Die Pest zu London

Part 7

Chapter 73,780 wordsPublic domain

Ich kann nicht sagen, daß meine Rede einen großen Eindruck auf sie machte. Später kamen noch zwei Männer aus der Nachbarschaft, die von dem Vorfall gehört hatten und einige der Frauen kannten. Sie konnten mir ihre Namen und Wohnungen angeben; es scheint aber nicht, daß die Frauen mich vorher, als ich diese niederschrieb, angeschwindelt hatten. Bei diesen beiden Männern fällt mir etwas Merkwürdiges ein. Der eine hieß John Hayward und war seines Zeichens zweiter Küster im Kirchspiel von St. Stephan, wobei unter »zweiter Küster« damals der Totengräber und Leichenträger verstanden wurde. Er half bei der Beerdigung sämtlicher Leichen in diesem großen Kirchspiel, und als das förmliche Beerdigen aufhörte, begleitete er den Leichenkarren und holte die Toten aus den Häusern und Wohnungen. Oft konnte er mit dem Karren nicht bis ans Haus kommen, denn in der ganzen Gegend gab es und gibt es jetzt noch von ganz London die meisten Durchgänge, wo kein Karren Platz fand und man die Leichen oft eine lange Strecke weit tragen mußte. Oft gebrauchte man auch eine Art von Schubkarren, auf den man die Toten legte und bis zum Karren hinfuhr. All das machte der Mann, und bekam doch niemals die Pest, sondern lebte nach ihrem Erlöschen noch gut 20 Jahre, blieb auch bis zu seinem Tode im Amte. Sein Weib war zur gleichen Zeit Pflegerin, bekannt wegen ihrer Ehrlichkeit, und auch sie wurde nicht angesteckt. Er selbst benutzte niemals ein Gegenmittel gegen die Seuche, als daß er Knoblauch und Raute im Munde hatte und viel rauchte. Sein Weib pflegte sich den Kopf mit Essig zu waschen und ihre Haube beständig mit Essig anzufeuchten. Wurde der Gestank der Kranken zu stark, so schnupfte sie mit der Nase Essig auf und hielt ein ebenso getränktes Taschentuch vor den Mund. --

Man muß zugeben, daß die Armen, unter denen die Seuche am meisten wütete, sich auch am wenigsten darum scherten, und ihren Geschäften mit einer Art von rohem Mut nachgingen. Ich kann ihn nicht anders nennen, denn er stützte sich weder auf Vernunft noch Frömmigkeit. Selten, daß sie irgendeine Vorsicht beobachteten. Wenn sie nur Beschäftigung fanden, ganz gleich, ob sie gefährlich war, ob nicht. Zu den ersteren gehörte die Pflege der Kranken, die Bewachung der verseuchten Häuser, das Wegschaffen von Kranken nach dem Pesthause und das allerschlimmste, das Wegführen der Leichen in die Massengräber.

Es war im Beisein jenes John Hayward, daß die Geschichte mit dem Sackpfeifer passierte, die den Leuten so viel Vergnügen machte. Er versicherte mir, daß sie wahr wäre. Es hieß, er wäre blind gewesen, aber John sagte mir, daß das nicht der Fall war, nur wäre er ein elender, jämmerlicher, armer Teufel gewesen. Nachts gegen zehn Uhr trat er gewöhnlich seine Runde an und wanderte mit seiner Sackpfeife von Tür zu Tür. Die Leute zogen ihn dann in die Wirtshäuser herein, wo er bekannt war, und gaben ihm zu essen und zu trinken und manchmal auch Geld, wofür er dann sang, die Sackpfeife spielte und komische Reden hielt, die seine Zuhörer belustigten. So lebte er, aber damals freilich waren schlechte Zeiten für solche Unterhaltungen. Nichtsdestoweniger trieb’s der Bursche weiter, wie er’s gewohnt war, ging aber dabei fast zugrunde. Fragte ihn jemand, wie’s ihm ginge, so pflegte er zu antworten: noch hätte ihn der Leichenkarren nicht geholt, aber für die nächste Woche wär’s ihm versprochen.

