Die Osternacht. Zweite Abtheilung

Part 11

Chapter 113,703 wordsPublic domain

»Wie gesagt,« erwiederte der Pathe Leinweber hierauf: »Ich gehe mit -- denn meine Baßgeige wird nicht zur Wittwe, und meine paar Geigen nicht zu Waisen! Die kann Jeder streichen, und den Webstuhl Jeder treten, außer Einem oder Tausenden, denen die Beine weggeschossen worden oder werden. Aber Eure Frau ist keine Baßgeige, und die Kinder keine Armgeigen oder sogenannte Bratschen -- die schon jämmerlich genug klingen. Doch, ich will Euch nicht wehren . . . . .«

». . . _Niemand! Niemals!_« schloß Johannes; »denn da steht auch: »Die Gottes Wege gehn, schützt Gott mit seiner Macht.« --

Und doch ließ der bedenkliche Vater noch Tag nach Tag, noch Woche nach Woche verstreichen. Denn die Vergleichung seiner Christel mit einer, und gar noch verwittweten Baßgeige, gefiel ihm auf keine Weise. Noch die Waisen --

In dieser Zeit wurde seine Spannung und Angst immer größer, und St. Etienne's Freundschaft zu ihm deswegen immer vertrauter. Auch Johannes wollte ihm wohl, recht wohl. Darum dauerte ihn der arme Schelm, als er ihm eines Abends sein Soldaten- und Beutegeld aus allen Nähten ausgetrennt und in einen kleinen Beutel versammelt, brachte, ihm aushändigte, ungezählt, denn ein lachender oder . . . _vielleicht_ auch weinender Erbe nehme Alles ungezählt, und zähle dann schon selber nach, oder sich und den Seinen vor: wie viel es sei, was sich der gute Narr abgedarbt und aufgespart, und tränke allen Geizhälsen ein Vivat. »Doch ernstlich,« sprach St. Etienne: »Die Posten werden jetzt weggeputzt wie Krauthäupter; und da zwanzig Lieutenants auf einen Gemeinen aus Rußland und Deutschland wiedergekehrt sind, so haben wir Sergeanten sogar die Ehre tagtäglich Wache zu thun; »wie ein Kronprinz einmal im Leben, bei vollem Magen den vollen Ranzen trägt, um zu wissen, wie schwer es den Soldaten Allen zeitlebens, besonders auf Hundertmeilenmärschen bei leeren Ranzen wird.« Wir haben die Ehre! Sag' ich, und wahrlich, das ist die größte Ehre -- vor Schusse zu stehen! Als gemeiner Soldat bin Ich im Grunde der König des Krieges, der Gott des Schlachtwogenmeeres, des Dampfes und Donners! Der Oberwelt und der Unterwelt! Im Pulverdampfe athme ich Lebenslust! Wenn die Schlacht brüllt, wenn die Batterien rasen, da genieße ich meines Lebens, da bin ich mir aller meiner Kraft bewußt, und bin bis an die schlagenden Halsadern, voll von dem, im Schwanken und Schweben erst sicheren Gefühl: Ich bin da! Ich bin in der Welt! Was kümmert mich, wer siegt? _Mein_ Sieg, mein Triumph ist mit dem ersten Schritte entschieden; Ich siege gewiß über Furcht und Elend des Lebens! Mein Muth ist unzweifelhaft -- Ich bin unbesiegbar im Kampfe mit einer halben Million Feinde; denn ich stelle ihnen Allen: den Einen, einzigen -- _meinen_ Mann gegenüber, mein Alles, meine Habe, mein Gut, meine Erde und meinen Himmel. Ich bin ein Kern der Saat, die da wächst gegen die Rasereien der Menschen! Ich bin ein Vermittler und Friedensstifter! Der Kaiser kann geschlagen werden -- Ich? -- Nie! Er sitzt auf seinem Teppich und brockt Todesbrocken ein -- Ich esse sie aus! Ich bin ein Soldat -- Er ist ein bloßer Kaiser und König -- von Gottes Gnaden! Und Gottes Gnade wendet sich überall stets von den Alleinklugen, den Blinden, den Tauben und Taubblinden. -- Da nimm den Bettel!«

