Die Oberheudorfer in der Stadt Allerlei heitere Geschichten von den Oberheudorfer Buben und Mädeln
Part 9
Über einem zierlichen Glasschränkchen hingen die Bilder von Fräulein Wunderlichs Eltern, darunter stand eine große Schale, mit Frühlingsblumen gefüllt. Auf dem Rand dieser Schale aber saß der kleine Teufel und rupfte und zerrte an den Blumen herum; die Hälfte davon lag schon am Boden. »Gagagagag, gagagaag,« schrie das Tier jedesmal, wenn es wieder ein paar Blumen zerpflückt hatte. Dann pickte es wieder nach den Efeuranken, die das Bild umgaben; von ihnen hatte es auch schon die Hälfte Blätter abgezupft.
Fräulein Wunderlich brachte vor Entsetzen kein Wort heraus. Seit dem Tode ihrer Eltern stellte sie immer blühende Blumen unter das Bild. Sie meinte damit das Andenken der Toten gar gut zu ehren. Niemand durfte an den Blumen rühren, und nun saß das kleine, schwarze Untier oben und zerstörte alles.
Minna Müller, die Schneiderin, fand es nicht weiter schlimm, daß ein Huhn einmal Blumen zerzauste. Marie würde es schon fangen und alles wieder in Ordnung bringen. Sie dachte immer nur an ihre kranke Mutter, und daß sie Geld haben und rasch heimgehen mußte. Weil Fräulein Wunderlich so stumm geworden war, wagte sie es noch einmal zu bitten. »Meine Mutter ist so krank,« flehte sie; »ach bitte, Fräulein Wunderlich, geben sie mir doch das Geld, ich brauche es für Medizin. Ach, wenn meine Mutter nun stirbt!«
»Ritsch, ratsch,« zog das Huhn an der Efeuranke, und das Bild selbst wackelte und schwankte plötzlich hin und her. Mit einem Schrei sprang Fräulein Wunderlich hinzu, der kleine Teufel flüchtete und riß die Schale vom Schränkchen, die mit lautem Geklirr zu Boden fiel. Doch das Bild war an seinem Platz geblieben, Fräulein Wunderlich hielt es fest. Dabei sah sie in die Augen ihrer Mutter, die nun schon so lange tot war. Gute, sanfte Augen waren es, und der Tochter fiel ein, daß sie wohl immer Blumen unter das Bild stellte, aber recht lange schon nicht in die lieben Mutteraugen geblickt hatte. Sie tat es jetzt, schaute, während Marie schreiend das Huhn fing und Fräulein Müller leise weinte, nachdenklich in das treue, gute Muttergesicht, und da war es ihr, als spräche der Mund wieder wie einst mahnend: »Sei nicht so zornig, sei mild, laß dich nicht von deiner bösen Laune so beherrschen! Nachher bereust du es, aber die Reue kommt manchmal zu spät.«
»Ich hab's, Fräulein, ich hab's,« schrie Marie und hielt das kleine schreiende Huhn fest. »Ist doch zu närrisch, da geistert das Untier die ganze Zeit im Hause rum, und niemand merkt was. Wo's nur gesteckt hat? Und den Schaden, den es angerichtet hat, die schöne Schale!«
Zu Maries großem Erstaunen hatte ihre Herrin kein zorniges Wort. Diese bückte sich nicht einmal, um die Scherben aufzuheben, sie sagte rasch zu der kleinen, noch immer weinenden Schneiderin: »Kommen Sie, Fräulein Müller, ich will Ihnen Ihr Geld geben; das Kleid wird schon sitzen.« Ihre Stimme klang so sanft, daß Marie wieder dachte: »Wenn sie so spricht, ist sie zu nett. Und komisch, nicht mal schelten tut sie über die zerbrochene Schale!«