Eines Nachts hatte er mehr als gewöhnlich zu essen bekommen, und da er daran nicht mehr gewöhnt war, legte er sich auf das Dach einer Bude und schlief fest ein. Auf dasselbe Dach legte man nun, als durch die Glocke das Nahen des Leichenkarrens sich anzeigte, einen Toten, der eben an der Pest gestorben war, weil die Leute wohl meinten, da läge so schon einer.

Als nun John Hayward mit seinem Karren daherkam und zwei Tote auf dem Dach der Bude liegen sah, zog er sie mit dem Hacken, der dazu gebraucht wurde, herab und warf sie auf den Karren, was den Sackpfeifer in seinem Schlaf nicht störte. Dann ging’s weiter, und sie luden, wie mir John erzählte, so viele Leichen auf, daß sie den guten Sackpfeifer fast lebendig begruben. Er aber schlief immer weiter. Endlich gelangten sie zu dem Ort, wo die Leichen begraben werden sollten, wenn ich mich recht erinnere, bei Mountmill. Als nun der Karren hielt und die Leute sich fertig machten, ihre Ladung in die Grube zu werfen, erwachte der Bursche, machte mit einiger Anstrengung seinen Kopf unter den Leichen frei, stemmte sich auf und rief: »Hoho, wo bin ich denn?« Der eine von den Leuten entsetzte sich darüber nicht schlecht, John aber faßte sich schnell und sagte: »Beim Himmel, da ist einer auf dem Karren, der noch nicht ganz tot ist.« Darauf fragte der andere: »Wer bist du?« -- »Ich bin der arme Sackpfeifer,« antwortete der Bursche, »aber wo bin ich denn?« -- »Wo du bist!« meinte John Hayward, »nun, du bist auf dem Leichenkarren und sollst jetzt begraben werden.« -- »Ja, bin ich denn tot?« fragte er, worauf sie nun doch lachen mußten, obwohl sie zuerst nicht wenig erschrocken waren. Dann halfen sie dem Burschen herab, und er machte sich davon.

Ich weiß, die Geschichte wird so erzählt, daß er auf dem Karren zu spielen anfing, und die Träger dadurch dermaßen in Schrecken setzte, daß sie davon liefen, aber davon wußte John Hayward nichts. Er erzählte die Sache genau so, wie ich sie wiedergegeben habe. --

Von dem Augenblick an, als man sah, daß die Seuche sich über die ganze Stadt verbreiten würde, und jeder floh, der es nur irgend möglich machen konnte, stockte aller Handel vollständig, bis auf die Geschäfte, die zur unmittelbaren Erhaltung des Lebens notwendig waren.

Das war eine so ernsthafte Sache, die die Lage der Bevölkerung aufs Schwerste in Mitleidenschaft zog, daß ich ins einzelne gehen muß. Ich will in folgendem die verschiedenen Volksklassen zusammenfassen, die dadurch sofort in verzweifelte Umstände gerieten.

Es wurden arbeitslos:

1. Alle Werkmeister in den Fabriken, besonders jenen, die Putz, Modeartikel, Kleider und Möbel herstellten; die Band- und Bortenwirker, die Verfertiger von Gold- und Silberspitzen, die Gold- und Silberdrahtzieher, die Näherinnen, Putzmacherinnen, Schuhmacher, Hut- und Handschuhmacher, dann die Tapezierer, Kunsttischler, Spiegelglaser und zahllose Arbeiter, die von ihnen abhingen. Die Werkmeister hörten auf und entließen alle ihre Arbeiter und Hilfsarbeiter.

2. Da der Handel gänzlich aufgehört hatte (denn nur wenige Schiffe wagten sich noch flußaufwärts, und hinaus ging gar keines), wurden mit einem Male alle überzähligen Zollbeamten, die Bootführer, Fuhrleute, Träger und alle die sonst mit dem Handel zu tun hatten, entlassen und arbeitslos.

