Part 8
Als er sagte, er würde wieder nach Greenwich fahren, sobald die Flut einsetze, fragte ich ihn, ob er mich nicht mitnehmen und wieder zurückbringen wolle, denn ich hatte große Lust zu sehen, wie die vielen Schiffe auf dem Wasser lagen. Er sagte, wenn ich ihm als Christ und ehrlicher Mann mein Wort geben wolle, daß ich nicht angesteckt sei, so würde er mich fahren. Ich versicherte ihm, daß ich durch die Gnade Gottes bisher verschont geblieben war, daß ich in Whitechapel wohnte und nur durch das Bedürfnis nach frischer Luft herausgetrieben worden wäre, und daß niemand in meinem Hause auch nur die leiseste Spur einer Ansteckung gezeigt habe.
»Nun,« sagte er, »da Ihr Mitleid mit mir und meinen armen Leuten gezeigt habt, könnt Ihr nicht so unbarmherzig sein, in mein Boot zu steigen, wenn Ihr nicht gesund wärt. Denn das würde für mich und meine Familie den Untergang bedeuten.« Seine Angst rührte mich so sehr, daß ich ihm sagte, ich wolle lieber meine Neugierde unterdrücken, als ihn in Unruhe versetzen, obwohl ich so gesund wäre wie nur irgendeiner auf der Welt. Aber davon wollte er nichts wissen und redete mir jetzt selbst zu, mit ihm zu kommen. So stieg ich denn, als die Flut einsetzte, ins Boot, und er fuhr mich nach Greenwich hinüber. Während er seine Besorgungen machte, ging ich auf die Spitze des Hügels, an den sich die Stadt anlehnt, um einen Blick über den Fluß zu haben. Es war auch wirklich ein erstaunlicher Anblick: die vielen Schiffe, die je zwei und zwei manchmal, wo es die Breite des Flusses erlaubte, zwei oder drei Reihen bildeten, und das nicht nur bis weit in die Stadt, sondern flußabwärts bis zum Knie von Long-Reach, also soweit man sehen konnte.
Die Anzahl der Schiffe war nicht zu erraten, aber es mögen wohl an 300 gewesen sein, und ich mußte diesem Auskunftsmittel meinen Beifall spenden, durch das mehr als 10000 Menschen sich hier vor der Ansteckung geschützt hatten und in völliger Sicherheit lebten.
Später erfuhr ich, daß die Schiffe, als die Seuche noch heftiger wurde, ihren Platz veränderten. Einige stachen sogar in See und suchten die Häfen an der Nordküste auf, wo sie eben am besten unterkommen konnten. Aber ganz sicher war man freilich auch an Bord der Schiffe nicht, eine ganze Anzahl Leute starb und wurde in den Fluß geworfen, manche in Särgen, andere ohne solche, die noch lange die Flut auf der Oberfläche des Wassers hin und wider trieb.
Ich bin jedoch überzeugt, daß es sich in solchen Fällen stets um Leute handelte, die sich zu spät auf die Schiffe zurückzogen und schon angesteckt waren, wenn sie selbst auch nichts davon merkten, so daß man in Wahrheit sagen kann: die Seuche kam nicht auf die Schiffe, sondern die Menschen brachten sie erst hin. Das waren auch immer jene Schiffe, auf denen man nicht für Vorräte hatte sorgen können, und um solche an Land schicken mußte, wodurch die Ansteckung unversehens hingelangte.
Ebenso wie die wohlhabenderen Leute auf die Schiffe flohen, hatten die Armen ihre Treckschuten, Schmacken, Leichter und Fischerboote, und viele, besonders die Bootführer, lebten vollständig auf ihren Fahrzeugen. Die letzteren gewannen allerdings nicht viel dabei, denn beim Einkaufen von Lebensmitteln wurden sie angesteckt und starben in Haufen, oft mutterseelenallein in ihren Booten, wo man sie erst auffand, als sie sich schon in einem unbeschreiblichen Zustand der Auflösung befanden.
