Die Osternacht. Zweite Abtheilung

Part 7

Chapter 73,222 wordsPublic domain

Christel, auf den Heimweg fortgeschlichen, hielt öfter ihre -- mit den Ellenbogen wie in die Luft gestützte Hand vor die Stirn, wollte eilen, und ging, von Demuth ganz gebeugt, dennoch nur langsam. Denn sie betrachtete, daß das alles um ihrer und ihrer Kinder willen geschehen sei, und erklärte es sich aus gutem Herzen so: -- »Johannes liebte sie; das sahe der Großvater; -- und dieser liebte als Vater seinen Sohn, der wiederum sie und die Kinder liebte mit seiner Liebe.« So war es gekommen. Darum beschloß sie, zu Hause nur wenige aber herzliche Worte zu reden, nicht aber zu schweigen, damit Johannes nicht meinte: sie behalte das Schwere auf ihrem Herzen. Und so ward dieses neue Unglück ein neues Band um sie und Johannes; denn jeder Verlust und jeder Gewinn, jeder Segen und jedes Unheil zieht ein gutes Weib nur fester ans Herz ihres Mannes, mit dem sie das Leben trägt, und um dessen willen sich ihr nur Alles begiebt, das Traurige und das Frohe.

Johannes aber stand vor ihr, als sie eingetreten, und frug nur: »Weißt Du?« -- Und sie antwortete nur: »ich weiß!« Und nach zeitlangem Schweigen setzte er nur noch hinzu: »Deine schönen Kühe sind auch fort!« -- Sie aber versetzte heiter lächelnd: »aber die Kinder -- die Kinder sind alle -- ach nun alle die wir noch haben -- gesund und fröhlich -- bis auf den Daniel, der mich begleitete, und ihn nun pflegt, Du kannst Dir denken: Wen!«

Sie schwiegen darauf beide -- aber übereinstimmend -- und gingen an ihre Geschäfte, diese wahre Wohlthat des Lebens, oder das Leben des Einfachen selbst, der in ihren nöthigen Kreis unvermeidlich gebannt, nicht Zeit hat, ein Gespinnst aus den Gedanken und Gefühlen _darüber_ zu machen, sondern seine Leiden und Freuden in seine Geschäfte hinein arbeitet oder hineinwirkt, wie ein Weber seinen Einschlag -- und das Gottgeheißene willig und still vollendend, ein Mensch ist, ein ächter Träger der Zeit -- wenn er bei Andern auch nur ein Handwerksmann, oder ein Bauer heißt.

Der junge Herr von Ellenroth, der Christel entgegen gegangen war, und sie verfehlt hatte, kam darauf; aber er erfuhr nur von ihr, und noch als ein großes Geheimniß kaum verständlich zugeflüstert: Daß Dorothea nichts gethan: -- _als eine Thüre zugemacht_, eine Gewölbthür im Unterstock des Schlosses, -- Das Mädchen derselben aber habe ihr, auf ihre weitere Erkundigung gesagt: »in dem Gewölbe habe ein großes Kohlenbecken mit glühenden Kohlen gestanden.« -- Mit diesem unverständlichen Bescheid wollte der verstoßene Bräutigam wieder nach Frankfurt reiten, aber -- er nahm seinen Weg über Breitenthal, um zu erfahren: Wie »eine Thür zumachen« seine Braut und ihn scheiden, und sie oder doch ihn so trostlos machen können.

So war denn im Hause wieder Ruhe, oder doch von Ordnung beherrschte Unordnung, und von Mühe und Sorge bezwungene Noth mit so vielen Gästen, die sich müßig pflegten und schonten bis zum Lord- -- Todesschmause auf dem großen grünen Schlachtfeldstische, wobei sie die Speise sein sollten, nicht aber mitspeisen, höchstens ins Gras beißen, oder Erde kauen; -- »so wie Bauern beim Schachspiel, welches morgenländische Herrscher mit lebendigen Figuren spielten oder noch spielen, und den verlornen und gewonnenen, vom Stehen müden Statisten die Köpfe abhieben oder noch hauen, abhauen lassen oder es befehlen; ohne daß die armen Schelme ein Wort vom Spiele erfahren als die Parole; oder einen Gewinn davon genossen, als -- den Braten gerochen, den sie wie Jäger, noch grunzend im Walde für ihres gnädigen Herrn Wildpretskammer geschossen, und der ihnen den Leib mit den Hauern aufgerissen hat;« wie Wecker gesagt.

