Die Pest zu London

Part 6

Chapter 63,608 wordsPublic domain

Auf diese Weise wurden in vielen Fällen ganze Familien gerettet, die, wenn sie mit dem Kranken abgesperrt worden wären, unvermeidlich zugrunde gegangen wären. Andererseits war das ein anderer Nachteil der Häuserabsperrung. Denn die Angst, eingeschlossen zu werden, ließ viele mit ihren Familien fliehen, die, wennschon es noch nicht offen zutage trat und sie auch noch leidlich sich wohl fühlten, doch die Ansteckung schon im Leibe trugen. Da sie nun völlig frei waren, herumzugehen wo sie wollten, dabei aber doch genötigt waren, die näheren Umstände zu verbergen, auch wohl selbst gar nicht wußten, wie es um sie stand, so steckten sie wieder andere an und verbreiteten die Seuche in der schrecklichsten Weise.

In meinem Hausstand hatte ich nur eine ältliche Person, die mir den Haushalt führte, ein Dienstmädchen und zwei Lehrlinge, und wie nun die Seuche um uns herum zunahm, dachte ich oft bekümmert darüber nach, was ich tun und wie ich handeln sollte. All das Grauenvolle, das ich auf meinen Gängen durch die Straßen sehen mußte, hatte mein Herz mit tiefem Entsetzen erfüllt und mit Furcht vor der Seuche selbst, die wirklich fürchterlich genug war, viel ärger als andere Krankheiten. Wenn die Geschwülste, die meist am Genick oder in der Leistengegend auftraten, hart wurden und nicht aufgingen, verursachte das solche Schmerzen, wie sie die raffinierteste Tortur kaum hätte hervorbringen können. Manche, die sie nicht aushalten konnten, sprangen zum Fenster heraus, schossen sich eine Kugel vor den Kopf oder räumten sich auf andere Weise aus dem Leben, wie ich selbst nur zu oft gesehen habe. Andere, die unfähig waren, sich zu beherrschen, suchten ihre Qual durch beständiges Gebrüll zu erleichtern. Es war unsagbar gräßlich, das Geschrei dieser Elenden zu hören, wenn man durch die Straßen ging. Es ging durch Mark und Bein, und dabei mußte man noch daran denken, daß das gleiche schauerliche Schicksal jeden Augenblick über einen selber kommen könne.

Ich muß gestehen, daß mir mein Entschluß nun leid wurde, daß mich der Mut verließ, und ich oft meine Unbesonnenheit bereute, in der Stadt geblieben zu sein, wenn beim Nachhausekommen die entsetzlichen Bilder auf meine Seele drückten. Oft wünschte ich, ich hätte mich meinem Bruder und seiner Familie angeschlossen.

Manchmal faßte ich in meiner Angst den Entschluß, nicht mehr auszugehen und blieb auch drei oder vier Tage dabei. Diese verbrachte ich dann im Gebet und ernstlichem Nachdenken über die Gnade Gottes, die mich bisher erhalten hatte. Außerdem las ich viel und beschäftigte mich damit, ein Tagebuch zu führen, in das ich alle täglichen Vorfälle eintrug, und das mir auch zur Abfassung dieses Buches gedient hat. Daneben schrieb ich Betrachtungen über theologische Fragen, wie sie mir in solcher Zeit einfielen. Ich selbst hatte davon einen großen Nutzen, aber für fremde Augen sind sie nicht bestimmt, und daher sei darüber geschwiegen.

Ich besaß einen sehr guten Freund, einen Arzt, namens Heath, den ich in dieser Unglückszeit häufig aufsuchte. Ich bin ihm vielen Dank schuldig für manchen Ratschlag, den er mir gab, um beim Ausgehen die Ansteckung zu vermeiden. So hatte ich auf der Straße beständig ein Gegenmittel im Mund. Dieser Dr. Heath kam auch oft zu mir, und da er ein ebenso guter Christ als Arzt war, war mir seine Gesellschaft, mitten unter all diesen Schrecken, sehr viel wert.

