Die Pharisäer Ein Beitrag zum leichern Verstehen der Evangelien und zur Selbstprüfung
Part 5
„+Der Sabbat ist um des Menschen willen, nicht der Mensch um des Sabbats willen da.+“ So kehrte Jesus mit kühner Freimüthigkeit, wie sie nur der Wahrheit eigen ist, die Lehre der Pharisäer um, und stellte das ursprüngliche, alte Verhältniß wieder her. Man muß sich ganz in die damalige Heuchlerische Lehre hineindenken, um das Neue, Treffende, Wahre, aber für die Rabbinen höchst Aergerliche -- und +für alle Zeiten Anwendbare+ recht tief und innig zu fühlen.
Aus dem eben aufgestellten Grundsatze leitete Jesus eine eben so wichtige als damals anstößige Folge ab: „+Also ist der Sohn des Menschen Herr auch des Sabbates!+“ Mit bewunderungswürdiger Feinheit hat er hier sich und seine Jünger zugleich vertheidiget. Menschensohn bezeichnet den +Menschen überhaupt+, und insbesondere den +Messias+. Beides konnte er mit vollem Rechte von sich sagen; aber auch für seine Jünger galt es, daß sie über dem Sabbat, nicht der Sabbat über ihnen stehe. Keine äußere Feier des Sabbates wollte Jesus so verstanden wissen, daß der Mensch, wenn ihn ein unausweichliches Bedürfniß drängte, nicht das Ceremoniel des Sabbates umgehen dürfe, um den Geist dieser Feier zu behalten -- nämlich +Ruhe, frohen Genuß vor Gott, Andenken an die Schöpfung durch Gott, Dank gegen den Geber alles Guten, Erneuerung und Befestigung des Glaubens und der Liebe+. Solche reine und freie Ansichten finden an den Pharisäern aller Zeiten Gegner.
Jetzt noch einen Blick auf die Jünger! Was wird sich in den biedern, für einfache, zwanglose Frömmigkeit und Wahrheit vielfach empfänglichen Herzen geregt haben, als sich ihr Meister ihrer so annahm? Welche neue Gedanken werden aufgestiegen seyn? Welche Freude werden sie empfunden haben, daß Jesus ihnen kein so schweres Joch auflegte? Welcher Redliche freuet sich nicht mit ihnen?
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Der wirklich glänzende Sieg, welchen Jesus über die Pharisäer davon getragen hatte, verschaffte ihm von ihrer Seite so wenig Ruhe, daß sie ihn vielmehr rachsüchtiger verfolgten, als vorher. Ist dieß nicht das Schicksal des Gerechten, so oft er den schweren Kampf gegen Bosheit wagt? Läßt sich nicht natürlich noch Schlimmeres von der Heuchelei, als von einfacher, offener Verkehrtheit des Herzens erwarten? Je weniger die Pharisäer in sich selbst hineinsehen wollten, desto sorgfältiger belauschten sie Andere, besonders den ihrem Ansehen so gefährlichen Jesus. Sie rechneten sich dieses Spionenwesen sogar zum Verdienste vor Gott an; denn sie sorgten ja dadurch für Erhaltung und Beförderung der Ehre Gottes -- wenigstens vor den Augen der Menschen. Daher umspannen sie Jesus überall mit den Netzen ihres Argwohnes; nirgends aber lauerten sie sorgfältiger, als im Tempel, und in den Synagogen. Sehr begreiflich; denn dieß waren die eigentlichen Tummelplätze ihres faden gelehrten Krames und ihres prahlerischen Gottesdienstes.
