Part 11
In erster Linie faßten der Lordmayor, die Scherifs, das Ratskollegium und eine bestimmte Anzahl der Gemeindebevollmächtigten sowie ihre Vertreter den Beschluß, der sofort veröffentlicht wurde, die Stadt nicht zu verlassen, sondern sich beständig bereit zu halten, überall nach dem Rechten zu sehen und bei allen Gelegenheiten nach Billigkeit zu entscheiden. Sie gelobten, die Mittel, die durch die öffentliche Mildtätigkeit aufgebracht würden, nach Gerechtigkeit zu verteilen, kurz, das Vertrauen, das von der Bürgerschaft in sie gesetzt wurde, bis zum äußersten ihrer Kraft zu rechtfertigen.
In Übereinstimmung mit diesem Beschlusse hielten sie fast täglich Sitzungen ab, um die für das öffentliche Wohl gerade nötigen Verfügungen zu treffen, und obwohl sie gegen das Volk die größte Nachsicht ausübten, gingen sie gegen alle vermessenen Burschen, als Diebe, Einbrecher, Leichenräuber und dergleichen mit Strenge vor, bestraften sie entsprechend und sparten nicht mit Bekanntmachungen, die gegen sie gerichtet waren.
Auch alle Polizeibediensteten und Kirchspielbeamten wurden bei schwerer Strafe verpflichtet, in der Stadt zu bleiben, oder geeignete Stellvertreter zu besorgen, die von den höheren Distriktsbeamten bestätigt werden mußten und für die sie Sicherheit zu stellen hatten. Auch für den Todesfall galt diese Sicherheit und verpflichtete zur Stellung eines neuen Stellvertreters.
Durch derartige Verordnungen wurde der Mut der Bevölkerung nicht wenig gestärkt, besonders am Anfange der Seuche, als im ersten Schrecken jeder nur an Flucht dachte. Damals war die Stadt in Gefahr, gänzlich verlassen zu werden, bis auf die Armen, was sicher eine allgemeine Plünderung durch den Pöbel im Gefolge gehabt hätte. Auch blieben die Behörden nicht hinter dem zurück, was sie durchzuführen gelobt hatten. Der Lordmayor und die Scherifs waren beständig auf der Straße um dort, wo die Gefahr am größten war, zu sehen, und wenn schon sie den Volksansammlungen aus dem Wege gingen, hatte doch in dringenden Fällen jedermann Zutritt zu ihnen. Alle Klagen und Beschwerden wurden mit Geduld von ihnen angehört. Der Lordmayor ließ zu diesem Zwecke in seiner Empfangshalle eine kleine Tribüne errichten, wo er von der Menge ein wenig abgesondert, sich aufhielt, wenn Beschwerden vorgebracht wurden, um wenigstens in einiger Sicherheit zu sein.
Auch die zu seinem Amtsbereich gehörenden Beamten wechselten in bestimmtem Turnus, und wenn einer von ihnen krank oder von der Ansteckung ergriffen wurde, trat sofort ein anderer an seine Stelle, bis sich herausstellte, ob jener am Leben bleiben würde.
Ebenso hielten es die Ratsherren und Scherifs in ihren verschiedenen Amtsbezirken. Ihre Unterorgane waren angewiesen, den Dienst der Reihenfolge nach zu versehen, so daß der Lauf der Gerechtigkeit niemals unterbrochen zu werden brauchte. Zu ihren besonderen Obliegenheiten gehörte es, danach zu sehen, daß die Marktstatuten jederzeit beobachtet würden. An jedem Markttage war der Lordmayor oder einer oder beide Scherifs zu Pferde anwesend, um über die Aufrechterhaltung ihrer Verordnungen zu wachen und dafür zu sorgen, daß die vom Lande Kommenden in keiner Weise, auch nicht bei ihrer Rückkehr belästigt würden. Ferner, daß nichts auf der Straße zu sehen war, das sie entsetzen und vom Wiederkommen abhalten könnte. Auch die Bäcker standen unter besonderen Verordnungen. Das Haupt der Bäckerinnung wurde mit seinen Hilfskräften verpflichtet, die vom Lordmayor erlassenen Verfügungen in Vollzug zu setzen und sich um das richtige Gewicht des Brotes, das wöchentlich vom Lordmayor bestimmt wurde, zu kümmern. Alle Bäcker waren verpflichtet, ihre Öfen beständig in Tätigkeit zu halten, bei Strafe, sonst die Vorrechte eines Meisters in der Stadt London zu verlieren.
