Part 5
Ich erinnere mich -- und während ich’s niederschreibe, ist’s mir, als hörte ich noch jetzt den ganzen Jammer -- ich erinnere mich, sage ich, an eine Dame, die eine einzige Tochter hatte, ein junges Mädchen von etwa 19 Jahren. Sie waren recht wohlhabend und wohnten in einem Hause allein für sich. Die beiden waren mit ihrem Dienstmädchen irgendwo fort gewesen, aber ungefähr zwei Stunden nach ihrer Rückkehr klagte das junge Mädchen über Unwohlsein, eine Viertelstunde später begann sie, sich zu erbrechen und fühlte heftige Kopfschmerzen. »Gott verhüte,« sagte die Mutter in entsetzlicher Angst, »daß mein Kind die Pest habe!« Da die Kopfschmerzen zunahmen, ließ die Mutter das Bett wärmen und brachte ihre Tochter zu Bett. Dann gab sie ihr etwas, um sie zum Schwitzen zu bringen, was man gewöhnlich tat, wenn die ersten Anzeichen der Seuche sich einstellten.
Während das Bett noch gelüftet wurde, entkleidete die Mutter das junge Frauenzimmer, und indem sie mit einer Kerze ihren Körper ableuchtete, gewahrte sie sogleich die heillosen Merkmale der Seuche in der Leistengegend. Unfähig sich zu beherrschen, ließ sie die Kerze fallen und stieß ein so schauerliches Geschrei aus, daß das mutigste Herz auf der ganzen Welt dadurch erschüttert worden wäre. Damit nicht genug, fiel sie in Ohnmacht, rannte, als sie wieder zu sich kam, vom Entsetzen gepackt, durch das ganze Haus, die Treppen hinauf und hinunter, wie eine Wahnsinnige. Und das war sie auch. Sie fuhr fort stundenlang zu schreien und zu kreischen, denn offenbar hatte sie jede Herrschaft über sich verloren und, wie ich hörte, wurde sie auch nie mehr ganz vernünftig. Was ihre Tochter anbetrifft, so war sie schon so gut als tot, denn der kalte Brand, der die Flecken hervorruft, hatte sich bereits über ihren ganzen Körper verbreitet, und sie starb nach weniger als zwei Stunden. Doch die Mutter schrie noch immer fort, ohne etwas davon zu merken. Das alles ist so lange her, daß ich mich nicht mehr genau erinnere, aber ich glaube, daß die Mutter sich nicht wieder erholte und nach zwei oder drei Wochen starb. --
Vor mir liegt die Geschichte von zwei Brüdern und einem Vetter von ihnen, die alle drei Junggesellen waren. Sie waren zu lange in der Stadt geblieben, um noch weg zu können, und da sie nicht wußten, wohin sie sich wenden sollten, auch keine Mittel zu einer weiteren Reise besaßen, dachten sie sich zu ihrer Rettung etwas aus, das zuerst hoffnungslos aussah, aber doch eigentlich das Natürlichste war. Man muß sich wundern, daß nicht mehr Leute darauf verfielen. Sie waren zwar von niederem Stande, aber doch nicht so gänzlich mittellos, um sich nicht das Nötigste zu verschaffen, und als sie sahen, daß die Seuche in der schrecklichsten Weise zunahm, entschlossen sie sich, so gut es eben gehen wollte, sich auf und davon zu machen.
Einer von ihnen war in den letzten Kriegsläuften Soldat und noch früher in den Niederlanden gewesen. Er hatte außer dem Gebrauch der Waffen nichts besonderes gelernt, und da er infolge einer Verwundung keine schwere Arbeit ausführen konnte, war er bei einem Bäcker von Schiffszwieback in Wapping in Arbeit getreten.
Sein Bruder war ein Matrose gewesen, hatte aber irgendwie eine Verletzung am Bein davongetragen, die ihn verhinderte, weiterhin zur See zu gehen. Er hatte dann bei einem Segelmacher in Wapping oder da herum in Arbeit gestanden, und da er seine Sachen gut zusammenhielt, hatte er sich eine Kleinigkeit erspart und war von den Dreien der Reichste.
