Die Pest zu London

Part 13

Chapter 133,122 wordsPublic domain

Ich wäre sehr froh, wenn ich den Bericht dieses schrecklichen Jahres mit einigen Beispielen der Dankbarkeit gegen Gott, unsern Erhalter, abschließen könnte, der uns vom Verderben erlöste. Die Umstände dieser Erlösung von dem furchtbaren Feinde hätten die ganze Nation dazu veranlassen müssen. Nur die Hand Gottes und seine Allmacht konnten sie vollbringen. Die Ansteckung spottete aller Gegenmittel, der Tod wütete bis in die letzten Winkel, noch einige Wochen, und in der Stadt wäre keine lebende Seele zurückgeblieben. Überall bemächtigte sich die Verzweiflung der Menschen, Angst verdrängte den letzten Rest von Mut, und auf allen Gesichtern zeigte sich nur noch die äußerste Hoffnungslosigkeit. Und da, als man wohl sagen konnte: Umsonst ist alle menschliche Hilfe, gefiel es Gott, die Wut der Seuche einzudämmen und ihre Bösartigkeit zu lähmen.

Es ist unmöglich, die Veränderung in den Zügen der Leute zu beschreiben, als an jenem Donnerstag das wöchentliche Sterberegister erschien. Eine heimliche Freude und Heiterkeit war auf allen Gesichtern zu sehen. Während man früher sich sorgsam auswich, schüttelte man sich jetzt die Hände. In den Straßen öffneten sich die Fenster, und die Inwohner fragten einander, wie sie sich befänden und ob sie schon die gute Neuigkeit wüßten, daß die Pest nachgelassen habe. Einige taten verwundert und meinten: »Was denn für eine gute Neuigkeit?« Dann riefen die anderen: »Die Pest hört auf, die Liste ist schon auf fast 2000 heruntergegangen!« und nun schrien sie alle miteinander: »Gott sei Dank!« und weinten aus Freude und erklärten, sie hätten noch nichts davon gehört gehabt. Die Seligkeit der Leute war so groß, als wäre das Leben aus dem Grabe zu ihnen zurückgekehrt. Ich könnte eine ganze Reihe der verrücktesten Dinge anführen, die sie im Übermaß ihrer Freude vollführten, wie früher im Übermaß ihrer Verzweiflung, aber ich will’s lieber unterlassen, um den Wert ihres Glückes nicht herabzusetzen.

Jetzt war’s auf einmal mit allen Befürchtungen zu Ende, und das zu früh, denn nun machte es uns nichts mehr aus, einem Mann mit einer weißen Kappe auf dem Kopfe zu begegnen, oder mit einem Tuch um den Hals gewickelt oder hinkend wegen der Geschwülste in der Leistengegend, was uns alle noch eine Woche vorher in den äußersten Schrecken versetzt haben würde. Die ganze Straße war jetzt voll dieser armen Geschöpfe, die sich ihrer unerwarteten Erlösung von ganzem Herzen freuten. Ich würde ihnen sehr Unrecht tun, nähme ich nicht an, daß viele unter ihnen aus voller Seele dankbar waren. Bei den meisten mochte es allerdings zu Recht heißen, was von den Kindern Israels gesagt wurde, als sie nach ihrem Durchzug durch das Rote Meer die Ägypter im Wasser versinken sahen: »Sie lobten Gott, aber bald vergaßen sie seine Werke.«

Doch hier will ich Schluß machen, um nicht tadelsüchtig und vielleicht ungerecht gescholten zu werden, wenn ich mich in Erwägungen einließe, warum die Undankbarkeit und Schlechtigkeit wieder zu uns zurückkehrte, deren Zeuge ich seitdem oft genug gewesen bin. Daher werde ich die Schilderung dieses unseligen Jahres mit einem schlechten aber gutgemeinten Verschen eigener Mache beschließen, das ich an das Ende meiner Tagebücher setzte in demselben Jahre, in dem sie geschrieben wurden.

Im Jahre fünfundsechzig hat’s Die Pest in London gegeben, An Hunderttausend nahm sie mit, Doch ich, ich blieb am Leben!

