Die Pest zu London

Part 12

Chapter 123,629 wordsPublic domain

Aber es war unmöglich, irgend etwas Vernünftiges in die Köpfe der _armen_ Leute hineinzubringen. Wurden sie krank, so konnten sie sich mit Geschrei und Gejammer nicht genug tun, doch solange sie gesund waren, blieben sie gleichgültig, sorglos und eigensinnig. Wo sie Arbeit kriegen konnten, fluteten sie hin, wenn auch die Beschäftigung noch so gefährlich und der Ansteckung ausgesetzt sein mochte. Machte man ihnen Vorwürfe, so war die gewöhnliche Antwort: »Das muß man Gott überlassen. Hat’s mich, so ist wenigstens für mich gesorgt, und die ganze Geschichte hat ein Ende.« Oder sie sagten: »Was soll ich sonst tun? Schlimmer als Verhungern ist die Pest auch nicht. Arbeit habe ich nicht, also was machen? Sonst bleibt mir nichts übrig als zu betteln.« Ob es sich darum handelte, die Leichen einzuscharren oder Kranke zu pflegen oder verseuchte Häuser zu bewachen, ihre Antwort war immer dieselbe. Sicher war die Not eine gute Entschuldigung, aber sie redeten nicht anders, wenn auch keine Not vorlag. Erst durch solche Handlungsweise der Armen kam es, daß die Seuche unter ihnen auf so schreckliche Weise wütete. Zusammen mit ihrer ohnehin wenig erfreulichen Lage war es der Hauptgrund ihres Massensterbens. Ich kann nicht behaupten, daß sie nach meinen Beobachtungen besser haushielten, als sie noch alle gesund waren und Geld verdienten. Das flog heraus, und das »Morgen« scherte sie auch nicht einen Deut. So kam es, daß sie im Falle der Krankheit gleich in das äußerste Elend gerieten, ebenso der Krankheit wegen als aus Mangel.

Allerdings hing dies auch zusammen mit der Lage unseres Handels während jener Zeit des allgemeinen Unglücks, und zwar sowohl des Außen- wie des Binnenhandels.

Was den Außenhandel betrifft, braucht nur wenig gesagt zu werden. Die europäischen Handelsvölker hatten alle Angst vor uns. Kein Hafen in Frankreich, Holland, Spanien oder Italien ließ unsere Schiffe einfahren. Und zudem hatten wir mit den Holländern einen heftigen Krieg, obwohl wir dazu kaum in der Lage waren, nachdem wir einen so schrecklichen Feind im eigenen Lande zu bekämpfen hatten.

Unsere Kaufleute hatten daher alle nichts zu tun. Ihren Schiffen war jeder auswärtige Platz verschlossen, und von ihren Waren und Fabrikaten, die im Lande hergestellt wurden, wollte man auswärts nirgends etwas wissen. Vor den Waren hatte man dieselbe Angst wie vor uns selber, und mit gutem Grund. Denn unsere Wollwaren hielten die Ansteckung fest wie menschliche Körper. Wurden sie von kranken Leuten verpackt, so waren sie ebenso gefährlich als die Kranken selber. Wenn daher ein englisches Schiff in einem fremden Hafen löschte, mußten die Ballen immer geöffnet und auf dazu bestimmten Plätzen gelüftet werden. Aus London durfte überhaupt kein Schiff in den Hafen, um wieviel weniger erst die Waren, die es an Bord hatte.

Ebenso war es in Spanien und Portugal. Es ging ein Gerücht um, daß eine Ladung von englischem Tuch, Baumwollwaren, Kirseizeug und dergleichen, die heimlich an Land gebracht worden war, von den Spaniern verbrannt wurde, während sie die an dem Schmuggel beteiligten Leute mit dem Tode bestraften. Ich kann das Gerücht nicht bestätigen, glaube aber schon, daß es auf Wahrheit beruhte.

