben. Es liegt in der Natur des Heuchlers, daß er vor allem fragt, +wie+, +wo+, bei +wem+ Jemand etwas gelernet habe, nicht +was+ er wisse, und welche +Gründe+ er dafür gelten mache. Auch in dieser Beziehung wird Aeußeres für Inneres, Form für Sache genommen; wie wichtig ist aber dieß bei Religionswahrheiten!

In der Antwort auf die hämische Frage der Juden bekennet sich Jesus zu einer ganz andern und höhern Schule, als die Tempelschule zu Jerusalem war, welche so häufig als die einzig ächte Quelle der Wahrheit und Weisheit gepriesen wurde. +Er hatte seine Lehre unmittelbar von Gott empfangen+; kein Wunder, wenn sie von dem menschlichen Machwerke seiner und aller Zeit so himmelweit verschieden war. Dagegen gab er aber auch ein +Kennzeichen+ seiner Lehre an, auf welches die Pharisäer unmöglich verfallen konnten, und welches sie eben so unbrauchbar finden mußten. Um die +Wahrheit+ und +Göttlichkeit+ seiner Lehre zu erproben, forderte er einen +praktischen Versuch+, und versprach als +unfehlbaren Erfolg+, die lebendigste und festeste Ueberzeugung. Wie natürlich! Wer den Willen Gottes nach dem Evangelium zu befolgen sich bestrebt, dem erweiset sich diese Lehre in seinem +Herzen+ durch +Erfahrung+ als eine solche, welche das Reich Gottes und mit demselben die ganze Fülle alles Friedens und aller Seligkeit bringt. Wie könnte sich da Jemand noch um künstliche Schlüsse für und wider das Evangelium kümmern; er hat ja schon den +Thatbeweis+; wozu noch +Worte+ und +Zeichen+? Diese können doch mehr nicht thun, als ihn +von Außen+ anregen, aufmerksam, geneigt machen, die Probe im Leben zu unternehmen, ohne welche jeder andere Beweis nicht wahrhaft und fest im Innern wurzelt, weil die Erfahrung fehlt.

Aber wie sollten sich die Pharisäer zu einer +solchen+ Prüfung der Lehre Jesu verstehen! Bei ihnen mußte ja der Meister sein Werk loben; von Gott aber heißt es nur: „Die Himmel verkündigen die Ehre Gottes.“ Dieses galt auch von Jesus und von seiner Lehre.

Wahrhaftigkeit und Heuchelei werden daher von unserm Herrn auch noch in einer andern Beziehung einander entgegengesetzt. Die Pharisäer gaben sich alle erdenkliche Mühe, das von Gott gegebene Gesetz mit recht vielen, fein ersonnenen, Geräusch der Frömmigkeit erregenden Zusätzen zu vermehren, die Gebote Gottes und ihre eigenen sorgfältig zu vermengen, aus beiden ein kunstvolles Gewebe oder System zu machen, und so sich den Ruhm der Schriftgelehrtheit zu erwerben. Dieses ganze Unternehmen war offenbar nichts anderes, als ein Bestreben, ihre eigene schlechte Waare unter göttlicher Firma einzuschwärzen in das Reich Gottes, und als Erfinder neuer Wahrheiten zu glänzen, wohl auch guten Gewinn daraus zu ziehen. Sie suchten daher bei ihren Religionsvorträgen nur sich, nicht Wahrheit, noch weniger das Wohl ihrer Mitmenschen, noch weniger Gott und seine Ehre. Wie ganz anders dachte und handelte Jesus, „der Wahrhaftige, in dem kein Unrecht war, weil er nur die Ehre dessen suchte, der ihn gesandt hatte!“

Ist diese Selbstverläugnung bei Verkündigung der Wahrheit und besonders des Wortes Gottes, ist diese Demuth und Bescheidenheit, ist diese Uneigennützigkeit von unserm Erlöser nur den Pharisäern gegenüber geübt und angedrungen worden, oder drang sein allsehender Blick auch in künftige Jahrhunderte? Gab er auch ihnen eine solche Anweisung? Wer zweifelt daran? Und doch -- --

