Die Organisation der Rohstoffversorgung
Chapter 2
Der Heeres- und Marineverwaltung mußte die volle Freiheit gewahrt werden, ihre Aufträge dahin zu geben, wo sie wollten; wir konnten keiner Behörde sagen: wir schreiben euch vor, wo ihr eure Bestellungen zu machen habt. Auf der anderen Seite mußte derjenige, der nun der Beauftragte der Behörde geworden war, das Material bekommen, das er brauchte. Es mußten Organismen geschaffen werden zum Aufsaugen, Aufspeichern und zum Verteilen dieses Warenstromes, der in einer neuen Bewegungsform und mit neuen Zufuhren durch die Adern des deutschen Verkehrs rollte. Da mußte abermals ein neuer Begriff entstehen, der Begriff der _Kriegswirtschafts-Gesellschaften_. Heute ist das eine Sache, von der man wie von einer altererbten spricht. Viele dieser Kriegsgesellschaften sind in aller Munde; man kennt sie und empfindet sie als ein längst Gegebenes. Aber das Paradox ihres Wesens schien so groß, daß selbst in unserem engsten Kreise, der sonst in großer Einhelligkeit unsere Maßnahmen durchdachte, eine Spaltung über die Möglichkeit und Durchführbarkeit dieser Schöpfung entstand.
Auf der einen Seite war ein entschiedener Schritt zum Staatssozialismus geschehen; der Güterverkehr gehorchte nicht mehr dem freien Spiel der Kräfte, sondern war zwangsläufig geworden. Auf der anderen Seite wurde eine Selbstverwaltung der Industrie, und zwar in größtem Umfang durch die neuen Organisationen angestrebt; wie sollten die gegenläufigen Grundsätze sich vertragen?
Man hat denn auch hinterdrein mit größerem oder geringerem Wohlwollen uns gesagt, wie man es anders hätte machen sollen: wir hätten nicht die Gesellschaften gründen, sondern den behördlichen Apparat vergrößern sollen. Heute sind die Stimmen der Kritik verstummt. Wer indessen noch zweifelt, dem empfehle ich einen Besuch in der Kriegsmetall- oder Kriegschemikalien-Gesellschaft. Wenn er dort Tausende von Menschen an der Arbeit sieht, diesen Bienenkorb vor Augen hat, den Strom von Besuchern, Korrespondenzen, Transporten und Zahlungen verfolgt, so wird er sich sagen, in den Behördenrahmen war diese Aufgabe nicht mehr hineinzupressen, sie mußte den wirtschaftlichen Berufskräften und der Selbstverwaltung überlassen werden.
So entstand der Begriff der Kriegsgesellschaft aus dem Wesen der Selbstverwaltung und dennoch nicht der schrankenlosen Freiheit. Die Kriegsrohstoffgesellschaften wurden gegründet mit straffer behördlicher Aufsicht. Kommissare der Reichsbehörden und der Ministerien haben das unbeschränkte Veto; die Gesellschaften sind gemeinnützig, weder Dividenden noch Liquidationsgewinne dürfen sie verteilen; sie haben neben den gewöhnlichen Organen der Aktiengesellschaften, Vorstand und Aufsichtsrat, noch ein weiteres Organ, eine unabhängige Kommission, die von Handelskammermitgliedern oder Beamten geleitet wird, die Schätzungs- und Verteilungskommission. Auf diese Weise stehen sie da als ein Mittelglied zwischen der Aktiengesellschaft, welche die freie wirtschaftlich-kapitalistische Form verkörpert, und einem behördlichen Organismus; eine Wirtschaftsform, die vielleicht in kommende Zeiten hinüberdeutet.
Ihre Aufgabe ist es, den Zufluß der Rohstoffe in einer Hand zusammenzufassen und seine Bewegung so zu leiten, daß jede Produktionsstätte nach Maßgabe ihrer behördlichen Aufträge zu festgesetzten Preisen und Bedingungen mit Material versorgt wird.
