Die Osternacht. Zweite Abtheilung

Part 13

Chapter 132,637 wordsPublic domain

Und Christel ward blaß, schloß die Augen, lehnte sich zurück, und über den schlafenden Augen und den schlafenden Ohren und dem zugeschlossenen Herzen verrauschte das Halleluja! so machtlos und freudlos und still, als würde es tausend Klafter tief unter einem steinernen Bilde der schönsten Mater dolorosa in der Erde von Erdgeistern gesungen; oder in tiefem Meeresgrunde sängen es, in den verborgenen zauberisch schönen Meeresgärten, die wundervollen Blumen mit Blumenlippen -- und hoch, hoch, hoch darüber schiffte ein einsam verschlagenes Schiff auf den wüsten stürmenden Wogen mit nur noch Einem Menschen, einem Todten! Und die Todte wäre Christel! . . . Die Kinder wollten schreien, aber sie rüttelten nur an der Mutter, die erwachte, die Augen wild aufschlug, umhersah, jäh auffuhr, die Kinder vergaß und davon fliehen wollte, sie wußte nicht wohin. Paschalis hielt sie sanft, aber sicher am Arme; und an ihn sich stützend, ward sie wieder völlig munter, und war wieder aufgetaucht in die öde -- liebevolle Welt.

»Denke doch, Christel,« sprach Paschalis, »das liebevolle Herz schlägt ja eben in der Welt! Wäre die Welt nicht, nicht gewesen . . . Wen oder Was hättest Du doch geliebt? Die Welt ist nicht öde, sie ist nur graunvoll -- denn eben unser Licht wirft nur graunvolle Schatten und schafft sie erst! Stirb, -- und die Welt wird ruhig und voll, voll, schwervoll sein, wie -- ein Grab. Das kann ich mir Alles denken! Ich aber, ich weiß, ich empfinde ganz Anderes. -- Ihr habt Euch nicht selbst geholfen -- Ihr leidet nur selbst. Das ist Nichts! spreche ich, und kann ich sagen! Nun komme mit mir! Jetzt glühst Du vielleicht so heiß in Gefühlen, und die Marterkammer der Menschen ist Dir so nah vor den Füßen aufgeborsten, Du wandelst noch selbst auf dem flammenerhitzten und durchzuckten Boden, um meiner Leiden Abgrund zu ermessen! -- Kommt, Krieg! Wecker kommt; und komme auch Du -- Du, Sebastianow! -- Ich kann alle Leiden heilen -- wie Moses selber sterbende Schlangen! Kommt!«

Und im Gehen sagte Wecker: »Ja! Seht, meine Christel, wie gut! Wir haben Alle nicht freventlich in der Arche gesessen! Wir sind rechtschaffen mit ersoffen! Deswegen verstehen wir nun recht die Sündfluth der gemachten Leiden und die schlagenden Herzen der geschlagenen Menschen weit und breit -- denn wie hier, wie Uns ist es Hunderttausenden gegangen. Wir verstehen das Leid! Das Mitleid! das der Herr auf Erden wieder erwecken will, denn es hat lange, zu lange eisern geschlafen! Wir verstehen den _Krieg_, und -- und -- und werden nun auch erst recht die _Früchte_ mit Muth zu verlangen, mit Kraft zu erlangen, zu schmecken und zu würdigen wissen, die uns der Friede bringen wird, der Friede der Lebendigen und der Todten! Denn der bloße nackte Friede selber, _ohne seine versprochenen Gaben_, ist bloß ein dummer Junge -- ein wahrer »dummer Friede!« Eine Scheune voll leerer Strohschütten nebst abgedroschenen Flegeln! Früchte wollen wir sehen und mit Freuden erndten, die wir mit Thränen gesäet! Die sollen uns schmecken, wie Nürnberger Pfefferkuchen! Nicht wahr Kinder?«

Und die Kleinen sagten: »Ja!«

»Armer hoffender Wecker,« sagte Paschalis; »Ihr hofft für Andre. Mäßigung ist die beste Frucht der Unmäßigkeit.«

»Die Todten gehen nicht auf;« seufzte Christel.

