Die Ostereyer: Eine Erzählung zum Ostergeschenke für Kinder
Part 3
»O du mein Gott,« rief Fridolin, »wenn ich es nur früher gewußt hätte. Haberbrot und Ziegenkäse, die ich da im Queersacke trug, sind rein aufgezehrt. Doch halt, halt! rief er jetzt freudig aus, da habe ich ja noch die Eyer. Die sind eine gesunde, nahrhafte Speise.« Er setzte sich zu dem Manne auf den reichlich mit Moos bewachsenen Boden, langte die gefärbten Eyer hervor, machte sogleich eines von der Schale los, schnitt es mit seinem Taschenmesser, gleich Aepfelschnitzchen, in länglichte Stücklein, und gab ein Stückchen nach dem andern dem Manne. Der Mann aß begierig, trank dann wieder dazwischen, und aß dann wieder.
Fridolin wollte das dritte Ey auch aufklopfen. Aber der Mann sagte: »Laß es gut seyn. Zuviel auf einmal essen, besonders nachdem man lange gehungert, ist nicht gut. Ich habe für jetzt genug. So gut hat es mir in meinem Leben noch nicht geschmeckt. Es war ein Königsmahl.« »Ich fühle mich, Gott sey Dank, schon kräftiger, fuhr er fort und setzte sich vollends auf. O wenn du nicht gekommen wärest, so wäre ich diese Nacht sicher verschmachtet.«
»Aber,« sagte Fridolin, indem er den hellen Panzer und die Kleidung von prächtigen Farben näher betrachtete, »wie kommt ihr, edler Ritter, mit eurem Pferde denn in diese schauerliche Schlucht herab?«
»Ich bin nur ein Edelknecht,« sagte der Mann, »und reise schon mehrere Wochen in Angelegenheit meines Herrn weit umher. Da hab ich mich in diesem waldigen Gebirge verirrt. Die Nacht überfiel mich. Auf einmal stürzte ich in der Finsterniß, samt meinem Pferde, den steilen Abhang dort herunter in diese Tiefe. Dem Pferde, das gut auf den Beinen ist, geschah nichts. Aber ich habe mich da an dem Fuße beschädigt, daß ich nicht mehr gehen, und mich nicht einmal mehr auf das Pferd schwingen kann. Indeß ists ein Wunder, daß Mann und Roß nicht sogleich zu Grund gingen. Ich kann Gott nicht genug danken! Ich verband mir die Wunde; aber das Wundfieber setzte mir hart zu. Ich hatte mich schon darein ergeben, zwischen diesen Felsen Hungers zu sterben. Da erschienst du mir, guter Jüngling -- wie ein Engel des Himmels. Sag doch an, wie kommst du hieher in diese menschenleere, einsame Wüste?«
Fridolin erzählte, und der Mann hörte aufmerksam zu, und that dazwischen allerley Fragen. »Wunderlich,« sagte er, indem er auf die Eyerschaalen zeigte, die auf dem Moose umherlagen, »daß sie so schön roth und blau sind. Ich habe noch nie solche Eyer gesehen. Wie, laß mich das Ey, das noch ganz ist und das du wieder in den Queersack stecktest, doch einmal näher betrachten!«
Fridolin gabs ihm, und erzählte, wie er dazu gekommen. Der Mann betrachtete das Ey sehr aufmerksam, und die Thränen drangen ihm in die Augen. »Mein Gott,« sagte er, »was da auf dem Ey steht, ist wohl recht wahr: _Vertrau auf Gott, -- Er hilft in Noth._ Das habe ich jetzt erfahren. Mit heißer Inbrunst flehte ich in diesem Abgrunde zu Gott um Hülfe, und Er hat mein Flehen erhört. Seine Güte sey dafür dankbar gepriesen. Gesegnet seyen die guten Kinder, die dir das Paar Eyer schenkten. O sie dachten wohl nicht, daß sie damit einem fremden Manne das Leben retten würden. Gesegnet sey die gute Frau, die auf dieses Ey hier den tröstlichen Reim schrieb.«
»Du,« fuhr er fort, »gib das Ey mir. Ich will es aufheben, damit ich den schönen Spruch, der sich an mir so schön bewährte, immer vor Augen haben kann. Ja, meine Kinder und Kindeskinder sollen noch im Vertrauen auf Gott gestärkt werden, so oft sie das Ey erblicken und den Spruch lesen. Vielleicht erzählen nach hundert Jahren meine Urenkel noch davon, wie wunderbar Gott ihren Urgroßvater durch ein Paar Eyer vom Hungertode gerettet habe. -- Ich will dir für die Eyer etwas anders geben.« Er zog seinen Geldbeutel heraus, und gab ihm für jedes Ey, das er gegessen, hatte, ein Goldstück -- für das mit dem schönen Reim aber zwey. Fridolin wollte ihm das Ey zwar nicht lassen. Der Mann aber bat so lange, bis er es ihm gab.