Auch von den Industriellen wurden die neuen Rohstoff-Gesellschaften nicht durchweg willkommen geheißen.
Die Metallindustriellen waren einigermaßen willig. Sie fragten zwar: Wozu soll das, eine Aktiengesellschaft, die nichts verdient, was sollen wir damit anfangen? Wir haben bisher unsere Wirtschaft besorgt und können es auch weiter. Dennoch willigten sie ein, vielleicht zum Teil mir zu Gefallen, vielleicht auch, weil sie sich sagten, es ist nicht viel dabei verloren.
Schon anders war es mit den Chemikern. Das sind ganz große Herren aus dem Rheinland, selbstbewußt, Träger großer Verantwortungen, Chefs ungezählter Arbeiterbataillone; denen war das neue Wesen anfangs nicht ganz geheuer. Ein einflußreicher Herr fuhr im Rheinland herum und warnte vor den neuen Experimenten. Aber schließlich kam es doch im Hofmannhaus zu einer konstituierenden Versammlung; die verlief anfangs friedlich, gegen Ende aber wurde sie leidenschaftlich bewegt. Als die Herren sahen, den Salpeter kann man ihnen nicht unbeschränkt lassen, da wurden sie unzufrieden, und es gab eine Szene, die von ferne an das Ballhaus in Paris im Jahre 1789 erinnerte. Trotzdem kam die Gründung zustande, und heute müssen wir ebenso tief und freudig den Chemikern danken für ihr Zusammenwirken wie für ihre Leistungen. Denn diese vorbildliche deutsche Industrie hat zwar mit den ersten Maßnahmen vielleicht sich etwas schwerer abgefunden, dafür hat sie an Initiative und Erfindungskraft, an Kühnheit und Nachhaltigkeit vielleicht die höchste Stelle unserer wirtschaftlichen Kriegsführung erreicht.
Fast jede Woche brachte neue Gründungen. Mit Metall fing es an, dann kamen Chemikalien, dann kam Jute, Wolle, Kammwolle, Kautschuk, Baumwolle, Leder, Häute, Flachs, Leinen, Roßhaar; teils Aktiengesellschaften, teils Abrechnungsstellen. Alle diese Schöpfungen verlangten wochenlange Vorverhandlungen, Einigung unter den Industriellen, Verständigungen über die Bedingungen, Beschaffung von neuen Kräften, Direktoren, Prokuristen und Geschäftsräumen, und alles das innerhalb einer Wirtschaft, in der verantwortliche Kräfte immer spärlicher zur Verfügung standen.
Heute zählt das Beamtenpersonal der Gesellschaften, Untergesellschaften und Zweigorganisationen nach Tausenden, ihr Umsatz nach Hunderten von Millionen.
So saßen wir in tiefster Arbeit. Auf der einen Seite schwoll der Berg der beschlagnahmten Waren und machte dauernde Verhandlungen mit den Wirtschaftsleitern erforderlich; auf der anderen Seite entstanden unsere Organisationen und verlangten Einarbeitung, Aufsicht, Mitwirkung; zwischen beiden Aufgaben kämpften wir um den Ausbau unserer Abteilung, um Raum, Menschen, Ordnung und Geschäftsgang -- und schon trat eine neue Aufgabe gewaltigen Umfangs, heiß ersehnt und hochwillkommen an uns heran.
Unsere siegreichen Heere waren vorgedrungen, Belgien und ein Teil von Frankreich war unterworfen, und auch in Rußland wurde es heller.
Nun handelte es sich darum, den Rohstoffbesitz dieser drei Landgebiete auszuschütten über das vierte. Durch Kauf in neutralen Staaten hatten wir manches ins Land bekommen; doch bald sorgten die Engländer durch ihre Gegenorganisationen, durch ihren Terrorismus zu Lande und zur See dafür, daß die Zufuhr nachließ. Nun hatte die Gewalt der deutschen Waffen drei reiche Provinzen unserer Wirtschaft erschlossen; ein geographischer Glücksfall fügte es, daß fast zu gleicher Zeit die gesamten Zentren des kontinentalen Wollhandels in unsere Hand fielen; beträchtliche Vorräte an Kautschuk und Salpeter traten hinzu. Nun hieß es, diese Schätze heben und nutzbar machen und dabei doch Recht und Gesetz wahren, Übersicht behalten und die Wirtschaft der Länder nicht mit einem Schlage vernichten.
