Die Osternacht. Zweite Abtheilung
Part 10
Und so war es auch von nun an. Stephan schob auf den Soldaten, als einen mit Willen und Geheiß bewaffnet »losgelassenen Mordläufer«[A], oder Subject aus einer Menagerie, was er auf den Menschen nehmen sollte, der in dem rasenden Tiger steckt oder gesteckt wird, und meinte: »mit Hunderttausenden dergleichen Subjecten losgelassen zu werden, vermehre die Wuth hunderttausendfach, und aller alten todten Soldaten Geist, ja aller heidnischen alten Armeen Dämon -- denn bloß die christlichen Völker haben den Teufel -- fahre in _einen_ neuen Soldaten; und mit dem angezogenen Rocke ziehe der vernünftigste Mensch seinen Menschen aus, wie der frömmste Mönch, der des Papstes Kleider auf seine paar öffentlichen Jahre anziehe. Das sei Kastengeist, und die ganze Welt stecke separirt in tausend dergleichen Kasten, wie in Tollhauskammern und werde gleich wieder gescheid, wenn sie herauskomme, und wieder dumm und toll, so wie sie wieder hineinfahre, Berlicke! Berlocke! Berlicke! Berlocke! Wenn ein Mensch im Kriege seinen Feind auf Händen tragen und füttern wolle, wie sein kleines Kind -- das wäre gegen Ordre, und ginge nicht! Und wenn ein Mensch zu Hause -- nicht anderleuts Vater und Bruder, sondern bloß _seinen_ Vater, _seine_ Geschwister und seine Kinder so mit Bajonetten zerfleischen und mit Kugeln zerfetzen wolle, und Haus und Hof sich selber über dem Kopfe anstecken wolle . . . das ginge nicht! Johannes möge das glauben!«
[Fußnote A: In Indien geht Jeder einem solchen weit aus dem Wege.]
Und Johannes glaubte das redlich, und der Leinweber Krieg, der da meinte: es wundre ihn nur, daß Alle, oder ein Paar nur, was schon genug wäre, nicht glaubten: daß _Alle Gottes_ Kinder wären! -- Stephan sprach erst nur so, weil der Ruhm der Seinen jetzt vom Sturme aus Deutschland zerblasen ward, wie eine reife Distel -- »_gefressen!_« sprach er satyrisch im Stillen; da er jedoch sich zu Hause bei den Seinen fühlte, so ward diese seine gute Gesinnung allgemach redlich, und er sagte laut zu Johannes, daß er für sie alle -- und meinte Christel -- einmal in eine _verlorene_ Schlacht gehen wolle, geschweige alles andere thun. -- Mehr könne ein ehrliebender Soldat sich nicht erbieten! Er trieb Johannes, daß er ginge und Christel holte, weil er ihr etwas gar Wunderschönes zu sagen habe von ihm und von ihr!
Christel aber schickte von selbst nach Johannes, aber mit sehr gelassenen Worten, weil sie wußte, daß solche bei ihm stets hinreichten, ihr alles zu thun, und schon eine Bitte ihn verlegen machte vor Rührung, so daß er oft darüber sie bittend angesehen, als bitte er um Schonung. Und um vielleicht ihm jetzt einen Schreck zu ersparen, hatte sie diesmal so spät, vielleicht zu spät geschickt.