Es war jetzt Anfang August, und die Seuche nahm in unserer Gegend eine schreckliche Ausdehnung an. Dr. Heath, der hörte, daß ich häufig ausging, ermahnte mich aufs Ernstlichste, mich mit meinem ganzen Haushalt einzuschließen, kein Fenster zu öffnen, die Laden vorzulegen und die Vorhänge herabzulassen. Zuerst aber, erklärte er mir, müßte ich, während Fenster und Türen offenstanden, die Zimmer mit Harz, Pech, Schwefel und Schießpulver gut ausräuchern. Eine Weile folgten wir auch seinem Rat, da ich mir aber keine Vorräte zugelegt hatte, war es unmöglich, gänzlich zu Hause zu bleiben. Doch versuchte ich, diesem Mangel, so gut es noch gehen wollte, abzuhelfen. Backen und Brauen konnte ich zu Hause, so ging ich aus und kaufte zwei Sack Mehl, und einige Wochen lang bereiteten wir unser Brot im eigenen Backofen. Auch Malz hatte ich erstanden, und braute nun so viel Bier, als meine Fässer halten konnten, was für fünf oder sechs Wochen reichen mochte. So versorgte ich mich auch mit gesalzener Butter und Cheshire-Käse, aber Fleisch hatte ich nicht, und die Seuche wütete so entsetzlich unter den Schlächtern auf der gegenüberliegenden Straßenseite, wo sie ihre Läden hatten, daß es nicht ratsam war, sich hinzuwagen.

Ich darf nicht verschweigen, daß diese Notwendigkeit, sich mit Lebensmitteln zu versehen und dazu auszugehen, in hohem Grade zur Verseuchung der Stadt beitrug, denn die Leute steckten sich dabei gegenseitig an, und auch die Lebensmittel waren nach meiner Überzeugung oft verpestet. Daher glaube ich auch nicht, trotzdem es oft mit Bestimmtheit versichert wurde, daß die Leute, die Lebensmittel von außen her in die Stadt brachten, niemals angesteckt wurden. Das weiß ich sicher, daß die Metzger in Whitechapel, wo am meisten geschlachtet wurde, von der Seuche in solchem Grade heimgesucht worden waren, daß nur ganz wenige Läden noch offen waren. Die Überlebenden schlachteten in Mile-End und brachten das Fleisch auf Pferden zu Markt.

Wie dem nun aber auch sei, die arme Bevölkerung konnte sich keine Vorräte aufspeichern und war gezwungen, auf den Markt zum Einkaufen zu gehen, oder Kinder und Dienstboten hinzuschicken, und das täglich. So kamen Haufen von verseuchten Leuten auf den Markt, und viele, die gesund hingegangen waren, brachten von dort den Tod heim.

Freilich beobachtete man alle mögliche Vorsicht. Wenn einer ein Stück Fleisch kaufte, ließ er sich’s nicht vom Metzger geben, sondern nahm es selbst vom Haken. Und der Metzger berührte das Geld dafür nicht, sondern es mußte in einen Topf mit Essig gelegt werden, der eigens dazu da stand. Jeder Käufer hatte sich mit kleinem Gelde versehen, um das Wechseln unnötig zu machen. Man trug Flaschen mit allerlei Gerüchen in der Hand und gebrauchte auch sonst jede nur erdenkliche Vorsichtsmaßregel, aber für die Armen kam das alles nicht in Frage, und sie waren jeder Gefahr ausgesetzt.

Zahllose Schauergeschichten liefen darüber um. Zuweilen fiel ein Mann oder eine Frau auf dem offenen Marktplatz tot um. Denn viele Leute hatten die Pest in sich, ohne es zu wissen, bis der inwendige kalte Brand sich auf die wichtigsten Körperteile warf, worauf sie dann in wenigen Minuten starben. Manchen ging es so, ohne das geringste Vorzeichen, andere hatten vielleicht noch Zeit, die nächste Bude zu erreichen oder sich an irgendeiner Tür zusammenzukauern, ehe der Tod sie ereilte.

Das kam so oft vor, als die Seuche bei uns ihren Höhepunkt erreicht hatte, daß man kaum über die Straße gehen konnte, ohne da und dort auf der Erde Leichen liegen zu sehen. Im Anfang blieben die Leute noch stehen und riefen den Nachbarn zu, herauszukommen, bald aber beachtete man es kaum mehr. Nur daß man acht gab, nicht in die Nähe des Leichnams zu kommen, oder, wenn das in einer engen Gasse oder einem Durchgang nicht möglich war, wieder umkehrte. In solchen Fällen blieb die Leiche liegen, bis die damit Beauftragten benachrichtigt wurden und sie holten. Oder auch bis zur Nacht, wenn die Leichenträger mit ihrem Karren des Wegs kamen und sie mitnahmen. Dann wurden erst von diesen vermessenen Gesellen die Taschen geleert und, wenn der Tote gut angezogen war, ihm die Kleider abgezogen.

