Die Osternacht. Zweite Abtheilung
Part 4
Dem weinenden Paschalis aber war zu Muth, als sähe er in die seligen Gefilde eines Mährchens: oder als sei ihm jetzt erst die Welt zu einer großen heiligen Wundergrotte geworden; oder die Welt sei schon lange, lange undenkliche Zeit _der Zaubersaal des Gottes_, in der That und unläugbar; und es bedürfe nur Augen der Seele dazu, es zu sehen, daß er das sei; und nun dachte er, daß sich der himmlische Vater freuen müßte, _wenn auch Er das Alles sähe:_ -- Eine gute Menschenmutter in ihrem heiligen Schmerz! Ein Weib, das freilich keine Unsterbliche sei, und bald selbst auch von der Erde verschwinden werde; aber daß hier ja keine Unsterbliche zu sein brauche, um alles Menschliche richtig zu thun und zu leiden, und das als Sterbliche eben noch wunderbarer daliege, wie in einem Mährchen, mit dem Haupt neben den kleinen Häuptern der drei schlummernden Kinder! Und wenn Er sähe: _Gute Kinder_ voll Liebe, Leid und Mitleid -- welche schöne Gefühle alle in ihrem engen Geiste nur Traum seien . . . . und _einen guten Vater_, der um alle still und schweigsam besorgt war; vor allem aber: _den Großvater_, der alle um ihrer Liebe willen liebte und um ihrer Schmerzen willen litt, aber auch für alle gefaßt war und thätig -- denn sein eigenes Leben hatte er überstanden und gleichsam zugemacht wie einen schönen Bildersaal, und ihn kümmerte nur noch das Leben und Glück der Seinen. _Paschalis_ aber dachte nicht nur, er glaubte, er empfand, daß der himmlische Vater _zugleich mit ihm_, und doch ganz anders, in das Stübchen sähe; und er kehrte sich vor unerträglicher Seligkeit des reinen Menschenlebens ab; denn Verzweiflung ergriff ihn, und er -- niesete wieder!
»Ei, meine allerbeste Gesundheit! und zugleich meinen allerschönsten guten Abend, theuerster Abgebrannter und Herr Paschalis!« sagte Wecker, der still gekommen. »Nicht wahr . . . ein himmlischer Guckkasten, worein Sie beliebten zu sehen! Ein trauliches stilles Hirtenhäuschen -- das eben ruht; nur die Papierwände freilich _etwas groß von himmelblauem Himmelspapier!_ Aber still . . . da kommt ihre Tochter, unsere Dorothee -- was ein wahres Glück ist! Denn gewisse Leute können sogar mit allen zerschmetterten Gliedmaaßen -- nicht -- füglich -- mehr -- wandeln -- -- am wenigsten anhero!« -- Und, um seinem Wohlthäter auf eine _unverständliche_ Weise zu verstehen zu geben, wie er ihm heut vergolten habe, setzte er hinzu: »Denn heute habe ich alter Mann -- wie Sie mich hier sehen -- eine gleich große schöne Jungfrau geschaffen! Mit diesen dürren Meisterhänden! Ja ihr auch _eine neue Seele_ in ihre eigene Rippe geblasen -- denn Eva war eine Rippe -- aber _Adam's_, wissen Sie -- _wie ich weiß_ -- können Sie denken! Der Mann bin ich.«
O Wecker, wenn Ihr das könntet! sprach Paschalis leise, und zog ihn still um die Ecke des Hauses in's Düstre; und _Dorothee_ ging darauf langsam hinein zu _Christel_.
Johannes aber, von einer andern Seite kommend, brachte schon wieder etwas Neues: die Ansagung von zwanzig Mann Einquartirung auf ihr Haus, und schon diese Nacht! Beide wurden dadurch gehindert zu sehen, wie Dorothea sich bei Christel bezeigen würde, und zu hören, durch welch ein Wort sie sich vielleicht errathen lasse. Denn auch ihrem Vater war ihre plötzliche Verwandlung in's Tiefe, Abgeschlossene, Finstre, Verschwiegene, Qualvolle und Weltverachtende selbst ein Räthsel, wenn er auch ohngefähr vermuthen konnte: was sie gethan. Denn auch _gethan_ hatte sie etwas, ja ein Grausames und Schreckliches. Aber das behielt er als Vater für sich, und niesete nur auch jetzt wieder auf diese neue Nachricht, Wecker wünschte aber diesmal sein höflichstes: »_Gotthelf!_« wozu Paschalis nur leise verneinend den Kopf bewegte.