IX.

Das Weihnachtsfest kam während deß herbei, aber nicht als ein dankbar-heiteres Fest der Geburt Christi, sondern als ein irdischer Lärm, und als eine Gelegenheit: das wenige Wohlschmeckende noch zu verzehren, was über den unfruchtbaren Winter hinaus bis zu den neuen Gaben der Erde hatte langen sollen. Darum fehlten die Kinder nur Christel am meisten -- denen sie _Freude_ machen konnte! Und doch bereute sie nicht ihre übereilte Furcht, aus welcher sie dieselben in die sichere Stadt gebracht. Denn wenn sie jetzt auch nicht am Leben gefährdet schienen, so war ihr kindliches Herz und ihre junge Seele doch in Gefahr der Verwahrlosung durch die rohen Gäste; und bei jedem frechen Worte und jeder frechen Geberde und That derselben, welche die Kinder nicht sahen und nicht hörten, _dankte Christel Gott, und empfand nur Freude, als fromme Mutter_, welche die Weise gefunden hatte: die Welt sich immer gut zu deuten in dem ihr entgegengesetzten guten Herzen.

Sie wollte den Kindern selbst bescheren gehen, saß in stiller Nacht vor dem Backofen und buck jedem sein Christbrod; und jedes gedieh sehr schön und ward groß; -- selber das Christbrod, das sie für die kleine umgekommene Tochter Clementine, voll guter Sachen und voll großer Rosinen mitgebacken, ging hoch auf, und färbte sich lieblich braun; und Christel sah es mit feuchten Augen und weinte und dachte: »es geht Dir also wohl im Himmel, mein Kind, das seh' ich an diesem Zeichen! Deine Bescherung aber soll ein armes Kind bekommen, das dagegen ohne Mutter ist, wie ich ohne Dich!« -- Auch für den verschollenen alten Hausfreund Wecker soll sein Christbrod groß und lockend daliegen, und der neue Rock dahängen -- bis er kommt! Und zum Weihnachtsfest, oder doch zum Neujahr kehrt ein Jeder gerne heim. Sie freute sich auf Weckern, sah ihn im Geist das liebe Gut verzehren und hörte ihn wieder wie sonst dazu sprechen: »Daß wir durch des Christkindes Geburt nicht mehr Sklaven der weltlichen und geistlichen Tyrannen sind, sondern daß wir armen alten Schulmeister, ja jedermännig klüger sind, auch wohl besser, als anderleuts Narren zu sein oder nur zu scheinen, das verdient wohl, daß man ein paar Tage Christbrod ißt, oder wohl gar ein delikates Stück Mohnstriezel, der einem im Munde zergeht!«

-- »Oder auch _zwei_ Stück!« sprach Christel dann fast laut, und legte ihm in Gedanken noch ein tüchtiges Stück hin; und Daniel legte ihm still das Seine auch dazu -- und Wecker bedankte sich nicht bei ihr und dem Knaben, sondern bei dem Herrn Christus, besonders aber bei dem fast ganz aus der Acht gelassenen, ja wie in die Acht erklärten heiligen Geiste, dafür, als welcher es eigentlich so weit gebracht, daß Christbrod in der Welt sei -- und gute Menschen!