Das war eine Aufgabe, die materiell umfassend und dennoch nicht so schwierig war wie die vorausgegangenen, denn sie lehnte sich an vorhandene Erfahrung an: ein Land mit Organisationen zu durchdringen, Filialen zu schaffen, und diese mit Zweiganstalten zu umgeben, Läger durchforschen und aufnehmen zu lassen, Beschlagnahmen zu erwirken, Vereinbarungen über Umladeplätze, Verzollungswesen, einzuräumende Eisenbahngleise zu treffen, alles das waren Dinge, die Zeit und Menschen erforderten, die aber nicht mehr auf dem schwankenden Grunde unerforschter Wirtschafts- und Rechtsverhältnisse sich abspielten. Mit gewissen Ausnahmen; denn auch in Belgien war die Frage der Übereignung eine nicht ganz einfache. Über die Frage der Entschädigung stritten sich die Geister noch nach Monaten, nachdem wir die Substanz schon in unseren Besitz gebracht hatten. Aber immerhin: diese Aufgabe war im wesentlichen mit gegebenen Erfahrungen zu lösen und sie wurde gelöst.
Jetzt war ein gewaltiges Warengeschäft unserer Abteilung angegliedert, die schon damals auf den Umfang eines merkantilen Weltunternehmens angewachsen war; da traten von neuem schwere Gefahren auf. Und um diese Gefahren zu schildern, will ich gleich in das tiefste Fabrikationsproblem greifen und will etwas erzählen -- Zahlen werde ich nicht nennen -- von der Stickstoffaufgabe, die sich uns bot.
Sie wissen, daß die unentbehrlichen Explosivstoffe der Kriegsführung auf der Grundlage der Salpeterverbindungen ruhen, daß Salpeter eine Stickstoffverbindung ist, und daß somit die Kriegsführung in gewissem Sinne ein Stickstoffproblem darstellt.
Unsere Stickstoffrechnung am Anfang des Krieges war nicht ungünstig. Ich will Zahlen fingieren, die falsch sind, aber Verhältnisse geben. Nehmen Sie an, es seien 90 Tonnen Stickstoff im Lande gewesen, und nehmen Sie an, 50 Tonnen hätten wir mit Sicherheit erwartet in Ostende und Antwerpen, das wären zusammen 140 Tonnen. Bei einem monatlichen Verbrauch von 10 Tonnen hätte das 14 Monate gelangt. Ich betone, es sind nur Verhältniszahlen.
Das Deckungsverhältnis sah somit ganz gut aus. Es wurde Anfang September und der Krieg entwickelte sich. Wir machten uns immer wieder unsere Rechnungen, verglichen immer wieder mit den Unterlagen, die uns die verbrauchenden Stellen boten. Immer wieder ergab sich die Antwort: diese Deckung stimmt.
Da dämmerte plötzlich die Besorgnis auf: Wie ist das, wenn nun der Krieg im Osten die gleichen Dimensionen annimmt wie im Westen? Wenn der Krieg noch hartnäckiger und umfangreicher wird, als wir ihn uns vorstellen können? Wie ist es dann mit der Stickstoffdeckung? Darauf war keine Antwort.
Es war ein beklommener Vormittag, als ich dem Stellvertretenden Kriegsminister diese Erwägung unterbreitete, und ihn um die Erlaubnis bat, eine beliebige Zahl von chemischen Fabriken bauen zu lassen, und nämlich so viele, als die Chemie leisten könne.
Der Kriegsminister, Exzellenz von Wandel, in seiner großzügigen, ruhigen und entschlossenen Art gab sofort die Autorisation, mit der chemischen Industrie zu verhandeln.
