Die Osternacht. Zweite Abtheilung

Part 12

Chapter 123,664 wordsPublic domain

Sie gab sie. Er aber hielt sie fest, sahe ihr tief und nah in die schönen schwarzen Augen, und flüsterte ihr leise zu: »Weißt Du noch, als der Vater das Haus baute, und Du ein Lamm hattest als kleines Mädchen; und das Lamm Dich umstieß; und wie Du aus den Blumen aufstehen wolltest, und wie es Dich immer wieder hinstieß -- wer erlösete Dich denn aus den Blumen? Christel! »Brodchristel,« wie wir Geschwister Dich nannten!«

»Mein Bruder!« rief Christel; »Steffen!«

»St. Etienne!« sprach Stephan, mit dem Finger auf seine Brust deutend. Aber wie sie vorgebeugt, und mit offenen Lippen und irren Augen ihm in das Gesicht sah, sank er langsam um, und mit einem Schrei ergriff sie das Kind. So blieb sie wie aus einem Traume erwachend stehen, und aus ihren Zügen entstieg gleichsam, wie rauchender Hauch aus Wasser im Winter, die ausgestandene Angst, und Schreck legte sich wie Reif über ihr blaß gewordenes Antlitz; und wie sie so reglos stand, erhob sich Etienne wieder, küßte sie auf die schöne geneigte Stirn -- schrie laut, wandte sich ab und schritt von hinnen. Denn er sah von weitem Daniel gelaufen kommen, der ja nun wußte . . . daß er, ihr Bruder, ihr den Mann erschossen . . . . und vielleicht auch mehr erzählte, als Christel jetzt erfahren sollte -- bis er dahin geschieden.

»Bruder!« rief sie ihm nach, »mein Bruder!«

»Zum Teufel! Gott sei bei uns . . .« rief Wecker, »so bleibt doch!«

»Schwester! -- Schwester, leb wohl,« rief er zurück, und sprang in den Hohlweg, wie ein Seliger froh; denn seine Schwester hatte _ihren Bruder_ wieder gesehen, rein den _Reinen_, ohne Schuld und Fehl; und nun sollte sie ihn nur auch noch rein und redlich -- den Redlichen beweinen, wenn auch nicht den Reinen; _dann_ mochte sie Alles erfahren; _denn keine spätere_ _Schuld kann frühere Unschuld rückwärts im Herzen ermorden; kein späterer Schmerz kann einmal genossenes Glück zu Unglück verwandeln_ -- nur färben! »und wie oft habe ich nach durchwachten Nächten gesehen,« sprach er: »wie die Morgendämmerung selbst schwarze Gegenstände herrlich blau färbt, selbst Todtenkreuze! Und vielleicht auch thut es _die Abenddämmerung_ . . . in welcher das neue junge Weib von sieben und zwanzig Jahren nun leben wird, bis ihr das Alter oder der Tod die Zahl zwei und siebenzig dafür ganz leise auf das Kreuz ihres grünen Hügels schreibt!«

Und doch stand Stephan hinter einer hohlen Eiche, und harrte, und lauschte, und brannte zu hören, wie Daniel seiner Mutter erzählen würde, wie er sich allein bei dem Vater gefürchtet, den sie ihm in das Haus getragen in weißem langem Hemde.

Und siehe, da richtete sich _Johannes_ in weißem, langem Hemde vor Stephan auf, der ihn aus der Eiche, wie aus der Erde hervorkommen sah. Und ob er es gleich nicht begriff -- so durchzuckte ihn Freude, daß er gelähmt stehen blieb, und dann laut seiner Schwester rief. Doch sich besinnend erkannte er den Pathen Leinweber, der im ungewohnten Lauf und der blendenden Nacht sich an einem Pfahl gestoßen hatte und liegen geblieben war, durchnäßt, von Furcht, vom Krampfe, und endlich vom Schlafe gefesselt.

Krieg frug ihn, belebt, nach Johannes.

»Ich weiß nichts von ihm;« antwortete Stephan, froh, daß jener nichts wußte, und deutete ihm auf Daniel, und Wecker und Christel, die dem Knaben entgegen eilten.

