Die Pharisäer Ein Beitrag zum leichern Verstehen der Evangelien und zur Selbstprüfung

Part 10

Chapter 103,454 wordsPublic domain

„Kommet Alle zu mir, die ihr müheselig und beladen seid, und ich will euch erquicken! Nehmet +mein+ Joch auf euch! -- Denn mein Joch ist milde, und meine Bürde ist leicht.“ So rief Jesus seinen Zeitgenossen zu. Welchen Nachdruck, wie viel Wahrheit gewannen diese Worte in seinem Munde den Pharisäern gegenüber? War es dem Volke zu verargen, wenn es dem Propheten von Nazareth in großen Schaaren nachzog? Und doch thaten es die Lehrer und Vorsteher der Nation nicht, fluchten dem Volke, wütheten gegen Jesus -- aber die verkehrte Lehre und den vor Gottes Augen greuelhaften Wandel zu ändern, daran dachten sie nicht.

Thaten denn die Pharisäer gar nichts Gutes? Vieles, recht Vieles, +wenn es nur die Menschen sahen, und sie dafür lobten als fromme, gottselige Männer+. Diese schnöde Religiosität ist daher das Zweite, was Jesus nicht ohne satyrische Züge diesen Helden der Verstellung vorwirft. Gottesverehrung und Eigenliebe, gutes Beispiel und Gefallsucht, Frömmigkeit und Eitelkeit wollten diese armseligen Kleingeister mit einander verbinden.

Das Lamm sollte beim Wolfe wohnen, ohne daß +Gott+ diesen Bund gestiftet hatte. Wohl mag es diese selbstsüchtigen Frömmler so recht eigentlich gekitzelt haben an dem Herzflecken der Heuchelei, wenn sie mit ihren heiligen Zierrathen die Augen der staunenden Leute auf sich zogen, bewundernden Blicken begegneten, süßes Lob flüstern hörten. Wie wird sich da der Götze im Herzen groß gefühlt haben! Und worauf denn? --

Vor allem auf recht +breite Denkzettel+! -- So lautete Gottes Wort durch Moses an Israel: „Es soll dir ein Zeichen an deiner Hand, und ein Denkmal zwischen deinen Augen sein, auf daß des Herrn Gesetz sei in deinem Munde; daß der Herr mit mächtiger Hand dich aus Aegypten geführet hat.“[27] Unwiderstehlich dringt sich Jedem der Sinn auf: Gottes Wohlthat, die Befreiung Israels aus Aegypten, soll den Israeliten so unvergeßlich sein, als ein auf die Hand eingeätztes Merkmal, als eine Streife von Linnen oder Pergament, welche man zur Erinnerung an die Stirne hängt.[28] Die Juden nahmen dieß buchstäblich, und machten sich wirklich solche Denkzettel. Auch gut, wenn dankbare Liebe und unverfälschter Glauben die Triebfedern waren. Allein dieß war bei den Pharisäern der Fall nicht; sondern sie wollten sich nur +auszeichnen+ als die Eifrigsten in Erfüllung des Gesetzes; sie wollten den Buchstaben +zur Schau+ tragen, um den Geist des Gesetzes zu zernichten in Wort und That. Daher ließen sie Sprüche der heiligen Schrift auf sehr breite Pergamentstreifen schreiben, wohl gar in Kapseln fassen, und trugen sie an Stirn und Armen. Welch’ eine ausgebreitete Frömmigkeit! --

