Die Pharisäer Ein Beitrag zum leichern Verstehen der Evangelien und zur Selbstprüfung

Part 2

Chapter 23,504 wordsPublic domain

Wundern wird man sich also nicht mehr, warum +Jesus+ gegen die +Pharisäer+ so schonungslos verfuhr; warum sein göttlicher Eifer entbrannte ihren Lehren und Thaten gegenüber, wenn man auch nur das reif und besonnen überlegt, was die heilige Schrift vom Wesen der Heuchelei uns gelehret hat. Aber staunen muß man über die langmüthige Liebe und über den hohen Ernst, womit unser Erlöser unabläßig daran arbeitete, den verborgenen Krebsschaden dieser Leute, wo möglich noch zu heilen oder wenn dieses durch ihre eigene Schuld nicht mehr angieng, denselben zur Warnung für Mit- und Nachwelt unverholen aufzudecken. Möge das Werk des Herrn an uns nicht verloren gehen!

I.

Johannes der Täufer, den Pharisäern gegenüber.[2]

„+Gottes Wort+ ergieng an Johannes, Zacharias Sohn, in der Wüste“ -- und er trat auf, plötzlich, unerwartet, kräftig, wie sein Vorbild, Elias.

Das Volk strömt an den Jordan, sieht, höret, bewundert, staunet, wird erschüttert von dem Donner des nahen Gottesgerichtes, läßt sich taufen zur Sinnesänderung.

Der Ruf von ihm dringt in die Hauptstadt, erregt die Neugierde, wird Tagsgespräch. Viele machen sich auf, eilen an den nicht zu entfernten Fluß, um die neue Erscheinung mit eigenen Augen zu sehen. Manche kommen gerührt und gebessert zurück, Andere nicht; Alle erzählen von einem Manne -- „angethan mit einem Kleide aus Kameelhaaren, einem ledernen Gürtel um seine Lenden; von einem Manne, der Heuschrecken und wilden Honig genießt.“ Der Inhalt seiner Predigt sey: „Aendert euern Sinn; denn das Himmelreich ist nahe!“

„Und das römische noch näher!“ -- so mochte mancher eifrige Pharisäer dem Erzähler antworten -- „Wozu ein +himmlisches+ Reich, so lange das +Volk Gottes+ unter dem römischen Joche schmachtet? +Buße ist unnöthig+; denn wir dienen weder Baal noch Astaroth, wie unsere Väter. +Frei+ sollen wir sein; wer uns Befreiung verkündiget, oder noch lieber, bringt, der ist +unser+ Prophet.“

Für Leute von solchem Sinne hatte Johannes zu wenig +politisches+ Interesse, um gleich Anfangs ihre Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Zu dem war man in diesen unruhigen Zeiten an sonderbare Auftritte ziemlich gewöhnt.

Bei Vielen unter dem Volke hatte aber doch der Gott dieser Welt die Herzen noch nicht so verdüstert, daß sie unfähig gewesen wären, einzusehen, der Täufer habe Gottes Wort und das Zeugniß ihres Gewissens für sich, wenn er sie um ihrer +Lieblosigkeit+, +Habsucht+ und +Ungerechtigkeit+ willen als zur Strafe reif betrachte. Er selbst war über jeden Tadel dieser Art erhaben, und bestätigte seine Lehre mit seinem +Beispiele+. Daher die großen Wirkungen seines +Wortes+.

* * * * *

Darin zeichnen sich alle Männer Gottes vor den Menschenkindern so sehr aus, daß sie hohe +Würde+ mit reiner +Demuth+ so unvergleichlich in sich vereinigen. Auch Johannes trägt dieses Siegel Gottes an sich.