Und als Johannes das Gold nicht nehmen, selbst nicht ungezählt in Verwahrung behalten wollte, sagte er ihm: »Siehe mich, so lange ich noch sichtbar bin! Und siehe mich recht an! Wir haben uns wenigstens zweimal hunderttausend Jahre nicht gesehen, und können uns dreimal hunderttausend Jahre nicht wiedersehen, und das Wiederkennen ist schwer zwischen Masken und Masken . . . auf einem weltbreiten und weltlangen Corso! oder himmlischen Großthustraße! _Jetzt_ aber wirst Du mich zu erkennen glauben, Johannes (denn so dumm und gläubig ist der Mensch); wenn ich Dir sage, _Deine_ Christel ist _meine_ Schwester! Und ich bin also ihr Bruder! So nennen die Menschen solch kleines Geschmeiß aus einem Mutterschooße! Und Du bist mein Schwager. Oder ist sie so gut, und ich so schlecht, so bin ich ein Soldat, ein unbegreifliches Ding und künftiges Unding; wenn die Todten nicht noch Dinge sind, oder nur Dünger, Bautzner Dünger, Leipziger Dünger und dergleichen, und Christel ist eine Mutter! Und eine Mutter ist das beste Thier unter den Cherubim und Seraphim! Meine auch! Geh', bringe die Bibel! Die Bibel macht Freunde -- Bluts- und Herzensfreunde und Seelenfreude! -- Das war noch einmal ein Spaß, Steffen, daß Dir die Augen überlaufen! Nun mag man sagen: Schach dem -- Kaiser! -- der weidlich: »Schach den Königen,« gesagt, und manchen matt gesetzt! Ja meinetwegen mögen selbst die schachmatten, durch die Völker -- die Bauern -- entsetzten Könige nun einmal zum Danke sagen: Schach den Völkern! und die Völker mögen sagen: Schach den Königen! oder mag ein Tölpel von Kometen gar das Schachbret umstoßen -- der Spaß bleibt! Der Spaß war herrlich!«

Auf diese Freude, besonders auf dieses _Zutrauen_, das Johannes zu _diesem_ Soldaten, der ihm ganz fremd und herb gewesen, und durch ihn nun zu allen Soldaten bekam, fehlte nichts: seinen Entschluß fröhlich sogleich auszuführen, als daß noch ein Handwerksbursche, ein Waffenschmied, im Dorfe und auch bei ihm fechten -- Brod erfechten -- umherging, der glücklich durch die Vorposten durchgeschlichen, nur ein weißes Hemd über seine Kleider angezogen, um in dem Schnee einem Schneemann ähnlich zu sehen, oder weiß auf weiß gar nicht gesehen zu werden, und der über den Gang nur Scherz trieb, den er aus der -- für Johannes zu leicht wiegenden -- Ursache unternommen, um in seinem Vaterlande, dem Elsaß, Waffen gegen die Deutschen, auch Russen zu schmieden. »Hundert!« sagte er; »und mit jeder Spitze kann man hundertmal stechen, wie eine Wespe und nicht daran sterben. Denn der Waffenschmied selbst bleibt gesund und frisch dabei, und freut sich am Feuer, und schlägt nur mit Bosheit aufs Eisen. Wir Waffenschmiede sind unsichtbare Geister, und sollten alle wenigstens _Geheime_ Kriegsräthe heißen! Ohne Geld keine Schweiz. Ohne Waffen, kein Polen! kein Frankreich! Häuser ins Wasser baut man auf Rost -- von Holze; aber alle Reiche ruhen auf frischem oder doch auf altem verrosteten Eisen, Darum ist Vulcanus unser Patron, weil er hinkt, und weil er hinkt, hinken die armen Reiche auch alle, und haben auch keine Kinder, wie der Gott der Maulesel, und müssen sie darum rauben, wie Amazonen, aus väterlicher Kinderliebe!« -- So sprach er. Und für ein warmes Frühstück sang er viel lustige Lieder, und zeigte ihnen Schmachbilder auf Malaparte; denn wer sein Theil erwähle und behaupte, der habe _nunmehr_ das schlechte Theil erwählt. Aber Gott schützt Frankreich.

