Die Pest zu London

Part 9

Chapter 93,780 wordsPublic domain

Darauf erschienen die Kirchspielbeamten und fragten aus der Entfernung, wer sie wären und mit welchem Recht sie sich hier aufhielten. Der Kapitän antwortete ganz aufrichtig, sie wären arme Flüchtlinge aus London, die dem kommenden Elend sich hatten entziehen wollen, um ihr Leben zu retten und die weder Freunde noch Verwandte besäßen, wohin sie sich hätten flüchten können. Zuerst wären sie nach Islington gezogen, da aber die Seuche auch dahin gekommen sei, wären sie weitergewandert. Und weil sie voraussetzten, daß die Inwohner von Epping ihnen doch verwehrt hätten, in die Nähe der Stadt zu kommen, hätten sie nun ihr Lager unter dem freien Himmel aufgeschlagen und nähmen freiwillig all die Beschwerlichkeiten eines solchen Aufenthaltes auf sich, lieber, als daß irgend jemand ihnen vorwerfen könnte, er wäre durch sie zu Schaden gekommen.

Zuerst wollten die Leute von Epping nichts davon hören, daß sie dablieben und befahlen ihnen, weiterzuwandern. Dies wäre kein Platz für sie, und wenn sie auch behaupteten, gesund zu sein, so möchten sie doch, ohne es zu wissen, schon angesteckt sein und die ganze Gegend anstecken, und deshalb könne man sie hier nicht dulden.

Der Kapitän verhandelte mit ihnen in aller Geduld weiter und hielt ihnen vor, daß sie alle von London, wohin sie ihre Landesprodukte verkauften, lebten und ihre Höfe erhielten, und daß es nicht recht wäre, so unbarmherzig gegen Londoner zu sein, durch die sie so viel verdienten. Später würden sie sich nur mit Reue daran erinnern, wenn es sich herumspräche, wie ungastlich, unfreundlich und barbarisch sie sich gegen Bewohner von London verhalten hätten, die vor dem schrecklichsten Feinde des Menschengeschlechtes geflüchtet wären. Von nun an wäre jeder Eppinger in London verfehmt, und der Pöbel würde ihnen Steine in den Straßen nachwerfen, wenn sie wieder zu Markt kämen.

Die Eppinger erwiderten darauf, in Walthamstow wäre eine ganze Bande erschienen, die auch behaupteten, sie wären alle gesund, und hätten gedroht, die Stadt zu plündern und mit Gewalt ihren Weg fortzusetzen. Fast 200 wären sie gewesen, mit Waffen und Zelten wie eine richtige Armee. Durch die Drohung, sonst sich alles selbst zu nehmen, hätten sie Lebensmittel von der Stadt erpreßt, und die ganze Umgegend wäre von ihnen verseucht worden. Wahrscheinlich gehörten auch sie zu dieser Bande und verdienten, ins Gefängnis geworfen zu werden, bis sie Schadenersatz geleistet hätten für alles, was sie angerichtet und für die Angst und den Schrecken, in die sie die ganze Gegend gestürzt hätten.

So wurde noch lange hin- und hergeredet, bis endlich der Kapitän sagte, sie würden nichts mit Gewalt nehmen, selbst wenn die Eppinger ihre Herzen gänzlich jedem Mitleid verschlössen, und wenn dann das Wenige, das sie hätten, verbraucht wäre, so müßten sie eben nach dem Willen Gottes zugrunde gehen.

Seine vernünftige und ruhige Art zu reden hatte eine solche Wirkung auf die Eppinger, daß sie fortgingen. Und obwohl sie wohl mit ihrem Bleiben nicht einverstanden waren, taten sie doch auch nichts, sie zu vertreiben, so daß die armen Teufel die nächsten drei oder vier Tage Ruhe hatten. Mittlerweile hatten sie sich mit einem Lebensmittelladen am Rande der Stadt in Verbindung gesetzt, der ihnen die nötigsten Bedürfnisse in der üblichen Weise lieferte, indem die Lebensmittel in einiger Entfernung auf die Erde gelegt wurden.