Die Lage der Seeleute in diesem Stadtteil war wirklich höchst bejammernswert und verdiente das größte Mitleid, aber zum Unglück war das eine Zeit, in der jeder zuerst an seine eigene Sicherheit dachte und sich mit dem Elend des Nächsten nicht abgeben konnte. Alle hatten den Tod vor ihrer Türe oder schon im Hause und wußten weder, wohin zu fliehen, noch was sonst sie tun sollten. Dadurch wurde alles Mitleid erstickt und die Selbsterhaltung zum obersten Gesetz. Kinder verließen ihre Eltern, Eltern ihre Kinder, wenn das auch vielleicht nicht so häufig vorkam. Schreckliche Geschichten waren in Umlauf von Müttern, die in ihrem Wahnsinn ihre eigenen Kinder umgebracht hatten. Die eine ereignete sich nicht weit von meiner Wohnung; das arme, von Sinnen gekommene, Geschöpf lebte nicht einmal mehr so lange, um zum Bewußtsein ihrer Untat zu kommen, geschweige denn, dafür bestraft zu werden.
Wundern darf man sich darüber nicht, denn die ununterbrochene Todesgefahr zerstörte alles Mitgefühl und alle Sorge für andere. Ich rede natürlich nur im allgemeinen, denn es gab auch Beispiele einer unauslöschlichen Liebe, von Mitleid und Pflichtgefühl, von denen ich einige durch Hörensagen erfuhr. Für die Wahrheit in allen Einzelheiten kann ich freilich nicht einstehen.
Ehe ich näher darauf eingehe, möchte ich noch bemerken, daß das ärgste Schicksal von allen Menschen in dieser Unglückszeit die schwangeren Frauen traf. Kam ihre Stunde und stellten sich die Wehen ein, so blieben sie ohne jede Hilfe. Weder Hebammen noch mitleidige Nachbarinnen kamen zu ihnen. Die meisten Hebammen waren schon gestorben, besonders jene, die unter den Armen ihren Beruf ausübten; die besseren waren geflohen, so daß es den armen Frauen, die nicht einen unerhörten Preis zahlen konnten, so gut wie unmöglich war, eine zu bekommen. Die man haben konnte, waren meistens ungeschickte und unwissende Weiber, und die Folge war, daß eine unglaubliche Anzahl von Schwangeren in das haarsträubendste Elend gerieten. Viele wurden bei der Entbindung durch die Dummheit jener sogenannten Hebammen zugrunde gerichtet, und zahllose Neugeborne, ich möchte sagen, ermordet, wobei sie sich darauf hinausredeten, sie hätten auf Kosten des Kindes die Mutter retten wollen. Oft genug starben Mutter und Kind, besonders, wenn die Mutter schon verseucht war, und nun niemand sich in ihre Nähe wagte. Viele starben während der Geburt, in anderen Fällen lebte das Kind, hing aber noch durch die Nabelschnur mit der toten Mutter zusammen. Man konnte wirklich damals von ihnen sagen: Wehe in diesen Tagen den schwangeren Müttern und jenen, die ihre Kinder säugen.
Das Elend der stillenden Mütter war fast ebensogroß. Viele Kinder gingen zugrunde, weil ihnen die Amme fehlte. Man fand Kinderleichen bei der toten Mutter, die an nichts als Nahrungsmangel gestorben waren. Andere wurden durch die Ammen angesteckt, ja selbst durch die eigene Mutter, die ohne es zu wissen, ihnen das Gift mit der Milch einflößte. Sollte jemals wieder solch eine Seuche auftreten, so meine ich, daß alle schwangeren oder stillenden Frauen die Stadt verlassen sollten, denn ihr Elend ging wahrhaftig über alles menschliche Maß hinaus.