Er eilte also bloß mit der Lust und Hoffnung: sie wieder zu sehn, nach der Stadt. Es dämmerte schon. Die letzten Dohlen flogen zu Rüste. Der Himmel war schwarz umwölkt -- denn aus schwarzen Wolken fällt der weiße Schnee -- und der Wind wehte mit den Flocken, wie Kinder Flaumfedern vor sich her blasen, um sie nicht auf die Erde zu lassen; -- und wirklich: er hörte im Felde _Kinder_ rufen . . . aber so weit rechts ab, daß er im Winde seine eigenen Kinder _nicht erkannte_. Und doch stand er und horchte, ob sie nicht riefen, vor Angst sich zu verirren? oder nach Hülfe? Und sein Herz klopfte laut, und er stand auf dem Sprunge hinüber zu eilen. Aber er freute sich; denn die Kinder riefen nur: »Mutter! Mutter!« -- Und wie ein Traumbild sah er auch ein Weib -- sein eigenes Weib, seine Christel, stehen bleiben, und etwas Dunkles, wahrscheinlich ein kleines Kind, auf den Arm nehmen -- das sein kleines Sophiechen war. Und er freute sich wie das Kind, daß es die Mutter hatte, und daß das Weinen still ward, und die Mutter wieder den beiden andern größeren Kindern voranschritt oder sprang! -- kam es ihm vor. Und das Weib hatte in dem Nebelflor des Schneegeflirres ein gespenstisches Ansehen; und wenn er scharf genug sahe, so war sie nur halb bekleidet, und die Haare flatterten ihr in dem Winde voraus. Nun that ihm die arme Frau leid, die jetzt in den Thalweg nach Britzenheim zu verschwand . . und die Kinder verschwanden ihm hinter ihr -- und alles war weg! Er lehnte sich an das hohe rothe Kreuz am Scheidewege, das im Winter ein Wegweiser war, und starrte noch eine Weile hin; aber es blieb still; und er hörte nur den Schnee säuseln; in der Ferne den Wind pfeifen; und wie der Wind herstrich, hörte er auch die Mühle von Zahlbach gehen; und die Mühle von Britzenheim; und dort in dem Dorfe ward Licht, und ein langer Schein strahlte davon bis zu ihm her, und weiter hinaus in den Himmel. Ihm grauste. Er schritt hastig zu, nur von dem Gedanken getröstet: Das Dorf sei nicht weit, und ehe er in Mainz sei, seien die Kinderchen und das arme Weib in Britzenheim!
Er eilte nun durch die wohlbekannten Straßen der Stadt nach Paschalis Wohnung. Er durfte an keine Thüre klopfen, denn sie standen offen; aber in allen Zimmern -- Niemand! Keine Christel! Kein Daniel! Kein Sophiechen! Kein Gotthelf! Kein froher Kinderruf: »Vater!« kein »Willkommen!« schallte ihm wo entgegen. Ueberall Niemand. Bis er durch das Wohnzimmer hindurch ging, worin nach hinten hinaus noch eine Thür war, und vielleicht Menschen dahinter. Vielleicht dachte er, sind sie alle bei Dorothea! Die Thüre war, wie ein Schrank, nur mit dem Schlüssel aufzumachen; er merkte also nicht, daß sie verschlossen gewesen.
Beim Dämmer einer an drei vergoldeten Ketten hängenden rubinrothen Lampe erkannte er aber nur an ihrer Kleidung das treue Mädchen, das an jenem Abende neben dem englischen Kutscher die vier Kühe vom Bocke gefahren. Mit dem Gesicht lag sie, wie eingeschlafen, auf einem Gebetbuch mit goldenem Schnitt. Medizinflaschen und Gläser und Tassen und Schächtelchen auf dem Tische, waren alle beiseite an die Wand geschoben; und auf dem weißen Bette, mit zurückgezogenen grünseidenen Vorhängen, lag Dorothea, wie er meinte, sehr leise schlafend, und hatte gewiß gebetet; denn ihre Hände waren ausgestreckt und gefaltet. Jetzt fuhr das Mädchen in die Höhe, als habe sie Dorothea gerufen. Sie sprang zu ihr; sah nach ihr; besann sich aber, seufzte ein tiefes Ach; und kehrte sich leise von ihr um; und erschrack vor Johannes, daß er selber erschrack, und beide sich fragend anstarrten. --
». . . Schläft sie?« frug er leise.
»Sie schläft;« antwortete das Mädchen; »aber Ihr könnt laut reden, Johannes; sie schläft fest.« Und doch sagte sie das auch nur halblaut vor Furcht oder Ehrfurcht.
». . . Also ist ihr wohl und besser?« frug er zutrauensvoller.
»Wohl. Und besser. So bleibt ihr nun gewiß;« erwiederte sie.