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Von der Vertheidigung seiner Lehre nahm Jesus natürlichen Anlaß, auch seine Handlungsweise zu rechtfertigen, +weil bei ihm Wort und That nie getrennt war+. Man hatte ihm bei seiner letzten Anwesenheit zu Jerusalem die Heilung des 38jährigen Kranken als Sabbatsschändung gedeutet, und gesetzlich eifrige Juden wollten ihn schon damals steinigen -- um einer Wohlthat willen! Zwar entgieng er ihren Händen, aber nicht ihren Racheplanen; sie brüteten jetzt noch auf Mordanschlägen; und die Frage: „Wo ist er?“ mag in dem Munde manches Eiferers nichts anderes gewesen sein, als ein ungeduldiger Ausbruch des ungesättigten Durstes nach dem Blute des verhaßten Nazareners. Jesus wußte dieß gar wohl; hatten die Pharisäer doch schon in Galiläa, wo Jesus seine meisten Anhänger hatte, bei der Heilung des Lahmhändigen mit den Herodianern Rath gepflogen, wie sie ihn umbringen könnten, da sie ihn nicht mit geistigen Waffen zu besiegen im Stande waren. Um so gefährlicher war diese gleißende Parthei für ihn zu Jerusalem; darum gieng er ganz in der Stille und erst nach dem Beginnen des Festes dahin, damit sein unvermuthetes Erscheinen die Plane seiner Feinde schon größtentheils vereitelte. Sie konnten nämlich keine sichern Anstalten treffen, und als er durch seinen Vortrag alle Zuhörer in Erstaunen setzte, war für sie der günstige Augenblick verloren, aber für ihn war die Stunde gekommen, wo er die gute Stimmung der Zuhörer benützen und eine für seine Würde wie für sein Leben höchst nachtheilige Beschuldigung widerlegen konnte. +Welche Klugheit und Vorsicht! -- Aber mit Taubeneinfalt, nicht mit pharisäischer Schlangenlist gepaart!+

Wie vertheidigte sich nun Jesus? So, daß er seine Feinde mit ihren eigenen Waffen schlug; denn es kostete wenig Mühe, ihnen Widersprüche ihres eigenen Betragens mit ihrem Urtheile über die Heilung des Kranken augenscheinlich zu zeigen. Moses hatte ihnen das strengste Gebot gegeben, den Sabbat zu heiligen; sie rühmten sich dessen und der pünktlichen Erfüllung dieses Gesetzes; und doch verrichteten sie die Beschneidung -- eine mühsame und schmerzhafte Operation, also eine Arbeit am Sabbate, weil ein anderes Gebot diese Ceremonie auf den achten Tag nach der Geburt unerläßlich festsetzte. War hier das Gesetz oder die Menschen mit sich selbst im Widerspruch? Keines von beiden; sondern da die Beschneidung schon von Abraham eingeführt war, so mußte der später eingesetzte Sabbat der ältern göttlichen Verordnung weichen; und man glaubte sich keine Verletzung seiner Feier zu Schulden kommen zu lassen, wenn man nach Gottes Vorschrift die Beschneidung vornahm. Wer findet dieß nicht natürlich? Ist es aber nicht höchst widernatürlich, wenn man nun bei Beurtheilung der Thaten Jesu die Pharisäer gerade den entgegengesetzten Weg einschlagen sieht? Kann man in diesem Zuge die doppelsinnige Gleißnerei verkennen? +Wie Gott alle Tage den Menschen Gutes thut, so machte es Jesus auch am Sabbate+; er heilte Kranke, die sich ihm eben anboten. Die Pharisäer nannten ihn +deßwegen+ einen Sabbatschänder, und wollten ihn ermorden. War etwa +Gottes+ eigenes +Beispiel+ noch kein gültiger Grund? Lag nicht die +reinste+ und +erhabenste Idee+ des menschlichen Lebens darin? War es nicht die +älteste+ und +höchste+ Vorschrift, Gutes zu thun wie Gott? Mußte also der Sabbat hier nicht noch mehr zurückstehen, als bei der Beschneidung?

Was wollten, was konnten die Feinde Jesu gegen diese Beweisführung sagen? Sie verstummten, von ihrem Gewissen zwar unsichtbar, aber desto unwiderstehlicher geschlagen. Um so nachdrücklicher wirkte dann ein anderer Vertheidigungsgrund, vermöge welchem Jesus seiner Heilung einen unbestreitbaren Vorzug vor der Beschneidung beilegte. Diese bezog sich nur auf einen Theil des Menschen, und machte ihn auch nur in so ferne und wegen dieses Zeichens fähig, an den Wohlthaten des Volkes Gottes Theil zu nehmen; aber die Heilung am Sabbate stellte den ganzen Menschen wieder her zum frohen Genusse der Rechte eines Kindes Gottes. Welch’ ein Uebergewicht fällt bei dieser Vergleichung auf die Seite unseres Herrn? Wie wollten seine Feinde jetzt den Schluß entkräften: also durfte ich ohne Sünde am Sabbate heilen? Hätten sie nicht selbst und laut diesen Schluß ziehen und die That Jesu loben sollen, wenn sie aufrichtig vor Gott gewesen wären? +So aber fanden sie das an Jesus todeswürdig, was sie sich selbst zum Verdienste vor Gott anrechneten!+