»Doch sieh,« sagte der Mann jetzt, indem er an der Felsenwand hinauf blickte, »es will Abend werden, und die Felsen und Gesträuche da oben schimmern in der Abendsonne schon wie rothes Gold. Versuch es doch einmal, mir auf das Pferd zu helfen. Der Weg, auf dem du herabkamst in diese fürchterliche Schlucht, wo die Sonne nie hinscheinet, läßt mich doch einen Ausgang hoffen.«
Fridolin half ihm auf das Pferd, und führte es am Zügel. Sie kamen durch den Hohlweg mit vieler Mühe, aber dennoch glücklich hinauf. O wie sich da der Mann freute, als er die Sonne wieder erblickte, und Wald und Gebirg umher, von ihren glühendrothen Strahlen herrlich beleuchtet.
»Zu meinem Vetter,« sagte Fridolin, »kommen wir jetzt wohl noch. Ich gehe einen starken Schritt und euer Pferd bleibt gewiß nicht zurück. Der Vetter wird euch mit Freuden aufnehmen. Er ist ein braver Mann. Ihr findet nicht nur eine gute Nachtherberge, sondern sicher auch, bis ihr wieder hergestellt seyd, eine liebreiche Pflege.«
Mit anbrechender Nacht kamen sie vor der Hütte des ehrlichen Steinhauers an. Er nahm den Edelknecht mit Freuden auf, und klopfte seinem jungen Vetter Fridolin auf die Schulter, daß er so brav und gut gehandelt habe. -- Fridolin trug seine Bedenklichkeit vor, daß er nicht Wort halten und seiner Mutter und seinen Geschwistern die gefärbten Eyer nicht senden könne. »Ach was, Eyer,« sagte Fridolins Vetter, »ich weiß zwar nicht, was du alles von rothen und blauen und bunten Eyern daher schwatzest, oder was diese Eyer vor andern Vogeleyern, deren viele gewiß noch weit schöner und zarter bemahlt sind, besonders haben sollen; aber wären sie auch pures Gold, so wären sie dennoch wohl fort -- da nur der brave Mann hier nicht hungers sterben durfte, und du einmal ein braver Kerl wirst. Du hast gehandelt, wie der wohlthätige Samariter -- und ich will nun den Wirth machen. Aber bezahlen darfst du mir nichts, setzte er noch lächelnd hinzu. Hörst du?«
Der Edelknecht zeigte das Ey mit dem Spruche. »Es ist wunderschön,« sagte der Vetter zu Fridolin. »Indeß laß ihm's nur; das Gold da wird deiner Mutter lieber seyn. Komm, ich will es dir auswechseln!« Der Jüngling erstaunte über die Menge Münze, die er dafür bekam; denn er hatte das Gold nicht gekannt. »Sieh,« sagte der Vetter, »auch an deiner Mutter wird der Spruch wahr: _Gott hilft in Noth!_ Der Spruch ist mehr werth, als all das Gold. Es ist indeß gut, daß man den Spruch auch ohne das Ey merken kann. Vergiß ihn daher dein Lebenlang nicht.«
Der Edelknecht blieb so lange, bis er ganz gesund war, und beschenkte, ehe er aufsaß, noch alle im Hause reichlich.
Sechstes Kapitel.
Ein Ey, das wirklich in Gold und Perlen gefaßt wird.
