Die Ostereyer: Eine Erzählung zum Ostergeschenke für Kinder
Part 1
Die Ostereyer.
Eine Erzählung zum Ostergeschenke für Kinder.
Von dem Verfasser der Genovefa.
Leitmeritz. 1818. bey Carl Wilhelm Medau.
Vorerinnerung an die Kinder.
Die folgende kleine Erzählung ward schon einmal vielen Kindern, die längst zuvor über den hohen Sinn und die schöne Bedeutung des heiligen Osterfestes unterrichtet worden, zu einer lehrreichen und angenehmen Unterhaltung vorgelesen, und nicht nur die Kinder, sondern auch mehrere Erwachsene hörten sie mit Freuden an.
Weil ich nun dachte, daß diese Erzählung auch euch, meine lieben Kinder -- ja wohl auch euren größern Geschwistern und selbst euren Aeltern -- Vergnügen machen dürfte, so ward sie als ein kleines Ostergeschenk für euch gedruckt.
Die Erzählung handelt, wie es der Titel sagt, freylich nur von einer Kleinigkeit -- den Ostereyern; indeß werdet ihr gewiß gerne lesen, wie auch die kleinste Gabe Gottes -- ein Ey! -- ein großes Wunder der Allmacht und Weisheit Gottes und eine mannigfaltige Wohlthat für die Menschen sey, ja wie Gott sich oft einer geringen Sache bediene, seine heilige Vorschrift und liebreiche Vatersorgfalt an den Menschen zu verherrlichen.
Diese und andere gute Lehren sind in diesem Büchlein die Hauptsache; das übrige soll blos dazu dienen, euch eine unschuldige Freude zu machen -- wie etwa eure Mutter euch auf das Osterfest ein Ey schenkt, das nicht nur durchaus voll kräftiger Nahrung ist, sondern auch durch ein gefälliges Aeußeres und eine freundliche Farbe das Auge vergnügt.
Der Verfasser.
Erstes Kapitel.
»O weh, da giebts noch nicht einmal Hühner!«
Es lebten einmal vor vielen hundert Jahren, in einem kleinen Thale tief im Gebirge, einige arme Kohlenbrenner. Das enge Thal war rings von Wald und Felsen eingeschlossen. Die Hütten der armen Leute lagen im Thale umher zerstreut. Einige Kirsch- und Pflaumenbäume bey jeder Hütte, etwas Ackerland mit Sommergetreide, Flachs und Hanf, eine Kuh und einige Ziegen waren all ihr Reichthum. Indeß erwarben sie noch einiges mit Kohlenbrennen für die Einschmelze im Gebirge. So wenig aber die Leute hatten, so waren sie dennoch ein sehr glückliches Völklein; denn sie wünschten sich nicht mehr. Sie waren bey ihrer harten Lebensart, bey steter Arbeit und strenger Mässigkeit vollkommen gesund und man sah in diesen armen Hütten -- was man in Pallästen vergebens suchen würde -- alte Männer, die über hundert Jahre zählten.
Eines Tages, da schon der Haber anfing zu bleichen und es in dem Gebirge sehr heiß war, kam ein Köhlermädchen, das die Ziegen hütete, fast außer Athem nach Hause gesprungen, und brachte den Aeltern die Nachricht, es seyen fremde Leute in dem Thale angekommen von gar wundersamer Tracht und seltsamer Redensart -- eine vornehme Frau, und zwey Kinder, und ein sehr alter Mann, der, ob er gleich sehr prächtige Kleider anhabe, doch nur ihr Diener scheine. »Ach, sagte das Mädchen, die guten Leute sind hungrig und durstig, und sehr müde. Ich traf sie, als ich eine verlorne Ziege suchte, ganz abgemattet im Gebirge an, und zeigte ihnen den Weg in unser Thal. Wir wollen ihnen doch etwas zu essen und zu trinken hinaus tragen -- und sehen, ob wir sie die Nacht bey uns und den Nachbarn nicht unterbringen können.« Die Aeltern nahmen sogleich Haberbrot, Milch und Ziegenkäse und gingen hin.