Noch mehr! Sie +vergrößerten die Quasten an ihren Oberkleidern+. Ein neuer Beweis der Tiefe und Länge ihrer Religiosität; den aber Jesus, sonderbar genug, nicht gelten lassen wollte. Gott hatte geboten: „Rede mit den Kindern Israel, und sprich zu ihnen, daß sie sich Quasten machen an den Flügeln ihrer Kleider, unter allen ihren Nachkommen, und an die Quaste jedes Flügels eine himmelblaue Schnur machen. Und diese Quasten sollen euch dazu dienen, daß ihr sie ansehet und gedenket aller Gebote des Herrn, und thut sie, und nicht wandelt nach eures Herzens Dünken, noch nach euren Augen, daß ihr ihnen nachhuret.“[29] Also ein neuer Anlaß, an Gottes Willen und Gebot zu denken, und dasselbe zu +thun+, aber nicht bloß, wie die Pharisäer, schön und viel davon zu +reden+, und mit langen, zottigen Klöppeln zu +prahlen+, um frömmer zu scheinen, als Andere. Wer kann es Jesus verargen, wenn er diesen wollichten Maaßstab der Gottseligkeit mit scharfer Satyre verwarf? -- Offenbar ist in den Worten der heiligen Schrift auch darauf hingedeutet, daß das Tragen solcher Schnüre die Juden von den Heiden unterscheiden, und erstere zur Verabscheuung des Götzendienstes der letztern antreiben sollte. Mußte dieses nicht lächerlich und herzverderbend zugleich werden, wenn man die Entfernung des Sinnes vom Heidenthume nach der Länge und Dicke der Quasten am Oberkleide bestimmen wollte? Wer war schlechter daran, der Heide mit seinen Götzen von Stein und Holz, oder der Pharisäer mit großen Trodeln, welche den abgöttischen Sinn austreiben sollten? -- Allein so tief und scharf konnte nur Jesus in das dunkle Gewebe der Gleißnerei blicken. Wohl uns, daß er es gethan und ausgesprochen hat, was er sah!

„Wer sich selbst erhöhet, wird erniedriget werden, und wer sich selbst erniedriget wird erhöhet werden“[30]; dieß war ein Wahlspruch unseres Herrn, den er oft im Munde führte, und schon einmal mit einer nachdrucksvollen Parabel den Pharisäern ans Herz gelegt hatte, da er sah, wie ängstlich sie bei der Wahl ihrer Sitze an der Tafel zu Werke giengen, um ja nicht zu weit hinabzurücken. Doch die treffliche Erinnerung war ohne Erfolg geblieben; sie fuhren fort, mit ihrer +Frömmigkeit, Rangsucht und Stolz zu paaren+. Allerdings ein sonderbares Gemische unvereinbarer Dinge! Aber es war nun einmal so; die Pharisäer wollten durchaus an der Tafel in der Mitte oder an dem Ehrenplatze sitzen; in den Synagogen forderten sie nicht nur, vor den gemeinen Leuten zu sitzen -- das verstund sich von selbst bei so reinen Personen -- sondern schlechterdings die ersten Plätze nahmen sie ein, wenn auch die Vornehmsten der Stadt oder des Ortes sich einfanden. Der Geist der Religion Jesu war ächte, lebendige Gottes- und Menschenliebe. Auch bei den Pharisäern wirkte Liebe -- aber nur Eigenliebe. Je saurer ihnen also ihr Frommthun wurde; je mehr Anstrengung, Aufwand und Zeit es kostete, bis sie sich in Engel des Lichtes umgestalteten, desto mehr wollten sie natürlich auch von der Arbeit ihres Tagewerkes erndten; desto größere Vorzüge verlangten sie vor denen, welche sich zu keinen so schweren Opfern entschlossen hatten. Daraus mag man abnehmen, wie tief ihnen Jesus ins Herz griff mit diesem Zuge ihrer Charakteristik.

Gruß und Rangauszeichnung waren von jeher im gesellschaftlichen Leben keine ganz gleichgültige Sache; und zwar mit Recht. „Ehre, wem Ehre gebühret.“ Jesus selbst hielt sich an diesen Grundsatz, und ließ es nicht ungeahndet hingehen, wenn Jemand aus ungegründeter Geringschätzung die herkömmlichen Höflichkeitsbezeugungen ihm versagte. Simon, der Pharisäer, erfuhr dieß zu seiner schmerzlichsten Beschämung, welche er um so mehr verdiente, da die Pharisäer gerade in diesem Stücke gegen Andere sich so ungemessene Forderungen erlaubten. Wer sich bei ihnen empfehlen wollte, mußte sie zuvorkommend und demüthig grüßen, und nicht nur so schlechthin Rabbi tituliren, sondern im höhern Style mit doppeltem Rabbi! Rabbi! ehrfurchtsvoll anreden. Denkt man sich nun noch die orientalischen Umständlichkeiten hinzu, so wird es gewiß begreiflich, wie viel Nahrung Eitelkeit und Stolz bei solchen Complimenten fanden. Aber eben so fällt es in die Augen, wie weit diese Heuchler hinter dem wahren Ehrgefühle und hinter der ungekünstelten Bescheidenheit unseres Herrn zurück waren. Daher mußten sie auch bei seinem gerechten Tadel verstummen.

