Die Ostereyer: Eine Erzählung zum Ostergeschenke für Kinder

Part 2

Chapter 23,873 wordsPublic domain

Die Frau schlug hierauf Eyer in heißes Schmalz. Dieses war für die Köhlerinnen wieder eine neue Erscheinung. »Wie das Gelbe so schön vom Weißen umgeben ist,« sagten sie, »wie bey den großen weiß- und gelben Wiesenblumen, die man Ochsenaugen nennt.« Die Eyer wurden nach und nach auf grünen Spinat gelegt, der in einer großen flachen Schüssel bereit stand -- und auch diese Speise wurde von allen gelobt. So machte die Frau noch andere Eyerspeisen, und unterrichtete die Köhlerinnen, wie die Eyer nicht nur an und für sich eine gesunde Speise seyen, sondern mit noch größerm Vortheil zur bessern Bereitung anderer Speisen benützt werden können.

Zuletzt wurde schöner grüner Ackersalat aufgetragen. Kuno brachte einen Teller voll Eyer, die schon früher hart gesotten wurden, damit sie indeß wieder kalt würden. Der fröhliche Alte ließ aus Scherz die Eyer fallen, daß sie auf dem steinigen Boden herumrollten. Die Köhlerinnen am Tische erschracken, daß sie laut aufschrien. Sie meynten, die Eyer würden ausfließen. Aber wie wunderten sie sich alle, als die Frau die Schalen rein ablöste, und jedes Ey so durchaus hart erschien, daß es sich schneiden ließ. Die Sache schien ihnen ein Wunder. Indeß sagte ihnen die Frau, wie man die Eyer hart siede und legte die zierlich geschnittenen Eyer auf den Salat, und auch diese Speise schmeckte den Gästen sehr gut.

Nachdem die Mahlzeit geendet war, vertheilte die Frau einige Hähne und mehrere Hennen unter die Hausmütter. Sie sagte ihnen, daß eine Henne des Jahres hundert, bis hundert fünfzig Eyer lege -- worüber alle erstaunten. »Ueber hundert Eyer!« riefen sie. »Welch ein Vortheil in der Haushaltung!« Die guten Hausmütter brachten mit den Hühnern eine große Freude ins Thal. In allen Hütten war Jubel. Alle Leute im Thale segneten die Frau, und dankten Gott für so schöne wohlthätige Geschenke.

Die Hühner waren lange Zeit das tägliche Gespräch. Immer bemerkten die Leute noch etwas neues daran, das sonderbar und zugleich nützlich war. Die Eigenschaft, daß der Hahn morgens krähe, war den Hausvätern besonders lieb. »Er verkündet so,« sagten sie, »den nahen Tag und fordert die Menschen auf, an ihr Tagwerk zu gehen. Es ist ein ganz neues Leben im Thal, wenn am Morgen die Hähne so zusammen krähen, und man geht ordentlich munterer an die Arbeit!« »Freylich wohl!« sagte der Müller. »Wenn der Hahn aber gegen Mitternacht das erste Mal kräht, so ruft er den lustigen Gesellschaften mit lauter Stimme zu, jetzt sey es die höchste Zeit, sich zur Ruhe zu begeben.«

Den Hausmüttern gefiel es noch besonders, daß die Henne es gatzend ankündete, wenn sie ein Ey gelegt hatte. Allemal war Freude im Hause, wenn sie sich hören ließ. »So weiß man es doch gleich,« sagten sie, »und kann das nützliche Geschenk sogleich in Empfang nehmen.«