Die Fremden hatten sich indeß in den Schatten einer buschigen Felsenwand gelagert, wo es sehr kühl war. Die Frau saß auf einem bemoosten Felsenstücke, und hatte ihr Angesicht mit einem weißen Schleyer von feinem Flor bedeckt. Eines der Kinder, ein zartes, wunderschönes Fräulein, saß ihr auf dem Schooße. Der alte Diener, ein ehrwürdiger Greis, war damit beschäftigt, das schwer beladene Maulthier abzupacken, das sie bey sich hatten. Das andere Kind, ein muntrer, schöner Knabe, hielt dem Thiere einige Disteln hin, an denen es begierig fraß.
Der Kohlenbrenner und sein Weib näherten sich der fremden Frau mit Ehrerbietung. Denn an ihrer edlen Gestalt, ihrem Anstande und ihrem langen, weißen Gewande merkte man sogleich, daß sie von hohem Stande seyn müsse. »Sieh nur, sagte die Kohlenbrennerinn leise zu ihrem Manne, den zierlich ausgezackten, stehenden Halskragen, die feinen Spitzen, aus denen die zarten Hände nur zur Hälfte hervorblicken, und -- der tausig! -- sogar die Schuhe sind so weiß, wie Kirschenblüthe, und mit silbernen Blümchen geziert!« Der Mann tadelte aber sein Weib und sagte zu ihr: »Dir steckt doch nichts im Kopfe, als die Eitelkeit! Den höhern Ständen geziemt eine vornehmere Kleidung. Indeß macht das Kleid den Menschen um nichts besser, und mit den zierlichen Schuhen hat die gute Frau wohl schon manchen harten Tritt thun und manche rauhe Wege gehen müssen.«
Der Köhler und die Köhlerinn bothen der fremden Frau jetzt Milch, Brot und Käse an. Die Frau schlug den Schleyer zurück und beyde wunderten sich über die Schönheit und die edle, sanfte Gesichtsbildung der Frau. Sie dankte freundlich, und ließ sogleich das Kind auf dem Schooße aus der irdenen Schale voll Milch trinken -- und die hellen Thränen drangen ihr aus den Augen, und benetzten die blühenden Wangen, als das Kleine die Schale mit beyden Händchen festhielt und begierig trank. Auch der liebliche Knabe kam herbey und trank auch. Darauf theilte sie von dem Brote aus -- und dann trank sie erst selbst, und aß von dem Brote. Der fremde Mann aber ließ sich besonders den Käs' sehr gut schmecken. Während sie aßen, kamen aus allen Hütten groß und klein herbey, standen im Kreise umher, und betrachteten neugierig und wundernd die neuangekommenen Fremden.
Nachdem der alte Mann satt war, bat er flehentlich, die Leute möchten der Frau doch in irgend einer Hütte auf einige Zeit ein kleines Stübchen einräumen; sie werde ihnen nicht zur Last fallen, sondern alles reichlich bezahlen. »Ach ja,« sagte die Frau mit sanfter, lieblicher Stimme, »erbarmt euch einer unglücklichen Mutter und ihrer zwey Kleinen, die durch ein schreckliches Schicksal aus ihrer Heimath vertrieben wurden.« Die Männer traten sogleich zusammen, und hielten Rath, wie das zu machen sey.
Oben im Thale brach hoch aus röthlichen Marmorfelsen ein Bächlein hervor, stürzte sich, schäumend und weiß wie Milch, von Felsen zu Felsen, und trieb eine Mühle, die gleichsam nur so an den Felsen dort hing. Auf der andern Seite des Bächleins hatte der Müller noch ein anderes nettes Häuschen erbaut. Freylich war es, wie alle übrigen Häuser im Thale, nur ganz von Holz; aber gar freundlich anzusehen, von Kirschbäumen lieblich beschattet, und von einem kleinen Gärtchen umgeben. Dieses Häuschen bot der Müller der fremden Frau zur Wohnung an.