Die Marterwoche, der Charfreitag zog nun Johannes unwiderstehlich zu Christel. Vor zwei Jahren hatten sie an dem Tage den Tremulanten gehört, und das ängstliche, ja abscheuliche blinde gotteslästerliche alte unsinnige Lied:

»O große Noth: Gott selbst ist todt.«

und sie hatte darauf vom Tode Gottes geträumt, um zu merken: er lebe; sie hatte die Wassersuppe aus Bettelbrod vom Daniel mit Danke gegessen; und das Andenken an das arme gute Weib durchzuckte ihn, während er zwei weiße Ueberhemden und zwei weiße Nachmützen für sich und den Pathen aus der einsam stehenden Lade nahm; und der auf den Deckel gemalte Vogel sah ihn mit seinem großen Auge recht wunderlich an, und die gemalten Blumen selbst thaten ihm leid um Christel, geschweige sein Weib selbst, seiner Kinder Mutter, und selber die Kinder!

Als nun Stephan zur Nacht auf Wachposten gezogen, stellte er ihm noch zu Morgen den Schinken bereit auf den Tisch, und schrieb mit Kreide dazu: »Morgen komme ich wieder --« fütterte Petern; _vergaß aber ihn einzusperren_; überließ dem schwachen russischen Unglückspropheten und Mitverbrecher an Dorotheen, dem in seiner armseligen Seele sich ohne alles Unrecht fühlenden, übrigens pudelguten Kosaken Sebastianow das Haus, wollte die morgende Nacht wieder zurück sein, nur einen Tag mit den Seinen verleben, wissen, wie es ihnen gehe, sie pflegen, ihnen rathen, helfen!

Und in der Nacht, noch ehe der Vollmond aufzugehen drohte, stand Johannes bereit zu dem kalten Gange, in das weiße Hemd gekleidet; und der Pathe Leinweber im weißen Hemde; und Einer setzte dem Andern vergnügt die weiße Nachtmütze auf; und in der dunkeln Stube, worein nur das Schneelicht durch die Fenster fiel, kamen sie sich vor wie Gespenster und gaben sich seufzend die Hände, und die Pelzhandschuhe gaben einen dumpfen Laut. Und als der Leinweber noch also von seinem Freunde Abschied genommen -- weil er selbst gern der Noth entkommen, nicht das Letzte mit aufzehren zu helfen und nach so lange auch wieder nach Hause wollte -- traten sie Beide die Viertelstunde Weges an, der wie eine Kettenbrücke, über eine gefährliche Kluft führte, die sie bisher unerträglich getrennt hatte. Aber sie wären lieber durch die Luft geschritten, als auf der Erde einen knisternden Schritt nach dem andern dahin.

Sie traten heraus; und linksher erklang ihnen ein glückliches Zeichen in himmlischer Luft. Denn der alte Psalm des alten Heerführers Moses erfüllte, wie heiliger Erdduft aus umgeackerter Erde die Räume der heitern glänzenden Nacht voll derselben alten Gestirne, und die alten Worte flossen zum Herzen, wie Blut der Welt. Und sie standen betroffen und hörten. »Ehe denn die Berge worden, und die Erde, und die Welt geschaffen worden, bist du, Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit. _Der du die Menschen lässest sterben_, und sprichst: Kommet wieder Menschenkinder!« --

»Die Menschenkinder sind die Franken auf der Schanze!« sprach der Leineweber leise, während sie weiter gingen. »Die Psalmen haben sie aus ihrer Kinderzeit noch behalten, sonst nichts. Und wie der Herbst den Hirten ein Lied abzwingt, so preßt ihnen die stille Gewalt der Winternacht auch wieder ein Lied aus, Lebensmost! und wir trinken ihn mit den -- Ohren! Ich möchte auch aus mir was herauspressen! Aber alles, was seine Zeit hat, hat auch seine sogenannte Unzeit!«

Johannes schwieg.

