Die Osternacht. Zweite Abtheilung
Part 5
Der alte Mann sprang erschrocken auf, und besah sich seine noch ganzen Gliedmaßen, und versuchte den Kopf auf dem Halse zu drehen, und er war auch noch ganz, -- »Nun,« sprach er, »so ist es doch schlimm, daß es Dich trifft, denn kein anderer kann helfen! Siehe aber, Du weißt ja, manches Holz macht dem Menschen wenig Plage -- einige Mal den Stamm querdurch gesägt, die Himpel mit dem Keile gespalten, einige Schläge darauf, dann die Kloben in Scheite gespalten -- so ist es verbrannt und Asche. Ein anderes bloßes Stück Holz aber soll eine Säule zu einer Wendeltreppe werden, oder ein geschnitztes Altarbild, und macht eine lange, saure Plage! Doch Deine ist kurz. Und gestehe nur, Soldat Frommholz, der Du in Deinen vierziger Jahren statt Späne von Balken, _Arme vom Leibe, und Köpfe vom Rumpfe hiebst_, gestehe nur, _Du mein halbvergessener_ Vorfahr, daß Du die Strafe wohl verdient! Hiebst Du nicht bei Ankona, wo der _Papst_ zur Veränderung auch einmal _der Türken_ Bundesgenosse war, einen bildhübschen jungen Mann zusammen, weil »Erschlagen« befohlen war, und derjenige ein Ehrenzeichen bekam, der es darin am weitesten gebracht! Und kamst Du dann nicht ins Quartier zu der jungen, schönen Gräfin, die ihr Knäbchen wiegte! Hörtest Du sie nicht laut aufschreien, als sie ihren geliebten Mann in _der_ Gestalt herein trugen, in welche Du ihn verhunzt! -- Hei! das war ein schönes Ebenbild Gottes! -- Frommholz! Sahst Du nicht, wie sie ihr Kind aus der Wiege riß, es hoch empor hielt, und es des Vaters unsichtbarem Todtschläger zeigte -- daß _Dir_ die Haare zu Berge standen -- und wie sie es Gott dem unsichtbaren Vater zeigte, daß _Du_ vor Furcht Dich bücktest, -- und die silberne Klapper aufhobst, die dem kleinen Waisenkinde vor Angst vor der Mutter aus dem Händchen gefallen war! Hörtest Du nicht, wie sie Rache schwur, wenn nicht der Welt, wenn nicht dem guten, schönen Menschengeschlecht, wenn nicht den Frevlern, die den Krieg herauf beschworen und ihn wüthen geheißen, _bloß um selbst länger ihr Volk zu beglücken_ -- denn doch Rache dem, der ihn erschlagen und sein schönes Gesicht entstellt, daß sie ihn kaum erkannten. Und Du, Soldat Frommholz, Du mußtest schweigen, und aßest still von ihrem weißen Brode und trankest ihren rothen, süßen Wein! Und mit heiler Haut gingst Du selber heim, legtest den Soldatenrock und die Höllenwaffen ab, und griffst zum Zimmerbeil wie nach einem Kleinod. Aber vergessen habe ich, ich grau werdender Zimmermann, nicht Dich Fleischer, Menschenjäger und Brandstifter auf anderer Leute Gewissen hin! Und ich Zimmermann sage Dir jetzt: Mensch, Du sollst Deinem Gotte mehr gehorchen, als den Menschen! Denn Menschen sind alle, wie sie auch heißen, ob sie Kronen tragen oder Pelzmützen, Sterne oder Knöpfe. Und kein Mensch kann das fünfte Gebot aus der Bibel kratzen, oder das »nicht« aus demselben vertilgen und Gott zum Trotze mit seinem Kain-Finger in die Gesetzestafel schreiben: »Du sollst tödten!« ohne daß ihn der Donner des Herrn erschlüge! -- »Aber,« warf ihm der _Soldat_ Frommholz ein: »Sie thun ja doch so -- und der Herr läßt regnen über Gerechte und Ungerechte, und seine Sonne scheinen über Gute und Böse.