Noch muß ich über den Stand des Binnenhandels während dieser Schreckenszeit berichten, besonders insofern es sich um die Fabriken und die Geschäfte in der Stadt handelt. Beim ersten Ausbruch der Seuche entstand, wie jeder sich selbst leicht ausmalen kann, unter der Bevölkerung ein allgemeiner Schrecken, und infolgedessen ein völliger Stillstand im Handelsverkehr, außer in Lebensmitteln. Aber auch darin war er durch die Flucht der vielen Tausende, die zahllosen Kranken und das Massensterben bis auf die Hälfte zurückgegangen.

Durch die Gnade Gottes war das Jahr in Getreide und Obst überaus fruchtbar gewesen. Nicht so in Heu und Gras. Daher war das Brot billig, weil es Getreide in Überfluß gab, und Fleisch war billig der schlechten Heuernte wegen. Aus demselben Grunde aber waren Butter und Käse teuer, und Heu wurde, gleich außerhalb der Schlagbäume von Whitechapel, um 4 Pfund die Ladung verkauft, was allerdings für die Armen von keinem Belang war. Dafür gab es eine unerhört gute Obsternte. Äpfel, Birnen, Pflaumen, Kirschen und Trauben kosteten fast nichts, aber das hinwiederum veranlaßte die Armen, davon im Übermaß zu essen, wodurch sie sich die Ruhr, Darmleiden, Magenbeschwerden und dergleichen zuzogen, was oft genug mit der Pest endigte.

Um aber zum Handel zurückzukehren, so war der Export gleich null oder wenigstens aufs äußerste erschwert, so daß natürlich alle Fabriken still lagen, die für den Export arbeiteten. Und obwohl die auswärtigen Kaufleute Waren brauchten, konnte doch fast nichts geschickt werden, da man englische Schiffe nirgends zuließ. Damit kam der Export so gut wie in ganz England zum Stillstand, abgesehen von einigen entlegenen Häfen, aber bald auch dort, denn nach und nach kam die Pest überall hin. Doch noch weit schlimmer war, daß auch der Binnenhandel aufhörte, so weit er über London ging, denn hier war er gänzlich zum Erliegen gekommen.

Alle Handarbeiter, Kaufleute und Mechaniker waren, wie ich schon früher ausgeführt habe, arbeitslos, und das griff natürlich auf das Heer von Tagelöhnern u. a. m. über, da nichts mehr geschah, was nicht absolut notwendig war. Dadurch waren nun alle Leute, die keinen eigenen Hausstand hatten, mit einemmal ohne jede Versorgung, ebenso wie die Familien, deren Einkommen gänzlich von dem Verdienst des Familienoberhauptes abhängig war. Sie gerieten in ein unsagbares Elend, und es muß zur immerwährenden Ehre der Stadt London gesagt werden, daß durch wohltätige Gaben die Bedürfnisse so vieler Tausende, von denen Unzählige später erkrankten, in einer Weise befriedigt wurden, daß niemand an Mangel zugrunde ging, wenigstens soweit die Behörden davon erfuhren.