Krieg schlich auf sie zu. Und auch Stephan faßte den äußersten Muth: stehen zu bleiben. Und selbst in der geringen Entfernung war er jetzt am hellen lichten Tage wie unsichtbar, weil Christel ihn jetzt nicht vermißte, an ihn nicht dachte, vor Freuden über Daniel. Aber . . . er hörte die Stimme des Knaben, die der Wind zerriß; und das Weinen; und ihren Ausruf über die Gestalt des Leinwebers . . . und die Wörter . . . »Baßgeige,« und »Armgeigen,« und Weckers lautes Wort: »so muß er begraben werden -- am Auferstehungstage! Auf den Fall giebt es noch kein Lied! . . . Schade, daß der alte Vater Frommholz nicht mitkommen kann! Wir zwei begraben rechtschaffen! Das kleine Ding, Clementinchen, rückt zu; das ist ein gutes Kind! Und mein großer Friedrich ein großer Schlingel!« -- Und er sahe darauf, wie sie Krieg an die nahe Stelle führte, wo Johannes Blut den Schnee befleckt hatte -- und sah seine Christel verschwinden . . .

Und er zog seinen Weg.

Endlich fuhr Christel empor und eilte mit Daniel, Hand in Hand, nach Hause.

»Sie werden bloß zum bloßen Hause kommen, nicht mehr nach Hause! Wittwen und Waisen haben keine rechte sogenannte Heimath mehr, und müssen erst wieder von Grund aus, d. h. vom Tode des Vaters aus, ein neues Leben anfangen;« sprach Krieg zu Weckern, indem sie beide langsam nachfolgten, jeder Eins der Kinder auf dem Arm, die Wunderliches frugen, und von den beiden Alten gar wunderliche Antworten erhielten. Sie kehrten vor Hunger in der ersten -- wohlriechenden Mühle ein, ja selbst in der zweiten, obgleich bei diesen erst der Backofen wohlroch, und -- wärmten die Kinder aus. Aber es war zu viel zu malen, um Kuchen zu schneiden. »Verdammter Krieg!« sprach Krieg. Zuletzt verweilte Wecker den alten Freund noch auf dem Kirchhofe, »wegen eines drei Ellen tiefen und doch unergründlichen Loches,« in welches er als Kind stundenlang hinabgesehen, um _die_ Grube auszugrübeln und auszustudiren. -- Und so überzögerten sie »die erste wahrhaft traurige Zeit eines Weibes, aber nicht die letzte -- und die Frist: daß eine wie vom Himmel gefallene Wittwe sich nothdürftig ausweint, und den Thränenquell zum Fließen bringt! Und ein Mann ist nicht Freund von Klagen ohne Hülfe, und schenkt nicht gern den noch ungegohrenen trüben Most des Trostes ein, wobei Zwei alte Menschen Ein Narr sind oder Ein Stummer« -- wie Wecker sagte.

So fanden sie Christel mit ausgeweinten Augen, aber schon sehr sauber in _weißem_ -- Trauerkleide, da sie kein schwarzes hatte. Aber das schwarze Tuch um den Busen und Kopf erregte ihr bei den Kindern und selbst bei den Alten: die uralte Scheu und Ehrfurcht vor der uralten Nacht und dem Tode, die an Lebendigen, Liebenden und Geliebten so sichtbar schwarz und traurig abgespiegelt, ganz wundersam, ja heilig erschienen. Die Kleinen aber packten das Tuch mit dem Kuchen auf, langten Beide jeder Zwei Stück, je Eines in jedes Händchen, und setzten sich schon hin in den Winkel, um ruhig umzeche von beiden zu essen; als Daniel es ihnen verwies und sagte: »Wie könnte ich nur den Kuchen essen, der für den Vater bestimmt ist! Ich wüßte da nicht, ob Er ihn äße, oder Wer!« Und die Kleinen legten ihn hin. -- »Ja,« sagte Wecker, »folgt nun Eurem Daniel! Er ist nun Euer kleiner Vater.« Und so langte er selbst zu, und legte dem Pathen hin, und die Alten aßen; und selbst der hingestellte Schinken ward von dem so lange hungernden Weber angeschnitten. »Muth!« sagte Wecker; »was schadet Rauch und Fleisch der Traurigkeit? Denn ein Schinken bleibt ewig ein Schinken -- oder leider nur eine kurze Abschnittszeit -- Wecker bleibt Wecker! Und Johannes bleibt Johannes in Ewigkeit und kommt nur nicht wieder.«