Der dritte war seines Zeichens ein Zimmermann, ein geschickter Bursche. Alles, was er besaß, war zwar nur sein Werkzeugkasten, aber mit dessen Hilfe verstand er, sich überall seinen Lebensunterhalt zu verschaffen. In solchen Zeiten freilich war auch er arbeitslos. Übrigens wohnte er in Shadwell.
Alle ihre Arbeitsplätze gehörten zu dem Kirchspiel von Stepney, das zuletzt von der Seuche erfaßt wurde, und daher waren sie geblieben, bis sie sahen, daß die Pest in den Westteilen der Stadt allmählich erlosch und sich nun nach Osten wandte, wo sie wohnten.
Die Geschichte dieser drei Leute werde ich an ihrem Orte ausführlich erzählen, da sie in künftigen schlimmen Zeiten für manchen von nicht geringem Nutzen sein mag, aber vorläufig habe ich noch anderes zu berichten. --
In der ersten Zeit bewegte ich mich ganz sorglos in der Stadt umher, wenn auch nicht so sorglos, um mich offensichtlicher Gefahr auszusetzen, außer damals, als man das Massengrab im Kirchhof von Aldgate aushob. Das war eine fürchterliche Grube, und in meiner Neugier mußte ich hingehen und sie anschauen. Nach meiner Schätzung maß sie in der Länge ungefähr 40 Fuß und 15 oder 16 der Breite nach. Wie ich das erstemal hineinsah, war sie etwa 9 Fuß tief, aber später sollen sie an einem Ende bis zu 20 Fuß gegraben haben, bis sie auf das Grundwasser kamen. Schon früher waren einige Massengräber ausgehoben worden, denn als endlich die Seuche zu uns kam, wütete sie in den zwei Kirchspielen von Aldgate und Whitechapel ärger als in irgendeinem Teile von London.
Man hatte, wie gesagt, schon mehrere Massengräber hergestellt, als die Seuche zu uns kam und die Leichenkarren ihre Fahrt begannen. Das war etwa um den Anfang August. In jedem von diesen Gräbern lagen vielleicht 50 oder 60 Leichen, aber dann machte man sie größer, um alle, die innerhalb einer Woche starben, darin zu verscharren. Von Mitte bis Ende August waren das an die 2 bis 400 wöchentlich. Größer konnte man die Gruben nicht machen, weil die Behörden ausdrücklich vorgeschrieben hatten, daß jede Leiche 6 Fuß unter der Oberfläche liegen müsse und bei 17 oder 18 Fuß Tiefe schon das Grundwasser kam. Bei Beginn des September aber wurde die Seuche so heftig, daß die Sterblichkeitsziffer in unserm Kirchspiel höher war als irgendwo sonst in London, und da befahl man denn, diesen schauerlichen Schlund auszugraben, denn es war wirklich mehr ein Schlund als ein Grab.
Man hatte angenommen, daß man damit für einen Monat oder länger reichen würde, und einige machten den Kirchenvorstehern Vorwürfe, daß sie etwas Derartiges erlaubt hatten, als ob sie das ganze Kirchspiel mit Mann und Maus eingraben wollten, aber die Folge rechtfertigte die Maßregeln der Kirchenvorsteher und zeigte, daß sie für den Zustand ihres Kirchspiels einen richtigen Blick hatten. Denn am 4. September war die Grube fertig, am 6. begann man mit den Beerdigungen, und am 20., also gerade 14 Tage später, waren 1114 Leichen hineingeworfen worden, und man mußte sie wieder zuwerfen, da die Leichen schon bis 6 Fuß unter die Oberfläche reichten. Sicherlich gibt es noch einige alte Leute in dem Kirchspiel, die all das bestätigen und sogar den Ort auf dem Kirchhof anzeigen können, wo die Grube war. Noch viele Jahre lang war eine Senkung auf dem Boden zu sehen, neben dem Weg, der an der westlichen Mauer des Kirchhofs entlangführt, von Houndsditch heraus, und dann nach Whitechapel umbiegt, bis zum Wirtshaus zu den drei Nonnen.