Jetzt bleibt mir nur noch übrig, etwas über den gnädiger verlaufenen Teil dieses schrecklichen Gerichtstages zu sagen. In der letzten Woche des September hatte die Seuche ihren Höhepunkt erreicht und begann von da an abzunehmen. Ich erinnere mich, daß mein Freund, der Dr. Heath, mich in der vorhergehenden Woche besuchte und mir versicherte, daß in einigen Tagen die Heftigkeit der Seuche gebrochen wäre. Als ich aber in das wöchentliche Sterberegister blickte, das mit 8297 Toten alle früheren übertraf, hielt ich ihm das vor und fragte ihn, auf was er denn sein Urteil gründete. Seine Antwort war allerdings nicht das, was ich erwartet hatte. »Seht,« sagte er, »nach der Anzahl der Erkrankten und Verseuchten hätten wir in der letzten Woche 20000 statt 8000 Tote haben müssen, falls der Verlauf der Krankheitsfälle ebenso ungünstig geblieben wäre wie vor zwei Wochen. Damals starben die Kranken gewöhnlich nach zwei oder drei Tagen, jetzt nicht vor acht oder zehn; früher war unter fünf Fällen eine Heilung, jetzt sterben nur noch höchstens zwei von fünfen. Glaubt mir, die nächste Liste wird eine Abnahme bringen, und Ihr werdet sehen, daß die Heilungen stark zunehmen werden. Denn obwohl wir überall Massen von Verseuchten haben, und auch eine große Anzahl noch täglich erkrankt, sterben doch nicht mehr so viele als früher. Die Bösartigkeit der Seuche hat nachgelassen, und ich habe jetzt Hoffnung, nein, mehr als das, daß die Krisis vorüber ist.« Und wirklich war es auch so, denn in der letzten Septemberwoche zeigte die Liste nur noch 2000 Tote.

Es ist wahr: noch immer herrschte die Pest mit großer Heftigkeit. Die nächste Liste brachte 6460 und die weitere noch 5720 Tote. Aber dennoch hatte mein Freund mit seiner Behauptung recht; die Leute erholten sich schneller und in größerer Anzahl als früher. Was hätte auch sonst aus London werden sollen? Der Berechnung von Dr. Heath nach waren zu dieser Zeit nicht weniger als 60000 erkrankt, von denen nur 20477 starben, während der Rest wieder gesund wurde. Solange die Seuche aber auf ihrem Höhepunkte war, waren von einer solchen Anzahl Erkrankter zum mindesten 50000 gestorben, vielleicht noch ebenso viele dazu erkrankt, und dann hätte man wohl wirklich glauben müssen, daß kein Mensch mehr davonkommen würde.

Noch weiter bewahrheiteten sich die Beobachtungen meines Freundes während der folgenden Wochen. Die Sterbefälle gingen beständig zurück und betrugen in der ersten Oktoberwoche nur noch 1843, in der nächsten 1413, und das, obwohl die Zahl der Erkrankungen nicht ab-, sondern eher etwas zugenommen hatte. Aber, wie gesagt: die Bösartigkeit der Seuche war gebrochen.

Und so ist nun einmal die Art unserer Bevölkerung, wie vermutlich auch auf der ganzen übrigen Welt: gerade, wie man beim ersten Ausbruch der Seuche jeden Verkehr aufgegeben hatte, vor Schrecken und Entsetzen sich gegenseitig aufs eifrigste aus dem Wege gegangen war und die Flucht aus der Stadt ergriffen hatte, ehe es noch nötig gewesen wäre, nahm man jetzt, als man sah, daß eine Menge Menschen erkrankte, aber wieder geheilt wurde, die Pest überhaupt kaum noch ernst, betrachtete sie nicht anders, als wäre sie ein einfaches Fieber und kümmerte sich nicht im geringsten mehr um die Gefahr der Ansteckung. Nicht nur, daß die Leute ohne Scheu mit solchen verkehrten, die laufende Geschwüre und Geschwülste an sich hatten, sie aßen und tranken auch mit ihnen, gingen in ihre Häuser und selbst in die Zimmer, wo sie krank lagen.

Für vernünftig konnte ich das nicht halten. Mein Freund, der Dr. Heath, gab zu, daß die Seuche so ansteckend als nur je wäre und auch noch viele daran erkrankten, behauptete aber, daß die Sterblichkeit in keinem Verhältnis mehr zu der Zahl der Erkrankungen stände, verglichen mit der früheren Todesrate. Ich meine aber, daß doch immer noch eine ganze Anzahl sterben mußte. Und da die Krankheit an sich sehr qualvoll war, von den Geschwülsten und Geschwüren gar nicht zu reden, die Todesgefahr auch durchaus nicht ausgeschlossen schien, die Heilung endlich sehr lange Zeit brauchte, so hätte nach meiner Meinung sich jeder wohl überlegen sollen, mit den Erkrankten zusammenzukommen und die Ansteckungsgefahr leichter als früher zu nehmen.