« -- »Das ist eben entsetzlich! Die sanfte, liebevolle, schweigende, himmlische Mahnung!« entgegnete ihm der alte Zimmermann Frommholz. Manchmal, wenn ich in Frankfurt war, habe ich mich gewundert, warum denn die Juden nicht Christen werden! -- Oder doch die Türken! -- Da sagte mir ein vornehmer Mann, der meine _laute_ Verwunderung hörte: »Ich würde die Juden und die Türken verabscheuen, wenn sie _das_ werden wollten: was wir _sind_ oder heißen, alter Mann! Und als Mahomed erschien, hatte seine Lehre reißenden Fortgang, weil es schon 300 Jahre vor ihm keine wahren Christen mehr gab. -- Ich muß in die Sitzung! Lebt wohl!« So schied er. Und jetzt da Einer 300 Meilen weit hergeritten kommt, um meine kleine, liebe Sohnestochter aufzuspießen, und ich sie nicht einmal _vor_ dem Wirrwar hineingetragen -- nun will ich, der Zimmermann, Deine Sünden wieder gut machen, Soldat, gottloser Frommholz! Aber weiche von mir auf Erden, und erscheine mir einst nicht im Himmel! Wir sind geschiedene Leute!«
»Und nun, mein Alter, sprach seine Seele weiter, Deine Sache ist leicht! Du zimmerst am Thurme ja, wie das ganze Dorf weiß; . . . Du legst nun das Brett auf einer Seite hohl; . . . Du haust fehl -- es schwankt; . . . Du schwankst -- es fällt; Du fällst . . . und _Johannes ist kein Soldat_, so wahr meine alten Gebeine nicht von Eisen sind! Und nur ein Scrupel bleibt: daß sie Dich ehrlich begraben! Johannes beweint mich redlich! Christel geht schwarz in Trauer um mich, und die Kinder pflanzen ihre paar Blumen auf mein Grab, und kommen zu mir, sie an schönen Sommerabenden frisch zu begießen. Und der Mond geht auf, und die Linden duften, und »zum Wahrzeichen« hänge ich angenagelt und aus Holz geschnitzt und mit Oelfarbe bunt gemalt, an der Ecke des Thurmes -- und die thörichten Kinder im Dorfe sprechen: »Das ist der alte Frommholz!« Aber der Wahre hat die Seinen aus der Gewalt der erbärmlichen Zeit errettet. Denn was ein Mensch kann, das wissen die Millionen nicht!«
VI.
Johannes mußte nun auf Christels Fürbitte für den armen _Sebastianow_ und auf des Sergeanten Befehl den Sonntagsbarbier holen. Dieser aber lag -- krank, weil ihm schon Wecker im Thurme gedroht hatte: er müsse zu einem Russen kommen, der also wahrscheinlich die _ansteckende gefährliche_ Krankheit an sich haben und ihm mittheilen konnte. Darum lag der vorsichtige Mann gleich lieber selbst gesund im Bette krank, und pflegte sich ganz im Geheim endlich einmal recht aus. Aber sein Bruder, der Licentiat war gekommen, um sich gleichfalls nach Mainz ins Sichere zu begeben, und hatte bei seinen Kunden umher, auf die Furcht vor der grassirenden Krankheit sich -- das Reisegeld und die Aufenthaltskosten geborgt, und von den furchtsamen Leuten, die alle Hülfe vom Arzte erwarten, es auch gern, gefällig und richtig geliehen erhalten -- und ohne Schuldschein. Starben sie also während der Abwesenheit seines Leibes -- denn Geistesgegenwart besaß er nirgend -- so waren sie bezahlt; oder er bezahlte die Familie durch neue Liquidationen, die gerade die Summe erreichten oder um einige Gulden oder Kreuzer noch überstiegen, damit die Rechnung nicht studirt schien. Der Licentiat nun konnte seinem alten Freunde