Part 2
Dieser Gedankengang lag mir; meine Gedanken neigten sich mehr als je dazu, zu bleiben, und wurden durch eine heimliche Sicherheit unterstützt, daß ich vor dem Tode bewahrt werden würde. Ich blätterte in der Bibel, die vor mir lag, und während ich meinen Geist mit ungewöhnlichem Ernste auf das richtete, was mir fragwürdig schien, rief ich: »Ich weiß nicht, was ich tun soll, Herr, leite du mich!« und dabei hörte ich auf, in der Bibel zu blättern, beim 91. Psalm, und indem mein Auge auf den zweiten Vers fiel, las ich bis zum siebenten, den aber nicht, und schob dafür den zehnten ein, folgendermaßen: Der spricht zu dem Herrn: Meine Zuversicht und meine Burg, mein Gott, auf den ich hoffe. Denn er errettet mich vom Strick des Jägers und von der schädlichen Pestilenz. Er wird dich mit seinen Fittigen decken, und deine Zuversicht wird sein unter seinen Flügeln. Seine Wahrheit ist Schirm und Schild, daß du nicht erschrecken müssest vor dem Grauen des Nachts, vor den Pfeilen, die des Tages fliegen, vor der Pestilenz, die im Finstern schleichet, vor der Seuche, die im Mittag verderbet. Ob tausend fallen zu deiner Seite, und zehntausend zu deiner Rechten, so wird es doch dich nicht treffen. Ja, du wirst mit deinen Augen deine Lust sehen, und schauen, wie es den Gottlosen vergolten wird. Denn der Herr ist deine Zuversicht, der Höchste ist deine Zuflucht. Es wird dir kein Übels begegnen, und keine Plage wird zu deiner Hütte sich nahen. --
Ich brauche dem Leser kaum zu sagen, daß ich mich von diesem Augenblicke an entschloß, in der Stadt zu bleiben und mich ganz der Güte und dem Schutz des Allmächtigen zu überlassen, ohne irgendeine andere Zuflucht zu suchen. Da meine Tage in seinen Händen waren, war er imstande, mich in einer Zeit der Seuche wie in guten Zeiten zu erhalten. Wenn es ihm nicht richtig schien, mich zu bewahren, war ich doch in seinen Händen, und es war seine Sache, mit mir nach seinem Gutdünken zu verfahren.
Mit diesem Entschluß ging ich zu Bett, und der nächste Tag bestärkte mich weiter darin, denn die Frau, der ich mein Haus und alle meine Angelegenheiten hatte übergeben wollen, fiel in Krankheit. Und ich selbst erhielt einen Wink von derselben Seite, denn auch ich befand mich am folgenden Tage recht wenig wohl. Hätte ich also auch fortgehen wollen, so wäre ich dazu nicht imstande gewesen. Mein Unwohlsein dauerte drei oder vier Tage, und damit war mein endgültiger Entschluß zum Bleiben gefaßt. Ich nahm daher Abschied von meinem Bruder, der sich nach Dorking begab, in Surrey, und dann weiterhin nach Buckinghamshire oder Bedfordshire, nach einer Zufluchtsstätte, die er für seine Familie entdeckt hatte.
Es war eine sehr böse Zeit, um krank zu sein, denn von jedem, der klagte, hieß es, er habe die Pest, und obwohl sich bei mir keinerlei Symptome dieser Seuche zeigten, war ich doch nicht ohne Angst, da ich starke Schmerzen im Kopf und Magen verspürte, daß ich wirklich angesteckt worden wäre. Doch nach etwa drei Tagen begann es mir besser zu gehen, in der dritten Nacht schlief ich gut, schwitzte etwas und erwachte recht erfrischt. Die Furcht vor der Ansteckung verließ mich mit der Krankheit, und ich ging wie gewöhnlich meinen Geschäften nach.
Alle Gedanken an Flucht waren mir aber vergangen, und da mein Bruder nun auch fort war, gab es über diesen Gegenstand keine Überlegungen mehr, weder mit ihm noch mit mir selbst.