»Mein neues Hüttchen da droben,« sagte er, indem er mit der Hand hinauf zeigte, »räume ich euch, wie es dasteht, herzlich gerne ein. Es ist spanneu, und noch kein Mensch hat darin gewohnt. Ich baute es eigentlich, um einmal dahin zu ziehen, wenn ich die Mühle meinem Sohne übergeben werde. Wie doch der liebe Gott -- Ihm sey Dank! -- so wunderbar für euch sorgt! Erst gestern bin ich damit vollends fertig geworden, und heute könnet ihr nun schon einziehen. Es ist recht so, als wenn ich es gerade nur für euch gebaut hätte. Es wird euch gewiß gefallen!«
Die gute Frau war über dieses freundliche Anerbiethen hocherfreut. Nachdem sie etwas ausgeruht hatte, ging sie sogleich hinauf. Sie trug das kleine Fräulein auf dem Arme, und der alte Mann führte den Knaben an der Hand. Der Müller aber besorgte das Maulthier. Die Frau fand das Häuschen, zur großen Freude des Müllers, ganz unvergleichlich. Mit einem Tische, einigen Stühlen, und Bettstätten war es schon versehen. Schöne Teppiche und prächtige Decken zur Nachtruhe hatte die Frau auf dem Maulthiere mitgebracht. Sie übernachtete daher sogleich da -- und dankte Gott mit ihren beiden Kleinen vor dem Schlafengehen noch herzlich, daß er ihr nach langem Herumirren einen so angemessenen Zufluchtsort habe finden lassen. »Wer hätte es geglaubt, sagte sie, daß ich, in Pallästen erwachsen, mich noch glücklich schätzen würde, in eine solche Hütte aufgenommen zu werden. Wie nöthig hat auch der Höhere, gegen den Niedrigsten gut und gefällig zu seyn! Könnte er auch so hart seyn, es nicht aus Menschenfreundlichkeit zu thun, so sollte ihn doch die Klugheit dazu bewegen. Denn kein Mensch weiß, was ihm bevorsteht.«
Den andern Morgen kam die Frau in aller Frühe mit ihren Kleinen aus der niedern Wohnung hervor, sich ein wenig in der Gegend umzusehen. Denn am Tage zuvor waren sie dazu allzumüde. Mit Entzücken betrachtete sie die schöne Aussicht ins Thal. Die Hütten der Köhler lagen tief unten im grünen Thale wie hingesäet, nur immer zwey oder drey beisammen. Das Mühlbächlein schlängelte sich hell wie Silber mitten durchhin. Die bunten Felsen voll grüner Gesträuche, an denen die Ziegen nagten, hätte man, so wie sie jetzt von der Morgensonne beleuchtet waren, nicht schöner mahlen können.
Der alte Müller kam, sobald er die Frau mit ihren Kindern erblickte, sogleich aus der Mühle heraus, und über den schmalen Steg, der über das Bächlein führte, herüber. »Aber nicht wahr, rief er, ein schöneres Plätzchen als dieses, giebt es doch im ganzen Thale nicht! Hier scheint die Morgensonne immer am ersten hin. Wenn die Hütten unten, wie eben jetzt, noch im schwarzen Schatten liegen, so ist da droben schon alles von der Sonne wie vergoldet. Ja oft, wenn in dem tiefen, feuchten Thal kaum die Kamine der Hütten aus dem grauen Nebel hervorragen, hat man hier den klaren blauen Himmel.«
Den Kindern der Frau gefiel aber das Mühlrad, das sich beständig so geschäftig umdrehte, am besten. Den Knaben ergötzte besonders das Klappern der Mühle, und das Rauschen des Wassers, das wie siedende Milch zu kochen schien. Das Mädchen hingegen hatte ihre vorzügliche Freude an den funkelnden Edelsteinen von allen Farben, die, wie sie sagte, im Sonnenglanze von dem immer tröpfelnden Rade fielen.