Durch solche Mittel wurde erreicht, daß es stets genügend Brot gab, und zwar, wie ich schon erwähnt habe, zu dem üblichen billigen Preise. Auch mangelte es niemals an Vorräten von Lebensmitteln auf den Märkten. Es gab so viel davon, daß ich oftmals darüber erstaunt war und mir Vorwürfe machte über meine Zaghaftigkeit und Vorsicht beim Ausgehen, während doch das Landvolk ohne Bedenklichkeit auf den Markt kam, als ob es gar keine Ansteckung und Gefahr von der Seuche gäbe.
Es war, wie gesagt, eine bewunderungswürdige Maßregel von seiten der Behörden, daß die Straßen immer rein und frei von allen ekelhaften Gegenständen gehalten wurden, wie von Leichen oder irgend etwas, das Widerwillen hätte hervorrufen können. Stürzte jemand plötzlich zu Boden oder starb auf der Straße, so wurde die Leiche meistens mit einem Tuch oder einem Leintuch zugedeckt oder bis zur Nachtzeit in den nächsten Kirchhof verbracht. Alles, was, wenn auch unumgänglich nötig, doch gefährlich und mit peinlichen Anblicken verknüpft war, wurde in die Nacht verlegt. Der Transport der Kranken, die Beerdigung der Toten, das Verbrennen der verseuchten Kleider wurde bei Nacht vorgenommen. Die Leichen, die in den großen Massengräbern auf den Kirchhöfen eingescharrt wurden, holte man nur bei Nacht zusammen, und ehe der Tag anbrach, waren sie alle mit Erde bedeckt und alles wieder in Ordnung gebracht. So daß unter Tage nichts von dem allgemeinen Unglück zu sehen oder zu hören war, außer was die Verödung der Straßen, das Klagegeschrei der Leute hinter den Fenstern und die vielen geschlossenen Häuser und Läden von selbst erzählten.
In der innern Stadt war diese Verödung der Straßen nicht so stark wie in den Vorstädten, als die Seuche sich nach Osten zu ausdehnte und über die ganze Stadt verbreitete. Es war wirklich eine barmherzige Fügung Gottes, daß die Seuche zuerst an einem Ende der Stadt ausbrach und nur allmählich auf die andern Stadtteile übergriff. Nach Osten kam sie erst, nachdem sich ihre Heftigkeit im Westen erschöpft hatte, und so nahm sie gleichzeitig zu und ab.
Ich möchte um Erlaubnis bitten, wenn man mir auch Wiederholungen vorwerfen wird, noch einmal mich der Schilderung der jämmerlichen Lage der innern Stadt und jener ihrer Teile, wo ich wohnte, in jener Unglückszeit zuwenden zu dürfen. Die City und die andern Stadtteile waren noch immer, trotz der ungeheuren Anzahl der Geflüchteten, gestopft voll von Leuten. Besonders auch deshalb, weil der allgemeine Glaube war, die Seuche würde weder die City, noch die Orte auf dem jenseitigen Flußufer, wie Southwark, Wapping und Ratcliffe, erreichen. So fest war dieser Glaube, daß viele aus den westlichen und nördlichen Vorstädten nach Osten und Süden ihrer Sicherheit wegen verzogen und, wie ich bestimmt glaube, dadurch die Seuche früher dahin brachten, als sie im natürlichen Verlauf der Dinge gekommen wäre.