Es war um den 10. September, als meine Neugierde mich veranlaßte oder trieb, das Grab von neuem anzuschauen, nachdem fast 400 Leute dort beerdigt worden waren. Diesmal begnügte ich mich nicht, wie vorher bei Tage hinzugehen. Denn da war nichts zu sehen als Erde, weil die hineingeworfenen Leichen von den Leichenträgern sofort mit Erde zugeschaufelt wurden. Also beschloß ich, nachts hinzugehen und beim Hineinwerfen zuzuschauen.
Das war zwar strenge verboten, und lediglich der Ansteckung wegen. Aber später wurde das Verbot aus andern Gründen nötig, denn Kranke, die ihr Ende nahen fühlten, liefen in ihren Fieberdelirien an diese Massengräber, mit nichts am Leibe als ein Leintuch oder irgendeinen Fetzen und sprangen hinein, um, wie sie sagten, sich selbst zu begraben. Ich glaube nicht, daß die Leute sie da liegen ließen, aber ich habe sagen hören, daß zu dem großen Grab in Finsbury, das damals gegen die Felder zu noch offen und ohne Mauer lag, viele kamen und hineinsprangen und ihren Geist aufgaben, ehe man noch die Erde auf sie schaufelte, und daß sie, als dann die Leichenträger mit neuen Opfern kamen, zwar schon tot, aber noch warm waren.
Solche Dinge mögen eine Vorstellung von dem Grauen dieser Zeit geben, obwohl wer’s nicht selbst gesehen hat, kaum eine Ahnung davon haben kann. Es war wirklich und wahrhaftig fürchterlicher, als man es sagen kann.
Die Bekanntschaft mit dem Küster ermöglichte mir den Eintritt in den Kirchhof. Er wies mich zwar nicht zurück, bat mich aber aufs ernstlichste, doch wieder fortzugehen. Als frommer und verständiger Mann hielt er mir vor, daß es wohl sein Amt und seine Pflicht wäre, sich allen Gefahren auszusetzen, und daß er darum hoffe, es werde ihm nichts geschehen. Ich aber hätte keinen Grund als meine Neugierde, die solch eine gefährliche Unternehmung doch wirklich nicht rechtfertigen könne. Ich sagte ihm, daß ich nun einmal darauf aus wäre, hineinzukommen, und daß es vielleicht nicht ohne Nutzen wäre, so etwas zu sehen. »Wenn es so ist, dann geht in Gottes Namen,« sagte der gute Mann, »es mag Euch als beste Predigt dienen, die Ihr je in Eurem Leben gehört habt. Es ist ein Anblick, von dem eine laute Stimme kommt, die uns alle zur Buße ruft.« Mit diesen Worten öffnete er das Tor und sagte: »Nun geht, wenn Ihr wollt.«
Seine Worte hatten mich ein wenig schwankend gemacht, und ich zögerte noch eine Zeitlang, aber da sah ich gerade von den Minoriten her zwei Pechfackeln näherkommen, hörte die Glocke des Fuhrmanns, und dann rumpelte auch schon der Leichenkarren heran. So konnte ich mich nicht länger zurückhalten und ging in den Kirchhof. Soviel ich zuerst ausmachen konnte, war niemand dort als die Leichenträger und der Mann, der das Pferd am Karren führte, aber als ich näher an die Grube kam, sah ich dort einen Mann hin und hergehen, der in einen braunen Mantel gewickelt war und darunter allerlei Bewegungen mit den Händen machte, so als ob er in größter Verzweiflung wäre. Die Leute umringten ihn sogleich, wohl weil sie meinten, er wäre einer von den armen, fieberkranken Teufeln, die sich selber begraben wollten. Er sprach kein Wort, ging nur immer auf und ab, und ächzte und seufzte ein paarmal laut, als wolle es ihm das Herz abdrücken.