Ihre Herrin ging schweigend hinüber, und drüben sprach sie liebe, freundliche Worte mit Minna Müller, und dann packte sie für die kranke Mutter lauter gute Sachen ein und versprach, sie wolle morgen selbst nach der Kranken sehen. Die Schneiderin weinte noch immer, aber jetzt tat sie es vor Freude und Dankbarkeit. Als sie durch den Flur ging und Marie ihr die Haustüre öffnete, rief sie: »O, Fräulein Wunderlich ist aber gut, so gut! Und immer habe ich mich vor ihr gefürchtet, und das ist gar nicht nötig, sie ist ja so freundlich!«
Ein Weilchen später dachte das Marianne Sonntag auch. Fräulein Wunderlich rief sie gar freundlich an, als sie heimgehen wollte, und setzte ihr Teekuchen vor, und Marie erzählte die seltsame Geschichte von dem schwarzen Huhn. »'n Wunder ist's, 'n richtiges Wunder! Wo das Untier nur gewesen ist?« rief sie. »Und Herr Wunderlich muß es hören, er wird sich auch wundern.«
Herr Wunderlich wunderte sich auch wirklich, er wunderte sich aber noch viel mehr über seine Schwester: die war so sanft und gut wie seit langem nicht. Es war wirklich, als wäre hellster Sonnenschein, und dabei rann und rieselte draußen der Regen immer stärker vom Himmel herab. »Ich muß heimgehen,« sagte Füchslein endlich, »ich habe keinen Regenschirm.«
»Wart' nur noch ein Weilchen, es hört wohl auf,« riet Fräulein Wunderlich. Es hörte aber nicht auf, dafür klingelte es nach einer Viertelstunde etwas laut. Draußen stand Ulrich Sonntag und sagte verdrossen: »Ich will unser Füchslein abholen, weil es regnet.«
Beim Anblick des Bruders kamen Marianne alle guten Versöhnungsgedanken in den Sinn. Mit einem Jubelschrei fiel sie dem Buben um den Hals, unbekümmert darum, daß er recht naß war. »O Ulli,« rief sie, »wir wollen wieder gut sein miteinander. Onkel Wunderlich sagt, sonst wird 'ne Dornenhecke draus, und wir können nicht mehr drüber. Ach, und Ulli, der Teufel ist wieder da!«
»Füchslein, du bist verdreht,« brummte Ulrich. Er streichelte aber der Schwester doch die Backen, wenn es auch ein bißchen ungeschickt ausfiel. Er war heilfroh, daß sein Füchslein wieder gut zu ihm war.
Beim Wort von der Dornenhecke war Fräulein Wunderlich zusammengezuckt; sie sah zu ihrem Bruder auf und begegnete dem Blick seiner guten, stillen Augen. »Er hat der Mutter Augen,« dachte sie und streckte ihm rasch die Hand hin. »Man kommt manchmal auch über eine Dornenhecke, Matthias,« sagte sie, »wenn man nur den guten Willen hat. Wollen wir nachher zusammen ins Spiegelhaus gehen und den alten Freund besuchen?«
»O Line,« sagte der alte Mann froh, »so soll endlich Friede werden zwischen uns? Gott sei gelobt!«
Die beiden Sonntagskinder hatten das Zwiegespräch nicht gehört. Füchslein hatte die wunderbare Geschichte von dem Oberheudorfer Huhn erzählt, und Ulrich wunderte sich gebührend. Dann mahnte er: »Komm heim, Mutter sorgt sich sonst. Und Jobst wartet auch!«
Marianne stülpte sich flink ihren Hut auf, nahm ihre Geige, und nach fröhlichem Abschied patschten sie beide versöhnt und einträchtig über den Johannesplan heimwärts.
Ein Weilchen später gingen die beiden alten Leute durch den rinnenden Regen hinüber in das Nachbarhaus zu dem Freunde ihrer Jugend. Friede stand an der Türe, als sie kamen, und er erschrak sehr, als er Fräulein Wunderlich so plötzlich vor sich sah. Sicher kam sie des Huhnes wegen. »Das Huhn,« stammelte er erschrocken, »ich -- ich dachte, Sie hätten es hinausgeworfen!«
»Das Huhn! Hast du es gebracht?« rief Fräulein Wunderlich und zog den Knaben in ihre Arme. »O Friede, Junge, ich danke dir, o so sehr!«
»Für das Huhn?« Friede sah namenlos verdutzt drein.
