Die Pest zu London

Part 10

Chapter 103,734 wordsPublic domain

Das Umhergelaufe der Erkrankten auf den Straßen war wirklich grausig, und die Behörden taten alles, um es zu verhindern, da es aber gewöhnlich bei Nacht geschah und sich um plötzliche Ausbrüche handelte, war meistens niemand da, der es hätte verhindern können. Und selbst bei Tage hatten die damit Beauftragten keine große Lust, sich einzumischen. Denn nur auf der Höhe der Ansteckung traten diese Anfälle ein, und demgemäß waren auch die Kranken besonders gefährlich, und es war das größte Wagnis der Welt, sie zu berühren. Ließ man sie aber in Ruhe, so rannten sie meistens so lange weiter, bis sie plötzlich tot umfielen oder völlig erschöpft zu Boden stürzten und dann nach einer halben Stunde oder einer Stunde starben. Das Kläglichste aber war, daß sie in dieser halben Stunde oder Stunde wieder zu sich kamen und dann die herzbrechendsten Klagen und Schreie ausstießen über ihre bejammerungswürdige Lage. Ehe die Absperrung der Häuser streng durchgeführt wurde, waren solche Anblicke nichts Seltenes, denn anfangs nahmen es die Wächter mit ihrer Pflicht nicht so ernst und genau wie später. Erst, als einige aufs strengste für ihre Nachlässigkeit und Pflichtvergessenheit bestraft wurden, weil sie die Leute unter ihrer Aufsicht ob krank oder ob gesund hatten entschlüpfen oder mit ihrem Einverständnis sich flüchten lassen, wurde es anders. Sie merkten nun, daß die Oberen, die ihre Führung zu prüfen und untersuchen hatten, entschlossen waren, sie zur Ausübung ihrer Pflicht zu zwingen oder zur Rechenschaft zu ziehen. Von da an wurden die Leute strenge bewacht, was sie aber aufs übelste aufnahmen und mit solchem Unwillen ertrugen, daß es kaum zu beschreiben ist. Aber die Notwendigkeit dazu war nun einmal da, das kann nicht geleugnet werden, außer man hätte zur rechten Zeit andere Maßregeln ergriffen, für die es nun zu spät war.

Hätte man die Erkrankten nicht abgeschlossen, so würde damals London der schrecklichste Ort auf der ganzen Welt gewesen sein. Ich glaube, daß dann ebensoviel Leute auf der Straße gestorben wären als in ihren Wohnungen. Denn während die Krankheit auf ihrem Höhepunkte war, wurden sie rasend und wie wahnsinnig, und man konnte sie nicht dazu bringen, im Bett zu bleiben, außer durch Gewalt. Viele, die nicht angebunden waren, sprangen zum Fenster hinaus, als sie sahen, daß man sie zur Tür nicht hinauslassen würde.

Es kam von dem Aufhören allen Verkehres während dieser Unglückszeit, daß man nur wenig von Einzelheiten erfuhr, die in verschiedenen Familien vorkamen. Ich glaube, bis auf diesen Tag weiß man nicht, wie viele Leute während ihrer Delirien sich in der Themse ertränkten und in dem Flusse, der bei Hackney vorbeifließt und als Warefluß oder Hackneyfluß bekannt ist. Was in den Sterberegistern davon angeführt wurde, war nur unbedeutend; denn wie hätte man auch wissen können, wer durch irgendein Unglück ertrunken war und wer nicht. Ich habe mir ausgerechnet, daß in diesem Jahre mehr Leute ertranken als überhaupt in den Sterbelisten aufgeführt sind, denn manche Leichen wurden niemals aufgefunden von Leuten, die man vermißte. Und so war es auch mit den andern Arten von Selbstmord. Ein Mann in der Nähe der Whitecroß-Straße verbrannte sich in seinem Bett. Einige sagen, er habe es selbst getan, andere, daß es durch die Verworfenheit seiner Pflegerin geschah, nur darin stimmen alle überein, daß er die Pest hatte.