Hausväter und Hausmütter sagten oft unter einander: »Diese Vögel sind wahrhaftig von Gott recht eigentlich zu Hausthieren geschaffen. Sie halten sich so treulich an das Haus, entfernen sich nie weit davon, kommen, sobald man ihnen lockt, sogleich alle zurück, ja, sie gehen am Abende von selbst heim, und warten an Hausthür oder Fenster, bis man sie hereinlasse. Nicht nur bringen sie in der Haushaltung einen großen Nutzen; ihr Unterhalt kostet auch sehr wenig. Sie nehmen mit Kleye, mit dem Abfalle vom Gemüse, und mit andern schlechten Dingen vorlieb, die man im Hause sonst nicht weiter nützen könnte. Ja sie gehen vom Morgen bis Abend außer dem Hause überall umher und scharren und suchen ihr Futter selbst auf. Viele tausend Körnlein, die besonders zur Erntezeit und bey dem Dreschen verloren gingen, kommen so noch den Menschen zu gut. Die Hennen lesen sie fleißig auf und geben uns Eyer dafür. Die ärmste Wittwe, die sonst kein Hausthier halten konnte, vermag doch noch eine Henne, und das tägliche Ey ist ein tägliches Almosen für sie.«

Auch die zwey Kinder der Frau sahen nun ein, woran sie im Ueberflusse nie gedacht hatten, was die Eyer für gütige Geschenke Gottes seyen. O wie froh waren sie, als sie hie und da morgens ein Ey in Milch essen konnten! Wie gut fanden sie nun manche Speise, die ihnen vorhin nicht recht genießbar schien, weil das Ey daran fehlte. Wie sehr dankten sie Gott dafür!

Viertes Kapitel.

Das Fest der bemahlten Eyer, ein Kinderfest.

Indeß gingen Sommer und Herbst vorüber, und der Winter kam. Er war, zumal in dieser rauhen Gegend, sehr hart. Die kleinen Hütten im Thale lagen Monate lang, wie im Schnee vergraben. Nur die rauchenden Kamine und etwas von den Dächern schauten noch aus der weißen Hülle hervor. Von dem Hohlwege zwischen den Felsen herauf sah man gar nichts mehr. Die Mühle stand still, und die Wasserfälle hingen starr und geräuschlos an den Felsen da. Man konnte nur wenig zusammen kommen. Desto größer war die Freude, als der Schnee schmolz, und es wieder Frühling ward.

Die Kinder aus dem Thale kamen sogleich wieder herauf, und brachten den beyden fremden Kindern, Edmund und Blanda, die ersten blauen Veilchen und gelben Schlüsselblümchen, die sie im Thale finden konnten. Ja sie flochten ihnen, sobald es mehrere dieser holden Frühlingsblümchen gab, die schönsten blauen und gelben Kränze. »Ich muß,« sagte die edle Frau, »den guten Kindern doch auch eine Freude machen. Ich will ihnen auf den kommenden Ostertag ein kleines ländliches Kinderfest geben. Denn es ist gar schön, daß man solche Tage den Kindern, so gut man nur immer kann, zu Freudentagen mache. Aber was soll ich ihnen geben? Auf Weihnachten konnte ich sie mit Aepfeln und Nüssen beschenken, die ich für sie hatte bringen lassen. Allein zu dieser Zeit hat man nichts im Hause, als etwa ein Ey. Noch bringt die Natur nichts hervor, das zu genießen wäre. Alle Bäume und Sträuche stehen ohne Früchte und Beeren. Eyer sind die ersten Geschenke der wieder auflebenden Natur.«

»Aber,« sagte Martha, »wenn die Eyer nur nicht so ganz ohne alle Farben wären! Weiß ist wohl auch schön. Allein die allerley Farben der Früchte und Beeren, zumal die schönen rothen Wangen der Aepfelein, sind doch noch schöner.«

»Du bringst mich da auf einen Einfall,« sagte die gute Frau, »der nicht gar übel seyn mag. Ich will die Eyer hart sieden, und sie, was sich während des Siedens leicht thun läßt, zugleich färben. Die mancherley Farben machen den Kindern gewiß große Freude.«

Die verständige Mutter kannte verschiedene Wurzeln und Moose, die man zum Schönfärben brauchen kann. Sie färbte nun die Eyer auf verschiedene Art. Einige wurden schön himmelblau, andere gelb wie Zitronen, andere so schön roth wie das Innere der Rosen. Einige hatte sie mit zarten grünen Blättchen eingebunden, die sich dann auf den Eyern abbildeten, und ihnen ein unvergleichlich schönes buntes Aussehen gaben. Auf einige setzte sie auch einen kleinen Reim.