Darauf weinte sie im Stillen vor alter Freude, und zuletzt vor neuem Leid. Aber das künftige kannte sie nicht, und ahnete es kaum; wie Niemand an bunten warmen Herbsttagen den Alles weiß bedeckenden Schnee. Und doch war ihr Herz voll Angst und Furcht vor der Zukunft, die sie gern gewußt hätte, nur ein Augenblickchen gern hinter den Vorhang der Jahre geguckt, oder nur hinter die Nebelwand, die vor dem nächsten Jahre hängt, um zu sehn, was für Gestalten dahinter standen; blutig, glänzend, wohlthätig, oder schrecklich -- alle aber vom Himmel gesandt; -- oder schon auf Erden wandelnd, aber ihre eigenen künftigen Thaten und Werke noch nicht kennend, und unerkannt unter der Menge wandelnd; bis ein Engel mit seinem Finger vom Himmel herab auf ihn deutet, laut seinen Namen nennt, ihn anruft und spricht: »Nun sei du selbst! Werde und wirke!«

Am Vorabend des Neujahrfestes 1814 trat da in der Dämmerung ein Mann in Johannes Stubenthür und sprach: »Willkommen!« Sprich »Willkommen,« mein liebes sogenanntes Pathchen, denn ich bringe Euch einen Gast mit! -- Ich bin der sogenannte Leinweber _Krieg_ mit der Baßgeige; aber ich habe sie heute nicht mit! Und der Fremde wird Euch gewiß lieber sein, denn er brummt nicht so, und ist ein stiller Mann und alter guter Freund von mir -- und wird nicht lange bei Euch verweilen -- sage ich Euch zum Troste. Nun tretet nur ein, sogenannter Herr Prophet Adam! Hier wohnen treue verschwiegene Leute. Das sei Gott geklagt! Nämlich: daß nicht in jedem Hause dergleichen Adamskinder wohnen, mein Adam! Denkt, Ihr seid ihr Urvater, macht's Euch bequem, und setzt Euch nieder, als wärt Ihr zu Hause im sogenannten Paradiese. -- Marsch, hinein! nicht hinaus! denn ich bin kein sogenannter Engel mit dem Schwert -- nur mit dem Stocke, der heut gewiß so müde ist als ich -- ob ich gleich als Leinweber das Treten gewohnt bin, aber -- beim Sitzen, nicht beim Laufen! Nun Christel, macht sogenanntes Licht; das heißt: zündet es an, oder den Kamin! das heißt das Holz darauf, damit wir uns sehen und kennen lernen, und Adam nicht glaubt, ich habe ihn in ein sogenanntes Blindenhaus geführt, was jetzt die ganze Welt ist, nämlich nicht für immer, sondern nur bis wieder die sogenannte liebe Sonne aufgeht, das heißt: die Erde unter, das heißt: sich nur herumdreht mit den Betten voll schlafender Halbtodter, das heißt: nur immer eine Nacht Todter. Also nur Licht! Wärme, Brod, ein Schoppen Wein, und dann Stroh zu einem sogenannten Bett, mein liebes Pathchen! Erschreckt nicht über meine lange Eingangsrede; sie ist nicht der Eingang, sondern die Rede selbst, und ist nun aus und heraus! Vorhin war mir das Maul von der Kälte zugefroren -- jetzt ist es aufgethaut.«

Christel schlug mit freudezitternden Händen Feuer und -- machte Licht. Dann nahm sie dem lieben Pathen Leinweber den Pelz ab, und sahe mit sonderbarer Scheu zum ersten Mal in ihrem Leben einen Propheten. Der Mann war schlank und hager; seine großen schwarzen Augen funkelten sie an, und sie sahe darin Gutmüthigkeit, Treuherzigkeit und viel mehr Demüthiges als Stolzes, und vielmehr Offenheit als Schlauheit; wenn auch sein Mund nur freundlich grüßte, aber zurückhaltend dann schwieg, oder nur die nöthigsten Worte sprach. Denn er schien menschliches Wesen, den Lärm um das Heut und das Jetzt immerfort zu belächeln, wie das brennende sich verzehrende Licht; und doch beobachtete er alles Geschehende scharf, und schien es nicht recht fassen oder sich damit vertragen zu können. Und so lag eine gewisse, schwer zu verhüllende Hast und Ungeduld in seinen Geberden und Schritten, bis er wieder in einer Ecke still stand und sah und zusah. Wie Jemand, der selbst auf einer weitschauenden Höhe steht, und hinter den Bergen her viel fremde wunderbare Gäste erwartet, die ihm haben zusagen lassen: »sie würden kommen,« und die alle Augenblicke, aber auch in Jahren erst kommen können, und die zu erwarten und zu begrüßen er auf die Höhe gestellt ist. Und so lag auch Ueberdruß auf seinem blassen Gesicht, und seine Kleidung war nur -- Kleidung, und schien nicht sorgfältig angezogen, sondern nur umgehangen. Auch seine schweren langen schwarzen Haare hingen ihm grad und schlicht, ohne zu glänzen, bis auf die Schultern herab. Seine Sprache aber drückte selbst das Gewöhnliche so aus, als sei sie bloß für diese jetzige Sache von ihm erschaffen worden, und solle in der Welt nichts anders mehr bedeuten; und so erschien sie klar wie Wasser, das den Grund durchsehen läßt, doch nicht wie geprägtes fertiges Gold, sondern wie solches, das eben geprägt wird, das mühsam aber sauber und fehllos unter dem hörbar arbeitenden Stempel hervorkommt.