Hoho! sagte Wecker, kann auch der nicht mehr helfen!
Johannes aber hatte eine große Bitte auf dem Herzen und sprach: Ich getraue mich kaum es zu sagen, wenn Ihr es nicht wäret -- unser lieber Herr Paschalis, der an uns schon so viel gethan. _Darum_ habe ich auch jetzt mein Vertrauen auf Euch gesetzt, und bitte Euch: nehmet unsere Kinder mit! Nach der Stadt ins Sichere! Wir sind gewarnt auf Zeitlebens! Und hat der Großvater aus zu großem Vertrauen _die Vorsicht_ uns versäumen lassen, möge Gott nicht auch _mein Mißtrauen_ gegen unsere Lage, im Dorfe hier einsam und unter der Schanze, mit Unglück bestrafen! Aber wie es auch komme -- ich nehme es auf mich; denn ich meine es gut; und so wird es gewiß auch der himmlische Vater meinen -- meinet Ihr es auch gut mit den Kindern, mit Christel und mir! Nur der Großvater wird in der Sicherung der Kinder einen stillen Vorwurf gewahren, und nur deswegen möcht' ich kaum bitten . . . . aber ich bitte doch!
Wenn das nur Christel zufrieden ist; meinte Paschalis; die Kinder wird Dorothea schon wohl besorgen; und -- liebe Sorge thut dem Herzen wohl, und trägt uns furchtlos über grause Wogen!
Lieber Herr Paschalis, sagte Johannes, was einem Manne so recht wohlgemeint in die Gedanken kommt, das will seine Frau gewiß auch, sonst käme es ihm gar nicht ein, oder er bliebe nicht lange dabei! Ich rede aber aus ihrer Seele, wie sie immer aus meiner; denn wir sind Eheleute -- Ihr wißt das nicht; nehmt das nicht übel; aber Ihr werdet meine Rede bestätiget finden! --
Als sie nun alle hineingegangen in die Wohnstube, wo Frommholz und Daniel arbeiteten, kam Christel herüber, grüßte Paschalis, und -- als könne sie es vor Angst nicht länger ertragen, bat sie unverweilt: er möchte sie selber mit nach Mainz nehmen!
Paschalis lächelte niedergeschlagen darüber, als habe Dorothea ihr das gerathen, und sagte dagegen: _Die Kinder!_ liebe Christel. So meinte Johannes.
Ja, ja, die Kinder! rief sie bestimmt.
Und Johannes sagte zu Paschalis: Sie hat nicht, wie ich, gewußt, daß sie 20 Mann Einquartirung bekommt.
»Zwanzig Mann, nicht Männer!« erklärte Wecker.
O Gott, scherzt nicht! verwies ihm Christel und eilte Anstalt zu treffen für die »Mann« und die Kinder. »Dorothea schläft!« hatte sie Paschalis noch gesagt.
»Ungegessen? oder: ohne gegessen zu haben -- wie ich die Schulkinder verbesserte; eine sonderbare Braut!« sprach Wecker.
»Die schlafende Clementine hat sie angesteckt!« meinte Paschalis, zu welchem Daniel jetzt bescheiden trat und ihn frug, was für einen Text aus der Bibel, die er ihm hinhielt, er auf dem Kreuze der kleinen Schwester zitiren solle?