Dießmal gab ein +Mann mit einer lahmen Hand+ Anlaß zu einem merkwürdigen Vorfalle. Es war +Sabbat+; die Synagoge hatte sich gefüllt mit Menschen; vermuthlich auch darum, weil man wußte, daß Jesus komme. Der Lahmhändige stellte sich so hin, daß Jedermann sehen konnte, er suche Hülfe bei Jesus. Auf den Gesichtern der Pharisäer drückte sich der fromme Unwillen aus, den sie schon bei dem Gedanken empfanden, daß der Festtag durch die Heilung dieses Mannes entweihet werden könnte. Wirklich zeigte sich Jesus geneigt. Um aber die Falschheit ihrer Lehre und die Verkehrtheit ihres Willens selbst dem gemeinen Manne lebhaft genug vor die Augen zu stellen, fragte er sie zuvor öffentlich: +Ob es erlaubt sei, am Sabbate Gutes oder Böses zu thun?+ -- Was sollten sie thun? Ihm erlauben, dem Unglücklichen eine Wohlthat zu erweisen? Dieß gestattete weder ihr System noch ihr liebloses Herz. Sagen, er sollte Böses thun? Dieß durften sie um des Volkes willen nicht. -- „+Sie schwiegen+,“ und warteten den Erfolg ab, um daraus Stoff für ihre religiöse Rachsucht zu sammeln. -- „+Sie schwiegen+,“ damit die geheime Bosheit ihres Herzens nicht öffentlich bekannt würde. -- „+Sie schwiegen+“ -- wie tief läßt uns dieß in die heillose Kunst und Gewandtheit der Heuchelei blicken, die so reich an Ausflüchten und Schleichwegen ist, auf welchen sie bei aller Scheinheiligkeit die niederträchtigsten Ränke schmiedet!!
„+Jesus aber sah sie alle umher an mit Unwillen.+“ Der göttliche Erlöser zürnt; er fühlt bittern Schmerz über die Verblendung ihres Herzens, mit welcher sie die Augen vor den eindringenden Lichtstrahlen der Wahrheit gewaltsam schlossen. Wie ganz anders zürnten die Pharisäer!
Unser Herr ließ sich nicht irre machen; er heilte die Hand, entheiligte den Sabbat nach dem Urtheilsspruche der Pharisäer, und heiligte ihn nach dem Sinne und Willen seines Vaters. Wie lehrreich für alle Jahrhunderte!!!
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„+Mein Vater wirket bis jetzt, und so wirke auch ich.+“ Mit diesen Worten zeigt uns Jesus die sogenannten Sabbatschändungen von einer neuen Seite. Er deutet damit auf das ganz eigenthümliche Verhältniß hin, in welchem er, als +Sohn+, mit dem +Vater+ steht, und leitet daraus das Recht ab, am Sabbate Gutes zu thun. +Gott+ entweihet den Sabbat nicht dadurch, daß er für das Wohl der Menschen thätig und wirksam ist; eben so wenig kann man es seinem Sohne verargen, wenn er dem erhabenen Beispiele des Vaters folgt. Wahrlich! eine gründlichere und Gottes würdigere Schutzrede für die +Heilung des 38jährigen Kranken am Sabbate+ läßt sich gar nicht denken. Die Feinde Jesu wollten sie mit +Steinwürfen+ beantworten -- das gewöhnliche Werkzeug des Beweisens für beschämte und besiegte Heuchler. Welche Herzen mußten das sein, die eine solche göttliche Sprache nicht verstunden; von solchen Thaten nicht gerührt wurden? Eine solche widrige Erscheinung war nur bei Menschen möglich, welchen +Ehre bei Menschen+, die glänzte und in die Augen fiel, mehr galt, als +die Ehre bei dem unsichtbaren Gotte+; welche sich zum Beweise ihrer Rechtglaubigkeit auf +Moses Ansehen+ und +Schriften+ beriefen, während sie im Leben seine +Lehre+ und seinen +Geist+ verleugneten; welche der Weissagung Moses vom Messias +nicht glaubten+, weil sie ihrem +Interesse+ widersprach. War es für solche Menschen nicht noch eine Ehre, wenn man sie +Heuchler+ nannte? nicht umsonst bezeugte Jesus, daß es seinen Gegnern an +Wahrheitssinn+ fehle, daß das +Wort Gottes+ und die +Liebe Gottes+ nicht in ihren Herzen +wohne+ -- --
Die Lehre, daß Religion nicht +bloße+ Aeußerlichkeit der Gebräuche, daß +Menschenliebe+ ihre schönste Krone sei, daß +Gott selbst+ sich als +Muster+ dafür aufstelle -- diese Lehre war lebensgefährlich für unsern Herrn; wird dieß jetzt weniger der Fall sein, wenn Jemand mit diesem Ernste diesen Geist gegen manchen Buchstaben geltend machen, und das, was Jesus vom Sohne Gottes sagt, verhältnißmäßig auf Gottes Kinder anwenden wollte? Ist wirklich der Pharisäismus so ganz aus unsern Herzen gewichen? --
X.
