Die Pharisäer Ein Beitrag zum leichern Verstehen der Evangelien und zur Selbstprüfung

Part 4

Chapter 43,506 wordsPublic domain

Wer verabscheuet nicht diese Zwittergeschöpfe des Mundglaubens und thätigen Mißtrauens? Wer lobt nicht den schönen, erhabenen Ausspruch „der göttlichen Weisheit, die wußte, was im Menschen war?“ -- +Weiß Er es jetzt nicht mehr+, wenn wir Tag und Nacht rastlos daran sind, sinnen und sorgen, uns mühen und quälen, Geld und Gut zu erwerben -- -- um für die ungewisse Zukunft uns sicher zu stellen, um das Wohl der Unserigen zu gründen, u. s. w. u. s. w. dabei aber das Reich Gottes in uns aus Augen und Sinn verlieren? +Weiß Er es jetzt nicht mehr+, wenn wir der Vaterliebe unseres Gottes nur halb trauen, nirgends Ruhe finden, unser armes Herz mit tausend widersprechenden Gedanken, Hoffnungen, Besorgnissen, Planen, Gewinn- und Verlustrechnungen foltern und zerreißen -- und dann doch in Angst und Unglauben +beten+ -- +um Nahrung und Kleidung+, wie Heiden, die keinen Gott kennen? +Weiß Er da nichts mehr+ von getheilten Herzen, von gespaltenen Schlangenzungen, von schielenden Augen, von studierten Hofmanieren &c. der Betenden? Möchte doch dieses Alles nur von den alten Pharisäern gegolten haben! -- --

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„+Heuchler, ziehe zuerst den Balken aus deinem Auge!+“ Wer unter den Christen kennt diese Stelle nicht? Wer führt sie nicht an mit Beziehung auf Diesen und Jenen? Würde aber die Frage aufgeworfen: +Warum+ hat Jesus die Pharisäer und Splitterrichter seiner Zeit +Heuchler+ genannt? Wie Mancher würde verstummen? Und doch giebt gerade diese Stelle großen Aufschluß über das +Wesen+ der Heuchelei, und über ihren +ausgedehnten Wirkungskreis+. Den Hang, seine eigenen großen Fehler zu übersehen, und fremde kleinere Versehen schonungslos zu tadeln; die tückische Wendung, seine Gebrechen durch scharfsichtige Rüge der Schwachheiten Anderer zu decken; die niedrige Kunst, auf Kosten des Nächsten als Vorbild der Tugend zu glänzen, würden wir mit ganz andern Namen belegen, als unser Herr, der dieses Alles mit Einem Worte +Heuchelei+ nennt. Wie treffend! um tugendhaft, um fromm zu scheinen, wenn sie es schon nicht waren, tadelten die Pharisäer Alle, die nicht Ihresgleichen waren, mit liebloser Strenge; sie sprachen gerne Verdammungsurtheile aus, mit denen sie tiefe Einsicht in die Religion an den Tag legen wollten; sie verwarfen Andere um ihrer Meinungen und Lehren willen u. s. w. -- --

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Hatte Jesus Unrecht, wenn er vor solchen Leuten warnte, als „+vor falschen Propheten+?“ Freilich gab er ein Kennzeichen an, welches nur der Geist Gottes mit solcher Bestimmtheit aufstellen konnte. „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen!“ Wenn ein offenherziger Zuhörer diese vielsagenden Worte auffaßte, und den Maaßstab Jesu an eine solche heilige Figur genauer anlegte; mußte er nicht oft zu seinem nicht geringen Befremden eher einen verwundenden Dorn, als eine erquickende Traube, eher eine geschmacklose, als eine milde Feige an manchem Meister in Israel finden? Zum größten Aerger reichte der Schaafpelz -- die rabbinische Amtstracht -- nicht hin, die Wolfsgestalt zu bedecken. --

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Auf nichts waren die Pharisäer so eifersüchtig, als auf den Vorzug, viele Schüler zu haben, und von ihnen recht tief, recht demüthig, recht sklavisch verehrt zu werden. Ein Hauptpunkt dabei war die ängstlichste und unverbrüchlichste Anhänglichkeit an Worte, Buchstaben und Jota ihrer Satzungen und Erblehren. Als zweite, höchst wichtige Vorschrift galt äußerliche Gesetzlichkeit, pünktliches Ceremoniell, wobei eben für innere Heiligung nicht die strengsten Forderungen gemacht wurden. Kann man sich eine bessere Schule der Heuchelei denken? Giebt es einen kürzeren Weg, nach Grundsätzen junge Gleißner zu bilden?