»Die bemahlten Eyer,« sagte der Müller, als er sie erblickte, »sind gerade recht für das Fest, wo die Natur ihr weißes Kleid ablegt, und sich mit allerley Farben schmückt. Die gute Mutter macht es gerade wie der liebe Gott, der uns nicht nur schmackhafte Früchte giebt, sondern sie auch noch für das Auge schön und freundlich macht. Wie er die Kirsche roth, die Pflaume blau, die Birne gelb färbt, so macht sie es mit den Eyern.«

Der Ostertag war diesesmal ein überaus schöner Frühlingstag -- ein wahrer Auferstehungstag der Natur. Die Sonne schien so schön und warm, der Himmel war so rein und blau, daß es eine Lust war, und alles neues Leben fühlte. Die Wiesen im Thale waren bereits schön grün und hie und da schon bunt von Blumen.

Schon lange vor Anbruch der Morgenröthe hatten die Frau und der alte Kuno sich auf den Weg zur Kirche gemacht, die über zwey Stunden weit entfernt jenseits mehrerer Berge lag. Die Väter und Mütter aus dem Thale, und die größern Kinder, die so weit gehen konnten, zogen auch mit dahin. Gegen Mittag kam die Frau mit Hülfe des Maulthieres, das Kuno führte, wieder zurück; die übrigen Leute aber kamen mit ihren Kindern erst lange nach Mittag, oder gar erst gegen Abend nach Hause.

Sobald die Frau angelangt war, eilten jene Kinder, die man daheim gelassen hatte, und die mit Edmund und Blanda ungefähr von einerley Alter -- und schon lange eingeladen waren, voll Freude herauf.

Die Frau führte sie in das Gärtchen, das Kuno im vorigen Jahre sehr verschönert hatte. Nahe an der Felsenwand, auf einem zierlich mit Kiese beschütteten Grunde, war ein länglicht runder Tisch. Der war jetzt mit einem farbigen Teppiche belegt. Rasensitze von jungem, frischen Grün umgaben ihn. Die Kinder setzten sich rings um den Tisch, und mitten unter ihnen Edmund und Blanda. Alle sahen freundlich und fröhlich aus den Augen und waren voll Erwartung der Dinge, die da kommen würden. Es war wirklich ein ungemein lieblicher Anblick, den schönen Kreis von gelb- und braunlockichten Köpfchen und alle blühenden Gesichtchen zu sehen. »So schön ist kein Blumenkranz,« sagte die Frau bey sich selbst, »und wäre er auch aus den schönsten Rosen und Lilien gewunden.«

Nun erzählte ihnen die Frau zuerst sehr schön und deutlich, warum der heilige Ostertag ein so großes Freudenfest sey -- und dann wurde eine große irdene Schüssel voll heißer Milch aufgetragen, darein Eyer geschlagen waren. Jedes Kind hatte ein neues irdenes Schüsselchen vor sich stehen. Jedes bekam nun seinen Theil und ließ sichs trefflich schmecken. Hierauf führte die Frau die Kinder durch eine Seitenthür des Gärtchens in das kleine Tannenwäldchen, das an den Garten stieß. Zwischen den jungen Tännchen waren hie und da schöne grüne Rasenplätze. Da sagte die Frau den Kindern, jedes solle aus Moos, mit dem die Felsen und Bäume umher reichlich bewachsen waren, ein kleines Nestchen machen. Sie gehorchten mit Freuden. Denjenigen Kindern, die nicht zurecht kommen konnten, mußten die geschicktern helfen. Jedes mußte sich sein Nestchen recht wohl merken.

Nun kehrten die Kinder wieder in den Garten zurück. Aber sieh -- da erblickten sie auf dem Tische einen großen Kuchen von Eyerbrot, der wie ein großer gewundner Kranz gestaltet war. Jedes bekam nun ein großes Stück Kuchen. Indeß nun die Kinder aßen, schlich Martha mit einem großen Korbe voll gefärbter Eyer heimlich in das Wäldchen, und vertheilte die Eyer in die Nestchen, und die blauen, rothen, gelben oder bunten Eyer nahmen sich in den zierlichen Nestchen von zartem, grünlichem Moose ungemein schön aus.