Es war jetzt Mitte Juli, und die Pest, die hauptsächlich am andern Ende der Stadt gewütet hatte, in den Kirchspielen von St. Giles, St. Andrew, Holborn und gegen Westminster zu, begann sich nun nach Osten auszudehnen, gegen den Stadtteil, wo ich wohnte. Merkwürdigerweise ging sie nicht in gerader Linie vor, denn die City, d. h. die innere Stadt, war noch immer verhältnismäßig unverseucht, und auch über dem Fluß, in Southwark, war noch nicht viel zu spüren. Obwohl in dieser Woche im ganzen 1268 starben, davon wahrscheinlich über 900 an der Pest, trafen auf die innere Stadt nur 28 und nur 19 auf Southwark, das Lambeth-Kirchspiel eingeschlossen, während in den Kirchspielen von St. Giles und St. Martin in the Fields allein 421 starben.
Es war zu beobachten, das sich die Seuche hauptsächlich in den äußeren Kirchspielen hielt, die sehr dicht bevölkert waren, besonders von armen Leuten. Dort fand die Seuche einen besseren Boden als in der City, worüber später mehr. Es war also, wie gesagt, zu beobachten, daß die Seuche auf uns zu kam, durch die Kirchspiele von Clerkenwell, Cripplegate, Shoreditch und Bishopsgate, welch’ letztere beiden an Aldgate, Whitechapel und Stepney grenzen. Dort entfaltete sie später ihre äußerste Wut und Heftigkeit, als sie in den westlichen Kirchspielen, wo sie ausgebrochen war, schon nachgelassen hatte.
Es war sehr seltsam, daß in dieser Woche, vom 4. bis zum 11. Juli im Kirchspiel von Aldgate nur 4, in dem von Whitechapel nur 3 starben und in Stepney nur 1, während die Seuche in den beiden Kirchspielen von St. Martin und St. Giles in the Fields nahe an 400 hinwegraffte.
Auch in der nächsten Woche, vom 11. bis 18. Juli, starben auf der ganzen Seite von Southwark nur 16 bei einer Gesamtsterblichkeit von 1761.
Aber das änderte sich bald, und besonders Cripplegate und Clerkenwell wurden betroffen, so daß in der zweiten Augustwoche in Cripplegate allein 886 beerdigt werden mußten, und in Clerkenwell 155. Davon waren in Cripplegate wohl 850 an der Pest gestorben; in Clerkenwell gab das Register selbst 145 Pestfälle zu.
Während des Monats Juli, als unser Stadtteil im Vergleich zu den Westgegenden noch ziemlich frei schien, ging ich wie gewöhnlich auf die Straße, wie es gerade meine Geschäfte mit sich brachten, und begab mich regelmäßig alle Tage oder jeden zweiten Tag in die City zum Hause meines Bruders, das er meiner Sorge übergeben hatte, um nachzusehen, ob alles in Ordnung war. Da ich den Schlüssel in der Tasche hatte, schloß ich meistens das Haus auf und ging durch alle Räume. Denn obwohl es unglaublich klingt, daß in solchen Zeiten des Elends jemand das Herz haben sollte zu stehlen und zu rauben, war es doch so, daß alle Arten von Schändlichkeiten, Liederlichkeiten und sogar Ausschweifungen so offen als jemals begangen wurden, wenn auch vielleicht nicht so häufig, weil die Bevölkerung doch aus vielen Gründen abgenommen hatte.
Und nun kam die Seuche auch an die innere Stadt, die eigentliche City. Dort waren die Inwohner arg zusammengeschmolzen, da sie haufenweise die Flucht ergriffen hatten und auch den ganzen Juli hindurch noch flohen, obschon nicht in solcher Anzahl wie zuvor. Im August nahm dann das Flüchten wieder so zu, daß ich fast glaubte, es würden nur noch Beamte und Dienstboten in der City zurückbleiben.