3. Alle Bauarbeiter hatten nichts mehr zu tun, denn niemand hatte Lust, sich ein Haus zu bauen, zu einer Zeit, da Tausende leer standen, so daß dadurch alle Maurer, Ziegelträger, Schreiner, Zimmerleute, Stukkateure, Zimmermaler, Glaser, Schlosser und Dachdecker überflüssig wurden.

4. Da es keine Schiffahrt mehr gab, waren alle Seeleute ohne Beschäftigung und mit ihnen alle jene, die mit dem Bau und der Schiffsausrüstung zu tun hatten, die Schiffszimmerleute, Kalfaterer, Tau- und Segelmacher, Ankerschmiede, Figurenschnitzer, Kanonengießer, Lichtzieher u. a. m. Ihre Werkmeister konnten vielleicht von ihren Ersparnissen leben, aber der Handel lag so gänzlich darnieder, daß alle Arbeiter entlassen werden mußten. Dazu kam, daß auch der Bootsverkehr auf dem Flusse aufgehört hatte, und damit auch die Bootführer, Leichterführer, Bootbauer und was sonst noch damit zusammenhängt, arbeitslos geworden waren.

5. Alle schränkten sich soviel als möglich ein, sowohl die Geflohenen als jene, die in der Stadt geblieben waren, so daß eine Unmenge Dienstpersonal, Tagelöhner, Buchhalter und besonders Dienstmädchen entlassen wurden und ohne Hilfe auf der Straße lagen -- und das war wirklich eine schlimme Sache.

Ich könnte noch ausführlicher werden, aber es mag genügen, im allgemeinen festzustellen, daß jedes Geschäft aufhörte und damit den Armen die Arbeit und alle Möglichkeit, ihr Brot zu verdienen, abgeschnitten war. Im Anfang war denn auch ihre Lage schrecklich, bis die Wohltätigkeit sie ein wenig milderte. Viele flohen gleich hinaus aufs Land, die meisten aber blieben in London, bis der äußerste Mangel sie wegtrieb. Aber der Tod folgte ihnen auf ihrem Wege, und wirklich konnten sie als Boten des Todes gelten, denn sie trugen die Ansteckung hinaus und verbreiteten sie bis in die entferntesten Orte des Reiches.

Von den entlassenen Dienstmädchen dagegen kamen viele als Pflegerinnen unter.

In gewisser Weise muß man, so traurig es klingt, es als eine Erlösung bezeichnen, daß die Pest in der schlimmsten Zeit 30--40000 dieser armen, arbeitslosen Leute hinwegraffte, die sonst eine unerträgliche Last bedeutet hätten. Die ganze Stadt hätte sie weder erhalten noch mit Nahrung versorgen können, und so wären sie dazu gezwungen worden, in der Stadt selbst oder der Umgegend zu plündern, um sich durchzubringen, was früher oder später das reinste Chaos herbeigeführt hätte. Die meisten starben im August und September, in welchen beiden Monaten die Sterberegister fast 50000 Opfer verzeichneten. Genau waren diese Register freilich nicht, soviel ich glaube, und es konnte auch nicht wohl anders sein bei der allgemeinen Verwirrung. Die Leichenkarren arbeiteten doch nur bei Nacht, und in einigen Kirchspielen wurden die Toten überhaupt nicht eingetragen, da Küster und Schreiber wochenlang fehlten.

Wenn ich sage, daß die Kirchspielbeamten in ihren Angaben nicht zuverlässig waren, so muß man anderseits berücksichtigen, daß das auch in einer solchen Zeit kaum möglich gewesen wäre. Viele von ihnen erkrankten selbst und starben vielleicht zur gleichen Stunde, als sie ihre Listen fertig hatten. In Stepney allein wurden während des Jahres 116 Küster, Totengräber, Leichenwagenkutscher und Träger von der Seuche hinweggerafft.