Das junge Volk kam inzwischen oft bis ganz nahe ans Lager, stand da herum, schaute sich alles an und unterhielt sich mit ihnen, wobei aber immer noch ein Zwischenraum aufrechterhalten wurde. Daß man hörte, wie sie am ersten Sonntag beteten und ihre Sonntagsfeier mit Psalmensingen begingen, machte einen guten Eindruck, so daß allmählich die Stimmung der Leute umschlug, und man sie mit Mitleid zu betrachten begann. Die Folge davon war, daß nach einer schweren Regennacht ein gewisser Landedelmann, der in der Nachbarschaft lebte, ihnen einen Karren mit zwölf Bündeln Stroh schickte, um darauf zu liegen und die Dächer ihrer Hütten damit zu decken. Der Kirchspielgeistliche sandte ihnen auch, ohne von dem ersteren Geber zu wissen, zwei Scheffel Weizen und einen halben Scheffel weiße Erbsen.

Nachdem diese beiden so begonnen und ein Beispiel der Nächstenliebe gegeben hatten, schlossen sich bald andere an, und es verging kaum ein Tag, der ihnen nicht irgendeine Gabe brachte. Einige schickten Sessel, Tische und solche Haushaltungsgegenstände, die sie nötig hatten, andere Leintücher und Bettdecken, die dritten Ton- und Küchengeschirr.

Dadurch ermutigt, baute ihnen der Zimmermann in wenigen Tagen einen großen Schuppen oder ein Haus mit Dachsparren, einem richtigen Dach und einem oberen Stockwerk, wo sie trocken hausen konnten, denn das Wetter begann jetzt, anfangs September, allmählich feucht und kalt zu werden. Auf der einen Seite errichtete er noch eine Erdmauer mit einem Kamin darin, und ein anderes Mitglied der Gesellschaft fabrizierte dazu mit unsäglicher Mühe und Arbeit einen Rauchfang, um den Rauch hinauszulassen.

Hier lebten sie also soweit ganz gut, bis anfangs September die schlimme Neuigkeit kam, daß die Seuche, die sich schon über die ganze Umgegend verbreitet hatte, nun auch Epping, Woodford und alle sonst um den Wald gelegenen Städte ergriffen habe. Daran sollten hauptsächlich die Hausierer schuld sein, die von und nach London her- und hinzogen. Wenn das wirklich der Fall war, so ist es ein klarer Gegenbeweis gegen die Behauptung, die man später in ganz England hörte, daß nämlich die Marktleute niemals angesteckt wurden oder die Seuche aufs Land hinaustrugen, was ich aus eigenem Wissen auch nicht bestätigen kann.

Die Flüchtlinge aber gerieten nun in große Aufregung, da die umliegenden Städte tatsächlich verseucht waren; sie trauten sich nicht mehr, sich um Lebensmittel umzutun und kamen dadurch in eine sehr üble Lage. Denn nun hatten sie nichts mehr, als was die Güte der Landherren in der Umgegend ihnen zukommen ließ. Ein Glück war, daß einer, von dem sie bisher nichts erhalten hatten, nun anfing, ihnen Lebensmittel zu schicken und gleich mit einem ansehnlichen Schwein den Beginn machte. Von einem andern bekamen sie zwei Schafe und von einem Dritten ein Kalb, kurz, an Fleisch fehlte es ihnen nicht, und zuweilen kam dazu auch noch Milch und Käse. Nur mit dem Brot sah es schlecht aus, da sie nur Weizen besaßen, aber endlich verfertigte der Bäcker eine Art Ofen und brachte damit ganz genießbare Brotkuchen zustande. So gelang es ihnen, ohne weitere Hilfe von den Städten auszukommen, und das war gut so, denn bald war die ganze Gegend verseucht, und in den umliegenden Dörfern starben nicht weniger als 120 Leute an der Pest.