Als +Lehrer+ und +Vorsteher+ des Volkes, die auf Moses Stuhl saßen, erschienen die Pharisäer nach der Schilderung Jesu im schlechtesten Lichte. Uebertreibung der Forderungen des Gesetzes und eigene Uebertretung, Scheinheiligkeit und verkappter Stolz waren die Hauptzüge dieses garstigen Naturgemäldes. Dabei hatte Jesus vorzüglich +seine Jünger+ -- im Auge. Daher die Regeln der +Demuth+ und +Bescheidenheit+, welche er folgen ließ. -- +Wir alle+, welche auf Christus getauft sind, +nennen+ uns seine Jünger; +sind+ wir es auch, so lange nur noch Ein Zug der Heuchelei der so sehr verabscheuten Pharisäer in und an uns ist? Schaffe +Jeder+ nur diesen schädlichen Sauerteig aus +seinem+ Herzen -- und Alles wird gut werden!!

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Schon in der Bergpredigt hatte Jesus auf den +pharisäischen Geist des Gebetes+ aufmerksam gemacht. +Lange+ und vor +Jedermannes+ Augen zu beten, war ihr Lieblingsgeschäft (Matth. VI, 5-7); an pünktlich festgesetzten und eingehaltenen +Stunden+ ließen sie es auch nicht fehlen (Luk. V, 33). Es möchte überhaupt schon befremden, wie Menschen, welche weder wahres +Vertrauen+ noch reine +Liebe+ zu Gott im Herzen trugen (Matth. VI, 19-34. Joh. V, 42.), nur auf den Gedanken fielen, sich so anhaltend auf das Gebet zu verlegen. Allein so widernatürlich dieß jedem Geradsinnigen vorkommen muß, eben so natürlich war es an diesen +Heuchlern+. Sie beteten nicht zu Gott, sondern für ihren +Beutel+. Das lange, mit ausstudirten Förmlichkeiten getriebene, fleißig wiederholte Gebet war bei ihnen eine einträgliche Speculation auf die Schwachherzigkeit, Leichtglaubigkeit und Freigebigkeit alternder Wittwen. Dieß war der Köder, mit dem sie die Weiblein an sich lockten, durch tausend fromme Betrügereien ihr Vermögen erschlichen, ihre milde Hand anpriesen, wieder beteten, um neuerdings sich bezahlen zu lassen -- und so ganze „Häuser verschlangen.“ -- Ein fluchwürdiges Kunststückchen, wofür sie Jesus hart bedrohte! -- --

Wem fällt bei diesem Anlasse nicht unwillkührlich der +betende Pharisäer und Zöllner+ (Luk. XVIII, 9-14.) ein? -- Unübertreffliche Schilderung des stolzen Frömmlers und Schönwörtlers vor Gott, der reumüthige, zerknirschte Sünder neben sich -- dem Heiligen -- verachtet! Wie eine Käsmade unter dem Vergrößerungsglase, so durchschaut man in dieser Parabel die Seele des Heuchlers in ihrer ganzen Häßlichkeit und Verkehrtheit. Nur der Herzenskenner vermochte es, uns diesen Anblick zur Belehrung und Warnung zu gewähren. Wohlthuend ruht das betrübte Geistesauge auf dem reinen Herzen des Zöllners!