»Ihr wißt,« erinnerte der Leinweber, »die Urheber müssen Alles gut machen, ersetzen; _gut_ macht es dann der sogenannte Herr!«

Paschalis führte Alle darauf in den Saal seines Hauses. In der Mitte über der runden Tafel leuchtete nur ein uralter Kronleuchter, fast wie eine dickbäuchige Kreuzspinne mit langen, dünnen Arm-Beinen, an jeder Fußspitze ein Wachslicht. Er lud sie ein sich zu setzen, vertheilte Osternachts-Gaben -- bunte Eier, ungesäuertes Brod und Honig, hatte aber wenig Geduld und viel Hast dabei, und sagte: »Ich reise weit weg; auf lange; und fahre die Nacht noch ab. Bleibt hier in meinem -- nun Eurem Hause, bis Ihr aus der Arche gehen könnt. Ich lege meine Ehre und meine Schande in Eure Zunge. Auch meine _Jungfrau Maria_ binde ich Euch mit Liebesstricken und Unglücksbanden auf's Herz! Vielleicht, lieber Ellenroth, da Sie schon in Griechenland waren, reisen Sie noch mit Ihr nach Italien -- nach Rom, -- nach Loretto in die Casa santa!«

Von Ellenroth und die Anderen sahen ihn an -- aber Paschalis fuhr fort: »Meine Christel, -- Dich bitte ich, künftig in dem jetzt ausgebrannten Schlosse von Breitenthal, wenn es wieder eingerichtet ist, eine wirklich gnädige »gnädige Frau« zu spielen; den alten weinseligen Herrn von Borromäus aus dem Vogelheerde zu erlösen, und ihm den Jäger Niklas zum Diener zu geben. Das Gut bleibe dann den Kindern. Der Leinweber und Wecker sollen Deine Amtleute und Rechnungsführer sein.« Zu dem Herrn von Ellenroth meinte er: »Geld ist Ihnen lieber! Mein ganzes übriges Vermögen -- wirklich nun ganz übrig -- möge Sie an meinen guten Willen erinnern, Ihnen meinen edelsten Schatz auch gern anzuvertrauen, wenn der Schatz wollen durfte!«

Er gab ihm dabei einige Papiere, die der Schwiegersohn in -- ewiger -- spe, wie er ihn nannte, sogar aus Verlegenheit nahm und in Händen behielt. Darauf ward Paschalis sehr ernst, indem er nach Etwas in seiner Brusttasche zu fühlen schien, und sagte: »Dorothea ist todt! Meine und Ihre.« Aber . . . sprach er verstummend, ging und that leise die Thüre zu einer mäßig großen Halle zur Seite des Saales auf, welche ganz wie das heilige Haus, die Casa santa in Loretto eingerichtet und hell erleuchtet war -- »seht! Sehet recht hin! -- Dorothea lebt!«

Christel sprang auf. Ellenroth wandte sich hin, und blieb wie bezaubert stehen.

»Dorothea lebt;« sprach Paschalis mit bebender Stimme; »sie lebt; so scheint es. Ich weiß jedoch nicht, und nur _sie_ wird es wissen, ob es noch _unser_ Leben ist, wenn Jemand Andres in uns und aus uns lebt, denkt, empfindet und spricht . . . . wenn ein jetziger Mensch ein nunmehr gewiß sehr altes, ja todtes Weib ist; nicht seine Gedanken, sondern ein Gedanke der curiosen Welt, also für sich ein Wahn, ein Hirngespinnst, ein Gespenst -- aber ein unerträglicher Geist für mich! Denn sie ist und bleibt meine Tochter, nichts weiter. Sie aber -- -- so hat sich ihre Krankheit gelöst . . . so hat sich ihre Seele wieder hergestellt, oder der Sache ein Mäntelchen umgehangen -- denn sie -- sie ist sich: die _Jungfrau_ Maria. Und also sind alle ihre Schmerzen verhallt, alle ihre vergeblichen Wünsche auf Erden wieder in dem Himmel ihrer Seele erfüllt. Sie war hoffärtig! Stolz! Sicher im Gefühl ihrer strengen Zucht und Ehre -- der Herr hat sie gedemüthigt; aber die Niedergeworfene wieder aufgehoben, doch sie -- Wecker geht hin und seht, -- sie hat das ABC stets vor sich auf dem Schooß, den Lobgesang Mariä aufgeschlagen, und betet oft kniend laut daraus mit _Freuden und Dank_, daß mir die Haut schauert . . . denn sie betet: »Er übet Gewalt mit seinem Arm, und zerstreuet, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn. Er stößet die Gewaltigen vom Stuhl, und erhebet die Elenden!« --