». . . Nun ich gönne das Glück unserem Herrn Paschalis! Der wird sich freuen!« sagte Johannes mit Augen, die vor Mitfreude glänzten. »Die liebe ehrenwerthe Tochter war seine Lust und sein Leben!« --
»Und kann nun sein Tod sein!« sprach das Mädchen. Und die Worte schnitten Johannes und ihr in das Herz, und sie schluchzte vor Thränen. Und als Johannes einen Schritt näher zum Bette gethan, und forschender hingesehen, trat er zurück, sank auf den Stuhl, und lag nun mit seinem Gesicht über dem Buche, wo vorhin des Mädchens Gesicht gelegen, und die Blätter waren noch naß. Aber er fühlte es nicht, sondern weinte frische, warme Thränen zu ihren kalten.
»Gönnt ihr die Ruhe!« sprach das Mädchen, »Ihr war zu schrecklich zu Muth. Sie hat viel Gutes gethan, aber ich denke, ich denke, warum! Es war so kein rechtes Gutes, denn sie war in Eifer, ja öfter in Wuth dabei. Und wenn sie sich auch die Krankheit geholt, und zum Tode krank daran danieder gelegen, so ist sie doch nicht daran gestorben -- spricht der Licentiat, sondern an einer gewissen _Furcht_, die aber _gewiß_ wäre, an einer Furcht vor einer sogar guten Hoffnung; sagte er einmal dem Vater, der sich über das Wort vor die Stirn schlug, als gehörte sein Kopf einem Andern von Holze. Eure liebe Frau Christel hat es mit angesehen und mit angehört, noch in der letzten Nacht, wie Dorothea in weißen Nachtkleidern aufsprang, uns ansah, ohne uns zu sehen, und so recht herzlich Jemanden frug: »Sage mir nur: Wer an dem ganzen Unheile Schuld ist? Kann der Morgen herkommen mit seinen Seuchen und Teufeln, wenn der Abend nicht hingeht und ihn holt? Und saß der Abendstern auf dem Thron, wenn noch die alte Nacht darauf saß mit ihren Gespenstern! Ist also Jemand Schuld an der neuen Zeit, als die alte tyrannische, elende Zeit, als das alte Glück an dem neuen Unglück? Die Könige des vorigen Jahrhunderts an den Königen des jetzt laufenden! O, daß alles Unheil liefe, verliefe wie Wasser aus Thränen und Blut, und ich mit darauf hinschwämme zu der großen Pforte hinein, schön und hoch und golden und purpurn wie das Abendroth! Aber sage mir auch, ob sich noch heute Teufel in Menschengestalt verwandeln können, und _ein_ Teufel in sieben Gestalten, eine teuflisch wie die Andere; in der einen -- siebenarmigen -- Hand sieben blitzende Säbel, und in der andern siebenarmigen Hand sieben Flaschen alten Rhein! -- Und sage mir nur: giebt es auch sieben Tode? -- -- Und sieben Gewissen -- und sieben Schlangen in Jedem! -- Ah!« -- -- So phantasirte die arme Dorothee. Dann sank sie vor Schreck um, schrie Hülfe, rang sich mit Jemand wild umher, ächzte, und lag dann lange wie todt -- dann sprang sie wüthend auf, starrte umher, daß uns die Haare zu Berge stiegen, zerschlug den Spiegel, oder ihr Bild darin, daß die Stücken umher flogen, und zertrat das letzte, aus dem sie noch ihr eigenes Auge ansah. »Aber,« frug sie dann höhnisch lachend: »wäre es _für die Welt_ nicht besser: Ich wäre sieben Kaiserstöchter! Oder nur sieben Königstöchter! Aber mein Vater ist auch ein König, und ein ganz Anderer, und das ist besser für den Himmel; besonders wenn er seine arme Tochter in den Himmel nimmt, und die sieben Teufel in die Hölle stößt. Aber Gott auf Erden thut nur Alles mittelbar. Und ich muß auch so thun? Nicht wahr!