Die Pharisäer Ein Beitrag zum leichern Verstehen der Evangelien und zur Selbstprüfung
Part 11
Die Pharisäer setzten ein großes Verdienst darein, die +Grabmäler der Propheten+ mit frommer Spende zu schmücken. Daß sie dabei lange Gebete sprachen, die Tugenden und den hohen Glaubensmuth der Männer Gottes anpriesen, zu ihrer Nachahmung nach +ihrer+ Art ermunterten, versteht sich von selbst. Wer sollte es von solchen heiligen Sprachmaschinen anders erwarten? Nicht genug; sie tadelten noch die früher verstorbenen Israeliten -- „ihre Väter“ --, daß diese die Propheten gemordet hatten. Auch dieser fromme Unwille wurde gewiß mit allem äußerlichen Ernste und Abscheu ausgesprochen. Allein Jesus fand gerade in alle diesem Machwerke das wahre Kennzeichen, daß sie „Söhne der Prophetenmörder seien“, d. h. nicht nur +leibliche+ Nachkommen, sondern auch Erben ihres +Sinnes+ und +Nachahmer+ ihrer Thaten -- an +Jesus+ und seinen +Jüngern+!!! -- Diese neuen göttliche Gesandten waren ihnen eben so unwillkommen, als ihren Vätern die frühern; denn sie widersprachen ihren Lehren und Thaten zu laut und zu stark, als daß ihre versteckten Leidenschaften nicht hätten hervorbrechen und die giftigste Rache an diesen „Söhnen Gottes“ nehmen sollen.
Furchtbar ertönt von da an die Stimme des Weltrichters; Donner Gottes sprechen aus seinem Munde, um die Frevler heilsam zu erschüttern, und von blutigen Thaten zurückzuschrecken -- umsonst! wie konnte ihnen der verachtete Galiläer mit Drohung göttlicher Gerichte etwas abgewinnen, da sie seine göttlichen Thaten verworfen hatten!
Jesus wußte das; nur wollte er auch dieses letzte Mittel der innigsten und thätigsten Feindesliebe nicht unversucht lassen. Sie ließ er nun ihren Weg zum Verderben ziehen; allein sie rissen Stadt und Land mit sich hinein. Dieser Gedanke gab dem Affekte unseres Herrn eine ganz entgegengesetzte Richtung. Statt der Richtersprüche ertönte die wehmüthige, mitleidsvolle Stimme der zärtlichsten Vaterlandsliebe, welche die Ihrigen blind und taub dem Untergang entgegeneilen sah. Wie rührend klagt er! Wer preßte dem göttlichen Herzen solche Trauertöne ab? +Heuchelei!+ -- O, laßt uns fliehen vor dieser giftigsten aller Ausgeburten der alten Schlange! Lassen wenigstens wir uns warnen, da es die Zeitgenossen nicht thaten! Jesus spricht so deutlich, so ernst, so liebevoll zu uns; hören wir ihn doch, da es noch Heute ist!! --
XX.
Jesus wird von den Pharisäern an das Kreuz gebracht.[33]
Kaum dürfte Jemand im Stande sein, sich eine deutliche Vorstellung von dem zu machen, was die Pharisäer bei dieser Strafpredigt empfunden, gedacht und gewünschet haben. +Scham+ über ihre entlarvte Gleißnerei, +Selbstanklage+ des Gewissens, welches gebrandmarket war, +Ingrimm+ über ihr vermindertes Ansehen, +Rachsucht+ bis zur +Mordlust+, peinliche +Verlegenheit+ über die Mittel und Wege, diesen gefährlichen Mann wegzuräumen, +Furcht+ vor dem Volke, +ängstliches Ringen+, die fromme Haltung nicht zu verlieren, und dem Galiläer den Sieg zu lassen -- und wie manche andere Gefühle, Gedanken und Begierden mögen in ihren Herzen gewechselt haben! --
Jesus hingegen verließ in der ruhigsten Fassung den Tempel. So scheidet die sinkende Sonne im sanften Abendschimmer, wenn sie die Gewitter des Tages besiegt hat. Düster entfliehen die verheerenden Wolken in das Dunkel der Nacht.