Nachdem die Kinder genug gegessen hatten, sagte die Frau: »Nun kommt, jetzt wollen wir nach den Nestchen sehen.« In jedem Nestchen lagen fünf gleichfarbige Eyer, und auf Einem derselben stand ein Reim. Was da die Kinder für ein Freudengeschrey erhoben! Die Freude und der Jubel ging über alle Beschreibung. -- »Rothe Eyer! Rothe Eyer!« rief das eine, »in meinem Nestchen sind lauter rothe Eyer.« »Und in dem meinigen blaue,« rief ein anderes, »o alle so schön blau, wie jetzt der Himmel.« »Die meinigen sind gelb,« schrie ein drittes, »noch viel schöner gelb, als die Schlüsselblümchen, oder der hellgelbe Schmetterling, der dort fliegt.« »Die meinigen, rief das vierte, haben gar alle Farben!« »O das müssen wunderschöne Hühner seyn,« rief ein kleiner Knabe, »weil sie so schöne Eyer legen. Die möchte ich einmal sehen.«

»Ey,« sagte Martha's Schwesterchen, das Kleinste aus allen Kindern, »die Hühner legen freylich keine so schöne Eyer. Ich glaube gar, das Häschen hat sie gelegt, das aus dem Wachholderbusche heraussprang und davon lief, als ich dort das Nestchen bauen wollte.« Und alle Kinder lachten zusammen, und sagten im Scherze, der Haase lege die bunten Eyer. Ein Scherz, der sich in manchen Gegenden bis auf unsere Zeiten erhalten hat.

»O mit wie wenigem,« sagte die Frau, »kann man den Menschen eine große Freude machen! Wer sollte nicht gerne geben; indem ja geben seliger ist, als empfangen! -- Wer doch noch ein Kind seyn könnte! Eine solche Freude empfinden unter den Erwachsenen nur diejenigen, die ihr Herz rein und schuldlos bewahrten. Nur die leben noch in dem Paradiese der Kindheit -- diesem Gottesreiche schuldloser Freude.«

Nun machte die Frau den Kindern wieder eine andere Unterhaltung. Manches Kind, das nur blaue Eyer bekam, hätte gerne auch ein rothes oder gelbes gehabt. Denen, mit den rothen, gelben oder bunten Eyern ging es eben so. Die Frau sagte daher den Kindern, sie sollen mit einander tauschen. Nur das Ey mit dem Sprüchlein durfte nicht vertauscht werden. Das war jetzt eine neue Freude, da jedes Kind auf diese Art Eyer von allen Farben erhielt. »Seht,« sagte die Frau, »so muß man einander aushelfen. Wie es mit den Eyern hier ist, so ist es mit tausend andern Dingen. Gott theilte seine Gaben so aus, daß die Menschen einander davon wechselweise mittheilen können, und so einander Freude machen und einander lieber gewinnen sollen. Möchte doch jeder Tausch oder Kauf, wie euer kleiner Eyerhandel beschaffen seyn, daß immer beyde Theile gewinnen, und keiner verliere.«

Der kleine Edmund las seinen Reim. Ein Köhlerknabe war darüber voll Erstaunen. Denn damals gab es noch wenige Schulen, und mancher Erwachsene wußte kaum, daß es um das Lesen und Schreiben etwas Schönes und Nützliches sey. Der Köhlerknabe wollte nun sogleich wissen, was denn da auf _seinem_ Ey geschrieben stehe. »O ein unvergleichlich schönes Sprüchlein!« sagte die Frau. »Höre einmal! _Für Speis und Trank -- dem Geber dank!_« Sie fragte die Kinder, ob sie dieses immer gethan hätten? Jetzt fiel es ihnen erst ein, Gott für die fröhliche Mahlzeit und die schönen Eyer zu danken, was sie denn nach Anleitung der Frau auch sogleich von Herzen thaten.