Ich könnte manche Schauergeschichte erzählen von noch lebenden Kindern, die an der Brust ihrer bereits erkalteten Amme oder Mutter saugten. In meinem Kirchspiel geschah es, daß eine Mutter, deren Kind nicht ganz wohl war, zum Apotheker schickte, er möchte sich’s ansehen. Als er kam, stillte sie gerade und schien völlig gesund zu sein, aber wie er sich näherte, sah er die Merkmale der Seuche auf derselben Brust, die dem Kinde Nahrung bot. Er wollte die arme Frau nicht zu sehr erschrecken und bat sie, ihm das Kind zu geben. Als er’s nun in die Wiege legte und dabei sein Kleidchen öffnete, gewahrte er die gleichen Merkmale auch auf seinem Körper. Beide starben, noch ehe er nach Hause gekommen war, um ein Gegenmittel zu senden. Ein anderes Mal wurde ein Kind zu seinen Eltern wieder nach Hause gebracht, da die Amme an der Pest gestorben war. Trotzdem ließ es sich die zärtliche Mutter nicht nehmen, den Säugling an die eigene Brust zu legen. Dadurch wurde sie angesteckt und starb, das tote Kind in ihren Armen.
Von einem Handelsmann in Ost-Smithfield hörte ich, dessen Frau zum erstenmal gebären sollte und in die Wehen kam, während sie schon angesteckt war. Er konnte ihr weder eine Hebamme noch eine Pflegerin verschaffen. Die zwei Dienerinnen waren geflüchtet, und er rannte wie ein Verrückter von Haus zu Haus, fand aber keine Hilfe. Endlich versprach ihm ein Wächter, der vor einem verseuchten und abgesperrten Hause seinen Posten hatte, ihm bis zum Morgen eine Pflegerin zu schicken. Der arme Teufel ging verzweifelt heim, leistete seiner Frau Beistand, so gut es gehen wollte, und brachte ein totes Kind zur Welt. Auch die Frau starb eine Stunde später, und er hielt die Leiche noch in seinen Armen, als der Wächter mit der Pflegerin erschien. Er hatte das Haus offen gefunden, war die Treppe heraufgekommen und fand nun den Mann, wie er sein totes Weib umschlungen hielt, und so sehr drückte ihn der Kummer nieder, daß er einige Stunden später seinen Geist aufgab, ohne irgend ein Zeichen der Ansteckung zu zeigen. So war er wirklich an gebrochenem Herzen gestorben.
Von andern habe ich gehört, die der Kummer über den Tod ihrer Angehörigen blödsinnig machte. Einer insbesondere wurde von seinem Trübsinn so völlig überwältigt, daß nach und nach sein Kopf förmlich zwischen die Schultern hineinsank. Er verlor allmählich Stimme und Empfindung, das Gesicht lehnte sich gegen das Schlüsselbein und konnte nur mit Gewalt aufgerichtet werden. Der arme Teufel kam nie mehr wieder zu sich, sondern blieb fast ein Jahr in diesem Zustande, ehe er starb. Niemals schlug er die Augen auf oder richtete seinen Blick auf einen der ihn umgebenden Gegenstände. --
Ich spreche jetzt von der Zeit, als die Pest im östlichsten Teile der Stadt wütete. Die Leute dort hatten gehofft, daß sie verschont bleiben würden, und waren nun entsetzt, als die Seuche wie ein geharnischter Mann auf sie eindrang. Dabei fallen mir wieder die drei Gesellen von Wapping ein, der Bäcker, Zimmermann und Segelmacher, von denen ich schon erzählt habe. Als sie sahen, daß sie nirgends mehr Arbeit bekommen könnten, entschlossen sie sich, sich vor der Seuche davon zu machen, und da sie haushälterisch angelegt waren, wollten sie versuchen, solange als