Fräulein Wunderlich lachte, wirklich, sie lachte herzlich und froh, und dabei sah sie so hübsch aus wie ein Sonnentag. »Ja, für das Huhn, und noch für viel mehr. Komm, gib mir die Hand, wir wollen Frieden schließen miteinander, willst du?«
»Ja,« rief Friede vergnügt und rannte ins Haus hinein, um seinem Pflegevater den Besuch anzukündigen.
Der schlug mit lautem Knall das Buch zu, in dem er gelesen hatte. »Endlich,« rief er, »endlich ist die Dornenhecke fort!« Froh eilte er den Gästen entgegen, streckte ihnen beide Hände hin und rief: »Willkommen im Spiegelhaus! Das hätte ich nicht gedacht, daß mir der Regentag eine solche Freude bringen würde.«
Allerlei Geschenke, und was aus ihnen wird.
»Heute brauche ich nicht um die Kirche herum zu gehen,« dachte Traumfriede an dem Morgen nach der Versöhnung zwischen den feindlichen Nachbarn. Der Junge packte recht nachdenklich seine Bücher zusammen. Er freute sich, daß nun keine Feindschaft mehr zwischen dem Spiegelhaus und dem kleinen Organistenhaus herrschte, aber daß er nun wieder zu Wunderlichs sollte, tat ihm bitter leid. Gestern war es verabredet worden, und Fräulein Wunderlich war gar lieb und freundlich zu ihm gewesen. Er wußte aber doch, so lieb wie den Professor würde er sie nie gewinnen. »Könnte ich bei ihm bleiben!« wünschte er sich, als er durch den Garten auf das Tor zuschritt. Aber das war wohl ein vergeblicher Wunsch; Professor von Spiegel hatte ja gleich gesagt, er würde ihn nur kurze Zeit behalten.
»Heda, Traumfriede! Na, so etwas, der Bube sieht nicht rechts und links,« schrie ihn plötzlich eine laute Stimme an, und als er sich verwirrt umsah, hielt gerade vor ihm Kaspar auf dem Berge mit seinem Wäglein. »Na gelt, das freut dich, daß de mal wieder 'n Oberheudorfer siehst?« fragte der Wirt behaglich.
In Friedes Augen leuchtete es auf; er freute sich wirklich, und an die hochmütigen Grünmützen dachte er gar nicht. Er hatte gleich hundert Fragen zu stellen, fragte dies und das, wollte wissen, wie es Muhme Lenelies gehe und allen andern im Dorfe, und der dicke Wirt konnte kaum Luft schnappen. Endlich schrie er: »Nä, Friede, so 'n Gefrage! Kannst du aber schwätzen! Wie geht's?«
Friede wollte gerade den Mund zu einer neuen Frage auftun, als bimbam im Gymnasium die Uhr anschlug. Himmel, die Schule begann! »Ich muß fort,« rief Friede erschrocken, aber Kaspar auf dem Berge hielt ihn noch fest. »Da, Bub', die Wurst; ich hab' dir eine mitgebracht. Weißt schon, wie 'ne Oberheudorfer Wurst schmeckt keine andere.« Und ehe Friede noch recht wußte, wie und was, hatte er eine lange Wurst im Arm. Er stammelte noch einen kurzen Dank und raste dann eilig in die Schule. Es war allerhöchste Zeit.
»Ich soll noch 'ne Kiste abgeben; die stell ich hier rein,« schrie der Wirt noch. »Laß dir's schmecken!«
Friede hörte das gar nicht mehr, er rannte, seine Wurst fast zärtlich im Arm, über den Schulhof die Treppe hinauf und kam gerade noch im letzten Augenblick in das Klassenzimmer hinein.