Die Arbeit, die sie auszuführen hatten, erlaubte ihnen auch wirklich nicht, genaue Listen von den Toten aufzunehmen, die in der Nacht alle durcheinander in die Gruben hineingeworfen wurden, denen niemand ohne die äußerste Gefahr nahe kommen konnte. In Aldgate, Cripplegate, Whitechapel und Stepney gaben die wöchentlichen Listen 5, 6, 7 und 800 Tote an, während nach meiner Überzeugung und der meiner Mitbürger manchmal an 2000 in der Woche in diesen Kirchspielen starben. Von einem, der es wissen mochte und mich unter der Hand Einsicht in seine Aufzeichnungen nehmen ließ, erfuhr ich, daß er die Anzahl, der in einem Jahre an der Seuche Verstorbenen, auf 100000 berechnete, während die offiziellen Totenregister sie nur mit 68590 angaben.

Und nach dem, was ich mit eigenen Augen sah und von anderen hörte, die auch Augenzeugen waren, glaube ich auch, daß 100000 nicht zu hoch gegriffen war, außer denen, die auf den Landstraßen, auf freiem Feld oder in verborgenen Schlupfwinkeln zugrunde gingen. Es war allgemein bekannt, daß eine Menge armer verseuchter Geschöpfe, die schon halb blödsinnig durch ihr Elend geworden waren, aufs freie Feld oder in die Wälder wanderte, um hinter einem Busch oder einer Hecke das Ende zu erwarten.

Die Bewohner der anliegenden Dörfer brachten ihnen aus Mitleid Nahrung, die sie in einiger Entfernung hinstellten, damit jene sie holen konnten, wenn sie dazu noch imstande waren, was oft genug nicht der Fall war. Kamen sie dann das nächste Mal, so fanden sie den armen Teufel tot und die Nahrung unberührt. Ich weiß von vielen, die auf diese Weise zugrunde gingen, und könnte die Stellen so genau bezeichnen, daß ich mich anheischig machen wollte, ihre Gebeine dort auszugraben. Die Bauern gruben nämlich etwas entfernt davon ein Loch und zogen mittels langer Stangen, an denen ein Hacken befestigt war, die Leichen hinein, worauf sie von weit her, so gut es gehen wollte, Erde darauf warfen. Dabei beobachteten sie genau, woher der Wind kam, um nicht durch den Geruch angesteckt zu werden. Viele, viele Leute verließen so die Welt, ohne daß es jemals bekannt wurde.

Ich weiß das hauptsächlich vom Hörensagen, denn ich selbst kam selten soweit hinaus, außer nach Bethnalgreen und Hackney. Geschah es aber einmal, so sah ich immer aus der Entfernung eine Menge dieser armen Leute. Näheres konnte ich freilich nicht über sie in Erfahrung bringen, denn ob in der Stadt oder draußen wich man stets jedem aus, den man herankommen sah.

Und da ich gerade vom Ausgehen spreche, muß ich doch erwähnen, was für ein gottverlassener Ort die Stadt in jener Zeit war. Die Straße, in der ich wohnte, ist eine der breitesten in den Vorstädten, aber die ganze Seite, wo die Fleischer wohnten, besonders außerhalb der Schlagbäume, glich eher einer grünen Wiese als einer gepflasterten Straße. Es ist richtig, daß sie am äußersten Ende, gegen Whitechapel zu, nicht gepflastert war, aber auch auf dem gepflasterten Teile wuchs das Gras ganz dicht. Das darf nicht weiter wundernehmen, wenn man hört, daß auch in den großen Straßen in der inneren Stadt, wie der Leadenhall und Bishopsgate-Straße, in Cornhill und sogar vor der Börse große Grasflecken waren. Kein Wagen, keine Kutsche war von morgens bis abends auf den Straßen zu sehen, höchstens einige Bauernkarren, die Bohnen, Erbsen, Heu und Stroh auf den Markt brachten. Aber auch diese waren sehr spärlich. Droschken wurden nur gebraucht, um Kranke ins Pesthaus zu schaffen oder von Ärzten bei ihren Krankenbesuchen. Denn diese Droschken waren unheimliche Dinger, und die Leute hatten wenig Lust, sie zu benutzen, weil man nie wußte, wer zuvor damit befördert worden war. Wie gesagt: man brachte damit die Kranken ins Pesthaus und andere Krankenhäuser, und manchmal kam’s vor, daß sie während der Fahrt darin starben.