Um aber noch einmal vom Markt zu sprechen, so hatten die Fleischer immer irgendeinen Amtsdiener zur Hand, der einen plötzlich Verstorbenen auf einen Schubkarren lud und ihn zum nächsten Kirchhof fuhr. Das geschah so häufig, daß man jene, die tot auf den Straßen oder auf dem Felde gefunden wurden, gar nicht mehr ins Sterberegister eintrug, sie verloren sich eben in der Masse der Pestopfer.

Nach und nach steigerte sich aber die Seuche in solchem Grade, daß nur noch wenige Lebensmittel zu Markt gebracht wurden. Auch die Käufer wurden selten, und der Lordmayor verfügte, daß die Leute vom Lande, die etwas brachten, vor der Stadt aufgehalten würden, um dort ihre Waren zu verkaufen und dann sofort wieder umzukehren. Das war ihnen auch sehr recht, denn so schlugen sie ihre Waren schon beim Eintritt in die Stadt los, ja selbst auf dem Felde, besonders über Whitechapel hinaus in Spittlefields. Was man jetzt so nennt, war damals wirklich freies Feld, ebenso in Woods Close bei Islington, wohin der Lordmayor, die Ratsherren und Beamten ihre Diener schickten, um für ihre Familien einzukaufen. Diese Maßregel kam dem Landvolk sehr gelegen. Die Leute brachten nun alle Arten von Lebensmitteln und kamen nur selten zu Schaden, was wahrscheinlich zu den wunderbaren Geschichten über ihre Ansteckungsunfähigkeit beitrug.

Was nun meinen kleinen Hausstand anbetrifft, so hatte ich mir, wie gesagt, Vorräte von Brot, Butter, Käse und Bier zugelegt und folgte nun dem Rate meines Freundes, zu Hause zu bleiben. Lieber wollte ich mich ein paar Monate ohne Fleischnahrung behelfen, als sie mit Gefahr meines Lebens bezahlen zu müssen.

Aber obwohl ich meine Hausgenossen abschloß, konnte ich selbst meine Neugierde doch nicht gänzlich unbefriedigt lassen. Ich mußte hinaus, zwar nicht so häufig wie früher und obschon ich stets mit schwerem Herzen und ganz trübsinnig wieder nach Hause kam.

Einen Grund auszugehen hatte ich ja, nämlich in dem Hause meines Bruders in der Coleman-Straße nachzusehen, das er meiner Aufsicht unterstellt hatte. Anfangs ging ich täglich hin, später aber nur noch ein oder zweimal wöchentlich.

Auf diesen Gängen hatte ich die schrecklichsten Anblicke: Leute, die tot auf der Straße zusammenfielen, Geschrei und Geheul von Weibern, die in ihrer Todesangst die Fenster aufrissen und in herzzerreißender Weise hinausjammerten, kurz, es ist nicht zu beschreiben, zu welchen Anfällen die Verzweiflung die armen Leute brachte.

Als ich einmal durch den Hof von Tokenhouse in Lothbury kam, flog gerade über meinem Kopfe ein Fensterladen auf, und eine Weiberstimme schrie, daß mir das Blut in den Adern vor Entsetzen gerann, dreimal hintereinander: »O Tod -- Tod -- Tod!« Kein Mensch war auf der Straße, auch alle Fenster blieben geschlossen, denn niemand war mehr neugierig, und zu helfen war ja doch nicht. So ging denn auch ich weiter.

In der nächsten Straße gab es auch wieder ein fürchterliches Geschrei. Ich konnte hören, wie in einer Wohnung Kinder und Frauen durcheinander heulten wie die Wahnsinnigen. Plötzlich wurde gegenüber der Laden von einem Dachfenster zurückgeschlagen und jemand fragte, was es denn gäbe? Darauf kam aus dem ersten Hause die Antwort: »O Gott, mein alter Herr hat sich erhängt.« Der andere fragte: »Ist er denn schon tot?« und »Ja, tot und schon kalt!« tönte es zurück. Dieser Mann war Kaufmann, stellvertretender Ratsherr und sehr reich gewesen. Ich will seinen Namen nicht nennen aus Rücksicht auf die Familie, der es jetzt wieder ganz gut geht.