Als eine heilsame Furcht vor einem nahen Gerichte die Nation durchdrungen, und die freudige Hoffnung des kommenden Gottesreiches in Vielen einen bessern Sinn angeregt hatte; als das Volk Schaarenweise an den Jordan strömte, um sich taufen zu lassen: da fanden es +Pharisäer+ und +Sadducäer+ rathsam, den Gang dahin ebenfalls zu thun. Was bewog sie denn dazu? Ohne Zweifel hatte +Neugierde+ großen Antheil an diesem Schritte. Doch eben so viel wenigstens mochte die +Sucht, beym Volke etwas zu gelten+, beitragen; sie wollten, wenigstens die Pharisäer, nicht die Letzten seyn, die sich bei dem neuen Propheten einfanden. Im Hintergrunde aber lag noch eine +geheime Furcht+ vor göttlichen Strafen, die sich ihrer bei der allgemeinen Erschütterung unwillkührlich bemächtigte, weil ihr Gewissen gegen sie zeugte. Endlich trieb sie +Neid+ und +Eifersucht+ an, die Absicht des neuen Lehrers kennen zu lernen, der so viel Aufsehen erregte, und so großen, für sie kränkenden Beifall fand.

Wer sieht sie nicht kommen? Mit gemessenem Schritte in Achtung gebietender Haltung, das Gesicht in frömmelnde Falten verzogen, im Blicke eine Mischung von Kriecherey und Stolz -- so schreiten die Herren durch das Volk, und treten vor den Täufer. Dieser aber entdeckte bald die Wölfe, welche sich in Schaafspelze verkrochen hatten. Ohne sich durch ihre Gegenwart und durch ihre hohen Mienen im geringsten schrecken zu lassen, behauptete er sein +Ansehen+ als Prophet und machte von dem +Rechte+, das ihm der göttliche Auftrag gab, einen so nachdrücklichen Gebrauch, daß sie das ganze Gewicht seiner beschämenden Strafrede unangenehm genug zu fühlen bekamen. Er zeichnet ihren Charakter von der schlimmsten Seite mit Einem Zuge: „Natternbrut!“ Damit deutet er auf das Gift ihrer Lehre, auf die Tücke ihres Herzens, auf die Gefahr für gute Menschen von ihrer Seite, auf ihre schlaue Furchtsamkeit, welche er sogleich noch besonders, aber gar nicht zu ihrer Empfehlung heraushebt. Mit Gottes Allmacht schlägt er ihre falschen Schlüsse: „+Wir haben Abraham zum Vater+;“ also sind wir +Gottes Volk+, und folglich +Erben+ des +Reiches+ mit dem +Messias+. Die Hauptsache war in ihren Augen, als +Jude geboren+ -- +beschnitten+ -- +erzogen+ zu sein; der +Zustand des Herzens+ wurde wenig berücksichtiget. Sie pochten auf Aeußerlichkeiten und auf einen religiösen Ahnenstolz, ohne eigenen Werth zu haben. War dieß nicht die gefährlichste, verderblichste Heuchelei?

Mit dieser gewaltigen Kraft, mit diesem überwiegenden Ansehen, eines Elias würdig, steht in wunderbarem Kontraste die +Bescheidenheit+ und +Demuth+, mit welcher er vor dem Volke, das ihn für den Messias zu halten geneigt war, unaufgefordert erklärte: Zum Messias verhalte er sich wie der geringste Sklave zu seinem Herrn; seine Kraft reiche an die des Stärkern nach ihm so wenig, als reinigendes Wasser an läuterndes und belebendes Feuer.

Vergleiche den großen, demüthigen, edeln +Johannes+ mit den hochfahrenden, kriechenden, listigen +Pharisäern+ -- und +lerne+!