Wie voll tiefen Sinnes müssen uns jetzt die Worte sein: „+Urtheilet nicht nach dem äußern Ansehen; sondern fället ein gerechtes Urtheil!+“ Wahrheitsliebend, rücksichtslos, unpartheiisch, rein von Eigenliebe, frei von Vorurtheil, abgewandt vom Scheine, auf die Sache gerichtet soll das Auge unseres Geistes sein, wenn wir Reden und Thaten Anderer beurtheilen, besonders in religiöser Beziehung. Prüfen wir uns selbst, und zwar genau! -- -- -- Oder wollen wir noch nach 18 Jahrhunderten die Parabel vom Splitter und Balken in und an uns selbst wiederholen??

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Lehrreich im hohen Grade ist es immer, so oft die Zeitgenossen unseres Herrn über die Erwartung des +Messias+ ihre Meinung abgeben. Da zeigt es sich recht klar, welchen schädlichen Einfluß die verkehrten Lehren der Pharisäer auf die Auslegung der eben so einfachen als erhabenen Weissagungen der Propheten hatten. Anstatt die auf den Messias Bezug habenden Stellen zusammenzutragen, mit Sorgfalt, Umsicht und Ehrfurcht zu vergleichen, und daraus das Bild des Sohnes David’s und seines Reiches zu entwerfen, giengen sie mit +vorgefaßten Meinungen+ an dieses wichtige Unternehmen, +und suchten diese aus der heiligen Schrift zu bestätigen+. Schielende, halb wahre, auf selbst ersonnene Ansichten sich stützende Schullehren, der damaligen unangenehmen politischen Lage nachgebildete Ansichten, eitle Wünsche ihres verdorbenen Herzens -- dieß waren die Grundlagen dessen, was sie vom Messias lehrten, und mit Schriftstellen, wie mit Purpurlappen, umhängt, dem Volke als einzige und ewige Wahrheit anpriesen und einprägten. Je sinnlicher, dem Eigennutzen und Nationalstolze schmeichelnder diese Lehre war, desto lieber hörte man sie, desto mehr Eingang in Kopf und Herz fand sie, weil der eigene innere Zustand vollkommen damit harmonirte. Unerträglich aber, irrig, ärgerlich und gefährlich schien die Art und Weise, wie Johannes und Jesus die Lehre vom Messias behandelten. Welch’ ein Gegenstoß zwischen Gott und den Menschen in ihren Ansichten! Allein reine Wahrheit und gleißende Lüge können unmöglich anders sich verhalten.

Wenn man nun Einwohner von Jerusalem, bei denen sich solche Vorurtheile aus sehr begreiflichen Ursachen am meisten festsetzten, so sprechen hört: „+Von diesem wissen wir, woher er ist; wenn aber Christus kommt, weiß Niemand, woher er ist+;“ zu welchen Betrachtungen wird man da nicht veranlasset? Wer erkennt nicht auf den ersten Blick das menschliche Machwerk dieser Lehre? Wo hatten die Propheten so ins Blaue hineingesprochen? Freilich gaben sie Fingerzeige auf eine mehr als irdische Abkunft und Größe des Messias; aber nicht auf eine solche vieldeutige Art. --