Noch etwas anderes hätte die Leute veranlassen müssen, die Erkrankung an der Pest wie das höllische Feuer zu scheuen, das war die schreckliche Wirkung der Ätzmittel, die die Wundärzte auf die Geschwülste legten, um sie zum Aufbrechen und Eitern zu bringen, da sonst die Gefahr eines tödlichen Ausganges bis zum letzten Augenblick äußerst groß war. Auch ohnedies waren die Geschwülste an sich sehr qualvoll, und wenn sie die Leute auch nicht mehr wie vordem zum Wahnsinn brachten, verursachten sie doch kaum erträgliche Schmerzen. Diejenigen, die mit dem Leben davonkamen, beklagten sich später aufs bitterste, daß man ihnen gesagt hätte, es wäre keine Gefahr bei der Sache und bereuten tief, daß sie sich nicht besser in acht genommen hatten.

So rächte sich die unkluge Handlungsweise der Leute, die alle Vorsicht beiseite ließen. Viele wurden geheilt, aber viele starben auch, und ich bin überzeugt, daß das Herabgehen der Sterberate dadurch nicht unwesentlich verzögert wurde. Nach dem ersten starken Abflauen zeigten die beiden nächsten Listen keine entsprechende Abnahme, und der Grund hierfür war sicherlich, daß das Volk alle früher gebrauchten Vorsichtsmaßregeln vernachlässigte in dem Glauben, es würde niemand mehr die Seuche bekommen und wenn, würde es auch nicht gleich ans Sterben gehen.

Die Ärzte widersprachen solcher Kopflosigkeit aus allen Kräften. Sie veröffentlichten gedruckte Anweisungen und verbreiteten sie über die ganze Stadt und in allen Vorstädten, worin sie die Leute zur Zurückhaltung ermahnten und ihnen rieten, trotz der Abnahme der Sterbefälle die äußerste Vorsicht im täglichen Leben zu beobachten, weil es sonst leicht zu einem neuen Ausbruch kommen könnte, der noch weit schrecklicher und verhängnisvoller sein würde als der erste. Zum Beweise fügten sie eine Menge Erläuterungen und Erklärungen an, die aber an dieser Stelle nicht wiederholt werden können.

Aber all das half nichts. Die Leute waren wie besessen von der Freude über das Herabgehen der Sterblichkeit, daß die neu angedrohten Schrecknisse bei ihnen nicht mehr verfingen. Sie ließen sich den Glauben nicht nehmen, daß es nun mit dem Sterben zu Ende wäre, und wer ihnen das Gegenteil beweisen wollte, hätte ebensogut in den Wind sprechen können. Man öffnete wieder die Läden, spazierte in den Straßen umher, machte Geschäfte und sprach jeden an, der gerade in den Weg kam, ob man mit ihm zu tun hatte oder nicht, und ohne jemals nur nach der Gesundheit zu fragen oder sich um die Gefahr der Ansteckung zu kümmern, wenn es sich um einen augenscheinlich Kranken handelte.

Ein gewisser John Cock, ein Barbier, war ein ausgezeichnetes Beispiel für die überstürzte Rückkehr der Leute, nachdem die Seuche etwas nachgelassen hatte. Er hatte seinerzeit mit seiner ganzen Familie die Stadt verlassen, sein Haus zugesperrt und war, wie so viele andere, aufs Land verzogen. Als er nun hörte, daß im November nur noch 900 wöchentlich starben, beeilte er sich, wieder nach Hause zu kommen. Sein Hausstand bestand aus zehn Personen: seiner Frau, fünf Kindern, zwei Lehrlingen und einem Dienstmädchen, wozu noch er selbst kam. Er war noch nicht eine Woche zu Hause und hatte eben seinen Laden wieder aufgemacht und sein Geschäft begonnen, als die Seuche bei ihm ausbrach; und binnen fünf Tagen starb die ganze Familie völlig aus, und nur das Dienstmädchen blieb am Leben.