Jesus, Simon, der Pharisäer, und die Sünderin.[11]
Schon damals scheinen Einladungen zu Mahlzeiten nicht immer Beweise vertrauter Freundschaft, sondern öfter auch Complimente und Hofsitte schlauer Füchse gewesen zu sein. Wer wundert sich nicht? Jesus wurde von dem Pharisäer Simon zur Tafel geladen. Doch wohl ein Beweis, daß er den Propheten zu schätzen wußte! So mochte, so sollte es vielleicht +scheinen+; allein es +war+ nicht so. Das +Betragen+ Simon’s ist Bürge dafür, daß die Einladung nur geschah, entweder um den seltsamen Lehrer auch ein Mal in der Nähe zu sehen, oder damit manche Verehrer Jesu gut von Simon denken möchten u. s. w. Das, was die Leute sahen und hörten -- die Einladung; und das, was im Verborgenen des Hauses vorgieng -- die Behandlung des Gastes; welch’ ein Contrast! Aber unstreitig ächt pharisäisch.
Aber nun erst der Hauptauftritt! die +Sünderin+ tritt in das Speisezimmer, nähert sich Jesus, weint Thränen einer reuevollen, dankbaren Liebe, küßt und salbt die Füße ihres Erretters vom ewigen Tode. Kalter Schauder überläuft die fromme Haut des +reinen Pharisäers+ bei diesem Anblick. „Wenn dieser ein Prophet wäre, so würde er wissen, wer und was für ein Weib es ist, welche ihn anrühret“ -- so spricht er im Herzen sein Gewissenrichterisches Urtheil. Allemal glaubt der Heuchler, in dem Innern Anderer richtig zu lesen, was sein verkehrter Sinn ihm eingiebt. Er ist immer auf Reinerhaltung der Ehre und des Gewissens seiner Nebenmenschen bedacht, und vergißt darüber sich selbst. Der Sohn Gottes las richtiger im Herzen Simon’s, und gab ihm davon einen Beweis, der ihn auf ernste und heilsame Gedanken hätte führen können, wenn er nicht von Selbstsucht zu sehr verblendet gewesen wäre. Widerlegte Jesus nicht recht gründlich und schonend zugleich durch die +That+ den Zweifel Simon’s an seiner Prophetenwürde?
Es läßt sich gar nicht sagen, wie viel Zurückstossendes, zarte Herzen Empörendes in der Gesinnung des Pharisäers gegen Jesus und gegen die Sünderin liegt. Ganz versenkt in die Vorstellung seiner +gesetzlichen+ Heiligkeit; trunken von Freude über seine Sittenreinheit +vor den Augen der Menschen+ blickt er Jesus und die Sünderin mit verachtendem Widerwillen und Eckel an. Es wäre wirklich lehrreich für den Menschenkenner, Stirne, Augen, Mund und Gebehrden des treuen Sklaven eines heilig sein sollenden Buchstabens zu sehen. Aber kaum würde er seinen Unwillen unterdrücken können beim Anblicke der grinsenden Lieblosigkeit des aufgeblasenen Heuchlers, der gefühllosen Härte des unbekannten Sünders, des undankbaren Herzens gegen seinen wohlthätigen Schöpfer. Aus dieser bittern Quelle floß die geläufige Sophistik, welche blitzschnell beweisen konnte, daß +Jesus kein Prophet+ sei, +weil+ er sich von einem +solchen+ Weibe berühren ließ. Das Verdammungsurtheil war +systematisch+ und +rabbinisch+ vollkommen consequent; also +mußte+ es wahr sein, +so sehr es auch allem Geiste der Lehren und Thaten Gottes widersprach+.