Und sie traten an die Thür und sahen das schöne blasse Mädchen, eingeschlafen; aber auch schlafend noch in ihren morgenländischen Kleidern, nur sonderbar mit dem Bande der Ehrenlegion geschmückt, auf alterthümlichem Sessel sitzend, die Linke auf die Lehne gelegt, die Rechte auf dem aufgeschlagenen Kinderbuche. Um ihren Kopf schimmerte ein ächtpersisches buntes Tuch, und auf dem Wirbel schimmerte eine kleine silberne Krone. Im Zimmer war wenig, aber gleichfalls alterthümliches Geräth; und an der Wand hing eine Copie der _Verkündigung_ von der Angelika Kaufmann, die zur Seite der Casa santa in der Kirche zu Loretto hängt.

Und wie dort der willfährig empfangene Engel, kniete jetzt hier der verstoßene Bräutigam vor sie hin, und beugte sich dann zu ihren Füßen nieder. Wecker aber nahete leise, legte sehr sanft die alte zitternde Hand auf ihr Haupt und sagte zu der Schlafenden: »Hätte ich Dich doch hinunter stürzen lassen, wo ich den Teufel vom Thurme stürzte! Denn Du arme Verrückte hast ja doch gethan, wovor Dich Gott, laut Deines Briefes, bewahren sollte: -- Du bist katholisch geworden!« -- Dann zog er die Hand zurück.

»Wecker!« tadelte ihn der Leinweber: »die wahre Jungfrau Maria ist nie katholisch gewesen! Selbst Christus war kein Katholik, höchstens rein evangelisch, und das noch kaum: Er war nur Er selbst ganz allein, nicht ein Christ, sondern Christus.«

Die Kinder aber fürchteten sich hinein zu gehn, und die Kleine war schon schlafend bei ihren Ostereiern am Tische sitzen geblieben. Christel stand also entfernt mit Daniel und Gotthelf. Sebastianow, der Mitverwüster dieser starken Seele, dieser schönen Jungfraugestalt, aber zitterte am ganzen Leibe wie vor dem jüngsten Gericht, das so eben wie Wetter hereingebrochen, und bebte nun seinen Namen zu hören.

Paschalis aber sagte ihm mild auf Russisch: »Janow -- Zschartowitsch![A] Gehe getrost hinein. Sie kennt selbst den Vater nicht, denn sie wohnt in Nazareth, in alten, heiligen Tagen; und ich bin ihr nur ein fremder, fremder Mann aus der Zukunft . . . und doch bekannt . . . wie aus dem Paradiese! Hast Du aber vorhin in der Kirche, nach Eurer Sitte, vor jedem Geistlichen dreimal ausgespuckt, so schlucke hier dein Gift hinunter.« -- Dabei schenkte er ihm einen Beutel mit Golde, und der Mensch betete ihn bald an. »Ziehe in Frieden!« sagte er ihm, sich von ihm wendend, ob er ihn gleich mit keinem Auge angesehen.

[Fußnote A: Teufels-Sohn.]

»Nun, Christel.« frug er diese, »hast Du noch einen Dolch im Herzen, um Dorothea! Auch den Schmerz will ich aus Deiner reinen Brust nehmen! Ja, wenn Du auch um mich noch einen Stich empfinden solltest, so will ich vorher dem Dolche die Spitze umbiegen. Ja, was Du auch gelitten hast, Du sollst Dich darüber freuen und dem Herrn _dafür_ danken! Denn ich halte noch ein kleines aber furchtbares Licht in meiner Hand, das mich brennt es fallen zu lassen. Und doch bin ich innerlich schon dadurch verkohlt. Ich bin todt, und darf nur die Augen noch zuthun. Doch das ist bald gethan.«

