Die Pest zu London

Part 3

Chapter 33,515 wordsPublic domain

Ein Unfug hat immer einen anderen im Gefolge. Diese Furcht und Angst der Leute brachte sie auf tausend törichte, abgeschmackte und schlimme Dinge, wozu sie von den wirklich bösen Elementen noch ermutigt wurden. Sie rannten zu Wahrsagern, Hexenmeistern und Astrologen, um ihr Schicksal zu erfahren oder, wie man gewöhnlich es nennt, um sich ihr Schicksal sagen und sich die Nativität stellen zu lassen und zu ähnlichem Unsinn, und diese Narretei brachte in der Stadt im Augenblick einen Schwarm vorgeblicher Magier hervor, die sich der Schwarzen Kunst und weiß Gott, was sonst noch alles, rühmten und behaupteten, mit dem Teufel besser zu stehen, als es wohl wirklich der Fall war. Dieses Geschäft wurde so offen und allgemein betrieben, daß man an den Türen Anzeigen lesen konnte: Hier wohnt ein Wahrsager; hier wohnt ein Astrologe; hier wird die Nativität ausgerechnet. Der Bronzekopf Bruder Bacons, das gewöhnliche Zeichen solcher Art Leute, war fast überall in jeder Straße zu sehen, oder auch das Zeichen der Mutter Shipton oder der Kopf Merlins und mehr dergleichen.

Mit was für sinnlosem und lächerlichem Blödsinn diese Teufelsorakel die Leute zu ihrer Befriedigung vollstopften, weiß ich zwar nicht, aber sicher ist, daß jeden Tag zahllose Menschen vor ihren Türen sich herumdrängten, und sobald sich nur einer dieser Burschen in einer Samtjacke und schwarzem Mantel, der gewöhnlichen Kleidung dieser Beschwörer, auf der Straße zeigte, folgten ihm die Leute in Scharen und stellten während des Gehens allerlei Fragen. --

Die armen Dienstboten hatten eine recht schlechte Zeit, wie ich noch nach und nach berichten werde. Es war vorauszusehen, daß eine ungeheure Anzahl von ihnen entlassen würde, und tatsächlich war es auch so. Eine Menge von ihnen gingen zugrunde, besonders die, denen die falschen Wahrsager Hoffnungen gemacht hatten, daß sie im Dienst bleiben und von ihren Herrschaften aufs Land mitgenommen werden würden. Hätte sich nicht die öffentliche Wohltätigkeit dieser armen Geschöpfe angenommen, wie es sich auch gehört in solchen Fällen, so wären sie von der ganzen Bevölkerung in der allerschlechtesten Lage gewesen. --

Mit solchen Dingen beschäftigte sich das gewöhnliche Volk monatelang, als die Sorgen erst anfingen und die Pest noch nicht richtig ausgebrochen war, aber ich darf auch nicht vergessen, daß der bessere Teil der Bevölkerung sich ganz anders benahm. Die Regierung ermutigte ihre Andachtsübungen, und bestimmte öffentliche Gebets-, Buß- und Fasttage, an denen die Sünden laut bekannt und die Gnade Gottes angerufen wurde, um sein schreckliches Gericht, das über unseren Köpfen hing, abzuwenden. Man kann kaum beschreiben, mit welcher Bereitwilligkeit die Leute aller Berufe diese Gelegenheit begrüßten, wie sie sich in die Kirchen und zu den Versammlungen drängten, daß man nicht bis zu den Türen der allergrößten Kirchen gelangen konnte. In mehreren Kirchen wurden morgens und abends täglich Bittgebete abgehalten, ebenso wie Gebetstage an anderen Orten, und zu allen diesen Veranstaltungen erschienen die Leute mit ungewöhnlicher Andacht. Auch einzelne Familien, selbst wenn sie nicht desselben Glaubens waren, hielten Fasttage, zu welchen nur die nächsten Verwandten zugelassen waren. Mit einem Wort: alle, die wirklich fromm und glaubenseifrig waren, gaben sich in echt christlicher Weise dem Werk der Reue und Bußfertigkeit hin, wie es einem christlichen Volke geziemte.