Johannes nicht ausweichen, der mit _Holenlassen_ zu drohen beauftragt war, und erwiederte: »Lieben Leute, Ihr thut wahrhaftig den Aerzten zu viel Ehre an, in dieser letzt betrübten Zeit, wo ich wenigstens meinen Bankrott gestehe. Wir sind so gewöhnlich gut, wo nichts ist; aber jetzt, wo diese Krankheit herrscht, da beweisen wir der Welt, daß Jeder selbst sein bester Arzt ist, wenn er sich _vor ihr_ und _vor uns_ sein in Acht nimmt -- wie ich, und meine liebe Frau! Denn wir wissen das sicherste Mittel selbst gegen die Pest: -- »_Pest fliehe bald! Fliehe weit! Und spät erst kehre zurücke!_« -- Und Jetzt kann man bei jedem Leidenden das Leiden vermuthen! O Gott, wann werden wir wieder drei Monate Zeit haben eine Krankheit zu curiren! Denn diese läßt sich nicht _spinnen!_ Und Ein Thaler bei Tag für den ersten Besuch ist auch der letzte! Wie soll das werden?« -- Doch als die Frau Licentiatin gratulirend und lächelnd gefragt und gehört hatte, daß die vorher so preßhafte _ganze Familie_ sich nun in gesegneten Umständen befinde, nicht bloß mehr die liebe Hausfrau _Christel_, also bezahlen konnte und gut bezahlen mußte, so legte sie bei ihrem Manne ein bittendes Fürwort ein, das aber wie er wußte, ein unweigerlicher Befehl war. Und so versprach er zu kommen -- doch in der Dämmerung, aus besondern Gründen. Frau Licentiatin räucherte, daß Alle husten mußten; selbst der Kranke im Bett in dem Alkoven; und als Johannes schied, sagte sie ihm noch zum Troste in der Thür: »Vertraut nur der Christel . . .«
Das thue ich immer in Allem; versetzte Johannes.
». . . Nein vertraut ihr nur das: »ihr Schweinchen hatte Finnen! So vergißt sie es leichter.«
Johannes aber schied stumm. Aber wie erschracken sie Alle, als am Abend -- ein Elephant die Thür aufmachte, und seine lange, bis auf die Erde reichende und riechende Nase, oder den Rüssel, vorsichtig über die Schwelle zog -- und »Guten Abend!« sagte, hinter einer Larve mit Glasaugen hervor. Denn es kam nur der Anfang, das Vordertheil eines jungen Elephanten herein, dem der Körper fehle; denn die glanzleinewandene Erscheinung sagte gleich selbst: »Ich bin der Licentiat, der seine Sicherheitsnase, die nur etwas reine Luft an der Erde holt, nicht zu fürchten bittet!«
_Sebastianow_ aber sprang von dem Bette; man hielt ihn, bedeutete ihn schwer, daß die Gestalt sein Doctor sei, und er ließ sich endlich zum Niedersitzen bewegen; schloß aber die Augen, als Christel Licht brachte, damit er verbunden werden könne, und bat unter nachlassendem Zittern um etwas Niederschlagendes für ihn, und rief: »Mutter, Schnaps!«
Entweder dieses niederschlagende Getränk, der Schreck, der Verband, die Hoffnung, oder Alle zugleich, stärkten Sebastianow, daß er dann aufblieb, und seines Glaubens eingedenk war, sobald er sich wieder allein befand mit der kleinen Todten. Er suchte sich aus den Bildern an der Wand Jemand aus, der seinem Schutzheiligen am ähnlichsten sah; zündete Lichter an, und las, nach seinen Gebräuchen, aus seinem Büchlein nun unaufhörlich Gebete, bald leise, bald laut, bald still, um auszuruhen. Das that er dem Kinde zum Nutzen im Himmel, und sich zum Vortheil auf Erden, weil auf die Beerdigung dann, seiner Meinung nach, ein prächtiges Abendessen zu hoffen stand, oder weil er sich dadurch Christels Gunst erwerben wollte, der die einfache Feier gefiel, die aber von selbst schon Alles an ihm that, um nicht zu ihrem Schmerz noch Rache zu fühlen, _und sich nicht die heiligsten Tage einer Mutter zu verderben._
