Die organische Chemie in ihrer Anwendung auf Physiologie und Pathologie
Part 21
0,305 Substanz gaben 0,575 Kohlensäure u. 0,202 Wasser 0,214 „ „ 0,402 „ 0,138 „ 1,471 Blut hinterließen 0,065 Asche.
Ochsenfleisch Ochsenblut Mittel Playfair* Boeckmann* Playfair* Boeckmann* Kohlenstoff 51,83 51,89 51,95 51,96 51,96 Wasserstoff 7,57 7,59 7,17 7,33 7,25 Stickstoff 15,01 15,05 15,07 15,08 15,07 Sauerstoff 21,37 21,24 21,39 21,21 21,30 Asche 4,23 4,23 4,42 4,42 4,42
Zieht man den Aschengehalt ab, so ist die Zusammensetzung des organischen Theils des
Ochsenfleischs Ochsenbluts Playfair* Boeckmann* Playfair* Boeckmann* Kohlenstoff 54,12 54,18 54,19 54,20 Wasserstoff 7,89 7,93 7,48 7,65 Stickstoff 15,67 15,71 15,72 15,73 Sauerstoff 22,32 22,18 22,31 22,12
Dieser Zusammensetzung entspricht die Formel:
~C₄₈~ 54,62 ~H₇₈~ 7,24 ~N₁₂~ 15,81 ~O₁₅~ 22,33
Note 30. S. 137.
_Zusammensetzung der Choleinsäure_[F58].
berechnet Demarçay Dumas ~C₇₆H₁₃₂N₄O₂₂~ Kohlenstoff 63,707 63,5 63,24 Wasserstoff 8,821 9,3 8,97 Stickstoff 3,255 3,3 3,86 Sauerstoff 24,217 23,9 23,95
[58] Annal. der Pharm. Bd. ~XXVII~. S. 284 u. 293.
Note 31. S. 137.
_Zusammensetzung des Taurins und der Choloidinsäure_.
Taurin[F59].
berechnet Demarçay Dumas ~C₄H₁₄N₂O₁₀~ Kohlenstoff 19,24 19,26 19,48 Wasserstoff 5,78 5,66 5,57 Stickstoff 11,29 11,19 11,27 Sauerstoff 63,69 63,89 63,68
[59] Annal. der Pharm. Bd. ~XXVII~. S. 287 u. 292.
_Choloidinsäure_[F60].
berechnet Demarçay Dumas ~C₇₂H₁₁₂O₁₂~ /---------------\ Kohlenstoff 73,301 73,522 73,3 74,4 Wasserstoff 9,511 9,577 9,7 9,4 Sauerstoff 17,188 16,901 17,0 16,2
[60] Ebendas. S. 289 u. S. 293.
Ich habe zu den Untersuchungen von Demarçay Folgendes zu bemerken:
Der Stoff, den ich als Choleinsäure bezeichnet habe, ist die Galle selbst, getrennt von den anorganischen Bestandtheilen (Salze u. s. w.), die sie enthält; durch Bleiessig, bei Gegenwart von Ammoniak, treten alle ihre organischen Bestandtheile an Bleioxyd, indem sie sich damit zu einem unlöslichen, harzartigen Niederschlage verbinden; der mit dem Bleioxyd verbundene Körper enthält allen Kohlenstoff und Stickstoff der Galle. Was ich mit Choloidinsäure bezeichnet habe, ist die Substanz, welche man erhält, wenn die durch Alkohol von den darin unlöslichen Stoffen befreite Galle mit einem Uebermaße von Salzsäure im Sieden erhalten wird. Diese Substanz enthält allen Kohlenstoff und Wasserstoff der Galle, bis auf diejenige Mengen dieser Elemente, welche in der Form von Taurin und Ammoniak ausgetreten sind. Die Cholinsäure enthält die Bestandtheile der Galle, von denen sich die Elemente des kohlensauren Ammoniaks getrennt haben.