Technisch im höchsten Maße wertvolle Vorarbeiten waren geleistet worden. Exzellenz Fischer und Geheimrat Haber hatten in sehr dankenswerter Weise das Problem der Salpetergewinnung größten Umfangs bearbeitet, und die chemische Industrie war durchaus nicht überrascht, als sie vor die Frage gestellt wurde, diese Unternehmungen zu schaffen.
Der Bau einer größeren Zahl von Fabriken wurde vereinbart, und die Chemiker, kühn, selbstbewußt und vertrauensvoll, gingen auf die Bedingung ein, daß die Fabriken unter Dach sein mußten, bevor ich in der Lage war, ihnen den Vertrag vom Reichsschatzamt genehmigt zuzuschicken. Die Fabriken waren unter Dach, noch bevor der Vertrag unterschrieben war; das war ungefähr zu Weihnachten. Die Stickstoffabrikation war eine deutsche Produktion geworden, ein Weltproblem war gelöst, die schwerste technische Gefahr des Krieges war abgewendet.
Aber während diese Fabriken aufstiegen, kamen die Nachrichten von der Front: wir brauchen nicht mehr 10 Tonnen, sondern 16, nicht mehr 16, sondern 21, nicht mehr 21, sondern 27, und hier will ich, um auch nicht Proportionen erkennen zu lassen, nicht sagen, bis zu welchem Vielfachen die Forderungen der Front sich steigerten. So viel aber darf angedeutet werden: daß die ursprüngliche Deckung sich auf einen Bruchteil vermindert hatte. Hätten wir erst dann mit dem Bau begonnen, als diese Verhältnisse greifbar geworden waren, also zwei oder drei Monate später, so wäre eine bedenkliche Zwischenzeit eingetreten, und zwar gerade damals, als der galizische Durchbruch einen gewaltigen Munitionsaufwand forderte.
Waren und blieben auch die chemischen Fabrikationen, insbesondere die Salpetersäureanlagen, die wichtigsten unserer neugeschaffenen Gütererzeugungen, so haben doch noch eine Anzahl umfangreicher Produktionsstätten sich ihnen zur Seite gestellt. Metallraffinationen und Wiedergewinnungsanlagen wurden errichtet, die bergbauliche Produktion wurde gehoben, elektrolytische und elektrothermische Werke wurden erstellt und erweitert, teils durch unmittelbares Eingreifen der Kriegsrohstoffabteilung, teils durch Vermittelung der Rohstoffgesellschaften.
Inmitten dieser Tätigkeit wurde uns eine weitere Aufgabe zuteil, die eigentlich mit der Wehrbarmachung des Landes nur mittelbar zu tun hatte, die aber aus allgemein wirtschaftlichen Gründen sich nicht abweisen ließ und die kaum anders als durch uns gelöst werden konnte.
Ich habe erwähnt, daß der Reichstag im November von uns etwa die Vorstellung hatte, wir seien eine Stelle für Verbilligung der Marktpreise, und eine Sitzung der großen gemischten Kommission war für den beteiligten Zuhörer, der sich nicht verteidigen durfte, nicht sehr angenehm. Mit Recht waren die Herren ungehalten über einzelne stark gesteigerte Rohstoffpreise, die auch uns zu denken gaben. Man wußte jedoch nicht, daß uns zunächst die weit dringendere Sorge obgelegen hatte, die Gefahr des Mangels abzuwenden, bevor wir an die wichtige und dennoch sekundäre Frage der Kosten herantreten konnten. Sofortige Abhilfe wurde gefordert.
Wir hatten indessen bereits Mittel und Wege gefunden und waren mit der Lösung fast zu Ende. Angefangen hatten wir mit der Festsetzung der Höchstpreise für Metalle. Sie war nicht einfach, denn nicht nur die Mehrzahl der wichtigeren Metalle war zu bedenken, sondern auch ihre Legierungen, die Altmetalle und die vorverarbeiteten Produkte. Nach langen Verhandlungen war eine Tabelle zustande gekommen, die zwar nicht in allen Positionen der Industrie und vor allem dem Handel gefiel, gegen die aber schließlich nicht mehr viel einzuwenden war, und die vom Bundesrat angenommen wurde. Sodann wurden die Höchstpreise für eine Gruppe bewältigt, die bei den Fachleuten als unüberwindlich galt, die Wollen und Wollprodukte.