Die Frau brachte den Tag zu, sich einzurichten, so gut es in diesem armen Thale seyn konnte. Die Leute wetteiferten, sie mit Lebensmitteln, mit Brennholz, irdenem Küchengeschirre, und andern Kleinigkeiten zu versehen. Das Mädchen, das ihr zuerst den Weg in das Thal gezeigt hatte und Martha hieß, kam zu ihr in den Dienst.
»Vor allem brauche ich Eyer!« sagte die Frau, als sie sich zum Kochen anschickte. »Sieh doch, daß du mir für Bezahlung einige auftreibest.« »Eyer?« fragte Martha ganz verwundert. »Je wozu denn?« »Närrisches Mädchen,« sagte die Frau, »wozu? -- zum Kochen. Gehe nur, und mache, daß du bald wieder kommest.« »Zum Kochen?« sagte das Mädchen; »aber die Vögelein haben ja nun keine Eylein mehr, und dann wäre es doch auch Schade. Vier Personen hätten ja wohl einige hundert Eylein von Finken oder Hänflingen nöthig, sich satt zu essen.« »Was plauderst du da,« sagte die Frau; »wer redet denn von den Eyerchen der Vögelein. Ich meyne Hühnereyer.« Das Mädchen schüttelte den Kopf und sagte: »Was das für Vögel sind, weiß ich gar nicht. In meinem Leben habe ich noch keine gesehen.« »O weh, sagte die Frau, so giebts bey euch noch nicht einmal Hühner!«
Denn da die Hühner erst aus dem Morgenlande zu uns gebracht wurden, so war damals in manchen Gegenden ein Huhn wirklich etwas so seltenes, als jetzt ein Pfau. Die Frau wußte sich, da hier auch nichts von Fleischspeisen zu haben war, in ihrer kleinen Küche fast nicht zu helfen. »Ich hätte nie daran gedacht,« sprach sie, »was es um ein Ey für eine Wohlthat Gottes ist, bis jetzt, da ich keines haben kann. So gings mir aber auf meiner Wanderung schon mit hundert Dingen. Mangel und Noth haben doch auch ihr Gutes, indem sie uns auf manche Gabe Gottes, die wir bisher nicht achteten, aufmerksam machen, und uns Dankbarkeit lehren.«
Die gute Frau mußte sehr kümmerlich leben. Die Leute trugen ihr indeß fleißig zu, was sie nur immer glaubten, daß ihr angenehm seyn könnte. Wenn der Müller eine schöne Forelle oder ein Köhler ein Paar Krametsvögel fing, so brachten sie ihr dieselben sogleich. Die größten Dienste that ihr aber der alte Diener, der mit ihr gekommen war. Sie hatte noch einige goldene Kleinodien und kostbare Edelsteine. Von diesem gab sie ihm von Zeit zu Zeit, und er verreiste damit, und blieb oft mehrere Wochen aus. So oft er zurück kam, brachte er immer allerley mit, das er für die kleine Haushaltung eingekauft hatte. Die Leute bemerkten indeß, daß die Frau nach seiner Zurückkunft oft sehr traurig war, und rothgeweinte Augen hatte. Sie wären gar gerne dahinter gekommen, wer sie denn eigentlich sey, und woher sie komme. Allein sie selbst zu fragen, hatten sie den Muth nicht. Der alte Mann aber sagte ihnen, wenn sie ihn fragten, so seltsame Namen, daß sie dieselben kaum nachsprechen konnten, und sie in einer Viertelstunde schon wieder vergessen hatten, bis sie endlich merkten, daß der muntere Greis sie nur zum Besten habe. Da machten sie sich an die Kleinen. »Sag' uns doch, sagten sie zum Knaben, wie heißt denn deine Mutter eigentlich? Wir wollen es nicht weiter sagen. Sag es uns nur ins Ohr.« Da sagte ihnen denn das Kind sehr geheimnisvoll, aber auch sehr offenherzig und zutraulich: »Sie heißt eigentlich Mamma.« Aehnliche Antworten gab auch das Mädchen. Die Leute mußten es also der Zeit überlassen, dieses Geheimniß zu enthüllen.
Zweytes Kapitel.