Den Frühling und Sommer über fiel in dem Thale nichts besonders vor. Die Kohlenbrenner bauten ihr kleines Feld und gingen fleißig in den Wald, Kohlen zu brennen; ihre Weiber besorgten die Haushaltung und zogen viele Hühner; und die Kinder fragten sehr oft, ob es wohl nicht bald wieder Ostern sey. Die edle Frau aber war jetzt manchmal sehr traurig. Ihr alter, treuer Diener, der sie hieher begleitet hatte, und anfangs von Zeit zu Zeit bald größere, bald kleinere Reisen machte, und ihre Geschäfte besorgte, konnte das Thal schon lange nicht mehr verlassen. Denn er fing an zu kränkeln. Ja, als es Herbst ward und die Gesträuche an den Felsen umher bereits bunte Blätter hatten, konnte er kaum mehr vor die Thüre, um sich, was er sonst so gerne that, ein wenig zu sonnen. Die Frau vergoß aus Mitleid mit dem guten, alten Manne, und aus Besorgniß, ihre letzte Stütze zu verlieren, manche stille Thräne. Auch das fiel ihr sehr schwer, daß sie nun durch ihn von ihrem Vaterlande keine Nachricht mehr erhalten konnte, und in diesem abgelegenen Thale von der ganzen übrigen Welt wie abgeschieden war.
Um diese Zeit setzte aber noch ein anders Ereigniß die gute Frau in nicht geringe Aengste und Schrecken. Die Kohlenbrenner kamen eines Morgens aus dem Walde heim, und erzählten, als sie die vergangene Nacht wohlgemuth bey ihren brennenden Kohlhaufen gesessen wären, da seyen auf einmal vier fremde Männer zu ihnen gekommen, die eiserne Kappen auf dem Kopfe und eiserne Wammse angehabt, und große Schwerter an der Seite und lange Spieße in der Hand geführt hätten. Sie hätten sich Dienstleute des Grafen von Schroffeneck genannt, der mit vielen Reisigen in dem Gebirge angekommen sey. Sie hätten sich auch nach allem in der Gegend wohl erkundigt. Der Müller eilte mit dieser Neuigkeit sogleich zu der Frau, die eben an dem Bette des kranken Kuno saß. Sie wurde, als der Müller den Namen Schroffeneck nannte, todtenbleich, und rief: »O Gott, der ist mein schrecklichster Feind! Ich glaube nicht anders, als er stellt mir nach dem Leben. Die Kohlenbrenner werden den fremden Männern meinen Aufenthalt doch ja nicht entdeckt haben!« Der Müller versicherte, so viel er wisse, sey von ihr gar nicht die Rede gewesen. Die Männer hätten sich an dem Feuer nur gewärmt und seyen gegen Tag wieder weiter gegangen. Daß sie aber noch in dem Gebirge umherstreifen, sey dennoch gewiß.
»Lieber Oswald!« sagte die Frau zum Müller, »Ich habe, seit ihr mich in euer Haus aufnahmet, euch immer als einen gottesfürchtigen, rechtschaffenen, redlichen Mann kennen gelernt. Euch will ich daher meine ganze Geschichte anvertrauen, und auch die große Angst entdecken, die jetzt mein Herz erfüllt; denn auf euern guten Rath und auf euern treuen Beystand mache ich sichere Rechnung.«
»Ich bin Rosalinde, eine Tochter des Herzoges von Burgund. Zwey angesehene Grafen warben um meine Hand -- Hanno von Schroffeneck und Arno von Lindenburg. Hanno war der reichste und mächtigste Herr weit umher, und hatte viele Schlösser und Kriegsleute; allein er war nicht gut und edel. Arno war wohl der tapferste und edelste Ritter im Lande; allein im Vergleich mit Hanno arm; denn er hatte von seinem edlen, uneigennützigen Vater nur ein einziges alterndes Schloß geerbt, und war auch gar nicht darauf bedacht, durch Gewalt mehrere an sich zu reißen. Ihm gab ich, mit Gutheißen meines Vaters, meine Hand, und brachte ihm eine schöne Strecke Landes mit mehreren festen Schlössern zum Brautschatze. Wir lebten so vergnügt, wie im Himmel.«