Hier handelte es sich um die Vielfältigkeit der Herkunft, multipliziert mit der Zahl der Qualitäten; das Produkt dieser Größen abermals multipliziert mit der Zahl der Verarbeitungsstadien. Das ergab eine Mannigfaltigkeit, die nach Hunderten von Positionen zählte; aber zuletzt kam auch hier ein Merkblatt zustande, das für die Besitzer nicht allzugroße Härten enthielt und den Erfordernissen der Kriegswirtschaft entsprach.
Näherte sich die Festsetzung von Höchstpreisen schon mehr einem Ausflug auf allgemeinwirtschaftliches Gebiet, so war die Beschaffung und Einführung von Ersatzstoffen und Surrogaten ein Teil unserer eigensten Aufgaben.
Die preußische Uniformierung mußte in ihrer stofflichen Zusammensetzung geändert werden. Die Gewebe wurden durch Verwendung von Kammgarn und anderen Erzeugnissen gestreckt; Helmbeschläge, Knöpfe und andere Zutaten lernten auf die Verwendung von Sparmetallen verzichten. Im Munitionswesen wurde manches seltnere Metall durch Zink und Stahl ersetzt; die Elektrotechnik mußte einen Teil ihrer Leitungen und Fassungen aus ungewohnten Metallen erstellen und erreichte es, daß manches Erzeugnis sich verbilligte. In der chemischen Industrie entstanden große Anlagen, die teils bekannte, teils neuerprobte Ersatzstoffe lieferten. Selbst auf die Textilindustrie erstreckte sich das System der Wiedergewinnung und Auswechselung. Nur wenige Industriezweige können sagen, daß sie heute noch durchweg mit dem Urmaterial arbeiten, dessen sie vor dem Kriege gewohnt waren, und viele haben auch aus dieser Form der Umstellung Nutzen gezogen.
In kurzen Zügen möchte ich Ihnen jetzt ein Bild der Kriegs-Rohstoff-Abteilung geben, wie sie ungefähr zu Beginn dieses Jahres ausgesehen hat. Eine Zentralsektion sorgte für die Gesamtpolitik und Initiative der Abteilung. Sie führte die Verhandlungen mit den Behörden, bearbeitete jede neue organisatorische Maßnahme und Verfügung, bereitete die Vorträge beim Minister vor, verhandelte mit industriellen Gruppen, Abgeordneten und Interessenten, prüfte wirtschaftliche und juristische Fragen, ergänzte den Personalbestand, faßte den Briefwechsel der Abteilung zusammen, verfaßte die Vierteljahrsberichte und trug die Verantwortung für den Organismus.
Daneben erstreckte sich das Gebiet der verschiedenen Referate. Die Referate bewältigten teils zusammenfassend, teils gesondert die Gebiete der Einzelstoffe, und hinter ihnen standen ausführend und mitwirkend die Meldestellen und Rohstoffgesellschaften mit ihren Hilfsorganisationen und Tochterinstituten.
Es gab Referate für Metalle, Chemikalien, Baumwolle, Wolle, Jute, Kautschuk, Leder, Häute, Hölzer, für organische Produkte. Dieses Referatengebiet machte den eigentlichen Wirtschaftskörper unserer Abteilung aus.
Daneben bestand die Beschlagnahmestelle, diejenige Stelle, die den Strom der beschlagnahmten Stoffe regelte, die Gesetzgebung der Beschlagnahmen und Belegscheine ausarbeitete, den Verkehr mit den Besitzern der Ware führte und mit einem System von Revisoren die Befolgung der Maßnahmen überwachte. Ursprünglich führte diese Stelle auch die Statistik, die später abgespalten und auf eine Reihe von Meldestellen übertragen wurde. Die Beschlagnahmestelle arbeitete mit einem erheblichen Beamtenapparat; ihre Formulare und Drucksachen gingen auf dem Wege über die Generalkommandos jeden Tag über ganz Deutschland hinaus.