Hier möchte ich auch einiges zum Nutzen der Nachwelt bemerken, was die Art und Weise der gegenseitigen Ansteckung betrifft, nämlich, daß es nicht nur die Kranken waren, von denen die Gesunden den Keim der Ansteckung empfingen, sondern ebensogut die Gesunden. Um mich näher zu erklären: unter den Kranken verstehe ich jene, die als krank bekannt waren, im Bett lagen, gepflegt wurden, Geschwüre an ihrem Leibe hatten usw. Vor ihnen konnte sich jedermann in acht nehmen, da sie entweder im Bett lagen oder doch auch sonst ihren Zustand nicht zu verheimlichen vermochten.
Mit den Gesunden aber meine ich solche, die wirklich angesteckt waren und das Gift in sich aufgenommen hatten. Es war in ihrem Blut, aber in ihrem Aussehen zeigte sich davon nichts. Ja, sie wußten selber nichts davon, oft mehrere Tage lang. Diese verbreiteten den Tod überall hin, wohin sie auch kamen. Wer in ihre Nähe kam, war verloren. Aus ihren Kleidern ging die Ansteckung hervor, und was ihre Hände berührten, war verseucht, besonders, wenn sie warme und feuchte Hände hatten, was im allgemeinen der Fall war.
Nun war es unmöglich, diese Leute zu erkennen, nachdem sie ja selbst oft nicht wußten, daß sie angesteckt waren. Sie gehörten zu jenen, die plötzlich auf der Straße ohnmächtig wurden und hinstürzten. Oftmals gingen sie bis zu ihrem letzten Augenblick auf den Straßen umher. Mit einem Male fingen sie dann zu schwitzen an, es wurde ihnen schwach, sie setzten sich an einer Türe hin und starben. Erkannten sie so ihren Zustand, so boten sie meistens noch alle Kräfte auf, ihr Heim zu erreichen, und manchmal gelang es ihnen auch gerade noch, um dort zu sterben. Andere wanderten umher, bis die Merkmale der Seuche sich schon am Körper zeigten, ohne daß sie es bemerkten. Draußen fühlten sie sich noch ganz wohl, sobald sie aber dann nach Hause kamen, legten sie sich hin und starben innerhalb weniger Stunden. Dies waren die gefährlichen Leute, vor denen die wirklich Gesunden sich hätten in acht nehmen müssen, wenn es nur möglich gewesen wäre, sie herauszukennen.
Viele hatten keine Ahnung, daß sie bereits die Seuche im Leibe trugen, bis zu ihrer unaussprechlichen Bestürzung die Merkmale sich am Körper zeigten, worauf sie selten länger als noch sechs Stunden zu leben hatten. Denn die Flecken, die man als »Merkmale« bezeichnete, waren Brandflecken oder absterbendes Fleisch, in kleinen Knötchen von der Größe eines Silberpennys und hart wie ein Stück Horn. War es einmal mit der Krankheit so weit gekommen, so war der Tod unausbleiblich. Und trotzdem wußten solche Leute nichts davon, daß sie verseucht waren und fühlten sich auch nicht im geringsten unwohl, bis jene tödlichen Anzeichen herauskamen. Dabei muß man aber zugeben, daß sie schon früher im höchsten Grade verseucht waren, vielleicht schon längere Zeit, und daß daher ihr Atem, ihr Schweiß, und ihre Kleider schon während dieser ganzen Zeit die Ansteckung verbreiteten.
Es gab eine ungeheuere Verschiedenheit der Krankheitsfälle, an die sich ein Arzt natürlich viel leichter erinnern könnte als ich, aber einige, die ich selbst beobachtet, oder von denen ich gehört habe, will ich doch in folgendem anführen.