»Hanno von Schroffeneck faßte aber einen grimmigen Haß gegen mich und meinen Gemahl, und wurde uns todtfeind. Indeß verbarg er seinen Groll, und ließ ihn nicht in öffentliche Feindseligkeiten ausbrechen. Nun mußte mein Gemahl mit dem Kaiser in den Krieg gegen die wilden heidnischen Völker ziehen. Hanno hätte den Zug auch mitmachen sollen. Allein unter allerley Vorwänden wußte er seine Rüstungen zu verzögern, blieb zurück, und versprach blos, dem Heere sobald möglich zu folgen. Während nun mein Gemahl mit seinen Leuten an den fernen Grenzen für sein Vaterland kämpfte, und alle genug zu thun hatten, den übermächtigen Feind abzuhalten, brach der treulose Hanno in unser Land ein -- und niemand war, der sich ihm widersetzen konnte. Er verwüstete alles weit umher, und erstürmte ein festes Schloß nach dem andern. Mir blieb nichts übrig, als mit meinen zwey lieben Kindern heimlich zu entfliehen. Mein guter alter Kuno war mein einziger Schutzengel auf dieser gefährlichen Flucht, auf der ich keinen Augenblick vor Hanno's Nachstellungen sicher war. Er führte mich in dieses Gebirg, wo ich in diesem vor aller Welt verborgenen Thale einen so ruhigen Aufenthalt fand.«
»Hier wollte ich nun weilen, bis mein Gemahl aus dem Kriege zurück kommen, und unsre Habe dem unrechtmäßigen Besitzer wieder entreißen würde. Von Zeit zu Zeit zog Kuno aus dem Gebirge in die bewohntere Welt, Kunde von dem Kriege einzuholen. Allein immer kehrte er mit traurigen Nachrichten zurück. Immer noch waltete der böse Hanno in unserm Lande, immer noch dauerte der Krieg an den Grenzen mit abwechselndem Glücke fort. Nun aber ist schon bald ein Jahr, daß mein guter Kuno krank ist, und seit der Zeit weiß ich nichts mehr von meinem theuren Vaterlande, und von meinem lieben Gemahl. Ach, vielleicht fiel er schon lange unter dem Schwerte der Feinde! Vielleicht kam Hanno, der mir mit seinen Leuten so nahe ist, meinem geheimen Aufenthalte auf die Spur -- und was wird dann aus mir werden? Der Tod wäre noch das Beste, was mir begegnen könnte! --«
»O redet doch mit den Köhlern, lieber Oswald, daß sie mich doch nicht verrathen!« »Was verrathen!« sagte der Müller. »Ich stehe euch gut für alle; jeder gäbe sein Leben für mich. Ehe der von Schroffeneck euch etwas zu leid thun sollte, müßte er es mit uns allen aufnehmen. Seyd daher außer Sorgen, edle Frau!« Eben so sprachen die Kohlenbrenner, als ihnen der Müller die Sache vortrug. »Er soll nur kommen,« sagten sie, »dem wollen wir mit unsern Schürhacken den Weg weisen.«
Die gute Frau brachte indeß ihr Leben unter beständigen Sorgen und Aengsten zu. Sie getraute sich kaum mehr aus der Hütte, und ließ auch keines ihrer Kinder vor die Thüre. Ihr Leben war sehr betrübt und kummervoll. Da es aber in dem Gebirge wieder ruhig wurde, und man von den geharnischten Männern nichts mehr sah und hörte, wagte sie es einmal, einen kleinen Spaziergang zu machen. Es war nach langem Regen gar ein schöner, lieblicher Tag spät im Herbste. Einige hundert Schritte von ihrer Hütte war eine Art ländlicher Kapelle. Sie war nur aus rohen Tannenstämmen erbaut, und an der Vorderseite ganz offen. In der Kapelle sah man die Flucht nach Aegypten, ein sehr liebliches Gemählde, das Kuno einmal von einer seiner Wanderungen mitgebracht hatte, die gute Frau über ihre eigene Flucht zu trösten. Hinter der Kapelle erhob sich eine hohe Felsenwand, und vor der Kapelle standen einige schöne Tannen, und beschatteten den Eingang derselben. Das Plätzchen hatte noch etwas Stilles und Trauliches, daß man mit Wehmuth und Freude hier verweilte. Ein angenehmer Weg über grünen Rasen, zwischen mahlerischen Felsen und Gesträuchen führte dahin. Dies war ihr liebster Spaziergang. Sie ging -- nicht ganz ohne Bangigkeit -- auch dieses Mal dahin. Sie kniete mit ihren Kindern einige Zeit auf dem Betstuhle am Eingange der Kapelle. Die Aehnlichkeit ihres Schicksals mit dem der göttlichen Mutter, die auch mit ihrem Kinde in ein fremdes Land flüchten mußte, rührte sie, und manche Zähre floß von ihren Wangen. Sie betete eine Zeit, und setzte sich dann auf die Bank. Ihre Kinder pflückten indeß an den Felsen umher Brombeeren, freuten sich, daß jede Beere gleichsam ein kleines, glänzendschwarzes Träubchen bilde, und entfernten sich nach und nach ziemlich weit.