Tag war es, wo Jesus sich aufhielt, Nacht, wo die Schriftgelehrten und Aeltesten des Volkes sich versammelten. Er saß auf dem Oelberge, Jerusalem gegenüber, warf tiefe Blicke in die Zukunft, gab hohe Lehren, sprach von seiner Wiederkunft mit seinen Jüngern -- „und als er alle diese Reden vollendet hatte, sprach er zu seinen Jüngern: Ihr wisset, daß nach zwei Tagen Ostern ist, und daß der Sohn des Menschen übergeben wird, um gekreuziget zu werden.“ -- „Die Hohenpriester und die Schriftgelehrten und die Aeltesten des Volkes versammelten sich in dem Pallaste des Hohenpriesters, der Kajaphas hieß. Und sie hielten Rath, wie sie ihn mit List ergreifen und tödten könnten.“ (Matth. XXVI, 1-4.)
Lebendiger ließen sich wohl die Gegensätze nicht schildern, aber auch richtiger die Stimmung beider Theile nicht darstellen, als es der Evangelist hier mit wenigen Zügen thut. Jesus wußte, was er zu erwarten hatte -- den Tod. Die Pharisäer waren gewiß, was sie ihm anthun wollten -- den Tod. So kamen sie einander entgegen; er gieng hin, wie +sein+ Vater es wollte; sie suchten zu vollbringen, was +ihr+ Vater liebte. Er hatte seinen Angriff offen gethan; sie sannen auf Hinterlist. So geziemte es der Wahrheit und der Lüge.
„Ja nicht an dem Feste, damit kein Auflauf unter dem Volke entsteht!“ -- Sehet da die Helden des Tages der jüdischen Welt! Sehet die Häupter Israels! wie sie zittern vor dem kräftigen Wahrheitssinne des „Erdenvolkes“, wie sie es nannten! Wäre Christus der große Verbrecher gewesen, für den sie ihn, von ihrer Leidenschaft gezwungen, hielten, so hätten sie ihn ohne Bedenken am hellen Tage ergreifen, und zum warnenden Beispiele für Alle am Feste hinrichten dürfen. Allein ihr eigenes Gewissen bezeugte ihnen das Gegentheil; daher die nur zu gegründete Furcht, als Prophetenmörder betrachtet und behandelt zu werden. +Charakterlose Menschenscheue ist wesentliches Kennzeichen der Heuchelei.+ --
Und doch konnten sie es nicht über sich gewinnen, in ihren Herzen von den Mordanschlägen abzustehen. +Ihre+ Religiosität forderte blutige Rache. Aber wie sollten sie zum Zwecke kommen bei der Vorsicht und Klugheit Jesu? Dieser Verlegenheit wurden sie unerwartet entrissen -- durch +Judas+. Teuflischer Verrath des Jüngers an seinem Meister, des Freundes am Freunde! Wer wird ein solches Anerbieten nicht mit Abscheu von sich stoßen? Die Pharisäer -- „+sie freuten sich+!!“ (Matth. XXVI, 14-16. Mark. XIV, 10-11.). -- Göttlicher Erlöser! was wird dein Herz voll gränzenloser Menschenliebe empfunden haben, als Du im Geiste sahest, wie süßes, gräßliches Entzücken altväterlicher Lust am Prophetenmorde die rabbinischen Herzen deiner Feinde durchbebte! -- --
Wäre Judas nicht von Neid und Geiz geblendet gewesen; er hätte in den funkelnden Augen, in den freundlich grinsenden Mienen, in der gebrochenen, gehaltenen Sprache, selbst in erkünstelten Lobsprüchen der Hohenpriester ihr böses Herz und ihre frömmelnde Gottlosigkeit deutlich lesen können. Aber so fesselten ihn die „dreißig Silberlinge“ um so mehr, je feiner sie ihn als den einzigen Redlichen, Wahrheitsliebenden unter der verruchten Schaar herausstrichen, je schmeichelhafter sie den gehorsamen Sohn rühmten, der den Vätern des Volkes getreu die Hand bot, den verderblichsten Betrüger wegzuräumen. Auch ohne Satans eigenste Verführung waren solche Ausdrücke hoher Freude, die noch dazu -- freilich sehr dünne -- versilbert wurden, beinahe hinreichend, den +Judas+ zum entsetzlichsten Verbrechen fortzureißen.