»Gottlob, nun sind doch einmal die Hühner da!«
Einmal kam der alte Diener, der Kuno hieß, wieder von einer Reise heim, und trug einen Hühnerstall auf dem Rücken. In dem waren ein Hahn und einige Hennen. Als die Kinder im Thale den alten Mann kommen sahen, liefen sie alle zusammen; denn er brachte ihnen immer etwas mit -- weißes Brot, getrocknete Pflaumen, ein Pfeifchen, ein Glöcklein für ihre Ziegen oder sonst eine Kleinigkeit.
Dießmal waren die Kinder sehr neugierig, was denn in dem vergitterten Kästchen sey, das fast ganz mit Tuch bedeckt war, so daß man nicht recht hinein sehen konnte. Sie begleiteten ihn bis vor die Thüre der Frau, die mit ihren zwey Kleinen sogleich freudig herauskam und ihn grüßte. »Gottlob, rief das kleine Fräulein und klatschte in die Hände, nun sind doch einmal die Hühner da!«
Der Mann stellte den Kasten nieder, öffnete das Thürchen, und da kam denn zuerst ein prächtiger Hahn heraus. Die Kinder erstaunten. »Was für ein sonderbarer Vogel das ist! riefen sie; denn wie man ihn heiße, wußten sie noch nicht. In unserm Leben haben wir noch keinen so schönen Vogel gesehen! Was er für eine schöne Krone auf dem Kopfe hat, noch schöner roth, als Kornblumen; und wie wunderschön bräunlich und gelblich seine Federn schimmern, noch schöner als reifes Getreide in der Abendsonne; und wie wunderlich er den Schweif trägt, fast wie eine Sichel gekrümmt!« Auch die Hennen gefielen ihnen sehr wohl. Es waren ein Paar Schwarze mit hochrothem Kamme, ein Paar Weiße mit Schöpfen, und ein Paar Röthlichbraune ohne Schweif. Die Frau streute den Hühnern einige Hände voll Haberkörner hin. Die Hühner pickten sie geschäftig hinweg, und die Kinder standen und knieten im Kreise umher, und sahen mit vergnügten Gesichtern zu.
Als der Haber aufgefressen war, da schwang mit einem Male der Hahn die Flügel und krähte -- und alle Kinder lachten laut zusammen, so freuten sie sich darüber. Und im Heimwege schrien die Knaben alle: »Kikeriki« und die Mädchen machten es ihnen wohl auch nach, aber doch nicht gar so laut. Als die Kinder heimkamen, erzählten sie von den Wundervögeln, die viel größer seyen, als die Ringeltauben, ja wohl größer, als die Raben, und wie sie so schöne Farben hätten, noch viel schöner als alle Vögel im Walde. »Und, sagte die kleine Marie, Marthas Schwesterlein, wie sie so ein rothes Käpplein auf dem Kopfe tragen, wie es bisher noch bey keinen Vögeln des Waldes gebräuchlich gewesen.« Auch die Aeltern wurden neugierig und kamen, die fremden Vögel zu sehen, und waren nicht weniger darüber verwundert.