Als nun die Frau so einsam da saß -- sieh, da kam ein Pilgersmann zwischen den Felsen hervor und näherte sich der Kapelle. Er hatte nach Art der Pilger ein langes, schwarzes Gewand an und einen kurzen Mantel darüber. Sein Hut war mit schönfarbigen Meermuscheln geziert, und in der Hand führte er einen langen, weißen Stab. Er war, wie es schien, schon sehr alt, aber doch ein stattlicher, sehr wohlaussehender Mann. Seine langen Haare, die auf beiden Seiten der Scheitel schlicht herab hingen, und sein langer Bart waren weiß wie Schleeblüthe, aber seine Wangen noch röther, als die schönsten Rosen. Die Frau erschrack, als sie den fremden Mann sah. Er grüßte sie ehrerbietig und fing ein Gespräch mit ihr an. Sie aber war in ihren Reden sehr vorsichtig und zurückhaltend. Sie blickte ihn nur sehr schüchtern an, als wollte sie ihn erst ausforschen, ob sie ihm -- als einem ganz Fremden -- wohl auch trauen dürfe.
»Edle Frau,« sagte endlich der Pilger, »habt keine Furcht vor mir. Ihr seyd mir nicht so fremd, als ihr denket. Ihr seyd Rosalinde von Burgund. Ich weiß auch gar wohl, was für ein hartes Schicksal euch zwang, zwischen diesen rauhen Felsen eine Zufluchtsstätte zu suchen. Auch euer Gemahl, von dem ihr nun schon drei Jahre getrennt seyd, ist mir recht wohl bekannt. Seit ihr hier in dieser abgelegenen Gegend wohnet, hat sich in der Welt vieles geändert. Wenn euch je noch daran liegt, von dem guten Arno von Lindenburg zu hören, und das Andenken an ihn in eurem Herzen noch nicht erloschen ist, so kann ich euch die fröhlichsten Nachrichten von ihm mittheilen. Es ist Friede! Mit Siegeskränzen geschmückt kehrte das christliche Heer zurück. Euer Gemahl hat seine geraubten Festen wieder erobert. Der Bösewicht Hanno rettete sich mit genauer Noth in dieses Gebirg, und auch aus diesem hat er sich schon weiter flüchten müssen. Der innigste Wunsch eures Gemahls ist nun, euch, seine geliebte Gemahlinn, wieder aufzufinden.«
»O Gott!« rief jetzt die Frau, »welch eine Freudenbothschaft! O wie dank ich Dir, lieber Gott!« Sie sank auf die Knie, und reichliche Thränen flossen über ihre Wangen. »Ja,« sprach sie, »Du, guter Gott, hast meine heißen Thränen gesehen, meine stillen Seufzer vernommen, mein unaufhörliches Flehen erhört! -- O Arno, Arno, daß mir doch bald der selige Augenblick würde, dich wieder zu sehen, und dir deine Kinder, die bey deiner Abreise noch ganz unmündig waren, vorzuführen, damit du nun aus ihrem Munde das erste Mal den holden Vaternamen vernehmest!«
»Ja wohl zweifeln, du frommer Mann,« sagte sie zum Pilger, »ob ich meines Gemahls noch gedenke -- ob nicht sein Andenken in meinem Herzen erloschen? -- O meine Kinder,« rief sie jetzt ihren zwey Kleinen zu, die schüchtern in einiger Entfernung standen, und den fremden Mann neugierig betrachteten -- »o kommt hieher!« Beyde Kinder kamen eilig.