Wessen Herz zerfließt nicht in Wonne, wenn er bedenkt, wie und was +Jesus+ vom Gebete lehrte? So kurz, so gehaltvoll, so kindlich, so herzlich, so zuversichtlich, so kühn, so demüthig, so anhaltend (Matth. VI, 9-15. XXVI, 39. Luk. XI, 5-13. XVIII, 1-8. Mark. XI, 22-26.)!! -- Doch vor den Pharisäern galt dieß nichts; denn es war Geist und Leben, und sie fanden nur Behagen am Todtendufte des Leichnames.

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Der gelehrte Stand hatte auch in Palästina, wie überall, seine Auszeichnung. Die Schriftgelehrten bildeten einen großen Theil desselben, und trugen Schlüssel, an Riemen befestiget, als Zeichen ihrer Würde. Darauf waren nun die Schriftgelehrten der pharisäischen Parthei nicht wenig stolz, daß sie das Recht zum Oeffnen und Schließen der Pforte der Wahrheit hatten. Ein schönes Sinnbild, und ein herrliches, großes Vorrecht! Aber welchen schnöden Gebrauch machten sie davon?! Der, welcher „+der Weg, die Wahrheit und das Leben ist+,“ war gekommen, bot sich an, lud die Menschen zu sich ein; allein die Pharisäer giengen nicht zu ihm, und liessen, so viel an ihnen lag, auch Andere nicht zu ihm gehen. Sie wollten durchaus nicht, daß Jemand an Jesus glauben sollte, weil sie aus leidenschaftlicher Verblendung nicht an ihn glaubten. Unglauben an Jesus war ihr erster und wichtigster Zweck, den sie zu erreichen strebten. Dabei waren die sonst so zartfühlenden Gewissen dieser guten Leute wenig verlegen in der Wahl der Mittel. Lästerung, Verläumdung, Verdrehung der Worte, Verfälschung der Aussage, Drohungen, Verrath, Mordanschläge -- Alles war ihnen willkommen, wenn es nur dem Zimmermannssohne Verderben brachte. Wer hat das Evangelium gelesen, und kennt die Belege zu dieser Wahrheit nicht? Wer fühlt aber auch nicht ohne weitere Erklärung die Gerechtigkeit und Vollwichtigkeit des Vorwurfes, den Jesus den Pharisäern machte? -- --

Wahre Schlangenpolitik im schlimmsten Sinne lag in dem Verfahren der Pharisäer gegen unsern Herrn und gegen sich selbst. Ihm arbeiteten sie aus allen Kräften entgegen; sie wandten unermüdet Alles an, den Eingang in Gottes Reich, welches er begründete, zu versperren, oder wenigstens sehr gefährlich zu machen; und für ihre Schule -- wie väterlich waren sie besorgt! Wie weit stund die Pforte offen! Wie breit und eben war der Weg! So fanden sie nicht einmal genug zu thun in Israel; denn da rechneten sie Alle zu ihrer Parthei, welche ihre Lehren und Vorschriften äußerlich annahmen. Die wenigen einsiedlerischen +Essäer+, die reichen, leichtsinnigen +Sadducäer+ kamen beinahe in keine Berechnung. Darum machten eifrige Pharisäer, als wahre Lichter der Welt Reisen zu Wasser und zu Land, um unter +Heiden+ Proselyten zu machen, und das Volk Gottes zu vermehren. Dafür nennet sie Jesus +Heuchler+, ihre Neubekehrten +zweimal ärgere Höllenkinder, als sie selbst+. Ein hartes Urtheil! Womit konnte er es rechtfertigen? Mit unwiderleglichen Thatsachen; nämlich mit der tiefen Unwissenheit, mit der ungeheuren Sittenlosigkeit, mit dem schrecklichen Verfalle des lebendigen Glaubens, der reinen Liebe und thätigen Gottseligkeit unter dem Volke Gottes -- bei allem äußerlichen Gepränge und Treiben in religiösen Gebräuchen. Bei den Proselyten war die Hauptsache, welche Pharisäer betrieben, +Beschneidung+ und +Opfer+, nicht Vertrauen auf den Einen Gott, nicht herzliche Liebe zum Vater und zu seinen Kindern, nicht Umänderung des ganzen Sinnes und Wandels. Was war also eine solche Bekehrung? Ein Ceremonien- und Kleiderwechsel, der den Neuling noch stolz und übermüthig machte, weil er innen Heide, außen Jude war -- also viel schlimmer, als der pharisäische Jude. -- Vergleiche man damit +Nikodemus+, die +Samariterin+, +Matthäus+, die +Sünderin+, den +Schlagflüssigen+, den +acht und dreißigjährigen Kranken+, den +Blindgebornen+, +Zachäus+, den +Hauptmann+, das +Kananäische Weib+![31] -- -- --