Nachwort des Übersetzers

Es liegt wohl an der Grausigkeit des Stoffes, daß das »Tagebuch aus dem Pestjahr« (Journal of the Grand Plague of London. -- London 1723), abgesehen von einer unauffindbaren Übersetzung aus dem 18. Jahrhundert, jetzt wohl zum erstenmal in deutscher Sprache erscheint. Wer es mit seinen, bis in die kleinsten und unbedeutendsten Einzelheiten gehenden Schilderungen durchgelesen hat, dürfte einigermaßen erstaunt sein, zu hören, daß es von einem 61jährigen Manne geschrieben wurde, der zurzeit der großen Pest 4 Jahre alt war, und daher aus eigener Anschauung nichts und vom Hörensagen kaum allzuviel über jenes Ereignis wissen konnte. Auch mit gründlichen Quellenstudien hat Defoe sich sicherlich nicht abgegeben. Das geht einmal aus der ungemeinen Flüchtigkeit bei der Abfassung des Werkes hervor, die in zahlreichen Widersprüchen und noch viel zahlreicheren oft wörtlichen Wiederholungen (die in der Übersetzung ein wenig beschnitten wurden) zutage tritt, dann aus dem Umstande, daß er im gleichen Jahre, außer einem religiösen Traktat und einer Gelegenheitsschrift, noch eine Kriminalgeschichte und zwei umfangreiche Romane veröffentlichte. Daß trotzdem in dem »Pestbuche« ein Werk entstehen konnte, das trotz Robinson von vielen für die beste Arbeit Defoes gehalten wird und selbst wohlunterrichtete Männer der Wissenschaft dazu verführte, in ihm eine historische Quelle für die damaligen Zustände zu sehen, erklärt sich aus der besonderen Natur von Defoes Schaffensweise. Er besaß, neben einer erstaunlichen Fruchtbarkeit, im allerhöchsten Maße die Gabe, die man »Wirklichkeitsphantasie« nennen könnte, d. h. die Fähigkeit, sich in eine erdichtete und bloß vorgestellte Umwelt ganz und gar hineinzuversetzen und so völlig in ihr aufzugehen, als ob er tatsächlich darin zu leben und sich ihr anzupassen hätte. Da er aber in allen möglichen Tätigkeiten sich versucht hatte und als überaus vielseitiger Journalist auf fast jedem Gebiete der öffentlichen Angelegenheiten zu Hause war, fand seine Phantasie immer Schranken und Anhaltspunkte an den ihm wohlvertrauten Umständen und Verhältnissen aller Seiten des menschlichen Lebens. Das behütete sie davor, ins Uferlose zu schweifen und gibt den vielleicht phantasievollsten Werken der Weltliteratur den Anschein einer fast grausamen Nüchternheit. Darum wird die einzigartige Begabung Defoes bei den Lesern nicht immer die ihr gebührende Wertschätzung finden, wer aber gerade das vorliegende Buch als bewußte Mystifikation mit ähnlichen Werken der neuesten Zeit vergleicht, möchte doch vielleicht das Urteil Walter Scotts nicht allzu übertrieben finden, daß Defoe, würde er auch den Robinson nicht geschrieben haben, für sein »Pesttagebuch« die Unsterblichkeit verdient hätte.

Daniel Defoe: Die Romane

In deutschen Übertragungen herausgegeben von _Joseph Grabisch_. 12°. Halbleder.

Denkwürdigkeiten eines englischen Edelmannes aus dem großen Kriege.

1.--3. Tausend. 12°. 275 Seiten.

Die glücklichen und unglücklichen Begebenheiten der vielberufenen Moll Flanders.

1.--3. Tausend. 489 Seiten.

Leben und Abenteuer des weltbekannten Seeräubers Bob Singleton.

1.--3. Tausend. 425 Seiten.

Oberst Hannes.

Mit der Vorrede des Autors. 1.--3. Tausend. 423 Seiten.

_Hermann Hesse_ in «_~Vivos voco~_»: Der Verlag Georg Müller, der früher schon die Hauptwerke eines der bedeutendsten älteren Engländer, Sternes, in wunderschönen deutschen Neuausgaben gebracht hat, legt in vier Bänden vier Hauptwerke Defoes vor, neu in deutschen Ausgaben, die Joseph Grabisch besorgt hat. Die schönen Bände sind ein Leckerbissen für Bücherfreunde, schon äußerlich. Defoe, der mit seinem »Robinson« eines der gelesensten und schönsten Bücher der Welt geschrieben hat, ist ein unglaublich positiver und lebendiger Mensch gewesen. Er stand mitten im politischen Leben seiner Zeit, war eine Weile der Vertraute Wilhelms von Oranien, war Soldat, machte Reisen, kam mehrmals ins Gefängnis. Viel von seinem vollen, fast überfüllten Leben ist in seine Romane geflossen, auch sie sind voll, reich, gespickt mit Erlebnis, Bildern und Abenteuern. Die schöne neue Ausgabe dieser kuriosen, im Kern unveralteten Bücher sei begrüßt.