»Er hat eine Wurst im Arm, eine Wurst aus Oberheudorf,« tönten ihm gleich etliche Stimmen entgegen, und nun besann sich Friede erst, daß er die Wurst ganz offen im Arme trug. In seiner Verlegenheit sagte er patzig zu seinem Nachbar: »Laß meine Wurst zufrieden!«
»Na nu,« rief der, »ich habe deiner Wurst ja nichts getan, nicht einmal angesehen habe ich sie. Zeig sie erst mal her!«
»Ja, zeig sie uns auch, Friede Pfennig!« Ein paar Bubenhände langten nach der Wurst, Friede wollte sie halten, aber schon hatte einer sie ihm entrissen. Dem wieder suchte sie ein anderer zu entreißen; drei, vier riefen: »Ich will die Wurst« und »Gebt sie ihm doch wieder!«
Just in diesem Augenblick tat sich die Türe auf, und Doktor Schneider trat ein. Die Buben schnellten zurück, der die Wurst hatte, wollte sie Friede zuwerfen und --
»Au!« rief Doktor Schneider erschrocken, denn die große Wurst sauste ihm plötzlich an den Magen. Nun gehört eine Wurst allemal in den Magen, aber an den Magen sicher nicht, und in einer Schulstube sind herumfliegende Würste auch nicht am Platze. Das Gesicht des Lehrers verfinsterte sich auch beträchtlich, mit strengen Augen musterte er die Schüler. Er sah in lauter erschrockene und verlegene Gesichter, als er ernst fragte: »Wem gehört die Wurst?«
Einen Augenblick herrschte Totenstille in der Klasse, keiner wagte Friedes Namen zu nennen; sie wußten es alle ja ganz genau, daß er die Wurst nicht geworfen hatte. Noch einmal fragte der Lehrer streng: »Wem gehört die Wurst?« Da stand Friede auf und sagte leise aber fest: »Mir!«
Doktor Schneiders Blick ruhte prüfend auf dem Knaben. Der war zwar blutrot geworden, aber seine Augen sahen offen und frei zu dem Lehrer auf. »Hast du die Wurst geworfen?« fragte er wieder.
Einen Herzschlag lang zögerte Friede. Er wußte, wer die Wurst geworfen hatte. Jobst von Hellfeld war's gewesen, er hatte es wohl gesehen, aber angeben, nein, das tat er nicht. »Es ist meine Wurst,« sagte er nur, kein Wort der Anklage, nichts weiter.
»Warum hast du denn die Wurst mit in die Klasse gebracht?« Doktor Schneiders Stimme klang schon ein wenig milder als zuvor.
Friede war es da, als stände Kaspar auf dem Berge vor ihm; er sah sein rundes Gesicht und hörte seine breite Stimme freundlich reden, und ganz fest sagte er: »Ich habe die Wurst geschenkt bekommen. Der Wirt aus Oberheudorf hat sie mir mitgebracht, und es war zu spät, sie heimzutragen.«
»So -- und warum hast du mit der Wurst geworfen, oder -- warst du es nicht?«
Friede atmete tief, aber er schwieg. Doktor Schneider lächelte unmerklich. »Hm, vielleicht ist die Wurst von selbst durch die Luft geflogen, was meinst du?«
Zweiunddreißig Paar Bubenaugen ruhten auf Friede. Was würde er jetzt sagen? würde er doch der Angeber sein? Jobst von Hellfeld hatte die Lippen verächtlich zusammengepreßt; er verrät mich doch, dachte er, natürlich, er haßt mich ja!
»Na, Friede Heller,« fragte Doktor Schneider noch einmal, »was meinst du, ist die Wurst von selbst geflogen?«
»Nein,« rief Friede rasch und schaute zu dem Lehrer mit blitzenden Augen auf, »ich denke aus -- Versehen. Wir haben uns geneckt.«
»Ich war's, ich warf die Wurst.« Jobst von Hellfeld schnellte wie ein Pfeil empor, er war auch blutrot geworden, aber mutig und ehrlich sah auch er zu dem Lehrer auf.
Doktor Schneider nickte gelassen: »Es mag gut sein, ich wollte nur wissen, ob Würste von allein fliegen können. Wir wollen beginnen!«
Dreiunddreißig Bubenköpfe senkten sich auf die Bücher herab, die Stunde begann, und es war eine, in der die Buben ihre Dummheiten vergaßen und mit leuchtenden Augen dem Lehrer lauschten. Geographie gab es. Die Landkarte an der Wand wurde weit und groß. Da waren nicht bloß Linien und blau getuschtes Meer, da rauschten die Wellen, Wikingerschiffe durchsegelten den Ozean; Italien, Griechenland, den sonnigen Süden meinten die Buben zu schauen; sie lugten hinüber nach Afrikas Küste, und als draußen die Glocke den Schluß der Stunde verkündete, da kehrten alle nur langsam, fast betrübt von einer wunderschönen Fahrt zurück.