Zwischen der Sünderin und dem scheinheiligen Simon befand sich der +göttliche Mittler+. Konnte er gleichgültig oder auch nur geduldig die schonungslose Verachtung ansehen, mit welcher die bessere Sünderin von dem schlechtern Frömmler behandelt wurde? Unmöglich! Er müßte die verlornen Schaafe Israels weniger geliebt haben, wenn er geschwiegen hätte. Aber er machte die Rüge dadurch ausserordentlich eindringend und scharf, daß er durch eine treffliche Parabel den sich weise dünkenden Simon zuerst dahin brachte, über sich selbst das Urtheil zu fällen, und dann die aufrichtige Reue, die flammende Gottesliebe, den unbegränzten Dank, das felsenfeste Vertrauen der berüchtigten Sünderin +verglich+ mit der eingebildeten Heiligkeit des kleinen Schuldners, der aber so wenig als die große Schuldnerin bezahlen konnte; mit der starrenden Kälte des frommen Stolzes gegen den Allerbarmer; mit der unhöflichen Aufnahme des hohen Gastes; mit dem mißtrauischen Sinne des selbstgerechten Gottesgelehrten, der nur auf sich bauete.
Je länger man dieses herrliche Sittengemälde betrachtet, desto mehr gewinnt es an Bedeutung und Anwendbarkeit für Kopf und Herz. Durchsuchen wir doch die geheimsten Gänge und Falten unseres Busens, schütteln wir ihn ganz aus! Denn wir haben einen Herrn und Richter, der alle stolzen Ansprüche selbstgerechter Heiligkeit kräftig niederschlägt, der äußere Frömmigkeit ohne innere in ihrer ganzen Nacktheit darstellt, der die Liebe nach Thaten wäget, nicht nach Worten und Gefühlen, der auf ein gebessertes, reines Leben mehr hält als auf schulgerechte Lehrformen u. s. w.
XI.
Heilung eines Besessenen, der blind und stumm war. Urtheil der Pharisäer. Antwort Jesu.[12]
Mit einem Worte seiner Allmacht hob Jesus ein dreifaches Uebel vollkommen. Konnte er eine That verrichten, die seine Sendung von Gott stärker bewies? +Auf die Herzen des Volkes+ machte sie auch wirklich einen solchen Eindruck. Verwunderung, Staunen, heiliger Schauer ergriff die Zuschauer, sie fühlten die Nähe Gottes, weil sie unbefangen und geradsinnig die That ansahen, und gar wohl begriffen, daß etwas geschah, was kein Mensch so zu thun vermochte. So stieg dann in ihren unverdorbenen Herzen der Gedanke auf: „Sollte dieser nicht der Messias sein?“ Richtig zog ihr gesunder Verstand den Schluß, daß dem, der Macht hat, solche Dinge zu thun, wohl auch die Rettung der Nation für Zeit und Ewigkeit nicht unmöglich sei. Das Wunder führte also die +unpartheiischen+ Menschen dahin, wo Jesus sie haben wollte -- an die enge Pforte des Glaubens an ihn, als den Sohn David’s und Gottes.