Sie kamen nun vor dem Dorfe ins Freie. Unten Alles ein unübersehliches weißes Gefild. Es war, als wenn die weiße silberfunkelnde innere Domdecke vom Himmel ab, auf die Erde gefallen, und nur von dem breiten Gurt des Gewölbes _nicht_; denn die Milchstraße war breit und weiß, wie stiller wolkiger Flor da droben hangen geblieben; aber sie schimmerte nicht silbern, sondern funkelte golden; und daneben -- da überall, wo die Decke herabgestürzt und wo nun ein unergründlicher Bau durchsichtig sich aufgethan hatte, da funkelten klare Gestirne golden, wie große Ampeln in fernen, fernen Gemächern und Sälen, nur klein, und ruhig. Und während Johannes, der voran ging, den Himmel vor Angesicht hatte, fiel ein Stern aus dem dunkeln Blau, entzündete sich wie ein feuriger Komet, und schoß mit langem Schweife, Strahlen und Funken versendend, vorüber.

Sie blieben einen Augenblick stehn -- und Peter der Hund war bei ihnen.

Denn in Daniel war die Sehnsucht der Mutter zur Reife gekommen, wie Saft und Kraft und Wärme der Erde hinaufgesogen wird in ein junges Fruchtbäumchen; und statt ihrer und seiner Geschwister war _er_ glücklich in seines Vaters Haus gelangt, ein Bündel mit frischbackenem Kuchen, wohlgeschichtet und vorsichtig getragen, im reinen Tuch, und tausend Grüße auf seiner Zunge. So saß er daheim auf der Ofenbank, und harrte des Vaters, nachdem er in der dunklen Schlafstube leise auf sein Bette gefühlt und davor gefragt: »Lieber Vater! schlaft Ihr schon? Die Mutter ist wieder gesund!« Und beim zweiten Bett hatte er gesagt: »Lieber Vater! Ich bin da! Seid aber ja nicht böse; Ihr konntet mir's nicht erlauben, und die Mutter weiß es nicht. Nur Wecker. Aber ich bringe Euch Kuchen, den sie gebacken hat; denn sie hilft dort im Hause und macht die Wirthin.« So hatte er gestanden, bis er gefühlt, daß das zweite Bett auch unberührt war, und in allen Winkeln Niemand; und so saß er denn still im Dunkeln am Ofen, und neben ihm schnarchte der ihm verhaßte, weißbärtige Sebastianow, während der Vater und Krieg in der Nacht hinschritten.

Der Hund aber schlug jetzt einmal zu bellen an, da das Feldgeschrei der nahen Vorposten umher scholl; denn er hörte seines Herrn, St. Etienne's Stimme heraus, der nicht mehr entfernt, auf dem letzten Posten stand, wo Johannes mit seinem Gefährten vorüber mußte, Johannes rief Petern; und sie knüpften zwei Tücher zusammen, das eine Ende derselben fest an den Ring seines Halsbandes, das andere fest an einen Zaunpfahl im Felde, und bedrohten ihn stumm und streichelten ihn, damit er schwiege und bliebe. Ihre Angst erwachte. Denn der tiefe Hohlweg, der sie bis zu der Zahlbacher Mühle gedeckt hatte, gab sie nun auf und frei; und nachdem sie die Mühle umschlichen, deren Geklapper ihr Ohr erfüllt, standen sie eine Weile mit Herzklopfen nach der zweiten, der Britzenheimer Mühle spähend und horchend, nach welcher sie nun links über das offene Feld sich schleichen mußten. Und hier in der Stille hörten sie wieder, aber schwächer den von vielen deutsch-französischen Männerstimmen gesungenen Psalm: »Meine Seele ist stille zu Gott, der mir hilft. Denn er ist mein Hort, meine Hülfe, mein Schutz, daß mich kein Fall stürzen wird, so groß er ist. Wie lange stellet ihr Alle Einem nach, daß ihr ihn erwürget, als eine hangende Wand und zerrissene Mauer? Sie denken nur wie sie ihn dämpfen, befleißigen sich der Lügen, geben gute Worte, aber im Herzen fluchen sie. Sela.« -- Die Luft strich ein Weilchen, und bog den, schwach ihnen nachfließenden Gesangstrom seitwärts, und wandte ihnen erst wieder die Worte zu: »Meine Zuversicht ist auf Gott. Hoffet auf ihn allezeit, lieben Leute, schüttet euer Herz vor ihm aus. Gott ist unsere Zuversicht. Sela. Aber Menschen sind doch ja nichts, große Leute fehlen auch; sie wägen weniger denn nichts, so viel ihrer ist.« --