Ein gewisser Bürgersmann, der wohl und gesund bis zum September gelebt hatte, als die Seuche sich erst in der innern Stadt auszubreiten begann, war sehr zuversichtlich, ja für meinen Geschmack fast etwas zu vermessen in seinen Redensarten: wie sicher er sei, wie vorsichtig er gewesen wäre und daß er niemals sich in die Nähe eines Kranken gewagt hätte. Ein anderer Bürger, ein Nachbar, sagte eines Tages zu ihm: »Seid nicht zu vertrauensselig. Es ist schwer zu sagen, wer gesund und wer krank ist, denn wir sehen Leute, die jetzt dem Anschein nach völlig gesund aussehen und in einer Stunde tot sind.« -- »Gewiß«, sagte der erste, der nicht etwa übermütig war, aber die ganze Zeit über verschont geblieben war und zu den Leuten in der City gehörte, die deshalb ein wenig zu zuversichtlich geworden waren. »Gewiß, ich glaube ja auch nicht, daß ich sicher bin, aber ich hoffe, daß ich nie mit jemand verkehrte, bei dem irgendeine Gefahr der Ansteckung vorgelegen hätte.« -- »So,« meinte der Nachbar, »seid Ihr denn nicht vorgestern im Wirtshaus zum Stierkopf in der Gracekirch-Straße mit dem so und so zusammengewesen?« -- »Jawohl,« antwortete der erste, »aber sonst war kein Mensch dort, den wir vernünftigerweise für gefährlich hätten halten können.« Darauf schwieg der andere, um ihn nicht in Bestürzung zu versetzen, aber gerade das machte jenen noch neugieriger, und je zurückhaltender der eine wurde, um so mehr drängte der andere in ihn, bis er endlich laut fragte: »Nun, er wird doch nicht gestorben sein?« Sein Nachbar entgegnete kein Wort, blickte aber nach oben und murmelte etwas zu sich selbst, worauf der erste bleich wurde und nichts sonst herausbrachte als: »Dann bin ich auch schon so gut als gestorben.« Er ging sofort nach Hause und schickte nach einem Apotheker, der in der Nähe wohnte, um sich irgendein Gegenmittel geben zu lassen, denn bisher hatte er sich noch ganz wohl befunden. Der Apotheker öffnete seine Kleider, schaute die Brust an, seufzte tief auf und sagte nur: »Wendet Euch an Gott«, und der Mann starb innerhalb weniger Stunden.
Die Pest ist wie eine große Feuersbrunst. Bricht sie dort aus, wo nur wenige Häuser zusammenhängen, kann sie nur diese vernichten; bricht sie in einem einzelstehenden Hause aus, so fällt ihr nur dieses zum Opfer. Entsteht sie aber in einer großen volkreichen Stadt und wird nicht gleich gelöscht, so verheert sie den ganzen Ort und alles, was sie erreichen kann.
Gewiß, Hunderte, ja Tausende von Familien flüchteten sich vor der Pest, aber viele flohen zu spät und gingen auf der Flucht zugrunde. Und nicht nur das, sie verschleppten auch die Seuche überallhin, wohin sie kamen und steckten die an, bei denen sie Sicherheit und Zuflucht gesucht hatten. Dadurch wurde die beste Maßregel, um der Seuche zu entgehen, zu einem Mittel sie zu verbreiten. Dies bringt mich auf das zurück, was ich schon angedeutet habe, von dem ich aber nun ausführlicher sprechen möchte. Darüber nämlich, daß viele Leute nach außen hin völlig wohl umhergingen, während sie schon tagelang das Gift der Seuche im Leibe trugen und ihr Blut so sehr verseucht war, daß sie nicht mehr zu retten waren. Während dieser ganzen Zeit waren sie für andere höchst gefährlich, und die Tatsachen haben das bewiesen. Denn solche Leute steckten die Orte an, wohin sie kamen und die Leute, mit denen sie umgingen. So geschah es, daß fast alle größeren Städte Englands mehr oder weniger verseucht wurden, und immer wieder kam’s heraus, daß es durch den oder jenen Londoner verursacht worden war.