Aber die Gnade Gottes war größer, als wir vernünftigerweise hätten hoffen dürfen. Die Bösartigkeit der Seuche war erloschen, das Ansteckungsgift hatte sich erschöpft, und zudem stand der Winter vor der Tür. Als bei klarer Luft einige scharfe Fröste einsetzten, trat bei den meisten Kranken Heilung ein, und die Gesundheit fing an, in die Stadt zurückzukehren. Zwar gab es noch im Dezember einige Rückfälle, und die Listen stiegen wieder bis auf hundert Tote an, aber dies war nur vorübergehend, und in kurzem war alles wieder im alten Gleise. Es war erstaunlich zu beobachten, mit welcher Schnelle sich die Stadt von neuem bevölkerte. Ein Fremder hätte sich nicht vorstellen können, daß Zehntausende zugrunde gegangen waren. Auch die Wohnungen schienen alle wieder bezogen. Leere Häuser waren eine Seltenheit, und an Mietern für sie war kein Mangel.

Nachdem, im allgemeinen gesprochen, nun wieder alles beim alten war, mußte es den Leuten um so seltsamer vorkommen, wenn sie auf Erkundigungen hin hören mußten, daß ganze Familien so völlig ausgestorben waren, daß man sich kaum noch an sie erinnern konnte. Niemand kam, der auf das, was sie etwa hinterlassen haben mochten, einen rechtmäßigen Anspruch geltend gemacht hätte. Allerdings war in den meisten Fällen solcher Art das, was sich vorgefunden hatte, längst vergeudet und gestohlen worden.

Es hieß, daß alles herrenlose Gut dem König als einzigem Erben verfallen wäre. Wie dem auch sein mag, schien es doch, daß der König darauf zugunsten des Lordmayors und des Ratskollegiums von London verzichtete, damit es unter die zahlreichen Armen verteilt würde. Denn obwohl die Gelegenheiten zur Erleichterung der Lage der Armen während der Pestzeit weit vordringlicher gewesen waren als jetzt, da alles vorüber war, ging es ihnen jetzt doch viel schlechter, da alle Kanäle der allgemeinen Wohltätigkeit versiegten. Die Leute schienen zu glauben, daß sie genug getan hätten und hielten sich zurück, während doch noch manches Elend zu lindern gewesen wäre.

Ich hätte erwähnen sollen, daß die Quäker zu jener Zeit einen eigenen Begräbnisplatz besaßen, der auch jetzt noch in Gebrauch ist. Sie hatten auch einen eigenen Leichenkarren in Benutzung. Und merkwürdigerweise war es jener Salomon Eagle, der, wie ich schon erzählt habe, die Pest als Gericht Gottes vorhersagte und, nackt in den Straßen umherrennend, die Leute zur Buße aufgerufen hatte, der als eines der ersten Opfer in dem Leichenkarren auf den neuen Begräbnisplatz gefahren wurde.

Recht ernst waren die Vorwürfe, die man den Ärzten machte, weil sie während der Pest ihre Kranken im Stiche gelassen hätten. Als sie jetzt wieder in der Stadt erschienen, wollte niemand mehr mit ihnen zu tun haben. Man nannte sie Deserteure, und häufig wurden Zettel an ihre Türen geheftet, auf denen geschrieben war: Hier ist ein Doktor zu vermieten! So daß nicht wenige es für besser hielten, sich einige Zeit nicht zu zeigen oder in eine andere Wohnung zu ziehen, in deren Umgebung man sie nicht kannte. Ebenso war es mit der Geistlichkeit, die vom Volke in Spottgedichten und dergleichen bös mitgenommen wurde. Auf den Kirchentüren fand man oft die Inschrift: Hier ist eine Kanzel zu vermieten oder, was fast noch schlimmer war: zu verkaufen.