Friede kam erst recht zu sich, als die Türe hinter Doktor Schneider klappte. Wirklich, da war das Schulzimmer, da saß er, Friede Heller aus Oberheudorf, auch Traumfriede genannt. Und er war kein nordischer Seefahrer, wie er noch eben gemeint hatte. So recht zu sich kam er erst, als über ein paar Köpfe hinweg ihm Jobst von Hellfeld seine braune Hand hinreichte: »Heller, verzeih mir, bist ein anständiger Kerl!«
»Ja, ein sehr anständiger Kerl!« Ulrich Sonntag hielt ihm auch die Hand hin. Er lachte gutmütig: »Das Füchslein hat doch recht gehabt!«
Aus dem Kreise der andern traten noch etliche zu dem Oberheudorfer Buben; die waren es, die ihn am meisten geneckt hatten. Doch ehe Friede sich noch recht ausgewundert und alle Hände geschüttelt hatte, ertönte schon wieder die Glocke, und Doktor Schneider, der auch die zweite Stunde zu geben hatte, betrat von neuem das Klassenzimmer. Diesmal flog ihm keine Wurst an den Magen; er sagte aber auch nichts mehr von dem Vorhergegangenen. Die Buben merkten bald, er hatte vergeben und vergessen.
In der großen Pause fanden sich Friede, Jobst und Ulrich zusammen auf dem Schulhof. Friede hatte seine Wurst mitgebracht, denn Ulrich Sonntag hatte gemeint, sie wäre gewiß besonders gut. Nun probierten sie alle drei einträchtig die Wurst und schlossen dabei Freundschaft. Und wie sie so saßen, kam einer nach dem andern hinzu, und Friede teilte aus; bereitwillig gab er jedem etwas, froh, daß er der Geber sein durfte.
»Die schmeckt aber fein!« Peter Müller, ein kleiner, dicker Kerl, schlug sich auf den Bauch. »Ich wollte, ich kriegte auch mal eine.«
»Die ißt du dann doch allein, und wir kriegen nichts,« brummte Ulrich Sonntag. »Der Friede ist ein anderer Kerl, der gibt uns doch was ab!«
»Freilich, der Heller ist ein anständiger Kerl!« Das Wort tönte Friede noch in den Ohren, als er schon wieder oben im Schulzimmer saß. Mit so hellen Augen wie an diesem Tage hatte er noch nie das Gymnasium verlassen. Er ging auch nicht allein, er ging mit Jobst und Ulrich, und er nahm gerade so lustig und vergnügt von den andern Abschied wie diese voneinander; er fühlte, er gehörte jetzt zu ihnen. Als er über den Johannesplan lief und Fräulein Wunderlich am Fenster saß, da schwenkte er jauchzend seine grüne Mütze. Nun hatte er ja Freunde, gute Kameraden! Heisa, wie anders sah da die Welt aus!
Singend betrat er das Spiegelhaus. Aber nicht wie sonst kam ihm Frau Emma freundlich entgegen; sie sah ganz ärgerlich drein. »Du, Friede, sieh nur,« rief sie, »was soll nun das bedeuten?« Sie zeigte verächtlich auf eine Anzahl Töpfe, Teller und Kannen, die am Boden standen. Alle hatten abgebrochene Henkel, große Sprünge und Lücken. »Dies hat ein Mann gebracht; er sagt, er wäre Kaspar auf dem Berge, und er solle dies Herrn Professor abgeben. Erbarm' dich, Friede, was soll der mit dem kaputen Zeug?«
»Ich weiß nicht,« stotterte Friede verdutzt und musterte die Scherben. Die Kanne mit den Rosen und Vergißmeinnicht kannte er. Das war Waldbauers Staatskanne gewesen. Ja, und aus dem Topfe mit dem grünen Eichenkranz -- aus dem hatte Heine Peterles Muhme sonst immer ihren Sonntagnachmittagkaffee getrunken.