Ich muß hier ausdrücklich erklären, daß ich annehme, diese Leute, die den andern so gefährlich wurden, seien selbst ohne jede Kenntnis von ihrem eigenen Zustande gewesen. Wäre es anders, so hätte man jene überlegte Mörder heißen müssen, die sich mit vollem Bewußtsein der Umstände unter die Gesunden mengten. Aber nichtsdestoweniger hieß es, wenn ich auch selbst es nicht für richtig halte, daß die Angesteckten gegen die Weiterverbreitung der Seuche gänzlich gleichgültig, ja eher dafür als dagegen waren. Daraus mag jenes Gerücht entstanden sein, von dem ich nur hoffen kann, daß es nicht den Tatsachen entsprach.
Freilich besitzt ein einzelner Fall keine Allgemeingültigkeit, aber ich könnte doch die Namen einiger Leute nennen, die auch anderwärts bekannt und deren Familien noch am Leben sind, die das genaue Gegenteil bezeugen. So wurde ein Mann in meiner Nachbarschaft krank. Er vermutete, von einem armen Arbeiter angesteckt worden zu sein, den er bei sich beschäftigt hatte oder in dessen Wohnung er gekommen war. Schon damals hatte er eine trübe Ahnung, aber erst am nächsten Tage kam die Krankheit wirklich zum Ausbruch, und er fühlte sich gleich recht schlecht. Auf dies hin veranlaßte er sofort, daß er in ein Hinterhaus auf seinem Grundstück gebracht würde, wo sich über der Rotgießereiwerkstatt eine Kammer befand. Hier lag er, und hier starb er und ließ sich von niemand pflegen als einer fremden Pflegerin. Seiner Frau, den Kindern und Dienstboten verwehrte er aufs strengste den Eintritt, um sie nicht der Ansteckung auszusetzen, und übersandte ihnen nur seinen Segen und Wünsche für ihre Erhaltung durch die Pflegerin, die aber auch nicht in ihre Nähe kommen durfte. Und all das nur, um sie vor der Seuche zu bewahren.
Es muß erwähnt werden, daß die Pest, wie wohl alle Krankheiten, je nach der Beschaffenheit des Körpers, ganz verschieden wirkte. Manche wurden sofort von ihr völlig überwältigt; es kam zu schweren Fieberanfällen, Erbrechen, unerträglichen Kopf- und Rückenschmerzen, bis zu Tobsuchtsanfällen. Bei andern brachen Geschwülste im Genick, in der Leistengegend oder unter den Armen aus, die, wenn sie nicht zum Reifwerden gebracht werden konnten, eine furchtbare Qual verursachten. Die Dritten endlich wurden unmerklich angesteckt, das Fieber wütete in ihnen, ohne daß sie darum wußten, bis sie schließlich das Bewußtsein verloren und schmerzlos dahingingen.
Ich bin nicht Arzt genug, um die Einzelheiten dieser verschiedenen Wirkungen einer und derselben Seuche schildern oder erklären zu können, noch halte ich das für meine Aufgabe, da sie von den Ärzten viel besser ausgeführt wurde, wenn unsere Meinungen auch in einigen Punkten auseinandergehen. Darum habe ich auch nur berichtet, was ich selbst gesehen und beobachtet oder gehört habe und was in den verschiedenen Fällen, die ich erwähnte, in Erscheinung trat. Nur das mag noch angeführt werden, daß die schlimmsten Fälle, was die Schmerzen und die Schwere der Krankheitserscheinungen betrifft, oft zur Heilung gelangten, besonders wenn die Geschwülste aufbrachen, daß aber in jenen Fällen von einer kaum merklichen Erkrankung der Tod unvermeidlich war.
Die Krankheit und Weiteransteckung, ohne daß die betreffenden Personen das geringste davon wußten, zeigte sich in zwei Arten von Fällen, die in jener Zeit ziemlich häufig und in London allgemein bekannt waren.