„+Nicht Jeder, der sagt: Herr! Herr! wird in das Reich Gottes eingehen; sondern der den Willen meines Vaters im Himmel thut.+“ Welch’ eine ganz andere Sprache! Jesus stellte den +heiligen Willen Gottes+ als erste Vorschrift für seine Jünger auf; +Ehrfurcht+, +Gehorsam+, +Liebe+ gegen den Vater im Himmel machte er zur unerläßlichen Bedingung der Aufnahme. Wer sich dazu nicht verstehen wollte, der konnte ihn mit allen Ehrentiteln und Bücklingen, mit dem täuschendsten Scheine, mit dem ausgesonnensten Schönthun, mit dem schnellfüßigsten Diensteifer gegen seine Person nicht bestechen; er wurde weggewiesen aus seiner Schule, d. i. aus dem Reiche Gottes. -- +Ob Jesus wohl seine Gesinnung seit seiner Himmelfahrt geändert hat?!+ -- -- --

VII.

Die Heilung des Schlagflüßigen.[8]

Gewöhnlich leihet man der eifersüchtigen Liebe Argusaugen und Adlersblicke; aber der Heuchelei fehlen sie auch nicht. Der Unterschied ist nur der, daß die Liebe den geraden Weg zur Selbsttäuschung wandelt, die Heuchelei aber etwas Anderes thut, und etwas Anderes will. Wie oft eifert sie für Gott, Religion und Tugend, während sie +innerlich+ nur von +Abneigung+, wohl gar von +Haß gegen eine gewisse Person, oder gegen ihre Meinungen+ getrieben wird! Jesus war noch gar nicht lange als Lehrer und göttlicher Gesandter aufgetreten, als es die Pharisäer und Schriftgelehrten schon für nöthig fanden, „aus allen Ortschaften von Galiläa und Judäa, und von Jerusalem zusammenzukommen“, um seine Lehren und Thaten in der Nähe zu beobachten. Die neuen, mit den ihrigen so sehr contrastirenden Lehren des von ihnen nicht begutachteten Propheten beunruhigten sie ausserordentlich. Allein diese Unruhe, so wie der Neid über den schnell und allgemein wachsenden Beifall des Nazareners, wußten sie künstlich genug unter frömmelnder Gebehrde zu verstecken, daß wohl Mancher sie noch gelobt haben mag wegen ihres Eifers, mit welchem die treuen Hirten Israels über der Religion der Väter hielten, und sich keine Mühe zu groß, keine Reise zu weit sein liessen, um gefährlichen Lehren heilsam den Weg zu versperren. --

So finden wir sie jetzt beisammen in dem Hofraume eines Hauses zu Kapernaum, wo sich Jesus, wenn er nicht umherzog, gewöhnlich aufhielt. In der Mitte ist Jesus; um ihn her bilden die Pharisäer einen Kreis, mit Ansehen den ersten Platz behauptend; hinter ihnen das Volk in dicht gedrängter Masse. Jesus lehrt; sie horchen und lauern auf jedes Wort. Umsonst; er spricht lautere Wahrheit. Geheimer Verdruß beschlich schon die Herzen, daß Zeit und Mühe dießmal verloren sei. Doch unerwartet ereignet sich Etwas, wodurch die Hoffnung, ihm beizukommen, wieder belebt wird. Ein Schlagflüßiger wird unter sonderbaren Umständen unserm Herrn zu Füßen gelegt: „da er ihren +Glauben+ sah +sprach er+: +Mensch, dir sind deine Sünden vergeben!+“ -- -- Gott sei gedankt! Jetzt wird den Herren leichter um das Herz; sie haben -- +eine Gotteslästerung+ (!?) gehört. Das Innere geräth bereits in Aufruhr, d. h. in gerechten, heiligen Eifer; Rachegedanken durchkreuzen sich wie Blitze in der geistigen Nacht der Heuchelei; Alles drohet nahen Ausbruch -- -- als Jesus ihre Bosheit in ihren Herzen las, sie ans Licht zog, und mit einer +wundervollen That beschämte+. Zur Vollendung ihrer Niederlage brach das Volk in laute Lobpreisung Gottes aus, und in Erstaunen über die hohe Macht unseres Herrn. Heiliger Schauer hatte Alle durchdrungen; verbissene Wuth kochte in den Pharisäern -- bei +einem und demselben Werke Gottes+. Läßt sich Wahrheitssinn und Herzenseinfalt, dem Vorurtheile und der Tücke gegenüber, lebendiger malen? --