möglich von ihren Ersparnissen zu leben und dann zusehen, wie sie weiterkämen. Aber zuerst wurde noch viel hin und her geredet wegen der Ausrüstung und der Straße, die sie einschlagen wollten. Besonders waren sie wegen eines Unterkommens zur Nachtzeit besorgt, aber dabei hatte der Bäcker, der, wie man sich erinnern wird, früher Soldat gewesen war, einen guten Einfall, indem er vorschlug, der Segelmacher solle ihnen ein kleines Zelt verfertigen. Der einzige Einwand, der dagegen gemacht wurde, war der, daß es zu schwer zum Tragen wäre, da sie ja schon alles mögliche mitzuschleppen hatten und das Wetter recht heiß war, denn es war um Mitte Juli. Aber auch in dieser Sache kam ihnen das Glück zu Hilfe. Der Meister, bei dem der Segelmacher gearbeitet hatte, besaß ein kleines elendes Pferd, und da er den drei ehrlichen Gesellen wohl wollte, überließ er es ihnen, zusammen mit einem alten Topbesansegel, das zwar nicht mehr viel wert, aber zu einem Zelt noch recht gut zu gebrauchen war. Nach den Anweisungen des gewesenen Soldaten war es bald fertig, und so konnte also die Reise angetreten werden. Ihre Ausrüstung bestand aus dem Zelt, dem Pferde, einer Flinte, da der Bäcker sich seines früheren Standes erinnerte und nicht ohne Waffe ausziehen wollte, einem kleinen Sack mit Werkzeugen für den Zimmermann und ein wenig Geld, das in eine gemeinsame Kasse zusammengelegt wurde.
Da der Wind bei ihrem Ausmarsch aus Nordwesten blies, so entschlossen sie sich, in dieser Himmelsrichtung vorzugehen. Dabei gab’s gleich die erste Schwierigkeit, weil sie stark verseuchte Stadtteile hätten berühren müssen. Sie machten daher einen weiten Umweg und erreichten die Landstraße gerade bei Bow. Die Wache auf der Bowbrücke hätte sie nicht durchgelassen, so waren sie gezwungen, einen schmalen Nebenweg einzuschlagen, auf dem sie bis Oldford kamen. Auf allen Straßen standen Konstabler, nicht so sehr, um die Leute anzuhalten, als um dafür zu sorgen, daß sie sich nicht in den Orten, die sie zu bewachen hatten, niederließen. Außerdem war auf dem Lande das Gerücht verbreitet, daß die Bevölkerung Londons, aus Verzweiflung über den Mangel an Arbeit und an Lebensmitteln, sich bewaffnet hätte und ausziehen wollte, um die Orte in der Umgegend mit Gewalt zu plündern.
In Oldford wurden die drei Wanderer nur ausgefragt, und da sie eher vom Lande als aus der Stadt zu kommen schienen, benahmen sich die Leute ganz freundlich gegen sie, ja führten sie sogar in ein Wirtshaus und setzten ihnen zu essen und zu trinken vor. Dabei hatten die Drei den guten Gedanken, von jetzt ab nie zu sagen, sie kämen von London, sondern aus Essex. Um diesen kleinen Betrug wahrscheinlicher zu machen, bewogen sie den Konstabler, ihnen ein Zeugnis auszustellen, daß sie von Essex kämen und nichts mit London zu tun hätten, was übrigens ja auch dem Buchstaben nach wahr war, da Wapping nicht mehr zu London gehörte.
Diese Bescheinigung war ihnen von großem Nutzen. Mit ihrer Hilfe wurden sie nicht nur in Hackney durchgelassen, sondern erhielten auch vom dortigen Friedensrichter ohne viel Schwierigkeit ein richtiges Gesundheitsattest. So hatten sie denn bald Hackney hinter sich und wanderten weiter, bis sie bei Stamfordhill auf die große Heerstraße gelangten.