Georg Müller Verlag · München

Der große englische Roman

Laurence Sterne: Gesammelte Schriften.

Vier Bände. 8°. Halbleder.

Tristram Schandis Leben und Meynungen.

Nach der Übertragung von Johann Joachim Bode herausgegeben von Otto Julius Bierbaum. Neun Teile in drei Bänden. 12°. 3.--4. Tausend. 499, 464 und 367 Seiten.

Yoricks empfindsame Reise.

Übertragen von Johann Joachim Bode. 12°. 3.--4. Tausend. Zwei Bände in einem. 153 und 141 Seiten.

Sterne ist ganz genau der Geburtsort des modernen englischen Humors, nicht des klassischen Humors des absolutistischen Englands, der in Shakespeare seine höchste Höhe erreicht, sondern des sentimentalen Humors des bürgerlichen Englands (es ist interessant, daß das deutsche Wort »empfindsam« als Wiedergabe des englischen «~sentimental~» anläßlich der Übersetzung von Sternes »Empfindsamer Reise« von Johann Joachim Bode geprägt und seither deutsches Sprachgut geworden ist. Es drückt sich darin aus, daß Sterne der Schöpfer eines ganz neuen, bürgerlichen Gefühles ist).

_Hermann Hesse_ schrieb über diese Sterne-Ausgabe: Nun kommt also auch Sterne dazu. Gewiß lag er längst deutsch vor, aber ich muß zugeben, daß diese alte Bodesche Übertragung wirklich in Klang und Geist etwas Kongeniales und Wahlverwandtes mit dem Originale hat, und was den Neudruck betrifft, so hat der Verlag Georg Müller damit ein Prachtstück geliefert. Für Freunde außergewöhnlich hübscher Bücher tut sich hier ein Lustgarten auf.

Die Ausgabe wurde in altertümlicher Fraktur gedruckt. Als Format wurde ein zierliches Oktav gewählt. Gebunden wurden die Bändchen in Halbfranz nach einem Entwurfe von Paul Renner.

Tobias George Smollet: Roderich Random.

Ein Seitenstück zum Gil Blas. Nach der W. Ch. S. Myliusschen Übersetzung herausgegeben von Marianne Trebitsch-Stein. Zwei Bände. 12°. In Halbfranz gebunden.

_Wiener Allgemeine Zeitung_: Ein neuer Band der von Otto Julius Bierbaum begründeten Bücher der Abtei Thelem, ein literarischer Leckerbissen, ein Buch, das als Zeitdokument interessiert und unterhält. Ein Seitenstück zum »Gil Blas« nennt es der Autor, aber wo der Franzose nur unterhält und die Kritik hinter lächelnder Wohlgelauntheit verbirgt, gibt Smollet unerbittliche Wahrheit, ehrliche Entrüstung. Neben den weiten Möglichkeiten, die der Roman Smollets satirischen Absichten bot, lockten ihn die abenteuerlichen Fahrten, die er selbst erlebt hatte, die wechselvollen Geschicke, die ihn in allen Weltteilen umhergeschleudert hatten, deren lebendiger Atem das Werk so frisch bewegt und es vor dem Veralten bewahrte. Marianne Trebitsch-Stein hat mit viel Sorgfalt die Ausgabe vorbereitet und in der Einführung eine Geschichte des Smolletschen Romans gegeben, die in ihrer umfassenden Gründlichkeit schon eine kleine englische Kulturgeschichte jener Zeit ist.

Tobias George Smollet: Peregrine Pickle.

Nach der W. Ch. S. Myliusschen Übersetzung herausgegeben von Rudolf Kurtz. Zwei Bände. 12°. In Halbfranz gebunden.

_Walter Scott_: Es findet sich zwischen »Roderich Random« und »Peregrine Pickle« ein Unterschied, den man oft zwischen dem ersten und zweiten Werke eines Verfassers, der mit glücklichen Erfolge aufgetreten ist, finden wird. »Peregrine Pickle« ist vollendeter, sorgfältiger ausgearbeitet; man bewundert darin eine größere Verschiedenheit von Abenteuern und Charakteren als im »Roderich Random«. Allein dieser ist mit einer gewissen Ruhe und Natürlichkeit geschrieben, die nicht im gleichen Maße im »Peregrine Pickle« anzutreffen ist. Wenn aber auch Smollet die Einfachheit seines ersten Romanes dem zweiten nicht gegeben hat, geben wollte oder konnte, so entschädigt doch »Peregrine Pickle«, ohne eine Spur von Abnahme der Kräfte des Verfassers zu verraten, durch eine viel reichere Sammlung von Gestalten und Verhältnissen als sein Vorgänger.