Ich wurde wieder von meinem gefährlichen Amte entbunden, sobald ich mir für einiges Geld einen Stellvertreter verschafft hatte. So war ich statt der üblichen zwei Monate nicht länger als drei Wochen im Amte, lang genug, wenn man bedenkt, daß es im August war, als die Seuche mit voller Heftigkeit in unserm Stadtteil ausbrach.

Während ich meinen Amtsgeschäften nachging, konnte ich mich nicht zurückhalten, meinen Freunden offen meine Meinung zu sagen in Hinsicht auf die Absperrung der Häuser. Unser Haupteinwand war, daß sie letzten Endes erfolglos war. Denn die Kranken liefen doch auf der Straße umher. Es war unser aller Ansicht, daß eine Maßregel, die in einem verseuchten Hause die Kranken von den Gesunden getrennt hätte, in mehreren Hinsichten viel vernünftiger gewesen wäre. Man hätte dann bei den Kranken nur solche Personen gelassen, die ausdrücklich darum baten und sich bereit erklärten, mit den Kranken abgesperrt zu werden.

Unser Vorschlag ging dahin, die Gesunden von den Kranken abzusondern, natürlich nur in verseuchten Häusern. Denn die Kranken abzusperren, konnte man keine Absperrung heißen. Jene, die sich nicht rühren konnten, hätten sich sicher nicht darüber beklagt, so lange sie noch bei Sinnen waren und ein Urteil hatten. Freilich, wenn das Fieber über sie kam, schrien sie laut über die Unmenschlichkeit, sie einzusperren. Was nun die Entfernung der Gesunden betrifft, so hielten wir’s für ebenso vernünftig als gerecht, sie um ihrer eigenen Sicherheit willen von den Kranken zu trennen. Zum Schutz der andern Leute konnte man sie ja für eine Zeitlang absondern, damit sie nicht Gesunde ansteckten, aber dazu schienen uns 20 oder 30 Tage genügend.

Hätte man nun Gebäulichkeiten für die Gesunden hergerichtet, um dort diese halbe Quarantäne abzusitzen, so hätten sie sich kaum darüber beklagen können, wie es geschah, wenn man sie mit den Angesteckten zusammensperrte.

Es muß aber bemerkt werden, daß man mit dem Absperren der Häuser aufhörte, als der Begräbnisse so viele geworden waren, daß man nicht mehr die Sterbeglocke ziehen, trauern, weinen oder schwarze Kleidung tragen konnte, wie es früher geschehen war. Nicht einmal Särge gab es damals mehr für die Toten. Die Wut der Seuche erschien zu fürchterlich, und alle Maßregeln, die man versucht hatte, waren fruchtlos gewesen. Die Pest verbreitete sich mit unwiderstehlicher Gewalt, wie im folgenden Jahre das Feuer, das zu löschen die Bürger auch in ihrer Verzweiflung aufgaben. So wurde auch endlich die Heftigkeit der Pest so furchtbar, daß die Leute nur noch still einander ansahen und sich der Verzweiflung überließen. Ganze Straßen schienen verlassen und nicht nur abgesperrt, sondern aller Bewohner entblößt. Türen standen auf, die Fenster schlugen im Winde gegen die leeren Häuser, da niemand da war, sie zu schließen. Mit einem Worte: das Volk fing an, in Angst und Entsetzen zu versinken und zu glauben, daß doch alle Maßregeln und Gegenmittel umsonst wären. Man wartete auf nichts mehr als auf ein allgemeines Verderben, und gerade dann, als die Verzweiflung auf den Höhepunkt gestiegen war, gefiel es Gott, seine Hand zu erheben und der Wut der Seuche Einhalt zu gebieten, in einer Weise, die ebenso wunderbar war, wie der Beginn, und klärlich anzeigte, daß seine Hand im Spiele war und der Gegenmaßregeln nicht bedurfte.