Auch die Öffentlichkeit zeigte, daß sie sich an diesen Dingen beteiligen wolle, ja sogar der Hof, der in aller Lust und Freude lebte, stellte sich, als ob ihn die allgemeine Gefahr wirklich bekümmerte. Schauspiele und Possen, die, nach der Mode am französischen Hofe, eingeführt worden waren und immer beliebter wurden, durften nicht mehr gespielt werden. Die Spiel- und Tanzhäuser wie die Musikhallen, die sich ständig vermehrt hatten und bereits die Sitten des Volkes zu untergraben drohten, mußten geschlossen werden, und die Kasperl- und Marionettentheater, Seiltänzer und was dergleichen Leute mehr sind, die beim gewöhnlichen Volke beliebt sind, machten selbst zu, da niemand mehr etwas von ihnen wissen wollte. Denn die Leute hatten nun an anderes zu denken, Grausen und Sorge malten sich auf den Gesichtern selbst der Rohesten. Alle hatten den Tod vor Augen, und jedem war nun das Grab näher als Lustbarkeit und Unterhaltung.

Das waren wohl heilsame Betrachtungen, die, wenn man es richtig verstanden hätte, das Volk auf seine Knie gezwungen hätte, um seine Sünden zu bekennen und den barmherzigen Schöpfer um Gnade anzurufen und sein Mitleid in solcher Zeit der Heimsuchung zu erflehen, wie es einst in Ninive geschah. Aber beim niederen Volke schlugen sie nun ins andere Extrem um. Zuvor schon gedankenlos und leichtfertig, griff es nun in seiner Unwissenheit, Torheit und Angst zu den sinnlosesten Mitteln. Es lief, wie schon erwähnt, um die Zukunft zu erfahren, zu Beschwörern, Hexenmeistern und sonstigen Schwindlern, die es in beständiger Furcht und Unruhe erhielten, um Geld aus ihm herauszulocken. Ebenso wild war es hinter Quacksalbern und Marktschreiern her und ließ sich von jedem alten Kräuterweib mit Pillen, Tränken und Schutzmitteln vollstopfen, daß nicht nur das Geld hinausflog, sondern auch statt des Seuchengiftes ein anderes Gift in den Körper hineinkam. So machten die, die sich vor der Pest schützen wollten, sich erst recht für die Ansteckung empfänglich. Anderseits kann man es kaum glauben oder sich vorstellen, wie die Straßenecken und Hauswände über und über mit Anschlagzetteln von Ärzten bedeckt waren, mit Anzeigen von unwissenden, quacksalbernden Burschen, die die Leute einluden, sie aufzusuchen und ihnen Schutzmittel anpriesen. Die Sprache solcher Anpreisungen war echt marktschreierisch. Z. B.: Unfehlbar vorbeugende Pillen gegen die Pest; untrügliche Schutzmittel gegen die Ansteckung; höchst vortreffliche Tränke gegen die Fäulnis der Luft; genaue Anweisung sich im Falle der Ansteckung zu verhalten; Antipestpillen; unvergleichliche noch niemals zusammengestellte Mixtur gegen die Seuche; Universalmittel gegen die Pest; das einzig echte Pestwasser; das königliche Gegenmittel gegen alle Arten der Ansteckung, und noch eine ganze Anzahl mehr, die ich nicht anführen kann, da ich sonst ein eigenes Buch schreiben müßte.

Andere wieder klebten Anzeigen an, um sich den Leuten für Rat und Hilfe im Falle der Ansteckung zu empfehlen. Auch da gab es Titel, die sich gewaschen hatten, wie die folgenden:

Hervorragender hochdeutscher Arzt, eben von Holland gekommen, wo er sich während des ganzen Verlaufs der großen Pest aufhielt, letztes Jahr in Amsterdam, hat Haufen von Leuten geheilt, die wahrhaftig an der Pest erkrankt waren.