Mittlerweile waren sie rechtschaffen müde geworden und beschlossen, ein wenig abseits von der Straße ihr Zelt aufzuschlagen. Dies taten sie denn auch, und zwar mit dem Eingange gegen einen Heuschober, den sie zuerst gehörig durchsuchten, ob niemand dort versteckt wäre. Dort legten sie sich schlafen, aber dem Zimmermann gefiel es nicht, daß sie so gleichsam schutzlos die Nacht zubringen sollten, er nahm die Flinte und ging als Wache vor dem Heuschober auf und ab. Bald hörte er das Geräusch von Stimmen, die lauter und lauter wurden, bis auch der Bäcker aus dem Zelt gekrochen kam. Die Leute gingen gerade auf den Heuschober zu, bis ihnen der Bäcker ein martialisches »Wer da?« zurief. Auf das hin hielten sie an und besprachen sich untereinander, woraus hervorging, daß sie alle zusammen 13 waren, darunter auch einige Frauen. Außerdem erfuhren unsere Freunde auf diese Weise, daß sie gleich ihnen auf der Flucht vor der Seuche waren und eine große Angst verrieten, von ihnen angesteckt zu werden, was wohl bewies, daß sie selbst gesund waren. Auf dies hin sagte der Bäcker zum Zimmermann, man solle die Leute doch herrufen, und nach längerem Hin- und Herreden kamen sie auch herbei und krochen in den Heustadel, der bis oben voll Heu war, so daß sie sich’s ganz bequem machen konnten. Ehe sie sich schlafen legten, hörte man sie noch beten und den Schutz Gottes auf sich herabrufen.
Als der Tag angebrochen war, machten sie sich näher miteinander bekannt und erfuhren, daß die Leute auch aus London kamen und den Plan hatten, über den Fluß und durch die Sümpfe in den Wald von Epping zu wandern, wo sie hofften, sich länger aufhalten zu können. Sie hatten genug Vorräte für 2 oder 3 Monate bei sich, und dann, meinten sie, würde bei Eintritt kalter Witterung wohl die Seuche erlöschen, wenn auch vielleicht nur deshalb, weil kein Lebender mehr in der Stadt zurückgeblieben wäre.
Die Absichten unserer drei Freunde waren eigentlich nach einer anderen Richtung gegangen, aber nun entschlossen sie sich doch, mit den anderen gemeinsame Sache zu machen und ihnen nach Essex zu folgen. So wurde denn das Pferd mit dem Zelt beladen und dann gemeinschaftlich der Marsch angetreten.
An der Fähre über den Fluß gab es den ersten Aufenthalt, da der Fährmann Angst vor ihnen hatte. Aber endlich verständigten sie sich aus der Entfernung, und der Fährmann willigte ein, ein Boot etwas weiter flußaufwärts zu bringen und es dort zu lassen, damit sie sich selbst übersetzen könnten. Er zeigte ihnen, wo sie das Boot drüben lassen sollten, damit er’s mit seinem anderen wieder abholen könne, was er übrigens erst nach mehr als acht Tagen getan haben soll. Der Fährmann brachte ihnen auch Lebensmittel und Getränk ins Boot, nachdem man ihm das Geld dafür zuvor hingelegt hatte. Zum Schluß machte es noch nicht geringe Schwierigkeit, das Pferd hinüberzubringen, und da die Fähre dafür zu klein war, mußte man es abpacken und über den Fluß schwimmen lassen.
Vom anderen Ufer aus marschierten sie gegen den Wald zu, aber als sie nach Walthamstow kamen, verwehrte ihnen die Bevölkerung den Zutritt, wie es jetzt überall geschah. Die Konstabler und Wächter hielten sich in einiger Entfernung und unterhandelten mit ihnen. Sie wiederholten, was sie schon das vorige Mal gesagt hatten, aber hier fanden sie keinen Glauben, da schon 2 oder 3 Gesellschaften unter denselben Vorwänden sich durch mehrere Orte durchgeschmuggelt und eine ganze Anzahl von deren Bevölkerung angesteckt hatten. Darauf war man, wenn auch gerechtermaßen, so unbarmherzig gegen sie vorgegangen, daß einige von ihnen auf freiem Felde zugrunde gegangen waren, ob an der Pest oder aus Mangel an Lebensmitteln, ließ sich nicht sagen.