Als nun das Särglein fertig war, und grün und weiß gemalt mit der Farbe der Unschuld und Hoffnung, und Wecker den Text auf das Kreuz geschrieben, da schritten sie zu dem Begräbniß. Und Wecker las _latent_, wie er es nannte, erst selbst _als Schuljunge_ oder Custos, an der Hausthüre mit nachgemachter Knabenstimme, die schöne Verkündigung von den Todten; dann las er wiederum selbst mit Baßstimme drinnen an der offenen Stubenthür die Trostworte des Engels, als _geistlicher Herr_, mit viel mehr innerer Würde; und wer ihn sah, der wußte, was er las, und weinte _latent_ mit, wie er; denn das Haus war voll fremder, unbekümmerter Menschen. -- Darauf sprach Wecker als bloßer angemaßter Schulmeister und treue Hausseele: »Nun sind wir so weit! Liebe Christel! Wenn nur Jemand Todtes da ist, so kann man immer begraben, nämlich einmal, nicht alle Abende, wie die Kinder den Staar. Wir warten vergebens auf einen ruhigern Tag, und Johannes steht schon seit Mittag im Hofe exerciren mit einem Prügel statt einer Flinte, wie ein Bär; und der abgewachsene Mensch und Ehemann lernt nun auf _einem_ Beine stehen, wie eine Gans -- ganz prachtvoll! und lernt den Kopf drehen, wie ein Wendehals, ganz wunderbar! Hört nur das Commando: Köpfe -- -- -- links! Köpfe -- -- -- rechts! und so fliegen ihnen die Köpfe, als wären sie nun jemand Anderm! -- Prachtvoll! Und jetzt treten sie gar den Gänsemarsch an -- Einer hinter dem Andern! Prachtvoll! Und nun Köpfe links! und Köpfe rechts dazu -- schwer! doch nun ganz erstaunend! Hei, nun schwenken sie! sie defiliren hierher, wie Enten, Alle an einem Faden Zwirn, und der Hinterste hat den Speck im Leibe; und die Arme haben sie Alle ohne Windelschnur fest am Leibe, wie Wickelkinder -- und schreien, ja mucken auch nicht, sondern sehen ganz jämmerlich-ehrwürdig aus! Soll ein Mensch nicht erstaunen, was aus einem vernünftigen Menschen werden kann, sogar eine Maschine! Also _die_ Kunst ist nicht gelungen: eine Maschine zum Menschen zu machen, wie man schon einen Trompeter hat. Aber die Kunst florirt: Menschen zu Einer Maschine von Einem zu machen. Und die _stille Musik_ dazu! Nein, ich bin außer mir vor Freuden! _Laßt uns begraben, daß ich weinen kann!_ Denn ehe die Rekruten -- schon ein ganz himmlischer Name -- ein Rekrut -- ehe nicht zwanzig Stück halb todt umgefallen vor Müdigkeit und Gänsestehen und Entenmarschiren, jetzt _hier_ niedrig, jetzt _drüben_, ehe läßt man sie nicht aufhören zu exerciren. Johannes kommt also vor Nacht nicht in sein Haus, und marschirt wie ein Betrunkener vor seiner eigenen Thüre herum und vorbei! _Laßt ihm die Freude!