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Judas hielt genau sein Wort. Vielleicht wäre Jesus schon beim letzten Mahle überfallen worden; allein dieß hatte er dem Judas unmöglich gemacht, weil er den Petrus und Johannes in die Stadt vorausschickte, ohne das Haus und den Eigenthümer näher zu bezeichnen, als durch Umstände, die nur ein mehr als menschlicher Blick ihm entdecken konnte. In Gethsemane +wollte+ er seine Gefangennehmung nicht mehr verhindern; „denn seine Stunde war gekommen.“ Da verrieth Judas, als würdiger Schüler der Pharisäer, den Sohn Gottes und des Menschen durch einen +Kuß+ -- das schönste Zeichen der innigsten Liebe und Freundschaft!
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Scharf bezeichnend ist die Anrede unseres Herrn an die Schaar, welche ihn überfallen hatte: „Wie gegen einen Räuber seid ihr ausgezogen mit Schwerdtern und Stangen. Obwohl ich täglich bei euch im Tempel war, habt ihr doch die Hände nicht nach mir ausgestrecket. +Doch dieß ist eure Stunde, und die Macht der Finsterniß.+“ Das graußenhafte Dunkel der Nacht war das beste Sinnbild ihrer Denkart, ihrer Plane, ihres getreuesten Verbündeten -- des Vaters der Lüge und des Mordes. Wie tief läßt uns Jesus in die Abgründe des Lasters der Heuchelei blicken!!
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+Annas+, der Schwiegervater des Kajaphas, war der Erste, vor welchen Jesus gebunden, als Verbrecher, gestellt wurde. Wer schaudert nicht zurück? „Der Allerheiligste“ steht vor dem Sünder zu Gericht. Der alte Hohepriester fühlte sich geschmeichelt und hochgeehret, daß man den Todfeind aller Gleißner so geraden Weges im Triumphe zu ihm führte. Ihm schwoll das vom Göttlichen leere Herz; sein lüsternes Auge weidete sich an dem gefesselten Nazarener; seine Miene verkündete Sieg und Tod; in Haltung und Ton ein Richter „fragte er Jesus über seine Jünger und über seine Lehre.“ Der Schlaukopf! Ueber etwas, wovon er selbst Augen- und Ohrenzeuge war, was Jedermann in Jerusalem wußte, legte er gerichtliche Fragen vor -- damit Jesus sich selbst verstricken sollte. So waren diejenigen beschaffen, zu welchen die Schrift sagte: „Ihr seid Götter,“ d. h. als Richter Gottes Stellvertreter! Was soll man erst noch zu der Handlung des Schergen sagen, der Jesus in das Gesicht schlug? Nicht falsche Demuth, sondern tiefes Gefühl seiner menschlichen und göttlichen Würde leitete unsern Herrn; bei Niederträchtigkeiten, die man sich gegen ihn erlaubte, +schwieg Er nicht; aber sein Richter, der Hohepriester, schwieg+!! --
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Annas war jetzt schon befriediget; er schickte Jesus zu +Kajaphas+. Ein neuer, merkwürdiger Auftritt! Hier fanden sich gewesene Hohepriester, Aelteste des Volkes und Schriftgelehrte zahlreich noch am späten Abend ein. Wie sehr sich doch diese Herren Gottes Sache angelegen seyn ließen! Sogar die Ruhe der Nacht opferten sie ihrem heiligen Mordgeschäfte auf!
„Das +ganze+ Synedrium suchte falsche Zeugen gegen Jesus.“ Bestund denn das Synedrium nur aus Pharisäern? Unstreitig befanden sich auch viele +Sadducäer+ darunter, da die Reichen und Vornehmen häufig dieser Sekte zugethan waren. Und mit diesen Unglaubigen vereinigten sich die Pharisäer? Warum denn nicht, wenn es den Tod des Nazareners galt, der beiden Partheien gleich verhaßt war? Ein höchst merkwürdiger Zug in dem Charakter dieser Heuchler!