Aber noch muß ich weiter von der Pest erzählen, als sie am ärgsten wütete und das Volk geradezu zur Verzweiflung brachte. Es ist kaum zu glauben, was die Menschen alles in diesem Zustande vollführten. Kann man sich z. B. etwas Grausigeres vorstellen, als einen halbnackten Mann, der aus seinem Hause oder vielleicht gerade aus dem Bett kam und nun tanzend und singend unter tausend fratzenhaften Gebärden auf der Straße umherlief, während fünf oder sechs Frauen und Kinder ihm nachrannten, weinend und schreiend, er möchte doch um Gottes willen heimkommen, und die Hilfe aller Begegnenden anrufend, aber umsonst, da sich doch niemand traute, ihn zu berühren oder in seine Nähe zu kommen. Es brach mir fast das Herz, während ich von meinem Fenster aus zusah. Denn zu allem kam noch, daß der Kranke offenbar die äußerste Qual ausstand. Er hatte zwei Geschwülste an seinem Körper, die nicht zum Aufbrechen oder Eitern zu bringen waren, weswegen man Ätzmittel aufgelegt hatte, die wie glühendes Eisen in sein Fleisch brannten. Ich weiß nicht, was aus diesem Unglücklichen wurde, aber ich denke, er wird wohl weitergelaufen sein, bis er hinfiel und starb.

Kein Wunder, daß der Anblick auch der innern Stadt nur noch Entsetzen erregen konnte. Wo sonst ein lebhafter Verkehr war, herrschte jetzt Einsamkeit und Öde. Die Börse war zwar nicht geschlossen, aber niemand ging hin. Die Straßenfeuer waren zusammengesunken und infolge eines heftigen Regens fast erloschen, aber einige Ärzte erklärten, daß sie nicht nur keinen Nutzen hätten, sondern der allgemeinen Volksgesundheit eher schädlich wären. Sie machten darüber ein großes Geschrei und wandten sich sogar an den Lordmayor. Andere Ärzte, die ebenso berühmt waren, traten ihnen entgegen und brachten allerlei Gründe vor, warum die Feuer unterhalten werden müßten, und inwiefern sie notwendig wären, um die Heftigkeit der Seuche zu brechen. Ich erinnere mich nicht mehr an alle Argumente, die von beiden Seiten ins Treffen geführt wurden, und weiß nur noch, daß sie sich gegenseitig aufs eifrigste befehdeten. Die einen sprachen sich für die Feuer aus, vorausgesetzt, daß es Holz- nicht Kohlenfeuer wären und durch besondere Holzgattungen, vornehmlich Kiefern und Zedern, des Harzes wegen, genährt würden; andere waren für Kohlen- und nicht für Holzfeuer, weil jene mehr Schwefel und Erdpech enthielten; die dritte Partei war überhaupt gegen jede Art von Feuer. Übrigens verfügte der Lordmayor, daß mit den Feuern aufgehört würde, und zwar hauptsächlich deshalb, weil man einsah, daß alle Gegenmittel erfolglos waren und mehr dazu dienten, die Seuche zu verschlimmern als ihr vorzubeugen. Diese Erfolglosigkeit der Anstrengungen der Behörden kam aber mehr von ihrer Unfähigkeit als von ihrer Abneigung, sich der Gefahr auszusetzen oder von einem Mangel an Verantwortungsfreudigkeit. Wenn man ihnen gerecht sein will, muß man anerkennen, daß sie weder Mühe noch Kräfte sparten, aber es half alles nichts, die Seuche wütete weiter und brachte die Bevölkerung in die äußerste Verzweiflung, so daß sie jede Hoffnung aufgab.