Diese drei Stoffe enthalten also die Producte der Metamorphose der ganzen Galle, ihre Formeln drücken die Anzahl der Elemente ihrer Bestandtheile aus. Keiner davon ist in der Form, in der wir ihn gewinnen, fertig gebildet in der Galle enthalten; ihre Elemente sind in einer andern Weise mit einander verbunden wie in der Galle, allein die Art, wie sie geordnet sind, hat auf die Festsetzung ihres relativen Verhältnisses durch die Analyse nicht den geringsten Einfluß. In der Formel selbst liegt demnach keine Hypothese, sie ist ein reiner Ausdruck der Analyse. Aus wieviel verschiedenen Substanzen die Choleinsäure, Choloidinsäure u. s. w. auch bestehen mag, die relative Anzahl ihrer Elemente zusammengenommen wird durch die aufgefundene Formel ausgedrückt.
Die Untersuchung der Producte, welche aus der Galle durch die Einwirkung der Luft und chemischer Agentien hervorgebracht werden, können für pathologische Zustände von Wichtigkeit werden, allein bis auf das allgemeine Verhalten der Galle ist die Kenntniß dieser Producte dem Physiologen völlig unnütz, es ist eine Last, die ihm das Voranschreiten erschwert. Von keinem einzigen der 38 oder 40 Stoffe, in die man die Galle zerlegt hat, läßt sich mit Gewißheit behaupten, daß er fertig gebildet darin enthalten ist, von den meisten weiß man mit Bestimmtheit, daß sie Erzeugnisse der Materien sind, die man darauf einwirken ließ.
Die Galle enthält Natron, allein sie ist eine Natronverbindung der merkwürdigsten Art; wenn wir ihre in Alkohol löslichen organischen Bestandtheile an Bleioxyd binden und das Bleioxyd wieder davon scheiden, so haben wir einen Körper (Choleinsäure), der mit Natron zusammengebracht eine der Galle dem Geschmacke nach ähnliche Verbindung wieder bildet, allein es ist keine Galle mehr; die Galle kann mit Pflanzensäuren, ja mit verdünnten Mineralsäuren, vermischt werden, ohne Trübung, ohne einen Niederschlag zu bilden, während die ebenerwähnte Verbindung der Choleinsäure durch die schwächsten Säuren zersetzt und alle Choleinsäure wieder abgeschieden wird. Die Galle ist demnach keineswegs als choleinsaures Natron zu betrachten. In welchem Zustande, kann man weiter fragen, ist das Cholsterin, die Margarin- und Talgsäure, die man darin nachweis’t, in der Galle enthalten? Das Cholsterin ist in Wasser nicht löslich, mit Alkalien nicht verseifbar, die Verbindungen der genannten, fetten Säuren mit Alkalien, wären sie wirklich als Seifen in der Galle enthalten, sie müßten durch Säuren mit der größten Leichtigkeit abgeschieden werden. Allein es erfolgt durch verdünnte Säuren keine Abscheidung von Margarin- oder Talgsäure.
Es ist möglich, daß in neuen und wiederholten Untersuchungen Abweichungen in der procentischen Zusammensetzung, von der in den analytischen Entwicklungen gegebenen sich herausstellen werden, allein auf die Formel selbst kann dies nur von geringem Einfluß sein; wenn das relative Verhältniß des Kohlenstoffs zum Stickstoff sich nicht ändert, so werden sich diese Abweichungen auf den Sauerstoff und Wasserstoffgehalt beschränken; man wird alsdann für die Auseinandersetzungen in Formeln annehmen müssen, daß mehr Wasser oder mehr Sauerstoff, oder weniger Wasser und weniger Sauerstoff an der Metamorphose der Gebilde Antheil nehmen, allein die Wahrheit der Entwicklungen selbst wird hierdurch nicht gefährdet.
Note 32. Seite 137.
_Zusammensetzung der Cholinsäure_[F61].
berechnet Dumas ~C₇₄H₁₂₀O₁₈~ Kohlenstoff 68,5 68,9 Wasserstoff 9,7 9,2 Sauerstoff 21,8 21,9
[61] Ebendaselbst Bd. ~XXVII.~ S. 295.
Note 33. S. 139.