Der Hof war schon früher, im Monat Juni, verlegt worden. Er begab sich nach Oxford, wo er durch die Gnade Gottes bewahrt blieb. Soviel ich hörte, blieb er von der Seuche gänzlich unberührt, wofür er aber keine große Dankbarkeit an den Tag legte oder irgendein Zeichen der Besserung, obwohl es ihm nicht erst gesagt zu werden brauchte, daß seine offenkundigen Laster nicht wenig dazu beigetragen haben mochten, dieses schreckliche Gericht über das ganze Volk zu bringen.
Das Aussehen Londons war jetzt wirklich sehr verändert. Ich meine die ganze Häusermasse, City, Vorstädte, Westminster, Southwark, alles zusammen. Die eigentliche Stadt, innerhalb der Stadtmauern, war noch nicht stark verseucht. Aber doch war, wie gesagt, das allgemeine Aussehen ein anderes geworden. Sorge und Trauer zeigten sich auf allen Gesichtern, und obschon einige Stadtteile noch ziemlich frei waren, sahen doch alle Leute sehr bekümmert aus. Immer näher sahen wir die Seuche kommen, und jeder mußte sich selbst und seine Familie für aufs äußerste gefährdet halten. Wäre es möglich, jenen, die sie nicht erlebt haben, diese Zeit ganz vor Augen zu bringen, und den Lesern eine richtige Vorstellung von dem Grauen zu geben, das überall herrschte, so müßte es ihnen einen unauslöschlichen Eindruck machen und sie mit höchster Bestürzung erfüllen. Man kann wohl sagen, daß ganz London in Tränen schwamm. Zwar gingen die Trauernden nicht auf die Straße, kleideten sich auch nicht in Schwarz, nicht einmal für die nächsten Freunde, aber die Stimme der Trauer hallte doch durch alle Straßen. Das Geschrei der Frauen und Kinder an den Fenstern und Haustüren, hinter denen die nächsten Anverwandten vielleicht im Sterben oder schon als Leichen lagen, war so häufig zu hören, während man durch die Straßen ging, daß es auch dem Mutigsten durch Mark und Bein gehen mußte. Weinen und Klagen fast in jedem Hause, besonders in der ersten Zeit der Seuche. Denn später stumpften sich die Herzen ab. Der Tod war beständig vor unsern Augen, und auch der Verlust der Freunde kümmerte den nicht mehr viel, der vielleicht schon in der nächsten Stunde das eigne Leben zu verlieren erwarten mußte.
Die Geschäfte führten mich zuweilen an das andere Ende der Stadt, als die Seuche dort am stärksten herrschte, und da mir wie übrigens jedem andern die Sache noch neu war, sah ich mit keiner kleinen Überraschung, wie verödet die sonst so belebten Straßen waren, in denen man kaum hier und da einen Menschen antraf. Wäre ich ein Fremder gewesen, hätte ich manchmal ganze Straßen lang, wenigstens was die Nebengassen betrifft, kein lebendes Wesen gefunden, um nach dem Wege zu fragen, außer den Wachleuten, die vor den abgesperrten Häusern aufgestellt waren, welchen Umstand ich gleich näher erklären werde.
Als ich eines Tages in einer besonderen Angelegenheit in jenem Teile der Stadt war, bewog mich die Neugier, alles genauer als sonst zu betrachten. Ich ging daher eine große Strecke weiter, wo ich eigentlich nichts zu tun hatte. In Holborn waren viele Leute auf der Straße, aber sie gingen alle in der Mitte, weder rechts noch links, um, wie ich vermute, ein Zusammentreffen mit jedem zu vermeiden, der etwa aus einem Hause herauskäme, und auch, um den Gerüchen zu entgehen, die aus den verseuchten Häusern drangen.