« -- -- Und dann lachte sie recht heimlich aber seelenfroh, und versicherte den, mit welchem sie sprach: . . . »Ich habe gethan! Das Gewölbe hat gethan; der Wein hat gethan; und -- die Thür hat gethan! und das Letzte das Beste! Aber meinst Du nicht, mir wäre doch besser jetzt und in der abscheulichen Zukunft; selber im Himmel wäre mir und dem sündigen Herrn Paschalis besser, wenn Er . . . nein, wollte ich sagen, wenn die sieben Teufel alle andere Gebote nicht gehalten hätten, alle nicht: Das Erste, das Zweite, das Dritte, Vierte, Fünfte -- -- Siebente, Achte, das Neunte, das Zehnte nicht -- aber nur Eines, das Eine, ein einziges Mal!« Und dann weinte sie aus geschlossenen Augen, und zählte dann wieder die Teufel: Einer, Zwei, Drei, Vier, Fünf -- -- -- dann erwachte sie aus ihren Gedanken, und fuhr, erschrocken vor uns, daß wir da gewesen, und fuhr in das Bett, wie ein Gespenst, zog die Tücher über sich, und wir hörten sie darunter dumpf mit den Zähnen klappen, und dazwischen noch aus ihrem Traume die behaltenen wieder auftauchenden Worte murmeln: »Es wäre doch gut für die Welt: ich wäre Sieben Königstöchter; denn die Sieben Kaiserstöchter hätten Sieben Väter, und die Sieben Väter hätten Sieben Herzen und Sieben Steuer solchen Unglücks« -- -- -- --
Das Mädchen deckte jetzt den weißen Schleier von Dorotheas Gesicht und Brust; und wie sie so schön und ruhig lag, und ganz unverstehlich und unausforschlich lächelte, sprach ihre Pflegerin zu Johannes: »Seht nur, ob Sieben Königstöchter schöner sein können! Seht nur getrost hin: Sie ist nun eine Königstochter! Und eines ganz andern Königs Tochter, der ein ganz anderes Herz hat.«
Sie schwieg; denn die Thüre ging auf, und ein französischer Soldat, in feiner Uniform mit dem Orden der Ehrenlegion geschmückt, trat herein; Johannes erkannte den jungen Herrn von Ellenroth, der als Soldat noch einmal so männlich, und in seinem Schmerz noch einmal so schön, ihn mild begrüßte. Er wollte leis aber gerade zu Dorothea hingehen, als wenn sie noch lebte; aber er blieb vor ihr stehen, wandte sein Gesicht zurück, und sagte: »Wie kann man das so bald vergessen, daß Du todt bist! Ach nur, weil ich es nicht glauben kann, daß Du todt sein sollst; weil Du in mir so fort lebendig mir da bist, wie je, und aus mir, und mit mir schaltest, wie Du willst, und _wolltest!_« -- Er nahm den Orden von der Brust, und sagte leis: »Doch . . . hier ist der Orden der Ehre, für die Sieben Kosaken, die ich Dir zum Opfer gebracht in diesen Tagen, die diesen Deinen Sterbetag mich erwarten ließen. Mit Erlaubniß der Obern wurden sie mein, und so viel ich erlegen kann oder will. Aber Sieben sind genug -- und nun falle ich Andern zum Opfer, ohne mich zu wehren. Der _Achte_ aber liegt schon _verwundet_ bei Johannes, und ist heilig; und da er ein Prophet unter seinem Volke ist, wie sie sagen, so ziehe der _Unglücksvogel_ heim und prophezeie! Und noch aus seinem Grabe dringe seine Stimme, wenn er da hinunter gestiegen! -- Das waren schwere Tage, mein Johannes!