Die Osternacht. Zweite Abtheilung

Part 2

Chapter 23,256 wordsPublic domain

Ja, mein Söhnchen, mein Gotthelfchen! erwiederte er. Gott helfe ihm! Es ist ein solcher guter, armer Teufel, wie einst ein gewisser Pferde- und Menschendoctor, Chiron benannt! Ist dieser hier nicht so lange todt wie Jener, so wird er es doch bald so lange werden. Aber die Todten holen sich wohl nicht ein? Indeß, so weit her sind sie Beide, und unser Gast wohl noch weiter her, der daher gekommen, um unsere Erde zu kosten, und statt um ein drei Ellen hohes Federbett, nur um ein drei Ellen tiefes Wurmlager bittet, ja nicht einmal bittet -- so gut ist der liebe, alte Mensch; mein Gotthelf, mein Gotthelf. O, helfe doch Gott allen Menschen!

So sprach er in heißer Entrüstung und mit zum Himmel gestreckten Händen, und er schickte sich an, dem armen Alten beizustehen, und wo möglich noch Hülfe zu leisten, da er doch noch ein Lebenszeichen von sich gegeben -- als Christel laut aufschrie.

Jetzt erst war sie herausgetreten; jetzt erst hatte die Mutter ihr Kind gesehen. Es lag auf dem Rasen neben der Thüre, und als es die Mutter erblickte, streckte es beide Händchen nach ihr. Der alte Mann hätte sein Enkeltöchterchen vielleicht sogleich hineingetragen, wenn er nicht befürchtet, dem Kinde durch eine Wendung oder durch das Nachschleppen der langen, schweren Lanze, an der es steckte, weh oder weher in seiner Brust zu thun; und so hatte er es nur ruhig hingelegt, und sich selbst auf die Bank gesetzt, wo er kraftlos und athemlos saß. Die Mutter bedeckte die Augen vor ihrem Kinde mit ihren Händen. Sie hatte gesehen . . . Alles mit einem Blick . . : es lebte noch! Es blutete nicht! Denn der Speer verschloß seine Wunde zugleich! Aber das holde Gesicht des Kindes war blaß, und die rosenrothen Wangen auf Zeit der Erde oder des Himmels dahin! Der Blick aus den schönen blauen, Hülfe bittenden Augen in ihre Mutterseele hatte ihr schweigend gesagt: sie sei des Kindes Mutter nicht mehr! Die liebe Kleine sei ihr auf einmal vom Herzen gefallen, so fremd geworden, und werde ihr bald so unkenntlich und so unergründlich sein, wie -- Erde, und immer ferner, weit, fern, unerreichlich fern, und doch so nahe, so fest, so recht innig im Herzen, wie der durchbohrende, schmerzliche Speer in der kleinen Brust des Kindes. Ihre volle Mutterliebe stand auf einmal an einem grausen Abgrund still, wie ein gefrorner Wasserfall -- und nur in der Tiefe schlich noch ein kleiner, zusammengedrängter, warmer Quell unter der eisigen Decke, das ewige schöne Gefühl: sie liebe noch! und jetzt erst unaussprechlich, unausweinbar, und zerflöße sie selber zu Thränen. Der blaue Himmel war ihr sonst nur die herrliche, gleichsam unsichtbare Decke über die Erde gewesen; die Erde selbst aber nur das weite, breite Haus für die Menschen, und die Sonne das stille Geleucht zu den Geschäften und Sorgen und Mühen aller solcher treuen Mütter wie sie, solcher redlichen Väter wie ihr Johannes, und solcher von Liebe der Aeltern gedeihender Kinder wie ihre! Jetzt war ihr die Erde kein fester Boden mehr; denn er schwand unter ihren Füßen hinweg, _als habe sie auf falschem, nichtigem Gewölk gestanden; sie taumelte_ und hielt sich an die Pfosten der Thür. Und so war auch der Regenbogen über ihr nur ein Schatten; und die Sonne -- dem Regenbogen gegenüber -- war ihr nur ein grauses Gespenst, ein Gesicht ohne Augen, ein kahler, liebloser, lebloser Scheitel ohne Haar -- sie hatte vergessen, daß es eine Welt gab, und ein Leben; denn _dieses_ ihr Kind war hin! Und ihr Mutterherz empfand in dieser ihrer Noth keine andern Kinder mehr, sie waren ihr alle gestorben -- und _sie schrie laut und durchdringend._ Dadurch hatte sie sich selbst aufgeweckt; sie blickte schüchtern und ängstlich und neugierig umher, ob es wahr sei, was sie geträumt -- und als sie nun wiederum sah, es ist wahr . . . . es bleibt und bleibt wahr . . . . da strömte Eifer zu retten über sie; sie kniete hin und wollte dem Kinde den Speer aus der Brust reißen mit schneller, schonungsloser und schonender Hand.