_Zusammensetzung der Hauptbestandtheile des Harns der Menschen und Thiere_.
_Harnsäure_.
Liebig Mitscher- berechnet [F62]* lich[F63] ~C₁₀H₈N₈O₆~ Kohlenstoff 36,083 35,82 36,00 Wasserstoff 2,441 2,38 2,36 Stickstoff 33,361 34,60 33,37 Sauerstoff 28,126 27,20 28,27
[62] Annal. der Pharm. Bd. ~X.~ S. 47.
[63] Poggend. Annal. Bd. ~XXXIII.~ S. 335.
_Alloxan_[F64].
Product der Oxydation der Harnsäure.
berechnet Wöhler u. Liebig* ~C₈H₈N₄O₁₀~ /--------------\ Kohlenstoff 30,38 30,18 30,34 Wasserstoff 2,57 2,48 2,47 Stickstoff 17,96 17,96 17,55 Sauerstoff 49,09 49,38 49,64
[64] Annal. der Pharm. Bd. ~XXVI.~ S. 260.
_Harnstoff_.
Wöhler u. Prout Liebig berechnet [F65] [F66] ~C₂N₄H₈O₄~ Kohlenstoff 19,99 20,02 20,192 Wasserstoff 6,65 6,71 6,595 Stickstoff 46,65 46,73 46,782 Sauerstoff 26,63 26,54 26,425
[65] ~Thoms. Ann. T. XI. p.~ 352.
[66] Poggend. Ann. Bd. ~XX.~ S. 375.
_Krystallisirte Hippursäure_.
Mitscher- Liebig Dumas lich berechnet [F67]* [F68] [F69] ~C₁₈N₂H₁₆O₅~ Kohlenstoff 60,742 60,5 60,63 60,76 Wasserstoff 4,959 4,9 4,98 4,92 Stickstoff 7,816 7,7 7,90 7,82 Sauerstoff 26,483 26,9 26,49 26,50
[67] Annal. d. Pharm. Bd. ~XII.~ S. 20.
[68] ~Ann. de Chim. et de Phys. T. LVII. p.~ 327.
[69] Pogg. Ann. Bd. ~XXXIII.~ S. 335.
_Allantoin_[F70].
Wöhler u. berechnet Liebig* ~C₈N₈H₁₂O₆~ Kohlenstoff 30,60 30,66 Wasserstoff 3,83 3,75 Stickstoff 35,45 35,50 Sauerstoff 30,12 30,09
[70] Ann. der Pharm. Bd. ~XXVI.~ S. 215.
_Harnoxyd_[F71].
Wöhler u. berechnet Liebig* ~C₅H₄N₄O₂~ Kohlenstoff 39,28 39,86 Wasserstoff 2,95 2,60 Stickstoff 36,35 37,72 Sauerstoff 21,24 20,82
[71] Annal. der Pharm. Bd. ~XXVI.~ S. 344.
_Cysticoxyd_[F72].
berechnet Thaulow* ~C₆N₂H₁₂O₄S₂~ Kohlenstoff 30,01 30,31 Wasserstoff 5,10 4,94 Stickstoff 11,00 11,70 Sauerstoff 28,38 46,47 Schwefel 25,51 26,58
[72] Annal. der Pharm. Bd. ~XXVII.~ S. 200.
Das Cystic-Oxyd ist durch seinen Schwefelgehalt ganz besonders ausgezeichnet vor allen anderen in der Harnblase vorkommenden Concretionen. Es läßt sich mit Bestimmtheit darthun, daß der Schwefel in diesem Körper weder im oxydirten Zustande noch in der Form einer Cyanverbindung enthalten ist, und in dieser Beziehung ist die Bemerkung vielleicht nicht ohne Interesse, daß 4 Atome Cystic-Oxyd die Elemente von Harnsäure, Benzoesäure, Schwefelwasserstoff und Wasser enthalten, lauter Substanzen, deren Erzeugbarkeit im Thierorganismus keinem Zweifel unterliegt.