Die Träger merkten bald, daß er weder krank noch verrückt war, sondern nur von dem schrecklichsten Kummer niedergebeugt, was er wohl sein mochte, denn in dem Karren lagen die Leichen seiner Frau und mehrerer Kinder. Es war leicht zu sehen, wie schwer es ihm ums Herz war, aber trotzdem ließ er den Tränen keinen Lauf und unterdrückte sie mit männlicher Fassung. Er bat mit ruhiger Stimme die Träger, ihn allein zu lassen, er wolle nur sehen, wie die Leichen hineingeworfen würden und dann fortgehen. Sie ließen ihn also stehen und leerten die Leichen, wie sie durcheinander auf dem Karren lagen, in die Grube. Das schien der Mann nicht erwartet zu haben. Er mochte wohl geglaubt haben, daß sie auf anständige Weise hineingelegt würden, obwohl er sich später selbst überzeugte, daß das unmöglich war. Wie er das sah, war es mit seiner Selbstbeherrschung zu Ende, und er schrie laut auf. Ich verstand nicht, was er sagte, sah ihn nur zwei oder drei Schritte nach rückwärts taumeln und dann ohnmächtig zu Boden sinken. Die Träger liefen hin, hoben ihn auf und brachten ihn, nachdem er nach einiger Zeit wieder zu sich gekommen war, in ein Gasthaus, am Ende von Houndsditch, wo er anscheinend bekannt war und man sich seiner annahm. Ehe er ging, sah er noch einmal in die Grube hinab, aber die Leute hatten die Leichen schon mit Erde bedeckt, und obwohl es Licht genug gab, denn an allen Seiten der Grube steckten Laternen in der Erde, war doch nichts mehr zu sehen.
Dieses traurige Schauspiel erschütterte mich aufs tiefste. Und was ich sonst noch sah, war auch über alle Maßen grauenvoll. Auf dem Karren lagen 16 oder 17 Leichen, einige in Leintücher eingeschlagen, andere in Fetzen, noch andere fast gänzlich nackt oder nur so leicht zugedeckt, daß die Hülle sich losmachte, als sie nun in die Grube geworfen wurden. Da lagen sie nun völlig nackt unten, aber für sie war’s gleich, denn sie waren alle tot, und sonst konnte wohl auch niemand daran Anstoß nehmen, angesehen sie nun alle im gemeinsamen Grab der Menschheit ruhten. Denn hier gab es keinen Unterschied, arm und reich lagen beieinander. Eine andere Art von Begräbnissen war unmöglich, denn woher hätte man die Särge für die ungeheure Anzahl der der Seuche Erlegenen nehmen sollen?
Um den Leichenträgern etwas anzuhängen, wurde wohl erzählt, daß sie den Toten, die ein richtiges, über dem Kopf und den Füßen zusammengebundenes Totenhemd aus gutem Leinenzeug trugen, es wegnahmen, wenn sie auf dem Karren lagen und sie ganz nackt in die Grube warfen, aber ich kann nicht glauben, daß es solche Scheusale unter den Christen gibt, besonders nicht in einer derartig schrecklichen Zeit. So erzähle ich nur und lasse die Sache unentschieden.
Zahllose Geschichten liefen auch um über die Unmenschlichkeit der Pflegerinnen, die den Tod der Kranken, die ihrer Sorge übergeben waren, beschleunigt haben sollten. Aber darüber werde ich später mehr zu sagen haben.
Der Anblick des Massengrabes überwältigte mich fast, und ich ging mit tief erschüttertem Herzen fort und voll von unaussprechlichen marternden Gedanken. Gerade als ich aus dem Kirchhof kam und in die Straße einbog, die zu meinem Hause führte, kam mir ein neuer Karren entgegen mit Pechfackeln und einem Kerl vor dem Karren, der mit der Glocke läutete. Er war ganz voll mit Leichen, und ich ging über die Straße, um zuzuschauen, aber dann fehlte mir doch der Mut, umzukehren und das gleiche grausige Schauspiel noch einmal anzusehen. So ging ich denn direkt nach Hause, in der Hoffnung, daß ich keinen Schaden genommen hatte, wie es auch in der Tat der Fall war.