Christel aber brachte ihnen die letzte Flasche Wein, goß in die Gläser, kostete selbst -- weil ihn Johannes gepreßt hatte, und gab auch den Kindern zu nippen von des Vaters -- Mühe und Wohlthat, die so golden im Glase blinkte, wie sie still dabei empfand. Dann stellte sie das Glas hin und erblickte die große mit Kreide deutlich geschriebene Schrift:

»Morgen komme ich wieder, lieber Steffen. Seid ja nicht böse auf mich!

_Johannes_.«

Sie las sie vor Schreck, unbewußt, laut; und ging vor Wehmuth dann hinüber zu ihm, und legte sich schlummern. Daniel aber sah es durch das Fenster, und setzte sich in das kalte Haus vor die Stubenthür Wache, daß Niemand die Mutter störe, die von schwerer Krankheit unter Sorge und Kummer mühselig genesen, schon lange so blaß aussah, daß er ihr sonst im Scherz, aber aus innerer Angst, die Wangen roth rieb mit den warm gehauchten drei Fingerspitzen; dann sahe sie wohl aus, dann war er froh!

Sie aber träumte jetzt bis die Sonne unterging -- nicht von dem neuen Unglück, welches der wohlthätige stilleste Freund der armen Menschen, der Traum, erst wie eine nachreifende Frucht, _bis sie süß und lieb ist_, auf spätere Nächte aufspart; sondern sie träumte von ihrem alten Glück. -- Sie war ein kleines Mädchen; und das Lamm stieß sie in die Blumen; und Stephan nahm sie auf und an seine Brust, und sie schluchzte vor Seligkeit. -- Sie schlug grade die Augen auf, als die blitzende Sonne sank -- und ein ungeheurer Donnerschlag fiel und riß sie empor von dem Bett; und das Haus schütterte; selbst die Bäume zitterten; und die Erde unter ihren Füßen bebte weit hin -- und die Thüre sprang auf, und sie sah den Knaben sitzen; und eh' noch der Wiederhall rings umher den Wetterschlag ausposaunt, stand sie, in irrigem Wahn, schon vor ihrem todten Johannes, was ihm geschehen sei? Aber es quoll nur Blut aus seiner erschütterten Brust.

Wecker und Krieg und selbst Daniel liefen hinaus. Sie erblickten nur noch eine sanft sich verziehende Wolke von blauem Dampf, der die Abendröthe durchschimmerte. Auf der nahen Klubbistenschanze standen aber mehrere Soldaten um Etwas, das sie betrachteten; und so eilten sie mit einigen aus dem Dorfe auch zu den Neugierigen, und drängten sich endlich Raum zum Sehen, und sahen und hörten. Und Einer sprach zu den Andern! »Uff! der hat kurzes Ende gemacht statt des langen! Er sah, Wir fallen alle, verlieren den Ruhm und vergehn in Schande. Er starb noch in _vollem Monde der Ehre, im großen Tage_ des Vaterlandes, in welchem bald -- einst -- und nie ein Franzose mehr sterben kann!« Und ein Andrer sprach: »Die sechs Kanonen hat er auf Einen Punkt gerichtet, da er jetzt Wache hier stand -- alle mit Granaten geladen; dann durch einen mit Pulver eingeriebenen Faden, über kurze Luntenstummel verbunden, hat er hier stehend sie alle zugleich abgeprotzt.« -- »Ein Vorwand! _Ein Kind von zwei Müttern geboren!_« sagte noch ein Andrer. »Er hat in letzter Nacht seine Schwester durch ihren Mann erschossen. Durch und durch! Also zwei aufeinmal.«

»Also das Wer da? Wer lebt? heut in der Nacht auf unserem Wege zu Christel kam von _Stephan_?« sagte Krieg bestürzt.