Die Rechtskollegien waren alle geschlossen, und auch im Temple, in Lincolns Inn oder Grays Inn fand man nur wenige Rechtsanwälte. Es gab keine Prozesse mehr, also hatten sie nichts zu tun, abgesehen von den Gerichtsferien, die die meisten dazu benutzten, aufs Land zu gehen. An einigen Plätzen waren ganze Häuserreihen sorgsam verschlossen. Die Bewohner waren alle geflohen, nur ein oder zwei Wachleute zu sehen.
Wenn ich sage, daß ganze Häuserreihen verschlossen waren, so meine ich nicht, daß das auf Befehl der Behörden geschehen war. Eine Menge Leute waren dem Hofe gefolgt, in dessen Diensten sie standen, und auch andere waren aus Angst vor der Pest geflohen, so daß manche Straßen völlig verödet erschienen. Die Furcht war damals in der eigentlichen City noch lange nicht so groß, denn wenn auch anfangs dort ein unaussprechliches Entsetzen überhandnahm, ging die Seuche zuerst doch oft wieder zurück, so daß die Leute wiederholt aufgeschreckt wurden und sich dann wieder beruhigten, bis sie sich endlich daran gewöhnten. Selbst wenn die Seuche dann von neuem heftiger auftrat, verloren sie nicht mehr den Mut, weil sie sahen, daß sie sich nicht sofort in der City, den östlichen und südlichen Teilen verbreitete. Und außerdem war alles ein wenig abgestumpft. Es ist nicht zu leugnen, daß eine ungeheure Masse Volkes geflohen war, aber hauptsächlich aus den westlichen Stadtteilen und jenen, die man das Herz der City nennt, also vornehmlich reiche Leute oder solche, die weder Beruf noch Geschäft hatten. Die andern waren im allgemeinen geblieben, in Erwartung des Schlimmsten, so in den äußern Bezirken und Vorstädten, in Southwark, Ratcliff, Stepney, Rotherhithe und da herum, bis auf die wenigen Wohlhabenderen, die unabhängig waren.
Man darf nicht vergessen, daß beim Ausbruch der Seuche London mit all seinen Vorstädten richtig überfüllt an Menschen war. Wenn auch seither die Bevölkerung weiter mächtig zugenommen hat, so waren doch damals, nach Beendigung des Krieges, Auflösung der Heere, und Wiederherstellung der Monarchie die Leute haufenweise nach London gekommen, um sich dort geschäftlich niederzulassen oder bei Hofe Anstellung, Belohnung für geleistete Dienste und was dem mehr ist, zu suchen. Man nahm an, daß auf solche Weise die Stadtbevölkerung um mehr als 100000, ja, wie manche behaupteten, aufs Doppelte gestiegen war. Strömten doch all die zugrunde gerichteten Familien der Königspartei hier zusammen, all die verabschiedeten Soldaten, die sich nun um irgendeinen Handel umsahen, und auch außerdem eine Masse Menschen. Denn der Hof erschien in Pracht und neuem Glanze, das Geld flog nur so hinaus, und die Befriedigung über die Wiederherstellung des Königtums zog nicht wenige Familien nach der Hauptstadt.
Aber nun wieder zurück zum Beginn dieser erstaunlichen Zeit, als die Angst des Volkes erst im Entstehen war. Mehrere seltsame Ereignisse kamen dazu, sie zu verstärken, und wenn man sie nebeneinander hält, muß man sich wirklich wundern, daß nicht das ganze Volk, wie ein Mann, die Heimstätten verließ und sich aus einem Orte flüchtete, den der Fluch des Himmels getroffen hatte, mit allem, was in ihm lebte, vom Erdboden zu verschwinden. Ich will nur einiges davon anführen, von dem vielen, mit dem die Hexenmeister und Schlauköpfe einen solchen Schwindel trieben, daß ich nicht erstaunt gewesen wäre, wenn alle, besonders die Frauen, die Stadt verlassen hätten.
Vor allem war es ein Schweifstern oder Komet, der mehrere Monate vor der Pest am Himmel erschien, gerade wie damals vor der großen Feuersbrunst. Die alten Weiber und jener Teil des stärkeren Geschlechts, den ich auch alte Weiber nennen möchte, beobachteten damals, aber natürlich erst, als beide Heimsuchungen vorüber waren, daß die beiden Kometen unmittelbar über die Stadt hinweggezogen waren, und das so nahe über den Häusern, daß es offensichtlich für die Stadt etwas Besonderes zu bedeuten hatte. Ferner hieß es, daß der Komet, der vor der Seuche erschien, von blasser, matter, flauer Farbe gewesen wäre, sich auch sehr langsam, feierlich und schwerfällig bewegt habe, während der Komet, der die Feuersbrunst anzeigte, hell, glänzend und sprühend ausgesehen hätte und sich schnell und wütend bewegt habe. Woraus hervorgeht, daß der eine eine langsam verlaufende, aber schwere, schreckliche und verderbliche Heimsuchung anzeigte, wie es die Pest ist, der andere aber ein plötzliches, schnell hereinbrechendes Unglück, nämlich die Feuersbrunst. Einige Leute behaupteten sogar, beim raschen Vorüberziehen des Feuerkometen, dessen Bewegung sie mit den Augen folgten, ein gewaltiges, sausendes Getöse vernommen zu haben, wie aus weiter Entfernung, so daß es gerade noch hörbar war.
Ich selbst habe beide Himmelskörper gesehen und muß gestehen, daß auch ich so weit von dem allgemeinen Glauben angesteckt war, um in ihnen die Vorboten und Warnungen des göttlichen Gerichtes zu erkennen, besonders, als auf den ersten die Pest folgte. Als ich dann den zweiten erblickte, konnte ich nicht anders als glauben, daß Gott die Stadt noch nicht genügend gestraft hätte.
Die Furcht des Volkes wurde noch mehr gesteigert durch den Aberglauben jener Zeit, die, ich weiß nicht auf was hin, mehr für Vorhersagungen, astrologisches Gerede, Träume und Altweibergeschwätz empfänglich war, als irgendeine vorher oder nachher. Ob diese unselige Neigung ursprünglich durch die Narreteien jener Leute genährt wurde, die dadurch Geld verdienten, indem sie allerlei Prophezeiungen und Horoskope drucken ließen, weiß ich auch nicht, aber sicher ist es, daß alles Gedruckte auf das Volk einen tiefen Eindruck machte, solches Zeug wie Lilys Almanach, Gadburys Astrologische Prophezeiungen, Poor Robins Kalender und ähnliches mehr, ebenso wie vorgebliche Andachtsbücher. Eins von ihnen trug den Titel: Zieh aus von ihr, mein Volk, damit du nicht zum Mitschuldigen an ihren Seuchen werdest; ein anderes hieß: Guter Rat, ein drittes: Britisches Memento usw. Alle oder fast alle sagten offen oder verschleiert das Verderben der Stadt voraus. Manche Leute stellten sich so begeistert, daß sie, Prophezeiungen ausrufend, durch die Straßen liefen, unter dem Vorgeben, sie wären gesandt, der Stadt Buße zu predigen. Einer besonders schrie in den Straßen wie Jonas in Ninive: Noch 40 Tage, dann wird London zerstört werden! Ganz genau weiß ich allerdings nicht mehr, ob er 40 Tage oder ein paar Tage sagte. Ein anderer trieb sich, bis auf eine Unterhose splitternackt, herum und rief wie jener Mann, von dem Josephus erzählt, der vor der Zerstörung Jerusalems »Wehe Jerusalem« schrie, Tag und Nacht: O des großen und schrecklichen Gottes! Mehr sagte er nicht, sondern wiederholte nur immer wieder dieselben Worte mit einer Stimme und einem Gesicht, in denen sich das Entsetzen malte, während er unaufhörlich weiter rannte, ohne jemals stehen zu bleiben, sich niederzusetzen oder irgendeine Nahrung zu sich zu nehmen, wenigstens nach dem, was ich von ihm gehört habe. Ich sah den armen Teufel mehrmals auf der Straße und würde ihn angeredet haben, aber er wollte weder mit mir noch irgend jemand sonst etwas zu tun haben, sondern fuhr nur fort, sein schauerliches Geschrei von sich zu geben.
Durch derartige Vorfälle wurde das Volk aufs äußerste erregt, besonders, als wie schon berichtet, in den öffentlichen Sterberegistern zwei oder drei Pestfälle in St. Giles erschienen.
Zu all dem kamen noch die Träume der alten Weiber, oder richtiger: die Auslegungen der alten Weiber der Träume anderer Leute. Sie machten Haufen von Menschen geradezu verrückt.
Einige hörten Stimmen, die sie ermahnten fortzugehen, denn es würde eine solche Seuche in London ausbrechen, daß die Lebenden nicht mehr imstande wären, die Toten zu begraben. Andere sahen Erscheinungen in der Luft, und ich glaube, ich darf von beiden, ohne die Gefühle des Mitleids zu verletzen, sagen, daß sie Stimmen hörten, die niemals sprachen und Erscheinungen sahen, die nicht da waren. Aber die Einbildungskraft der Leute war nun einmal wie besessen, und kein Wunder, daß die, die beständig in die Wolken schauten, endlich Umrisse und Gesichter und Erscheinungen sahen, die aus nichts als Dunst und Qualm bestanden. Die einen schrien, sie sähen eine Hand, die ein Flammenschwert mit der Spitze über die Stadt hielte, aus der Wolke hervorkommen; andere erblickten in der Luft Bahren und Särge, die zum Begräbnisplatz zogen. Dann wieder Leichenhaufen, die unbeerdigt herumlagen, -- was eben die Phantasie des armen verwirrten Volkes gerade hervorbrachte.
Ganze Bücher könnte ich mit den Erzählungen solcher Leute anfüllen von dem, was sie täglich gesehen hatten. Und dabei glaubte jeder so fest an das, was er erblickt zu haben vorgab, daß man keinem widersprechen durfte, ohne ihn zum Feinde zu machen oder einerseits roh und unmanierlich, oder frivol und oberflächlich gescholten zu werden. Eines Tages, ehe sich die Pest noch über St. Giles hinaus verbreitet hatte, sah ich mitten auf der Straße einen Haufen Menschen. Aus Neugier ging ich hin und sah, daß sie alle in die Luft starrten, um das gewahr zu werden, was ein altes Weib dort erblickte, nämlich nach ihren eigenen Worten, einen weißgekleideten Engel, der ein feuriges Schwert über seinem Haupte schwang. Sie beschrieb die Gestalt bis ins einzelne mit jeder Bewegung, und die Leute waren voll Begier, sie auch zu sehen, bis endlich einer schrie: Ja, ich seh’s ganz deutlich, da ist ein Schwert, wie’s nur eins gibt; einer sah den Engel, ein anderer sein Gesicht und rief: Was für eine wundervolle Gestalt; und so sah der eine dies und der andere das. Ich schaute ebenso eifrig wie die anderen hinauf, wenn auch wahrscheinlich mit weniger Bereitwilligkeit, mir etwas einreden zu lassen, aber ich konnte nichts sehen als eine weiße Wolke, die auf der einen Seite glänzte, weil auf die andere die Sonne schien. Das Weib versuchte, mir’s zu zeigen, konnte mich aber nicht zum Geständnis bringen, daß ich etwas sah. Denn ich hätte lügen müssen, wenn ich behauptet hätte, ich sähe etwas. Worauf das Weib mich anblickte und meinte, ich lache sie aus, was aber wiederum nur in ihrer Phantasie geschah, weil’s mir wirklich nicht ums Lachen war, sondern ich bei mir überdachte, wie sich die armen Leute durch ihre eigene Einbildungskraft ins Bockshorn jagen ließen. Die Frau wandte sich nun mir zu, nannte mich einen unheiligen Burschen und Spötter, und rief, es sei eine Zeit von Gottes Zorn, sein schreckliches Gericht rücke näher und solche, wie ich, die ihn mißachteten, sollten hinausziehen und zugrunde gehen.
Die herumstehenden Leute schienen ebenso aufgebracht als das Weib selber, und da ich sah, ich könnte sie doch nicht überreden, daß ich sie nicht ausgelacht hätte, und eher Mißhandlungen befürchten mußte, ging ich meines Weges und ließ die Engelserscheinung ebenso wirklich sein wie die des Kometen.
Noch eine andere Begegnung hatte ich am hellichten Tage, in einem engen Durchgang von Petty-France in dem Bishopsgate-Kirchhof, an einer Reihe von Armenhäusern vorbei. Dabei muß ich bemerken, daß es zwei Kirchhöfe im Kirchspiele von Bishopsgate gibt, den einen zwischen dem Platz von Petty-France und der Bishopsgate-Straße, der gerade bei der Kirchtüre aufhört, den andern an dem engen Durchgang, wo die Armenhäuser zur Linken bleiben und eine kleine Mauer mit Holzplanken darauf den Weg rechts begrenzt, während die Stadtmauer noch weiter rechts liegt.
In diesem Durchgang nun stand ein Mann, der durch die Holzplanke in den Kirchhof hineinspähte und so viele Leute um ihn herum, daß man sich gerade noch durchzwängen konnte. Der Kerl sprach mit allem Eifer zu ihnen, und während er bald dahin bald dorthin zeigte, behauptete er einen Geist über einen Grabstein schreiten zu sehen und beschrieb ihn in Gang, Haltung und Aussehen so genau, daß er um alles in der Welt nicht begriff, wie nicht jeder sonst ihn ebensogut sehen sollte. Plötzlich rief er aus: Da ist er! Jetzt geht er da! Nun dort! Jetzt hat er sich umgedreht!, bis er die Leute endlich so beschwatzt hatte, daß einer sich einbildete, er sähe nun auch den Geist. Und so kam er jeden Tag und verursachte förmlich einen Auflauf in diesem engen Durchgang, bis es auf der Kirchenuhr elfe schlug und der Geist gerade so, als ob er abgerufen würde, verschwand.
Ich schaute überall herum, und zwar genau in dem Augenblicke, als der Mann hindeutete, konnte aber auch nicht den Schatten einer Erscheinung erblicken. Aber der arme Teufel tat so bestimmt, daß die Leute Nervenzufälle bekamen und schließlich zitternd und voll Schrecken sich fortschlichen, bis bald nur mehr ganz wenige, die von der Geschichte wußten, sich trauten, den Durchgang zu benutzen. Bei Nacht aber hätte sich niemand, und hätte er’s noch so wichtig gehabt, durchgewagt.
Dieser Geist machte, wie der Mann versicherte, Zeichen gegen die Häuser, gegen den Boden und die Leute, offenbar, um anzudeuten, daß sie haufenweise in diesem Kirchhof begraben würden. Wenigstens verstanden sie’s so. Es kam auch, wie’s der Geist vorhergesagt hatte, und vielleicht sah der Mann Dinge, an die ich niemals geglaubt habe. Ich selbst konnte nichts davon entdecken, so sehr ich mich auch anstrengte.
Man versuchte wohl das Drucken solcher Bücher, die die Leute nur in Verwirrung setzten, zu verbieten, und jene, die sie in Umlauf brachten, zu bestrafen, aber zu rechten Maßregeln kam es doch nicht, da die Regierung, soviel ich weiß, das Volk nicht weiter aufbringen wollte, das so schon am Ende seiner Vernunft war.
Auch mit jenen Geistlichen kann ich mich nicht einverstanden erklären, die durch ihre Predigten das Gemüt ihrer Zuhörer noch mehr niederdrückten, statt es zu erheben. Manche taten es zweifellos, um den Mut der Leute zu stärken und sie zur Buße anzuhalten. Aber diesen Zweck erreichten sie doch kaum, jedenfalls nicht verglichen mit dem Schaden, den sie anrichteten.