Der französische Soldat aber sprang hastig hinzu, und wehrte ihr mit den Worten: Junge Frau, thut das nicht! Sonst verblutet sich erst das Kind. Es kann noch leben, bis ein verständiger Arzt kommt, der das vernünftig macht!

_Johannes_ lief auf das Wort sogleich in das Dorf nach dem Dorfbarbier.

Seht, sprach der Soldat weiter, und riß seine breite, weiße, mit Haaren männlich geschmückte, schöne, hohe Brust auf, ich bin mitten hindurch geschossen, und lebe und kann schreien wie Einer: »Es lebe der Kaiser!« -- Mein Gehirn ist abgedeckt worden durch einen mich dumm zu machen meinenden Säbelhieb eines albernen Russen, aber, Gott sei Dank, ich bin noch so klug -- wie ein Franzose! -- Eine Kanonenkugel ist mir quer an den Augen vorüber gesauset, und hat sich unterstanden mir das Nasenbein verstellen zu wollen -- aber seht, meine Nase ist noch musterhaft und der feinste Riecher! Und so schwach ich sehe, so sehe ich doch -- aus Uebung den Feind, er sei _blau, grün, weiß_ oder _roth_, wenn Ihr das versteht, liebe junge Frau! Ich muß denken -- es ist Herbst auf immer für mich geworden, oder Abenddämmerung zwischen Hund und Wolf, oder die Frau Erde hat ihr Schleierkleid für mich angezogen -- also sie hat mich ausgezeichnet durch ihre besondere Gunst.

Er sah sie bei diesen Worten an, und mußte zu ihr mitleidig lächeln, so freundlich sprach ihn das schöne, blasse, ängstliche Muttergesicht der Christel an, und er war eigen sanft und mild gegen sie, wie gegen eine frühere liebe Bekannte. Und das war sie auch wirklich. _Christel war seine Schwester._ Aber als er aus dem Vaterhause gezogen, war sie noch ein ganz kleines Jüngferchen gewesen; und er erkannte sie nicht, weil sie groß, ausgebildet, verändert durch ihre Reife, und verwandelt in ihrem Wesen durch ihr schreckliches Leid jetzt vor ihm stand; und nicht im Vaterhause, sondern im Hause eines fremden, ihm unbekannten Mannes, und als Mutter von erd- und weltfremden Kindern. _Christel_ aber erkannte ihren Bruder _Stephan_ nicht, weil sie sich nur seiner angehenden Jünglingsgestalt und obendrein nur dunkel erinnerte, er aber jetzt ein gebräuntes, bartverwachsenes Gesicht hatte, dem wohlgeheilte Wunden dennoch eine Entfremdung für sie gegeben; und der Mann schien ihr Bruder nicht, _der aus einem sanften Knaben_ jetzt kriegverwildert vor ihr stand, auf die frühere Gutmüthigkeit jetzt rauh, roh und hart erschien, groß und älter geworden, wie sie ihn nie gesehen. Hätte er sie erkannt, dann hätte sie das Bild ihrer Erinnerung von ihm mit seiner gegenwärtigen kriegerischen Gestalt vertauschen müssen; aber ihn hinderte vorzüglich die Unwahrscheinlichkeit: sie könne es seyn, daran; und in ihrer reinen, liebenden Seele wurde jede mögliche Ahnung durch den Gedanken niedergedrückt: _Das_ ist ein Mörder -- _der_ hat einen Mann erschlagen -- _der_ kann dein Bruder nicht sein! Und dennoch sah sie ihm in die mild auf sie gerichteten Augen, und frug nach seinem Namen.