_ Uns aber laßt allein zu dem Werke schreiten; da die lieben, kleinen, weißen Mädchen des Dorfes nicht mittrippeln mit ihren Kränzen, so schreite ich mit. Denn Alte gehen nur mit Alten, Weiber mit Weibern, Jungfrauen mit Jungfrauen, und Männer mit Männern zu Grabe, nach unserem schönen Gebrauche in Zahlbach. Jetzt aber lassen die Aeltern, wie keine Gans und keine Henne noch Ente, auch die lieben Kindlein nicht heraus aus dem Wirrwar in allen Häusern in den Wirrwar vor allen Häusern; Sr. Auchwohlerwürden der Herr Schulmeister, kann auch nicht mit schreien, noch mit schreiten, denn er hat »_vom Volke_« -- wie wir mit Recht den Ausschuß desselben nennen -- mit Unrecht Schläge bekommen, weil er die Suppe zu heiß ausgethan und die Herren sich die Schnäbel verbrannt, und ist _ausgetreten_. Sr. Hochehrwürden, der Herr Pfarrer Lademann aber kann nicht mit einherschlendern, weil er erst ein junges Weib, einen schönen, lustigen Finken aus Bockenheim, genommen; ist also noch eifersüchtig und ganz verschämt oder confus, besonders da sich der gnädige Gottlieb, nunmehriger Lieutenant bei den Cohorten, im Pfarrhause dermaaßen einquartiert, daß er jämmerlich schiert, um sich vorerst Furcht zu machen. Darum schreitet der Herr Pfarrer nicht dreißig Schritt geradeaus mit dem Rücken vom Hause, für dreißig Ducaten; aber zweihundert Schritt um die Ecke der Kirche, nicht um zweihundert Louisd'or. Da ziehen ihn Eure sechszehn Kreuzer denn diesmal nicht. Auch geht man jetzt nicht _auf_ der Straße, sondern bei dem Wetter _in_ der Straße bis an die Waden. -- Ich muß also schon mit schreiten oder waten, das seht Ihr ein! Seid nur so gut!« --
Und so fuhr denn der alte Frommholz das liebe Kind auf dem Gras-Schiebbock zu dem ausgeworfenen Grabe, und des Kindes Mutter ging allein still hinter ihm als Leidträgerin; Wecker aber vorn, als Schulmeister, Schule und Custos mit dem Kinderkreuz, und sang -- stumm, oder latent, mit sehr beweglichem und bewegtem Gesicht, wie Jemand, der mit vollem Munde kauet; er aber hatte Seelenspeise auf der Zunge, und labte sich recht.
Als sie bei dem Hofthore auf dem rechten Flügel der »Rotte« vorüber kamen, hätte Johannes, der mitten im langen Gliede stand, seelensgern _rechts_ gesehen, um wenigstens seines Kindes kleinen, bunten Sarg noch einmal ins Auge und in die Seele zu fassen; aber die Köpfe waren _links_ commandirt, und er hatte im rechten Auge nur einen mattblendenden Schein von dem sonnebeschienenen Särglein. Es zog ihn unwiderstehlich, doch hinzublicken; er wandte allein von der ganzen Rotte den Kopf _rechts_; und der _gnädige Gottlieb_, der als Lieutenant inspiciren gekommen, sprang zu, und rückte ihm denselben bei den Ohren gewaltsam in das heilige Commandowort »Links,« und hielt ihn dann zornig am Kinn mit der Faust.
Und Johannes alter Vater, der das vorüberfahrend mit angesehen, sprach nur halblaut vor sich: »_Es ist schon gut!_« -- Johannes aber sah sogar die große soldatenbunte Gestalt des gnädigen Gottlieb nicht, die ihm nahe in die Augen grollte; sondern vom Scheidegefühl und dem stillen Lebewohl ganz anders ergriffen, sprach er nur, im Herzen _still_, die Worte seinem Kinde nach: »Der Herr behütet Dich, der Herr ist Dein Schatten . . . daß Dich des Tages die Sonne nicht steche, und der Mond des Nachts. Der Herr behüte Dich vor allem Uebel, er behüte Deine Seele. Der Herr behüte Deinen Ausgang und Eingang, von nun an bis in Ewigkeit.« -- »_Amen!_« sprach er laut; und der Lieutenant lachte, und das Glied, und er ließ ihm das Kinn los.