Auf dies hin beratschlagten sie aufs neue, und jetzt hatten die Städte keinen Grund mehr, sich vor ihnen zu fürchten, im Gegenteil zogen einige Familien der ärmeren Bevölkerung zu ihnen in den Wald und bauten sich dort nach ihrem Vorbild Hütten. Aber schon war es zu spät für sie, und die Ansteckung folgte ihnen auch dahin. Das war ein schwerer Schlag für die Gesellschaft, als sie davon Kenntnis erhielt. Denn nun hieß es wieder weiterwandern, wenn sie sich nicht der Gefahr aussetzen wollten, ihr Leben zu verlieren.

Es ist kein Wunder, daß sie den Ort nur mit schwerem Herzen verließen, wo sie so viele Barmherzigkeit und Menschlichkeit erfahren hatten, aber sie sahen ein, daß ihnen keine Wahl bliebe. So beschlossen sie, sich erst an jenen Gutsbesitzer zu wenden, der sich zuerst ihrer angenommen hatte, und ihn um Rat und Hilfe zu bitten. Der gute Mann redete ihnen zu, den Platz zu verlassen, um nicht von jeder weiteren Zuflucht abgeschnitten zu werden, wohin sie aber gehen sollten, wußte er ihnen auch nicht zu sagen. Schließlich bat ihn der Kapitän, ihnen als Friedensrichter Gesundheitszeugnisse auszustellen, die sie überall seinen Amtsgenossen vorzeigen könnten, damit man sie nicht wieder zurückwiese, obschon sie nun schon so lange von London fort wären. Dies geschah auch; sie erhielten die Atteste und hatten nun die Freiheit zu gehen, wohin es ihnen beliebte.

Mit diesen Zeugnissen versehen machten sie sich also auf den Weg und wanderten gegen die Sümpfe auf der Seite von Waltham zu. Hier trafen sie auf einen Mann, der eine Art Wehr im Flusse errichtet hatte, um das Wasser für die aufwärtsgehenden Schiffe aufzustauen, und der ihnen erzählte, daß alle am Flusse liegenden Orte in ganz Middlesex und Hertfordshire, auch alle Plätze an der Hauptstraße verseucht wären. Dadurch ließen sie sich abschrecken, ihren Weg fortzusetzen, obwohl ihnen der Mann wahrscheinlich nur etwas vormachte, denn in Wirklichkeit lagen die Dinge lange nicht so schlimm.

Sie beschlossen nun, durch den Wald gegen Rumford und Brentwood zu ziehen, hörten aber, daß der ganze Wald schon voll von Flüchtlingen aus London wäre, die ohne Obdach und Lebensmittel, ein jämmerliches Dasein führten und von denen es hieß, daß sie durch Gewalttaten aller Art ihr Los zu erleichtern suchten. Einige von ihnen hatten neben der Straße Hütten errichtet und bettelten in der frechsten und unverschämtesten Weise, so daß die ganze Gegend in Aufregung geraten war und manche festgenommen werden mußten.

Mit der Mildtätigkeit und Freundlichkeit, die unsere Freunde früher erfahren hatten, war’s nun wohl zu Ende, das sahen sie ein, im Gegenteil waren sie in Gefahr, von den andern Flüchtlingen Böses gewärtigen zu müssen. In dieser Lage schickten sie den Kapitän zu dem guten Herrn zurück, ihrem Wohltäter, um ihn in ihrer aller Namen noch einmal um Rat zu bitten. Den gab er denn auch und meinte, sie sollten ihr altes Quartier wieder beziehen oder, wenn sie das nicht wollten, weil die Jahreszeit schon zu weit fortgeschritten wäre, sich näher an der Straße ansiedeln. Dort fanden sie ein altes, halbverlassenes Haus, das kaum noch bewohnbar war und ihnen deshalb gern von dem Bauern, dem es gehörte, überlassen wurde.