Die Andern traten jetzt Alle um ihn, und Paschalis sprach ernst: »Nun wohl, so mögt Ihr es wissen, besonders der Bräutigam. Wie der bessere Mensch nur ein Wort ist, und die meisten nur ungesetzte Buchstaben im Buchdruckerkasten, die der Geist der Welt setzt, so konnten die Menschen, jeder eine Lehre aus seinem Leben ziehen: wieder das Wort. Klarer aber, als da draußen aus der furchtbar wogenden Welt, springt aus unserem kleineren Leben eine große Lehre heraus, und die will ich als Kaufmann noch ziehen! Mäßigung, sagte ich angeklungen vorhin, Mäßigung ist die beste Frucht der Unmäßigkeit. Auch Mäßigung in den Wünschen. Die Hoffnung war auch etwas werth. Der Betrug wird auch klug machen. Ein Volk, das nur einmal wieder tüchtig zugestutzt worden ist, selbst bis auf den Stamm und die Wurzel, das hat wieder Lebenskraft erhalten, verjüngt sich wieder und geht nicht ein. Am schrecklichsten aber bestraft sich Selbsthülfe? Wenn sich ein Mensch helfen will, so thue er es bloß durch weise-, gelassen- und gut-sein. Völker denken oft anders. Aber auch zu ihrem Schaden; denn wenn Alle klug sind und fromm, kann Einer oder werden Mehrere nicht mehr gottlos und dumm sein. Sela.«

»Das wollt' ich nur wissen!« sprach Wecker.

»Ich aber verabscheue die Selbsthülfe, wenn sie nur ein wenig mehr ist, als Ertragung und Verwünschung der Uebel, selber der schwersten und schmählichsten,« (Er sah wehmüthig nach Dorothea.) »Denn der Lastträger hat Kraft; der Verwünschende hat weiseres Wissen und Zorn gegen das Böse, und den Wunsch des Bessern, ja des Guten. Ich aber -- beweint mich nicht -- ich habe mir selber so geholfen . . . daß ich mir nicht mehr zu helfen weiß. _Meine Tochter_ hat sich geholfen . . . bis in den Scheintod, ja bis zur Jungfrau Maria! Und ihr war doch schon geholfen durch mich. Der alte Zimmermann _Frommholz_ hat sich geholfen . . . bis in den Kerker -- und sein Helfer war schon bereit! -- _Johannes_ hat sich geholfen . . . bis in den ewigen Kerker -- und die Kugeln rührten sich schon in den Läufen, die ihm freie Bahn machten! _Stephan_ hat sich geholfen -- Alle haben sich selber geholfen . . . und Niemand kann _ihnen_ mehr helfen, selbst ein Gott nicht, der seine Welt nicht auf Selbsthülfe berechnet hat, sondern auf seinen Rath und seine Führung und seine Kraft, der _Niemand_, Niemand widersteht; und auf seine Liebe, die _Allen_ angedeiht; und auf das _Zutrauen_ zu Rath, Führung, Kraft und Liebe des außerdem -- Erschrecklichen! Zermalmenden! -- Gottes!«

Paschalis ging einige Schritte bei Seite; stand, wandte sich ab; bog den Kopf zurück, als starre er hinauf in den Himmel; aber er hatte dabei seine Hand am Munde. Dann kam er zurück und sprach: »Kinder, Daniel und Gotthelf, geht doch zu Euerem alten Großvater Frommholz! Keines von Euch hat ihn bemerkt. Er sitzt schlafen hinter der offenen Thür, da ist sein warmes Plätzchen. Ich hab' ihn erlöst; und als alter Zimmermann paßt er sich wohl hieher.« Und die Kinder gingen und der Pathe.

Darauf sprach Paschalis eilend und schneller, aber auch schwächer und doch wie entzückt: »Sonderbar! Nun ich _weiß:_ Ich -- Ich habe sieben Menschen umgebracht -- und weiß: nur gräßlich _Schuldige_, also Thiermenschen -- und _Ich_ habe sie geschlachtet, nicht meine theuere Dorothea hat es gethan -- nun ist mir leicht! Denn sie sind _eher_ an meinem mit Kirschlorbeerkraft vergifteten Rheinwein gestorben, als sie erstickt _sind_, nicht _worden_. Mein Kind hat es also nicht gethan -- _ob sie es gleich gethan hat_ -- sondern doch nur gewollt. Todte kann man nicht tödten. Jeder Mensch, sieben oder einer -- auch Ich -- können nur einmal sterben. Ich könnte den sonderbarsten Prozeß mit meiner Tochter führen . . . und nur gewinnen! Denn Ich bin der Rächer für ihre erlittene Schmach! Mein Kind, mein armes Kind ist _unschuldig_ wie das Lamm Gottes, das -- der Welt Sünde trägt.« Er taumelte. Und eilender sprach er: »Holt keinen Arzt! Ihr Thoren, sterben werde ich nicht -- bis Gott stirbt.«