VIII.

Die Berufung des Matthäus; Beantwortung von zwei Fragen.[9]

Vom Standpunckte göttlicher Wahrheit und Liebe, und darum so rein, frei und milde beurtheilte und behandelte Jesus die Menschen und ihre Verhältnisse. Kein Wunder, daß er mit den einseitigen, herzlosen, selbstsüchtigen Maximen der Pharisäer und Schriftgelehrten so oft in Gegenstoß kam. Eitler Stolz auf die Vorrechte des Volkes Gottes hatte sie vermocht, die +Zolleinnehmer+ ihrer Tage für +öffentliche Sünder+ zu erklären, und so eine Art Bann über sie auszusprechen, weil sie von den Römern, als Heiden und Feinden der Nation, ihre Stellen pachteten. Niedriger Eigennutz von Seite vieler Zöllner verschaffte ihnen einen gültigen Vorwand, dieses Urtheil zu rechtfertigen, und die Scheidewand zwischen den Rechtschaffenen und Sündern immer länger und höher zu führen, so daß kein eifriger Pharisäer mit einem Zöllner auf irgend eine Weise vertraut umgieng. Er hätte dadurch seine gesetzliche Reinigkeit verletzet.

Ganz anders dachte und handelte Jesus. Er sah in den Zöllnern unglückliche Menschen, verirrte Kinder seines himmlischen Vaters; er fand nicht alle unverbesserlich und durchaus verwerflich; darum entsetzte sich sein menschenfreundliches Herz über die gefühllose Kälte und Härte, mit welcher die Pharisäer diesen Menschen den Weg zur Besserung versperrten; sein himmlisch hoher Geist schwang sich über diese finstern Vorurtheile der Meister Israels empor; edel und freisinnig wandelte er den Pfad der Erbarmungen Gottes um die verirrten Schaafe aufzusuchen -- und nicht vergeblich. Er fand mehr als Einen, über den er sich mit dem ganzen Himmel freuen konnte. +Matthäus+ wird als der Erste genannt; Mancher wird wohl noch einst im Buche des Lebens angeschrieben stehen, den die Menschen nicht kennen.

Welch’ ein entzückender Anblick! Jesus geht an der Zollbank vorbei, sieht den Matthäus, fordert ihn auf, sein Jünger zu werden; dieser erhebt sich mit raschem Entschlusse, verläßt freudig sein einträgliches Gewerbe, und wird Schüler des armen Propheten. Wo sind da die feinen Ueberredungskünste, wo die lockenden Versprechungen von der einen, wo die wegwerfenden Manieren, wo die sklavische Erniedrigung von der andern Seite, wie Beides bei den Pharisäern Statt fand? Wie kurz, wie natürlich, wie zwanglos, wie +thatenreich+ ist der ganze Hergang! Wie edelmüthig, frei und doch voll Anstand und Würde ist das wechselseitige Betragen! Welch’ ein Ausdruck hoher Freude liegt in der Veranstaltung des Gastmahls bei Matthäus! Welche hinreißende Herablassung in der Theilnahme Jesu daran! Ohne Bedenken aßen seine unverdorbenen Jünger mit dem reuigen Sünder; Matthäus und seine Genossen dachten nicht an den harten Richterspruch der Pharisäer; sie sahen nur den Propheten, fühlten Wonne im Herzen und Kraft zur Besserung.