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Mit nichts kann man den Heuchler gewisser zur unversöhnlichsten Rache aufreizen, als durch Aufdeckung seines Innern. Dieß erfuhr auch der Täufer. Er hatte den geheimen Stolz der Pharisäer aufs empfindlichste gekränkt; denn sie bildeten sich auf ihre Frömmigkeit und Gottseligkeit nicht wenig ein. Darum sannen sie darauf, wie sie ihm die erlittene Schmach siebenfach vergelten könnten. Leidenschaft macht scharfsinnig; und so fanden sie bald ein treffliches Mittel, ihren Zweck zu erreichen. +Johannes hatte sein Amt ohne Wissen und Wollen des Synedriums angetreten; er handelte und lehrte eigenmächtig, wie ein Prophet, ohne seine göttliche Sendung durch ein Wunder zu beweisen+; konnten die Väter des Volkes da nicht mit vollem Rechte die Frage aufwerfen: +Ob Johannes auch nur ein Prophet sey?+ Schwerlich war ihnen in diesem Augenblicke eine Vorschrift des Gesetzes erwünschter, als die, welche ihnen das Recht gab die Ansprüche auf die Prophetenwürde zu untersuchen. Welch’ ein blendendes Aushängeschild für ihren Racheplan! Dabei nahmen sie ihre Maaßregeln so, daß es weder an +gesetzlichen Formen+, noch an +feierlichem Pompe+ fehlen sollte. Sie beschlossen, eine +förmliche Deputation+ von +Priestern+ und +Leviten+ -- an den Jordan zu schicken, und dem Täufer +öffentlich+ eine kurze und bestimmte +Erklärung+ über sein Vorhaben und Benehmen abzufordern.

Man müßte für Johannes zittern, wenn die Pharisäer an ihm ihres Gleichen vor sich gehabt hätten. Allein wer seiner guten Sache gewiß ist; wer mit reinem Herzen der Wahrheit aus Gottes Munde huldiget; wer mit redlichem Sinne den Menschen zugethan ist, der vereitelt solche Ränke entweder geradezu durch sein einfaches, schlichtes Reden und Thun, oder wenn er unterliegt, so ist selbst sein Tod ein neuer Sieg für die Wahrheit, welche triumphierend aus seinem Grabe aufersteht. Der Täufer gerieth nicht in ihre Schlinge. Vielmehr setzte er ihrer Schlauheit wahre Klugheit, ihrer Verstellung arglose Aufrichtigkeit, ihrem Stolze ungekünstelte Demuth entgegen; er behandelte sie, als Gesandte des Synedriums, mit der ihrem Range gebührenden Achtung; machte ihnen nicht den leisesten Vorwurf; antwortete auf jede Frage bescheiden, kurz und wahr; rechtfertigte seine Predigt und Taufe mit einer Stelle des Jesaias, fügte eine eigene Weissagung dazu -- und ließ sie unverrichteter Dinge mit einem Stachel im Herzen abziehen, ohne daß sie Scham oder Verdruß sich durften ansehen lassen.

Wer es beherzigen will, wird hier lehrreiche Winke darüber finden, theils wohin Heuchelei führe, theils wie man derselben am besten begegnen könne und soll.

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Was werden sich die abgeschickten Priester und Leviten nicht eingebildet haben auf dem Wege? Wer sie gekannt hätte, der hätte den gewissen Sieg schon auf ihren Gesichtern lesen können. An ernster Amtsmiene und an imponirendem Tone ließen sie es wohl auch nicht fehlen; +die heilige Sache forderte es so+.

Aber der Ausgang der Sendung belehrte sie eines Andern. Welche Gefühle regten sich in ihren Herzen auf dem Rückwege? Was sagten die Alten zu Jerusalem? Welch’ ein Schlag, sich in ihren süßesten Erwartungen so getäuscht zu sehen! Und doch war es nicht zu ändern! Was blieb ihnen nun noch übrig? Immer noch ein ächtes und kräftiges, solcher Scheinheiligen würdiges Mittel -- +den Täufer zu lästern und zu verläumden+. Sie, die auf öffentliche Selbstkasteiung sonst so viel hielten, schämten sich jetzt nicht, mit sich selbst in Widerspruch zu gerathen, und gerade das an Johannes zu tadeln, was ihm als Bußprediger so gut anstund. „+Er hat einen Teufel!+“ d. h. er ist ein Narr, ein Schwärmer, ein gefährlicher Mensch. Dieß bewiesen sie aus seinem Aufenthalte in der Wüste mit seiner Kleidung und Kost, durch seine mit den Erblehren nicht harmonirende Sittenlehre u. s. w. Man denke sich dazu eine warnende Miene, frömmelnde Gebehrden, eifriges Amtsgesicht, breite Gelehrsamkeit und Redekünste; und man wird sehr leicht berechnen, daß es Manchen irre machen mußte, der gewohnt war, den weisen und frommen Vätern Alles auf ihr Wort zu glauben. (Matth. XI, 18).

