Die Organisation der Rohstoffversorgung
Chapter 3
Die Rohstoff-Abteilung wird auch im Frieden nicht zu bestehen aufhören, sie wird den Kern eines wirtschaftlichen Generalstabes bilden. Vielleicht wird sie ihren Namen ändern; ich möchte wünschen, daß sie anstatt Kriegs-Rohstoff-Abteilung in Zukunft »Kriegswirtschafts-Abteilung« hieße, denn das ist sie schon heute in manchem Sinne. Nie wieder kann und darf es uns geschehen, daß wir wirtschaftlich unzulänglich vorbereitet in einen neuen Krieg hineinkommen. In höchster Anspannung müssen alle künftigen Friedensjahre dieser Vorbereitung dienen. Wir müssen nicht nur dauernd wissen, was wir an Unentbehrlichem im Lande haben, sondern wir müssen auch dauernd dafür sorgen, daß wir so viel im Lande haben, wie wir brauchen. Gewaltige Lager müssen gehalten werden; die Gesetzgebung muß auf diese Lager eingehen, die nicht staatlich zu sein brauchen, muß sie unterstützen, aber auch überwachen lassen. Eine umfangreiche und andauernde statistische und Verwaltungsarbeit wird sich hieraus ergeben. Es muß ferner dafür gesorgt werden, daß die Umstellungen, die dieser Krieg in gewaltsamer Weise herbeigeführt hat, in Zukunft selbsttätig und ohne Erschütterung vor sich gehen. Ein allgemeiner wirtschaftlicher Mobilmachungsplan muß geschaffen und dauernd erneuert werden. Wirtschaftliche Gestellungsbefehle sind auszuarbeiten, die in Tausenden von Fällen auszugeben sind. Darin heißt es dann etwa: Sie haben sich am zweiten Mobilmachungstage in das und das Haus in der Behrenstraße zu begeben, dort werden Sie den Vorsitz der und der zu gründenden Kriegswirtschaftsgesellschaft übernehmen, das Statut wird Ihnen übergeben; Sie haben den Gründungsvorgang zu leiten und die und die Ausschüsse zu bilden. Das gleiche gilt für Maschinenfabriken und andere Unternehmungen. Die erhalten eine Benachrichtigung, in der es heißt: Sie haben am dritten Tage der Mobilmachung den und den Teil der Fabrik zu räumen, die und die Werkzeugmaschinen sind zur Verfügung zu stellen. Sie haben gleichzeitig einen Auftrag auf so und so viel Produkte dieser Art zu übernehmen. Das Arbeiterwesen, hinsichtlich der Rückstellungen und Freigaben, muß ebenfalls im Frieden geregelt werden. Jedes Werk muß wissen, die und die Personen, die ihm unentbehrlich sind, bleiben ihm zur Verfügung gestellt, andere hat er abzugeben. Eine handelspolitische Abteilung muß dafür sorgen, daß mit dem neutralen Ausland solche Verständigungen getroffen werden und solche Organisationen entstehen, die einer Vergewaltigung der Ausfuhr durch feindliche Staaten entgegenarbeiten. Handelsstellen müssen dauernd unterhalten werden, welche im Kriege die Ein- und Ausfuhr zentralisieren und Austauschgeschäfte bearbeiten.
Besondere Aufmerksamkeit wird die Nachkriegsgesetzgebung erfordern, und ich könnte mir denken, daß ein wirtschaftlicher Generalstab berufen wäre, auch hier tätig mitzuwirken.
Es ist nicht zulässig, daß nach Beendigung des Krieges wahllos die Tonnagen verwendet werden, um diejenigen Waren schnellstens über den Ozean zu tragen, die der Findigste bestellt und gekauft hat; es muß dafür gesorgt werden, daß hier Einteilungen stattfinden. Es muß dafür gesorgt werden, daß die Rechnungen, die das Deutsche Reich draußen zu bezahlen hat, sei es als Staat, sei es als Gesamtheit der Privaten, unsere Zahlungsbilanz nicht in Unordnung bringen, sondern nach durchdachtem Plan einheitlich geregelt werden.