»Ist gekommen!« sprach Wecker. »Dein Reich komme!«

»Und hier erschießt er sich nun!«

»_Hat_ sich!« sprach Wecker wieder. »_Vergieb uns unsere Schuld!_ Es ist kein tempus besser für Jeden, als das praeteritum! Und zum Glück ist unser Aller Gegenwart kein Wartendes, sondern ein Gehendes, Laufendes, Verschwindendes.«

»Der Mann ist wie verschwunden!« sagte der gnädige Gottlieb. -- »Er liegt in hundert Stücken;« sagten Mehrere, ohne seine Gebeine zu sammeln, und besahen nur die Brocken des tapfern verwogenen Mannes -- zerrissene Stücke von Tuch, von Leder, vom Seitengewehr, keines einen Handteller groß; und weit verstreute einzelne Knöpfe. Nur ein Lustigmacher setzte sich den weggeschleuderten Tschako auf. »Wen der Teufel holt, der braucht keinen Sarg!« meinte der gnädige Gottlieb. Daniel aber sah etwas entfernt, Petern, den Hund, an einem Strauche sitzen, ging hin, und wollte das verlassene Thier mit zur Mutter nehmen. Er kam aber stumm wieder zu Wecker und Krieg gelaufen, und zog sie nach; und sie sahen den Hund vor dem unversehrten Kopfe St. Etienne's sitzen, und die Augen desselben sahen dreist in den Abendhimmel. Und Wecker sprach: »Ein Hund weiß doch, wer der Mensch ist! Er sitzt nicht bei einem Beine, oder Arme; nicht beim Seitengewehr, selbst nicht beim Herzen -- er sitzt bei den Augen, bei dem Kopfe, beim Verstande! Darum sollte Peter eigentlich nicht bei dem Unverstande sitzen!« Darauf kam Herr von Ellenroth, hob den Kopf behutsam auf, verhüllte und bewahrte ihn, und trug ihn fort; und der Hund lief nun mit ihm, wie gebannt.

»Schweigt!« hatte der junge Freund ihnen noch geboten! Und sie nun wieder empfahlen dem Daniel zu schweigen, der Mutter willen. »Siehe, mein Sohn,« sagte Wecker, »so kann Jemand nichts gesehen haben in der Welt! So haben wir Alle in Europa jetzt Nichts gesehen und gehört -- und schweigen, und wissen doch, wer den Kopf nun hat, und wer keinen -- nämlich wir! nämlich _nicht!_ Aber wir haben ein Herz! Und die Stunde zum Reden wird kommen, mein Daniel, dann kannst Du der Mutter Alles sagen.« Da ihm Christel aber auch des Propheten Gesicht von der Genugthuung, als Vorbereitung zum jüngsten Gericht, erzählt hatte, so sprach er auch noch voll Verwunderung: »Wie aber der Stephan einmal sich selber wieder herstellen wird, -- das ist mir zu hoch!«

So mit gedrücktem Herzen und scheuen Blicken traten sie wieder zu Christel ein; aber nur Daniel fiel ihr um den Hals. Und die Mutter sagte ihm selber: »Du guter Junge! Wir sind ja nicht ganz verlassen -- ich habe nun meinen Bruder! Der wird mein Trost und Euer Vater sein. Nur heute morgen war er so sonderbar -- Ihr wißt aber nicht _warum_, und danket Gott dafür!«

»Ach, meine Mutter!« sprach Daniel, und wandte sich weinend weg.