Zu Hause fiel mir die unselige Geschichte des armen Mannes auf dem Friedhofe wieder auf die Seele, und wirklich, so oft ich an ihn dachte, mußte ich weinen, vielleicht heftiger, als er selbst es getan hatte. Und da ich sein Schicksal gar nicht mehr aus meinen Gedanken wegbrachte, zwang es mich förmlich, nochmals auszugehen und in das Gasthaus hinüberzuschauen, um zu erfahren, was aus ihm geworden war.
Es war schon 1 Uhr nachts, aber der arme Mann war noch immer dort. Da die Leute vom Hause ihn kannten, hatten sie sich seiner angenommen und ihn die Nacht über dabehalten, ohne Rücksicht auf die Gefahr, von ihm angesteckt zu werden, wenn schon er einen ganz gesunden Eindruck machte.
Ich kann nicht ohne Beschämung an dieses Gasthaus zurückdenken. Die Hausleute selber waren höflich, freundlich und gesittet genug und hatten bis zur Stunde ihr Haus offengehalten und das Geschäft weitergeführt. Aber die Gesellschaft, die dort jede Nacht zusammenzukommen pflegte, benahm sich in einer lärmenden und schamlosen Weise, wie es eben bei solchen Menschen zu andern Zeiten üblich war, und das in einem solchen Grade, daß der Gastwirt und seine Frau selbst darüber empört und bestürzt waren.
Gewöhnlich hielten sie sich in einem Raum auf, der auf die Straße ging, und da sie meistens bis tief in die Nacht zechten, geschah es, daß sie die Fenster aufmachten, wenn sie das Geklingel des Leichenkarrens hörten, der am Hause vorbei nach Houndsditch fuhr, um sich die traurige Geschichte anzusehen. Wenn dann die Leute auf der Straße oder an den Fenstern beim Vorbeifahren des Karrens klagten und jammerten, machten sie ihre schamlosen Scherze und Spöttereien, besonders, wenn die Leute den lieben Gott anriefen, Mitleid mit ihnen zu haben, wie es viele in dieser Zeit zu tun pflegten.
Diese sauberen Herren, die sich durch die Aufnahme des armen unglücklichen Mannes gestört finden mochten, ärgerten sich und wurden recht hochfahrend gegen den Gastwirt, daß er einen solchen »Kerl«, wie sie sagten, vom Grabe her, in das Haus gebracht habe. Als nun der Wirt entgegnete, daß der Mann ein Nachbar sei, auch gesund, und nur überwältigt vom Jammer wegen seiner Familie, richtete sich ihr Ärger gegen den Mann, und sie fingen an, ihn wegen seines Kummers um Frau und Kinder zu verspotten, indem sie ihm Mangel an Mut vorwarfen, sonst wäre er in die Grube gesprungen, um, wie sie höhnisch bemerkten, sich mit den Seinigen im Himmel zu vereinigen. Dazu machten sie noch einige schnöde, ja geradezu gotteslästerliche Redensarten.
Sie waren gerade dabei, als ich ins Haus trat, und obwohl der Mann in seiner stillen Trostlosigkeit verharrte, konnte ich ihm doch anmerken, daß ihre Redereien ihn bekümmerten und verletzten. Auf das hin machte ich ihnen auf ruhige Weise einige Vorwürfe, denn ich wußte, mit was für Leuten ich’s zu tun hatte. Übrigens war ich zweien unter ihnen wohlbekannt.
Sofort überhäuften sie mich mit Flüchen und Schimpfreden und fragten mich, warum ich nicht, wie so viele weit bessere Menschen, schon begraben sei oder wenigstens zu Hause, um zu beten, daß mich der Leichenkarren nicht hole.