Doch fanden diese Verläumdungen nicht überall so leicht Eingang; denn beim Volke hatte die Ueberzeugung, Johannes sey ein Prophet, zu festen Fuß gefaßt. Sobald sie daher merkten, daß sie den großen Haufen, das „Erdenvolk“ in ihrer Sprache, unwillig machen würden, so zogen sie sich zurück, verstummten, sprachen zweideutig von dem Täufer, und verbargen ihren Ingrimm. (Matth. XX, 26. Luk. XX, 6.)

Ein solches Betragen bedarf doch wohl keines Commentars!

II.

Nathanael.[3]

Dieser ist ja kein Pharisäer, wird man sagen! Wohl wahr; aber Blick kann er uns geben in das, was Pharisäismus ist, durch den Gegensatz, den er mit demselben bildet.

Jesus selbst drückt seine Freude über Nathanael sehr lebhaft aus: „+Siehe da, ein wahrhaftiger Israelite in dem kein Falsch ist!+“ So freuet sich ein biederer Mann, wenn er einen Redlichgesinnten findet. Unserm Herrn wallet das Herz auf bei einem solchen Anblicke, und aus der Fülle seines Herzens fließt ein seltner Lobspruch. Wie menschlich schön erscheint hier Jesus!

„Aber Nathanael hegte ja ein Vorurtheil gegen Nazareth!“ Was schadet dieses seinem antipharisäischen Charakter? +Wer sein Vorurtheil so offenherzig gesteht, und so bereitwillig ablegt, sobald sich ihm die Wahrheit zeigt, der ist das gerade Gegentheil eines Heuchlers+, und so war es bei Nathanael! Ein leichter Morgennebel kann nicht schneller von der hervorbrechenden Sonne zerstreuet werden, als Nathanaels Vorurtheil gegen den Zimmermannssohn aus Nazareth bei den Worten Jesu. Deutlich bewies er, daß dieser dunkle Flecken nur an der Oberfläche haftete, der Grund seiner Seele aber von Wahrheitsliebe glühte.

+Wahrheit galt bei ihm, nicht Person, nicht Ort, nicht Zeit+ -- -- und Jesus sah dieß, und belohnte es überschwenglich. +Dieser Jesus lebt noch+; möchte er recht Viele zu belohnen finden!

III.

Jesus stellt pharisäischen Unfug im Tempel ab.[4]

Der Heuchler kann immer mehr, als andere Leute; er besitzt das gewiß seltene Geheimniß, +Widersprüche zu vereinigen+. Ist es möglich? Die +That+ beweiset es. Wer war frömmer in den Augen der Menschen; wer pünktlicher in der Gottesverehrung als ein Pharisäer? Sie galten für Muster in diesem Punkte. Und doch +duldeten+ sie zur Zeit der großen Feste einen +Unfug im Tempel+, daß Jesus gleich im Anfange seines Lehramtes sich für verpflichtet hielt, demselben mit allem Eifer und Nachdrucke zu steuern. Wäre dieß von ihrer Seite möglich, und von Seite Jesu nothwendig gewesen, wenn sie sich an den +Geist+, und nicht bloß an die +Form+ der Religiosität gehalten hätten? So aber gieng ihnen Opfergepränge und herrliches Ceremoniel über Alles. Darum mußte für die Festpilgrimme jeder Schritt erleichtert werden, damit ja kein Opfer zurückblieb. +Ihr Gott war wie sie; er ließ sich durch Gaben und fettes Opfervieh seine Gunst abkaufen, und sah wenig oder gar nicht auf das Herz des Gebers.+

Einen solchen Gott hatten sie um so nöthiger, da sie schlau genug waren, mit seiner +Verherrlichung+ ihren eigenen +Vortheil+ recht enge zu verbinden. Man wird der Ehre dieser Leute kaum zu nahe treten, wenn man annimmt, daß mancher Denar als Budenzins, von den Opfervieh-Händlern und Geldwechslern den Priestern und Leviten in den Beutel fiel. Sollten sie nicht auch diese Sümmchen zur Ehre Gottes recht genau eingetrieben haben? Gewiß, ohne Interesse wären sie nicht so nachsichtig gewesen.