1 At. Harnsäure ~C₁₀N₈H₈ O₆~ 1 „ Benzoesäure ~C₁₄ H₁₀O₃~ 8 „ Schwefelwasserstoff ~H₁₆ S₈~ 7 „ Wasser ~H₁₄O₇~ --------------- 1 At. Cysticoxyd = ~C₂₄N₈H₄₈O₁₆S₈~ = 4(~C₆N₂H₁₂O₄S₂~)
Ein vortreffliches Mittel, um bei Harnsteinen die Gegenwart des Cysticoxyds darzuthun ist folgendes:
Man lös’t den fraglichen Harnstein in starker Kalilauge auf und setzt einige Tropfen essigsaures Bleioxyd hinzu, nicht mehr als Bleioxyd in Auflösung erhalten werden kann. Beim Kochen dieser Mischung entsteht ein schwarzer Niederschlag von Schwefelblei, der ihr das Ansehen von Dinte giebt. Es entwickelt sich hierbei eine reichliche Menge Ammoniak; die alkalische Flüssigkeit enthält unter anderen Producten Oxalsäure.
Note 34. Seite 139.
_Zusammensetzung der Oxalsäure, Oxalursäure und der Parabansäure_.
_Oxalsäure_.
Gay-Luss. berechnet u. Thénard Bertholl. ~C₂H₂O₄~ Kohlenstoff 26,566 25,13 26,66 Wasserstoff 2,745 3,09 2,22 Sauerstoff 70,689 71,78 71,12
_Oxalursäure_[F73].
berechnet Wöhler u. Liebig* ~C₆H₈N₄O₈~ /-----------------\ Kohlenstoff 27,600 27,318 27,59 Wasserstoff 3,122 3,072 3,00 Stickstoff 21,218 21,218 21,29 Sauerstoff 48,060 48,392 48,12
[73] Annal. der Pharm. Bd. ~XXVI.~ S. 289.
_Parabansäure_[F74].
berechnet Wöhler u. Liebig* ~C₆H₄N₄O₆~ /-----------------\ Kohlenstoff 31,95 31,940 31,91 Wasserstoff 2,09 1,876 1,73 Stickstoff 24,66 24,650 24,62 Sauerstoff 41,30 41,534 41,74
[74] Ebendaselbst S. 286.
Note 35. S. 141.
_Zusammensetzung des gebratenen Fleisch’s_.
(1) 0,307 Substanz gaben 0,584 Kohlensäure und 0,206 Wasserstoff (2) 0,255 „ „ 0,485 „ „ 0,181 „ (3) 0,179 „ „ 0,340 „ „ 0,125 „
Reh- Ochsen Kalb- fleisch (1) fleisch (2) fleisch (3) Boeckmann* Playfair* /------------------\ Kohlenstoff 52,60 52,590 52,52 Wasserstoff 7,45 7,886 7,87 Stickstoff 15,23 15,214 14,70 Sauerstoff } 24,72 24,310 24,91 Asche }
Note 36. S. 144.
Die Formel ~C₂₇H₄₂N₉O₁₀~ giebt nämlich in 100 Theilen:
~C₂₇~ 50,07 ~H₄₂~ 6,35 ~N₉~ 19,32 ~O₁₀~ 24,26
Die Zusammensetzung des Leims s. Note 28.
Note 37. S. 158.
_Zusammensetzung der Lithofellinsäure_[F75].
berechnet Ettling u. Will* Wöhler ~C₄₀H₇₂O₈~ /-----------------------\ Kohlenstoff 71,19 70,80 70,23 70,83 70,83 Wasserstoff 10,85 10,78 10,95 10,60 10,48 Stickstoff 17,96 18,42 18,92 18,57 18,69
[75] Annal. der Chem. u. Pharm. Bd. ~XXXIX.~ S. 242. Bd. ~XLI.~ S. 154.
Note 38. Seite 181.
_Zusammensetzung des Solanins aus Kartoffelkeimen_[F76].
Blanchet* Kohlenstoff 62,11 Wasserstoff 8,92 Stickstoff 1,64 Sauerstoff 27,33
[76] Annal. der Pharm. Bd. ~V.~ S. 150.