»Ja so,« sagte Frau Emma wieder, »und hier ist ein Brief an dich. Vielleicht steht da drin, was der Unsinn bedeuten soll.« Sie reichte Friede einen Brief, der reichlich mit Fettfingern geziert war, und als der Junge ihn erbrach, strahlte ihm als Erstes ein großer Tintenklecks entgegen. »Ach,« dachte er, »der ist von Heine Peterle.« Denn Heine Peterle war groß in Tintenklecksen, ein richtiger Künstler war er darin; niemand in ganz Oberheudorf machte so viele und so große Tintenkleckse wie Heine Peterle.
Der Brief war auch wirklich von ihm. Er lautete: »Lieber Friede! Weil Dein Härr Brofester so arg gern gapuhte Töppe hat, kriechst Du welche. Wir haben alle welche gebragt und weil ich keins hatte, habb ich Muhme Rese seinen Kaffätopp erschlagen. Und wenns wider was gapuht ist, kriechts Härr Brofester. Und file Grüßen von alle. Und wenns doch erst Fährchen giehbt. Und mit filen Grüßen Dein liebr Heine Peterle. Und auf Witersähen. Haste die Stattjungens schon ferhauen?«
Friede ließ den Brief sinken und sah Frau Emma halb kläglich, halb lachend an. »Die Töpfe sind wirklich für den Herrn Professor! Hier steht's.«
»Was ist für mich?« Professor von Spiegel hatte in seinem Zimmer Friedes Worte gehört. Er schaute zur Tür hinaus, und das erste, was er sah, war das zerschlagene Geschirr. »Na nu,« rief er, »es hat heute wohl hier Polterabend gegeben?«
»Das ist für Sie, Herr Professor,« rief die ordentliche Frau Emma ärgerlich. »Aus Oberheudorf haben sie es geschickt. So ein Unsinn, solchen Kram zu schicken!«
»Wer weiß, was sie sich dabei gedacht haben. Zeig doch mal deinen Brief, Friede!«
»Heine Peterle kann nicht so sehr gut schreiben,« murmelte Friede verlegen, den Brief hinreichend.
»Aber Kleckse kann er scheint's machen,« meinte der Professor, »und -- oh -- --.« Der alte Herr lachte plötzlich laut auf, lachte so schallend und herzlich, daß sein Lachen die andern ansteckte. Sie lachten mit, Frau Emma, ohne zu wissen, warum, und Friede, weil er herzlich froh war, daß sein Beschützer sich nicht ärgerte. »Oh,« rief der, »ihr Oberheudorfer seid doch wirklich ein kurioses Volk! Zu meinen Altertümern, zu meinen wertvollen Ausgrabungen soll ich diese Scherben stellen. O, o Kinder! Dieser Heine Peterle schlägt auch noch dafür seiner Muhme den Kaffeetopf entzwei.«
Die Gärtnersfrau hatte inzwischen den Brief genommen und ihn gelesen, und ihr kullerten gleich die hellen Tränen vor Lachen über das runde Gesicht. »Nein, dieser Purzel,« rief sie, »ich koche ihm Schokolade, wenn er noch einmal kommt.«
»Er meinte es so gut,« sagte Friede. Der Freund tat ihm leid. Wie würde sich der kränken, wenn er wüßte, wie er ausgelacht würde! Und noch einmal sagte er bittend, entschuldigend: »Er ist doch so gut!«
»Brav, mein Junge, entschuldige deinen Freund!« Der Professor klopfte noch immer lachend Friede auf die Schulter. »Freilich, woher sollt ihr es auch wissen, was meine Sammlung bedeutet,« fügte er gutherzig hinzu.
»Ach, der Friede ahnt es schon,« rief Frau Emma rasch. »Der steckt, so oft er kann, im Saal; ich glaube, der kennt schon jedes Stück.«
Überrascht schaute der Professor seinen Pflegesohn an. Er war allezeit freundlich und väterlich zu dem Buben gewesen, aber allzuviel hatte er sich doch nicht mit ihm unterhalten. Er hatte ihn in sein Haus genommen, weil es gerade nicht anders ging, aber eigentlich hatte er ihn immer nur wie einen Gast betrachtet, der kommt und wieder geht und nie weiter an seine Zukunft gedacht. »Wollen wir einmal zusammen zu meinen Lieblingen gehen?« fragte er jetzt freundlich. »Unterdessen denkt Frau Emma vielleicht an das Mittagessen.«
»Ach, du meine Güte,« rief die Frau erschrocken, »ich vergesse ja rein über dem Oberheudorfer Unsinn die Küche und lasse meinen Herrn verhungern!« Sie rannte aufgeregt davon.