Solange die Seuche am ärgsten wütete, ließen sich nur sehr wenige Ärzte zu Krankenbesuchen bereitfinden. Die berühmtesten waren tot, wie auch viele von den Wundärzten, denn durch einen ganzen Monat starben täglich 15--1700 -- Tag aus Tag ein.

Zu dieser Zeit war die Arbeit, die Leichen auf Karren wegzuschaffen, so widerwärtig und gefährlich geworden, daß Klagen ergingen, die Träger gäben sich keine Mühe mehr, sie aus den Häusern zu bringen, die ganz ausgestorben waren, sondern ließen die Leichen darin liegen, daß die Nachbarn es vor Gestank nicht mehr aushalten konnten und angesteckt wurden. Diese Pflichtvergessenheit nahm so zu, daß die Kirchenvorsteher und Polizisten beauftragt wurden, der Sache nachzugehen. Selbst die Friedensrichter mußten sich dazu herbeilassen, den Leuten Mut zuzusprechen, denn zahllose Träger starben an der Ansteckung durch die Leichen, und wäre nicht die Anzahl jener, die Arbeit und Brot um jeden Preis suchten, so groß gewesen, würde man kaum noch jemand zu solcher Arbeit gefunden haben, und die Leichen wären überall halb verfault herumgelegen.

Man kann den Behörden nicht genug Dank wissen, für die Art und Weise, wie sie sich des Beerdigungswesens annahmen. Sobald einer der Leichenträger der Seuche erlegen war, füllten sie seinen Platz sogleich mit einem anderen aus, was, wie gesagt, bei der Masse der Arbeitslosen nicht allzu schwer war, so daß man alles in allem niemals sagen konnte, die Lebenden wären nicht imstande gewesen, ihre Toten zu begraben.

Je weiter die Seuche fortschritt, desto mehr nahm auch die Verwirrung der Bevölkerung zu. Was die einen in ihrem Fieberwahn, andere in der Qual der Krankheit alles taten, ist nicht zu sagen. Einige trieben sich schreiend und weinend mit gerungenen Händen in den Straßen umher, andere betend mit zum Himmel erhobenen Händen, um Gottes Barmherzigkeit anzuflehen. Ich glaube, daß man sich noch des berüchtigten Salomon Eagle erinnert, der, zwar nur im Kopfe angesteckt, manchmal völlig nackt, eine Pfanne mit glühenden Kohlen auf dem Kopfe, durch die Straßen rannte und der Stadt das Gericht des Herrn verkündete.

Ich will ja nicht entscheiden, ob dieser Geistliche wirklich verrückt war oder nicht, und alles nur aus Mitleid mit den armen Leuten tat, die jeden Abend durch Whitechapel zogen und mit aufgehobenen Händen immer wieder flehten: »Verschone uns, lieber Gott, verschone dein Volk, das du durch dein heiliges Blut erlöst hat.« Ich kann nicht gut über all diese Dinge sprechen, weil ich sie nur aus meinem Fenster sah, denn ich öffnete selten die Läden, solange die Pest am ärgsten wütete, und viele glaubten, daß kein einziger übrigbleiben würde. Ich selbst glaubte das auch und hielt mich über zwei Wochen im Hause. Aber dann konnte ich nicht mehr. Übrigens gab es immer Leute, die trotz aller Gefahr den Gottesdienst nicht versäumten, sogar in der ärgsten Zeit. Freilich hatten manche Pfarrer ihre Kirchen geschlossen und waren geflohen wie die anderen Leute auch, aber doch nicht alle. Einige übten ihr Amt aus und hielten Gebetsversammlungen ab mit kurzen Predigten oder Ermahnungen zur Buße und Besserung, solange man sie nur hören wollte. Die Dissenters machten es gerade so, auch in den Kirchen, deren Pfarrer tot oder geflüchtet waren, und es war auch wirklich keine Zeit für Religionsstreitigkeiten.