Note 39. Seite 181.
_Zusammensetzung des Picrotoxins_[F77].
Francis* Kohlenstoff 60,26 Wasserstoff 5,70 Stickstoff 1,30 Sauerstoff 32,74
[77] In einer andern Analyse erhielt _Francis_ 0,75 ~pCt.~ Stickstoff. Das zu den Analysen verwandte Picrotoxin war theilweise aus der Fabrik des Herrn _Merck_ in Darmstadt, theils von Herrn _Francis_ dargestellt; es war vollkommen weiß und schon krystallisirt. -- _Regnault_ fand bekanntlich keinen Stickstoff in dem Picrotoxin.
Note 40. Seite 181.
_Zusammensetzung des Chinins_.
berechnet Liebig* ~C₂₀H₂₄N₂O₂~ Kohlenstoff 75,76 74,39 Wasserstoff 7,52 7,25 Stickstoff 8,11 8,62 Sauerstoff 8,62 9,64
Note 41. Seite 182.
_Zusammensetzung des Morphins_[F78].
berechnet Liebig* Regnault ~C₃₅H₄₀N₂O₆~ /--------------\ Kohlenstoff 72,340 72,87 72,41 72,28 Wasserstoff 6,366 6,86 6,84 6,74 Stickstoff 4,995 5,01 5,01 4,80 Sauerstoff 16,299 15,26 15,74 16,18
[78] Annal. der Pharm. Bd. ~XXVI.~ S. 23.
Note 42. Seite 182.
_Zusammensetzung des Caffeins, Theins und Guaranins_[F79].
Caffein Thein Guaranin Pfaff u. berechnet Liebig* Jobst Martius ~C₈H₁₀N₄O₂~ Kohlenstoff 49,77 50,101 49,679 49,798 Wasserstoff 5,33 5,214 5,139 5,082 Stickstoff 28,78 29,009 29,180 28,832 Sauerstoff 16,12 15,676 16,002 16,288
[79] Annal. d. Pharm. Bd. ~I.~ S. 17, Bd. ~XXV.~ S. 63 u. Bd. ~XXVI.~ S. 95.
Note 43. Seite 182.
_Zusammensetzung des Theobromins_[F80].
berechnet Woskresensky ~C₉H₁₀N₆O₂~ /-----------------------\ Kohlenstoff 47,21 46,97 46,71 46,43 Wasserstoff 4,53 4,61 4,52 4,21 Stickstoff 35,38 35,38 35,38 35,85 Sauerstoff 12,88 13,04 13,39 13,51
[80] Annal. der Chem. u. Pharm. Bd. ~XLI.~ S. 125.
_Zusammensetzung des Asparagins_[F81].
berechnet ~C₈H₁₆N₄O₆~ Liebig* + 2 ~aq.~ Kohlenstoff 32,351 32,35 Wasserstoff 6,844 6,60 Stickstoff 18,734 18,73 Sauerstoff 42,021 42,32
[81] Annal. der Pharm. Bd. ~VII.~ S. 146.
Ueber =Verwandlung der Benzoesäure in Hippursäure[F82].=
Von
_Wilhelm Keller_ aus Grosheim.
(Aus den Annalen der Chemie und Pharmacie.)
Schon in der früheren Ausgabe von _Berzelius_’ Lehrbuch der Chemie (1831 Bd. ~IV.~ S. 376) hatte Herr Professor _Wöhler_ die Vermuthung ausgesprochen, daß die Benzoesäure bei der Verdauung wahrscheinlich in Hippursäure umgewandelt werde. Diese Vermuthung gründete sich auf einen Versuch, den derselbe über den Uebergang der Benzoesäure in den Harn angestellt hatte. Er fand in dem Harne eines Hundes, der mit dem Futter ¹/₂ Drachme Benzoesäure gefressen hatte, eine in nadelförmigen Prismen krystallisirende Säure, die im Allgemeinen die Eigenschaften der Benzoesäure hatte und die er auch für solche hielt (_Tiedemann’s_ Zeitschrift für Physiologie Bd. ~I.~ S. 142). Indessen waren diese Krystalle offenbar Hippursäure, wie aus der Angabe, daß sie wie Salpeter ausgesehen und bei der Sublimation Kohle hinterlassen hätten, deutlich hervorgeht. Allein die Hippursäure war damals noch nicht entdeckt und es ist bekannt, daß sie bis 1829, wo sie zuerst von _Liebig_ unterschieden wurde, allgemein mit der Benzoesäure verwechselt worden ist.