Noch jetzt wird man lebhaft ergriffen, wenn man sich diese wahrhaft beseligende Scene vergegenwärtiget; welche Wirkung muß sie erst an Ort und Stelle hervorgebracht haben! Wer konnte ungerührt bleiben? Niemand blieb es -- als +die Pharisäer und Schriftgelehrten, welche von Jerusalem gekommen waren+. Ist es möglich? Sollten +sie+ bei ihrer gelehrten Bildung nicht früher und besser als das Volk, die göttliche That bemerkt und bewundert haben? Nicht nur dieses nicht, sondern noch unglaublich mehr. Sie fällten über dieses offenbare und allgemein dafür anerkannte Wunder ein Urtheil, welches an ruchlosem Unsinne kaum seines Gleichen in der Geschichte findet. „+Jesus+“, sagten sie, „+treibt die Teufel anders nicht aus, als durch Beelzebub, den Obersten der Teufel+.“ Damit glaubten sie das dumme Volk eines Bessern zu belehren, das Erstaunen über die göttliche Heilung niederzuschlagen, den Glauben an Jesus im Keime zu ersticken, und seiner Lehre vorsichtig und wohlweise den Weg zu versperren. Und der Beweis für diese sinnlose, empörende Wundererklärung? Sie hatten keinen andern, als +ihr Ansehen+, von dessen Allgewalt sie mächtigere Wirkungen sich versprochen, als von Gottes Wort und That. Ihnen sollte das Volk ohne Beweis und Siegel glauben; bei Jesus sollte Gottes Siegel ungültig sein -- +eben weil es Jesus war+, der verhaßte Neuerer, der fluchwürdige sogenannte Prophet, der sie um ihren Kredit beim Volke, um ihre Bequemlichkeit im Sorgenstuhle des religiösen Ceremonielles, um den Ruhm der Schrift- und Satzungsgelehrtheit, um ihr selbstgeschaffenes Ideal vom Sohne David’s und von seinem Reiche -- um alle geliebten Scheindinge zu bringen drohte. Ein solcher Mensch +konnte+ nichts Gutes thun, weil er es nicht thun +sollte+, und nach +ihrem+ Sinne nicht thun +wollte+. Eher mußte der +Teufel+ ihm zur Seite stehen, als Gott, so entschieden auch Letzteres war. Bei Jedem aus ihrer Kaste hätten sie Jehova gepriesen für den Sieg über den Satan; nur bei Jesus nehmen sie zum Wahnsinne Zuflucht, +weil sie von Leidenschaft gegen ihn an Kopf und Herz gefesselt waren+.
Allein diese giftige Schlange verbargen sie tief im Busen; überfüllt von ihrem Geifer im Innersten, färbten sie den Ausbruch desselben mit religiöser Schminke. Daher sollte die wüthendste Lästerung für Beförderung der Ehre Gottes, die ungemessenste Verfolgungssucht für Bewachung des Seelenheiles der Israeliten, die unersättlichste Rachsucht für gerechten Unwillen angesehen werden, weil sie von +Jerusalem, der Stadt Gottes+, gekommen waren.
Unser Herr breitet sich nicht leicht über eine Sache aus; aber dießmal that er es mit aller Kraft seiner himmlischen Beredsamkeit. Er wollte unstreitig die Scheußlichkeit und Strafbarkeit dieser Art von Heuchelei ins hellste Licht setzen, um die Menschen -- seine bis in den Tod geliebten Brüder -- dringend zu warnen. Zuerst zeigt er das Ungereimte, Widersprechende in ihrer Behauptung, also das innerlich Unmögliche. Dann widerlegt er sie durch die Werke ihrer eigenen Kinder, und durch den wahren Begriff vom Reiche Gottes, als Gegensatz der Herrschaft des Satans. Hierauf macht er auf das äußerlich Unmögliche der Sache in einer Parabel aufmerksam. Endlich stellt er sich selbst geradezu als Gegner des Satans auf, und erklärt feierlich, daß man zu Einer von beiden Partheien sich schlagen müsse -- zu Gott oder zum Satan. Dabei unterscheidet er genau sein +damaliges+, leicht verkennbares Verhältniß zu Gott, und vergiebt es daher gerne, wenn man +ihn+ lästert; aber unverzeihlich für Zeit und Ewigkeit nennt er es, wenn man die +Werke+ des +Geistes Gottes+, der in ihm wirkt, dem +Teufel+ zuschrieb, +bloß um nicht an Jesus glauben zu dürfen+. Solche Menschen findet er unheilbar und unverbesserlich, so fromm sie scheinen mochten. Endlich deckt er das Brandmal ihres Herzens auf, aus dem nichts Gutes kommen konnte. Er weiset nach, daß ihre gleißenden Worte nur Ausgeburten der alten Schlange seien. Sogar auf das furchtbare Gericht Gottes lenket er den Blick hin, um die zu schrecken, welche er nicht rühren konnte.
Wären die Pharisäer noch einer Besserung fähig gewesen; hätten sie sich nicht verkriechen müßen vor Reue und Scham über die höhnische, absprechende, scheinbar warnende und wohlmeinende Gebehrde und Sprache, mit der sie Jesus verläumdet hatten? Welche Gründe der Wahrheit, welche Thatsachen stritten für ihn! Was mußte ein redlicher Zuhörer denken? Was sollen +wir+ dabei denken, daraus lernen?? --
XII.