Besonders waren es die Dissenters, die der Geistlichkeit der englischen Kirche vorhielten, daß sie geflohen war, und das Volk dann, als es sie am nötigsten gebraucht habe, verlassen hätte. Aber das läßt sich kaum billigen, denn nicht alle Menschen haben die gleiche Zuversicht und den gleichen Mut, und die Heilige Schrift befiehlt uns, stets ein mildes und günstiges Urteil abzugeben.

Ich versuchte einmal, eine Liste von allen Berufen und Beschäftigungen aufzustellen und jene darin zu verzeichnen, die bei Ausübung ihres Amtes oder ihrer Geschäfte gestorben waren, aber für einen Privaten war es ganz unmöglich, dabei zu irgendeiner Sicherheit zu gelangen. Nach meinen Erinnerungen starben 16 Geistliche, 2 Ratsherren, 5 Ärzte, 13 Wundärzte innerhalb der inneren Stadt vor Anfang September. Aber da erst dann die Seuche ihren Höhepunkt erreichte, kann diese Liste kaum vollständig sein. Was das niedere Volk betrifft, so starben 46 Konstabler und Gemeindevorsteher in den beiden Kirchspielen von Stepney und Whitechapel. Leider konnte ich meine Liste nicht fortsetzen, denn als im September die ganze Wut der Seuche über uns kam, spottete sie aller Aufzeichnungen. Die Menschen starben nicht mehr als einzelne, sondern in Massen und wurden in Massen eingescharrt, ohne sie zu zählen, mochten die öffentlichen Sterberegister auch 7 oder 8000 oder was immer für eine Zahl anführen. Wenn man jenen glauben darf, die bessere Gelegenheit hatten als ich, diese Dinge der Wahrheit gemäß zu untersuchen, so starben zu dieser Zeit wöchentlich etwa 20000 Menschen. Ich selbst will mich lieber an die veröffentlichten Zahlen halten, denn schon 7 oder 8000 Tote wöchentlich sind genug, um zu rechtfertigen, was ich von dem Grauen jener Zeit berichtet habe. Es erfüllt mich mit Genugtuung, sagen zu dürfen, daß ich in keiner Weise übertrieben habe und eher noch unter der Wirklichkeit geblieben bin.

Für die Nachwelt sei bezeugt, daß alle bürgerlichen Beamten, die Konstabler, Gemeindevorsteher, Scherifs und Kirchspielbediensteten, in deren Aufgabe es lag, sich der Armen anzunehmen, ihre Pflichten im allgemeinen so gut wie nur irgendeiner und vielleicht besser erfüllten. Sie waren den meisten Gefahren ausgesetzt, da ihr Werk in den Armenvierteln lag, wo die Ansteckung am leichtesten war. Fielen sie selbst der Krankheit zum Opfer, so war ihre Lage höchst bejammerungswürdig. Es ist auch nicht anders möglich, als daß eine große Anzahl von ihnen von der Seuche verschlungen wurde.

Ich habe noch kein Wort über die Medizinen und Vorbeugungsmittel gesagt, die man gewöhnlich während jener Zeit gebrauchte. Wenigstens alle jene, die wie ich auf der Straße zu tun hatten. Von den Quacksalbern ist viel darüber geschrieben worden, aber auch das Ärztekollegium veröffentlichte täglich Vorbeugungsmittel, von deren Wirkung es sich überzeugt hatte. Da alle diese Dinge gedruckt vorliegen, brauche ich sie nicht zu wiederholen.

Eine Geschichte aber möchte ich doch noch erzählen. Sie betrifft einen Quacksalber, der sich gerühmt hatte, ein Gegenmittel gegen die Pest zu besitzen, das den Träger vor jeder möglichen Ansteckung schütze. Dieser Mann, der doch jedenfalls niemals ausging, ohne etwas von seinem unübertrefflichen Gegenmittel bei sich zu führen, erkrankte an der Seuche und starb binnen zwei oder drei Tagen.