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Simon, als er das Kind Jesus in seinen Armen hielt, hatte weissagend gesprochen: „Dieser ist gesetzt zum Zeichen, dem widersprochen wird“ -- „damit die Gedanken vieler Herzen offenbar werden.“ Man vergleiche mit diesen Worten des von Gott begeisterten Greisen die Erzählung des Evangelisten: „Viele aus dem Volke glaubten an ihn, und sprachen: Christus, wenn er kommt, kann er wohl mehr Zeichen thun, als dieser gethan hat? Die Pharisäer hörten, daß das Volk dieses von ihm murmele; da schickten die Pharisäer und Hohenpriester Gerichtsdiener ab, daß sie ihn ergreifen sollten.“ War es möglich, den Widerspruch gegen Jesus und gegen sich selbst weiter zu treiben? Ein Theil des Volkes, welcher noch am Geiste nicht verkrüppelt und im Herzen von Heuchelei nicht angesteckt war, verehrte in Jesus nicht nur den Propheten, sondern den Messias selbst, +weil er mit göttlicher Lehre göttliche Thaten verband+. Allein eben darin erkannten die Vorsteher und Führer der Nation einen Grund, ihn zum Tode zu bringen, als Betrüger und Volksverführer. Wer von beiden hatte nun den Balken im Auge? Die Pharisäer konnten das Sonnenlicht der Wahrheit und Liebe, welches von dem Sohne Gottes segenreich sich über Israel verbreitete, nicht ertragen, weil es den düstern Kerzentag ihrer irdischen Weisheit überstralte. Sie selbst glaubten die Sonne zu sein, um welche sich Erde, Mond und Sterne in demüthiger Entfernung bewegen sollten. Neid, Furcht und Erbitterung mußten daher den höchsten Grad erreichen, als sie sahen und hörten, daß viele Menschen bereits anders dachten, und den Zimmermannssohn über ihre alten, verordneten Lehrer erhoben. Wie hätten sie sich da anders helfen können, als mit Gefangenschaft und Tod des gefährlichen Mannes? Wenn er den Augen des Volkes entrissen ist, dachten sie, wird er bald vergessen sein, und unser Ansehen wird sich dann von neuem befestigen.

Als aber der Anschlag mißlang; als die Gerichtsdiener mit leeren Händen zurückkamen; als sie sich mit der unwiderstehlichen Kraft der Wahrheit, die von seinem Munde floß, entschuldigten; wie scheußlich öffnete sich da der böse Schatz ihres tückischen Herzens? Was sprachen sie aus der Fülle desselben? -- „+Habt auch ihr euch verführen lassen? Glaubt auch Jemand von den Vorstehern oder von den Pharisäern an ihn? Sondern dieser Pöbel da, der das Gesetz nicht kennt -- -- verflucht sind sie!+“ -- Entsetzliche Worte! Eine solche Sprache führen die +Richter+ Israels, da sie Lehren und Thaten eines göttlichen Mannes nach Wahrheit unpartheiisch prüfen sollten?! Solche wilde Ausbrüche der niedrigsten Leidenschaft erlauben sich die +Meister+ Israels, die vor den Augen des Volkes als Muster der Einsicht, Frömmigkeit und Heiligkeit glänzten und schimmerten?! Weil Jesus +ihren+ Ansichten, +ihren+ Erwartungen, +ihren+ Wünschen nicht entsprach; weil er sein Ansehen nicht von +ihnen+ borgte; weil er anders lehrte und handelte, als +sie+ es wollten: so wird er nur geradezu für einen „+Verführer+“ erklärt, mochte auch das innigste Wahrheitsgefühl und der ganze Himmel göttlicher Kräfte für ihn zeugen. Wer kann das Maaß des Stolzes und der Herrschsucht bestimmen, welche aus der Anmaßung sprechen, daß das Volk nicht anders glauben dürfe, als die „+Vorsteher+ und +Pharisäer+?“ Welch’ ein Gewissenszwang! Welch’ ein eisernes Joch! Nicht Wahrheit der Lehre, nicht Göttlichkeit des Lebens und der Wunder, nicht unwiderstehliche Ueberzeugungsfülle des Kopfes und Herzens redlicher Menschen -- Nichts von allem -- +ihr Ansehen, ihr Wille, ihre Meinung+ entschied, obgleich +sie+ beinahe die leibhaftige Lüge selbst waren. Wem schaudert nicht? -- --

Armes, unglückliches Volk! du mußt dir deine +Unwissenheit im Gesetze+ zum Vorwurfe machen lassen; und von wem? Von denen, welche sich deine Hirten, Führer und Lehrer nannten; von denen, welche vor deinen Augen und Ohren mit ihrer Schrift- und Schulgelehrtheit sich breit machten, und dir von ihrer, wie sie behaupteten, reich besetzten Tafel geistiger Gerichte so wenig zukommen ließen, als jener reiche Mann dem armen Lazarus. Welch’ ein Grad von Bosheit und Heuchelei gehörte dazu, es dir für ein Verbrechen anzurechnen, wenn du hungerig und durstig anderswo Sättigung fandest -- und zwar „Brod aus dem Himmel“ und lebendiges „Wasser“ -- bei Jesus von Nazareth?! Aber eben deßwegen trifft dich der +Fluch+ deiner Lehrer und Vorsteher, weil du nicht länger ihre unverdaulichen Speisen verschlingen oder gar darben wolltest. Welche tiefe, herzzerreißende Wahrheit liegt in den Worten des Evangelisten[15]: „Jesus ward innigst gerührt über sie; denn sie waren verschmachtet und zerstreuet, wie Schaafe, die keinen Hirten haben!“