Sie hatten kaum zu Abend gegessen und sich ausgeruht, als ein furchtbarer Lärm im Dorfe entstand. Alle Soldaten liefen bewaffnet hinaus, und auch die Bewohner von Zahlbach standen eine Zeitlang betäubt in jenem allgemeinen Erschrecken, in welchem alles Grause, das in der Natur ist, aufgeschrien, wie Ungeheuer des Himmels, des Meers und der Erde drohend und schnappend mit offenen Rachen die Menschen umlagert, und gegen welches das größte Unglück nur Kinderei wird, wenn der Schreck seinen Namen durch die Taufe der Zeit erhalten. Und so ward sogar allen leicht um das Herz, als sich ein nahender Bote erbarmte und kund that: »Mainz brennt!«

Nun eilten Viele auf die Clubbisten-Schanze. Aber es war nur dort ein matter niedergehaltener Schein über der Stadt zu sehen; oder bisweilen einige leuchtende Funken um die Thurmspitzen, und dumpfes Geräusch scholl auf; dazwischen auch wohl ein Knall, hier einer und dort zwei, auch drei; dann schwieg es wieder und rauschte und rief nur fort und blieb hell, Johannes mit seiner Christel und der Leinweber Krieg mit seinem Propheten Adam Müller stiegen also auf den noch höher liegenden Berg zur Seite. Krieg prophezeihe Unglück -- denn die sogenannten Verbündeten gingen in dieser Nacht über den Rhein! . . .

»Friede! Friede! Es ist Friede!« scholl es von der Clubbistenschanze.

»Friede?« rief Adam, aufglühend vor Zorn, »Friede! Der ist nicht! Der wäre schrecklich! Das kann ein Kind begreifen! Die Völker sollen Eins werden -- und im Kriege erkennt Jedes das Andre als ein eigenes Wesen mit eigenen Rechten und Ansprüchen, und fühlt sein eigenes Unrecht und seine Sünden . . . wie seine Wunden! und kann den Himmel mit Händen greifen . . . wie seine Leichen. Friede? Entsetzlich! Wie würde da Frankreichs Licht ausgegossen über Europa! Der Kosak sticht in ein französisches Herz mit der Lanze, wie ein Hammerschmid in den hohen Ofen, und eine ganze Gans, ein Strom Feuer fließet ihm zu! Deswegen sind die rohen unwissenden Völker so kriegslustig -- um zu wissen, und sterben gern wie Ameisen; denn sie wissen, ihre Nachkommenden erstürmen die Zuckerdose!«

In Mainz flogen Leuchtkugeln auf, und die nächste Umgebung ward schwach erhellt davon, wie von vielen kleinen zerplatzenden Monden.

»Seht nur,« sprach der Leinweber; »das ist ein sogenannter alberner Spaß für einen Propheten, der den Feldmarschall Blücher wieder besuchen und ihm den Verlauf und den Ausgang des Krieges prophezeien will -- nämlich daß alle sogenannten Schlachten jetzt so gut wie halb umsonst geschlagen werden, und daß das viele junge Blut jetzt umsonst fließet, weil Napoleon wiederkommt nach Jahresfrist -- und nun machen sie Friede in Mainz!«

»In Mainz!« versetzte Adam. »Der Friedensjubel ist nur eine Maske, in welche die endlich auch einmal schlau gewordenen Deutschen die Feinde gesteckt, damit sie drin tanzen und nicht -- den Uebergang über den Rhein sehen.«

Also wird _der Kaiser_ vom Throne gestoßen werden? frug Johannes. Sagt uns doch auch Etwas!