Und Paschalis nahm das Buch, setzte sich an das Kaminfeuer, blätterte, seufzete, las, blätterte wieder und sagte ihm endlich: »Lieber Daniel, hier! Zitire Deinen Namens-Vater Daniel oder das _sechste Capitel aus dem Buche der Weisheit_, das paßt jetzt auf alle Welt. Denn die Schrift ist für alle Zeiten geschrieben, und jeder Mensch und jedes Jahrhundert findet seine Lehre, und sein Urtheil darin. Gebe nur endlich Gott, daß die ganze Welt zusammen nur Einen Vers daraus hält, als etwa gleich diesen!« -- Er wollte Einen sagen, aber seine Leiden verwandelten ihm die Worte im Munde und er sprach, zu aller Verwunderung diese: »Ach, daß ich wüßte, wie ich ihn finden, und zu seinem Stuhl kommen möchte, und das Recht vor ihm sollte vorlegen, und den Mund voll Strafe fassen, und erfahren die Rede, die er mir antworten, und vernehmen, was er mir sagen würde!«
Und Wecker sprach leise zu den Andern: Stille, stille! Er meint den lieben Gott! Er ist jetzt Hiob! Laßt ihn schlafen; er senkt schon sein Haupt auf die Brust. Setze Dich neben ihn, Daniel, und nimm ihm nachher die Bibel leise aus seiner Hand, damit er nicht aufweckt, wenn sie zu Boden fällt! Ich aber übernehme das diesmal leichte Colfactoramt am Kamin, und will -- _nicht_ mehr anlegen! So wird ihm der Kopf nicht noch heißer vom Feuer! Lasset ihn schlafen, und ruhet Ihr auch!
Und so setzte er sich hin. Das Feuer erlosch nach und nach, und es ward trauliches Dunkel und heimliche Stille im warmen Zimmer, und die Sterne schienen herein zu den Schlummernden.
V.
Als aber der Mond purpurhell aufgegangen, und alles zu der kurzen Reise besorgt war, trug Johannes seine schlafenden drei Kinder in Paschalis Wagen -- nicht ahnend: daß er Keines mehr wiedersehen würde. Und so war er froh, als er den _Daniel_ aufgehoben, ohne daß er aufgewacht war, und ihm und sich nicht den Abschied erschwert, oder das Scheiden wohl gar unmöglich gemacht, wenn er gar so sehr gebeten hätte: bei Vater und Mutter zu bleiben und versprochen, Alles zu thun und zu dulden, was über sie käme. Daniel aber war doch halb wach, und redete im Schlafe, weil er während des Tragens doch merkte, daß etwas mit ihm vorging, und erzählte seinen Geschwistern im Traume, ohne die Augen zu öffnen, das Mährchen: »_Die sieben Raben_,« und fuhr jetzt laut darin fort: »Nun ging das Schwesterchen immerzu, weit, bis an der Welt Ende, um seine sieben Brüder zu finden. Da kam es zur Sonne; aber die war zu heiß und fürchterlich und fraß die kleinen Kinder; eilig lief es weg, und hin zum Mond; aber der war gar zu kalt und auch grausig und bös; und als er das Kind merkte, sprach er: »ich rieche Menschenfleisch! ich rieche Menschenfleisch!« -- Diese Worte klangen aus eines Traumredenden Munde, in der Mondnacht und in der Nähe des todten Schwesterchens zauberhaft-ängstlich, und Johannes war herzlich froh, als er seinen Knaben glücklich hingelegt, und Daniel sagte nur noch: »da machte es sich geschwind fort und kam zu den Sternen, die waren ihm freundlich und gut. Der Morgenstern aber stand auf . . .«
Damit schwieg er. Die jüngern Kindern aber, _Sophiechen_ und _Gotthelf_ ängsteten den Vater nicht so, da sie fester schliefen; und nur Sophiechen hatte ihn fest um den Hals gefaßt und wollte die Arme nicht wieder wegnehmen. Johannes aber löste sie ihr langsam und legte sie ihr in den Schooß, und die Hand des Brüderchens darein, als sei es die Mutter. Und so, vom Mondlicht beschienen, sahe er seine Lieben noch einmal an, und Freude durchwallte sein Herz, sie in Sicherheit zu schicken, und empfand schon, wenn nicht ihr Glück, doch ihr Leben in der nächsten Zukunft, welche für ihn selbst, seine Kinder und ihrer Kinder und Kindeskinder fernste Zukunft war. So täuschte ihn sein Gefühl, und Ahnung künftiger sicherer Tage beglückte ihn.
Obgleich Paschalis gern versprochen hatte, für alles zu sorgen und es neu und gefällig anzuschaffen, was die Kinder bedürfen könnten, so brachte doch Christel zuletzt noch ein Körbchen mit den bekannten Spielsachen der kleinen Kinder, »damit sie doch gleich in der neuen Stadt ihre alten lieben Bekannten sähen und fänden, und glaubten zu Hause zu sein, wenn sie in ihren Spielen Vater und Mutter vergessen hätten; so gut wie die Kinder ja oft auch daheim lieber ihre Bilder, ihre kleinen Teller und Schüsseln und Becher und Fläschchen und ihre Hochzeiten und Kindtaufen, _selbst Vater und Mutter stundenlang vergessen_. Und sagt nur immer: »ich komme Morgen!« sprach sie zuletzt zu Paschalis; und ich komme heimlich so bald ich kann. Da soll Freude sein in Mainz!« --
Als aber die Wagen langsam fortgefahren und nicht mehr zu sehen waren, fiel Christel ihrem Johannes um den Hals und weinte. Und er sprach: Ja, meine Christel, das ist eine schreckliche Zeit, die die Menschen am Leben hindert, an Arbeit und redlicher Sorge für die Seinen. Aber sie sind in guten Händen; die Stadt ist nicht weit -- und wir haben ja noch ein Kind -- das auch in guten Händen ist! Komm hinein!
Und während jetzt, beim Einmarsch der Soldaten ins Dorf, die Trommeln wirbelten, gingen sie ruhiger Hand in Hand hinein; denn sie waren bei einander voll Unschuld und Muth und Vertrauen und Schmerz, und glaubten dem allgemeinen Elend ihr Opfer gebracht zu haben, und zwar ihr Liebstes. Was sollte noch Schlimmeres kommen, was Theuerers von ihnen gefordert werden? -- sie fühlten das nicht, denn sie hatten sich, und rechneten sich beide für Eins.
_St. Etienne_, Christels unerkannter Bruder, trat jetzt bei ihnen als Sergeant mit 20 Mann ein, und meldete sich mit kurzen Worten diesmal als -- _Werber_. Er hatte Vollmacht, aus jedem Hause alle gangbaren schießfähigen und erschießensfähigen Mannspersonen zu nehmen -- ausgenommen den einzigen Wirth oder Stamm des Hauses. Selber _Weckern_ hatte er gedroht in den Soldatenrock zu stecken, da er keine Wirthschaft, keine Schule, keinen Kix noch Kegel habe. _Und wenn er nicht recht bei Verstande scheine, das sei eben recht! Selbstdenker brauche sein Herr nicht zu Soldaten;_ die Dummen raisonnirten so gut wie gar nicht, oder nur Dummes; und ein Verrückter werde, wenn er auch noch so Wahres fasele, billig für verrückt gehalten, und dürfe frei reden, was er wolle, weil ihm die Natur das Patent dazu gegeben. Eine Million Wecker, hatte er gesagt, und der Kaiser ist durch! Die Raisonneurs aber, die Besserwisser und die Anderswoller würden ihn als Vogelscheuche allein im Felde stehen lassen mit einer Flinte aus einem Stocke und einem Säbel von Span. So hatte St. Etienne sich zornig geredet und sich gelobt, Keinen zu schonen, sondern jeden Brauchbaren aus dem ja so bald von dem Feinde besetzten Lande herauszuziehen und dem Kaiser hinüber zur Hülfe zu schleudern, damit der Geschonte nicht sein Feind werden könne. Denn das unterstehe sich jetzt jeder Hasenfuß. --
Wecker kam über die Rede ergrimmt und erschrocken in die Küche zu Christel, die ihn seinetwegen tröstete, aber selbst erschrak, als sie darauf hineinkam mit dem Frühstück, das sie ihren Gästen freundlich brachte, denen sie alles, für die Ihren Gesparte, ohne Entgeld oder Dank dafür, hinzugeben verbunden war -- denn »der Herr bedarf sein,« wie Wecker dem Rechte den Titel gab. Sie erschrak, lächelte aber gefaßt und blickte St. Etienne endlich gar lachend an, als sie ihren Johannes im Soldatenrock und einem Chacot mit hohem rothen Stutze zugleich mit am Tische sitzen sah.