1. Väter und Mütter gingen umher, als ob sie völlig wohl wären, waren auch davon überzeugt, bis sie ihre ganzen Familien verseucht hatten und die Ursache ihres Unterganges geworden waren. Hätten sie die leiseste Ahnung ihres Zustandes besessen, so würden sie nimmermehr so gehandelt haben. Eine Familie, von der ich hörte, wurde auf solche Weise vom Vater angesteckt. Einige Mitglieder wurden krank, noch ehe er selbst von der Seuche etwas merkte. Als er aber durch genauere Beobachtungen herausbrachte, daß er das Gift zu den Seinen gebracht hatte, wurde er wahnsinnig und hätte Hand an sich gelegt, wenn man ihn nicht verhindert haben würde. In wenigen Tagen war er tot.
2. In anderen Fällen fühlten die von der Seuche auf diese Weise Betroffenen nur ganz leichte Beschwerden, etwa eine Verminderung des Appetits, oder ein wenig Magenweh oder auch Heißhunger und leichte Kopfschmerzen, worauf sie zum Arzte schickten, um irgendein Mittel zu begehren und dann aufs tödlichste erschrocken waren, als sie hörten, daß sie auf der Schwelle des Todes standen und rettungslos verloren waren.
Es ist schauerlich, darüber nachzudenken, daß solche Menschen als Mörder vielleicht wochenlang umhergingen, diejenigen zugrunde richteten, die sie unter Gefahr ihres Lebens gerettet haben würden und vielleicht durch eine zärtliche Liebkosung dem Tode überlieferten. Und doch kam das oft vor, und ich könnte zahlreiche derartige Fälle anführen. Wenn nun der Schlag so aus dem Hinterhalte herabsaust, wenn der Pfeil ungesehen und unentdeckbar von der Sehne fliegt, was haben dann alle Maßregeln von Häuserabsperren und Fortschaffen der Kranken für einen Zweck? Dort ja, wo die Ansteckung offen zutage tritt, aber in den tausenden von Fällen, wo es sich um anscheinend völlig Gesunde handelt, sind sie gänzlich nutzlos.
Dies setzte natürlich auch unsere Ärzte in Verwirrung, und besonders die Apotheker und Wundärzte, die die Kranken nicht von den Gesunden zu unterscheiden wußten. Aber alle gaben die Tatsachen zu, daß viele Leute die Seuche im Blut hatten und eigentlich nichts anderes als herumwandelnde verpestete Gerippe vorstellten, deren Atem Tod, deren Schweiß Gift war, und die doch eben so aussahen wie andere Menschen, und selbst nichts von ihrem fürchterlichen Zustande ahnten. Die Tatsache also wurde von allen zugegeben, aber keiner wußte ein Mittel dagegen.
Mein Freund, der Dr. Heath, war der Meinung, daß es an dem Geruch des Atems zu erkennen wäre, aber wer hätte sich dem aussetzen mögen, die Wahrheit aus dem Atem eines Menschen zu holen, um sie mit dem eigenen Tod zu erkaufen. Denn um den Geruch zu unterscheiden, hätte er das Gift des Atems in das eigene Gehirn einziehen müssen. Andere sollen behauptet haben, daß man den Verdächtigen auf ein Stück Spiegelglas hauchen lassen müsse. Wäre er verseucht, so würde der Niederschlag des Hauches, durch ein Mikroskop gesehen, die Form von lebenden Geschöpfen gräulichster und scheußlichster Art, als Drachen, Schlangen, Vipern und teufelsartigen Gebilden, annehmen. Aber das halte ich doch für recht zweifelhaft; auch besaßen wir damals noch keine Mikroskope, um den Versuch anzustellen.
Die Ansicht eines andern sehr gelehrten Mannes war, daß der Hauch solch eines Kranken einen kleinen Vogel im Nu vergiften und töten würde, und nicht nur einen kleinen Vogel, sondern sogar ein Huhn oder einen Hahn, oder wenn nicht gleich töten, ihn doch räudig machen müßte. Besonders merkwürdig wäre, daß zu dieser Zeit gelegte Eier alle verfault wären. Ich habe aber nie gehört, daß diese Behauptungen durch einen Versuch bewahrheitet wurden. So gebe ich sie als das, was sie sind, möchte aber doch bemerken, daß ich sie für sehr wahrscheinlich halte.