[82] Zu den Beweisen, welche _Ure_ für die Umwandlung der Benzoesäure in Hippursäure im menschlichen Körper angegeben hat, sind durch Herrn _Keller_ einige ganz entscheidende gekommen, die ich ihrer physiologischen Wichtigkeit wegen diesem Buche beigebe. Die Versuche des Herrn _Keller_ sind in dem Laboratorium des Herrn Prof. _Wöhler_ in Göttingen angestellt worden; sie setzen die Thatsache außer allen Zweifel, daß ein in der Nahrung genossener stickstofffreier Körper an dem Act der Umsetzung der thierischen Gebilde und an der Bildung eines Secretes durch seine Bestandtheile Antheil nehmen kann. Diese Thatsache verbreitet auf die Wirkung der meisten Arzneimittel ein unzweideutiges Licht, und wenn sich der Einfluß des Caffeins auf die Bildung des Harnstoffs oder der Harnsäure in einer ähnlichen Weise nachweisen läßt, so ist damit der Schlüssel zu der Wirkung des Chinins und der anderen organischen Basen gegeben.
J. L.
Die neuerlich publicirte Angabe von _Ure_[F83], daß er in dem Harne eines Patienten, der Benzoesäure eingenommen hatte, wirklich Hippursäure gefunden habe, brachte dieses in physiologischer Hinsicht so wichtige Verhalten wieder in Erinnerung und gab zu den folgenden Versuchen Veranlassung, die ich auf den Vorschlag des Herrn Professors _Wöhler_ an mir selbst angestellt habe. Seine Vermuthung ist dadurch unzweideutig bestätigt worden.
[83] Pharmac. Centralblatt No. 46, aus ~Prov. med. and surg. Journ.~ 1841.
Ich nahm Abends vor dem Schlafengehen mit Zuckersyrup 2 Gramme (ungefähr 32 Gran) reine Benzoesäure. In der Nacht gerieth ich in Schweiß, was wohl eine Wirkung dieser Säure sein mochte, da ich sonst nur sehr schwer in stärkere Transpiration komme. Eine andere Wirkung konnte ich nicht wahrnehmen, selbst als ich auch an den folgenden Tagen dieselbe Dosis dreimal täglich zu mir nahm, wo auch nicht einmal der Schweiß wieder eintrat.
Der am Morgen gelassene Harn reagirte ungewöhnlich stark sauer und zwar selbst noch, nachdem er abgedampft worden war und 12 Stunden lang gestanden hatte. Er setzte dabei nur das gewöhnliche Sediment von Erdsalzen ab. Als er aber mit Salzsäure vermischt und stehen gelassen wurde, bildeten sich darin lange, prismatische, braungefärbte Krystalle in großer Menge, die schon dem Ansehen nach nicht für Benzoesäure zu halten waren. Ein anderer Theil, der durch Abdampfen bis zur Syrupsdicke concentrirt war, verwandelte sich beim Vermischen mit Salzsäure in ein Magma von Krystallblättchen. Diese so erhaltene krystallinische Substanz wurde ausgepreßt, in siedendem Wasser gelös’t, mit Thierkohle behandelt und umkrystallisirt. Sie wurde dadurch in farblosen, zolllangen Prismen erhalten.