Eine geraume Zeit nach dem Sonnenuntergang, eben als der Kukuk neunmal in der Kammer rief, als sehnte er sich nach dem alten Frommholz, trat der Herr von Ellenroth langsam und leise ein -- und sagte aus gutem Herzen nicht: »Guten Abend,« sondern: »Ich muß Euch doch besuchen, liebe Christel; ich komme so gern, und muß. Denn hört Ihr nicht aus der Ferne die Schüsse? Man wird uns die Vertreibung vertreiben, und uns Eingeschlossene noch enger einschließen. Darum läßt Euch Herr Paschalis sagen und bitten: Ihr sollt so bald als möglich mit den Euren in die Stadt zu ihm kommen. Am Hause kann Euch nichts mehr gelegen sein, und er will Euch jede Stecknadel mit einem ganzen Briefe vergüten, geschweige das Andere, was Ihr hier laßt, oder lieber sogleich an die Aermsten im Dorfe verschenkt, wozu Paschalis Euch rathen läßt. Ich habe den armen Vater Paschalis ganz verändert gefunden; denn seit jenem Abend, wo vormals Euer -- nun wieder der Welt angehörige Johannes meine Dorothea todt gesehen, war ich aus Schmerz und vergeblicher Sehnsucht nicht mehr bei ihm im Hause gewesen. Heute zur Osternacht ließ er mich zu sich entbieten. Er meint es auch gut mit Euch. Kommt! glaubt mir! Denn . . . ich habe eine Todte, und Ihr einen Todten; wir leiden dasselbe, und wir verstehen uns, nicht wahr, liebes Weib, so jung und schon so verlassen. Denn wir Beide erwerben nichts weiter mehr in der Welt! Und zu unserem möglichsten Glück! Wer immer wieder gewinnen, wer Alles ersetzen kann, was er verloren, meine Christel . . . der hat Nichts besessen! Aber wir haben gehabt, was die Seele begehrt und erfüllt -- wenn auch meine Seele nur mit Hoffnung und Thränen -- und dieses Bewußtsein ist immerwährend ein großes Glück -- oder für arme Menschen doch -- das größte!«

Christel schwieg.

Da die Schüsse von Britzenheim her, aber jetzt deutlicher zu hören waren, sprach Wecker: »_Die_ Christen feiern die Osternacht -- auf ihre altgläubige Art! Wie Herodes die Weihnachtsnacht! Aber Herodes war noch kein Christ! sondern hatte nur wüthenden Respect vor Christo. Aber den Johannes können wir doch nicht todt zur Stadt fahren, wie einen gewissen alten Hector, der auch in seinen besten Jahren umgekommen, und einen kleinen Zweig, Ast-Anax, verlassen. Darum sage ich: Der Todte ist da, als die Hauptperson zu jedem noch so schlechten Begräbniß. . . . Das auf der elenden Erde berühmteste Loch, das Loch in die Welt, das Allerweltsloch, wodurch alles Schöne heimlich herausläuft, wie aus einem See, so daß die Welt nur eine löcherige Pauke ist, die ich nicht einmal pauken mag, weil sie abscheulich dumpf und hohl und leer klingt -- als würfe man Erde auf einen Sarg -- das Thränenloch ist bald abgetäuft . . . . zu der großen Maskerade im Finstern ist Johannes bald proper genug angethan . . . . des Vaters Bretterhaus wird des Sohnes unsterbliche Wohnung; denn Bäume sterben zwar ab, aber Bretter verfaulen nur . . . und jetzt, zur heiligen Osternacht ist es schön, einen Lieben zu begraben, während alle Dörfer umher jetzt denken, denn singen dürfen sie's nicht: »Christ ist erstanden!«

Christel war Alles zufrieden, wie den raschen Tod, so das schnelle Begräbniß.

Besser Eins wie Keins, sagte Wecker. Wer ein Kind verloren, und einen Mann; das heißt: seinen Einen Einzigen, wie soll der nicht gelassen sein, und verlassen ansehen, was sich etwa noch weiter Albernes in der Welt begiebt! Ihr seid nicht ganz dumm, Frau Christel, eine Frau bleibt Ihr doch, und die beste auf drei Quadrat -- Schuhe im Umkreis -- denn um die Lebendigen stehen alle guten Todten! Weiber und Männer; gewiß auch Johannes! Denn, sagt man, ein ganzes Jahr lang steht noch ein Vater bei seiner Wittwe und seinen Kindern hinter der Thür!«

Und Alle schwiegen bangselig, als die kleine Sophie die Thür vorsichtig aufthat, weit offen stehen ließ, so daß Licht in das Haus fiel, und weit vorgebogen mit dem Köpfchen hinter die Thür nach dem Vater sah.