Nach einiger Zeit ließ sich eine der Hennen zum Brüten an. Martha mußte die Henne täglich füttern. Die Frau zeigte einmal den Kindern aus dem Thale das Nest, und die Kinder wunderten sich alle laut über die Menge von Eyern. »Funfzehn Eyer!« riefen sie; »die Holztauben legen nur zwey, andere Vögelein nur fünf Eyer. O wie wird die Henne so viele Junge auffüttern!«
Da die Jungen anfingen auszukriechen, wollte die Frau den Kindern eine Freude machen, und ließ sie rufen. Es kamen aber, da es eben Feyertag war, auch viele große Leute mit. Sie zeigte ihnen ein aufgepicktes Ey. O wie freuten sich die Kinder, als das junge Hühnlein so geschäftig pickte, herauszukommen. Die Frau half ihm vollends heraus. Nun war die Verwunderung noch größer, daß das kleine Vögelein schon über und über so schöne gelbe Flaumfederlein habe, so munter aus den schwarzen Aeuglein blicke, und sogleich davon laufen könne, da doch andere junge Vögelein nackt, blind und ganz hülflos zur Welt kämen. »Das ist doch etwas unerhörtes,« sagten die Kinder, »solche Vögel giebt es in der ganzen Welt nicht mehr.«
Als die schöne, glänzend schwarze Glucke mit dem purpurrothen Kamme, in Mitte ihrer fünfzehn gelbhaarigen Jungen, das erste Mal auf den grünen Rasen herausschritt, da war die Freude der Kinder und Aeltern gar über alle Weise. »Schöneres kann man doch nichts sehen!« sagte ein Köhler. »Und horcht nur,« sprach die Köhlerinn, »wie die Alte den Jungen lockt, und wie die kleinen Dingerchen den Ruf verstehen, und sogleich folgen. Es wäre zu wünschen, daß ihr Kinder auch immer so auf den Ruf ginget.«
Ein Knabe wollte ein junges Hühnlein fangen, um es näher zu betrachten. Das kleine Dingelchen schrie aber kläglich, und auf das Geschrey schoß die Alte plötzlich und mit weitgeöffneten Flügeln herbey, und flog dem Knaben, der heftig erschrack und jammernd um Hülfe schrie, auf den Kopf. Sie hätte ihm wohl die Augen ausgekratzt, wenn er das Junge nicht augenblicklich wieder hätte laufen lassen. Der Vater schmähte den Knaben, und die Mutter sagte: »Wie das treue Thier sich seiner Jungen so eifrig annimmt! Menschen könnten sogar von ihm lernen.«
Wenn die Henne nun einen guten Bissen fand, so erhob sie sogleich ein Geschrey, und die Jungen eilten alle zusammen. Die Alte zerhackte ihn erst mit ihrem Schnabel und legte ihnen gleichsam vor. Jedermann wunderte sich, daß so junge Thierchen, die kaum über einen Tag alt wären, nicht nur sogleich laufen, sondern auch schon fressen könnten.
Da jetzt die Sonne sich etwas unter die Wolken verbarg -- so sammelten sich alle Jungen unter die Alte, und versteckten sich da, um sich zu wärmen. »Das ist noch das allerschönste,« sagten die Leute. »Es ist gar so artig und munter, wie hie und da ein Köpfchen unter den Flügeln der Henne hervorsieht, oder sich ein Junges hervorwagt, und sogleich wieder an einer andern Stelle unter sie hineinkriecht.«
Der Müller, der in seiner weißbestäubten Kleidung in Mitte der schwarzen Köhler sich gar sonderbar ausnahm, aber auch an Einsicht sich eben so vor ihnen auszeichnete, sprach: »Was das doch ein Wunderding mit diesen fremden Vögeln ist! Wir erblicken zwar Gott überall in der Natur; aber wenn wir etwas ungewöhnliches sehen, fällt uns seine Allmacht, Weisheit und Güte doch noch mehr in die Augen. Bedenkt nur, wie gut es ist, daß diese kleinen Vögelein sogleich laufen und fressen können; wenn die Alte so vielen Jungen das Futter im Schnabel zutragen müßte, wie eine Schwalbe, da würde sie nicht fertig! Wie gut ists, daß es schon die Natur der Jungen so ist, der Alten nachzulaufen und ihrer Stimme zu folgen. Liefen sie, weil sie doch auf der Stelle laufen können, sogleich auseinander; die Alte könnte sie nicht mehr zusammen bringen, und die