Er zitterte; er holte heißeren Athem; sein Gesicht glühte; seine Augen standen glotzend. Ihn erdrückte das Gewicht der Worte, die er gesprochen -- daß sein Kind _unschuldig_ sei, während sie doch der Welt Sünde trug, und schmachgebeugt, bis zur Unkenntlichkeit ihrer schönen Seele, vor ihm vergangen war, und herabgesunken bis zum Gespenst der Jungfrau Maria. Und zum Glück oder Unglück erhob sich jetzt die schöne stille Königin der Trauer, Dorothea, und kam in ihren rauschenden, langen Gewanden, mit schimmernder Silberkrone auf Paschalis zu. Und da sie so viele befreundete Menschen sah, breitete sie ihre Arme mit getäuschter und gesammelter Empfindung -- nach ihrem Vater aus. Und er sank in ihre Umarmung.

So blieben sie lange. Bis Dorothea wankte, und sie ihr zu Hülfe kommen mußten. Denn der Vater, vom Gewissensschlag gerührt, wie Ananias, von Jammer zerrissen, und vom stillen schnellen Gift ausgelöscht wie ein Licht, war in ihren Armen vergangen.

Sie lehnten ihn hin. Und Dorothea verwunderte sich nicht, vergoß keine -- Klage, ja ihre Augen wurden nicht feucht.

Und Christel zog und drückte ihre Kinder an sich, und pries sich glücklich, ja selig. »Der Prophet hat wahrgesagt! Mich würde kein Unglück treffen;« dachte sie. Denn sie selber litt rein das unreine, schmähliche, aber nicht beschmitzende Leid des Lebens.

Nur Dorothea sah sie groß an, und lächelte spöttisch. Und Christel erröthete vor dem Geiste St. Etienne's, der ihr erschien und verschwand. Und sie seufzte tief aus befreiter, nicht schuldig gewordener Brust auf . . .

Paschalis aber hielt in seiner Hand noch ein kleines Blatt Papier, das er vorhin, während er gesprochen, immer langsam um beide Zeigefinger spielend gerollt hatte. Dorothea langte es geisterhaft daraus, und wog es. Dann starrte sie lange hinein.

Und als gälten die Worte sowohl dem Vater, als eben _so wohl_ auch ihr, las sie erst halblaut . . . dann laut . . . dann begeistert, und wieder wie entseelt, und Alle zu Thränen hinreißend:

»Meine Grabschrift.«

»Es ist nur Eine Ruh' vorhanden.« Doch Die _träge_ Ruh' im Grabe ist sie nicht! Die stille Kraft des _Geistes_ ist sie, Der in der Welt, doch _über_ aller Welt Festschwebend, alles Uebel niederhält, Nur voll vom Guten, nicht das Böse kennt, Und rein die Liebe walten läßt! _Ihm_ ist Das regste Leben: ungestörte Ruhe; Der Kampf mit aller Welt: der tiefste Frieden! Der allverbreiteten urstillen Kraft, Die Ungemessenes unablässig wirkt, Der willst Du Ruh' und Fried' und Seligkeit Absprechen? Gott? -- Und Gott liegt nicht im Grabe! Ich selber gehe durch das Grab zu ihm, Und hoffe bei der Kraft und Liebe -- _Ruhe!_ Gott ist nichts Besseres als Du . . . sein kannst.

». . . Seine Tochter bin ich schon . . . seine Schwiegertochter!« sprach Dorothea holdselig und begnügt.

Anmerkungen zur Transkription

Quelle: Leopold Schefer's ausgewählte Werke. Siebenter Theil. Veit und Comp., Berlin, 1845, pp. 1-178.

Im Original g e s p e r r t e Textstellen werden _kursiv_ wiedergegeben.

Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert.