Die Osternacht. Zweite Abtheilung

Part 3

Chapter 33,402 wordsPublic domain

Wecker aber sah droben von der Zinne des Thurmes den Erdspectakel, den Krieg, wie er laut sagte, wodurch die Menschen zu Vieh ohne Mitleid zu werden -- gezwungen waren -- so offenbar und hell, wie der Himmel feuerroth zu werden gezwungen war. Und als er einige Zeit hinüber gestarrt und ganz geblendet und wüthend war -- stand plötzlich der Teufel neben ihm. Wecker starrte ihn an, indem er die Hände mit ausgespreiteten Fingern gegen das Ungethüm, wie zur Abwehr, hielt; und er hörte es sprechen: »Denkst du, ich bin gestorben? Närrisches Haus! der Teufel -- et le Roi -- stirbt nicht, als aufgehoben zum letzten Gericht. Und wenn ich mit allen Gestirnen im Abgrund der Welt verschüttet läge, also nicht mit Pfeffernüssen -- die kleinste Sünde der _letzten_ Zeit erweckt den Teufel in seiner _ersten_ Kraft wieder auf -- und jetzt geschehen tausend Große, nun geht mein Reich wieder an, diesmal nur ein kurzes, aber Höllefüllendes: _das Reich der Unterlassungssünden!_ Wie lange habe ich mit meinen vorzüglichsten Geistern gearbeitet: die Welt klug zu machen, und das wahre, ächte, erste Christenthum auszubreiten! Erschrick nicht ungläubig, Schulmeisterlein, sondern höre mich aus. _Erfahren und weise_ muß die große Welt, oder auf französisch (denn das ist meine Sprache): le grand monde werden, _damit sie doppelt strafbar werde,_ damit doppelt so viel Große und Kleine zur Höllen fahren -- und nicht wieder auferstehen. Wenn ein verlorenes Lämmchen zurückekehrt, wird ein Kalb geschlachtet, wenn sich ein Hoher verkehrt, dann brate ich einen Leviathan ganz, als Rost-beef. Wie jener fromme -- Kreuzzug mit leckern Ziegen und Gänsen und glattzöpfigen Kuttenträgern an der Spitze nach einem heiligen Grabe, das, wie sie wußten, doch nirgends vorhanden war und keinen Leichnam enthält, -- so beginnt nun ein neuer Kreuzzug blutdürstend _nach einem lebendigen Leichnam._ Und nun sie so erfahren und so weise sind, nun erst will ich alles alte Unrecht, allen alten Unsinn, ich will den Papst und seine -- oder meine Schaaren -- wieder auf die Beine bringen und sein Regiment durch ein Regiment zu meinem Regiment wieder einsetzen lassen. -- Kann ich frömmer und christlicher handeln? Mir ist Niemand auf Erden schätzbarer als Christus. Denn seit das Licht in die Welt gekommen, und die sogenannten Menschen _dennoch_ in Finsterniß wandeln, Werke der Finsterniß fördern und thun, sich im Namen des Lichtes dazu vereinigen, die Finsterniß auszusäen wie Ruß und Mohn; seitdem ist Gedräng in den Pforten der Hölle, und ich habe neue erbliche Pairs müssen creiren, um neue unsterbliche Strafen zu stiften! Es lebe Christus, der Sohn des lebendigen Gottes! Aber Wecker, mein närrisches Haus -- denn alle Narren sind mein -- beruhige Du Dich! Für jeden Einen, der in den Kreuzzügen hochlöblicher Maaßen umgekommen, sind schon Millionen -- Aepfel und Birnen gewachsen; Pflaumen und Kirschen (aus Kerasus mitgebracht) gar nicht gerechnet! Und wie viele St. Lampertsnüsse werden noch wachsen! O schmackhafter Profit der Kreuzzüge, großer, kindlicher Gewinn! Hat Clementinchen Dir nicht nach dem -- Kreuzzuge die Taschen oft ausgesucht: Und was hätte sie sonst gefunden, als ächtdeutsche Plunschken und schöne, blaue, abscheuliche Schlehen? So werden auch künftige Kinder die Früchte _dieses_ Kreuzzuges aus den Taschen der Verrückten suchen. Ist das kein Gewinn für die _schöne, die große_ Welt, wenn Weiber, Kinder und Sperlinge etwas zu naschen haben in Ewigkeit! Sage: »Ich bin Wecker, bin verrückt, und ich sage Ja!« Und nun sei ruhig über das Surren und Stechen des Schwarmes, der nur einen Leichnam -- meinen großen Sohn in das Grab schaffen wird, und Kindern -- wenn nicht Enkeln -- und Sperlingen -- wenn nicht Adlern nutzen wird, und gewißlich doch mir; durch Weisheit, die Dummheit wird; durch Wahrheit, die Lüge wird; durch Versprechungen, die Wortbrüchigkeit wird. O, meine Sperber freuen sich auch, und ich lasse die Hölle neu dielen, und die Dielen um des Pilzes Stamm in der Mitte voll von den Herren Musicis -- mit Blumengewinden malen zum Festball. -- Mit der Bande bin ich nun fertig; nun noch ein Wort an Dich, Schulhauptmann! Höre einen großen Vorschlag: Ich gebe Dir alle Reiche der Herrlichkeit, nicht etwa, wenn Du niederkniest und mich anbetest -- das ist abgedroschen; nein, wenn Du nur heute das kleine Mädchen willst mit dem Speere durchstoßen haben; -- eine pure Kriegslappalie, eine Kinderei gegen die hunderttausend Todten, die Millionen Wunden und Billionen Thränen, die daheim Wittwen und Waisen, Väter und Mütter und Brüder und Schwestern um sie weinen werden. _Was_ ist also ein solches albernes Kind, und _was_ sind alle Reiche der Herrlichkeit, Wecker? Wach' auf! Schlag ein! Und Du sollst sie ganz monarchisch, ja türkisch oder autokratorisch besitzen, ohne Constitution, ohne gebundene Hände, ohne gebundenes Maul, oder irgend eine gebundene Gliedmaaße; ja ich gestehe Dir viel zu -- ohne Papst und Jesuiten! Schlag' ein, nimm das Kind auf Deine Seele, und sei legitimer Herr Aller.«

»Hebe Dich von mir, Satan!« rief Wecker in äußerster Empörung. »Was hülfe es mir, wenn ich die ganze Welt gewönne, und nähme doch Schaden an meiner Seele.«

_»Das wollt' ich nur wissen!«_ rief _sein_ Satan lachend. »Sie -- sie werden Schaden an ihrer Seele nehmen durch Selbstsucht, Habsucht und elende Seelenkratzerei -- und doch nicht die Welt gewinnen, noch sich arrondiren; denn wie können alle Bienenzellen rund werden, Du Esel! Oder wie sollen alle Menschen Hörner bekommen, Du Schaaf!«

Wecker führte einen gewaltigen Streich mit der Faust nach dem Lügengeist. _Aber der stürzte sich jäh vom Geländer hinab,_ und zerfloß drunten wie Wasser in eines alten katholischen Bischofs Grabe, und Leichenduft kam herauf. Aber wie eine wispernde Eidechse, kroch auch noch am Thurme die vergessene Einladung herauf: . . . »Wecker, komm' wieder! Ich komme auch wieder. Verstanden?«

-- Fahre zum Teufel, also zu Dir selber! Lügengeist! sprach Wecker, von wirbelnder Angst erlöst. Was will der Mensch -- oder verzeihe mir Gott, der Extract des Bösen der Menschen, bei Dir? Sollst Du seine Meinung ausposaunen? Bist Du eine Posaune, Wecker! -- dann müßte Dich Jemand blasen! und das wollte er! Aber das wären abscheuliche deutsche Herzen, die nicht zufrieden wären mit der Arbeit und Frucht von 30 Jahren der Erde, wenn _Diese_ auch nichts gethan hätten, _als_ den Veruneiner, Hetzer und Schandesäer von Deutschland zu Grabe zu tragen! Und wenn sie auch 15, ja 30 Jahre auf solch eine Höllenarbeit ruhten -- und ein _langes Leichenessen_ feierten -- ich gönnte ihnen den Sabbath! Wer das gethan, hat auf Jahrtausende gethan, o Du Schänder, Spötter, Lügengeist -- Teufel! -- Eine neue Volksbewegung mag Neues erstreiten! Und Deine -- des Teufels Lobrede auf Christum -- und Dein Vivat! -- mir stehen noch die Haare zu Berge! --

Indem er so sprach, und sich, aber bedächtiger und menschlicher als der Teufel über -- _Stufe für Stufe_ -- die Treppe hinab vom Thurme stürzen wollte, um unter Menschen zu kommen, da trat eine weibliche, schwarz gekleidete, tief verschleierte Gestalt heraus auf den Gang, die ihn nicht wahrnahm, niederkniete, den Lockenkopf beugte, die weißen Hände vor die Stirn gefaltet oder gewunden hielt, noch einmal beten wollte, aber nur verworrene Worte murmelte, sich hastig auflöste, sich wild umsah, bebend sich auf das Geländer schwang, und wahrscheinlich sich -- gerade an des Teufels Stelle hinunter stürzen wollte.

»Du weiblicher Teufel!« schrie Wecker. »Hier geht's in die Hölle. Halt! in aller Engel Namen, ich fasse Dich an den Haaren!« Und so hatte er sie schon ergriffen, mit beiden Armen um die Kniekehlen gefaßt, und hob sie herab, und setzte sie derb nieder auf ihre Füße. Aber sie setzte sich auf den Boden, und als er sehen wollte, wer sie sei, schrie sie laut, und hielt sich den Schleier fest über Haupt und Gesicht. Wecker aber nahte ihr ganz, und beim Scheine der Abendröthe sah er -- wie er meinte -- durch den angezogenen Schleier ein Gesicht, das er kannte -- und er fuhr zurück, wie ein redliches Herz vor einem solchen Gedanken.

Und als er sich gefaßt hatte, trat er wieder näher, legte der weinenden Gestalt seine Hand sehr sanft auf das Haupt und sprach vorsichtig-allmählig zu ihr, so mild er nur konnte: -- »D . . . Do . . . Doro . . . Dorothea, ja ganze, leibhafte _Dorothea_, Gott weiß es ja doch, wer Ihr seid -- das war albern! Ich weiß, Breitenthal ist abgebrannt -- oder brennt noch da drüben -- aber wegen Breitenthal, und wenn es Langenthal -- Goldenthal dazu wäre -- so kenne ich Euch nicht, brave Jungfrau!«

-- Sie schauderte. --

»Oder, oder -- ich weiß -- Ihr seid _Braut_ mit dem gar lieben, jungen Herrn von Ellenroth -- ist Euch _der_ etwa untreu geworden? Dann weinen gewöhnlich treue Mädchen, die Gott danken sollten, daß sie _vorher_ klug werden, nicht _nachher!_«

-- Die Gestalt lehnte sich kraftlos an. --

»Oder ist er Soldat geworden, und _kann_ erschossen werden? Oder ist er schon Soldat _und_ zerhauen worden?«

Die Verschleierte stöhnte tief, aber das Stöhnen klang Weckern wie Freude.

»Oder . . . wenn nur Euer Vater, der ehrbare Herr Paschalis nicht gestorben ist,« sprach er, »so wird sich Alles geben. Ihr lebt ja! Aus Euch ist noch Alles zu machen, die schönste, beste Frau im Lande! Und für allen Dank erbitte ich mir nur _auf Eurer Hochzeit_ erscheinen zu dürfen -- ein Hochzeit- oder Kindtaufenschmaus ist das beste Regal der geplagten Schulmeister! Und da ich nicht mehr geplagt bin, wird es mir desto besser schmecken, und gar erst _auf dem Kindtaufenschmaus_ . . .«

-- Die Gestalt beugte ihr Haupt, und drückte die Ballen der Hände in die Augen. --

». . . Da wird sich Wecker freuen, wie der Großvater Paschalis!« fuhr er unwissend fort, gutgemeinte, aber der unerhört Gefallenen oder gewaltsam Herabgerissenen, entsetzliche, unerhörte Worte zu sagen: »Denn wenn der _gemeinste Schuft Vater_, ach, _Vater_ und endlich gar _Großvater_ wird, und noch so verwerflich gelebt hat, wird er eine _Respectsperson_, und so betrachtet, so behandelt; und der himmlische Vater stößt Jeden selbst mit der Nase auf seine Würde, und aller Firlefanz fällt nun weg -- es geht ihm Niemand mehr darauf ein, wer da weiß, was er ist und vorstellt auf Erden bei Menschen und bei den Seinen. So sicher und herrlich sorgt Gott für Jeden, der nur jemals Eine seiner lieben Jungfrauen recht angesehen hat; denn dann muß er heirathen; über sein, ihm von Gott hingesetztes Kind erschrecken, erstaunen, das Wunder bewundern, das Mysterium der Kindtaufe ausrichten, sich Vater von seinem Weibe rufen lassen, und ein neues, seliges Leben anfangen, er mag wollen oder nicht.«

-- Die Verschleierte schrie laut. --

Wecker schwieg betroffen, aber in seiner Freude setzte er hinzu: »Ihr seid verschämt, und ein keusches Kind, das wissen wir, darum vergebt! Denn ich habe große Freude. Wäre die arme Clementine der armen Christel nicht umgekommen, so rannte ich nicht auf den Thurm! Wollte mich der Teufel nicht zu einem Teufel machen, so wäre ich nicht Euer Engel geworden und hätte Euch nicht gerettet -- denn ich war fort! Oder gar nicht da! Furchtbar! Entsetzlich! Ja _nun_ freu' ich mich ordentlich, daß ich so alt geworden, so lange gnädiges Brod -- _sogenanntes_ Gnadenbrod, aber von der guten Christel: _wirkliches_ -- gegessen, und ich möchte bald rufen wie Satan: Es lebe Christus, der Sohn . . . . aber heut kann ich nicht, vielleicht morgen -- wenn ich ihn vergessen. Aber wollt Ihr nicht mit hinunterkommen zu der armen Christel? _Ihr könnt ihr helfen das Kinderzeug machen, das letzte weiße Kleid, das nicht mehr gewaschen wird!_ Kommt!«

-- Sie wollte aufstehen und reichte ihm matt die Hand. --

»Haha!« lachte Wecker und rieb sich die Hände, »haha! Das wollt' ich nur wissen! _Ihr seid es_ . . . Ihr liebe Person seid Dorothea -- die Gabe Gottes -- sonst wolltet Ihr nicht zu _Christel_ kommen! Ja, ja, _Mitleid läßt gute Menschen nicht sterben_, und sie richten sich vom Sterbekissen noch einmal auf . . . und leben wieder lange. _Weiß Gott, was in der Welt steckt; ich glaube: der liebe Gott!_«

Da sprang die Gestalt so plötzlich auf, daß Wecker erschrak und zurückfuhr.

»Nun gut,« sprach sie, und riß ihren Schleier empor und hielt ihn so mit der rechten Hand; »ich bin Dorothea -- . . . oder -- ich war sie! -- Aber Eure Hand darauf -- schweigt, schweigt, schweigt . . . daß Ihr mich hier gesehen . . .«

». . . und was ich gesehen!« setzte er hinzu. »Wecker bleibt Wecker. Ich bin ein alter Mann und keine alte Frau. Und sollt ich mich selber rühmen, daß ich nicht der Teufel war, sondern bei einem guten Engel zugriff! Und wollt Ihr nicht mit mir kommen, kommt nach! Auf der Treppe ist's lange schon dunkel. Euer Vater ist wohl auch da? . . oder kommt doch?«

Und da sie leise nickte, sprach er: »_nun so seid ihr gebunden_ -- da kommt Ihr schon; denn Ihr scheint nun wieder so vernünftig wie ich!«

Und so ging er. Und sie seufzte tief.

IV.

In Johannes Hause leuchtete der Kamin hell zu den hellen Scheiben hinaus, und von draußen sah die Wohnung sich so ruhig und erdglücklich an wie je. In Christels Stübchen nach Morgen war auch Licht. Rauch stieg aus der Esse gerade und ein wenig mondbeleuchtet von der Sichel des Neumonds zu dem dunkelblauen herbstlichen Himmel empor, und er hatte seinen alten weißen nächtlichen Friedensbogen sich umgegürtet und die Gestirne schienen still so fort, und jeder Stern brannte ruhig und unbewegt so fort, ohne zu flackern und Strahlen zu schießen, wie in einer heilig dunkeln Todtenkammer -- der Lebendigen.

Auf Johannes Hofe aber stand ein -- bei Tage und von Prunkthoren sogenannter prächtiger englischer Reisewagen, aber diesmal, statt der geraubten, braunen vier -- National-Engländer mit sechs schwarz und weiß großgescheckten holländischen Kühen bespannt, und hinten, statt der Bedienten mit zwei angebundenen Mastochsen. Auf dem Bocke aber saß neben dem englischen Kutscher die Kuhmagd, die besser als er ihr liebes Vieh zu bereden und zu _regieren_ wußte. Die Kühe sollten für Herrn _Paschalis_ und seine Tochter Milch geben; die Mastochsen aber frisches Fleisch, wenn sie in der Festung Mainz vor dem doppelten Feinde, den Russen und der Krankheit sich eingeschlossen hätten, wie in dieser Nacht noch geschehen sollte; und die Viehmagd trug schon die unsichtbare Bestimmung an sich, dann Kammerjungfer zu sein, wozu sie schon jetzt so treu als hübsch genug war. Der englische Kutscher war dann ein nothwendiges Uebel und Ueberlei, und ward bloß auf bessere Zeiten aufgehoben, wie ein leeres gutes Weinfaß von einem Winzer auf bessere Weinlesen.

_Paschalis_ war ausgestiegen und that kaum einen Blick nach der Gluth am Himmel zurück; ein schwerer, ja der allerschwereste Seelenschmerz schien ihn zu bedrücken, ja niederzubeugen; denn er hielt ein weißes Schnupftuch in der Hand, und wie er in dem Düster der Nacht unbemerkt zu sein glaubte, hielt er es plötzlich vor die Augen, als wenn er eine Fluth von Thränen darein ausgießen wollte, ob gleich kein Tropfen darein floß und sein Gehirn wie ausgetrocknet war, und doch wollte er nur -- wenn ihn ja Jemand bemerkt -- das Ansehen tragen: als habe er genieset; und er nahm wieder Tabak aus seiner goldenen Dose; aber er steckte ihn in den Mund -- denn es war schwarzbraunes egyptisches Opium.

_Johannes_ hatte das schöne Vieh brüllen gehört, sich hinaus getraut, seinen dankbaren Freund Paschalis gefunden, sich gewundert, und voll wie sein Herz war -- demselben in einfachen Worten das Schicksal mitgetheilt, das sein Haus betroffen, aber keinen Trost erhalten, als einen langen Händedruck und keine Antwort als: »_Dankt Gott für dieses reine Leid_, mein lieber Johannes!« und auf die Frage, wo Dorothea sei, erhielt er nur den Bescheid: »sie ist auf Euren Thurm gestiegen, um den Rauch von Breitenthal noch einmal zu sehen.«

Während nun Johannes für die Leute und das Vieh sorgte, schlich Paschalis sacht an die lichten Fenster, lehnte leis die Stirn an und sahe hinein, und er sahe: In der großen Wohnstube, ihm gegenüber an der Wand, hatte der alte Frommholz seine Hobelbank, und er arbeitete mit Daniel an einem kleinen Sarge; denn es waren schon sechs Brettchen zugeschnitten, und der Knabe und der Alte sägten eben an den vier kleineren.

»Ach, _Ihr_ seyd glücklich!« sagte Paschalis und schlich vorüber, an Christels Stübchen. Seine Angst, als _Vater_ Dorotheas, war groß; seine Ungewißheit war halbe Verzweiflung. Denn während in seinem Schlosse sieben Feinde, _Kosaken_, gelegen, schien _seiner_ Tochter ein unmenschliches Unglück zugestoßen zu sein. Er vermuthete es nur, er wußte es nicht. Er hatte sie nicht gefragt vor Entsetzen und Scham; sie hatte also auch nicht geredet, vor Entsetzen und Scham, Aber in dieser Meinung hatte er _ein siebenfaches Verbrechen_ begangen, und das marterte ihn. Aber auch Dorothea schien ein siebenfaches Verbrechen begangen zu haben, so gut oder so schlimm wie er, nur auf andere Weise. Er vermuthete das gleichfalls nur, und er wußte auch das nicht. Aber Dies _zugleich_ -- oder Jenes _allein_, schien sie zu foltern; und er war kein Vater und kaum ein Mensch mehr, nur sein eigener körperlicher runder Schatten; und seine Seele war nur noch wie der schrillende Klang einer geborstenen Glocke, die er nicht wagte anzurühren mit dem leisesten Gedanken, aus Furcht, sie verrathe den schmählichen Riß -- ihm selber. Und noch unglücklicher hätte er sich gefühlt, wenn er nur hätte ahnen können, mit welchen seligen tröstenden Worten von Brautstand und Ehestand Meister Wecker seiner Tochter Dorothea die leidende unschuldig-schuldige Seele zerrissen.

Jetzt sah er in _Christels_ Fenster. Da drinnen aber sah es anders aus. Denn Christel hatte es unmöglich über das Herz bringen können, den Gebrauch noch vieler Deutschen nachzuahmen, welche die Gestorbenen sogleich aus ihrem Bette reißen, und mit kaum zugedrückten Augen und kaum verbundenem Munde nackend auf ein Brett legen, darauf schon die halbe Stadt oder das halbe Dorf gelegen hat, und dann die Aermsten, zur Dauer für die Würmer, wo möglich in ein finsteres kaltes Gemach stellen, bis zum Tage ihrer Einkleidung für die Gruft. Die herzige Mutter hatte dagegen ihr Kind, nach schicklicher Ruhe, sogleich schön gewaschen und angezogen, ihm über die Bettchen seiner Wiege -- worin es noch geschlafen -- ihr feinstes weißes Tuch gebreitet, und das liebe Mädchen darauf gelegt. Selbst der Kranz von rothen und blauen Astern schmiegte sich schon wehmüthig-schön um das theure kleine Haupt. Und wie es die Mutter so ansah, that ihr sonderbar genug recht eigen leid, daß die Kleine _mit einer gefallenen und noch ungeheilten Wunde auf der Stirn in das Grab gelegt werden sollte_; wie ein Maler sein eben vollendetes Werk gern recht sauber und ohne Stäubchen aus seinen Händen giebt, es noch einmal zurückverlangt aus den Händen des Empfängers, es genau überblickt, _noch ein Sonnenstäubchen vorsichtig von dem goldenen Rahmen haucht_, und dann lächelnd und zufrieden es auf immer dahin läßt und spricht: »_Nun, so!_« -- Christel aber, welche die Wunde nicht hatte weghauchen oder wegküssen, noch mit Thränen wegwaschen können, hatte sie unter eine Blume versteckt -- _schüchtern sich umgesehen, als ob ihre redliche Seele Jemanden getäuscht habe,_ und leise gesagt: »_Nun, so!_«