Ich gehöre nicht zu jenen, die einen Widerwillen oder gar Verachtung gegen alle Medizinen haben, im Gegenteil habe ich ja schon oft von der Achtung gesprochen, die ich für die Vorschriften meines besonderen Freundes, Dr. Heath, hatte. Aber ich muß doch gestehen, daß ich selbst nichts gebrauchte, als ein stark riechendes Mittel, für den Fall, daß mir irgend etwas Ekelhaftes unterkäme, oder daß ich in die Nähe einer Leiche oder eines Begräbnisplatzes gelangte.

Es herrschte damals ein Streit unter den Gelehrten, der die Leute nicht wenig in Verlegenheit brachte, nämlich, in welcher Weise die Wohnungen und Sachen, wo die Pest hingekommen war, wieder gereinigt werden möchten. Besonders auch, was man zu tun hätte, um die lange leergestandenen Häuser bewohnbar zu machen. Eine Unmenge von Räuchermitteln von der oder jener Zusammensetzung wurde von den Ärzten angegeben, die die Leute, die sie anwendeten, ein nach meiner Meinung unnützes Geld kosteten. Die ärmeren Leute, die ihre Fenster Tag und Nacht offenstehen ließen und in den Zimmern Schwefel, Pech und Schießpulver verbrannten, hatten mindestens ebensoviel davon. Und diejenigen, von denen ich schon gesprochen habe, die sich auf jede Gefahr hin beeilten, wieder in die Stadt und nach Hause zu kommen, taten wenig oder gar nichts und fuhren dabei doch nicht schlimmer.

Im allgemeinen waren es vornehmlich die ärmeren Klassen, die sich mit der Rückkehr so beeilten, die Reichen folgten viel langsamer. Die Geschäftsleute kamen wohl schnell, aber sie ließen ihre Familien erst im Frühling nachkommen, als man allen Grund zu dem Glauben hatte, daß die Seuche nicht wieder erscheinen würde.

Der Hof kehrte bald nach Weihnachten zurück, der Adel jedoch, der nicht bei Hof angestellt war oder bei der Regierung zu tun hatte, folgte erst später.

Merkwürdig war, daß die Pest trotz ihrer Heftigkeit in London und anderen Orten nie auf die Flotte übergriff. Obwohl sowohl auf dem Flusse wie auf der Straße zu jener Zeit stark gepreßt wurde, um Leute für den Dienst auf der Flotte zu bekommen. Das war allerdings am Anfang des Jahres, als die Seuche kaum begonnen hatte und noch nicht in jene Stadtteile gedrungen war, wo hauptsächlich gepreßt zu werden pflegte. Der holländische Krieg, der damals geführt wurde, war durchaus nicht nach dem Geschmack des Volkes, und die Seeleute meldeten sich nur mit großem Widerwillen zum Dienst und beklagten sich bitter, wenn sie mit Gewalt dazu gepreßt wurden, aber für viele war es eine wohltätige Gewalt. Denn wahrscheinlich wären sie bei dem allgemeinen Unglück, der Pest nämlich, zugrunde gegangen, während sie so nach Ablauf des Sommerdienstes heil und gesund zurückkehren konnten. Freilich fanden manche unter ihnen ihre Familien im Grabe, worüber sie mit Recht klagen und jammern mochten, aber deshalb konnten sie doch einem Schicksal dankbar sein, das sie selbst, wenn auch gegen ihren Willen, vom Verderben gerettet hatte. Es war in jenem Jahre ein heißer Krieg zwischen uns und den Holländern mit einer sehr großen Schlacht, bei der die Holländer den kürzeren zogen. Aber auch wir verloren viele Leute und einige Schiffe. Die Pest aber kam, wie gesagt, nicht auf die Flotte, und als diese zurückkam, war auch die Heftigkeit der Pest gebrochen.