Überblicken wir nun das Werk und stellen die Frage, wie konnte dieser Aufbau gelingen, wieso hat Deutschland das machen können, woran England verzagte, Lloyd George scheiterte, so komme ich auf folgende Antwort.
Das erste ist, daß frühzeitig angefangen wurde; daß mit kühner Entschlossenheit das Kriegsministerium auf die erste Anregung hin erklärt hat, sich mit dieser Angelegenheit bis aufs letzte zu identifizieren, während alle übrigen Wirtschaftsfragen noch unberührt im Schoße der Zukunft ruhten, und daß das Kriegsministerium mit der erblichen Genialität, die dieser Behörde eigen ist, sich dieser weit umfassenden Aufgabe hingegeben hat.
Das zweite ist, daß die Einheitlichkeit der Leitung gewahrt wurde, daß diese Organisation nicht in die Hände von Kommissionen, Ausschüssen, gelegentlichen Sachverständigen gekommen ist, daß sie nicht behördlicher Zersplitterung anheimfiel, sondern daß ein einheitlicher Wille sie geleitet hat, hinter dem die Macht stand. Kommissionen sind gut zum Beraten, nicht zum Schaffen. Eine Beratung findet statt am Dienstag, fängt an um 4 und ist um 7 zu Ende; dann gehen die Herren nach Hause. Was dann nicht geschehen ist, bleibt bis zum nächsten Freitag. Damit kann man kontrollieren, aber nicht organisieren. Das ist so einfach, aber noch immer nicht Gemeingut.
Das dritte ist ein deutsches Produkt, nämlich der Idealismus einer Anzahl von Menschen, die sich freudig einer gemeinsamen Führung anvertrauten, ohne Entgelt, ohne Versprechen, ohne Verpflichtung, ohne Vertrag, die in rastloser, begeisterter Arbeit ihre Kräfte, ihre Erfahrung und Ideen hingaben, weil sie fühlten, daß das Land sie braucht. In bürgerlicher, kollegialer und freundschaftlicher Gemeinschaft, kaum mit dem Begriff eines Vorgesetzten, kaum mit dem Begriff einer Gefolgschaft, hat diese auserwählte Freischar über Deutschland ein neues Wirtschaftsleben und ein neues Netz industrialer Gesetzmäßigkeiten gebreitet.
Unterstützt wurden sie von der Jugendkraft und Elastizität unserer Industrie, die jedem Entschluß zugetan, jeder Belastungsprobe gewachsen, das Unvergleichliche geleistet hat.
Das letzte und das höchste aber, was dieses Streben besiegelt hat und ohne das es nicht hätte werden und wachsen können, das ist wiederum etwas rein Menschliches, denn das Menschliche steht hoch über allem Mechanischen, und besitzt allein die Kraft, zu schaffen und zum Licht emporzutragen. Dieses Menschliche war Vertrauen.
Aufs tiefste muß ich drei preußischen Kriegsministern danken, die dieses Vertrauen unverbrüchlich vom ersten bis zum letzten Tage Menschen und Organisationen entgegenbrachten. Auch in diesem Vertrauen liegt Genialität, und zwar sittliche Genialität. Dieses Vertrauen wäre in einem andern Lande schwer zu finden und schwerer zu rechtfertigen. Abermals ist es ein Ruhm des deutschen und auch des preußischen Systems, daß ein solches menschliches Verhältnis zur Vollendung wirtschaftlicher Evolutionen und zur Abwendung gemeinsamer Gefahren geschenkt und empfangen werden konnte.
[Anmerkungen zur Transkription: Gegenüber dem Originaltext wurde folgende Korrektur vorgenommen:
S. 30: wie die voraufgegangenen -> vorausgegangenen ]
[Transcriber's Notes: The following correction has been applied to the original text:
p. 30: wie die voraufgegangenen -> vorausgegangenen ]