Aber das ist nur ein Fall. Es ist nicht zu glauben, was sich alles täglich ereignete. Leute, die durch die Glut des Fiebers oder die Qualen der Geschwülste den Verstand verloren, Hand an sich legten, zum Fenster heraussprangen, sich eine Kugel durch den Kopf jagten, Mütter, die in ihrem Wahnsinn die eigenen Kinder umbrachten; manche, die am Kummer oder an Entsetzen zugrunde gingen, ohne im mindesten angesteckt zu sein; andere, die blödsinnig wurden oder in Schwermut verfielen.

Die Qual der Schwellungen war sehr heftig, zuweilen ganz unerträglich. Man kann ruhig behaupten, daß die Ärzte manche der armen Geschöpfe einfach zu Tode marterten. Wenn die Geschwülste hart wurden, legten sie starke Zugpflaster oder Umschläge auf, um sie zu erweichen, und wenn das nicht half, schnitten sie an ihnen in der scheußlichsten Weise herum. Manchmal waren diese Geschwülste so hart, daß kein Instrument durchkam, dann brannten sie sie mit Ätzmitteln, daß die Leute nicht selten während der Operation verrückt wurden. Oft war niemand da, sie im Bett festzuhalten, so daß sie Gelegenheit fanden, mit sich ein Ende zu machen, andere rasten nackt auf die Straße und sprangen in den Fluß, wenn sie nicht von einem Wächter aufgehalten wurden.

Es ging einem durch Mark und Bein, das Stöhnen und Brüllen der so Gemarterten zu hören, und doch waren sie von allen an der Seuche Erkrankten noch am besten dran. Denn wenn die Geschwülste zum Aufbrechen oder, wie die Ärzte sagten, zur Entleerung des Eiters nach außen, gebracht werden konnten, wurde der Kranke meistens wieder gesund. Diejenigen aber, die, wie jenes junge Mädchen, den Tod schon im Leibe trugen, so daß die Flecken allmählich herauskamen, fühlten sich oft bis zum letzten Augenblick ganz wohl. Sie fielen hin wie die Epileptiker oder als hätte sie der Schlag getroffen. Bei solchen kam das Ende ganz plötzlich. Gerade, daß sie noch irgendwo sich hinkauern konnten, vielleicht daß sie noch ihre Wohnung erreichten, dann wurde es ihnen schwach, und sie starben. Ihr Tod war so wie beim kalten Brand, in Bewußtlosigkeit oder fast wie im Traum. Sie wußten kaum etwas davon, daß sie angesteckt waren, bis sich der Brand durch den ganzen Körper verbreitet hatte. Auch die Ärzte konnten erst dann Sicherheit geben, wie es mit ihnen stand, nachdem sie ihre Brust oder andere Körperteile entblößt und darauf die Merkmale der Pest gesehen hatten.

In dieser Zeit wurden die schauerlichsten Geschichten erzählt von Wächtern und gemieteten Pflegerinnen, die die Kranken in der schändlichsten Weise behandelten, sie verhungern ließen, erstickten oder auf andere Weise ums Leben brachten. Auch von den Wächtern, denen die Aufsicht über die abgesperrten Häuser übertragen war, sagte man, daß sie, wenn nur ein Kranker im Hause war, einbrachen, ihn ermordeten und gleich auf den Totenkarren warfen, ehe der Unglückliche noch ganz erkaltet war.

Ich glaube auch, daß manche solche Schändlichkeiten von ihnen begangen wurden. Zwei wurden festgenommen, starben aber, ehe die Verhandlung gegen sie stattfand. Drei andere sollen wegen Mordes hingerichtet worden sein. Aber häufig waren solche Verbrechen nicht, wie man später behauptet hat. Und was hätte es auch für einen Sinn gehabt, Leute umzubringen, die gänzlich hilflos waren und in den meisten Fällen doch sterben mußten?

Leugnen will ich ja nicht, daß Räubereien und ähnliche schlimme Dinge an der Tagesordnung waren. In gewissen Menschen ist die Habsucht so stark, daß sie auf jede Gefahr hin stehlen und rauben. Besonders in Häuser, von wo alle Inwohner schon als Leichen hinausgetragen worden waren, pflegten sie einzubrechen, ohne an die Ansteckungsgefahr zu denken, und schleppten selbst die Kleider der Gestorbenen und ihr Bettzeug fort.

So war es der Fall bei einer Familie in Houndsditch, wo man einen Mann und seine Tochter, deren Angehörige schon früher dem Leichenkarren verfallen waren, splitternackt in zwei Kammern auffand, tot auf der Erde, während all das Bettzeug verschwunden war. Wahrscheinlich hatten die Diebe die Leichen von den Betten heruntergeworfen und liegen lassen.