Die Gnade Gottes hatte mich bisher noch immer verschont, und ich fühlte mich völlig wohl, nur machte mich der lange Aufenthalt zu Hause in der geschlossenen Luft allmählich ungeduldig. Endlich hielt ich’s nicht mehr aus und machte mich auf, einen Brief an meinen Bruder auf die Post zu tragen. Auf der Straße war kaum ein Laut zu hören. Als ich zur Post kam, sah ich einen Mann in einem Winkel des Hofes stehen und zu einem Fenster hinauf mit einem zweiten sprechen. Ein dritter stand an der offenen Tür des Amtsraumes. In der Mitte des Hofes lag ein kleiner Geldbeutel aus Leder, der Geld zu enthalten schien und an dem zwei Schlüssel hingen. Aber keiner wollte ihn anrühren. Ich fragte, wie lange er schon dort gelegen habe, und der Mann sagte mir aus dem Fenster, vielleicht eine Stunde, aber sie hätten sich nicht drum gekümmert, weil sie dachten, die Person, die ihn verloren habe, würde wieder zurückkommen. Ich war gerade beim Weggehen, als der Mann an der Tür meinte, er würde den Beutel doch aufheben, aber nur, um ihn dem rechtmäßigen Besitzer wieder zurückzugeben, falls er kommen sollte. Er holte also einen Eimer voll Wasser und stellte ihn neben den Beutel, dann warf er einen Haufen Schießpulver auf den Beutel und streute es in einer Linie noch etwa zwei Ellen weit, holte darauf eine rotglühende Feuerzange, die er offenbar schon vorbereitet hatte, und setzte das Pulver am äußersten Ende in Brand, um den Beutel und die Luft zu reinigen. Aber auch damit war er noch nicht zufrieden, sondern nahm den Beutel mit der Feuerzange auf, bis sie sich durch das Leder gefressen hatte, schüttelte das Geld ins Wasser aus und trug es erst dann mit dem Eimer hinein. Es waren, soweit ich mich erinnere, 13 Schillinge und einige Kupferpfennige und Heller.

Ungefähr um dieselbe Zeit machte ich einen Spaziergang über die Felder gegen Bow, denn ich war sehr neugierig zu erfahren, wie die Sachen auf dem Flusse und bei den Schiffen standen, und dachte, es wäre eigentlich das beste Mittel, sich vor der Seuche in Sicherheit zu bringen, sich auf einem Schiffe einzuquartieren. Unter solchen Gedanken war ich vom Wege etwas abgekommen und fand mich plötzlich an den Landungstreppen bei Blackwell. Hier traf ich einen armen Teufel, der ganz allein auf der Flußmauer auf und ab ging. Ich ließ mich mit ihm in ein Gespräch ein und erfuhr, daß seine Familie nicht weit entfernt lebte. Eins von seinen Kindern war bereits an der Pest gestorben, die Frau und eins der beiden anderen Kinder war krank, und er erhielt sie als Bootsführer, indem er jeden Abend, was er verdient hatte, auf einen Stein in der Nähe der Wohnung niederlegte. Das Boot diente ihm nicht nur als Mittel, den Lebensunterhalt für sich und die Seinen zu gewinnen, sondern zugleich als Schlafstätte während der Nacht.