+Gott und seine Engel freuten sich des herrlichen Anblickes.+ -- --

+Die scheinheiligen Pharisäer murrten, zürnten, tadelten laut unsern Herrn!!!+ -- Wer vermag das Abscheuliche, Niederträchtige, Empörende einer solchen Denk- und Handlungsweise zu schildern?

Muth ist nicht Sache des Heuchlers, wenigstens nicht offener Muth; das böse Gewissen schlägt ihn. Darum zieht er Seitenangriffe vor; er tritt dem Gegner nicht leicht vor die Augen. Dieser Zug schändet auch hier die Pharisäer. Sie wagten es nur nicht, Jesus unmittelbar selbst zu tadeln; nur an seine Jünger stellten sie im religiösen, strafenden Tone die Frage: „Warum esset und trinket ihr und euer Meister mit den Zöllnern und Sündern?“ Vielleicht hatten sie dabei noch die hinterlistige Absicht, durch ihr Ansehen und durch die öffentliche Rüge die Jünger von Jesus abwendig zu machen.

Aber schnell nahm Jesus das Wort, und vertheidigte +sich+, nicht die Jünger; denn er wußte zu gut, +wem+ der Vorwurf gelten sollte. Und welche Vertheidigung? In drei Innhaltsschweren Sätzen rechtfertigte er seinen Besuch bei Matthäus, enthüllte die Schande seiner Gegner, und schilderte die göttliche Milde seines Berufes.

Man durfte nur ein wenig mehr, als gewöhnlich Pharisäer, mit dem Geiste des alten Testamentes vertraut sein, um aus den Psalmen und Propheten zu wissen, wie zärtlich Gott um die Bekehrung der Sünder sich gleichsam bekümmerte; wie väterlich er für Menschenwohl sorgte; wie oft gerade von dieser menschenfreundlichen Seite auch der Messias geschildert wurde. Darum konnte Jesus nicht +Schriftgemäßer+ sich als Retter Israels ankündigen, als dadurch, daß er als +Seelenarzt+ auftrat. Allein eben dieß war es, wovon die damaligen Lehrbücher nach den Erblehren der Alten nichts enthielten; und von den Psalmen und Propheten wußten die Pharisäer wenig. Wie konnten sie also das Benehmen und die Lehre unseres Herrn verstehen?

Desto geübter und bewanderter waren sie im Ceremoniell des Gottesdienstes jeder Art und Gattung. Opfer waren die Hauptsache der Religion; denn wenn sie selbst opferten, so glaubten sie, Gott damit für sich zu gewinnen; opferten aber Andere, so war dieß für Priester und Leviten einträglich. Daß diese Art von Religiosität nur verkappter Eigennutz war, bewies ihre +Lieblosigkeit gegen alle Menschen+, und ihre +an Grausamkeit gränzende Härte gegen Sünder und Irrende+. -- Der natürliche Grund davon lag in dem Mangel an Kenntniß der heiligen Schrift, in der geringen Vertrautheit mit ihrem Geiste, in blinder Anhänglichkeit an alte Lehrer und an selbstgewählten Gottesdienst. Daher war die Antwort unseres Herrn so eindringend und unwiderstehlich: „+Gehet hin und lernet, was es heißt: Barmherzigkeit will ich, und nicht Opfer!+“ Wie menschlich, wie milde und freundlich ist doch die von +Gott selbst+ ausgesprochene Religion! Wie hart, wie starr und ertödtend das von +Heuchlern+ mit diesem ehrwürdigen Namen ausstaffirte Gespenst! Menschenliebe und Eigennutz -- welche Gegensätze!!

Ganz im Geiste des Allerbarmers trat Jesus auf, und munterte +alle Sünder+ zur Besserung auf. „Gerechte“, d. h. in sich selbst Fromme, maschinenmäßig Heilige, daher Unverbesserliche, wie die Pharisäer, konnte er nicht zur Sinnesänderung einladen. Wahrhaft Gute schlossen sich von selbst an ihn an.

So mußten seine tadelsüchtigen Gegner, kräftig widerlegt, nachdrücklich zurechtgewiesen, fein angestochen, ruhmlos abziehen, und ihren Verdruß wiederkauen.