Hier muß ich jedoch bemerken, daß ich keine religiöse Verzweiflung meine oder eine Verzweiflung an den ewigen Verheißungen, wenn ich sage, die Bevölkerung habe sich der Verzweiflung überlassen. Ich meine: sie hatte jede Hoffnung verloren, der Seuche zu entgehen oder sie zu überleben, nachdem sie ihre unwiderstehliche Gewalt gesehen hatte. In der Tat entrann während der Höhe der Seuche fast niemand von den einmal Angesteckten dem Tode. Das war besonders im August und September, während im Juni und Juli und auch noch Anfang August viele erkrankten, aber nach einigen Tagen wieder gesund wurden. Jetzt aber dauerte die Krankheit meistens nur zwei oder drei Tage und nahm fast stets einen tödlichen Verlauf. Oft starben die Leute am gleichen Tage, da sie angesteckt wurden. Ob die Hundstage oder, wie die Astrologen das auszudrücken pflegten, der Einfluß des Hundssterns diese bösartige Wirkung hatte, oder ob die Ansteckung nun bei allen zugleich zum Ausbruch kam, weiß ich nicht, aber es war die Zeit, da in einer einzigen Nacht 3000 Personen gestorben sein sollen. Diejenigen, die angeblich besonders genaue Beobachtungen anzustellen in der Lage waren, behaupteten, daß sie alle binnen zwei Stunden starben, nämlich zwischen 1 Uhr und 3 Uhr des Morgens.

Für den plötzlichen Verlauf der Todesfälle in dieser Zeit gibt es unzählige Beispiele, und ich könnte mehrere davon in meiner nächsten Nachbarschaft anführen. Eine Familie, die gerade außerhalb der Schlagbäume und nicht weit von mir wohnte, war allem Anschein nach noch am Montag völlig wohl. Sie zählte alles in allem zehn Mitglieder. Am Abend legten sich ein Dienstmädchen und ein Lehrling und starben am nächsten Morgen. Tags darauf wurde der zweite Lehrling und zwei Kinder von der Seuche ergriffen, von denen eines noch am selben Abend, die beiden andern am Mittwoch starben. Bis Samstag mittag waren alle: Mann, Frau, vier Kinder und vier Dienstboten eine Beute des Todes. Das Haus war völlig leer bis auf ein ältliches Frauenzimmer, das für den Bruder des verstorbenen Hausherrn die Aufsicht über die zurückgelassenen Sachen übernahm. Sie wohnte in der Nähe und war nicht erkrankt.

Viele Häuser, deren Bewohner ausgestorben waren, waren nun gänzlich verlassen, besonders in einer engen Gasse auf meiner Seite außerhalb der Schlagbäume, die beim Wirtshaus von Aaron und Moses abbiegt. In mehreren Häusern nebeneinander war nicht ein Mensch mehr am Leben, und die Letztverstorbenen lagen lange darin herum, ehe sie begraben wurden. Der Grund hierfür war aber nicht, wie man später behauptet hat, daß es nicht mehr genug Lebendige gab, um die Toten zu begraben, sondern, weil die Seuche in der Gasse niemand mehr übrig gelassen hatte, der die Leichenträger oder Küster hätte benachrichtigen können, daß noch Tote vorhanden waren. Man erzählte, ob mit Recht, ist mir nicht bekannt, daß einige jener Leichen so verfault und zersetzt waren, daß man sie kaum noch herausschaffen konnte. Besonders auch, weil die Gasse zu eng war, um mit dem Karren weiter als bis zum Tor in der High-Straße zu gelangen. Um wie viele Leichen es sich handelte, weiß ich nicht. Jedenfalls bin ich überzeugt, daß für gewöhnlich derartiges nicht vorkam.