„Sie suchten falsche Zeugen gegen Jesus, +um ihn zum Tode zu bringen+.“ Die höchste Gerichtsstelle des Landes hielt feierliches Verhör, nicht um über die Schuld oder Unschuld unseres Herrn genaue Erkundigung einzuziehen, sondern um ihn unter dem Schutze von +gerichtlichen Formen+ zu morden. So glaubten sie ihr eigenes Gewissen belügen und Gott und Menschen über und um sich täuschen zu können.
Allein der fein ausgedachte Plan scheiterte; die Zeugen widersprachen sich oder wichen wenigstens in ihren Aussagen zu weit von einander ab. Sie vermochten damit nicht einmal scheinbar den Forderungen des oft so leicht zu befriedigenden Rechtes zu genügen. Was die schlimme Sache noch mehr verdarb, war das unerwartete, entschlossene, würdevolle Stillschweigen des Beklagten, der, selbst vom Hohenpriester aufgefordert, nicht eine Sylbe zur Widerlegung der lügenhaften Zeugen vernehmen ließ. So war es unmöglich, ihn ins Garn zu bringen. Was blieb ihnen nun übrig? Nur ein +verzweifelter Schritt+, wenn sie anders zum sehnlichst erwünschten Ziele gelangen wollten. +Kajaphas+ trat in eigener hoher Person auf, und nahm unserm Herrn unter einer +Eidesformul+ das Geständniß ab, +daß er der Messias+ sei. Mit welchem Rechte, nach welchem Gesetze konnte er den +Beklagten+ seine eigene +Anklage+ mit einem +Schwure+ vor Gott +bekräftigen+ lassen?! Welch’ ein ungeheurer Mißbrauch richterlicher Gewalt und Würde! +So gründete Heuchelei ihr Unrecht auf die Gewissenhaftigkeit des Angeklagten!!+
Jesus ließ sich dieses aus Gehorsam gegen den heiligen Willen seines Vaters und aus Liebe zu uns gefallen; er „bekannte das schöne Bekenntniß“, der Hohepriester zerriß im heiligen Zorn darüber sein Kleid, das Synedrium, von ihm aufgerufen, fand den Sohn Joseph’s des +Todes schuldig+. Darin nun waren sie keine Heuchler; denn Kajaphas und seine Genossen waren wohl fest überzeugt, daß Jesus der Messias nicht sein +könne+. Nur in der Art und Weise, wie sie zu diesem Schlusse kamen, lag Heuchelei.
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Den eifervollen Wächtern über das Gesetz, welches oft so menschenfreundlich und milde den Schwachheiten der Menschen begegnet, macht es unstreitig alle Ehre vor den Augen Gottes und der Menschen, daß sie den verurtheilten Lehrer dem niederträchtigsten Muthwillen der rohesten Henkersknechte die ganze Nacht hindurch Preis gaben. Ein ächtes Kennzeichen ihrer rabbinischen Menschenliebe, die sich wohl an einem Gotteslästerer nicht versündigen konnte, wenn sie ihn auch noch so sehr mißhandelte!
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Der Tag brach an; noch einmal versammelte sich das Synedrium, wahrscheinlich, weil am Abende vorher in der Eile nicht alle Mitglieder erschienen waren. Dazu kam noch, daß eine wiederholte Untersuchung der Sache des Gefangenen, einen großen Schein der Bedachtsamkeit, Unpartheilichkeit und Gewissenhaftigkeit auf sie warf.
Jesus wurde vorgeführet, neuerdings gefragt, ob er der Messias sei? Er blieb seiner Aussage getreu, so wie dem Beisatze, daß er bald zur Rechten Gottes sitzen, d. h. sich in seiner Herrlichkeit als Welterlöser befinden und durch Thaten beweisen werde. Wie hätten seine Richter es über sich vermocht, ihm dieses Wort zu glauben! Widersprach nicht sein ganzer gegenwärtiger Zustand gerade zu dieser Erklärung? Ja, sie trug nur dazu bei, sie vollends irre zu machen; denn Wahrheit und Gottes Wege waren nun einmal ihre Sache nicht.