Nun wollte aber jedes Kind wissen, was auf seinem Ey stehe. Alle drängten sich um die Frau. Alle die kleinen Händchen, und in jedem der Händchen ein Ey, waren gegen sie ausgestreckt. Alle riefen wie mit einem Munde: »Was steht auf meinem? Was auf meinem? Wie heißt meines? O meines zuerst lesen!«

Die Frau mußte Friede machen, und die Kinder in einen Kreis stellen. Jetzt las sie in der Reihe herum ein Sprüchlein nach dem andern. Jedes Kind war voll Begierde zu wissen, wie sein Reimlein heiße. Alle horchten auf die Frau, und wandten kein Auge von ihr, wenn sie wieder ein Sprüchlein las.

Die Reimlein bestanden nur immer aus einigen Wörtchen. Alle zusammen, sowohl auf den Eyern, die sie jetzt, als auf jenen, die sie nachher noch austheilte, waren ungefähr folgende:

1. Nur Eins ist noth, Kind, liebe Gott!

2. Gott sieht dich, Kind, Drum scheu die Sünd.

3. Für Speis und Trank Dem Geber dank'.

4. Ein dankbar Herz Flammt himmelwärts.

5. Vertrau' auf Gott, Er hilft in Noth.

6. Höchst elend ist, Wer Gott vergißt.

7. Wer Jesum ehrt, Thut, was Er lehrt.

8. Gebet und Fleiß Macht gut und weis'.

9. Fromm, gut und rein, Drey Edelstein.

10. Ein gutes Kind Gehorcht geschwind.

11. Beym Eigensinn Ist kein Gewinn.

12. Ein reines Herz Erspart viel Schmerz.

13. Kind, wirst du roth, So warnt dich Gott.

14. Wie Rosen blüht Ein rein Gemüth.

15. Bescheidenheit Das schönste Kleid.

16. Wer Lügen spricht, Dem glaubt man nicht.

17. Die Heucheley Ein faules Ey.

18. Verdientes Brot, Macht Wangen roth.

19. Unmäßig seyn Bringt Schmach und Pein.

20. Geiz macht ein Herz Zu Stein und Erz.

21. Ein frommer Mann, Hilft wo er kann.

22. Zorn, Haß und Neid Bringt dir nur Leid.

23. Still, sanft und mild, Ein goldner Schild.

24. Geduld im Leiden Bringt Himmelsfreuden.

25. Gutseyn, nicht Gold, Macht lieb und hold.

26. Ein gut Gewissen, Ein sanftes Kissen.

27. Wer Gutes thut, Hat frohen Muth.

28. Zur Ewigkeit Sey stets bereit.

29. Weltlust vergeht, Tugend besteht.

30. Den Frommen lohnen Dort ew'ge Kronen.

Jedes Kind gab sich alle Mühe, sein Reimlein zu merken, und wiederholte es in der Stille immer bey sich selbst, um es nicht zu vergessen.

Die Frau fragte nun in der Reihe herum, ob jedes sein Sprüchlein noch wisse. Hie und da mußte sie ein wenig nachhelfen. Aber bald wußte jedes Kind das seine schön und deutlich zu sagen. Ja viele merkten auch die Reimlein der übrigen. Nach und nach wußte fast jedes Kind alle Reime auswendig. Wenn man nur das erste Wort nannte, so wußten sie fast allemal das Sprüchlein bis ans Ende zu sagen. Und wenn man die erste Hälfte sagte, so wußten sie die zweyte ganz sicher. So viel auf einmal, und so leicht, unter Lust und Lachen, hatten die Kinder noch nie gelernt.

Die Väter und Mütter und die andern Kinder, die indes nach Hause gekommen waren, und den lauten Jubel, der in das Thal hinabscholl, vernahmen, eilten herauf, zu sehen und zu hören, was es denn gebe, und waren ganz erstaunt. »So viel,« sagten sie, »lernen ja die Kinder zu Hause kaum in einem halben Jahre auswendig, als hier in einer halben Stunde. Es bleibt doch wahr, Lust und Lieb zu einem Ding, macht alle Müh und Arbeit gering.« »Aber den Kindern Lust zu machen, sagte der Müller, das ist das Kunststückchen. Da steckts! -- Das heißt einmal viel gelernt. Das ist ja eine ganze Sittenlehre für Kinder im Kleinen. Wie die Frau doch mit Kindern umzugehen weiß!«

Die Frau beschenkte nun auch die übrigen Kinder mit bunten Eyern und mit Kuchen, und sagte noch zu allen: »Die gefärbten Eyer mögt ihr zu Hause essen; und die mit dem Sprüchlein, müßt ihr zum Andenken aufbewahren.« »Die essen wir freylich nicht!« sagten die Kinder. »Die heben wir auf. Das Sprüchlein ist ja mehr werth, als das Ey.« »Das ist's wahrhaftig,« sagte die Frau, »wenn ihr das befolgt, was es euch lehrt.«

Sie ermahnte die Aeltern nun, die Kinder bey guter Gelegenheit an die Sprüchlein zu erinnern. Die Aeltern thatens. Wenn ein Kind nicht sogleich auf das Wort folgen wollte, erhob der Vater den Finger und sagte: »_Ein gutes Kind_ --« und das Kind sprach: »_gehorcht geschwind!_« und gehorchte dann auch geschwind. Wenn ein Kind Miene machte, zu lügen, sprach die Mutter: »_Wer Lügen spricht_ --« »_dem glaubt man nicht!_« fuhr das Kind fort, erröthete und schämte sich zu lügen. Und so machten die Aeltern es auch mit den übrigen Reimen.

Die Kinder sagten noch gar oft, in ihrem Leben hätten sie keinen so vergnügten Tag gehabt. »Nun,« sagte die Frau allemal, »so thut nur fleißig, wie es in den Sprüchlein heißt, und dann gebe ich euch alle Jahre ein solches Eyerfest. Wer aber böse ist und nicht folgt, darf nicht dazu kommen. Denn es soll nur ein Fest für gute Kinder seyn.« O, wie da die Kinder im Thale so gut und so folgsam wurden!

Fünftes Kapitel.

Ein Paar Eyer -- mehr werth, als wenn sie von Gold wären.

Unter den Zuschauern, die dem kleinen Kinderfeste beywohnten, hatte die Frau einen fremden Jüngling bemerkt, der in dem Kreise fröhlicher Menschen ganz traurig dastand. Der Jüngling mogte etwa im sechzehnten Jahre seyn. Er war nur sehr ärmlich gekleidet, allein von einem sehr edlen Aussehen und von einer blühenden, unverdorbenen Gesichtsfarbe; seine schönen gelben Haare hingen bis auf die Schultern herab, und in der Hand hatte er einen langen Wanderstab.

Nachdem sich die meisten Zuschauer zerstreut hatten, fragte ihn die Frau voll Mitleids, warum er denn so traurig sey. »Ach, sprach der Jüngling, und die hellen Thränen standen ihm in den Augen, mein Vater, der ein Steinhauer war, ist erst vor drey Wochen gestorben. Meiner Mutter geht es nun mit meinen zwey kleinen Geschwistern, einem Knaben und einem Mädchen, sehr hart. Mich will der Bruder meiner Mutter annehmen, und mich das Handwerk des Vaters, das er auch treibt, lehren, damit ich die Mutter erhalten und mich in der Welt fortbringen könne. Zu diesem reise ich jetzt. Ich komme schon zwanzig Stunden weit her und habe fast noch so weit zu gehen. Denn der Vetter wohnt weit hin in einer andern Gegend des Gebirges.«

Die Frau wurde, besonders da ihr eignes Schicksal dem Schicksale der armen Wittwe des Steinhauers in etwas ähnlich war, sehr gerührt. Sie gab ihm Milch mit Eyern und Eyerkuchen zu essen, und schenkte ihm einiges, seine Mutter damit zu unterstützen. Edmund und Blanda hatten auch großes Mitleiden mit ihm. »Da,« sagte Blanda, »bring dieses rothe Ey deinem kleinen Schwesterchen und grüße sie mir recht freundlich.« »Und,« sagte Edmund, »dieses blaue Ey bringe deinem Brüderchen zum Gruße, und sag ihm, er soll uns einmal heimsuchen! Wir wollen ihm dann auch Milchsuppe und Eyerkuchen auftischen.« Die Mutter lächelte, holte noch ein bemahltes Ey, und sagte: »Dieses Ey da gieb deiner Mutter. Das Sprüchlein darauf ist der beste Trost, den ich ihr geben kann: _Vertrau auf Gott, -- Er hilft in Noth!_ und so wird ihr das Ey kein unangenehmes Geschenk seyn; ja wenn sie das Sprüchlein befolgt, so ist es das beste Geschenk von der Welt, das man ihr nur immer machen könnte.«