Aber Christel rief sie, band ihr und den beiden andern Kindern den Flor um den Arm; und Daniel fiel dabei auf die Kniee und sprach in verworrenem Schmerz, des Vaters und Stephans gedenkend mit gefalteten Händen wie betend: »Ach, Mutter! ein Hund ist ein treues Thier, geschweige ein Kind! Ich will den Vater zeitlebens vor Augen haben, wie . . . wie . . . und Euch im Herzen wie Er!«

Darauf beschickten die Männer, mit der nächsten Nachbarn Hülfe, den sonntäglich angezogenen Johannes in die geweihte Erde; während Christel, die einen kurzen getrosten Abschied genommen -- weil alle Wittwen ihren Männern ja bald nachzufolgen glauben -- mit Daniel und den Kleinen zu Hause geblieben, und zuletzt nur bis in den Hof trat, Sie hörte jetzt wirklich die Marseiller Hymne singen, blickte zum Himmel -- und so sah sie nun auch -- aus der Neujahrsnacht -- das leere Kreuz, das Zeichen der angefangenen Erlösung vom Himmel herab hangen, und die Posaune des Weltgerichts, und die Inschrift rund umher mit den großen Buchstaben; und in der Ferne regte es sich arbeitsam-gespenstisch; und auch das Feuer der Hölle schien am Horizont herein; ein naher Kanonenschuß war ihr nur der Donnerschlag aus dem Wächterauge der Großmutter des Teufels »über die Arbeitenden im Gefild;« über die im Gefecht stehenden Soldaten; und sie sah die vier Riesenbilder an den Weltwänden -- aber es waren Wolkengestalten; und das Feuer war der Schein des aufgehenden Mondes; und sie wußte es, und doch sah sie das blasse Antlitz an als _das leidende Gesicht der Menschheit_ -- und endlich ward das Antlitz _ihr eigenes_ _blasses Gesicht_; und sie selber sah sich unaussprechlich leidend an, lange, lange. Und eine kalte Hand berührte ihre Schulter . . . und es war Wecker, der fröhlich die kalten Hände reibend sagte: »Vor der Hand ist das Loch in die Welt zu, und Johannes hindurch in alle Welt! Die Welt ist groß und schön, meine Christel; trotz des weltberühmten Allerweltsloches -- ja eben des Loches wegen! Wenn ich nicht die Aussicht hätte, mich einmal vor mir selbst _darein_ zu verkriechen und eine Einsicht und Aussicht und Ansicht darin zu haben -- vielleicht: _das Antlitz_ Gottes, statt Eures lieben, schönen, leidenden Mondscheingesichts -- so wollt' ich, wir gingen sogleich nach Mainz!« Die Gedanken waren ihm vor Leid vergangen.

Und so thaten sie. Und nichts nahm Christel mit, als ein kleines Glasschränkchen mit den besten Angedenken: dem Osterei des Daniel; einem kleinen, kleinen Strohwisch aus Weckers großem, womit er den Daniel erweckt hatte; mit einem Span von dem Holze, das Christel entwendet; mit Johannes ABC-Buch; und der eisernen Spitze, die ihr Clementinchen durchbohrt; und zuletzt, mit dem Stück ausgeschnittenen Hemde, wodurch ihrem Johannes die Kugel in die Brust gegangen war. Wecker trug dieses kleine Leidenhäuschen »das Monstrandum, die Monstranz, oder das Monstrum« feierlich, als wollte er es aller Welt zeigen; aber mit langen Schritten. »Denn,« sprach er, »unser Geschichtschreiber wird sagen: »Sie eilten, von den nahenden Schüssen gedrängt, durch die finstere Mitternacht, und gelangten, _froh_ des eignen davon gebrachten Lebens, in die _sichere Stadt_ -- denn selbst seine Schmerzen werden dem Menschen unabkaufbar-lieb; und um _sie_ fort zu genießen, selbst das elende Leben; denn der Schmerz ist ein Zauberspiegel mit allem genossenen Glücke klar und nah dahinter, statt Folie; und der Spiegel ist so warm und _beredt_, als das Glück groß war, daß es nicht ausgesprochen werden konnte -- wie das Leben.«