Ich wunderte mich nicht wenig über die Schamlosigkeit der Leute, aber sie brachte mich nicht aus der Fassung, und ich hielt an mich. Aber wegen der Art, wie sie sich gegen den armen Mann benommen hatten, sagte ich ihnen doch meine Meinung. Wie sie es nur übers Herz brachten, sich über diesen bejammernswerten Menschen, dem Gott die ganze Familie genommen hatte, lustig zu machen.
Ich erinnere mich nicht mehr an all die abscheulichen Scherze, die sie auf meine Rede hin gegen mich losließen, da sie besonders darüber aufgebracht waren, daß ich mir kein Blatt vor den Mund genommen hatte. Ich möchte auch all die gemeinen Flüche, Schimpfworte und ekelhaften Ausdrücke, die kaum der niederste Straßenpöbel in den Mund nimmt, nicht niederschreiben. Nur so ganz verhärtete Halunken konnten sich in einer Zeit des Schreckens, den die Hand des Schicksals jeden Augenblick auch auf sie schleudern mochte, so gehen lassen.
Das Greulichste dabei war, daß sie sich nicht fürchteten, Gott zu lästern und sich darüber lustig zu machen, daß ich die Pest eine Strafe Gottes nannte. Sie lachten über das Wort »Gericht«, als ob Gott keine Absicht dabei gehabt hätte, uns eine solche Heimsuchung aufzuerlegen. Und daß die Leute, wenn sie den Leichenkarren vorbeifahren sahen, Gott anriefen, fanden sie nur blödsinnig, lächerlich und unverschämt.
Ich machte, daß ich wegkam, um nicht Zeuge sein zu müssen, wie das Gericht, das schwer über der ganzen Stadt lag, rächend auf sie niederbrach und auf alle, die zu ihnen gehörten.
Auf diese Weise trieben sie’s noch drei oder vier Tage, mehr war’s nicht. Dann traf den einen von ihnen die Seuche, und zwar gerade den, der den armen Mann am grausamsten verspottet hatte, und er ging auf die jämmerlichste Weise zugrunde. Kurz, einer nach dem andern wurde in die große Grube geworfen, ehe sie noch ganz voll war. --
Bisher hatten sich die Menschen eifrig in die Kirchen gedrängt, um die Barmherzigkeit Gottes in dieser Zeit des Schreckens anzurufen, aber als die Seuche in unserm Stadtteil nun immer ärger wurde, fing man an, sich zu scheuen, zur Kirche zu kommen, wenigstens war sie nicht mehr so voll wie früher. Das kam auch daher, weil viele der Geistlichen gestorben, andere aufs Land gezogen waren. Und wirklich, es bedurfte schon eines ordentlichen Mutes und eines starken Glaubens, in einer solchen Zeit nicht nur in der Stadt zu bleiben, sondern auch das Amt auszuüben und die Gemeinde mit christlichem Troste zu versehen, von der aller Wahrscheinlichkeit nach schon eine Menge angesteckt war, und das täglich oder an manchen Plätzen zweimal täglich durchzuführen. --
Ich erinnere mich an einen Mann, der aus seinem Hause in der Aldergate-Straße oder da herum ausbrach und die Straße nach Islington einschlug. Er versuchte im Wirtshaus zum »Engel« und dann im »Weißen Roß« unterzukommen, die auch jetzt noch so heißen, wurde aber abgewiesen. Dann kam er zu dem »Scheckigen Stier«, der auch noch das gleiche Zeichen trägt, und bat um ein Nachtquartier für nur eine Nacht, indem er vorgab, daß er sich nach Lincolnshire begeben wolle, auch völlig gesund und frei von jeder Ansteckung sei, die auch da draußen noch wenig Schaden getan hatte.