Ueber dieß war es ja nur der +Vorhof der Heiden+, in welchem der Unfug getrieben wurde. An den +Unbeschnittenen+ aber konnte man sich, nach pharisäischer Lehre so leicht nicht versündigen; +Beschneidung+ und +Rechtgläubigkeit+ ertheilten in solchen Fällen ein eigenes Privilegium. +Solche Unterscheidungen sind in dem Wesen der Heuchelei gegründet.+

Je verkehrter das +Herz+ dieser Leute war, desto sinnreicher wurde der +Kopf+ in Erfindung von Schutzmitteln für ihre Werke der Finsterniß. Unrecht konnten sie Jesus geradezu nicht vorwerfen; denn die Unordnung war zu auffallend, und die muthige Handlung unseres Herrn fand bei Bessergesinnten ohne Zweifel lauten Beifall. Wie sollten sie nun ihre +Amtsehre+ retten? Sie versuchten es auf eine feine Weise, indem sie der Sache eine andere Wendung gaben, und Jesus beschuldigten, +er habe einen Eingriff in fremde Rechte gethan+. Eine solche unbefugte Handlung konnte er, nach ihrer Meinung, nur durch ein +Wunder+ rechtfertigen. Dazu hielten sie ihn für unfähig, und so waren sie des Sieges gewiß. Schade nur, daß eine +Weissagung+, also Vertagung ihres Prozesses, Alles verdarb!

+Wie traurig sieht es im Innern des Heuchlers aus! Pflanzen der schlechtesten Art -- Frömmelei, Eigennutz, Verachtung Anderer -- wuchern ungestört. Will Jemand dieses Unkraut ausreuten, so begeht er ein Verbrechen.+

IV.

Gespräch mit einem Pharisäer besserer Art.[5]

+Jesus und Nikodemus!+ Ein vielfach behandelter Stoff. Wir wollen hier einzig den Gesichtspunkt da nehmen, wo ihn uns die Worte anweisen: „+Es war ein Mann unter den Pharisäern, Nikodemus mit Namen ein Vornehmer unter den Juden; dieser kam in der Nacht zu Jesus.+“ --

Also Nikodemus war ein +Pharisäer+; dieser +kam+ zu Jesus, aber des +Nachts+! Schon der letzte Umstand ist auffallend; wie viel mehr die erstern? Nikodemus hätte doch wohl auch +bei Tag+ zu Jesus kommen können -- wenn er nur die Mitglieder seines Ordens nicht gefürchtet hätte. Wirklich war auch ihr Haß gegen den neuen Propheten aus Nazareth schon in den ersten Tagen seines öffentlichen Lebens so weit gestiegen, daß Nikodemus nicht wenig hätte wagen müßen, wenn er bei Jesus öffentlich einen Besuch gemacht hätte. Noch ließe sich freilich auch denken, die weise Zurückhaltung, welche Jesus schon damals beobachtete (Joh. II, 23-25.) habe es ihm erschwert, ihn am Tage zu sprechen. Auf jeden Fall ist es lehrreich, daß Jesus den nächtlichen Besuch annahm -- ohne die +geringste Bemerkung über heuchlerische Menschenfurcht zu machen+, oder sich zu entschuldigen &c. Wie viel hätte ein blinder Eiferer schon daran auszusetzen, oder scheinheilig zu loben gefunden?!

Jesus freute sich darüber, daß Nikodemus zu ihm kam. Zeugte es nicht von Wißbegierde besserer Art, daß er Jesus aufsuchte? Ließ es nicht ein gutes, empfängliches, Wahrheit suchendes Herz vermuthen? und +giebt der Edle nicht gerne einer solchen Vermuthung Platz+? +Gewiß eben so schnell, als der Heuchler dem Argwohn+, weil in +seinem+ Innern ein Schelm wohnet.