Nun gab es für den Zimmermann und seine Helfer genügend Arbeit, aber in wenigen Tagen hatten sie das Haus ganz wohnlich hergerichtet, und da sie dort einen Kamin und einen Ofen fanden, waren sie auch gegen die kommende Kälte gesichert. Was sie sonst noch brauchten, nämlich hauptsächlich Bretter, um Fensterladen, Fußböden und Türen zu machen, erhielten sie von den Leuten, bei denen sie nun schon einmal bekannt waren, und wo ihnen jeder gern aushalf.

Hier richteten sie sich nun für die Dauer ein, entschlossen, dazubleiben. Denn sie sahen wohl, wie aufgebracht die Provinz gegen alle war, die aus London stammten, und daß sie ohne die größten Schwierigkeiten nirgends durchkommen würden oder auf einen freundlichen Empfang rechnen könnten. Aber trotzdem ihnen von allen Seiten Hilfe zuteil wurde, hatten sie doch genug Beschwerden zu erdulden, denn nun, im Oktober und November, setzte die Kälte ein, so daß viele von ihnen erkrankten, freilich nicht an der Pest. Im Dezember kehrten sie dann wieder nach London in ihre Heimat zurück.

Ich habe diese Geschichte so ausführlich erzählt, um zu zeigen, woher plötzlich die Masse Menschen kam, die in London erschienen, sobald die Seuche nachgelassen hatte. Die bessern Klassen hatten bei ihren Freunden auf dem Lande ein Unterkommen gefunden, und jene, die keine Freunde draußen hatten, waren nach allen Richtungen geflohen, ob sie nun Geld hatten oder nicht. Die ersteren kamen am weitesten, da sie sich selbst erhalten konnten, die andern aber mußten die ärgsten Entbehrungen erdulden und konnten sich oft nur durch Stehlen durchbringen. Dadurch wurde man wieder gegen sie aufgebracht und steckte sie ein, obwohl man nicht recht wußte, was man mit ihnen anfangen sollte und sie nicht gut bestrafen konnte. Oft genug aber schob man sie von Ort zu Ort ab, bis sie wieder in London waren.

Ich habe seitdem überall nachgefragt und erfahren, daß es eine Menge von diesen armen, unglücklichen Leuten gab, die irgendwohin aufs Land hinaus geflohen waren und nun in Hütten und Heuschobern ihr Leben fristeten, wo man sie zuweilen auch unterstützte, wenn sie überzeugend dartun konnten, daß sie nicht zu spät London verlassen hätten. Die meisten aber wohnten in selbstgebauten Hütten auf freiem Feld oder in den Wäldern oder wie Einsiedler in Löchern und Höhlen, oder wo sie sonst bleiben mochten, wo es ihnen so schlecht ging, daß sie auf jede Gefahr hin wieder lieber nach der Stadt zurückkehrten. Die Hütten blieben dann verlassen, und das Landvolk glaubte, daß die Bewohner tot drin lägen, und traute sich noch lange nicht, in die Nähe zu kommen. Und wirklich ist es auch durchaus nicht unwahrscheinlich, daß eine Anzahl dieser unseligen Flüchtlinge allein und verlassen und ohne jede Hilfe zugrunde ging. --