Zu Paschalis Hause, das dem Dom gegenüber stand, wählten sie den Weg durch die erleuchtete, offene, menschenerfüllte Kathedrale, worin so eben Christus Auferstehung durch eine lebensgroße Puppe künstlich dargestellt ward, und -- _der Kinder willen_ wählte Christel den Weg durch die Kirche; obgleich Ellenroth sie so führte, daß sie an dem Grabmale des Churfürsten Albrecht von Mainz zu stehen kamen, der vom Papst Leo X. den Ablaß für Deutschland, wie ein Jude den Zoll, gepachtet hatte, so daß der geistliche Pascha seine große Pachtsumme nebst doch einigen Procenten den Deutschen ausängsten mußte -- damit das deutsche Volk sich selbst auf ewig davon erlöste; wie der Wecker dem Schulmeister, und der Schulmeister dem Weber jetzt an dem Grabmal desselben stehend, davon erzählte.

Hier aber begrüßte sie leise _Paschalis_; und als er mit Christel allein einmal um das Altar gegangen, frug er sie: »Darf ich Dir den Schmerz um Johannes aus der Brust nehmen?« -- Und sie sagte: »Ich dächte nicht! Nicht gern.« »Aber doch!« sagte er langsam. »Siehe Christus ist erstanden: -- -- und _Dein Bruder Stephan ist umgekommen_.«

Und Paschalis hatte wahr geredet. Denn das neue Leid erfüllte nun ganz ihre Seele. Jetzt war der Mutter das Kind nicht begraben worden; Johannes war nicht begraben worden; Alles lebte ihr in ewigem, heiligem, verborgenem Sein -- und nur St. Etienne lag ihr als Leiche in der ganzen großen Welt, und die ganze Welt war ihr nur: der schöne geliebte todte Bruder. Und Paschalis ließ sie, still vor der Heiligkeit des Ortes, still ausweinen, während sie in's Dunkel gekehrt ihre Stirn an einen kalten Engel legte, und ihn fest an dem kalten Händchen hielt.

Und als endlich Christel wieder Paschalis angesehen, und ihm eine Hand gereicht, und als er wieder mit ihr um das Altar gegangen, fragte er sie noch milder als zuvor: »Darf ich Dir wieder den Schmerz um den Bruder aus der Seele nehmen?« Und sie sagte wieder: »Ich dächte nicht! Nicht gern!«-- »Aber doch!« sagte er: »_Dein Bruder hat sich selber erschossen._«

Und eine jubelnde Musik fiel ein, und jauchzende Sänger riefen vom Chor über die Menschenhäupter durch den Kerzenglanz und den Weihrauchduft: »Christ ist erstanden!« und die, das uralte, mächtige Wort zurückhallenden mächtigen Pfeiler schienen es mitzusingen, wie versteinerte Riesen, denen das Wort Sprache gegeben; und an den Bogen des Gewölbes wälzte es sich vor Freuden dahin, und stieg herauf, und floß wieder herab . . wie ein Schmerzensstrom in Christels Brust. Und sie rief die Kinder zu sich, setzte sich in einen geschnitzten Stuhl und versank in die Tiefe ihrer Seele.

Und als sie endlich aufsah, aber zürnend und doch niedergeschlagen, frug sie Paschalis wieder: »Soll ich Dir auch diesen Schmerz verwandeln?« -- Und sie sagte jetzt: »Gern! Aber unmöglich!« »Aber leicht!« sagte er: . . . »_Dein Bruder hat Deinen Johannes erschossen._«