Henry Fielding: Tom Jones.

Roman. In der Übersetzung von J. J. Bode. Herausgegeben und eingeleitet von Johannes von Guenther. Drei Bände. 8°. In Halbfranz gebunden.

Henry Fieldings »Tom Jones«, die Geschichte eines Findlings, ist der berühmteste und wohl auch der beste englische Roman des 18. Jahrhunderts. Er durfte in den Büchern der Abtei Thelem nicht fehlen, nachdem die Leser mit Smollets Meisterwerken bekannt gemacht wurden. Das Krasse und Rohe in Smollets Manier erscheint hier gemildert zugunsten einer versöhnlicheren Wirkung; das Derb-Komische Smollets wurde hier zum Ewig-Heiteren, ohne dabei an komischer Wirkung einzubüßen. Frisches und wahres Leben bietet dieses ewig junge Buch, das entstanden ist (wie s. Z. der »Don Quijote«), um den weinerlichen und rührseligen Sentimentalisten jener Zeit die wahre und ungenierte Poesie einzubleuen. Der reizende Humor des Romans wurde am besten von der alten Übersetzung J. J. Bodes wiedergegeben, die hiermit ihre fröhliche Auferstehung feiert.

Lord Chesterfields Briefe an seinen Sohn.

Auf Grund der ersten deutschen, hier verbesserten Ausgabe in Auswahl herausgegeben und eingeleitet von Hans Feigl. Mit dem der ersten englischen Ausgabe beigegebenen Porträt Chesterfields. Zwei Bände. 12°. In Halbfranz gebunden.

_O. A. H. Schmitz_ im »Tag«: Was der »Cortigiano« für die Renaissance ist, bedeuten diese Briefe für das 18. Jahrhundert. Will man die Gestalt Lord Chesterfields, die aus seinen Briefen mit der wünschenswertesten Deutlichkeit in ihren Umrissen hervortritt, richtig fassen, so wird man sagen müssen: Er hat, wie alle nach Vollkommenheit strebenden Menschen, eine Menge freundlicher menschlicher Dinge unterdrückt, die dieser Vollkommenheit im Wege gestanden hätten, als Unbefangenheit, Harmlosigkeit, Naivität und dergleichen. Die von ihm erstrebte Vollkommenheit hat er dagegen durchaus erreicht. Er war ein Mann von großem Wissen und weitreichender Belesenheit, gleichzeitig ein tüchtiger Staatsmann und einer der glänzendsten Vertreter der äußeren Kultur des 18. Jahrhunderts.

Robert Louis Stevenson: Südseenachtgeschichten / Die Schatzinsel.

Zwei Bände.

Die Einbände entwarf Charlotte Christine Engelhorn.

Die meisten deutschen Leser kennen nur die »Schatzinsel« und haben die unbestimmte Vorstellung, daß Stevenson ein Jugendschriftsteller war, dessen Werke sich erstaunlich lange frisch erhalten haben. Wäre er nur das, so wäre es schon sehr viel, denn Jugend läßt sich dauernd nur von dem ansprechen, was selbst innerlich jung und bilderreich ist. In Wahrheit beruht die Wirkung Stevensons auf einer großen menschlichen Überlegenheit und einer damit verbundenen naiven Fabulierfreudigkeit, wie sie in unserem gehetzten Jahrhundert kaum mehr vorkommt.

Walter Savage Landor: Erdichtete Gespräche.

Deutsch von E. von Schorn. (Sammlung Lebenskunst Band 8.) 8°. 404 Seiten.

_Der Tag, Berlin_: Diese erdichteten Gespräche sind ein berühmtes Buch der Weltliteratur, das seine erzählenswerten Schicksale gehabt hat, bevor und nachdem es weltberühmt geworden ist. Der Autor dieser Gespräche, deren Inhalt die ganze Weltgeschichte umfaßt, ist kein ausgeklügelt Buch, sondern ein Mensch mit mehr als einem Widerspruch gewesen. Die vorliegende Übersetzung bringt einige der berühmtesten Gespräche, wie das zwischen Alexander dem Großen und dem Ammonspriester, Elisabeth und Maria, Katharina II. und der Fürstin Daschkow, Pitt und Canning, die schon eine hinreichende Vorstellung von dem reifen Geist und der Kunst Landors geben.

Die Bücher der Abtei Thelem

Begründet von Otto Julius Bierbaum.

Johann Gottwerth Müller: Siegfried von Lindenberg.

Eine komische Geschichte. Bearbeitet und mit einem Vorwort versehen von Richard Elchinger. Mit den Kupfern von Daniel Chodowiecki. 12°. IX und 460 Seiten.

Herrn Johann Gottwerth Müller darf man sich als einen sehr liebenswürdigen und gebildeten Menschen vorstellen. Er hat in seinem langen Leben, das 86 Jahre währte, eine große Menge Papier beschrieben: das meiste zu Itzehoe, Tobak rauchend und aufs angenehmste umzirkt und geschützt vom Palisadenwerk seiner geliebten Bücherbretter. Überdauert hat seinen Namen nur jenes Buch, das einst Müllers nicht geringen Ruhm begründet hat: Der komische Roman »Siegfried von Lindenberg«. Naturburschen von seiner echten Artung sind auch heute noch wie vor 150 Jahren im Leben und in den Büchern eine seltene Spezies, der man nicht allzuoft begegnet.

Denis Diderot: Jakob und sein Herr.

Unter Zugrundelegung der Myliusschen Übersetzung herausgegeben von Hanns Floerke. 12°. 515 Seiten.

Diderot ist von den Schriftstellern der Aufklärungsepoche vielleicht der tiefste und gehaltreichste. Dies entspricht auch dem Interesse, das das klassische Weimar, Goethe an der Spitze, an seinen Schriften nahm. Goethes mannigfaltige und begeisterte Äußerungen über den Eindruck Diderotscher Erzählungen, schließlich seine eigene wundervolle Übersetzung des Dialogs »Rameaus Neffe« zeugen davon, welche Schätzung sich Diderot bei den Größten seiner Zeit erfreute.

Laurence Sterne: Yoricks Predigten.

Übertragen von Josef Grabisch. Zwei Bände. 12°. XXII, 505 und 511 Seiten.

Die sechsundvierzig Predigten des Vikars von Sutton sind für den, der in das Geheimnis der Dreieinigkeit Tristram-Yorick-Sterne eindringen will -- und welcher Bakkalaureus der Lebensweisheit, dem es gelungen ist, sich in der Shandyluft wohl zu fühlen, wollte das nicht? -- unentbehrlich. Sie leuchten aber auch ohne das Licht des Sterneschen Ruhms und nicht nur für die Verehrer des »Tristram Shandy« und der »Empfindsamen Reise«.

F. M. Voltaire: Candide.

Nach der anonymen Übersetzung von 1732, neu herausgegeben von Lothar Schmidt. Nebst dem zweiten Teil unbekannter Herkunft und mit 5 Heliogravüren nach Kupfern von Chodowiecki. 8°. XXXI, 218 und 155 Seiten. (In einem Bande.)

Den Ruhm Voltaires können seine Dramen kaum mehr aufrechterhalten. Sein souveräner Geist, sein Witz, seine ganz unvergleichliche Schlagkraft konzentriert sich in seinen satirischen Erzählungen, von welchen »Candide« alle Vorzüge vereinigt.

Marie Madeleine Gräfin von La Fayette: Die Prinzessin von Cleve.

Ins Deutsche übertragen und herausgegeben von Paul Hansmann. Mit einem Nachwort. 8°. 293 Seiten.

_Aus dem Vorwort_: Man hat diesen ersten psychologischen Roman, der in Frankreich geschaffen wurde, eine Herzensbeichte der La Fayette genannt und in der Cleve und ihrem Schicksal eine Verwandtschaft mit der Autorin, in Monsieur de Nemours den Herzog de La Rochefoucauld sehen wollen. Sei dem wie ihm wolle, zuversichtlich wissen wir, daß nur eine edle, freimütige und wahrhafte Frau, die ein gutes Frauenschicksal hatte, dieses rührende, zarte Werk schreiben konnte, das seinen Platz in der Weltliteratur ewig frisch behaupten wird.

Erasmus: Das Lob der Narrheit.

Aus dem Lateinischen nach der Ausgabe von 1781. Neu herausgegeben von Lothar Schmidt, mit Wiedergaben der meisten Holzschnitte von Hans Holbein. 12°. III und 207 Seiten.

Das elegant geschriebene Werk verdankt seine äußere Anregung dem deutschen »Narrenschiff« des Sebastian Brant, kommt aber geistig aus viel früherer Zeit her, nämlich aus der freien Sphäre des Lucian.

H. J. Dulaurens: Gevatter Matthies oder die Ausschweifungen des menschlichen Geistes.

Nach der ersten deutschen Übersetzung von 1779 neu bearbeitet und herausgegeben von Hanns Floerke. Zwei Bände. 12°. XXII, 408 und 463 Seiten.

Der «~Compère Mathieu~» erschien zum ersten Male 1766 und hat in knapp 70 Jahren 25 Auflagen erlebt, obgleich das Buch sicherlich kein Buch für die Menge ist. Auch die vorliegende Ausgabe ist nur für diejenigen bestimmt, welche Distanz genug besitzen, um nicht jeder Suggestion zu erliegen. Wer ihn untergeordneten Geistern in die Hand gibt, der versündigt sich an ihnen.

Joh. Gottfr. Schnabel: Der im Irrgarten der Liebe herumtaumelnde Cavalier

oder Reise- und Liebesgeschichte eines vornehmen Deutschen von Adel, Herrn von St.

Zwei Bände. 397 und 368 Seiten.

_Berliner Tageblatt_: Schnabels herumtaumelnder Kavalier ist ein sogenannter »galanter Roman«. Da das Werk heute außerordentlich selten geworden ist, hat sich der Verlag durch diese Ausgrabung entschieden ein Verdienst erworben. Schnabels Werk atmet durchweg den naiven italienischen Geist, das Buch ist ganz »Rokoko«, von einer unwiderstehlichen Grazie und Heiterkeit, die uns, ach, so sehr abhanden gekommen ist.

Johann Gottlieb Schummel: Spitzbart.

Eine komitragische Geschichte. Mit einem Vorwort und Anmerkungen von C. G. von Maassen. 12°. XLII und 485 Seiten.

Dieses Werk, in dem der Herausgeber den ältesten komischen Schulroman wiederentdeckt hat, ist ein lustiges Buch, das nichts von der Weitläufigkeit alter Romane an sich hat. 1779 geschrieben, in einer Zeit, da die pädagogischen Reformen der Philanthropen in aller Welt von sich reden machten, verspottet es in kecker Satire die pädagogischen Projektenmacher jener Tage. Mörike schätze das Buch besonders hoch.

Moritz August von Thümmel: Reise in die mittäglichen Provinzen von Frankreich im Jahre 1785--86.

Mit Kupfern und Vignetten von Pentzel, Schnorr von Carolsfeld und Ramberg. Herausgegeben von Conrad Höfer. Einmalige numerierte Ausgabe von 1600 Exemplaren. Drei Bände. 12°. 569, 475 und 399 Seiten.

_Jahrbuch der Bibliophilen_: Es war naheliegend, Thümmels schon zu dessen Lebzeiten vielangefeindetem, ebenso auch vielgerühmtem, amüsantem, lebensfrohem Reisewerk ein Plätzchen in der Abtei Thelem zu gönnen. Es sei hier begrüßt. Das von Conrad Höfer angefügte Nachwort unterrichtet knapp, aber vorzüglich über Wesen und literarhistorische Wertung dieser Reisebilder.

Moritz August von Thümmel: Wilhelmine.

Herausgegeben von Conrad Höfer. Mit 7 Kupfern und 13 Vignetten nach Friedrich Oeser, Stock und Geyser. Einmalige numerierte Ausgabe von 1600 Exemplaren. 12°. 156 Seiten.

Die oben unter »Englische Romane« aufgeführten Werke von Sterne, Smollet, Chesterfield und Henry Fielding erschienen ebenfalls in der »Abtei Thelem«.

* * * * *

Als Otto Julius Bierbaum die »Bücherei der Abtei Thelem« ins Leben rief, entwarf er nicht allein das literarische Programm, sondern er nahm sich auch der äußeren Gestaltung dieser Bibliothek bis in jede Einzelheit an. Die Einbände dieser im Geschmack der Zeit gehaltenen zierlichen Duodezbändchen entwarf Paul Renner, sämtlich Halbfranzbände mit reicher Rückenvergoldung.

Georg Müller Verlag · München

Herrosé & Ziemsen GmbH. & Co., Wittenberg (Bez. Halle)

Weitere Anmerkungen zur Transkription

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ansonsten wurde die Originalschreibweise beibehalten.