Italienerin von Stande, gerade von Neapel angelangt, besitzt ein besonderes Geheimnis, um die Ansteckung zu verhindern, das sie durch ihre tiefe Wissenschaft entdeckte, und womit sie bei der letzten Pest, an der 20000 in einem Tage starben, wundervolle Kuren vollführte.

Alte Dame, die mit großem Erfolg während der Londoner Seuche von 1636 ihre Kunst ausübte, gibt Rat nur an Frauen. Sprechstunde usw.

Erfahrener Arzt, der lange das Studium der Gegenmittel gegen alle Arten von Giften und Ansteckungen betrieb, hat sich nach vierzigjähriger Praxis eine solche Geschicklichkeit erworben, daß er, mit Gottes Hilfe, jedermann vor der Ansteckung irgend welcher Seuche schützen kann. Arme werden umsonst behandelt.

Ich führe das nur als Beispiele an, von denen ich noch ein paar Dutzend geben könnte, ohne meinen Vorrat zu erschöpfen. Doch mögen diese genügen, um einen Begriff von der Gemütsverfassung dieser Zeit zu geben. Nicht nur, daß ein Haufen von Schwindlern und Geldschneidern den armen betrogenen Leuten das Geld aus der Tasche stahl, wurden sie auch mit gräulichen und gefährlichen Mitteln vergiftet. Einige mit Quecksilber, andere mit ebenso schädlichem Zeug, das weit entfernt war, die versprochenen Wirkungen hervorzubringen und im Falle einer Ansteckung dem Körper eher schadete als nützte.

Doch von einem Schlich eines dieser Quacksalber muß ich doch noch erzählen, mit dem er die armen Teufel an sich heranlockte und sie um ihr Geld brachte. In einem Nachtrag stand auf den Zetteln, die er auf der Straße austeilte, in dickgedruckten Buchstaben: Behandlung der Kranken umsonst.

Natürlich drängten sich die Leute zu ihm, worauf er ihnen die schönsten Reden hielt, sie auch auf ihren Gesundheitszustand hin untersuchte und ihnen manche Ratschläge gab, die freilich nicht viel wert waren. Sie kamen immer darauf hinaus, daß er eine Medizin besitze, die allmorgendlich genommen, jeden, bei Verpfändung von des Doktors Leben, vor der Pest schützen würde, selbst wenn er mit kranken Leuten in einem Hause wohnte. Natürlich brannten nun alle darauf, dieses Mittel zu haben, aber der Preis war sehr hoch, ich glaube, 2½ Schillinge. »Aber Herr,« sagte eine arme Frau, »ich bin eine Armenhäuslerin, und werde vom Kirchspiel erhalten, und Ihr sagt, daß die Armen Eure Hilfe umsonst haben.« -- »So ist es, gute Frau,« entgegnete der Doktor, »wie’s hier gedruckt steht: ich gebe meinen Rat, aber nicht meine Medizin!« -- »Dann, Herr,« sagt sie, »ist es eine Schlinge für die Armen; Ihr gebt ihnen wohl Euren Rat umsonst, nämlich den Rat, Eure Medizin für ihr Geld zu kaufen, wie es jeder Händler mit seinen Waren macht.« Darauf fing sie zu schimpfen an und blieb den ganzen Tag vor seiner Türe stehen, indem sie allem Volk, das kam, ihre Geschichte erzählte, bis der Doktor, als er sah, daß sie ihm alle Kunden vertrieb, sich genötigt sah, sie nach oben zu rufen und ihr eine Schachtel seiner Medizin für nichts zu geben, die ihr wahrscheinlich auch zu nichts taugte.