Bemerkenswert ist, daß während der ganzen Pestzeit die Weiber sich vor allen durch ihre Verworfenheit auszeichneten. Da eine Menge von ihnen als Pflegerinnen untergekommen war, hatten sie Gelegenheit, zu stehlen, wo es nur anging. Einige wurden öffentlich ausgepeitscht, statt daß man sie zum warnenden Beispiel gehängt hätte. Bis endlich die Kirchspielbeamten beauftragt wurden, die Pflegerinnen für die Kranken auszusuchen und sich erst nach ihrer Tauglichkeit zu erkundigen, so daß sie zur Rechenschaft gezogen werden konnten, wenn in dem betreffenden Hause etwas Verdächtiges vorkam.

Freilich erstreckten sich diese Diebstähle meist nur auf Kleider, Bettzeug und etwa herumliegendes Geld und Kostbarkeiten; zu einer allgemeinen Ausplünderung des Hauses kam es nicht. Von einer Pflegerin könnte ich erzählen, die später auf ihrem Totenbette mit dem größten Abscheu die Räubereien eingestand, die sie während der Ausübung ihres Berufes begangen hatte, und durch die sie recht wohlhabend geworden war. Was aber Morde anbelangt, so glaube ich nicht, daß außer den schon berichteten, irgendwelche sonst sich ereigneten.

Allerdings wurde mir von einer Pflegerin erzählt, die ein nasses Tuch auf das Gesicht der Kranken drückte, und sie so umbrachte, und von einer andern, die ein junges Frauenzimmer erstickte, als es ohnmächtig dalag, auch von sonstigen Greueltaten durch Verhungernlassen und was dergleichen mehr ist, aber diese Geschichten hatten immer zwei Eigenheiten, die sie verdächtig machten, einmal, daß ihr Schauplatz bei näherer Erkundigung stets an das andere und entfernteste Ende der Stadt verlegt wurde, dann, daß die Einzelheiten unweigerlich dieselben waren, so bei der Geschichte von dem nassen Tuch und der Erwürgung des jungen Frauenzimmers. Ich für meinen Teil wenigstens bin überzeugt, daß mehr vom Märchen als von Wahrheit darin war. --

Ein Bekannter aus meiner Nachbarschaft, der Geld von einem Ladenbesitzer in der Whitecroß-Straße zu fordern hatte, schickte seinen Lehrling, einen Jungen von etwa 18 Jahren, hin, um den Versuch zu machen, zu seinem Gelde zu kommen. Der Junge kam an die Tür, und da er sie verschlossen fand, pumperte er mit Gewalt dagegen. Er glaubte auch, irgend etwas innen zu hören, da er aber nicht sicher war, so wartete er eine Weile und wiederholte den Lärm so lange, bis er jemand die Treppe herabkommen hörte.

Endlich erschien der Hausherr an der Türe. Er hatte nur seine Unterhosen an, eine gelbe Flanellweste, keine Strümpfe, dagegen ein paar Pantoffel, eine weiße Mütze auf dem Kopfe und, wie der Junge sagte, auf seinem Gesichte den Tod.

»Warum läßt du mich nicht in Ruhe?« fragte er, während er die Türe öffnete. Der Junge antwortete ein wenig verlegen, er käme von dem und dem, um die Schuld einzutreiben, von der jener wohl wissen werde. »Schön, mein Junge,« sagte die lebende Leiche, »geh’, wenn du vorbeikommst, bei der Cripplegate-Kirche vor, und sage dort, man solle die Glocke läuten.« Damit schloß er die Türe, ging wieder hinauf und starb noch den gleichen Tag, vielleicht sogar in derselben Stunde. Der Junge hat’s mir selber erzählt, und ich habe keinen Grund, ihm nicht zu glauben. Damals war die Seuche noch nicht auf ihrer Höhe. Es muß, scheint mir, im Juni gewesen sein, als man die Leichenkarren noch nicht eingeführt hatte, und noch die Glocke für jeden Toten läutete. Schon im Laufe des Juli wurde das anders, denn bei einer wöchentlichen Sterbeziffer von über 550 mußte man wohl oder übel mit den richtigen Beerdigungen aufhören, ob es sich um arm oder reich handelte. --

Ich habe schon erzählt, daß die Diebereien und Räubereien hauptsächlich von Weibern ausgeführt wurden. Eines Tages, ungefähr um die elfte Stunde, kam ich zu dem Hause meines Bruders in der Coleman-Straße, wohin ich öfters ging, um zu sehen, ob alles in Ordnung wäre. Vor dem Hause befand sich ein kleiner, mit einer Ziegelsteinmauer umgebener Hof, zu dem eine Türe führte. In dem Hof waren mehrere Schuppen, worin mein Bruder seine Waren aufbewahrte. In dem einen befanden sich einige Kisten mit hohen Deckelhüten für Frauen, die auf dem Lande, ich glaube für den Export, gemacht wurden.