Daher waren die Leute in Walthamstow sehr argwöhnisch geworden und hatten den Entschluß gefaßt, niemand mehr aufzunehmen, von dessen Gesundheitszustand sie nicht überzeugt wären.
Der Zimmermann und einer von der anderen Gesellschaft meinten, das alles wäre kein Grund, die offene Straße zu versperren und die Leute nicht durch die Stadt zu lassen. Sie wollten ja gar nichts von ihnen als die Freiheit, durch die Stadt zu ziehen. Hätten die Einwohner Angst, so könnten sie ja in ihre Häuser gehen und die Türen abschließen. Die Konstabler aber und wer sonst noch herumstand waren jedem vernünftigen Grunde unzugänglich und versteiften sich auf das, was sie schon gesagt hatten. So kehrten die beiden Unterhändler zu ihren Kameraden zurück, um mit ihnen zu beraten, was zu tun wäre. Darüber konnten sie sich nicht einig werden, bis der Bäcker und frühere Soldat sagte, sie sollten alles ihm überlassen. Er wies darauf den Zimmermann an, aus Baumzweigen etwas Flintenähnliches zu schnitzen, und nachdem sie auf diese Weise 5 oder 6 Musketen verfertigt hatten, die aus der Entfernung ganz gut für solche gehalten werden konnten, nahm er ein paar Leute mit sich und schlug das Zelt mitten auf der Straße auf, der Barrikade gerade gegenüber, die von den Stadtbewohnern errichtet worden war. Dann stellte er vor das Zelt eine Wache mit der einzig wirklichen Flinte in ihrem Besitz, der mit geschultertem Gewehr auf und ab gehen mußte, daß jeder ihn sehen konnte. Das Pferd wurde an eine Hecke neben dem Zelt gebunden und ein Feuer auf dessen anderer Seite angezündet, so daß man von der Stadt aus das Feuer und den Rauch sehen konnte, aber nicht, was die Leute dabei taten.
Die Städter beobachteten sie eine gute Weile und mußten bei all diesen Zurichtungen glauben, daß sie es mit einer ganzen großen Bande zu tun hätten. Daher machten sie sich mehr Sorge, daß sie bleiben als daß sie weggehen würden. Von dem einen Pferd und der einen Muskete schlossen sie auf viele, und als sie noch Leute mit geschulterten Gewehren auf dem Felde hin- und hergehen sahen, gerieten sie in einen mächtigen Schrecken, liefen zum Friedensrichter und fragten ihn, was man tun solle. Was ihnen jener antwortete, weiß ich nicht, aber jedenfalls kamen sie gegen Abend auf die Barrikade und riefen die Schildwache vor dem Zelt an.
Das Ergebnis der langen Unterhandlungen war endlich, daß die Flüchtlinge versprachen, einen Fußweg hinten um die Stadt herum über die Felder zu nehmen, und die Städter sich dagegen verpflichteten, sie mit reichlichen Lebensmitteln zu versorgen, unter der Bedingung, daß jene auch nicht einen Schritt gegen die Stadt von der Stelle aus hin machten, wo die Lebensmittel niedergelegt würden.
Damit war alles einverstanden, und demgemäß wurden an den vereinbarten Platz 20 große Brotlaibe und ebensogroße Fleischstücke gebracht, auch einige Gatter auf dem Nebenwege geöffnet, aber niemand hatte den Mut, den Flüchtlingen zuzusehen, und da die Nacht schon hereingebrochen war, hätte man auch nicht gewahren können, wie wenige Leute sie waren.
So zog der Soldat die ganze Gesellschaft aus der Schlinge, brachte aber dafür die ganze Grafschaft in Aufruhr. Wären sie wirklich 200 oder 300 gewesen, wie es hieß, so hätte man die Bevölkerung gegen sie aufgeboten und sie ins Gefängnis geworfen oder auch totgeschlagen.