Ich muß wohl zugeben, daß jene Zeit so fürchterlich war, daß alle meine Entschlüsse zusammenbrachen und ich den anfangs gezeigten Mut nicht aufrechtzuerhalten vermochte. Wie die Verzweiflung andere Leute aus der Stadt trieb, so trieb sie mich nach Hause, und nach meinem kleinen Ausflug nach Blackwell und Greenwich, von dem ich schon erzählt habe, blieb ich fast beständig zwischen meinen vier Wänden, wie ich es schon früher 14 Tage lang gemacht hatte. Ich wiederhole, daß mich oft die Reue faßte, in der Stadt geblieben zu sein und nicht mit meinem Bruder und seiner Familie mich fortgemacht zu haben. Aber für die Reue war es nun zu spät. Nachdem ich schon lange Zeit mich im Hause gehalten hatte, ehe meine Ungeduld und Neugier mich zu dem besagten Ausflug veranlaßten, brachte mich die Folgezeit in ein gefährliches und nicht weniger als angenehmes Amt, das mich zum Ausgehen zwang. Als nun meine Amtsdauer abgelaufen war, die Seuche aber noch immer in voller Stärke andauerte, zog ich mich von neuem zurück und schloß mich für zehn oder zwölf Tage ein. Doch gab es noch manchen schauerlichen Anblick, den ich aus meinem Fenster mitansehen mußte, wie jenes unglücklichen, in seiner Todesangst tanzenden und singenden Menschen, und noch viele andere. Kaum ein Tag oder eine Nacht verging, ohne daß sich das eine oder andere Fürchterliche am Ende der Harrow-Gasse ereignete, wo nur arme Leute, hauptsächlich Fleischer wohnten, oder solche, die mit dem Schlachten irgendwie zu tun hatten.

Zuweilen spie diese Gasse Haufen von Menschen, meistens Weiber aus, die mit Schreien, Kreischen, Heulen und Durcheinanderbrüllen einen schrecklichen Lärm vollführten, so daß wir gar nicht wußten, was wir daraus machen sollten. Fast jede Nacht stand der Leichenkarren am Ende der Gasse, denn innen konnte er nicht mehr umwenden und blieb stecken. Dort stand er, um die Leichen in Empfang zu nehmen, und da der Kirchhof nicht weit entfernt war, kehrte er immer gleich wieder zurück, wenn er seine Last abgeladen hatte. Es ist ganz unmöglich, das Klagegeschrei und Gejammer zu beschreiben, das die armen Leute ausstießen, wenn sie die Leichen ihrer Kinder und Freunde an den Karren brachten. Es waren so viele, daß man denken mußte, kein einziger wäre mehr zurückgeblieben; genug, um eine kleine Stadt zu bevölkern. Manchmal schrien sie: »Mord!« manchmal: »Feuer!« es war aber leicht zu sehen, daß das nur in ihrer Verwirrung geschah, in die sie Krankheit und Verzweiflung gestürzt hatten.

Ich glaube, es war überall so zu dieser Zeit, denn die Pest wütete sechs oder sieben Wochen lang über alle Beschreibung schrecklich und erreichte endlich eine solche Höhe, daß alle die behördlichen Maßregeln, die noch beobachtet worden waren, außer acht gelassen wurden. Bisher hatte man weder Leichen auf den Straßen gesehen, noch hatte es Begräbnisse während der Tageszeit gegeben, aber nun brach die ganze, mühsam aufrecht erhaltene Ordnung für eine Zeitlang zusammen.

Etwas möchte ich hier nicht zu erwähnen versäumen, da es mir merkwürdig erscheint und zum wenigsten die Hand der göttlichen Gerechtigkeit deutlich zeigt, nämlich, daß alle die Wahrsager, Astrologen, Schwarzkünstler, Geisterbeschwörer, Hexenmeister, Traumdeuter und wie sie sonst alle heißen mögen, fort und verschwunden waren. Nicht ein einziger von ihnen war noch aufzufinden. Ich glaube wohl, daß eine große Zahl von ihnen der Wut der Seuche zum Opfer fiel, meistens wahrscheinlich solche, die die Aussicht auf großen Gewinn zum Bleiben verlockt hatte. Eine Zeitlang verdienten sie auch wirklich glänzend an der Torheit und Unzurechnungsfähigkeit der Leute. Jetzt aber waren sie stumm geworden, und manche hatten ein Schicksal gefunden, das vorherzusehen sie nicht imstande gewesen waren und auch in ihren eigenen Horoskopen nicht entdeckt hatten. Es hat nicht an Behauptungen gefehlt, daß alle insgesamt gestorben wären. Ich selbst kann das nicht bestätigen, aber so viel ist wahr, daß ich von keinem einzigen mehr hörte, nachdem die Pest erloschen war.