Manche haben vorgeschlagen, daß solche Leute recht heftig auf warmes Wasser hauchen sollten, worauf sich ein ungewöhnlicher Schaum darauf bilden würde. Es ginge aber auch bei andern klebrigen Substanzen, die geeignet wären, den Schaum aufzunehmen und festzuhalten.
Alles in allem muß ich aber doch sagen, daß diese Art der Ansteckung jeder Möglichkeit der Entdeckung spottete, und daß keine menschliche Geschicklichkeit imstande war, die Weiterverbreitung zu verhindern.
Zu jener Zeit war die Aufregung groß, als man erkannte, daß die Ansteckung in dieser Art verbreitet, durch anscheinend völlig Gesunde verbreitet werden könne, und man fing an, jeden, der in die Nähe kam, mit äußerstem Mißtrauen und größter Unbehaglichkeit zu betrachten. Einmal, ich glaube an einem Sonntage in der Aldgate-Kirche, glaubte irgendeine Frau in einer vollbesetzten Kirchenbank einen schlechten Geruch zu verspüren. Sofort bildete sie sich ein, die Pest wäre in der Bank, gab flüsternd ihren Verdacht der Nächsten weiter und verließ schnell ihren Platz. Die Nachbarin machte es geradeso, und in einem Augenblick hatten sämtliche Insassen von zwei oder drei Kirchenbänken die Kirche verlassen, ohne daß irgend jemand wußte weswegen oder von wem der üble Geruch ausgegangen wäre.
Infolgedessen fiel man darauf, irgend etwas in den Mund zu stecken, was von alten Weibern oder auch Ärzten empfohlen wurde, um die Ansteckung durch den Atem von Kranken unmöglich zu machen. Dies ging so weit, daß besonders in den Kirchen man gleich beim Eingange von einer Wolke aller möglichen Gerüche empfangen wurde, die viel stärker, wenn auch wahrscheinlich nicht so bekömmlich waren, als die Gerüche in Apothekerläden oder bei Drogisten. Die ganze Kirche war eine große Riechflasche. In der einen Ecke roch es nach Parfüms, in der andern nach aromatischen Essenzen, balsamischen Düften und allen möglichen Kräutern, in der dritten nach Riechsalz und scharfen Wassern, da jeder sich mit etwas anderem zum Schutze versehen hatte. Nachdem aber einmal der Glaube allgemein geworden war, daß die Ansteckung von scheinbar Gesunden übertragen werden könne, wurde der Kirchenbesuch erheblich schwächer. Aber ganz geschlossen wurden die Kirchen und Betsäle während der ganzen Zeit der Seuche in London niemals, außer in einigen Kirchspielen, wo die Seuche gerade besonders arg wütete, und auch da wurden sie, sowie es einigermaßen besser wurde, wieder geöffnet.
Im Gegenteil war nichts erhebender, als zu sehen, mit welchem Mute die Bevölkerung die öffentlichen Gottesdienste besuchte, sogar zu einer Zeit, als man sich fürchtete, zu irgendeinem andern Zwecke das Haus zu verlassen. Daß die Kirchen bis auf eine kurze Zeit während des Höhepunktes der Seuche immer voll waren, war auch ein Beweis für die außerordentliche Bevölkerungsdichtigkeit beim Ausbruch der Pest, trotz der ungeheuren Menge, die gleich damals sich aufs Land hinaus geflüchtet hatte und den Massen, die später von ihrem sinnlosen Entsetzen in die Wälder hinausgetrieben wurden.
Man muß anerkennen, daß die Leute, die alle jene Vorsichtsmaßregeln anwandten, von denen ich gesprochen habe, der Ansteckung weniger ausgesetzt waren. In solchen Häusern brach die Seuche nicht mit der gleichen Heftigkeit aus, und ganze Familien wurden auf solche Weise gerettet, womit die schuldige Ehrfurcht vor der göttlichen Vorsehung natürlich nicht verletzt werden soll.