Wirklich nahmen sie auch darauf so gar keine Rücksicht, daß sie nur hastig wieder die Frage stellten: „Du bist also der Sohn Gottes?“ -- Wer greift es nicht mit Händen, was sie eigentlich wollten? Jesus sollte rund heraus und einfach bekennen: „Ja, ich bin es;“ dann hatten sie, was sie suchten -- Gelegenheit und Recht ihn zu verurtheilen. Er that es, und sie fanden ihn todeswürdig. Falsche Zeugen waren jetzt nicht mehr nöthig; dieses ehrenvolle Amt übernahmen sie selbst; denn sie hatten es mit eigenen frommen Ohren vernommen, wie er sich für den Messias ausgab, da er es doch nicht war, nicht sein konnte.
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+Rachsucht+ und +Mordlust+ verunreinigte keinen Pharisäer, aber der +Pallast+ des Pilatus hätte unfehlbar so etwas bewirkt, wenn sie denselben am frühen Morgen des festlichen Tages betreten hätten. Damit sie also mit +gutem Gewissen+ „das Passamahl essen konnten“, ließen sie Pilatus zu sich herauskommen, als sie Jesus gebunden zu ihm führten.
Der Römer mochte schon durch die frühe Zudringlichkeit und durch die Bitte, heraus zu kommen aus dem Pallaste gereizt sein; die Feinde Jesu waren es nicht weniger dadurch, daß sie sich gezwungen sahen, das Todesurtheil durch Pilatus bestätigen zu lassen, weil sie ihre Unabhängigkeit an die Römer verloren hatten. Daraus erklärt sich die allgemeine, unbestimmte, stolze Anklage: „Wenn er nicht ein Verbrecher wäre, so hätten wir ihn dir nicht überliefert.“ Pilatus sollte also Jesus zum Tode verurtheilen, bloß weil der hohe Rath es wollte. Welche Leidenschaftlichkeit! Da erwachte aber der Stolz des Welteroberers in dem Römer, und er ließ die trotzigen Ohnmächtigen ihre ganzes Schwäche in beißendem Spotte seiner Antwort fühlen: „Nehmet ihr ihn, und richtet ihn nach eurem Gesetze.“
Jetzt mußten sie ihr Unvermögen, Jesus ohne Mitwirken des Pilatus zu morden, eingestehen, und zugleich den eigentlichen Klagepunkt genauer angeben. Dieß war kein anderer, als: „Er wolle König -- Messias der Juden sein.“ -- Die Hohenpriester machten bei Jesus ein Todesverbrechen -- vor dem Ausländer, Pilatus -- aus dem, was sie an Jedem gelobt und verschwiegen hätten, +der nach ihrem Sinne Messias hätte sein wollen, der vom Vater versiegelte sollte am Kreuze verbluten+!!! --
Uebersehen dürfen wir es dabei nicht, welche Kunstgriffe sie anwandten, der Klage eine Gestalt zu geben, die auch den Römer in ihr Interesse ziehen sollte, „Wir finden, daß er das +Volk verführt+, und es +abhält+, dem +Kaiser den Tribut+ zu +geben+, indem er sagt, Er sei der Gesalbte, der König.“ Ein herrliches Probestückchen, wie viel sie schon von „ihrem Lügenvater“ gelernt hatten!
+Jesus schwieg+ -- aber so würdevoll, so mit allem Bewußtsein der Unschuld, daß der Scharfblick des Richters es leicht entdecken konnte, um so mehr, da es dem Pilatus nicht unbekannt war, „daß ihn die Hohenpriester aus +Neid+ ausgeliefert hatten.“ Er nahm mit Jesus ein geheimes Verhör in dem Richthause vor, und überzeugte sich vollkommen von seiner Unschuld. +Diese Ueberzeugung sprach er auch öffentlich aus.+ Welche Ehre für unsern Herrn! Welche Schande für seine Kläger!
Was wollten sie nun weiter thun? Wie ihren Racheplan durchsetzen? Der wüthendste Haß, die grimmigste Verfolgungssucht, gewissenloser Ehrgeiz ließ die frommen Väter alle Folgerichtigkeit der Gedanken, geschweige die Gerechtigkeit und Wahrheit, vergessen. Sie gaben die erste Anklage auf, und brachten eine +ganz neue+ vor; „Er wiegelt das Volk auf, +indem er in ganz Judäa umherlehret+, angefangen von +Galiläa+ bis hieher.“ Gewiß ein neues und bis auf diesen Tag unerhörtes Verbrechen! Jesus +lehrte+, also hat er den +Tod+ verdient; so lautet die Schlußweise der Heuchler. Außer der Kürze fehlt nichts, als -- Wahrheit.