Inzwischen war, wie gesagt, der Monat September wohl der schrecklichste, den London je erlebt hat. Alle Ziffern, die ich aus früheren Pestjahren gesehen habe, wurden bei weitem überboten. Das wöchentliche Sterberegister brachte eine Todesrate von fast 40000, vom 22. August bis zum 26. September, also für fünf Wochen. Für die einzelnen Wochen sind die Zahlen die folgenden:

Vom 22. zum 29. August 7496 zum 5. September 8252 zum 12. September 7690 zum 19. September 8297 zum 26. September 6460 -------------- Zusammen: 38195

Dies ist an und für sich eine unerhörte Anzahl, wenn ich aber noch all die Gründe anführte, die es mir gewiß machen, daß und um wieviel sie zu niedrig gegriffen ist, würde man zweifellos meine Ansicht teilen, daß während dieser ganzen Zeit jede Woche, eine wie die andere, mehr als 10000 starben. Die Verwirrung unter dem Volke, besonders in der inneren Stadt, war damals unbeschreiblich. Ein solches Entsetzen hatte sich schließlich der Bevölkerung bemächtigt, daß selbst jene, die beauftragt waren, die Leichen wegzuschaffen, den Mut verloren. Viele von ihnen starben, obwohl sie die Seuche schon einmal durchgemacht hatten und davongekommen waren. Andere stürzten tot zu Boden, nachdem sie die Leichen schon bis an den Rand der Grube gebracht hatten und eben im Begriffe waren, sie hineinzuwerfen. In der inneren Stadt war die Verwirrung deshalb am größten, weil die Leute sich dort eingebildet hatten, die Seuche würde sie verschonen und die Bitterkeit des Todes ihnen erspart bleiben. Ein Leichenkarren, der Shoreditch hinauffuhr, wurde von den Fuhrleuten im Stiche gelassen. Oder vielmehr: es blieb nur ein Mann bei dem Karren, der auf der Straße starb. Die Pferde aber gingen weiter, warfen den Karren um, so daß die Leichen durcheinander herauskollerten. Einen andern Leichenkarren fand man in dem großen Massengrab in den Finsburyfields. Der Treiber war wohl gestorben oder fortgegangen, und als die Pferde zu nahe an die Grube kamen, fiel der Karren hinein und zog die Pferde mit nach. Es wurde behauptet, daß der Treiber auch mit hineinfiel und vom Karren erdrückt wurde, weil seine Peitsche mitten aus den Leichen herausstand, aber Gewißheit war darüber nicht zu erlangen.

In unserm Kirchspiel von Aldgate fand man oftmals die Leichenkarren voll ihrer schauerlichen Last vor dem Tor des Kirchhofs, aber weder Treiber noch sonst jemand dabei. Fast nie wußte irgendwer, welche Leichen auf dem Karren lagen, denn zuweilen wurden sie mit Seilen aus den Fenstern oder von den Balkonen herabgelassen, oder Träger oder andere Leute brachten sie zu dem Karren. Übrigens sagten die Leichenträger selbst, daß sie sich um die Anzahl nicht kümmerten.

Die Umsicht der Behörden war nun bis zum äußersten angespannt, was niemals genügend anerkannt werden kann. Wie überbürdet sie auch sonst sein mochten, zwei Dinge wurden doch niemals weder in der eigentlichen Stadt noch in den Vorstädten vernachlässigt.

1. Lebensmittel waren immer reichlich vorhanden, und das zu einem Preise, der kaum nennenswert den üblichen übertraf.

2. Nirgends gab es unbeerdigte und unbedeckte Leichen, man mochte von einem Ende der Stadt zum andern wandern, und während des Tages war auch nichts von Begräbnissen zu sehen, vielleicht die ersten drei Wochen des September ausgenommen, was ich schon erwähnt habe.