»Du, Edmund,« sprach sie jetzt zum Knaben, indem sie das Kind küßte und ermunterte, nicht scheu, sondern hübsch dreist zu seyn, »sage dem Manne hier das kleine Gebet, das wir alle Morgen für den Vater beten.« Der Kleine faltete, als ob es allzeit so seyn müßte, auch wenn man es nur auswendig hersagte, andächtig die Hände, und sprach mit sichtbarer Rührung, die Augen zum Himmel gerichtet, laut und mit Ausdruck: »Lieber Vater im Himmel! Sieh auf uns zwey arme Waislein herab! Unser Vater ist im Kriege. O laß ihn nicht umkommen! O wir wollen auch recht fromm und gut seyn, damit der liebe Vater Freude habe, wenn er uns einmal wiedersieht! Ach ja, erfülle unsre Bitte!«
»Und du, Blanda,« sagte sie zum gelblockigten Mädchen mit den Rosenwangen, »sag, wie beten wir Abends für den Vater, ehe wir uns schlafen legen?« Das Kind faltete eben so wie der Knabe die kleinen Händchen, schlug die blauen Augen zum Himmel auf, und betete schüchtern mit sanfter, leiser Stimme: »Lieber Vater im Himmel! Ehe wir zur Ruhe gehen, flehen wir noch zu Dir für unsern Vater auf Erde. Laß ihn sanft ruhen und dein Engel beschütze ihn vor feindlichem Ueberfall. Schenke auch der lieben Mutter sanften Schlaf, damit sie ihres tiefen Kummers ein wenig vergesse. Oder wenn Du ihr auch den süßen Schlaf entziehen willst -- so laß ihn auf die Augenlieder des Vaters sanft herabsinken. O möchte dieser Abend der letzte unsrer traurigen Trennung seyn -- möchte bald der frohe Morgen jenes Tages anbrechen, an dem wir ihn wiedersehen!«
»Amen, Amen!« sagte die Mutter, indem sie die Hände faltete, und weinend zum Himmel aufblickte. -- --
Jetzt fing der Pilger mit einem Male an laut zu weinen. In einem Augenblicke hatte er die Verkleidung -- Haare und Bart, Pilgermantel und Pilgerrock hinweg geworfen -- und stand nun in prächtiger, ritterlicher Tracht, in Gold und Purpur, in jugendlicher Schönheit, voll Kraft und Leben da, und breitete seine Arme weit gegen Frau und Kinder aus, und rief mit lauter, tiefgerührter Stimme: »O Rosalinde, meine Gemahlinn -- o Edmund und Blanda, meine liebsten Kinder!«
Die Frau war vom plötzlichen Freudenschrecken ganz betäubt. Die Kinder, die bey dem lauten Weinen des Pilgers eben zu ihrer Mutter aufgeblickt hatten, als wollten sie um Hülfe für den Mann flehen, schauten, als sie jetzt ihren Namen hörten, um -- und erschracken über das Wunder, das sie zu sehen glaubten; denn sie meinten, da die Mutter ihnen öfters aus der Legende erzählt hatte, nicht anders, als der Greis habe sich mit einem Male in einen schönen Jüngling des Himmels -- in einen Engel verwandelt; so schön kam ihnen ihr Vater vor. Denn wirklich war er auch der schönste Mann unter dem ganzen christlichen Heere. O wie entzückt waren sie, als die Mutter ihnen nun sagte, der schöne Herr sey ihr lieber Vater, von dem sie ihnen so oft erzählt habe. Vater und Mutter und Kinder fühlten sich so glücklich, als wären sie schon im Himmel, und ein Paar Stunden verschwanden ihnen wie ein Paar Augenblicke.