« sprach er jetzt noch milder. »Wir sind Leidensgefährten! Denn Eure Christel, von derselben Krankheit befallen, sehr krank, irr, und immer noch hülfreich auch in ihrem Wahn -- ob sie gleich wirklich gehört, daß Wecker in Britzenheim als Spion sitzt, und morgen, ich weiß nicht wie: abgethan werden soll -- Eure Christel ist entsprungen! Und Daniel und die anderen Kinder hinter der Mutter! Ihr nach, nach Ihr; kein Winkel ist im Hause undurchsucht -- und in den Straßen hat man sie nicht gesehen; denn jetzt hat Jeder seine eigene Noth; aber im Thore, das nach Zahlbach führt, meinte eine Kastanienfrau, es wäre ihr wohl so, als wenn ein halbgekleidetes Weib hindurch geschlichen wäre, und bald nachher drei Kinder, wovon das kleinste nach warmen Kästen (Kastanien) verlangt. -- Ihr müßt sie begegnet haben -- sonst ist Paschalis umsonst ihr nach. Ich verließ ihn im Thore; und daher komm' ich, noch naß von den Flocken.«
Johannes hörte ihn kaum aus, und eilte von hinnen. Ihm war Alles im Innern klar. Nun hatte er sein Weib gesehen! Das waren seine Kinder gewesen! Doch er verirrte sich noch erst in Paschalis Hause, in den Zimmern, kam in die Kinderstube und sah seiner Kinder weggehangene Kleidchen und die Spielsachen, und Christels Bett, und die kleinen Bettchen; drunten an der Hausthür aber erwartete ihn sitzend der Hund Peter, der ihm als seinem Brodherrn nachgelaufen war, und jetzt fröhlich an ihm emporsprang. Dann eilte er durch die Gasse voll Menschen und Kinder, die dem Zapfenstreich mit türkischer Musik nachliefen, durch das Thor ganz geblendet ins Freie, und auf der Straße in Sturm und Wetter dahin; und wie er sein Weib und die Kinder vorher wie Gespenster gesehen, so schwebten sie jetzt in der dunkeln Nacht ihm wieder vor seinen Augen, luftig, und unerreichlich, immer voraus; und an dem hohen Kreuze stolperte er und fiel mit dem Gesicht in den Schnee. Er besann sich, wo er war; und während ihn der Hund mit der Pfote scharrte und um ihn herum boll, betete er an diesem Zeichen der angefangenen Erlösung in der Angst um Rettung den Vers: »Nun danket Alle Gott!« Und aus der verhallten Neujahrsnacht erklangen ihm wieder die Posaunen vom Dome dazu, und die Freudenschüsse fielen, und die Eule kam, und der Hund erinnerte ihn an den Hund, und sein Gebell an seinen Gang. Und er sprang auf, schlug nun den Thalweg nach Britzenheim ein, sah schon das Licht in der Mühle -- aber da sah ihn auch der Posten der Vorhut, und donnerte ihm sein: »Zurück,« entgegen.
Denn das Wort war ein Donnerkeil, und spaltete sein Herz. Seine Fragen waren umsonst, denn die Wache war eben erst abgelöst; seine Bitten waren umsonst, denn der von seiner Erzählung nicht ungerührte Soldat aus dem Elsaß, fragte ihn nur: »Ob er wolle, daß er erschossen werde? Denn seine Bitte begehre seinen Kopf. Und wenn er auch kein Spion sei -- so könne er durch einige fünfzig Stockschläge einer werden, indem er in aller Unschuld nur Alles treulich sage, wie es in Mainz aussehe? und wo die Wache stehe? und so könne er vielleicht hundert Mann um ihr Leben bringen, durch hundert Schritte vorwärts. -- Wenn Euer Weib hierzu gekommen ist, so hat sie sich vielleicht in dem Schneewetter, ungesehen, glücklich zwischen den Posten durchgeschlichen nach Britzenheim.« --
Der redliche Johannes war traurig überzeugt, blieb aber doch noch lange Zeit neben dem Manne sitzen, bis er vor Gedanken fast einschlief, und das Kommen der neuen Wache ihn weckte, und er still nach Hause schlich, den Pathen im Bette weckte, und ihm sein Herz ausschüttete, und seine Thränen still in sein Kissen.