_St. Etienne_ heiße ich, antwortete er nicht ganz unbefangen, weil er sich durch und durch französisch gemacht hatte; und darauf schlug sie die Augen nieder und seufzte tief, als habe sie keine Ursache dazu, die sie wüßte; und ihr Anblick war wunderbar, bis sie sich über ihr Kind hinbeugte, und ihre Gedanken vergingen in heiligem Mutterschmerz. Aber sie hatte in Wahrheit ihren Bruder doch wiedergesehen. _Und so hatte sie das Geschick auf eine zwar unverstandene, doch heilige Weise geheim und zart getröstet_ -- und sie konnte weinen! Und das Kind hielt sich fest an dem Hals der weinenden Mutter geklammert.

Wecker aber hatte sich herzugekehrt, seine Augen waren immer größer geworden, sein Mund offener, sein langes, blasses Gesicht immer länger, seine Hände immer krampfhafter von ihm gestreckt, und zitternd gehalten, bis er nun die beiden stillen, theuern Wesen sah, seinen Nacken beugte und leise zu dem Kinde sprach:

Wie freundlich thust du dich doch zu, Und greifst mit beiden Armen Nach aller Welt, in Lieb' und Ruh Uns ewig zu umarmen!

Denn ich war Dir auch gut, Clementine, ob Du gleich noch nicht _schulfähig_ warst! Nur _Aepfel-_ und _Birnenfähig_, die ich Dir brachte. O, mein Kind! --

Der Kosak hatte sich mühsam aufgesetzt, und starrte vor sich ihn, als ob er zusähe. Und so gab Wecker ihm gleichfalls seinen Vers: »Hast Du noch etwas einzuwenden, Du armer Teufel! Ei komm' her, versuch' es ob Du was kannst enden; laß hören, was ist Dein Begehr? Doch Trotz Dir, Du verfluchter Geist, daß Du mich von dem Kreuze reißst!« -- »Pfeif, pfeif, Du tückische Sirene, und locke, Du vertrackte Welt! Ja, mach' es noch einmal so schöne, und preise, was Dir wohl gefällt: bei einem, der sich hier befindet, da kommst Du Narre viel zu blind!« -- Er schämte sich aber, da der alte Mann, auf der That bestraft, wieder umsank; beugte sich zu Christeln, rührte sie an der Schulter an, und sagte ihr, während Thränen aus seinen Augen tropften:

»Wer hätte bei den Mördern Die Unschuld doch gesucht? Den Segen zu befördern Wirst du von Gott verflucht. Die _Dich_ zu Boden treten, Woher _Dir_ weh geschieht. Für diese willst Du beten; Mehr Rache weißt Du nicht.«

Diese Worte erweichten Christel vollends. Und nun wußte sie nicht, was sie dem Kinde vor seinem Tode _noch schleunig sagen, Liebes thun, vorsprechen oder versprechen sollte,_ um es über die böse Stunde hinweg zu bringen, oder nur die Augenblicke noch zu benutzen.

Kennst Du mich denn? mein liebes Kind! frug sie leise und hold, so hold sie es vermochte. Und die kleine Clementine lächelte nur, und drohte ihr mit dem Finger. Und dennoch frug sie, um es noch einmal zu hören: Nun wer bin ich denn?

»Nun meine liebe Mutter!«

Nun so habe mich einmal recht lieb! einmal (_»nur noch einmal«_ vermochte sie nicht zu sagen). Und das Kind drückte sie, daß es zitterte, und küßte sie wieder und frug dann: »Mutter, aber was weinst Du denn gar so sehr!«

Und die Mutter antwortete ihr, sich bezwingend: Darum, daß Du nicht aufstehen kannst, nicht herumspringen, daß Dir die Brust wohl weh thut?