Als ich mich dem Hause meines Bruders näherte, war ich erstaunt, drei oder vier Frauen zu begegnen, die hohe Deckelhüte auf dem Kopfe trugen; eine oder zwei von ihnen hatten auch noch welche in der Hand. Da ich sie aber nicht aus dem Hause selbst kommen sah, auch nicht wußte, daß mein Bruder solche Hüte führte, sprach ich sie nicht an, sondern ging meines Weges weiter im Bogen um sie herum, wie man’s aus Angst vor der Ansteckung jetzt gewöhnlich tat. Als ich aber an die Tür kam, traf ich auf noch eine Frau mit gleich ein paar von diesen Hüten in der Hand. »Darf ich wissen, werte Frau, was Ihr hier zu suchen habt?« fragte ich. »Es sind noch mehr Leute hier,« antwortete sie, »und ich habe hier ebensoviel zu suchen wie jene.« Auf das hin schwieg ich und beeilte mich, an die Tür zu kommen, und die Frau ging weg. Gerade, als ich an der Tür war, sah ich zwei weitere Frauen über den Hof kommen, auch mit Hüten auf dem Kopfe und unter dem Arme. Nun schlug ich die Tür hinter mir zu, die einschnappte, und wandte mich an die beiden. »Was habt ihr hier zu tun?« fragte ich und nahm ihnen die Hüte weg. Die eine von ihnen sah gar nicht nach einer Diebin aus, das muß ich gestehen. »Es war wohl unrecht von uns,« entgegnete sie, »aber man sagte uns, daß die Sachen hier herrenlos wären. Nehmt sie nur wieder und seht dorthin, wenn’s Euch beliebt, dort gibt’s noch mehr Kunden.« Sie fing dabei zu weinen an und machte dazu ein so jämmerliches Gesicht, daß ich die Türe öffnete und die zwei gehen hieß, denn sie taten mir wirklich leid. Als ich dann aber nach dem Schuppen zu schaute, erblickte ich sechs oder sieben andere, die sich alle mit Hüten ausstaffierten, so ruhig und unbefangen, als wenn sie bei einem Hutmacher wären und für ihr gutes Geld etwas kauften.

Ich war nicht wenig in Verlegenheit, die andern aber auch, wenn auch nicht aus demselben Grunde. Sie meinten alle, sie kämen aus der Nachbarschaft, hätten gehört, daß es hier Sachen gäbe, die niemand gehörten und mehr dergleichen. Zuerst fuhr ich gewaltig auf sie los, ging zur Türe, schloß ab und drohte, sie alle im Schuppen einzusperren und dann die Polizei herbeizuholen. Nun verlegten sie sich aufs Bitten, sagten, sie hätten die Tür offen gefunden, und sicher wäre schon früher jemand eingebrochen, der es auf viel Wertvolleres abgesehen hatte. Unwahrscheinlich war das gerade nicht, denn das Schloß war kaput und das Vorhängeschloß auch verdorben, und schließlich waren noch nicht recht viele Hüte gestohlen worden. So überlegte ich mir denn, daß man in einer solchen Zeit nicht so strenge sein dürfe, und daß ich im Falle einer Anzeige ein ewiges Herumgelaufe hätte, von einem zum andern, über deren Gesundheit ich nichts wußte, und daher leicht, statt einen Schadenersatz zu bekommen, mein eigenes Leben verlieren könne. Ich begnügte mich also, die Namen und Wohnungen von einigen aufzuschreiben und ihnen anzudrohen, daß mein Bruder sie zur Rechenschaft ziehen würde, wenn er zurückkehrte.

Dann zog ich andere Saiten auf und fragte sie, woher sie den Mut hernähmen, in dieser Unglückszeit und angesichts von Gottes Gericht, sich so aufzuführen. Vielleicht stände die Pest schon vor ihrer Türe oder wäre schon ins Haus gedrungen, und der Leichenkarren hielte in wenigen Stunden davor, um sie auf den Kirchhof zu bringen.