Zu den Kindern aber hatte sie gesagt: »Meine Kinder, seht euch noch an eurem Schwesterchen satt! Ihr habt sie nur noch, bis zweimal die Sonne untergeht -- dann seht ihr sie lange nicht wieder!« -- Und so hatten die Kinder ihre Weihnachtswachsstöckchen aus ihren Schränkchen hervorgeholt, sie in lauter kleine Lichter zerschnitten, sie zu Häupten der Wiege an den Tischrand geklebt, angezündet -- alle auf einmal -- und nun waren die goldgeschmückten Lichtlein in Kurzem alle auf einmal niedergebrannt, und sie weinten nun, daß es würde finster sein, und sie ihr Schwesterchen nicht mehr sähen. Die Mutter hatte den Schaden gut gemacht durch angezündete Lichter. Aber Sophiechen war über das Weinen eingeschlafen; und Gotthelf war müde und hungrig eingeschlafen und hatte sich nicht getraut, heut von der Mutter ein Abendbrod zu bitten. Und so lagen die lieblichen Kinder _alle drei_ wie vom Schlafe gelöst, noch mit den Gesichtern zusammen; _zweien_ davon blühten die Wangen rosig und sie athmeten leis, aber ihre Haare waren unbekränzt -- dem _dritten_ aber blühten die Wangen von einem tiefern Schlafe _weiß_ und _rein_, und es bedurfte die Erde zu keinem Athemzuge mehr; aber seine Härchen waren bekränzt. Christel aber hatte dem Mörder des Kindes, nachdem er nothdürftig verbunden worden, ihr eigenes Bett eingeräumt; er lag auf demselben; und wie sie jetzt vor ihm stand und ihn ansah, seufzte sie schwer darüber, wie sehr er sie beraubt habe, und sprach, nun ihn deswegen aus tiefer Seele bedauernd: »Armer, armer Mann! Armer _Sebast-Janow_!« Denn St. _Etienne_ hatte seinen Namen in seinen Sachen aufgezeichnet gefunden und ihr ihn gesagt. St. Etienne hatte ihr aber auch zum Abschied und zum Troste ein Bildniß dagelassen, welches er dem Sebastianow, als dessen Raub und nun seine Beute, mit abgenommen, und welches Christel hatte annehmen müssen, aber noch nicht angesehen, ja nur hingelegt; er aber hatte es ihr an dem goldenen venetianischen Kettchen hingehangen. Denn das Bildniß hatte unläugbare Aehnlichkeit mit der kleinen Tochter Clementine. Christel drehte das funkelnde Geschmeide jetzt kaum neugierig um -- aber sie sahe die Brillanten daran nicht vor Ueberraschung: denn das Bild stellte ihre Schwester _Martha_ dar . . . . Niemand anders hatte es _getragen_, als ihre _Dorothea_, welcher es der Vater _Paschalis_ geschenkt . . . Dorothea hätte es lebend Niemandem von ihrem Herzen gegeben . . . es war ihr also nur _gewaltsam geraubt_ . . . und Christel trat hastig drei Schritt nach der Thüre zu. Aber wo wollte sie hin? Was konnte sie ändern? Sie war in der Stimmung, worin sie aus Noth und Tod, aus Vertrauen und Liebe _von aller Welt_ das Beste hoffte. Und mit ganz anderem Sinn stellte sie sich wieder vor den verwundeten Sebastianow und sprach jetzt mit Thränen: »Armer, armer Mann!« -- Aber die Worte zerschnitten ihr Herz. Sie blickte auf ihr Kind; sie küßte alle drei schlummernde Häupter; sie setzte sich zu ihnen, und eines davon schlang in halbem Schlafe -- die Mutter ahnend -- sein Aermchen um ihren Nacken und wandte sich um, ohne aufzuwachen.