So gefällt mir mein Mann! sprach sie zu St. Etienne. Aber ich bitte Euch, zum Scherz sei's genug! Gott sei Dank, daß die Kinder nicht da sind! Die schrien sich todt, und Daniel fiel Euch zu Füßen, wenn er in seines Vaters Hand »ein Pasquill auf das fünfte Gebot« sähe, wie unser Wecker einen Säbel oder eine Flinte nennt! Eine Kanone aber nennt er gar den letzten _Verstand_[A] der Menschheit. Pfui Johannes, ziehe Dich aus!
[Fußnote A: ultima ratio.]
Und Wecker trat auch herzu und fragte St. Etienne: »Weß ist der Rock und das Bandelier?«
»Des Kaisers!« sprach der Sergeant.
»Nun so gebet dem Kaiser was des Kaisers ist, und Gotte, was Gottes ist!« verlangte Wecker.
Christel wollte ihrem Johannes nun helfen, die im Scherz ihm aufgeredete Soldatenmaskerade wieder abzuthun. Der Sergeant wehrte ihr aber und sprach: Es ist nicht leerer Scherz; es ist voller Ernst, des Kaisers Ernst und meiner. Ihr habt noch den alten Frommholz zum Wirth -- und euern Wecker zum Voigt in dem Bischen Wirthschaft: der Daniel wächst auch heran -- und wie _Ihr_ weint, mein junges hübsches Weib, so haben schon Viele geweint in aller Welt, und Viele _schon aufgehört_ in aller Welt, und so fügt Euch darein in dieser Welt. Gebet dem Landesherrn, was des Landesherrn ist -- und Er hat gesagt: »Der letzte Thaler und der letzte Mann ist mein!«
-- Es ist Etwas Majestätisches um Einen großen Mann, sprach Wecker. »Denn _die Erde ist des Herrn_ und alles, was darinnen ist. Er sitzet über dem Kreis der Erden, und die darauf wohnen, sind wie Heuschrecken! Der die Fürsten zu nichte machet, und die Richter auf Erden eitel machet: als hätte ihr Stamm weder Pflanzen, noch Saamen, noch Wurzel in der Erden; daß sie, wo ein Wind unter sie wehet, verdorren, und sie ein Windwirbel wie Stoppeln wegführt.«
St. Etienne hatte das betroffen angehört, denn es klang gewaltig, und er sprach lächelnd: Das kann kommen! Den König von Westphalen hat schon der Wirbelwind fortgeführt.
Die Wirbelwinde haben immer verschiedene Namen, je nach dem Ort, wo sie einherblasen, und werden sie immer haben, sprach Wecker; wie hieß denn also der Wirbelwind Hieronymi?
Tzschernitschef; hört' ich, antwortete St. Etienne.
So ist das schöne Land ohne König! sprach Christel. So hört doch, St. Etienne! Das geht weiter! Was werbt Ihr also!
Johannes aber klagte aufrichtig aus seinem treuherzigen Sinne: Mein Gott, ein Land ohne König, wie soll das gehen? Das ist das größte Unglück. Mir däucht ordentlich als könne da keine Saat mehr keimen, kein Baum blühen und kein Weinstock tragen! Wenn ein Land auch Alles verloren, Menschen, Häuser, Habe, Vieh, Getreide, Geld und Wohlsein, wenn alle Uebel drin hausen und alle Krankheiten darin sich satt fressen, und es hat nur noch einen König, wie ein Bienenstock einen Weisel, so erholt sich der Stock wieder, setzt Brut, höselt Wachs, baut Zellen, schleppt Honig, und das ganze Land hat wieder ein süßes Maul. Wer wird nun die Steuern empfangen? Wer wird befehlen? Denn ohne Befehlen hört der Gehorsam auf. O schlimme amerikanische Zeit! --
Wir wollen Gott bitten, sprach Wecker, daß er sich wieder erbarmt und das Herz eines Andern regiert, der sich wieder des verwaiseten Thrones erbarmt!
Bittet nur bald, sonst bittet Ihr guten Leute zu spät; sprach St. Etienne. Ich bin glücklich! Wir sind glücklich! -- Wir haben noch einen Kaiser; und der braucht Soldaten, nachdem er Sechsmalhunderttausend in Rußland -- _angeführt_ hat! Tüchtig _angeführt!_ Also werbe ich! Denn ohne Soldaten bleibt Er sogar nicht vier Wochen auf dem Throne, geschweige ein Anderer fünfzehn Tage. Darum werden wir Soldaten auch beinahe auf Händen getragen, wenigstens, wenn's Noth thut, auf Wagen gefahren zur Schlacht. --
»-- Bank!« setzte Wecker hinzu.