Ueber die Lehre von den gesetzlichen Reinigungen.[13]
„+Warum übertreten deine Jünger die Erblehre der Alten? Denn sie waschen die Hände nicht, wenn sie das Brod essen.+“ -- So stellten die Pharisäer unsern Herrn zur Rede, und forderten ihn zur Verantwortung auf. Sie thaten es um so dreister und zudringlicher, weil sie von dem Hauptsitze der Religion und Gottesgelehrtheit -- von Jerusalem gekommen waren, um das Treiben des Nazareners in Galiläa mit eigenen hohen Augen wahrzunehmen, und bei guter Gelegenheit ihm zu Leibe zu gehen. Ueberhaupt mußte es diesen argwöhnischen und eifersüchtigen Rabbinen schon verdächtig vorkommen, daß Jesus, als vorgeblicher Verbesserer der Religion, das Licht der hierosolymitanischen Wahrheit und die scharfen Blicke des Synedriums zu scheuen und sich und sein Unwesen in dem fernen Galiläa zu verbergen schien. Ueberdieß waren die Galiläer in Jerusalem als unwissende Menschen in Betreff der Religion verachtet und vernachläßiget; die Leviten und Gesetzgelehrten gaben sich nur keine Mühe, sie besser zu unterrichten; um so bedenklicher mußten die Herren an der Tempelschule es finden, daß der neue Lehrer sich um „die verlornen und verlassenen Schaafe Israels“ annahm; da konnten seine gefährlichen Grundsätze im Volkstone vorgetragen den raschesten Fortgang machen. So selten daher die Pharisäer Galiläa mit ihren Besuchen beehrten, so begierig ergriffen sie jetzt diese Gelegenheit, ihre väterliche Sorgfalt für die Erhaltung der reinen Lehre in Galiläa mit allem Nachdrucke zu bethätigen.
Wenn man nicht unbemerkt von dem Gedanken beschlichen wird, Jesus habe als Sohn Gottes, ein Privilegium gehabt, sich über religiöse Gebräuche seines Volkes wegzusetzen, da er sie doch als Israelite beobachten sollte: so kann es nicht anders als sehr auffallend sein, daß er in manchen Fällen stracks und geflissentlich das Gegentheil von dem that, was die Pharisäer als gesetzliche Vorschrift lehrten und übten. Da er in andern Fällen so nachgiebig und schonend war, u. z. B. den geheilten Aussätzigen zu den Priestern sandte, die Tempelsteuer bezahlte, das Fest der Tempelweihe besuchte: so kann man mit Recht fragen: +Warum war er gerade gegen die Erblehre der Alten so eingenommen?+ Sollte der Grund nicht darin liegen, +weil sie der Heuchelei Thür und Thor öffnete+?
Es gehört mit zu dem Verderben von Adam’s Söhnen, daß sie sich mit dem +Worte Gottes+ selten begnügen, sondern von jeher diesen alten, milden Wein mit ihrem neuen, rauhen Säuerling genießbarer zu machen glaubten, und sich nicht wenig darauf einbildeten. An diesem Erbübel litten auch die Pharisäer. +Moses+ Gesetz war ihrem Kleinigkeitsgeiste nicht scharf genug in seinen Bestimmungen; +David’s+ Psalmen fand ihr an Glauben und Liebe armes Herz zu kurz und zu trocken; die +Propheten+ -- -- -- kurz, +Gottes Geist+ hatte sich nicht deutlich, nicht breit, nicht ängstlich genug ausgesprochen; die +Rabbi+ späterer Jahrhunderte sahen ernst die Punkte auf dem Jota und alle Beistrichgen recht genau, gaben Alles haarklein an, entschieden mit frommem Scharfsinne alle +möglichen+ Fälle, zogen einen Zaun um das Gesetz Gottes, daß man von demselben nichts mehr sah, sondern den Zaun für das Hauptgebäude beinahe ansehen mußte. Allein +Moses+, +David’s+, +Jesaias+ Geist wehte nicht in den Lehren der Alten; die +wahre, innige, herzliche, lebendige, thatenreiche Frömmigkeit gewann nicht nur nichts, sie verlor alles+. Darum trat Jesus diese Satzungen der Alten kühn mit Füßen.