»Das kann ein Kind begreifen!« sprach Adam; »freilich der Kaiser; denn ein ganzes Volk läßt sich nicht absetzen von seiner Menschenwürde oder _auf den Thron stoßen!_ Darum sind alle Kanonen nur auf Ihn gerichtet, welche freilich den armen Franzosen Arme und Beine zerschmettern oder den Leib aufreißen, weil ein Potentat nur aus anderleuts Gliedmaaßen besteht. Aber nur ein schwangerer Mann wird ihn überwinden; denn mit einem solchen Elephanten-Unternehmen trächtig gehen, ist kein platter Spaß, sondern ein höherer Ernst, ihr Leutchen! Sein Sieger muß glauben, einen Elephanten gebären zu sollen. Nur wie man das einmal auf's Theater bringen will, oder malen, ist meine Sache nicht; aber auch eingebildete Dinge sind wahr, und wär' es ein junger Elephant. Das Blut muß aber doch vergossen werden.«

Und dann wird Friede? frug Christel fröhlich und getrost.

»Das kann ein Kind begreifen!« sagte ihr Adam. »Aber, meine Frau Christel: ein Donnerwetter im Frühjahr ist nur eine sichtbare, hörbare und wandelnde Schaffung der Blüthenzeit auf der Erde. So soll und wird der bekannte gemeine Krieg nicht aufhören, damit der bekannte gemeine Friede wird, sondern damit der reine _große ewige_ Krieg wieder anheben kann, welchen die Menschheit unter sich tagtäglich kämpft. Denn Leben ist der Streit und das Ringen nach Weisheit, Recht und Freiheit; und in diesem soll bewährt werden die Liebe und die Tugend; denn die Thränen und Wunden, die Schmerzen und Tode in dem _stillen Kriege_ der Menschen, der da Frieden heißt, sind unaussprechlich tiefer, schwerer und tödtlicher, und millionenfacher -- als in dem lauten Kriege. Darum bete ich um Frieden, auf daß der wahre Krieg wieder seinen großen Verlauf beginne; und der leibliche Krieg muß nicht mehr geduldet werden von keinem Volke, weil er den Welt- und Geisterkrieg nur unterbricht. Und da müßte Einer oder Mehrere blind, stock -- blind sein, wenn sie nicht sehen, daß das deutsche Volk nun aufsteht die Auferstehung, die mit dem nie dahin begrabenen Kaiser im Kyffhäuser gleichsam begraben liegt, seine große, ganze Auferstehung! Nicht dafür, daß Jeder wieder seine vorher so beglückten Leute wieder so wie bisher beglücken soll; denn das kann ein Kind begreifen: das Volk steht nicht begeistert auf für Andere, sondern für sich, von einer großen Ahnung voll: das große gemeinsame Vaterland soll leben und dastehn, nicht Heinze oder Kunze, die als Sterbliche doch bald umfallen. Für Heinzen und Kunzen opfert es also scheinbar auch sein Blut; deutlicher aber schon: um die Schande los zu werden, daß es ein fremder Tyrann nach seinem eignen Gefallen beherrscht. Und Deutschland wird durch seinen Sturz sich emporrichten; _den ihm Niemand abgewehrt_, den im Gegentheil ihm Viele lange herbeigeführt haben durch Habsucht und Uneinigkeit; und Deutschland wird durch seine Erniedrigung erhöhet werden, wozu ihm nur Gott der Herr hilft. Und das weiß das Volk -- und Gott! Und das Volk wird siegen mit Gott!«