Diese Krystalle waren reine _Hippursäure_. Beim Erhitzen schmolzen sie leicht, bei etwas stärkerer Hitze verkohlte sich die Masse unter Entwicklung eines Geruchs nach Bittermandelöl und unter Sublimation von Benzoesäure. Um jeden Zweifel zu beseitigen, bestimmte ich ihren Kohlenstoffgehalt, 0,3 Grm. gaben 60,4 ~pCt.~ Kohlenstoff. Nach der Formel ~C₁₈H₁₆N₂O₅~ + ~aq.~ enthält die krystallisirte Hippursäure 60,67 ~pCt.~ Kohlenstoff, die krystallisirte Benzoesäure dagegen enthält 69,10 ~pCt.~ Kohlenstoff.
So lange ich das Einnehmen der Benzoesäure fortsetzte, konnte ich aus dem Harne mit Leichtigkeit und in Menge Hippursäure darstellen, und da die Benzoesäure so ohne allen Nachtheil für die Gesundheit zu sein scheint, so wäre es leicht, sich auf diese Weise größere Mengen von Hippursäure zu verschaffen. Man könnte sich dazu eine Person halten, die Wochen lang diese Fabrication fortsetzen müßte.
Es war wichtig, den Harn, welcher Hippursäure enthielt, auf seine beiden normalen Hauptbestandtheile, den Harnstoff und die Harnsäure, zu untersuchen. Sie waren beide darin enthalten, und, dem Anschein nach, in keiner andern Quantität, als im normalen Harn.
Als der durch Abdampfen concentrirte Harn, aus dem durch Salzsäure die Hippursäure geschieden war, mit Salpetersäure vermischt wurde, setzte er eine große Menge salpetersauren Harnstoff ab. Schon vorher hatte er ein pulveriges Sediment fallen lassen, dessen Auflösung in Salpetersäure bei dem Abdampfen auf Porzellan die bekannte, purpurrothe Reaction der Harnsäure gab. Diese Beobachtung widerspricht der Angabe von _Ure_, und es ist daher wohl etwas zu voreilig, wenn er die Benzoesäure als Mittel gegen die aus Harnsäure bestehenden Gicht- und Harn-Concretionen empfiehlt; er scheint sich vorzustellen, daß die Harnsäure zur Umwandlung der Benzoesäure in Hippursäure verwendet werde. Da er seine Beobachtung an dem Harn einer Arthritischen machte, so ist anzunehmen, daß dieser Harn auch ohne den innern Gebrauch der Benzoesäure keine Harnsäure enthalten haben würde. -- Uebrigens ist es klar, daß die Hippursäure, da sie sich erst nach Zusatz einer Säure abscheidet, an eine Basis gebunden, im Harne enthalten ist.
Druckfehler.
Seite 61 Zeile 5 v. o. anstatt _venösem_ setze _arteriellem_. „ 65 „ 12 v. o. anstatt _Pferd_ lese man _Ochse_.
* * * * * *
Anmerkungen zur Transkription
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In den Fuß- und Endnoten bedeutet E Endnote (siehe den Anhang am Ende des Textes) und F Fußnote (siehe direkt unter den Absatz, Tafel, u.s.w.).
Nicht alle Resultate der Berechnungen sind recht; sie sind nicht korrigiert worden.
S. 301, erste Tafel: die Tabellenüberschrift fehlt im Originalwerke, möglicherweise ist diese Tabelle eine Vorsetzung der vorherigen.
S. 343: die Druckfehler sind bereits im Texte korrigiert worden.
Änderungen
Einige Interpunktionsfehler sind stillschweigend korrigiert worden.
Folgende Schreibweisen sind standardisiert worden: ~pCt.~, Frémy, Gay-Lussac, Thénard.
Chemische und Zusammensetzungsformeln wurden ohne Leerzeichen transkribiert, außer wo diese für Tabelle erforderlich waren.
S. 7: Bewußsein --> Bewußtsein S. 26: ) eingefügt nach ... am Gewichte verloren. S. 52: stickhoffhaltigen --> stickstoffhaltigen S. 83: löschen --> löslichen S. 118: atmospärische --> atmosphärische S. 119: Lymphgegefäße --> Lymphgefäße S. 137: Formel Choleinsäure ~C₇₅~ --> ~C₇₆~ S. 138: Erste Berechnung: = --> +; zweite Berechnung: + eingefügt S. 315, Fußnote [36]: ed. --> éd.