Der Jüngling dankte herzlich. Der Müller behielt ihn über Nacht, und am andern Morgen, da die Spitzen der Felsen, die das Thal einschlossen, sich errötheten, setzte er seinen Stab weiter, nachdem der Müller ihm noch zuvor Haberbrot und Ziegenkäse in seinen Queersack gesteckt hatte.

Fridolin, denn so hieß der Jüngling, wanderte durch das Gebirge, über hohe Felsen und durch tiefe Thäler, rüstig fort. Am Abende des dritten Tages war er nur noch ein Paar Stunden von der Wohnung des Vetters entfernt. Aber sieh da -- als er so auf schmalem Wege, längs einer himmelhohen Felsenwand hinkletterte, und in die tiefe schauerliche Kluft zwischen den buschigen Felsen mit Grausen hinabschaute, erblickte er auf einmal ein aufgezäumtes und gesatteltes Pferd; die Decke war schön purpurroth und der Zügel schien lauter Gold. Das Pferd aber schaute zu ihm herauf und wieherte, als freute es sich, einen Menschen zu sehen, und als wollte es ihn mit lautem Jubel willkommen heißen.

»Alle Welt,« sagte der Jüngling, »wie kommt das edle Thier in diese tiefe Schlucht hinab. Allem nach gehört es einem Ritter zu. Wenn dem Herrn, dem es angehört, nur kein Unglück begegnet ist. Ein gesatteltes Pferd ohne Reiter an einem solchen Orte ist immer ein Anblick, über den man erschrickt. Mir wird ganz bange; ich muß doch einmal nachsehen.« Er versuchte lange vergebens hinab zu klettern, wiewohl er im Bergsteigen sehr geübt war. Endlich fand er einen engen Steig zwischen den Felsen, den ein wildes Bergwasser ausgehöhlt hatte, der aber jetzt trocken lag, und kam glücklich hinunter. Da sah er einen Mann von edlem Aussehen und in ritterlicher Kleidung unter einem überhangenden Felsen liegen. Sein glänzender Helm mit dem prangenden Federbusche lag neben ihm, und der Spieß steckte darneben. Der Mann aber sah sehr blaß aus, und der Jüngling wußte nicht, ob er nur schlafe oder gar todt sey. Mitleidig ging er zu ihm hin, faßte ihn freundlich bey der Hand und sagte: »Fehlt euch etwas lieber Herr?«

Der Mann schlug die Augen auf, blickte den Jüngling starr an, seufzte, und versuchte zu reden. Aber er konnte kein Wort hervorbringen. Da deutete er mit der Hand auf den Mund, und dann auf den Helm, der neben ihm lag. Fridolin verstand, daß er trinken wolle, nahm den Helm, und ging, Wasser zu holen. Ein paar graue Weidenbäume tief in einem Winkel der Schlucht verriethen ihm, daß Wasser in der Nähe seyn müsse. Er ging hin, fand feuchten Grund, wand sich eine Strecke zwischen Felsen und Gesträuchen hinauf, und sieh -- da rann ein kleines Quellchen, hell wie Kristall, aus einem moosigen Felsen hervor. Fridolin füllte den Helm, und eilte dem Durstenden zu. Er trank öfter und in langen Zügen. Nach und nach kam ihm die Sprache wieder.

»Gott sey Dank!« war sein erstes Wort. »Und auch dir sey Dank, freundlicher Jüngling,« fuhr er mit heißerer Stimme fort, indem er den Kopf auf die Hand stützte. »Dich hat mir Gott zugesendet, damit ich nicht verschmachte. -- Aber, wie mich jetzt hungert! Hast du nicht einen Bissen Brot bei dir?«