Vom frühesten Morgen des, auf die betrübte Nacht schön anbrechenden Sonntags durchstrich und durchmusterte Johannes bei Sonnenlicht mit noch brennenden Augen, nebst Petern als Hauptperson, und dem Pathen Leinweber und einem gutwilligen Nachbar die ganze engbeschlossene Gegend, so weit er es durfte. Zuerst stellte er sich auf den Ort, wo ihm Christel und die Kinder verschwunden waren; ging der Richtung nach, suchte Fußtapfen auf, ließ Petern auf die Fährte -- aber die Tritte waren vom eingefallenen Schnee verweht und verschüttet, und der Hund sah ihm rathlos in die Augen. Johannes starrte betrübt in die stille, sonnenblitzende Ferne, die ein schweres Geheimniß für ihn bedeckte, indeß es doch gewiß an seinem Orte ein offenbares war, und er weinte die lächelnde Sonne an. Darauf ging er -- als Gottesdienst -- den Vater besuchen, den er gestern vergessen hatte, wie Jemanden, den er im Sichern wußte. Der Leinweber Krieg aber ging in den Krug, um vor Mißmuth und Trauer den Baß zum Tanze zu streichen; im Grunde aber, um von irgend Jemand aus der Menge ein Wort zu hören, da das Volk Alles erfährt, Alles weiß; weil Alles sich meist auf unentdeckte und oft auf unbegreifliche Weise viel schneller hinaus und umher verbreitet, als schnaufende Pferde mit Schnellreitern und ledernen Täschchen die Kunde berichten. Er traf aber hier nur Soldaten; denn selber die Tanzjungfern waren Soldaten, die sich zierlich verkleidet hatten, damit doch wenigstens Weiberkleider zu sehen und zu fassen wären. Steffen hatte den Kummer im Hause gemerkt, fragte ihn jetzt weit leichter dem Bassisten ab, erschrack, bedachte, gebot ihm Schweigen, und versprach ihm Hülfe.
Und nicht ganz vergebens. Denn schon am Morgen hatte er einen »Blauspecht« gefangen, wie er sich ausdrückte, der in Britzenheim gestanden, und nun die gewöhnliche Soldatenbeichte ablegen mußte. Und so ließ sich der heimgekehrte Johannes nun selber erzählen, daß ein Weib in das Dorf gekommen, und drei Kinder; und der Wirth hätte sie wohl gekannt und wohl aufgenommen in diesen schweren Tagen, »wo die Menschen wunderlich durcheinander geworfen würden, damit das Volk desto mehr Gelegenheit hätte, sein Herz zu beweisen;« wie ein alter närrischer Kerl gesagt, den man als Spion eingebracht mit einer großen Ruthe. Das Weib aber sei schwer krank, die Kinder aber gar wohl, bis auf den Gram um die Mutter.
Der Gefangene ward in die Stadt geführt, und Johannes begleitete ihn ein Stück, um Alles noch einmal zuhören, oder nur noch einen kleinen neuen Umstand. Aber die wiederholten Worte brannten in Johannes Herz nur schmerzlich und tief das Verlangen ein: um jeden Preis zu seiner Christel hindurch zu dringen, und zu seinen Kindern -- da sie nicht zu ihm nach Hause konnten. Er wäre gern auf den Thurm gestiegen, um nur nach Britzenheim zu sehen; aber des alten Vaters Frommholz wegen war er sogar nicht mehr in die Kirche gekommen, weil da der Altar stand, woran _sein_ Erlöser vom Kriege gekniet und gebetet hatte; und er sah keinen Pfarrer darauf, nur immer den alten Zimmerman; und er war ihm theurer, und erschien ihm eben so liebend und fürsorgend, als der alte gute weißbärtige Zimmermann Joseph, der auf dem Altarblatte den Esel mit seiner _anbefohlenen_ Maria mit ihrem Kinde, am Strick nach Egypten zog, aber seit mehr als hundert Jahren noch keinen Schritt weiter gekommen war; und der Esel hatte noch immer die Distel am Wege nicht erschnappt; und die Distel war nicht verblüht, und der alte Joseph zerrte unermüdlich noch immer an dem morgenländischen vierbeinigen Wagen mit dünnhaarigem Schwanze; und sein Gesicht sah