Aber die Verwirrung, in der sich das Volk befand, war eben geeignet, es für das Gerede jedes Schwindlers empfänglich zu machen. Zweifellos zogen diese quacksalbernden Burschen einen großen Gewinn aus der Torheit der bejammernswerten Leute, denn das Gedränge vor ihren Türen und das Gelaufe zu ihnen war viel größer als vor den Wohnungen von Dr. Brooks, Dr. Upton, Dr. Hodges, Dr. Berwick oder sonst irgendeinem der damals berühmtesten Ärzte, und ich habe mir sagen lassen, daß einige dieser Marktschreier durch ihre Medizinen nicht weniger als 5 Pfund im Tage verdienten.

Aber noch eine andere Verrücktheit gab es, die über all dies hinausging, und eine gute Vorstellung von dem vertrackten Gemütszustand des Volkes in jener Zeit gibt. Es lief noch hinter einem weit schlimmeren Pack von Betrügern her als alle die schon erwähnten waren, die es doch nur täuschten, um Geld aus ihm herauszuziehen, so daß die Schlechtigkeit ganz auf ihrer Seite war und nicht bei den Betrogenen. Bei dem aber, was ich jetzt erzählen werde, waren beide Teile gleich schuldig. Das war das Tragen von Amuletten, Beschwörungsformeln, Zaubermitteln und, was weiß ich, sonst noch für Zeug, um den Körper gegen die Seuche »fest« zu machen, so als ob die Pest nicht von Gott geschickt worden wäre, sondern gleichsam von einem bösen Geiste hervorgebracht würde, gegen den man sich durch kreuzförmige Striche, astrologische Zeichen, mit so und so vielen Knoten zusammengebundene Papiere, auf die gewisse Worte und Zeichen geschrieben waren, schützen könne. Für besonders wirksam galt das Wort Abracadabra, dreiecks- oder pyramidenförmig geschrieben, so nämlich:

~A B R A C A D A B R A A B R A C A D A B R A B R A C A D A B A B R A C A D A A B R A C A D A B R A C A A B R A C A B R A A B R A B A~

Andere trugen das Zeichen der Jesuiten in einem Kreuz:

~I H S~

und noch andere machten nichts als ein gleichschenkeliges Kreuz:

+

Ich könnte einen großen Teil meiner Zeit aufwenden, um gegen solche Narrheiten zu eifern, denn sie bedeuten wirklich eine Leichtfertigkeit in einer Zeit derartiger Gefahr und Volksverseuchung, aber meine Aufzeichnungen wollen hauptsächlich die Tatsache als solche festlegen. Wie viele dieser armen Teufel später die Wirkungslosigkeit von all diesem Zeug herausfanden, wie viele in den Leichenkarren fortgeschafft und mitsamt ihren Amuletten und ihrem teuflischen Quark um den Hals in die Massengräber geworfen wurden, das wird im folgenden noch besprochen werden.

Alles dies war die Folge von der Kopflosigkeit, die das Volk ergriffen hatte, nachdem das erste Gerücht von der Pest sich ausbreitete, also ungefähr um Michaeli 1664, dann besonders, als die beiden Männer in St. Giles Anfang Dezember starben, und später noch einmal im Februar. Denn als nun die Seuche offenbar weiter um sich griff, begannen die Leute bald den Unsinn einzusehen, sich solchen unnützen Kerlen anzuvertrauen, die ihnen nur das Geld aus der Tasche zogen. Dann schlug ihre Angst in Stumpfheit und eine Art von Fühllosigkeit um, da sie nicht wußten, was sie tun oder lassen sollten, um sich Erleichterung zu verschaffen. Sie rannten von einem Nachbarn zum andern, oder auch in den Straßen herum, von einer Tür zur andern und riefen fortwährend: Herr, hab’ Mitleid mit uns, was sollen wir tun?