Nahe bei der Kirche, wo die Wege sich kreuzen, ward aber Wecker von einer Schaar betrunkener Reiter überritten, deren jeder eine Koppel wilder Handpferde zur Armee führte; und ein, von den betrunkenen Menschen gleichsam mit wie betrunken gemachtes Pferd sprang über das Särglein, riß es dem Alten vom Schubkarren herab und auf, daß der Deckel weit hinflog; ein anderes schlug scheu aus, und traf das Kind, während Christel sich verhüllte, und mit gewundenen Händen darauf nach Hause lief wie vom Feuer verfolgt. -- »Es ist Krieg!« riefen die rohen Gesellen. Und Einer, an dessen Stimme Wecker _seinen Sohn_ zu erkennen glaubte, sprach lachend: »Was führt Euer Weg über unseren Weg? Kronengut geht vor Bauerngut! Und wenn wir die Pest am Leibe hätten, wir zögen frei durch alle Lande, und schliefen in Eurem Bett! Fort aus dem Wege!«
»Es ist schon gut!« stöhnte der alte Vater wieder. »Mein Sarg steht schon lange auf unserem Boden.« Und so las Wecker das liebliche, wie vor Schreck blaß gewordene Kind wieder von der Straße in das Särglein, auch den kleinen frischen Asternkranz von heut, und das kleine Brodchen, damit es ohne die Mutter gut schlafe, und deckte den Deckel wieder leise und schonend darauf, daß er dem Kinde ja kein Fingerchen quetsche. -- Und während der alte Frommholz stumm es darauf unter einzelnen fallenden Thränen versenkte, und zuwarf mit der immergleichen, unverweslichen Erde, sah Wecker zum Himmel und auch zum Thurme -- und sah den Teufel auf der Spitze stehen, der ihn herunter angrinsete unter unhörbarem Hohngelächter, während er die schwere eiserne Fahne mit dem vergoldeten Adler um seinen Kopf schwenkte, so daß ein Kreis von Fahnen mit Adlern sich um den Knopf des Thurmes bildete, wie Schwalben sich an einander hängen. Und die Raben kamen zur Nachtruh in das alte Gemäuer geflogen, und krächzten ihr Lied. Wecker aber riß das neue schon gepflanzte Kreuz wieder aus, und hielt es -- seiner Erscheinung empor, und sie verschwand. Zu den Raben aber sprach er empor, indem er seine Hände vor dem Munde zu einem kurzen Schallstück höhlte und rundete: »Ihr wißt nicht, wer ihr seid? Ihr seid Engel gegen die Adler, ja Engel gewiß, die ihr eurem kleinen Gespielen entgegen singt. Es klingt aber schlecht! Ich -- ich kann nicht singen -- mir ist die Kehle wie zugeschnürt: Der Mann bin ich! . . . Wollt' ich sagen: _Der_ Vater!«
VII.
Am Morgen leuchtete in Johannes und Christels Schlafkammer die purpurne Morgenröthe flammend herein, Christel setzte sich auf im Bett, und glühte geblendet von dem schmückenden Scheine. --
Wo ist denn das Kind? -- Bei Dir Johannes? frug sie, sich umsehend. Da gewahrte sie durch das Fenster, daß Berge und Bäume und Garten und Gefilde verschneit waren vom reinsten Schnee. -- Ach, seufzte sie, nachdem sie unter bewundernder Betrachtung sich besonnen: Ach, das Kind schläft unter einem andern Tuche! Es ist nicht ohne mich, denn -- o mein Gott -- es hat mich vielleicht vergessen; aber ich bin ohne seine frühe leise weckende Stimme: »Mutter, mache die Augen auf! . . . mach' doch die Augen auf!« und ohne seine Umhalsung und seine spielende Morgenfreude im Bett, und ohne sein Morgengebet, und das fromme Gesichtchen, das Falten der kleinen Händchen! Ach, ich bin um die kleinen Hemdchen und Röckchen, die Schüchel und die Schürzchen -- ich bin um Alles -- da hängt es, und liegt es, und sieht ganz erschrecklich aus, so still . . . und möchte doch reden! so bunt -- und möchte doch schwarz sein, wie mein Band um die Haare. Und erst die letzte Schmach an ihm! -- --
Es war die letzte! sagte Johannes; es ruht.