»Wenn der knisternde Schnee jetzt fünf Minuten lang nur Flaumenfedern wäre! oder heute schon: künftiges Wasser, daß er nicht knarrte!« flüsterte der Leinweber dem Pathen zum Ohr. »Jetzt, Johannes, denkt, ihr seid wieder ein Knabe; und daß Euch der Vater nicht sieht, sollt ihr unter den niedrigen Fenstern wegkriechen, zu den andern Kindern, zum Spiele. Also gebückt! Und glaubt mir in aller Stille, daß mir der Buckel dabei weit weher thut, als Euch -- denn ich bin kein Schneider! Wir Leineweber sitzen kerzengrade; und wir Baßstreicher stehen wie Lichter -- aber ein Wurm krümmt sich -- denn dort dämmert der letzte Posten, bei dem wir, Schneckenpost, vorüber müssen. Nun, Glück zur höflichen Reise!«

Und während sie jetzt so wunderlich wie zwei weiße Eisbären -- vom losgekommenen Hunde gefolgt, schweigend und mit verhaltenem Stöhnen, dem Posten sich nahten, und ihn umschleichen wollten, auf welchem grade in dieser Nacht St. Etienne stand, wurden sie die Nähe von dem ersehnten Britzenheim und der Feinde, in der stillen Nacht deutlich aus dem fröhlich gesungenen Liede (von Theodor Körner) inne: »Die Hölle braust auf in neuer Gluth, umsonst ist geflossen viel edles Blut, noch triumphiren die Bösen. Doch nicht an der Rache des Himmels verzagt, es hat nicht vergebens blutig getagt, roth muß ja der Morgen sich lösen.«

Jetzt trat plötzlich ein blutrother Mond aus dem Himmel; aber er blieb nicht stehen, sondern er flog über dem Himmel, wie ein purpurner Ball von einem Riesen geworfen, erhellte die Gegend -- und fiel entfernt, wie es schien, in die schwarzgrünen Fichten der Berge. Und um nicht aufzustehen, setzten sich vor Verwunderung die Freunde einen Augenblick, und sahen sich nahe in die Gesichter, um sich einander schweigend zu fragen: welch Zeichen das sei? Und wieder floß deutscher Gesang jetzt näher und stärker daher: »Und noch regt sich mit Adlerschwung der vaterländische Geist! Und noch lebt die Begeisterung, die alle Ketten reißt! Und wie wir hier zusammenstehn, in Lieb' und Luft getaucht, so wollen wir uns wiedersehn, wenn's von den Bergen raucht. Drum frisch, Gesellen, Kraft und Muth! Der Tag der Rache kömmt! Bis wir sie mit dem eignen Blut, vom Boden weggeschwemmt. Und _Du_, im freien Morgenroth, zu dem dies Hochlied stieg, du führ' uns, Gott wär's auch zum Tod! Führ' uns das Volk zum Sieg!« --

Jetzt sahe Johannes den letzten französischen Posten, und auch der spürende Hund sah ihn und boll. Der Pathe hielt ihm die Schnauze zu. -- --

»Wer da?«[A] rief St. Etienne.

[Fußnote A: Qui vit?]

Krieg drehte sich hinter Johannes um, und nahm eine andere Richtung in seinem Krebsgang; aber seine jetzt grade ungewogneren Tritte knisterten lauter im Schnee. Johannes blieb todtenstill, hatte die Augen fest geschlossen und war sich selbst wie verschwunden. Peter winselte freundlich und wedelte mit dem Schwanze.

»_Wer da?_« scholl es lauter.