»Ach, es ist nur so wenig Luft geworden, und gar so heiß ist es, Mutter. Gieb mir nur mein Brodchen -- ich will auch heute wieder ohne Dich einschlafen!«

Die Mutter schloß die Augen über das Wort, und gab ihr das Brodchen und sagte ihr dann: Sei nur noch ruhig und gelassen, bis der Vater wieder kommt. Wenn Du hübsch fromm bist, sollst Du auch ein ganz neues weißes Kleid kriegen, neue grüne Schuhe, und in Deine Härchen einen Kranz von den schönen Astern, die Du nicht hast pflücken sollen, und auch nicht angerührt hast, mein folgsames Kind!

Da sie aber den Todtenkranz gemeint, so konnte sie nicht weiter sprechen, wandte sich ab, und schüttete schnell ihre Thränen aus.

»Mutter, lachst Du? Ja, ich freue mich auch!« Und das Kind lachte, klaschte in die Hände, und die Mutter lachte mit ihr, unaussprechliches, sanftes und heiliges Lachen.

Das Kind hatte aber bei der Erschütterung der kleinen Brust große Schmerzen empfunden, und sagte auf einmal: »Mutter, ich werde sterben. Lebe wohl, und grüße den Vater. Sage dem heiligen Christkind, es soll mir bei Euch nicht bescheren, sondern gleich oben -- Du weißt schon: wo!«

Der Mutter war fast unerträglich im Herzen, und es kam jener Ernst über sie, _wo der Schmerz ein freundlicher Wahn wird,_ und die Gedanken die Pforten der Heimath der Menschen aufthun, _und die Welt zum schönen Mährchen wird._ Und so sprach sie mit verschlossenen Augen: Nun so gehe in Gottes Namen von uns, mein liebes, liebes Kind! Sage dem großen Vater: wir hätten Dich in seinem Namen lieb gehabt, beinahe wie er selber Dich lieb hat; oder beinahe wie wir ihn lieben -- ich hätte Dich immer sanft am Morgen mit einem Kusse geweckt, mit einem Kusse seist Du eingeschlafen im Mondschein oder wenn draußen die Sterne standen -- -- -- sage ihm: ich hätte Dich immer sauber und warm gekleidet, Dich auf meinem Schooße getränkt und gespeiset, und Dir von seinem Sohne erzählt, und von ihm selbst, der die schönen Blumen Dir gemacht hat, an jedem Morgen neue! Sage ihm, wir würden Dich sanft in seine Erde senken, und er möchte Dich mir da bewahren, wie einen großen Schatz -- und darinnen schlafe Du ruhig, bis ich komme, und mich zu Dir lege. --

»Du kommst doch gewiß?« frug die Kleine.

-- Gewiß, Gewiß! Das dauert nicht lange! antwortete die Mutter.

»Aber in die Erde!«

-- Habe ich Dir denn nicht gesagt, daß der liebe Gott auch _in_ der Erde ist! Denn Du weißt ja, die andern Sträucher und Blumen können die Blumen nicht machen, und machen sie nicht -- und doch hast Du immer welche am Morgen gefunden, die er verborgen Dir aus der Erde heraus gesteckt: frisch, fertig und voller Geruch! Also kommst Du da zu ihm, Du liebe Blume, Du mein Herz!

»Aber der Vater soll auch nachkommen zu Bett, und Brüder und Schwestern!«

-- Wir kommen! Wir kommen! sprachen sie alle, und reichten ihr die Hände, daß sie sie nicht alle fassen konnte. Und so schloß sie die Augen und lächelte sehr. Die Mutter beugte sich über sie und schwieg, so, lange, während die Abendglocke geläutet ward vom Thurme, weil die Sonne zu Rüste ging und zu Golde ward, und zerschmolz.

Indeß war das Kind gestorben. Und als die Mutter merkte, daß es ausgezittert hatte an ihrem Halse, da entfloh sie und warf sich im Garten in das Gras unter die Bäume -- aber durch das so eben geschehende Wunder der Natur war es der armen Mutter: ein weiches smaragdenes Bett, und der Schirm des Baumes über ihr: ein von der untergehenden Sonne purpurn und golden leuchtender Baldachin; und der Herbstwind fuhr eilig, doch sanft, von der Abendröthe daher und streute falbe Blätter leis über sie nieder, und breitete den Hall der Abendglocke wie himmlischen Duft weit über ihr Gefild aus, und bewegte die blauen Astern, die zum Todtenkranz für das Kind bereit standen -- und diese schauerten und nickten mit ihren schönen Engelsgesichtern.