* * * * *

Einstimmig lassen drei Evangelisten einen Vorfall folgen, der selbst der Zeit nach, nicht bloß wegen seines Innhaltes, mit dem Vorhergehenden zusammenzuhängen scheint. Die Pharisäer konnten es, trotz ihrer Frömmigkeit, doch nicht so leicht verzeihen, daß Jesus sie vor +Zöllnern und Sündern+ zu Schanden gemacht hatte. Sie sannen auf Rache; und diese wird solchen Leuten nicht schwer. Dießmal verfielen sie aber auf ein fein und listig erdachtes Mittel. Jesus und Johannes sollten im Widerspruche begriffen dargestellt, die Jünger des Täufers als Werkzeuge benützt, die Schüler unseres Herrn von ihm abgewandt werden. Ein trefflicher, der gewandtesten Heuchler würdiger Plan!

Aber wie kam es, daß Johannes Jünger sich von ihnen so leicht mißbrauchen ließen, da der Täufer so dringend vor Pharisäern gewarnt hatte? Dazu mußten mehrere Triebfedern künstlich in Bewegung gesetzt werden. Aus einem frühern Vorfalle (Joh. III., 26.) ergiebt sich ungezwungen, daß einige Schüler des Täufers +eifersüchtig+ waren auf das schnell wachsende Ansehen unseres Herrn; diese leidenschaftliche Stimmung konnte seit der Gefangennehmung des Täufers nicht abgenommen, vielmehr durch Schmerzgefühl über den Verlust ihres Lehrers nur zugenommen haben. Von einer andern Seite hiengen diese Schüler noch sehr an einem äußerlich strengen Leben, wie es ihr Lehrer, +seinem Berufe+ und +Zwecke gemäß+, geführt, und wozu er sie, als +Vorbereitung+ zum Reiche Gottes, ebenfalls angewiesen hatte. Da nun nicht leicht Jemand scharfsichtiger ist in der Entdeckung der Schwachheiten Anderer, als der Heuchler, weil er selbst viele Blößen zu decken hat; und da eben solche Menschen fremde Fehler am schlauesten zu benützen wissen, weil sie aus der Kurzsichtigkeit der Menschen für sich selbst täglich und stündlich Vortheil ziehen müßen: so konnte es den Pharisäern gewiß nicht schwer werden, einige Johannes-Jünger in ihr Interesse zu ziehen. Je +tiefer+ und +stiller+ aber eben darum +freier+ und +zwangloser+ die Religiosität unseres Herrn war, desto leichter war es, unter den gegebenen Umständen, sie verdächtig zu machen. Ohne viele Mühe und mit täuschendem Scheine ließ sich zeigen, daß Jesus, der mehr sein wolle, als der +große+ Johannes -- schwerlich werden die Pharisäer erheucheltes Lob gespaart haben -- nicht einmal die +Kennzeichen+ alltäglicher Frömmigkeit an sich habe. Solche Dinge von Männern vorgetragen, welche im +Geruche+ der Heiligkeit stunden; wie verführerisch mußte es sein! um aber das schöne Vorhaben von allen Seiten zu befördern, und jedes mögliche Hinderniß bedachtsam zu entfernen, mußten sich Einige der eifrigsten Pharisäer-Schüler zu denen des Johannes gesellen. Auf diese Weise bildeten sie eine zusammengesetzte, gar nicht verächtliche Gesandtschaft, welche unsern Herrn +öffentlich über den Mangel an Gebetstunden und Fasttagen für seine Jünger+ zur Rede stellen sollte. In welchem Lichte mußte Jesus vor den Augen der beschränkten kurzsichtigen Menge erscheinen, wenn er diesen Angriff nicht kräftig und ganz von sich ablenken konnte? +Wahrlich, wer sich in Ränken und Verfolgungskunstgriffen üben will, darf nur zu Pharisäern in die Schule gehen!+

Es hatte die Feinde Jesu nicht wenig Nachdenken, Scharfsinn, Kunst und Mühe gekostet, diesen Angriff auf die tadellose Frömmigkeit zu Stande zu bringen. Jesus arbeitete indessen unbesorgt und rastlos an Besserung und Beseligung der Sünder; und als sie den Schlag ausführen wollten, waren sie mit Einem Allmachtsworte der unüberwindlichen Wahrheit besiegt. Der Gott vertrauende, Menschen liebende Fromme besteht fest und ungebeugt, wie Libanons Ceder, den Sturm, während der Boshafte mit Wurzel und Stamm verderbt wird.