Jetzt erdonnerten hundert Kanonenschüsse rund um die Stadt, aus feurigen freudigen Schlünden, wie Triumphhall; die deutsche Erde bebte, und die deutschen Augen weinten auf dem Berge. Aber Adam setzte sich traurig nieder, sahe auf Mainz hin und weinte auch, aber ingrimmig; und der Mann schien eine feurige Flamme, die aus der Erde gefahren, und aus der Flamme sprach es: »Ja, jubele nur Du unschuldige Stadt, Neu-Bethlehem, Du Stadt des Unheils der unschuldigen Kinder, um _das Wort der Weisen_ zu Schanden zu machen: daß die Erlösung nun da sei und das Licht geboren! In Dir wird man hören aus thörigen Kindern, was -- die Erde will, und um dieser Kinder willen wird man ein Netz über alle Lande legen, ein eisernes Netz, das zehntausend Millionen Goldstücke kosten wird, und in _einer Sommernacht_ zerreissen wird wie von Spinnenfäden, und dann keinen Kreuzer mehr werth sein wird, wie ein zerrissenes Kreuzspinnennetz! Denn die Kreuzspinnen werden es spinnen, und eine große Kreuzspinne mitten darin still sitzen und Spinnen brüten, und hineilen, wo nur ein Fädchen sich lösen möchte. Aber das Netz hat der Spinne letzte Lebenskraft gekostet; sie kann es nicht wieder verschlingen, nicht mehr verdauen, um es neu zu weben, so lange der Himmel bleibt.« --

Da erscholl mit erschütternder Wirkung vom Thurme des Domes Posaunenhall durch die Nacht, und himmlische Luft trug unter den heiligen Sternen und über der heiligen Erde die Worte her: »_Herr Gott, Dich loben wir!« -- »Herr Gott, wir danken Dir!_« --

»Er hat schon geholfen!« schrach der Leineweber. »Mir ist, als spielte ich das Lied mit meinem Basse mit, und striche furchtbar dazu, daß es die adligen vornehmen Todten in den Grüften beim Altare hörten, und die gemeinen Bauern-Todten draußen in schlechter Erde auf dem Gottesacker! Blaset nicht mehr! Ich halte es nicht aus -- ohne meine Baßgeige! Hört auf, ihr Menschen!«

Und gleich auf der Stelle trifft das ein, was Ihr voraussagt, Herr! sagte Christel. »Das Netz soll zerreißen« -- und gleich danken sie Gott dafür in Mainz!

»Nicht nur in Mainz, meine Christel!« sprach Johannes. »Aber besinne Dich nur! Denn Du vermischest seine wahre Rede mit ihrer falschen Freude; -- eigentlich posaunen sie Unsinn! Sie sind nur zum Narren gehabt!«

»Aber nicht Narren! -- Hilf Deinem Volke, wirklicher, nicht nur sogenannter _Herr_ und Gott! _Das_ trifft gewißlich ein;« meinte der Leinweber.

»Alles Gute trifft ein. Denn das Gute ist Gott! Und Gott ist nicht todt zu machen, _und Gott bleibt nicht aus!_ Er ist immer da und nah! Gebt acht!« -- sagte Adam Müller. --

Und eine ungeheure Nachteule, groß wie der Vultur papa, oder auf Deutsch: der Papst der Geier, rauschte niedrig am Boden vor ihnen vorüber, und krächzte schauerlich-furchtbar und furchtsam wieder heran. Denn sie war geblendet, und wahrscheinlich aus dem alten, dunkelrothen Dome der Stadt verblasen und verschossen worden. Sie setzte sich nahe vor ihnen hin; ihre Augen funkelten; ihre Federn standen ihr zu Berge; sie war aufgehuschert, wie zum Schlafe. Und Peter, der Hund, der ihnen nachgekommen war, stürzte sich auf sie, und zerfederte sie; aber die Eule klammerte sich über seinem Maule fest, und hackte nach seinen Augen; und der Hund heulte, von ihren Krallen zerkratzt, durch die Zähne; schnaufte, boll dumpf, wälzte sich, biß sie endlich todt, und schüttelte das schändliche Schloß mit Schmerzen und Qual vom Munde, und kam dann blutend und doch fröhlich zu den Menschen.

Allen war grauenvoll zu Muth.

Ist das auch ein Zeichen heut in der Neujahrsnacht? frug Christel.