Der alte Herr aber stieg heiter mit dem Knaben in das obere Stockwerk hinauf und betrat den Saal, in dem seine Sammlung aufgestellt war. Er erklärte Friede dies und das, fragte auch einmal und verwunderte sich immer mehr über des Buben kluge Antworten und sein lebhaftes Interesse. »Eigentlich ist's schade,« rief Herr von Spiegel, »daß du wieder fortgehst.«
»Ach ja!« Aus allertiefstem Herzensgrund kam Friedes Seufzer, und seine blauen Augen sprachen so deutlich: »Ich möchte hier bleiben,« daß der Professor erst gar nicht darum zu fragen brauchte. Er rief lachend: »Ja, Friede Heller, ich glaube wirklich, du bleibst lieber bei mir und magst nicht zu den Wunderlichs hinüber!«
Friede nickte strahlend, hoffnungsfroh: »Ich blieb' so gern, ach furchtbar gern.«
»Aber Fräulein Wunderlich, was wird sie sagen?« Der alte Herr sah bedenklich aus.
»Ach, sie ist sicher sehr froh, wenn ich nicht komme,« rief Friede aufgeregt. »Ich mache doch Schmutztapsen auf der Treppe und bin laut und ärgere sie und -- --«
»Na, du hast es ja gut vor! Bist du so ein Schelm?« fragte der Professor lachend. »Wir wollen uns einmal die Sache überlegen. Jetzt ruft uns Frau Emma zu Tisch, und ich denke, wir haben beide Hunger.«
Friede spürte zwar keinen Hunger. In der Freude seines Herzens aber sauste er im Oberheudorfer Geschwindschritt die Treppe hinab. Das Speisezimmer lag im Erdgeschoß. Es ging trapp, trapp, trapp. Auf der vorletzten Stufe verlor er das Gleichgewicht, und mit lautem Gepolter sauste er in die Töpfe, Kannen und Teller hinein, die noch immer auf dem Flur standen. Klirr, krach, zersprang Muhme Reses Kaffeetopf in tausend Scherben, und Waldbauers einstige Staatskanne kollerte dem Professor vor die Füße, während der Kuchenteller, der einst im Schulzenhause Prunkstück gewesen war, den ganzen Flur entlang rollte.
»Erbarm dich, Junge!« rief Frau Emma. »Wenn du so toben willst, dann wird dich drüben Fräulein Wunderlich gut ansehen!«
»Da ist's wohl besser, er bleibt hier bei uns, nicht wahr, Frau Emma?« meinte der Professor und sah lächelnd, prüfend in Friedes Gesicht.
»Na allemal,« rief die Gärtnersfrau. »Ist doch was Junges im Haus!«
Friede war sehr verlegen geworden. »Ich kann auch leiser gehen,« stotterte er beschämt und trat zur Seite, und klirr, ging Kaspars auf dem Berge alter Bierkrug völlig auseinander; Friede war gerade darauf getreten. Da nahm der Professor den Buben gütig an der Hand und zog ihn mit in das Eßzimmer hinein. »Ich sehe schon, es hilft nichts; ich muß nachher hinüber gehen und dich von den Wunderlichs losbitten. Ich werde ihnen sagen, daß du ein ganz schlimmer Bube bist und alle Oberheudorfer Altertümer zertreten hast.«
Das Losbitten war nicht leicht. Im Musikzimmer des Organistenhauses brachte der Professor seine Bitte vor, und Fräulein Wunderlich sah trübe drein. Einstmals hatte sie sich gesträubt, den Oberheudorfer Buben in ihr Haus zu nehmen, nun tat es ihr bitter leid, daß er nicht kommen wollte.
»Ich würde so gut zu ihm sein,« sagte sie traurig; »aber freilich, Liebe läßt sich nicht erzwingen.«
»Aber erwerben! Wir wollen uns teilen,« gab Herr von Spiegel zur Antwort. »Friede soll bei mir und hier zu Hause sein. Er soll oft, oft zu den guten Nachbarn gehen.«