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Ohne Schauder und Entsetzen kann man unmöglich das lesen, was Jesus den Pharisäern in Hinsicht der +Eidschwüre+ zum Vorwurfe macht. Wer nur noch ein wenig Zartgefühl des Gewissens hat, bebt zurück bei dem Gedanken an die vielen und schrecklichen Ungerechtigkeiten, welche die Folge von +solchen Auslegungen des Gesetzes+ waren.

Die pharisäischen Schriftgelehrten machten einen genauen Unterschied zwischen +strenge+ verbindenden und +leicht+ verbindenden Eidschwüren. Schon an und für sich eine sonderbare Theilung, gleichsam als wenn es Fälle geben könnte, wo man mit Freiheit und Bewußtseyn Gott zum Zeugen anrufen, und doch sein Wort nicht halten, die Wahrheit nicht sagen dürfe. Allein noch greuelhafter wird die Sache, wenn man hört, aus +welchem Grunde+ sie diesen Unterschied ableiteten. Das +Gold+ des Tempels, die +Gabe+ auf dem Altare legte dem Schwörenden strenge Verbindlichkeit auf; ein Schwur beim +bloßen+ Tempel oder Altare durfte nicht gehalten werden. Man sollte es für unmöglich halten, daß Vorsteher und Lehrer des Volkes die niederträchtigste Habsucht so zur Schau tragen möchten; und doch war es so! Durch solche goldene und fette Schwüre mehrten sich der Schatz und die Opfer im Tempel; dabei fanden die eigennützigen Gesetzausleger ihre gute Rechnung. Daß der unwissende Mitbruder im Volke auf diese Weise Vermögen, Ehre und Leben einbüßen konnte; was gieng das sie an? +Thaten+ sie es doch nicht, wenigstens nicht öffentlich, sie +lehrten+ ja nur so. Wenn aber ein Heide gewissenlos geprellt wurde, so war dieß in ihren Augen eher Verdienst, als Sünde. Die Schätze dieser „unreinen Hunde“ sollten ohnehin dem „Volke Gottes“ d. h. ihnen heimfallen; folglich nahmen sie nur, was ihnen schon gehörte.

Versetzen wir uns in die damalige Zeit, und vergegenwärtigen wir uns die verheerenden Wirkungen dieser Lehren für Leib und Seele! -- Wahrlich! unser Herr bewies auch hier wieder, daß „er nicht gekommen war, zu richten, sondern selig zu machen;“ er hätte sonst mit Elias Blitze auf die scheinheiligen Bösewichter fallen lassen müßen. Doch so sprach seine Anrede: „Ihr blinden Wegweiser! Ihr Thoren!“ mehr Bedauern und Mitleid aus, als Richterernst. Es war der Ton des strafenden und bessernden Ernstes, der aber doch zugleich dem Volke einen Fingerzeig gab, wie weit es mit gutem Gewissen solchen Männern trauen und folgen dürfte.

Jetzt wird es Jedermann erst ganz begreifen, warum die Pharisäer unsern Erlöser +ausspotteten+, als er sprach: „Ihr könnet nicht Gott und dem Mamon dienen.“ Ihre Frömmigkeit war nur Götzendienst, weil sie nur auf Ehre und Gewinn berechnet war; eine solche Herzensreinheit, wie Jesus forderte, konnten sie sich nicht einmal denken, vielweniger war ihnen dieselbe aus Erfahrung bekannt; also kam sie ihnen belachenswerth vor! -- welche Blindheit!