Ich glaube jetzt selbst, daß gleich nach dem ersten Auftreten der Seuche die Behörden die Lage des Volkes in ernsthafte Erwägung zogen. Ich werde gleich berichten, was geschah, um die Ordnung in Hinsicht auf die Bevölkerung und die verseuchten Familien aufrechtzuerhalten. Aber was den geistigen Gesundheitszustand anbetrifft, muß erwähnt werden, daß ich selbst das verrückte Wesen der Leute beobachtet habe, die wie Wahnsinnige hinter den Quacksalbern, Schwindlern, Wahrsagern und Hexenmeistern her waren. Der Lordmayor, ein sehr gewissenhafter und frommer Mann, bestimmte Ärzte und Bader zur Hilfe für die Armen, wenn sie krank wurden und befahl insbesondere dem Ärztekollegium, Leitsätze für billige Heilmittel bei allen Symptomen der Seuche herauszugeben. Das war auch wirklich eine der besten und richtigsten Maßregeln, die zu jener Zeit getroffen werden konnte; denn dadurch vertrieb man das Volk von den Türen der Quacksalber und bewahrte es davor, jedes Gift wahllos als Medizin hinunterzuschlucken und sich den Tod statt der Genesung zu holen.

Die Anweisung der Ärzte wurde in einer Sitzung des ganzen Kollegiums ausgearbeitet, und da sie hauptsächlich zum Gebrauch der Armen und zur Anwendung billiger Heilmittel berechnet war, wurde sie veröffentlicht und Abzüge an jeden gegeben, der davon haben wollte. Da sie überall im Wortlaut zu lesen ist, brauche ich den Leser damit nicht weiter zu belästigen.

Noch muß ich schildern, welche Maßregeln von den Behörden für die allgemeine Wohlfahrt getroffen wurden, um die Weiterverbreitung der Seuche zu verhindern, wenn sie einmal ausgebrochen war. Ich werde oft genug Veranlassung haben, von der Umsicht der Behörden zu reden, ihrer Wohltätigkeit und Sorgfalt für die Armen, ihrem Bemühen, die Ordnung aufrechtzuerhalten, Nahrungsmittel herbeizuschaffen und dergleichen mehr, als die Seuche nun wirklich zunahm. Aber zuerst will ich die Maßregeln beschreiben, die für die verseuchten Familien in Kraft traten.

Ich erwähnte schon früher das Absperren der Häuser, und es muß gerade darüber mehr gesagt werden. Wenn auch dieser Teil der Geschichte der Pest vielleicht der allertraurigste ist. Aber auch das Ärgste darf nicht verschwiegen werden.

Anfang Juni etwa begannen der Lordmayor von London und das Ratskollegium ihr besonderes Augenmerk auf die Ordnung in der Stadt zu richten.

Die Friedensrichter von Middlesex hatten im Auftrage des Staatssekretärs die Absperrung der Häuser in den Kirchspielen von St. Giles in the Fields, St. Martin, St. Clement Danes usw. verfügt, und zwar mit gutem Erfolge. Denn in mehreren Straßen, wo die Seuche ausgebrochen war, erlosch sie wieder, als man die verseuchten Häuser streng bewachte und dafür sorgte, daß die Verstorbenen sofort nach ihrem Tode begraben wurden. Es wurde auch beobachtet, daß die Pest früher in jenen Kirchspielen nachließ, wo sie zuerst am heftigsten gewütet hatte, als in Bishopsgate, Shoreditch, Aldgate, Whitechapel, Stepney und anderen, und es zeigte sich, daß die dort frühzeitig ergriffenen Maßregeln ein gutes Mittel waren, der Seuche Einhalt zu tun.