Und Johannes warf sich auf die Erde und kroch auf Händen und Füßen weiter, während von einer andern Seite die Worte ihn mit Schneegeflirr vermischt überrieselten: »Nicht leichten Kampfes siegt der Glaube, solch Gut will schwer errungen sein. Freiwillig tränkt uns keine Traube, die Kelter nur erpreßt den Wein; und will ein Engel himmelwärts, erst bricht im Tod ein Menschenherz.«

»Wer da?« rief St. Etienne jetzt zum dritten Male in gespannter Entrüstung,

Der Hund lief hin. Johannes wollte behend wie ein Pfeil entrinnen; er wollte hinzu, und mit dem Manne mit männlicher Gewalt kämpfen -- und zuletzt glaubte er, zwischen den schnellen Entschlüssen schwebend, er glaubte Stephans Stimme erkannt zu haben . . . und vor Freude und Hoffnung versagte ihm die Sprache. -- Da sank er schon; und den Schuß selber hörte er nicht in den Schluchten verhallen.

Die Wache tritt ins Gewehr. Der gnädige Gottlieb hört von St. Etienne, daß er Etwas erschossen, was sich durch die Posten schleichen wollen. Der Hund springt an ihm herauf. Herr von Ellenroth eilt mit der Laterne zum Ort. Der gnädige Gottlieb folgt mit den Andern, und St. Etienne findet die sonderbare Gestalt, wendet sie um, leuchtet ihr in das Gesicht, und erkennt seinen Wirth, seinen Freund, der noch athmet, der ihm kein Wort mehr sagen kann, nur schwach die Hand noch reichen. Und als St. Etienne seine noch übrigen paar Thränen, kurz aber heiß über den armen Freund geweint, sprach er: »Hättest du nur deinen Namen genannt! Oder ein Anderer nur deinen -- ich hätte nicht geschossen; und ich begreife beinah: wie ein Mensch Jemandem mehr sein kann, als ein Kaiser und König. Aber waren nicht Alle die vielen Andern auch Menschen . . . die ich . . . . -- Ach! . . . . Meiner Schwester wollte ich Freude machen; und ach, ich habe nicht ihm in die Brust geschossen, sondern mit ihm -- _Ihr_ grade ins Herz! Sie selber läge hier besser! Und ich am besten!«

Der sausende Mond aber war ein Zeichen zum Ueberfall gewesen; -- ein im Dunkeln durchblitztes, durchklirrtes, durchschrieenes Getöse wie von Geistern -- und in einer Viertelstunde war kein Feind mehr in Britzenheim und weiter hinaus. Die Wege waren frei, und Christel war frei, die ruhig schlief, während der wahre Mond wie eine goldene Scheibe im Feuer glühend, doch kühl über den Horizont heraufstieg, und mit göttlicher Ruhe das heiligruhende, purpurschimmernde Schneegefild beschien -- und Johannes entlaubte Bäume, und Johannes auf immer verlassenes Haus. So still! So göttlich!

XII.