Aber dem Hohngelächter derer, die nicht wußten, und nicht wissen wollten, was es heiße, „reich bei Gott sein,“ trat die Parabel vom +reichen und armen Manne+ mit furchtbarem Ernst in den Weg (Luk. XVI, 13-31). Sollten wir dabei nicht nachdenkend werden, und uns vor den schrecklichen Folgen der Heuchelei, welche frommen Schein mit Geiz verbinden will, zu verwahren suchen?

Ueberhaupt waren die Ansichten unseres Herrn über Opfer und Gaben +ganz antipharisäisch+. Er konnte mit ihnen unmöglich zu recht kommen. Sie zählten das Geld, wogen das Fleisch, schätzten das Mehl, welches geopfert wurde, weil sie davon genoßen; Er sah auf das +Herz+, nicht auf die +Hand+ des Opfernden. Rührend ist daher das Lob, welches er der +Wittwe+ spricht, die einen Heller -- ihr ganzes Vermögen! -- opferte (Mark. XIII, 41-44. Luk. XXI, 1-4).

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+Den Zehnten zu geben+, war für jeden Israeliten heilige Pflicht, weil das Heiligthum und seine Diener davon unterhalten wurden. Eigennutz mochte Viele verleiten, wenig oder doch Schlechtes zu liefern. Die Pharisäer machten aber hierin eine ehrenvolle Ausnahme. Niemand gab den Zehnten pünktlicher, als sie; ja sie entrichteten denselben sogar von den kleinsten Gartengewächsen, deren keine Erwähnung im Gesetze geschah. Legten sie da nicht eine handgreifliche Probe ihrer Gewissenhaftigkeit und ihres gesetzlichen Eifers an den Tag? Jesus will nichts davon wissen; er sieht auch hier nur wieder Heuchelei, weil sie die +Hauptsache+ -- „Gerechtigkeit, Liebe Gottes, Barmherzigkeit und Treue“ vernachläßigten. Diese erklärt er für +unumgänglich nothwendig+; den Zehnten „von Münze, Till und Kümmel“ +sollten+ sie geben. Er legte also den Nachdruck gerade wieder auf Etwas, wovon die Heuchler nichts hören wollten. Bei ihm war Gottesfurcht und Frömmigkeit nicht so leichten Preises zu erkaufen, wie bei ihnen; da reichten ein paar Kräuter hin, den Ruf der Heiligkeit zu gründen; Er forderte Thaten der Gottes- und Menschenliebe.

Nur gar zu gerne fühlen wir uns um so viel besser, als die allgemein verhaßten Pharisäer, weil wir nicht eben denselben Fehler begehen -- mit Zehnten; aber sind wir denn immer so frei von dem Vorwurfe, daß wir auf Kleinigkeiten großen Werth legen, und wichtige Dinge oft leichtsinnig übersehen? „Blinde Wegweiser! die ihr Mücken seihet, und Kameele verschlucket!“

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Die +gesetzlichen Reinigungen lagen+ zur Zeit unseres Herrn allen Juden sehr am Herzen; Niemand aber war in diesem Stücke ängstlicher, als die Pharisäer. Ihre Genauigkeit gieng bis zur Quaal für sich und Andere. Dabei hatte aber ihr Geist eine Richtung genommen, welche dem ächten und tiefen Schriftsinne ganz entgegen war. Lüge unter dem Scheine der Wahrheit charakterisirte sie durchaus, doch kaum irgendwo stärker, als hier. Da aber eben diese scheinbare Sorgfalt für das Gesetz den großen Haufen ungemein blendete, und in den Pharisäern etwas Großes und Heiliges erblicken ließ; so deckte Jesus den heiligen Betrug schonungslos auf, und stellte ihre innere Häßlichkeit zur Schau dar. Er zeigte, wie sie beim +Aeußern+ stehen blieben, und das +Innere+ vernachläßigten; als wenn Gott nur jenes, nicht auch dieses geschaffen hätte, und nur jenes, nicht auch dieses, und zwar vor jenem rein erhalten haben wollte. Wie grell treten nun die Gegensätze hervor! Die Heuchler reinigten und fegten die Schüsseln, und die Speisen darin waren geraubtes Gut; sie wuschen die Hände, und das Herz sann auf Ungerechtigkeit; sie machten vor Gott Bücklinge, und unterdrückten seine Kinder. Ihre Religion klebte also an Tellern, Tischen, Sesseln, Kleidern und Füßen -- überall; nur das Herz gieng leer aus. Gott war ihr Herr über den Leib, aber die Seele hatte kein Verhältniß zu ihm.