Ueber das +Gebet+ gab Jesus merkwürdig genug gar keine nähere Antwort. Dieses Stillschweigen beweist wohl mehr, als alle scheinheiligen Schutzreden, daß Jesus dem +Geiste des Gebetes+ keinen Zwang angethan wissen wollte durch Formeln und Zeiten und Orte. Bei ihm und seinen Jüngern war es nicht so, wie bei den Pharisäern. Die geistlose Anhänglichkeit an bloße äußere Gebräuche und Selbstquälungen hätte gar nicht sinnreicher und tiefer verglichen werden können, als mit +Trauergebräuchen zur Zeit der Freude+, mit +neuen Lappen auf alte Kleider+. Wie mußte dieß die Heuchler ärgern, wenn sie den Werth ihrer mühsamen und hart errungenen Heiligkeit so herabgesetzt sahen! Wer freuet sich nicht, daß wir einen Bräutigam und keinen Todtengräber zum Stifter unserer Religion haben? -- Junger herber Wein, der dem Gaumen nicht behagt, und den Schläuchen schadet, ist ein sinnvolles Bild der sauertöpfischen Frömmigkeit dressirter Heuchler.

IX.

Ueber Heiligung und Entweihung des Sabbates[10]

Der wahre Gottesverehrer und der Heuchler verhalten sich zu einander wie Geist und Buchstabe, wie Sache und Form, wie Wirklichkeit und Schein. Wer kennt Moses und die Propheten, und weiß es nicht, daß die +Feier des Sabbates+ ein Grundgesetz der israelitischen Religion war? Der Glauben an den Einen wahren Gott, als Weltschöpfer und Weltregenten, hieng an der Beobachtung oder Vernachlässigung dieses Gebotes; Israel fiel oder stund jederzeit mit dem Sabbate. Seit der Wiederherstellung eines großen Theiles der Nation nach dem babylonischen Exil wurde mit ausserordentlicher Strenge über diesem Gesetze gehalten, weil man, nachdem der Rausch des Götzendienstes verrauchet war, die Wichtigkeit dieser Feier einsah. Allein Esra’s und Nehemia’s Geist lebte nicht fort in ihren Nachkommen; diese blieben bald häufig nur bei der Form stehen, und trieben Abgötterei damit. Besonders die Pharisäer entwarfen ein Bild von der Heiligkeit des Sabbates, das an Personification gränzte, und zu den abentheuerlichsten Vorschriften verleitete, von denen die heil. Schrift durchaus nichts wußte. Sie trieben es so weit, daß die Feier dieses Tages zur Hauptsache und zum Zwecke, der Mensch zur Nebensache und zum Mittel wurde. Daher überluden sie die Menschen mit kleinlichen Regeln, Gesetzen und Bestimmungen darüber, welche körperliche Verrichtungen man vornehmen dürfe, um „nicht zu arbeiten.“ Alles wurde wieder nur auf Gebräuche, Ceremonien, Wortformen, Schritte, Bewegungen -- bis zur Anwendung von Arzneimitteln eingeschränkt; das Herz gieng leer aus dabei; der Geist mußte Hunger leiden; das Gewissen kam in die Noth -- wie überall bei der Heuchelei.

Jesus war Israelite im ächten Sinne des Wortes, und eben darum nichts weniger als ein Verächter des Sabbates, wohl aber der pharisäischen Lehre über den Sabbat. Diese mit Lehre und That zu bestreiten, war sein hoher und fester Entschluß. Daher ließ er es gerne geschehen, daß seine wenigstens in diesem Punkte unpharisäischen Jünger an einem Sabbate Aehren abrupften, sie mit den Händen zerrieben, und aßen -- zum nicht geringen Aerger der Pharisäer. Diese waren nämlich ihm und seinen Jüngern auch hier nachgeschlichen, oder hatten sich mit verstellter Miene der Freundschaft zu Begleitern aufgedrungen. Blinder Religionseifer treibt zu Allem, und erlaubt sich Alles; ist ja der Zweck heilig; warum nicht auch jedes Mittel? Wie werden sie sich in +ihrem+ Gott gefreuet haben, als sie diesen Fehler entdeckten? Nun lag ja die Sündhaftigkeit und die verführerische Lehre des verhaßten Propheten zu Tage; nicht nur Er selbst hielt nichts auf göttliche Einsetzungen, sondern gestattete auch bereits seinen Jüngern, ungescheuet den Sabbat zu schänden.