Inhaltvolle besorgte Eil schien nun Stephan zu drängen. Nach der getümmelverworrenen Nacht erst suchte er seinen todten Freund wieder auf, und ließ ihn nach Zahlbach tragen in sein Stübchen; nicht nach Britzenheim, wohin doch der Lebende -- vor sein Leben gern begehrt. Dem Todten aber meinte er keinen Willen mehr zu brechen, noch einen zu erfüllen; und statt Freude bei Christel zu bringen, hätte er ihr nur plötzlichen Schreck gebracht. Als aber die Sonne aufgegangen, machte er sich dafür selbst auf den Weg zu seiner Schwester, die schon unglücklich genug, noch auf vielfache Weise unglücklicher hätte werden können, und jetzt noch, ja erst werden konnte, je nachdem in ihrer Seele die Ereignisse sich nun reiheten, und _in welcher Folge_ sie über ihre Brust fielen, wie Tiger. Und so ging sein größter Kummer, wie ein unsichtbares Gespenst, unempfunden an ihm vorüber, weil er nicht wußte, daß der Leinweber treulich mit Johannes gegangen und treulos entflohen war. Diese Kenntniß würde ihn rathlos gemacht haben auf seinem Gange zu Christel; denn der hohlsausende Thauwind, der plötzlich grau gewordene verwesende Schnee auf den Feldern; der herabrieselnde Regen; ja selbst die neugrün hervortauchenden Raine und Kämme der Saatfelderbeeten, die wie aus einer seligen, seligen Zukunft erschienen waren, die er nicht fröhlich mehr sehen sollte; selbst ein, wie aus dem Winter geretteter Vogel, der, einige Töne zwitschernd, die Kehle probirte zum Frühlingsfeste, keine Ruh auf den Zweigen hatte, zwischen hangendem Schnee und braunen Frühlingsknospen, und eifrig von Baum zu Baum flog, weil ihm keiner gefiel, und doch die rechten grünbelaubten, mit Blüthen ihn verbergenden, säuselnden »Häuser auf einem Stamme« noch nicht da waren; und vollends erst das Geräusch der sich sammelnden Wasser . . . und das ferne süße heilige Rauschen auf Berg und Wald -- das Alles stimmte ihn weich, wie er als Knabe gewesen voll Hoffnung; aber jetzt weicher, denn alle seine Hoffnung war hin, und aller Schmerz war da, und das Vorgefühl des größten und des letzten. Doch auch die letzte Freude war nah; und sie austräumend, und ausspinnend, ging er mit gesenktem Haupte, aber lächelnd, und sahe seine Christel gleichsam unter der Schneedecke des Weges immer mit ihm schweben: wie sie jetzt roth ward; jetzt blaß; jetzt weinte; und ihm war, als schiffe er, übergebeugt im leisen Kahne, oder als ginge er auf dem blühenden Ufer eines tiefen, klaren Wassers, und Christels klare Gestalt unter ihm war sein eigenes Bild in dem Wasser!

Plötzlich stand ein Mann vor ihm, der ihm erstaunt ins Gesicht sah.

»Wecker! Todtenwecker!« rief St. Etienne, und reichte ihm die Hand.

»Ein Ungehangener darf sie schon nehmen und geben!« sprach Wecker, der viel von seiner saubern Tracht verloren, und den kleinen Gotthelf auf dem Rücken -- reiten hatte. »Gut, daß Ihr Britzenheim gefangen habt! denn leider Niemand, das heißt kein Mann, kam aus Zahlbach, der mich kannte und anerkannte! Lieber will ich, ehrlich erschossen, auf einem bockenden Pferde in aller Welt herumgaloppiren, als auf den Tod sitzen, den Strick in der Hand, und aqua toffana schwitzend vor Bosheit! Ich habe es gestern durch den Daniel dem Johannes sagen lassen, denn meine -- wollte ich sagen: Christels Angst war groß!«

»Wo ist mein Daniel! Ist er bei Euch?« rief jetzt Christel, ihr Kleinstes auf dem Arme, über den Weg; und ihr Mutterherz trieb sie getrost, sogar dem gemiedenen Sergeanten unter die Augen zu treten, herüber durch den Schneewasser-Bach auf dem Wege. Stephan ergriff ihre Hand, um sie auf den Fußweg zu ziehen und sprach: »Euer Johannes schickt Euch gewiß den Händedruck: und ihm ist wohl, so wie wir Menschen davon wissen! Seid nicht böse. Aber Daniel ist bei uns zu Hause?« frug er bedenklich.

»Nicht! Nicht?« tönte aus der Mutter Brust, wie aus einer zerrissenen Welt; und ihre großgeöffneten flehenden Augen gossen einen heiligen Strom von Wehmuth -- in seine Augen voll Wehmuth.

»Wo wird er denn sonst sein!« rief Wecker, barsch vor Angst.

»Christel,« sprach Stephan gedrängt, »was soll ich es Dir verhehlen liebes, liebes, gutes Weib -- ich komme Abschied von Dir zu nehmen -- ich ziehe nach Hause zum Vater, denn ich bin schwer verwundet -- -- --«

Christel erröthete und erblaßte.

Stephan nahm ihr das Kind vom Arm, liebkosete es, und sagte: »Also lebe wohl! und reiche mir zum letzten Male Deine Hand!«