+Bequem+ war eine solche Gottesverehrung unstreitig auch wieder, so sehr sie sonst beengte. Sie kroch mit dem Leibe vor Gott, blendete die kurzsichtigen Sterblichen, und unterstützte alle Ränke der niedrigsten Leidenschaft. Drei Zwecke mit Einem Mittel! Welch’ ein Meisterstück in der Kunst zu leben!

Jesus schlug eine ganz andere Art, die Speisen zu reinigen vor. „+Gebet von dem, was darin ist Almosen; und sehet, Alles ist rein für euch!+“ Er wußte gar wohl, daß die Pharisäer hartherzig und lieblos waren, und doch keinen Fehler an sich sahen, weil sie Gott äußerlich so viele Ehre erwiesen, und wohl noch etwas +über sein Gesetz hinaus+ thaten, um sich für ihre Lieblingsneigungen ein Privilegium zu erschleichen; denn sie liebten nicht Gott, nur sich selbst. Darum sagte Jesus: Das Reinigen der Schüssel ist gut und gesetzlich; aber euren Händen könntet ihr eure überspannte Mühe ersparen, und sie zu etwas Besserm anwenden, als zu ewigem Fegen und Waschen. Theilet den Armen von euern Speisen mit! Machet auch diesen einen frohen Tag! So werden eure Speisen Gott wohlgefälliger, als durch die pünktlichste Reinigung. Wie weise, wie göttlich -- aber wie ärgerlich und anstößig!

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Es ist bekannt, daß Berührung eines Todten gesetzlich verunreinigte.[32] Daher flohen die Juden selbst Grabstäten, damit sie dem Gesetze nicht zu nahe traten. Wer unwissend an einen solchen Platz kam, und es hintennach entdeckte, war allemal in seinem Herzen unruhig, ob er nicht unrein sei; und er nahm es lieber an, als daß er das Gesetz verletzte. Daraus wird es denn auch begreiflich, daß das Tünchen und Einfassen der Grabmäler nicht bloß eine Ehrenbezeugung für die Verstorbenen, sondern auch eine Warnung für die Lebenden war.

Treffend benützte Jesus diese Sitte in beiden Rücksichten, um den Charackter der Heuchler bis zum Leben ähnlich zu zeichnen. Einmal galten die Pharisäer wegen ihrer Gesetzlichkeit in den Augen der Meisten für Leute, von denen für Tugend, Ehre und Gut nicht nur nichts zu fürchten, sondern wohl noch Gewinn zu erwarten war. Deß ungeachtet waren sie Ehebrecher, Verläumder und Geizhälse. Es gieng also den Leuten mit ihnen, wie mit unbekannten Grabstäten. -- Wer aber wie Jesus, den Lügengeist dieser Menschen kannte, ließ sich durch kein tugendhaftes und religiöses Gepränge täuschen; ein böses und verkehrtes Herz grinsete als Schreckgestalt aus der Larve der Heiligkeit. Auch die schönste Grabstätte betrat der Jude nicht ohne Noth, weil Aas und Knochen darin waren. Vielmehr machte ihn eben die weise Farbe des Grabes noch aufmerksamer. So ergieng es auch Jesus mit den Heuchlern seiner Zeit! -- --

Sichtbar wurde Jesus zu diesem charackterischen Zuge der Pharisäer hingeleitet durch den unmittelbar vorhergehenden Gedanken von der übertriebenen und verkehrten Sorgfalt für Reinigung der Schüsseln &c. Aber eben durch diesen Zusammenhang springt die innere, sittliche Unreinigkeit und die gleißnerische Denk- und Handlungsweise der Pharisäer um so mehr in die Augen; so wie sich im Verfolge die Rede von den Grabstäten der Propheten höchst natürlich anschließt.