Ich fragte ihn dann weiter, wie er denn in der jetzigen Zeit zu Gelde käme, da doch niemand ein Boot brauche. »Doch Herr,« antwortete er, »ich kann mich schon nützlich machen. Seht Ihr dort, unterhalb der Stadt, die fünf Schiffe vor Anker liegen und dort oben weitere acht oder zehn? Sie alle haben Familien an Bord, von den Reedern und Besitzern, die sich dort aus Angst vor der Ansteckung hingeflüchtet haben. Ich besorge für sie, was sie brauchen, ihre Briefe, und was sonst nötig ist, damit sie nicht an Land kommen müssen. Nachts mache ich mein Boot dann an einem von ihren Schiffsbooten fest und übernachte darin, und Gott sei Dank, bin ich bis jetzt verschont geblieben.«

»Ja, läßt man Euch denn an Bord,« fragte ich, »wenn Ihr aus diesem so schrecklich verseuchten Orte kommt?«

»An Bord komme ich auch nur selten,« sagte er, »sondern lasse, was ich gebracht habe, in ihrem Beiboot oder sie ziehen es auch hinauf. Übrigens wäre ich auch dann wohl keine Gefahr für sie, denn ich gehe niemals in ein Haus, nicht einmal mein eigenes, noch komme ich jemand in die Nähe, außer um Lebensmittel einzukaufen.«

»Um so schlimmer,« warf ich ein, »denn Ihr müßt doch die Lebensmittel von irgend jemand haben, und da dieser ganze Stadtteil aufs ärgste verseucht ist, ist es schon gefährlich, nur mit jemand zu sprechen, und auch dieses Dorf ist viel zu nah an London, um sicher zu sein.«

»Wohl wahr,« meinte er, »aber Ihr versteht mich nicht recht. Hier kaufe ich nichts ein, sondern ich rudere nach Greenwich hinauf, um frisches Fleisch zu kaufen, und manchmal auch bis nach Woolwich hinab. Dann gehe ich in einzelne Bauernhöfe auf der Kentischen Seite, wo ich bekannt bin, und kaufe Geflügel, Eier und Butter und bringe sie zu den Schiffen, welche mir gerade den Auftrag geben. Hierher komme ich nur selten, um von meinem Weib zu hören, wie es allen geht, und ihnen das Wenige zu bringen, das ich in der vorigen Nacht verdient habe.«

»Armer Kerl,« sagte ich, »und wieviel habt Ihr diesmal bekommen?«

»Vier Schillinge, was heutzutage für einen armen Teufel schon etwas heißen will. Und außerdem haben sie mir noch einen Sack Brot, einen gesalzenen Fisch und etwas Fleisch mitgegeben, das kommt auch noch dazu.«

Während wir noch weiter uns unterhielten, öffnete sich die Türe seiner Hütte, die Frau kam heraus und rief: »Robert, Robert!« Er bat sie, einen Augenblick zu warten, lief die Treppe hinunter und kam wieder mit einem Sack, der die Lebensmittel enthielt. Dann ging er zu dem großen Stein, den er mir gezeigt hatte, leerte den Sack aus und zog sich wieder zurück. Als darauf die Frau hinging, einen kleinen Buben an der Hand, um alles zu holen, erklärte er ihr, von wem jedes einzelne Stück herstamme, rief den Schutz des Himmels auf sie herab und ging dann weg.

Ich fragte ihn dann, wie es käme, daß die Leute auf den Schiffen sich nicht mit genügenden Vorräten alles Nötigen versehen hätten? Er sagte, einige hätten das schon getan, andere aber hätten sich erst später an Bord geflüchtet, als es schon zu gefährlich war, in den Läden herumzukaufen. Er selbst bediene zwei Schiffe, auf denen sie fast nichts hatten als Schiffszwieback und schlechtes Bier, alles sonst müsse er besorgen. Ich fragte ihn darauf, ob es noch mehr Schiffe gäbe, die sich so abgeschlossen hielten? »Gewiß,« sagte er, »den ganzen Weg von einem Punkt gegenüber Greenwich bis Limehouse und Redriff ist der ganze Fluß voll, wo immer es Raum genug für zwei Schiffe gibt, nebeneinander zu liegen. Manche haben mehrere Familien an Bord.« Darauf wollte ich noch wissen, ob niemals die Seuche hingekommen wäre? Er meinte, er hätte nichts davon gehört, außer auf zwei oder drei Schiffen, die aus Nachlässigkeit die Seeleute an Land hätten gehen lassen.