Wecker aber sagte langsam zum alten Frommholz: Vater! Großvater! noch immer kaum glaublicher Großvater von einer kleinen Todten! Beweiset nun Eure Zimmermannskunst an dem Kinde; faßt Euch ein Herz; nehmt den Fuchsschwanz und sägt die Länge des unschuldigen Spießes von beiden Seiten ab, sonst muß der Todtengräber ein unmöglich tiefes oder langes Loch machen! Geht, alter Vater, geht! Braucht Euer _rechtschaffenes_ Handwerkszeug einmal _dazu!_ Die schönen grünen sonnigen Hügel auf Erden dienen ja auch zu kleinen grünen Hügeln für Todte! Der Herr hat die schöne Erde also _auch dazu_ bestimmt! Seid nicht dagegen, Großvater! und laßt die Sachen sein, was sie sind, weil sie Gott dazu bestimmt; ob ich Euch gleich sage, daß ich es nicht begreife, wenn so ein Acker schöner weißumblühter und mit gelben Blumen geschmückter Frühlingserde zu solchem Jammer dienen soll! Aber ich mag hinsehen wie ich will: die großen Hügel bleiben grün unter dem blauen Himmel, und die kleinen Todten-Hügel bleiben bunt von gelben und rothen Blumen, die duften und wehen; und die liebe, _wahrscheinlich unverständige_ Sonne wärmt sogar darauf und beleuchtet sie recht. _Närrisch, aber wahr!_ Alter _Frommholz_ -- seid einmal von Holze und fromm dabei, so wird es sich sägen mit Gottes Hülfe! Und dann seid hübsch _ehrlich_ -- gebt die eiserne Spitze und den rothen Schaft seinem Herrn wieder! Die 5 Zoll Holz aber die dazwischen fehlen, die wird sich das Kind schon verdient und bezahlt haben -- durch seine zwei schönen, blauen, zugemachten Aeuglein. Zwei Augen zumachen, ist das schwerste Werk der armen Menschen, geschweige der Reichen! Selbst der kleinen Kinder, geschweige der Großen!

Zu den Kindern aber sprach er: Mein Daniel! geh und setze Dich still dort neben die Mutter! Denn damals als Du aus Mangel an Holz erfroren warst, da bekam sie gleichsam statt Deiner die kleine Osternachttochter Clementine; jetzt, da das Kind durch ganz überflüssiges Holz umgekommen, nun geh Du wieder hin, daß sie Dich habe statt jener, besonders da ich Dich erweckt habe mit einem Strohwisch, als so viel ich Apotheker-Spezerei zur Hand hatte. Und wenn sie Dich ansieht, dann sage nur, Wecker hat mich erweckt, und ist ein bloßer Schulmeister! Jener ist aber der hohe Patron der Schule der großen Menschenkinder, der hat gar andere Mittel die Kinder aufzuwecken, als bloße Strohwische; und alle Apotheken sind bloße Mördergruben gegen seine Offizin mit Lebensbalsam, der alle Frühjahre schon die todten Blumen erweckt, daß sie riechen, daß wir sie riechen und kostbar! Gehe, geh. -- Sophiechen, geh Du auch hin; Du bist ein Mädchen, die Mutter muß also sehen, wenn hinter ihrem Mutterauge die Mutterseele nicht am trauerschwarzen Staar leidet, daß sie noch ein Töchterchen hat! Und willst Du, so magst Du auch den Kern-Vers von _Johann Menzer_ beten und sprechen: »Nun ist nur noch der Tod zurücke; jedoch er hat mir wenig an: mein Jesus bricht ihm das Genicke, so ist's um seine Macht gethan: weil er mir Christum nur nicht frißt, so weiß ich gar wohl wie mir ist.« Gehe, geh. -- Und Du, Gotthelf, gehe auch, und setze Dich hin, und sprich weiter nichts, als: Liebe Mutter, _Gotthelf_ ist da! Und, liebe Mutter, Du hast mir sonst immer gesagt: »Wenn Du _der Mutter_ folgst und das thust und das annimmst von ihr, was _sie_ will, so ist _Dir_ gleich wohl, mein Kind; nun, liebe Mutter, nimm Du auch einmal das an, was _der Vater_ will -- so wird Dir auch gleich wohl sein! Gehe, geh.«