Rosalinde hatte aus den Reden ihres Gemahls vernommen, daß er unter starker Bedeckung spornstreichs hieher geritten sey, um sie hier abzuholen; daß er aber wegen der steilen, gefährlichen Felsenwege sein Gefolge von Reitern zurückgelassen habe, und in Pilgertracht, deren sich die Vornehmen damals oft bedienten, wenn sie unbekannt reisen wollten, zu Fuße vorausgeeilt sey, schneller bey ihr zu seyn, sich unter dieser fremden Gestalt von ihrem Wohlbefinden und von dem Wohlverhalten seiner Kinder zu überzeugen, und sie auf seinen Empfang vorzubereiten. Rosalinde fragte, wie es gekommen sey, daß er ihren Aufenthalt so sicher erfahren habe.
»O Rosalinde,« sagte er, »unser Wiedersehen ist die Frucht deiner Wohlthätigkeit gegen die armen Leute, besonders gegen die Kinder in diesem Thale. Darum hat Gott deinen Kindern den Vater wieder geschenkt. Ohne diese deine wohlthätigen Gesinnungen hätten wir uns nicht so bald, ach vielleicht gar nicht mehr gesehen! Denn überall warest du von unsren Feinden umgeben, und leicht hättest du in ihre Hände fallen können. Erst nachdem ich mit meinen Leuten im Gebirge angekommen war, entfloh Hanno mit den Seinigen über alle Berge. Sieh da,« sprach er, und zeigte ihr das gefärbte Ey mit dem Spruche: _Vertrau auf Gott, Er hilft in Noth!_ »Dieses Ey ward in der Hand Gottes das Mittel, uns wieder zu vereinigen. Ich hatte lange Zeit her Leute ohne Zahl ausgesendet, dich zu suchen -- aber immer vergebens. Da kam einmal Eckbert, einer meiner Edelknechte, den ich schon für verloren hielt, weil er mir gar lange ausblieb, von einem Ritte zurück. Er war in einen Abgrund gestürzt, und wäre da bald verhungert. Ein fremder Jüngling rettete ihn mit einem Paar Eyer vom Hungertode, und ließ ihm noch obendrein dieses Ey mit dem schönen Spruche zum Andenken an seine Rettung. Eckbert zeigte mir das Ey. Aber, lieber Himmel, wie erstaunte ich! Auf den ersten Blick erkannte ich deine Hand. Augenblicklich saßen wir auf, und ritten dem großen Marmorbruche zu, in dem der gute Jüngling arbeitete. Dieser zeigte mir den Weg hieher. Hättest du den schönen freundlichen Gedanken nicht gehabt, den Kindern mit den bunten Eyern ein Fest zu machen; hättest du bey den leiblichen Wohlthaten nicht auf den Geist so schön Bedacht genommen, und die schönen Denkreime nicht auf die Eyer geschrieben, wäret ihr alle -- du mein lieber kleiner Edmund da, und du meine kleine holde Blanda hier, gegen einen fremden Jüngling nicht so wohlthätig gewesen: o so wäre uns der heutige Freudentag nicht geworden. Auf jeder milden Gabe -- sie sey auch noch so klein -- ruht doch immer der Segen des Höchsten, wenn sie aus reinem Herzen und ohne Hoffnung einer Vergeltung gegeben wird. Sie ist ein Samenkorn, das reichliche Früchte trägt. Unter Gottes Leitung bringt sie uns oft auf Erden schon großes Heil. Merkt euch das euer Leben lang, ihr lieben Kinder! Gebt den Armen gerne, sucht andern einen frohen Tag zu machen, gleicht eurer Mutter! Helft andern aus der Noth, und euch wird auch geholfen werden! Erbarmet euch, und ihr werdet auch Erbarmen finden. Freudig werdet ihr dann auf Gott vertrauen können, und die felsenfeste Wahrheit auf der zerbrechlichen Eyerschale da, die heute so schön in Erfüllung ging, wird auch fernerhin an euch herrlich in Erfüllung gehen. Er wird euch nie ohne Hülfe lassen. -- Dieß seht ihr aus dieser Geschichte. In Gold und Perlen werde ich deßhalb dieses Ey fassen, und zum steten Andenken in unsrer Burgkapelle am Altare aufhängen.«