Die Absperrung der Häuser war eine Maßregel, die, soweit ich unterrichtet bin, zum ersten Male während der Pest von 1603, als König Jakob I. auf den Thron kam, angewendet wurde. Damals wurde die Vollmacht, Leute in ihren eigenen Häusern abzusperren, durch eine Parlamentsakte gewährleistet, deren Titel lautete: Beschluß über die mildtätige Unterstützung und Behandlung von an der Pest erkrankten Personen. Auf diese Parlamentsakte stützte sich die Anordnung des Lordmayors von London und des Ratskollegiums, die am 1. Juli 1665 herauskam, als die Zahl der Verseuchten innerhalb der City noch klein war. Sie betrug damals für die 92 Kirchspiele nur vier. Einige Häuser waren bereits abgesperrt worden, und mehrere Kranke hatte man in das Pesthaus über Bunhill Fields hinaus, auf dem Wege nach Islington, gebracht. Durch derartige Maßregeln hatte man erreicht, daß die Sterblichkeit in der City sich auf nicht mehr als 28 belief, während die Gesamtsterblichkeit innerhalb einer Woche schon an ein Tausend ging. So war die City verhältnismäßig besser dran als irgendein Stadtteil während der ganzen Pestzeit.

Diese Verfügungen des Lordmayors wurden gegen Ende Juni veröffentlicht und traten am 1. Juli in Kraft. Sie lauteten:

Beschluß beraten und herausgegeben vom Lordmayor und Ratskollegium der Stadt London in Betreff der Ansteckung durch die Pest, 1665.

Nachdem während der Regierung des Königs Jakob, glücklichen Gedenkens, eine Parlamentsakte erschien über die mildtätige Unterstützung und Behandlung von an der Pest erkrankten Personen, wodurch den Friedensrichtern, Bürgermeistern, Landvögten und anderen Oberbehörden Gewalt verliehen wurde, innerhalb ihres Amtsbezirkes Leichenbeschauer, Visitatoren, Wachleute, Aufseher und Totengräber zu bestimmen für die verseuchten Personen und Orte und sie auf die Pflichten ihres Ortes zu vereidigen, das gleiche Gesetz sie auch ermächtigte, weitere Verfügungen zu treffen, die ihnen in der gegenwärtigen Notlage als wünschenswert erscheinen möchten, so wird hiermit nach reiflicher Überlegung als besonders wirksam zur Verhinderung und Vermeidung der Ansteckung (so es dem allmächtigen Gott gefällt) verordnet, daß die folgenden Amtspersonen ernannt und die Verfügungen genau beobachtet werden.

In jedem Kirchspiel zu ernennende Visitatoren

Erstlich erscheint es erforderlich und wird hiermit verfügt, daß in jedem Kirchspiel ein, zwei oder mehr Personen von gutem Ruf und Ansehen durch den Ratsherrn, seinen Vertreter und das Pflegschaftsgericht unter dem Namen von Visitatoren verpflichtet werden, um in ihrem Amte für die Mindestdauer von zwei Monaten zu bleiben; daß ferner jede dazu taugliche Person, so sie sich weigern sollte, ihr Amt zu übernehmen, gefangen gesetzt würde, bis sie ihre Zustimmung erklären sollte.

Amtsbefugnisse der Visitatoren

Daß diese Visitatoren durch die Ratsmänner in geschworne Pflicht genommen werden, von Zeit zu Zeit zu untersuchen und auszuforschen, welche Häuser in jedem Kirchspiel verseucht, welche Personen und an welchen Übeln sie erkrankt seien, und zwar nach bestem Wissen und Gewissen, und daß sie in zweifelhaften Fällen sich zwangsweise Eintritt verschaffen, bis die Art der Erkrankung festgestellt ist; daß sie ferner, wenn eine Person an der Seuche erkrankt sollte befunden werden, dem Konstabler befehlen, das Haus abzusperren, und falls solcher als nachlässig befunden werden sollte, dies sofort dem Pflegschaftsrichter zur Anzeige bringen.

Wächter

Daß für jedes verseuchte Haus zwei Wächter bestellt werden, einer für den Tag, der andere für die Nacht, und daß diese Wächter dafür zu sorgen haben, daß kein Mensch ein solches verseuchtes Haus, das sie zu bewachen haben, betrete oder verlasse, bei Androhung schwerer Strafe. Auch haben besagte Wächter solche Hilfe zu leisten, als in dem verseuchten Hause verlangt und gefordert werde und, falls sie zur Ausführung irgendeines Auftrages weggeschickt werden, das Haus abzuschließen und den Schlüssel mit sich zu nehmen. Und hat der Tagwächter seinen Dienst bis 10 Uhr abends zu versehen, der Nachtwächter bis 6 Uhr des Morgens.