Pilatus mußte die Verlegenheit und verhaltene Wuth der Elenden bemerken; doch wollte er es mit ihnen nicht ganz verderben. Daher faßte er das Wort: Galiläa, auf, um diesen Prozeß an +Herodes+ hinüberzuweisen. Wie mußte sie dieser Aufschub ärgern! -- Wer fände aber schwarze Galle und herbe Worte genug, um den Ingrimm dieser Menschen zu schildern, +als auch Herodes, ihr Landsmann und Glaubensgenosse, nicht auf Tod erkannte+! Und sie hatten sich so viele Mühe gegeben, Jesus recht kräftig zu verklagen bei dem Könige, der aber doch die +schweigende Unschuld+ beredter fand als die klatschende Lüge!
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Als die Juden unsern Herrn von Herodes zu Pilatus zurückbrachten, erklärte dieser +neuerdings+, daß er ihn nicht verurtheilen könne. Geißeln wollte er ihn lassen -- den Unschuldigen! -- nur um den Blutdurst der Hohenpriester einiger Maaßen zu befriedigen.
Diese Gesinnungen des römischen Richters trieben den Todeshaß bis zur gränzenlosen Wuth. Nicht einmal falsche Anklagen, keine Scheingründe stunden ihnen zu Gebote; sie mußten beinahe verzweifeln, als ihnen die erfinderische Leidenschaft doch noch ein Mittel an die Hand gab -- +Geschrei des Aufruhres+.
Glücklicher Weise bot ihnen Pilatus, zum Theil auf Verlangen des Volkes, die Loslassung eines zum Tode verurtheilten Verbrechers an, als Zeichen, daß ehemals sie selbst das Recht über Leben und Tod gehabt hatten. Die Zeit, welche verstrich, bis +Barabbas+ herbeigebracht wurde, und bis Pilatus die Nachricht vom Traume seiner Frau beantwortete, benützten die erbosten Schlauköpfe meisterhaft; sie vertheilten sich unter die Haufen des Volkes, erhitzten durch alle Mittel, welche ihnen als Aeltesten, Priestern, Gesetzgelehrten, Scheinheiligen zahlreich zu Gebote stunden, die beweglichen Gemüther, besonders der Einwohner der Hauptstadt, und brüllten nun in immer steigendem Ungestümme dem vermittelnden Richter ihr entsetzliches „+Kreuzige!+“ entgegen. Dieses unsinnige +Geschrei+ mußte jetzt alle +Gründe+ ersetzen, alle Stimmen des +Gewissens+ übertäuben, die natürlich für den wohlthätigen Lehrer gegen den verderblichen Mörder entschieden hätten. Unglaublich wäre diese Verblendung der Heuchler selbst und ihrer Verführten, wenn nicht die heilige Geschichte sie bestätigte.
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Noch machte Pilatus einen letzten Versuch, Jesus wenigstens am Leben zu erhalten. Er ließ ihn die grausame römische Geißelung bestehen, um so das +Mitleiden+ gegen den mißhandelten Unschuldigen zu erregen. Allein theils die zwecklose, muthwillige Verspottung der Königlichen Würde des Messias, theils die unermüdliche Geschäftigkeit der Vornehmen, für die väterliche Religion scheinbar eifernden Volksverführer erstickte alles menschliche Gefühl. Gräßlich donnerte die Schaar der Hohenpriester und ihrer Geistessklaven dem Pilatus ihr Todesgeschrei entgegen.