nur staubig aus, aber nicht von egyptischem Sande, sondern vom Kirchenstaube. So unverändert kniete in seiner blauen Jacke, die Axt zur Seite, ihm auch der eigene wahre alte fromme Vater Frommholz; und so war der arme Johannes denn auch um den Trost von Gottes Worte aus des Magisters Lademann Munde. Außer der Vermuthung: daß sich die Seinen wahrscheinlich bei dem Richter befänden, der in Krieges- und Friedenszeiten Vieles umsonst zu tragen und Alles im Dorfe zu verantworten hat; daß sie, als im Nachbardorfe, dort bekannt oder doch nicht fremd, und jedenfalls bei Menschen, und unter dem alten treuen Himmel wären, von welchem klarer als die Sonne, aber noch stiller und ganz verborgen ein Auge herabblicken und aller Menschen Geschick bewachen soll -- außer dieser Vermuthung tröstete ihn nur sein Entschluß, zu ihr durch die Vorpostenkette zu dringen, und hielt ihn hin, wie die Menschen sind, von Tage zu Tage, von Nacht zu Nacht mit dem Bewußtsein, er könne ihn ausführen, in welcher Nacht er wolle -- und auch in der Nacht schlummre und schlafe das Auge nicht, und sei nicht untergegangen, wie die eigentlich doch treulose Sonne; und das Eine Auge sei dann tausend Augen, und schieße zu Zeiten goldene Blicke, wie Gestrahl eines fallenden Sternes.
Johannes theilte sein Vorhaben dem Pathen Gevatter mit, --
»Ich gehe zwar mit, wenn Ihr geht,« sprach dieser; »denn ich habe den sogenannten Propheten im Stiche gelassen, und das treibt mich aus Reue mit Euch. Aber ich rathe uns Beiden: nicht zu gehen! Die sogenannten Feinde können näher heranrücken, Zahlbach nehmen, und sich vor die Schanze legen -- dann kann _Christel_ herein -- oder noch her begraben werden, wenn sie gestorben ist; oder wir, das heißt, unsere sogenannten Freunde, können einen Ausfall machen, und Britzenheim _nehmen_, wie man so einen Jammer kurz umschreibt, da er kein sogenannter Diebstahl noch Raubmord ist; und dann könnt _Ihr_ zu Christel und den Kindern hinaus. Ich rathe Euch zu Geduld! Denn mit Geduld kommt der Mensch sehr weit, unglaublich weit, und ist aller Verhältnisse gelassener Herr, besonders weil die Welt _keine_ Geduld hat, am wenigsten aber mein hungriger Namensvetter, der Krieg, die große Lappenpuppe, die aus lauter Magen und Geldbeuteln besteht! Und nichts ist für den Menschen erschrecklicher, als wenn Gott _morgen_ einen sichern glücklichen Weg für uns macht, und wir, wir machen einen unsichern unglücklichen -- _heute_. Etwa heute die Nacht! Selber einen alten Handwerksburschen, einen sogenannten Steuerbruder, der gewiß niemals mehr zu einem dreibeinigen Sitze kam, oder gar zu seinem eigenen sogenannten Werstbänkel, den lumpigen lebensmatten Gesellen hörte ich lustig einmal in die Morgenluft singen: »Es bleibt dabei: Wer warten kann, Der trifft sein Glück bei Zeiten an!«
Johannes aber schob, als Antwort, seinem Freunde nur den neuen Kalender auf 1814 hin, worin unter andern freigesagten Lehren der Freiheit, auch auf Jahrhunderte nachhaltende Sprüche über Menschenrechte standen, auf deren ersten Johannes ihm mit dem Finger wies, und dann die geballte Faust ganz ruhig auf dem Tische hielt, so lange Krieg las:
Drei Dinge stehen jedem Menschen zu, Die Niemand niemals ihm verkümmern darf: Die Gaben Gottes, daß er sei, und froh sei; Die Hülfe seiner Lebensmitgenossen; Das Dritte aber macht ihn erst zum Menschen, Das Recht: den Gott zu ehren und die Seinen In Noth und Tod zu lieben. Ohne Liebe Fällt dieses große Haus der Welt zusammen, Ein jedes kleine Haus, und jedes Herz. D'rum ohne dies Recht, muß er lieber sterben, Dies Recht zu üben, froh den Tod nicht scheuen.