Leichenbeschauer

Daß besondere Sorge darauf gerichtet werde, weibliche Leichenbeschauer in jedem Kirchspiel zu ernennen, die als anständig bekannt sind und am besten dazu geeignet, und daß sie eidlich verpflichtet werden, ihr Amt nach bestem Wissen und Gewissen auszuführen und wahrheitsgemäße Berichte abzustatten, ob die von ihnen untersuchten Personen an der Pest oder an was sonst für Krankheiten gestorben sind, und daß die Ärzte, die zur Behandlung und Verhinderung der Ansteckung ernannt wurden, besagte Leichenbeschauerinnen herbeiholen, die für die unter ihrer Aufsicht stehenden Kirchspiele bestimmt wurden oder werden, um zu entscheiden, ob sie für ihr Amt geeignet seien, und sie von Zeit zu Zeit nach Bedarf ermahnen, falls sie nachlässig in der Ausübung ihrer Pflichten befunden werden.

Daß während der Dauer der Seuche keine Leichenbeschauerin soll befugt sein, irgendeinen öffentlichen Beruf auszuüben, einen Laden oder Stand zu halten, oder als Wäscherin oder in irgendeiner sonstigen Beschäftigung zu arbeiten.

Wundärzte

Zur Unterstützung der Leichenbeschauer und infolge der großen Unzuträglichkeiten bei falschen Angaben über die Seuche, die zur Ausbreitung der Ansteckung führten, wird hiermit verfügt, daß fähige und zuverlässige Wundärzte außer jenen, die bereits dem Pesthaus angegliedert sind, bestimmt werden, und die auf die City und die äußeren Bezirke, je nach Bedarf und Zweckmäßigkeit zu verteilen sein sollen, so daß jeder von ihnen ein Quartier als Amtsbezirk habe, und sollen besagte Wundärzte in ihren Bezirken zusammen mit den Leichenbeschauern die Aufsicht über die Leichen ausüben, um dadurch einen wahrhaftigen Bericht über die Seuche zu gewährleisten.

Und ferner, daß besagte Wundärzte sollen aufsuchen und untersuchen alle Personen, die sie holen lassen, oder von den Visitatoren in jedem Kirchspiel ihnen bezeichnet oder angewiesen werden, um sich über die Krankheit obiger Personen zu unterrichten.

Und desweilen besagte Wundärzte alle sonstigen Behandlungen sollen aufzugeben gehalten sein und ausschließlich für die Seuche verwendet werden, wird verfügt, daß jeder der besagten Wundärzte für eine jede besichtigte Leiche 12 Pence erhalten soll, die aus dem Vermögen der betr. Familie genommen werden sollen, wenn sie zahlungsfähig ist, und sonst dem Kirchspiel zur Last fallen.

Pflegewärterinnen

So eine Pflegewärterin sich aus einem verseuchten Hause entfernt, ehe 28 Tage seit dem Hinscheiden irgendeiner an der Seuche verstorbenen Person vergangen sind, soll das Haus, in das besagte Pflegewärterin verzogen, für 28 Tage abgesperrt werden.

Verfügungen betreffend verseuchte Häuser und die an der Pest Erkrankten

Anzeigepflicht von Krankheiten

Jeder Hausherr ist verpflichtet, sobald ein Inwohner seines Hauses über Beulen, rote Flecken oder Schwellungen an irgendeinem Teile seines Körpers klagt, oder ohne klares Anzeichen eines anderen Leidens in schwere Krankheit verfällt, davon sofort dem Gesundheitsvisitator Anzeige zu erstatten binnen zwei Stunden, nachdem erwähnte Erscheinungen eingetreten sind.

Absonderung der Kranken