Aber Nikodemus war ja ein +Pharisäer+! -- Als er hingieng, allerdings; als er zurückkam, nicht mehr (Joh. VII, 50-52. XIX, 39.) Er ward ergriffen von der Wahrheit aus Gott, und wurde +wiedergeboren+, so wenig er sich auch Anfangs darein finden wollte. Doch gar so leicht mag es nicht abgegangen seyn; „der Mann war schon alt“ -- und mit ihm der Pharisäer. Dieser wich schwerlich so schnell von seiner Stelle. Vergegenwärtigen wir uns nur seine erste Nacht! --

Nikodemus kommt nach Hause; die Seinigen sind schon in sanften Schlaf gesunken; Er -- Kopf und Herz voll Gedanken und Gefühle ganz neuer Art -- wirft sich auf sein Lager, und überdenkt noch einmal das äußerst merkwürdige Gespräch:

„Dieß war der wichtigste Gang in meinem Leben! -- Vieles und Großes hatte ich von diesem Jesus erwartet; aber unendlich mehr habe ich gefunden. -- Wie einfach, wie offen, wie zwanglos war gleich der erste Zusammentritt! Schon dieß gewann mein Herz, spannte meine Erwartung. -- Aber noch staune ich, noch kann ich mich nicht recht finden in das, was er vom +Reiche Gottes+ und von der +Bedingung der Aufnahme+ in dasselbe sagte -- nur sagte? Nein! mit einem Ernste und mit einem Nachdrucke festsetzte, daß er unwiderstehlich war, so sehr sich auch mein Kopf dagegen setzte -- noch setzet. Wie so gar nichts von Allem, was +unsere Schule+ vom Reiche des Messias als wesentlich lehret, liegt in seinem einfachen Begriffe vom +Reiche Gottes+! Nicht das Land der Verheißung, nicht die große Stadt, nicht die Unterjochung der Völker, nicht die Pracht und Größe des Königs, nicht die Herrlichkeit seines Volkes -- nur +Gott und seine Regierung+ hebt er heraus. Es ist so wahr, so geistig, so erhaben -- aber wie sieht es mit der +Lehre unserer Alten+ aus? -- -- +Wiedergeboren werden!+ Sonderbar! Leiblich kann und will er es nicht verstanden wissen -- und geistig --, welchen Sinn, welchen Zweck hat es? -- +Was vom Fleische geboren ist, ist Fleisch; was vom Geiste geboren wird, ist Geist!+ Was will er damit sagen? Soll uns etwa leibliche Geburt -- Abstammung -- selbst von Abraham nichts nützen? Keinen Anspruch auf das Reich des Messias geben? -- Eine ganz neue, unerhörte Lehre! -- -- Aber warum dringt er denn so auf Wiedergeburt aus +Wasser+ und +Geist+? Wie hängt dieß mit +Gottes Reich+ zusammen? -- Nikodemus! du bist grau geworden als Lehrer; aber darin wirst du dich nicht leicht zurecht finden -- doch jetzt will es Licht werden! Sollte die geistige Wiedergeburt nicht auf Gottes +Geistigkeit+ Bezug haben? Kann Gott andere als +geistige Kinder+ an den Menschen haben? Sind wir dieß? Sind wir es von Abraham her? Wie können wir es anders werden, als durch geistige Umwandlung, durch Aenderung des irdischen Sinnes und Herzens? -- nun wird mir auch +das Wasser+ begreiflich; sollte er damit nicht gar auf den Johannes am Jordan anspielen? -- Aber diesen hat ja das Synedrium verworfen! Ferner ist es eine Hauptlehre: +Jeder Nachkömmling Abrahams sei Erbe des Reiches Davids!