Wiederholt bezeugte der Richter die Schuldlosigkeit unseres Herrn. Da trieb sie verzweifelte Rachsucht wieder auf die +erste+ Anklage zurück. Sie beriefen sich auf ihr göttliches Gesetz, welches Jesum zum Tode verurtheile, „+weil er sich selbst zum Sohne Gottes gemacht habe+.“ -- Dieses Mal aber sprach wieder der heuchlerische Lügengeist laut aus ihnen. Das +Gesetz+ belegte den +Gotteslästerer+ und den +falschen+ Propheten mit dem Tode der +Steinigung+[34]; mit welchem Rechte konnten sie diese Stellen auf +Jesus+ anwenden? Hatten sie unpartheiisch geprüft? Waren sie mit Gottesfurcht dabei zu Werke gegangen? Man frage die Geschichte! Den wahren Grund dieser trügerischen Berufung auf das Gesetz geben sie mit zwei Worten an: „+Er selbst+,“ +d. h. nicht durch uns+ hat er sich zum Messias aufgeworfen. Die wahrhaft göttlichen Lehren und Thaten Jesu waren kein Beweis seiner Sendung von Gott, weil +sie+ ihn nicht gesandt, +sie+ ihn nicht anerkannt, +sie+ ihn nicht bestätiget hatten. +Unmittelbar+ von Gott +konnte+ eine solche Sendung nicht geschehen; die Häupter der Nation hatten dabei +auch+ und +vorzüglich+ mitzusprechen, ob der Messias die in +ihren+ Schulen festgesetzten Kennzeichen an sich habe. Nur +sie+ wußten die Propheten recht auszulegen. Daher schlossen sie nach den Regeln ihres heuchlerischen Verstandes: „ein Gotteslästerer und falscher Prophet muß gesteiniget werden -- also Jesus, als falscher Messias, gekreuziget werden.“ --
Dieses Gewebe von Bosheit, Egoismus, Lüge und Neid konnte Pilatus unmöglich durchschauen. Aber auf ihn machte etwas anderes tiefen Eindruck, das Wort: „Sohn Gottes.“ Auch Heiden glaubten an Göttersöhne, freilich von sehr menschlicher Art;[35] an einem solchen wollte er sich nun doch nicht versündigen.[36] Daher stellte er Jesus darüber zur Rede. Die Erklärung, welche er erhielt, flößte ihm Hochachtung und Furcht ein. Jetzt war er gar nicht mehr geneigt, das Todesurtheil der Hohenpriester zu bestätigen. -- -- Menschenkinder! wendet euren Blick ab! Lasset Thränen der bittersten Wehmuth fließen! -- -- ~Die Heuchelei vollendet ihr teuflisches Werk.~
„+Wenn du diesen losläßest, so bist du kein Freund des Kaisers.+“
Noch mehr:
„+Wir haben keinen König, als den Kaiser+.“
-- „Da übergab ihn Pilatus ihnen, daß er gekreuziget würde -- -- --!“
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Triumph! -- Sie sehen ihn bluten! Sie weiden ihr mordsüchtiges Auge an dem Gekreuzigten! Eine ganze Hölle von wilder Lust befriedigter Rachsucht durchwühlt die laut pochenden Herzen der scheinheiligen Frevler! Wer findet dieß nicht +natürlich+?
Aber +widernatürlich+ war es, des Unglücklichen, des Verfolgten, des Besiegten, des Gekreuzigten -- +spotten+. So etwas konnten nur +freiwillige Werkzeuge des Satans in Gestalt heiliger Gesetzlichkeit+ thun.
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+Jesus stirbt+ -- Ruhe seiner Asche! Unter Menschen wohl, aber nicht bei Heuchlern! Das +Grab+ „des Betrügers“ wird mit Wachen umgeben, damit er in drei Tagen nicht „gestohlen“ werde. Nach dem Tode noch wüthen sie gegen den +Leichnam+ und gegen das +Andenken+ unseres Erlösers. Entsetzlich -- aber ganz nach ihres Herzens Tücke!
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+Jesus ist erstanden!+ -- Die Hohenpriester +erkaufen+ von der Wache die +Lüge+, „sein Leichnam sei, während sie schliefen, gestohlen worden.“ Doch wohl ein eben so gewissenhafter und heiliger Gebrauch des „Tempelschatzes,“ als der, da sie mit Judas „Blutgeld“ des Töpfers Acker zum frommen Zwecke „einer Fremdenbegräbniß“ erhandelten.
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+Hosianna in der Höhe! Jesus lebt und siegt! Mit ihm Wahrheit und Liebe! Satan und die Heuchler liegen bestürzt, zernichtet in Schmach und Elend! Weg mit der Heuchelei aus unsern Herzen! Wahrheit und Liebe, wie sie Jesus Christus ist, herrsche in uns -- zum ewigen Leben! Amen!+