Von einem traurigen Fall hörte ich, einem Bürger, der durch die Seuche seine Frau und alle Kinder verloren hatte. Nur er, zwei Dienstboten und eine alte Frau waren am Leben geblieben, eine Verwandte, die ihre Angehörigen bis zum Tode gepflegt hatte. Der Mann begab sich in ein nahes noch unverseuchtes Dorf, fand dort ein leeres Haus und mietete es von dem Besitzer. Nach einigen Tagen verschaffte er sich einen Karren, belud ihn mit dem Nötigsten und fuhr damit hinaus. Die Dorfbewohner wollten ihn zwar nicht durchlassen, aber teils durch Zureden, teils durch Gewalt, gelang es den Leuten, die den Karren schoben, doch bis zur Türe des Hauses zu kommen. Aber dort leistete der Konstabler ihnen neuen Widerstand und ließ sie nicht ins Haus. Der Mann ließ die Sachen vor der Tür abladen und schickte den Karren weg, worauf man ihn vor den Friedensrichter führte. Dieser befahl ihm, die Sachen auf dem Karren wieder zurückbringen zu lassen, was der Mann verweigerte. Darauf schickte der Friedensrichter den Karrenführern den Konstabler nach und beauftragte ihn, sie vorzuführen und sie zu zwingen, die Sachen wieder aufzuladen und fortzubringen, widrigenfalls sie in den Stock gelegt würden. Sollte er die Leute nicht finden und der Mann sich nicht bereit finden lassen, die Sachen zu entfernen, so sollten sie mit Hacken auf die Straße gezogen und dort verbrannt werden. Auf das hin ließ der arme Teufel die Sachen wieder holen, aber nicht, ohne sich über die ihm widerfahrene Härte und Grausamkeit aufs bitterste zu beklagen. Aber es half nun einmal nichts, der Selbsterhaltungstrieb zwang die Leute zu solchen Maßregeln, von denen sie unter andern Umständen nichts hätten wissen wollen. Was aus dem Manne wurde, kann ich nicht sagen, aber es hieß, er wäre schon damals angesteckt gewesen, wenn das auch vielleicht nur die Leute sagten, um ihr Vorgehen zu rechtfertigen.

Ein Haus in Whitechapel wurde eines angesteckten Dienstmädchens wegen abgesperrt, das nur Flecken, nicht die eigentlichen Merkmale der Seuche hatte und später auch wieder gesund wurde. Die Hausleute durften also 40 Tage lang auch keinen Schritt an die Luft gehen. Angst, Ärger, Wut, Mangel an frischer Luft und was sonst noch mit einer solch schlimmen Behandlung zusammenhing, zogen der Hausfrau ein Fieber zu. Darauf erschienen die Visitatoren und sagten, sie hätte die Pest, obwohl die Ärzte erklärten, daß das nicht der Fall wäre. So wurde die Familie gezwungen, die Absperrungszeit von neuem durchzumachen, obwohl an der ersten nur noch ein paar Tage fehlten. Der Kummer und die Empörung darüber warfen sie nun alle aufs Krankenlager, die einen erkrankten an Skorbut, andere an ähnlichen Übeln, bis schließlich, nachdem die Absperrung noch mehrmals verlängert worden war, einige Besucher, die mit den Visitatoren kamen in der Hoffnung, die Ärmsten endlich in Freiheit zu setzen, wirklich die Seuche ins Haus schleppten, an der fast alle starben. Also nicht an der Pest, die sie gehabt hatten, sondern die jene ihnen zugebracht hatten, die sie davor hätten schützen sollen. Dergleichen passierte häufig genug und war eine der schlimmsten Folgen der Häuserabsperrung.

Um diese Zeit mußte ich eine kleine Mühe auf mich nehmen, die mich zuerst in große Bestürzung versetzte und sehr unbehaglich machte, obwohl sich später herausstellte, daß es damit nicht so schlimm war. Der Ratsherr unseres Distriktes nämlich ernannte mich zu einem der Untersuchungsbeamten in dem Bezirk, wo ich wohnte. In unserm Kirchspiel gab es deren nicht weniger als 18. Wir hatten den Titel Untersuchungsbeamte, das Volk aber nannte uns Visitatoren. Ich versuchte alles mögliche, um mich von einem solchen Amte loszumachen und brachte gegen den Stellvertreter des Ratsherrn einen Haufen Gründe vor, die mich verhinderten. Besonders führte ich an, daß ich gegen die Absperrung der Häuser sei, und daß es unrecht wäre, mich zur Durchführung einer Maßregel zu zwingen, die gegen meine Überzeugung wäre, und wie ich glaube, auch keinen wirklichen Nutzen brächte. Das einzige aber, was ich erreichen konnte, war, daß ich anstatt der üblichen zwei Monate nur auf drei Wochen verpflichtet wurde, vorausgesetzt, daß ich dann einen geeigneten Stellvertreter namhaft machen könne. Das war freilich nur ein schwacher Trost, denn es war äußerst schwierig, jemanden zu finden, der ein solches Amt auf sich nehmen wollte.