Man sagte ihm, daß kein Zimmer frei wäre, nur eine einbettige Dachstube und auch die nur für eine Nacht, da am nächsten Tage einige Viehtreiber erwartet würden. Da er damit zufrieden war, gab man ihm ein Dienstmädchen mit einer Kerze mit, um ihn hinaufzuführen. Er war sehr gut angezogen und sah nicht aus, wie jemand, der gewohnt war, in einer Dachstube zu schlafen. Als er das Loch sah, stieß er denn auch einen tiefen Seufzer aus und sagte zu dem Mädchen: »So ist es mir noch nie gegangen.« Das Mädchen versicherte ihm, daß sie’s nun einmal nicht besser hätten, worauf er meinte: »Schön, dann werd’ ich mich eben behelfen. Das ist eine schreckliche Zeit. Aber es ist ja nur für eine Nacht.« Er setzte sich auf das Bett und bat das Mädchen, ihm einen Krug Warmbier zu bringen. Das Mädchen ging also hinunter, aber irgendwie kam ihr der Auftrag aus dem Kopf, und sie ging nicht wieder nach oben.
Als am nächsten Morgen der Fremde nicht erschien, fragte irgend jemand das Mädchen, das ihn hinaufgeführt hatte, was denn aus ihm geworden sei? »Donnerwetter,« sagte sie, »ich sollte ihm ein Warmbier bringen, aber ich hab’s ganz vergessen.« Darauf wurde sie oder jemand anders hinaufgeschickt, um nach ihm zu sehen. Da lag er, quer über dem Bett, maustot und schon fast kalt. Die Kleider hatte er ausgezogen, sein Kinn war herabgefallen, die Augen starrten weitgeöffnet, und mit einer Hand krallte er sich in die Bettdecke. Es war ganz klar, daß er gleich, nachdem das Mädchen ihn verlassen hatte, gestorben war, und hätte sie ihm sein Warmbier gebracht, so würde sie ihn wahrscheinlich schon als Leiche gefunden haben. Der Schrecken im Hause war natürlich groß, wie sich jeder vorstellen kann, denn bisher waren sie von der Seuche verschont geblieben. Aber jetzt war die Ansteckung im Hause und verbreitete sich sofort in der Umgebung. Ich weiß nicht mehr, wie viele im Hause selbst starben, aber ich glaube, daß das Mädchen, auch aus Schrecken, sich gleich hinlegte, und ein paar andere auch. Bisher waren in Islington in der vorigen Woche nur 2 an der Pest gestorben, in der nächsten waren es schon 14. Das war in der Woche von 11. zum 18. Juli. --
Für nicht wenige Familien gab es ein Auskunftsmittel, wenn ihre Häuser verseucht wurden, und das war so. Die Leute, die beim ersten Ausbruch der Pest aufs Land hinaus geflohen waren, um sich dort bei ihren Freunden zu verbergen, übergaben meistens irgend jemand, sei es einem Nachbarn oder einem Verwandten, die Aufsicht über ihr Haus, ihre Waren, oder was es sonst war. Einzelne Häuser wurden tatsächlich vollständig verschlossen, vor die Türen kamen Vorhängeschlösser, Fenster und Eingänge wurden mit Brettern vernagelt, und nur selten vertraute man sie der Aufsicht der gewöhnlichen Wächter oder Kirchspielbeamten an.
Man berechnete, daß nicht weniger als etwa 1000 Häuser von ihren Inwohnern verlassen wurden, Stadt und Vorstädte sowie das andere Ufer in Surrey zusammengenommen. Dabei waren die Einzelmieter natürlich nicht mitgezählt, so daß die Gesamtzahl der Geflüchteten wohl auf rund 200000 angenommen werden konnte. Darüber später noch mehr, für jetzt möchte ich nur bemerken, daß jene, die über zwei Häuser die Aufsicht hatten, in Krankheitsfällen regelmäßig die gesund Gebliebenen, Kinder, Dienerschaft und alles in das zweite Haus schafften, ehe sie dem Visitator oder einem anderen Beamten von der Verseuchung Anzeige machten. Das taten sie erst dann, besorgten eine Pflegerin für die erkrankte Person und sahen zu, daß sie außerdem noch irgend jemand fanden, was für Geld leicht möglich war, der sich mit einschließen ließ und nach dem Rechten sah, falls jene sterben sollte.