+ Wozu also Sinnesänderung, Wiedergeburt, Erneuerung des Israeliten? Hier liegt der Knoten; hier der Stein des Anstoßes an dem entweder mein System, oder mein Glauben an Jesus sich zerschellen muß. -- Lehrer Israels? alter, allgemein verehrter Rabbi! jetzt stehest du auf dem Punkte, Alles, was du bisher für wahr und gut und rühmlich hieltest, fahren lassen zu müssen, um der +Wahrheit, wie sie von Gott kommt+, zu huldigen! -- Ist es aber auch göttliche Wahrheit, was Rabbi Jesus mir vortrug? Eine stille, innige Ahnung davon steigt in mir auf; ein tiefes Gefühl im Innersten sträubt sich gegen alle Zweifel. -- +Unbegreiflich+ war und ist mir freilich die Wiedergeburt! Das ist es aber gerade, was Jesus behauptet. Sein Bild vom Winde -- wie passend, wie wahr, wie tief! Wer will +Gott+ auf der That ertappen, +ihm+ den Weg ausspähen, +seine+ Gedanken errathen? Daran hat er recht. -- -- Ewig, ewig kann ich die Worte nicht vergessen: +Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Ich rede, was ich weiß, und bezeuge, was ich gesehen habe.+ Dieß ist das Siegel auf alles Sonderbare, Neue, Unbegreifliche, was er sagte. Mit welcher Zuversicht und Bescheidenheit, mit welcher Würde und Milde sprach er dieß. Nein! ein solcher Mann kann nicht lügen -- Nein! seine +Thaten+ auf dem Feste verkündigen diese Hoheit. Ihm glaube ich es, daß er vom Himmel kommt; daß er dort war -- daß er -- der +Messias+ ist! -- -- Ja, wenn er nur vom Hause +Davids+ wäre! Wenn man sein +Geschlecht+, wenn man +Bethlehem+, als Geburtsort, nachweisen könnte! Wenn auch nur eine Spur der +Königlichen Würde und Herrlichkeit+ sich zeigte! Aber Wunder und hohe Lehren machen ihn noch nicht zum +Sohne Davids+, zum +Retter+ des +Volkes Gottes+ aus der +Gewalt seiner Feinde+. Er sieht auch gar nicht so aus, daß er das Schwerdt ziehen und führen könnte. Für Gott eifert er; das sahen wir; aber sonst ist er lauter Friede, Güte und Liebe. -- Doch nennet er sich +den Sohn+, welchen +Gott+ in die Welt gesandt habe! Also will er doch der Messias sein!? Und noch dazu für die +ganze Welt+! Immer räthselhafter, immer dunkler! Wo bleiben denn die +Vorrechte+ des +Volkes Gottes+, wenn er sogleich auf Ein Mal auch alle +Heiden+ samt den +Juden+ selig machen will? -- Da liegt meine ganze Lehre vom Messias am Boden! Da rathe mir, wer da kann! Der muß aber dann auch das noch dunklere Räthsel von +Moses’ Schlange+ lösen. -- -- -- O Gott meiner Väter! siehe herab auf deinen armen Knecht, der dich und deine Wahrheit suchet! Meine Seele ringet in mir, mein Herz schmachtet dahin, zu +glauben an den+, der sich deinen +Eingebornen+ nennet, der so +große Werke+ thut. Erlöse mich aus der Nacht der Zweifel! Laß mich nicht länger in der Finsterniß wohnen, die das Herz verderbet! Führe mich dem heitern Tage der Wahrheit entgegen damit dir meine Werke gefallen! Erhöre mein heißes Flehen, Jehova!“ -- --

So betete Nikodemus, fiel erschöpft in tiefen Schlaf, erwachte gestärkt und froh, und wandelte in der Stille nach dem Geiste der Lehre Jesu.

V.

Jesus in der Synagoge zu Nazareth.[6]

Nichts verfinstert die Köpfe so sehr; Nichts erzeugt mehr Einseitigkeit und Unduldsamkeit im Denken; Nichts vertilgt die Liebe unausbleiblicher -- als +Heuchelei+. Gilt dieß schon bei Gebildeten, so werden die Folgen noch verderblicher für die Menschheit, die Ausbrüche noch scheußlicher für Einzelne, wenn das +Volk+, von heuchlerischen Lehren angesteckt, die Religion und Wahrheit bloß nach Aeußerlichkeiten beurtheilt und schätzt; nur an Formen und Worten klebt; +Glauben+ von +Liebe+ trennt -- und im Gotteshause heilige Komödie spielt. Die +Nazarethaner liefern ein anschauliches Beispiel+.