Einen Erfolg hatte tatsächlich die Absperrung der Häuser, den ich durchaus nicht verkleinern will. Den Erkrankten wurde es dadurch unmöglich gemacht, in den Straßen herumzulaufen, wie es am Anfang so oft geschah, ehe man sie einschloß. Damals kam es sogar vor, daß sie an die Haustüren kamen, erklärten, sie hätten die Pest und um alte Lumpen baten, um ihre Geschwüre zu verbinden.

Die Frau eines wohlhabenden Bürgers wurde, wenn die Geschichte wahr ist, von einem solchen Geschöpf in der Aldersgate-Straße oder da herum umgebracht. Der Mann, ganz von Sinnen, wanderte singend durch die Straßen. Die Leute meinten, er wäre nur betrunken, aber er selbst sagte, er hätte die Pest, was auch wohl wahr war. Als er der Frau begegnete, wollte er sie küssen. Entsetzt darüber, denn er war ein roher Patron, rannte sie davon, da aber nur wenig Leute auf der Straße waren, konnte ihr niemand zu Hilfe kommen. Als sie sah, daß sie ihm nicht entfliehen könne, wandte sie sich um und gab ihm mit aller Kraft einen solchen Stoß, daß er, schwach wie er war, auf die Erde fiel. Aber unglücklicherweise hielt er sich an ihr und zog sie auch zu Boden, worauf er sie packte und küßte. Das Scheußlichste war, daß er ihr dann sagte, er habe die Pest, und warum solle sie sie nicht ebensogut kriegen? Sie war schon zuvor außer sich, besonders da sie seit einigen Monaten schwanger war, als sie ihn nun aber sagen hörte, daß er die Pest habe, schrie sie auf und fiel in Ohnmacht oder vielmehr bekam einen Anfall, von dem sie sich zwar wieder erholte, aber doch wenige Tage darauf starb, ob an der Pest oder nicht, habe ich nicht erfahren können.

Ein anderer erkrankter Mann erschien an der Tür eines Bürgers und klopfte. Da er dort gut bekannt war, ließ ihn das Dienstmädchen ein, und als man ihm sagte, der Hausherr wäre oben, lief er hinauf und trat in das Zimmer, wo eben die ganze Familie beim Abendessen war. Sie erhoben sich ein wenig erstaunt, da sie nicht wußten, um was es sich handelte. Der Mann aber bat sie, ruhig sitzenzubleiben, er käme nur, um Abschied zu nehmen. »Wieso?« fragte man ihn, »wohin geht Ihr denn?« -- »Wohin --« antwortete er, »ich habe die Pest und werde bis morgen abend tot sein.« Es dürfte schwer sein, sich die Bestürzung der ganzen Familie auszumalen. Die Frauen und die Töchter, die noch kleine Mädchen waren, hatten vor Schrecken beinahe den Tod. Sie standen auf und rannten hinaus, die eine zu der Tür, die andere zur andern, die Treppe hinauf und hinab, und als sie endlich alle beisammen waren, schlossen sie sich im Zimmer ein und schrien aus dem Fenster wie die Wahnsinnigen um Hilfe. Der Hausherr, der trotz alles Schreckens und aller Empörung ruhiger geblieben war, wollte den Eindringling zuerst packen und die Treppe hinunterwerfen. Dann aber überlegte er den Zustand des Mannes und die Gefahr ihn zu berühren, und vor Entsetzen erstarrte er, ohne eine Bewegung machen zu können. Der arme Kranke, dem die Ansteckung wohl schon bis ins Gehirn gedrungen war, stand mittlerweile ganz still. Endlich wandte er sich um. »So, so,« sagte er mit der größten Ruhe, »ist es so mit euch allen! Hab’ ich euch wirklich gestört? Dann will ich nach Hause gehen und dort sterben.« Mit diesen Worten ging er zur Tür und die Treppe hinunter. Das Dienstmädchen, das ihn hereingelassen hatte, folgte ihm mit einem Licht, hatte aber Angst, an ihm vorbeizugehen und die Türe zu öffnen, so blieb sie auf der Treppe stehen, um zu sehen, was er tun würde. Der Mann machte die Tür auf, ging hinaus und warf sie hinter sich zu. Es dauerte einige Zeit, bis die Familie über den Schrecken wegkam, da aber schlimme Folgen ausblieben, haben sie seitdem die Geschichte oft mit großer Genugtuung erzählt. Der Mann war jedoch schon einige Tage fort, ehe sie sich wieder im Hause richtig zu bewegen trauten, und auch dann erst, als sie einen Haufen Räucherwerk in allen Zimmern verbrannt und einen dicken Rauch mit Pech, Schwefel und Schießpulver gemacht hatten. Auch trugen sie Sorge, die Kleider zu wechseln und zu waschen. Was aber den armen Mann anbelangt, so kann ich mich nicht erinnern, ob er auch wirklich gestorben ist.