Das merkten sie bald, denn zwei Tage später trafen sie auf mehrere Haufen Reiter und Fußvolk, die »drei Kompanien mit Musketen bewaffneter Leute« verfolgen sollten, die von London kamen und mit der Pest verseucht waren, und nicht nur diese verbreiteten, sondern auch überall plünderten.
Nun erkannten sie die Folgen ihrer Handlungsweise und die Gefahr, in der sie sich befanden. Sie beschlossen daher, auf den Rat des früheren Soldaten, sich wieder zu trennen. Die drei wandten sich gegen Waltham, die andern in zwei Teilen nach dem Walde von Epping zu.
Die erste Nacht brachten sie alle im Walde zu, nicht weit voneinander, vermieden es aber, das Zelt aufzuschlagen aus Angst, daß sie dadurch verraten werden könnten. Dagegen machte sich der Zimmermann mit Axt und Beil an die Arbeit und schlug so viele Baumzweige herab, daß sie daraus drei hüttenartige Unterschlupfe machen konnten, in denen sich ganz gut übernachten ließ. Lebensmittel hatten sie auch genug, und die Sorge für den nächsten Tag überließen sie der Vorsehung. Die Ratschläge des alten Soldaten hatten ihnen so gut gefallen, daß sie ihn nun freiwillig zu ihrem Führer erwählten. Er zeigte auch gleich, daß sie damit das Richtige getroffen hatten. Er meinte nämlich, daß sie nun weit genug von London wären, und daß sie die gleiche Sorge tragen müßten, nicht angesteckt zu werden, als niemanden anzustecken. Gewaltsam wollten sie nicht vorgehen, und daher müßten sie sich den getroffenen Maßregeln anbequemen. Damit waren sie alle einverstanden und setzten am nächsten Tage ihren Marsch gegen Epping zu fort. Auch der Kapitän, wie er jetzt genannt wurde, und seine beiden Gefährten hatten sich wieder an die anderen angeschlossen.
Als sie in die Nähe von Epping kamen, machten sie halt und suchten sich einen Platz im offenen Walde, nicht zu nah, aber auch nicht zu weit von der Straße in einem kleinen Gebüsch. Hier schlugen sie ihr Lager auf, das aus drei großen runden Hütten bestand, die der Zimmermann mit Hilfe der andern aus Zweigen aufbaute, die er an den Enden zusammenband. Die Seitenwände wurden mit Blättern und Moos verstopft, so daß sie vollständig dicht und warm hielten. Außerdem hatten sie das kleine Zelt, das den Frauen überlassen wurde, und eine kleine Hütte für das Pferd.
Am nächsten Tage war zufällig Markttag in Epping, wohin der Kapitän mit einem Begleiter sich aufmachte, um einige nötige Lebensmittel einzukaufen, nämlich Brot und etwas Fleisch. Zwei der Frauen gingen für sich, als ob sie gar nicht zu der Gesellschaft gehörten, und kauften noch mehr. Mittlerweile verfertigte der Zimmermann einen Tisch und einige Bänke und Stühle, so gut es eben gehen wollte.
Zwei oder drei Tage lang wurde ihre Anwesenheit nicht bemerkt, dann aber zogen die Leute haufenweise aus der Stadt, um sie anzusehen, und die ganze Gegend geriet ihretwegen in Aufregung. Anfangs hatte man Angst, ihnen nahezukommen, und die Flüchtlinge selbst waren froh, wenn dies nicht geschah, denn das Gerücht ging, daß die Pest auch in Waltham ausgebrochen sei und bereits auf Epping übergegriffen habe. Daher bat sie der Kapitän, nicht in ihre Nähe zu kommen, da sie alle völlig gesund wären und weder von ihnen angesteckt werden noch auch hören möchten, daß sie die Seuche zu ihnen gebracht hätten.