Zur unwiderleglichen Rechtfertigung solcher Schritte gaben die Pharisäer unserm Herrn die Mittel selbst an die Hand. Noch immer ließen sie die heilige Schrift als Gottes Wort gelten, bezeugten mit schönen Reden die tiefste Verehrung, obwohl sie in der That sie aus ihrem Lehrgebäude verdrängten. Um so kräftiger zeugten dann die Männer Gottes gegen sie, daß sie verstummen mußten; Dießmal war es wieder +Jesaias+, den Jesus anführte, um die Rüge seiner Feinde zu Schanden zu machen. Durch diesen geistreichen Seher eiferte Jehova gegen Lippendienst, an dem das Herz keinen Theil nahm; er tadelte es scharf, daß +sein+ Wort und +sein+ Gesetz durch +Menschenlehren+ und +Menschensatzungen+ verdrängt wurde. Darum verwarf auch Gott die hohle, leere, eitle Frömmigkeit Israels; denn sie war Heuchelei. Waren die Pharisäer nicht in demselben Falle? „Es ist +Korban+!“ Dieses heilige Zauberwort setzte an die Stelle liebevollen dankbarer Elternpflege +ein für die Priester und Leviten einträgliches Opfer+. Gott hatte also Unrecht, wenn er +Liebe+ forderte und nicht Opfer; Gott hatte Unrecht, wenn er ein +reines Herz+ verlangte, +und nicht bloß gewaschene Hände, Schüsseln+ und +Stühle+ u. s. w. Dieß sagten freilich die Pharisäer nicht mit dürren Worten; wie hätten sie es wagen dürfen? Aber auf fein ersonnenen Umwegen gelangten sie zu demselben Resultate. Sie priesen den Werth der Opfer; schilderten die Pracht und Freude der heiligen Gebräuche; strichen die göttliche Einsetzung derselben heraus; rühmten den Eifer und die Weisheit der Alten in diesen Dingen; schärften den Buchstaben der Reinigungsgesetze ein -- schwiegen dagegen, oder sprachen doch wenig und schwach von Glauben, Liebe, Treue, Redlichkeit, Barmherzigkeit, Keuschheit, Versöhnlichkeit, Wohlthätigkeit, Uneigennützigkeit &c.; und was blieb? +Eine schöne Larve ohne Kopf und Geist!+
Wir versetzen uns viel zu selten recht lebendig in die +Zeit+ und +Lage+ unseres Herrn, um es tief und ganz zu fühlen, wie erhaben über Vorurtheile, wie rein von Zusätzen, wie neu und unerhört das Evangelium damals war. Darum verliert so mancher Ausspruch sein Anziehendes; es fehlt ihm an Klarheit und Bedeutsamkeit; man weiß ihn nicht zu brauchen. Wie ganz anders wird dieses Alles bei Zeit gemäßer Ansicht! Wer erkennt dieß nicht bei dem Schritte, den Jesus eben jetzt that, indem „+er das Volk zusammenrief+“ und ihm +seine+ Lehre von Rein und Unrein im grellsten Gegensatze gegen die Lehre der Pharisäer vortrug. Dabei fordert er zum richtigen Verstehen derselben nichts, als unbefangene Anwendung von Aufmerksamkeit und gewöhnlicher Einsicht. „Höret und denket nach! -- Wer Ohren hat, zu hören, der höre!“ Dieß ist alles, was er verlangt; es war aber auch nicht mehr nothwendig, um die Wahrheit und Milde seiner Lehre zu erkennen, und das abergläubisch Abgeschmackte und läppisch Uebertriebene der Schriftgelehrten zu finden. Freilich mochte es vielen an offenem, ungebundenem, reinem Sinne für diese schöne Lehre fehlen, und dann konnte sie den heuchlerischen Geist nicht austreiben. Doch ganz fruchtlos blieb gewiß auch dieser Versuch unseres Herrn nicht.