Also zur Schlachtbank -- meinen Johannes! meinen einzigen Sohn, den _einzigen Vater_ der Kinder, den _einzigen Mann_ unsrer Christel! sagte der alte Frommholz betäubt: »Das ist der Kaiser nicht werth. Viel Hunde sind des Hasen Tod, und er wird es nicht lange mehr bleiben -- aber jetzt freilich bin ich noch hier in dieser eurer Gewalt.«
»_Ihr_ nicht! alter Mann!« belehrte ihn St. Etienne, noch lachend.
Ja wohl ich, nur ich; stöhnte der Alte verworren und schwieg.
Ihr bleibt wo und wer Ihr seid, erklärte St. Etienne. Aber, freilich, wäret Ihr nicht, so wäre _Johannes_ der Einzige auf der Bude, die zu _Einquartirungen_ und _Lieferungen_ und _Abgaben_ und _zur Zucht_ von neuen Soldaten gebraucht wird, und Johannes wäre frei.
»Frei!« rief Wecker wie ein Echo aus jener Welt.
Warum hab' ich so lange gelebt! seufzte der Alte. O, die Verheißung Gottes: ein langes Leben und graue Haare, sind nun ein Fluch und eine Strafe geworden! Aber meine Christel, sei ohne Kummer! Ich weiß ein . . . ja ich bin ein sicheres Mittel!
Wecker aber merkte, daß der Herr Sergeant erbittert worden und fragte darein: Aber Johannes, wie seid Ihr denn erst zu dem Rocke gekommen? -- Und Johannes antwortete: -- Der Herr Sergeant wollte seinen Rock ausbürsten, da sollte ich der ausgestopfte Mann dazu sein, oder der Nothnagel.
Dankt Gott, daß ich ihn Euch nicht am Leibe _ausklopfe_ versetzte St. Etienne. Nachmittags 2 Uhr Exerciren, hier im Hofe! Alles, was noch gesund ist bei Euch im Dorfe, und werth auf dem Felde der Ehre zu sterben, wird auch hieher kommen. Der Tod darf keine alten Krüppel auf dem Schlachtfelde finden, sondern _lauter nagelneue, brühwarme_. Sollen wir Andere mit Lahmen und Blinden, mit Einäugigen und Buckligen -- fallen, welcher brave Soldat wohl vertrüge die Schmach. -- Also, Johannes, um zwei! --
Der alte Frommholz aber schlich sich fort in seine Kammer, setzte sich auf sein Bett, blieb erst lange schwermuthsvoll, dann gedankenvoll, und sprach endlich laut mit sich selbst: »Frommholz, altes mürbes Holz, Du hast Dir immer im Leben Rath gewußt; nun rathe Dir auch; oder nimm meinen Rath gleich lieber an, damit _Christel_ keine Wittwe wird, _die Kinder_ keine Waisen, und _Du_ kein Bettelmann mit Weckern! Kein Mensch kann eines andern Treppe brauchen, das weißt Du als Zimmermann; und so hat auch jeder seine eigene passende Leiter zum Himmel. Zum Himmel? Ach, Frommholz! Doch, wer anklopft, dem wird aufgethan; und wer so anklopft wie ich, _nicht um selbst hinein zu kommen_, sondern um aus stürmischem kaltem Regenwetter gute verlorene Kinder hineinzusichern, den läßt man vielleicht mit einlaufen, wie auf der St. Bernhardsstraße den armen guten Hund, der verirrte Menschen in die warme Stube bringt! Ich wenigstens stieße das gute verständige, vor Kälte stumme Thier nicht wieder mit dem Fuße über die Schwelle zurück in den Schnee und die Kälte, in das Heulen und Zähnklappern hinaus -- _in die Hölle!_ Doch Frommholz, Frommholz! Du thust mir recht leid! -- Wehe denen, die durch alle Jahre bis in ihr Alter richtig und glücklich gewandelt, und erst im letzten Jahre einen Stein im Wege finden, worüber sie Hals und Beine brechen! -- Hals und Beine!« --