Das Warengeschäft erforderte eine gesonderte Speditions-, Buchführungs-, und Überwachungsabteilung. Milliardenwerte waren aus den okkupierten Gebieten abzutransportieren. Zehntausende von Doppelladern rollten über unsere Schienen und füllten über 200 deutsche Lager. Die Lager mußten eingerichtet und überwacht werden, die Waren mußten verfrachtet, den Lagern zugeführt, entladen, kontrolliert, an die Rohstoffgesellschaften verteilt und verrechnet werden.
Ein Speditionsamt sorgte für die Transporte und bediente sich einer eigenen Treuhandgesellschaft zur Überwachung der Frachtsätze, eine Abrechnungsstelle -- vielleicht eine der größten, die das deutsche Warengeschäft aufwies -- führte Buch über jede Warensendung, die Lille oder Roubaix oder Antwerpen verließ, über ihr Eintreffen auf den Umladeplätzen Haspe, Frankfurt, Mannheim, über den Eingang in die Lager, und über den Ausgang nach den weitverzweigten Verbrauchsstellen.
Am 1. April 1915 konnte ich dem Preußischen Kriegsministerium die Abteilung als ein gehendes, eingearbeitetes, fertiges Werk übergeben. Ich habe die Freude, daß der größte Teil meiner Mitarbeiter bei der Behörde geblieben ist. Unter der Leitung meines sehr verehrten Nachfolgers, des Herrn Major Koeth, hat die Abteilung gewaltig an Umfang gewonnen; sie hat zahlreiche neue Organisationen geschaffen, sie hat sich behördlich vervollkommnet. An Personal, Flächenraum und Arbeitsgebiet steht sie außer dem Kriegsministerium und Eisenbahnministerium wohl keiner preußischen Behörde nach, obwohl sie darin sich von allen anderen unterscheidet, daß sie in acht Monaten entstanden ist. Das fünfte Hundert der Beamten im Hause dürfte dieser Tage überschritten sein, und die Angestellten der Rohstoffgesellschaften und ihrer Zweiganstalten sind auf mehrere Tausend zu schätzen.
Als Exzellenz von Falkenhayn im Frühjahr nach Berlin kam und nach dem Stande unserer Versorgung fragte, konnte ich ihm sagen: Wir sind in allem Wesentlichen gedeckt, der Krieg ist von der Rohstoffbeschaffung unabhängig.
Dem Reichstage hat der Kanzler dies bestätigt. Daß es ein Produkt gibt, mit dem wir von der Hand in den Mund leben, wissen Sie alle. Die Deckung der übrigen ist zum Teil eine absolute: es wird so viel geschaffen, wie verbraucht wird; bei allen anderen reicht sie aus für eine Kriegsdauer, deren Länge im Belieben unserer Gegner steht. Auf einzelnen Gebieten haben wir überdies die Versorgung unserer Bundesgenossen übernehmen können.
Die englische Blockade der Rohstoffe ist wirkungslos geworden. Noch mehr als das; ihre Wirkung hat sich gegen England selbst gewendet. Die schwerste Sorge hat England heute durch seine schrankenlose freie Wirtschaft. England kann kaufen und kauft, und fürchtet jeden Kauf, den einer seiner Untertanen im Auslande tätigt. Denn jeder Kauf -- ob es Tee ist oder Salpeter -- verschlechtert die Zahlungsbilanz; jeder Kauf erfordert Zahlungsmittel, und da die Zahlung nicht voll in Ware geleistet werden kann, weil die Exportindustrie zum Teil auf Munitionsarbeit umgestellt ist, so treibt jeder Kauf englische Anlagewerte ins Ausland. Unsere erzwungene Binnenwirtschaft, mit der wir uns abgefunden haben, hat manche Sorge gekostet und manchen Nachteil gehabt, aber die Kraft hat sie uns gegeben, daß wir nun auch den vollen Kreislauf der Mittel für uns in Anspruch nehmen können. Unsere Güter erzeugt das Inland und das Inland verzehrt sie; aus unseren Grenzen kommt nur das hinaus, was unsere Kanonen hinausschleudern; das genügt, um unser Dasein merkbar zu machen. Den Gegenwert seines Verzehrs zahlt der Staat bar; das bare Geld kehrt zu ihm zurück als Darlehn und tritt von neuem in den Kreislauf ein. Unsere Wirtschaft ist die geschlossene eines geschlossenen Handelsstaates.