Hätte man die Häuser nicht abgesperrt und die Kranken eingeschlossen, so wären sicher Haufen von ihnen in ihren Fieberdelirien beständig auf den Straßen hin und her gelaufen. Es taten’s ja so eine ganze Menge, die gegen die ihnen Begegnenden alle möglichen Gewalttätigkeiten verübten, wie ja auch die tollen Hunde jeden beißen, der ihnen in den Weg kommt. Ich bin auch überzeugt, daß jeder, der von solch einem verseuchten Geschöpfe gebissen worden wäre, sicher eine unheilbare Ansteckung davongetragen haben würde.

Ich hörte von einem Kranken, der von der Qual der Geschwülste, von denen er drei hatte, aus dem Bett getrieben wurde, die Schuhe anzog und nach seinem Rock griff, aber von der Pflegerin daran gehindert wurde. Sie riß ihm den Rock weg, er aber warf sie zu Boden, rannte die Treppe hinunter und im Hemd gerade auf die Straße, die zum Flusse führt. Die Pflegerin hinter ihm her, rief dem Wächter zu, ihn aufzuhalten, aber der hatte Angst ihn anzurühren und ließ ihn weiterlaufen. Er rannte bis zu den Stillyard-Stufen, zog sein Hemd aus und sprang ins Wasser. Und da er ein guter Schwimmer war, schwamm er bis ans andere Ufer, als gerade die Flut einsetzte und ihn bis zu den Stufen bei Falcon hinabtrug, wo er aus dem Wasser stieg. Wie er nun jetzt, zur Nachtzeit, niemand sah, rannte er splitternackt eine Zeitlang in den Straßen umher, sprang dann wieder ins Wasser und kam mit der Flut an denselben Platz zurück, von wo er weggeschwommen war. Dann lief er nach Hause, klopfte an die Tür, stieg die Treppe hinauf und legte sich wieder ins Bett. Durch dieses merkwürdige Mittel genas er von der Pest, d. h. die heftige Bewegung von Armen und Beinen brachte die Geschwülste in den Schulterhöhlen und der Leistengegend zum Reifen und Aufbrechen, und das kalte Wasser schlug das Fieber nieder.

Aber ungeachtet all solcher Vorfälle war man doch gegen die Absperrung der Häuser recht aufgebracht.

Es ging einem durch Mark und Bein, das Geschrei der Kranken zu hören, die von der Hitze im Blut oder der Heftigkeit ihrer Schmerzen von Sinnen gebracht, eingeschlossen oder an die Stühle oder die Betten gebunden waren, um zu verhüten, daß sie sich selbst beschädigten. Sie beklagten sich immer wieder aufs jämmerlichste, daß man sie einsperrte und nicht im Freien sterben ließ, wie sie es haben wollten.