Womit wollte Jesus sich rechtfertigen gegen so scheinbar wichtige und gegründete Vorwürfe? Wenn es mit Gründen aus der pharisäischen +Schule+ hätte geschehen müßen, wäre er freilich in die dringendste Verlegenheit gerathen; denn er hätte weder einen alten noch einen neuen berühmten Rabbi für sich anführen können. Allein Jesus hielt sich vorerst an die +heil. Schrift selbst+; und da war das Recht auf seiner Seite. Im +Gesetze Moses+ war das, was die Jünger gethan hatten, den Armen ausdrücklich erlaubt, und am Sabbate wenigstens nicht verboten. Von dieser Seite konnten ihm seine Feinde nicht beikommen. Aber er war im Stande, noch weiter zu gehen, und ein +unverwerfliches Beispiel aus Gottes Wort+ anzuführen, daß selbst bestimmte göttliche Vorschriften für äußere Gebräuche im Falle eines dringenden Bedürfnisses ihre verbindende Kraft verlieren. Was ließ sich dagegen sagen, wenn der +Hohepriester Achimelech+ und +David+ so gehandelt hatten? Warum tadelten denn die Pharisäer nicht auch das +Gesetz Gottes+, welches den Priestern Arbeit zum Behufe des Opferns am Sabbate gestattete?

Höchst merkwürdig und lehrreich bleibt es, wie unser Herr stets den +Menschensatzungen+ und +Erblehren+ seiner Feinde +Gottes Wort+ und +That+ entgegengesetzt, und sie damit verstummen machte. In welchem Lichte ihre Kenntniß göttlicher Dinge dabei erschien, darf wohl nicht erst gezeigt werden.

Obwohl das bisher Gesagte mehr als hinreichend war, die Handlung der Jünger und dadurch auch Jesus selbst zu rechtfertigen: so fügte er doch noch +besondere Gründe+ bei, welche unsere ganze Aufmerksamkeit verdienen, weil sie den Charackter der Wahrheit und Liebe, so wie der Heuchelei ins hellste Licht setzen.

Die Pharisäer fanden es untadelhaft, daß die Priester und Leviten die Sabbatsruhe brachen; denn es geschah +im Tempel+ und folglich +zur Ehre Gottes+. Jesus erklärte, daß seine Jünger noch mehr Recht dazu hätten, als jene, da „+Er größer sei, als der Tempel+.“ Damit gab er sich deutlich genug zu erkennen, als den +Sohn Gottes+, als die +lebendige Wohnung, in welcher die Fülle der Gottheit thronte+. Es ist ein trauriges Zeichen der tiefen Verblendung, in welche geistlose Systeme die Menschen stürzen, daß die Pharisäer diesen starken Fingerzeig weder gut noch böse aufnahmen; ja, gar nicht vernommen zu haben scheinen.

Auch bei dieser Gelegenheit führte Jesus wieder den Spruch des Propheten an: „Barmherzigkeit will ich, und nicht Opfer.“ Damit deutet er auf die +eigentliche Quelle+, aus welcher der Vorwurf der Sabbatsschändung geflossen war. Lieblosigkeit, Verdammungssucht, Partheihaß war es, was sie bestimmt hatte, unserm Herrn auf dem einsamen Pfade durch Saatfelder nachzuschleichen, und die unschuldigen Jünger zu tadeln. Welch’ einen Begriff von Frömmigkeit hatten diese Heuchler? Was ließ sich mit ihrer Religiosität nicht Alles reimen? Wie listig wußten sie ihre Leidenschaften mit Gottes Sache zu vermischen! Aber Jesus durchschaute die Tücke ihres Herzens, und enthüllte sie -- +zu unserer Belehrung und Warnung+.