In die Zukunft werden unsere Methoden nach mancher Richtung wirken. Allgemeine soziale Fragen möchte ich nicht berühren. Wieweit auf das Gebiet der Gesamtwirtschaft, auf die Frage der kapitalistischen Wirtschaftsordnung und ihrer möglichen Reform die Arbeitsweisen einwirken werden, die hier geschaffen worden sind, liegt außerhalb des Rahmens dieses Vortrages. Aber eine Wirkung in die Ferne der Zeiten werden schon wir erleben: das ist eine neue Fürsorge der Bewirtschaftung, eine neue Auffassung vom Rohstoff. Vieles wird ersetzt bleiben, was man für unersetzlich hielt; an vielen Stellen, wo man fremde Metalle verwandte, wird man einheimische verwenden; von manchen fremden Produkten, wie chilenischer Salpeter, werden wir künftig, wie ich hoffe, verschont bleiben; fremder Schwefel wird unsere Grenze nicht mehr zu überschreiten brauchen. Unsere Wirtschaft wird in doppeltem Sinne unabhängiger, denn wir hängen nicht mehr ab vom Wohlwollen des Verkäufers, noch vom Wohlwollen unseres Gläubigers, dem wir zu zahlen haben, und der es unter Umständen in der Hand hat, durch Erhöhung seiner Zollmauer das Zahlungsmittel unserer Ware zu entwerten.
Diese Erwägungen werden wachsende Bedeutung erlangen und zu einem neuen Begriff im Wirtschaftsleben führen, zu dem Begriff des Rohstoff-Schutzes. Je entschiedener fremde Wirtschaftsgebiete sich uns verschließen, sei es durch Schutzzölle, sei es durch nationalistische Treibereien, desto größere Aufmerksamkeit haben wir unserer Zahlungs- und Handelsbilanz zuzuwenden. Kaufen wir zügellos und überflüssig im Ausland, so müssen wir unfreiwillig durch Ausfuhr zahlen, und dieser unfreiwillige Export kann dauernd verlustbringend sein, weil es unseren Nachbarn freisteht, unsere Fertigprodukte durch Schutzzölle zu belasten und zu entwerten, während wir ihre Rohstoffe ungehindert hereinlassen müssen. So entsteht ein neuer Merkantilismus, nicht um die Ausfuhr ins Maßlose zu steigern, sondern um sie nutzbringend zu erhalten. Wir kannten bisher den Schutz des Produktes, den sogenannten Schutzzoll; eine Frage des Rohstoffschutzes hat bis jetzt nicht bestanden. Künftig kann es dem Staat nicht mehr gleichgültig sein, ob Salpeter aus Chile kommt, wenn er ebenso billig, oder nahezu so billig aus deutscher Luft gewonnen werden kann. Es kann ihm nicht gleichgültig sein, ob ein Metall gekauft und an Amerika bezahlt wird, oder ob ein gleichwertiges anderes Metall als Ersatzstoff verwendet und im Inland beschafft wird.
Der Begriff des Rohstoffschutzes wird uns geläufig werden und sich in Deutschland zum Nutzen unserer Wirtschaft geltend machen.
Das sind Zukunftssorgen auf allgemeinem Wirtschaftsgebiet; Zukunftsfragen bestehen aber auch für das Weiterwirken der Organisation, des Baues, den ich Ihnen geschildert habe.