An ihm, die letzte! klagte Christel. Aber, mein Johannes, nun ist mir erst erschrecklich zu Muth! Denn so wie uns, ist es wenigstens Tausenden gegangen! Tausenden wird es gewiß noch so gehen -- und ärger! Und was hilft das Unglück eines Menschen den andern? Was mir -- das fremde? Und was den lieben fremden Menschen das meine -- oder das unsere, wollte ich sagen, Johannes; sei nicht böse! Jeder leidet doch das eigene, das seine. Und ein Guter leidet noch das Leid des Andern mit, wie mein Kind mir schwer wird, als sollte ich tausend Kinder auf meinen Armen tragen. Aber, mein Johannes, ich habe nun auch das Mitleid erkauft, Du hast es schwer erkauft, aber wir haben es doch! Und Mitleid ist in traurigen Zeiten der heiligste Schatz. Aber ich habe es nun auch mit Dir! Denn Du, Johannes, sollst nun gar ein solcher Mensch werden, der alles Menschliche vergessen, ja mit Füßen treten muß! Das ist das Aergste, und schlimmer, als meine und Deine Einsamkeit, ja schlimmer, als wenn Du nicht wieder kämest, und Du mich verlörest, und ich Dich! Darum hat auch der Teufel die Fahne mit den Adlern geschwenkt -- vertraute mir heimlich Wecker, besonders aber, weil der Pferdeknecht, der ihm bei der Pferdethat an dem Kinde so gräßliche Worte gesagt von Kronengut und Soldatenfreiheit -- weil der Abscheuliche -- sein großer Friedrich, sein lieber Sohn gewesen ist, der ihn nicht vermuthet hat; Wecker aber hat ihn erkannt -- als ihn der Teufel gefragt hat: -- »Wecker! war das nicht Dein Sohn, der da reitet nach _Britzenheim!_« -- Siehe, und so ist der alte, gute Vater Wecker fort, schon die Nacht, seinem Sohne nach; aber, was er bei ihm und mit ihm will -- weiß Gott! Er hat ein Messer mitgenommen . . . .
»Ein Messer?« frug Johannes erstaunt.
Ja! Aber um eine ungeheure Ruthe zu machen; denn er sagte: »Kein Vater darf sich das Recht über seine Kinder nehmen lassen -- ausgenommen sie werden besser und klüger als er, und es werden ihnen vernünftigere und menschlichere Vorschriften gegeben, und heilsamere Handlungen vorgeschrieben, als bei ihm zu Hause! _Sonst_ muß der Vater aufstehen! und lehren und strafen und rathen, wenigstens fortzulaufen und die schreckliche Bande im Stiche zu lassen, worein ihn der Kerl vom Thurme gemengt. Wecker, bleibt Wecker! Aber es ist doch entsetzlich, wenn so ein curioser Mann, wie ich, soll gescheidter sein, als viele _ganz_ curiose Leute; und so ein armer Sünder, wie ich, soll besser sein, als die ruhmgekrönte, geschlossene Gesellschaft von christlichen Türkenhäuptern! Wozu sie noch der Corse, _der Corsar zu Lande_, macht, -- und _meinen Sohn!_ . . .« -- So sprach er stöhnend und jammernd, riß mir das verweigerte Messer geschwind aus der Hand, und ließ sich nicht halten!