Und als Wecker sah, daß die Kinder langsam zur Mutter schlichen, da ging er selbst aus dem Gehöft auf den Kirchthurm -- um frische Luft zu schöpfen. St. Etienne aber machte sich an das Aussuchen und Ausplündern des Kosaken, des Don Tauro, wie er ihn nannte, oder an das Beutemachen. Aber das erste Wort des Aufgerüttelten, sich wieder Besinnenden und Hülfe Flehenden war: -- -- »Mutter! -- -- Schnaps!« --

III.

Unterwegs traf Wecker seinen Schutz- und Brodherrn Johannes außer Athem. --

»Er war nicht da, er war nicht dort, er war nirgends!« sprach er zu Wecker.

Wer denn? frug Wecker. -- Nun, der Sonntagsbarbier, der wochentags sechs Handwerke treibt. --

Geht nur heim, Johannes, tröstete ihn Wecker, »der Herr hat schon geholfen!«

Und so eilte Johannes fröhlich nach Hause.

»Aber der Christel steht bei!« rief ihm Wecker nach, und sprach dann zu sich: »Jetzt ist es in deinem kleinen Oberstübchen nicht richtig, mein lieber Meister, darum gehe du in dein großes Oberstübchen! auf den Thurm! der hilft! Ein Thurm ist ein gewaltiger Freund in der Noth; aber das alberne Volk läuft drunten hinweg, und kennt nicht die Kraft der tausend Riesen, die bloß im Lande umher als dumme Jungen stehen!«

In der Halle begegnete er dem Chirurgus, den er herzlich bat, den Kosaken in seine Cur zu nehmen. Der aber entschuldigte sich mit dem Wort: er sei ein bloßer Civilchirurgus, und als solcher habe er keine solche wallfischmaulgroße Wunden von Pferden, Kanonenkugeln, ja von Kanonen selber, zu verbinden oder wohl gar zu heilen -- übrigens zahle die Soldateska nichts, es geschehe Alles auf Regiments-Unkosten, und das Regiment -- marschire weiter . . . mit klingendem Spiel! Kurz er gehe nicht, und werde lieber seine Pfeifen curiren und purgiren; denn sein Herr Bruder komme zu ihm, der Herr Licentiat! mit Frau Licentiatin!

Wecker fielen alle dessen Sünden, selbst das Schweinchen, aufs Herz, und so ergriff er den in der Halle stehenden schwarzen, rußigen Besen, und trillte den störrischen Menschenfreund zum Tempel hinaus, und ein Stück auf dem Weg zu Johannes fort; dann warf er »das chirurgische Operationsinstrument« in den Winkel, und begegnete auf der Thurmtreppe -- dem Teufel -- _den er herabwünschte, um Deutschland rein zu kehren,_ und anfing ihn zu beschwören; aber der brummte: noch nicht; doch bald; -- und er erkannte den Schornsteinfeger, der sich nach den brennenden Dörfern umgesehen, und reichte ihm die Hand, um ihm seinen frommen Irrthum abzubitten.

»Euer _Breitenthal_ brennt auch!« sagte ihm der Schwarze. »Auf _dem_ Striche, der droben auf der Dorf-Rose gerade nach dem Feuer weiset, steht richtig Breitenthal; es kann auch ein Dorf dahinter sein. Bei Tag scheint das Feuer zu weit, bei Nacht zu nah. Aber ehrlicher Freund, stürmt nicht erst mit der Glocke! Welch Dorf soll jetzt dem andern helfen? Jedes braucht seine Beine, Arme, Augen und Ohren zu Hause; und obendrein alles voll Soldaten!«