Jungen gingen verloren. Besonders wundert mich aber, wo die Henne den Muth hernimmt, ihre Jungen so tapfer zu vertheidigen! Habe ich mich doch oft schon über die Hühner geärgert, und sie dumme Thiere gescholten, weil sie allemal, so oft ich an ihnen vorbey ging, vor Furcht scheu auseinander flogen, obwohl sie längst merken konnten, daß ich ihnen nichts zu leid thue. Und nun ist die Natur des Thieres ganz verändert, und sie setzt sich gegen einen Mann zur Wehre. Oft hat es mich ergötzt, wie die Hennen um einen Bissen zanken, oder wie diejenige, die ein größeres Bröcklein fand, so neidig ist, und sogleich davon läuft, und wie die andern ihr nachlaufen, und es ihr nehmen wollen. Jetzt aber hat sie ihre Gefrässigkeit ganz abgelegt, und ruft den Jungen selbst und rührt nichts an, bis alle satt sind. Ich glaube das gute Thier stürbe lieber selbst Hungers, als daß sie eines ihrer Jungen verhungern ließe. Diese zärtliche Sorgfalt, mit der die Henne ihre zarten Jungen umherführt, Futter für sie aufsucht, sie ernährt, sie beschützt, sie unter ihren Flügeln wärmt -- hat Gott dem Thiere eingepflanzt. So zärtlich ist Gott für diese jungen Hühnlein besorgt! Und wie sollten nun wir verzagen? Sollte Er nicht noch mehr für uns besorgt seyn? Freylich sorgt Er noch mehr für uns. Darum nur guten Muth, lieben Leute! Gott macht alles wohl. Er sorgt für alle seine Geschöpfe -- am meisten aber für den Menschen, der in seinen Augen mehr ist, als alle Hühner und alle andern Vögel in der ganzen Welt.«
Drittes Kapitel.
»Jetzt giebt es Eyer im Ueberfluß.«
Weil die guten Leute im Thale gegen die fremde Frau immer gar so gefällig gewesen, so war sie schon lange darauf bedacht, ihnen auch wieder eine Freude zu machen, und ihre ärmliche Haushaltung zu erleichtern. Die gute Frau hatte daher Eyer und Hühner sehr geschont, und da sie nun einen schönen Vorrath von Eyern und auch mehrere Hühner beysammen hatte, schickte sie Martha ins Thal, alle Hausmütter auf den morgigen Tag, der ein Sonntag war, einzuladen. Sie kamen mit Freuden, und in ihrem schönsten Aufputze. In dem kleinen Gärtchen hatte der alte Diener einen ländlichen Tisch mit einigen Bänken bereitet. Hier mußten sie Platz nehmen.
Martha brachte hierauf einen großen Korb voll Eyer. Die waren alle so reinlich, daß man kein Flecklein daran sah, und weiß wie Schnee. Die Kohlenbrennerinnen erstaunten und wunderten sich nicht wenig über die Menge von Eyern. »Gottlob! sagte die Frau, jetzt giebt es Eyer im Ueberfluß, und es ist allerdings ein schöner Anblick, so viele reinliche Eyer beysammen zu sehen. Nun will ich euch aber auch zeigen, wie man sie in der Haushaltung nützen kann.«
In einer Ecke des Baumgärtchens, unten an einem Felsen, war Feuer aufgemacht. Eine große Pfanne voll Wasser hing über dem Feuer. Die Frau schlug zuerst ein Ey auf, um zu zeigen, wie es innen aussehe, bevor es in das heiße Wasser komme. Alle betrachteten mit Aufmerksamkeit die schöne kristallhelle Feuchtigkeit, in der gleich einer gelben Kugel der Dotter schwamm. Nun wurden so viele Eyer, als es Gäste waren, weich gesotten. Auf dem Tische war Salz und weißes länglich geschnittenes Brot in Bereitschaft. Die Frau lehrte sie die Eyer öffnen, und nun wunderten sich alle, wie das durchsichtige des Eys so schön weiß wie Milch aussah, und eben so, wie das Gelbe, fester geworden. Alle lobten, indem sie nach Anweisung der Frau die Eyer mit dem Brote austunkten, die treffliche Speise. »Da hat man,« sagten sie, »Geschirr und Speise sogleich beysammen. Und wie schön und reinlich, wie lieblich weiß und gelb alles aussieht! Wie schnell, ohne Kunst, ohne allen Aufwand ein Ey gekocht ist. Auch für Kranke könnte man nicht leicht eine wohlfeilere und nahrhaftere Speise finden.«