Dies letztere wird möglicherweise wenig Gläubige finden, nachdem in andern Berichten, die seitdem veröffentlicht wurden, zu lesen stand, daß die Leichen unbeerdigt herumlagen, was ich für gänzlich unrichtig halte. Wenn es wirklich der Fall war, so doch nur in Häusern, wo die Lebenden die Leichen verlassen hatten und Mittel gefunden hatten, zu entfliehen, ohne eine Anzeige zu erstatten. Alles in allem will das gar nichts bedeuten. Ich kann aus Erfahrung reden, nachdem ich selbst ein wenig mit diesem Teil des Ordnungswesens in unserm Kirchspiel zu tun hatte, wo, im Vergleich zur Dichte der Bevölkerung, die Verödung ebenso groß war wie irgendwo anders. Und ich bin ganz sicher, daß keine Leichen unbeerdigt blieben, wenigstens keine, von der die Aufsichtsbeamten erfuhren, und jedenfalls keine aus Mangel an Leuten, um sie wegzuschaffen oder Totengräbern, um sie in die Grube zu werfen und mit Erde zuzudecken. Mehr will ich auch gar nicht behaupten, denn was in Winkeln und Löchern herumlag, wie in der Moses- und Aaron-Gasse, zählt nicht, da auch dort alle Leichen beerdigt wurden, sobald man sie nur aufgefunden hatte.

Was nun meine erste Behauptung betrifft, nämlich in Hinsicht auf die Lebensmittel, so habe ich davon schon gesprochen und werde noch mehr davon sprechen, muß aber doch für jetzt folgendes erwähnen:

1. Der Brotpreis insbesondere wurde nicht erhöht. Am Anfang des Jahres, d. h. in der ersten Märzwoche, war das Pennyweizenbrot 10½ Unzen schwer. Als die Seuche auf ihrem Höhepunkt war, wog es 9½ Unzen, und teurer wurde es niemals während der ganzen Zeit. Anfang November verkaufte man es schon wieder zum alten Gewicht, und ich glaube nicht, daß etwas derartiges während einer solchen Unglückszeit jemals irgendwo anders erhört wurde.

2. Noch war, was mich selbst nicht wenig wundernahm, irgendein Mangel an Bäckern und Backöfen, um die Bevölkerung mit Brot zu versehen. Doch wurde von einigen behauptet, daß ihre Dienstmädchen, die sie mit dem Teig zu den Backöfen geschickt hatten, wie es damals der Brauch war, krank, d. h. mit der Pest zurückkehrten.

Während der ganzen Seuchenzeit standen nur zwei Pesthäuser in Benutzung, das eine außerhalb der Old-Straße, das andere in Westminster. Aber niemand wurde gezwungen, die Kranken dahin zu schaffen. Es war auch kein Grund zum Zwang vorhanden, da Tausende von armen Leuten, die weder Hilfe noch irgendeine Bequemlichkeit hatten, und auch an Mitteln nur das, was ihnen die Mildtätigkeit zukommen ließ, überglücklich gewesen wären, hätte man sie ins Pesthaus gebracht, wo man sich ihrer annahm. Und hier liegt der einzige Mangel in der Behandlung der öffentlichen Angelegenheiten, daß nämlich niemand, der kein Geld hatte oder nicht Sicherheit stellen konnte, ins Pesthaus gebracht oder dort behandelt werden durfte. Viele wurden dort wieder gesund, denn man hatte sehr gute Ärzte dort zum Dienst bestimmt, wovon ich später noch reden werde. Die meisten, die hingeschickt wurden, waren Dienstboten, die sich die Seuche holten, wenn sie für ihre Familien Besorgungen machen mußten. Kamen sie dann angesteckt nach Hause, so ließ man sie fortschaffen, um den Rest der Familie vor Ansteckung zu schützen. Sie hatten es während der ganzen Unglückszeit so gut dort, daß in dem einen Pesthaus nur 156 starben, und 159 in dem andern, dem von Westminster.

Die Behörden ließen es niemals daran fehlen, das Volk zu ermutigen, praktische Verfügungen herauszugeben, auf den Straßen gute Ordnung zu halten und allen Klassen der Bevölkerung die Schwere ihres Daseins nach Möglichkeit zu erleichtern.