Die Oberheudorfer in der Stadt Allerlei heitere Geschichten von den Oberheudorfer Buben und Mädeln
Part 8
Urplötzlich verschwand das Bild und -- Heine Peterle -- ihr Heine Peterle mit ihm. Ein paar Sekunden lang zappelten und strampelten zwei rosenrote Beine in der Luft herum, es polterte und krachte, und dann waren gemalter Mann und Heine Peterle weg.
Die Kinder schrieen so gellend, so angsterfüllt auf, daß der Lehrer mit dem Führer so schnell herankamen, als es mit den großen Filzpantoffeln ging.
»Heine Peterle -- -- da -- -- der -- -- Mann, huhuhu,« kreischten die Kinder und deuteten entsetzt auf die Nische. Dort gähnte jetzt nur ein dunkles Loch.
»Er -- -- hat -- -- ihn -- -- ge--ge--holt,« wimmerten ein paar Mädel.
Doch plötzlich zappelte ein rosa Bein in der Luft herum, dann noch eins, und dann -- -- stand Heine Peterle wieder da.
Aber wie sah er nur aus! »Bube, was ist denn geschehen?« Mit einem Ruck zog ihn der Lehrer ans Licht, während der Diener noch immer sprachlos in das dunkle Loch starrte, der gemalte Mann kam nämlich nicht wieder.
»I -- ich -- hazieh, hazieh!« Heine Peterle nieste einmal, zweimal, immerzu, und das war kein Wunder, denn er war von oben bis unten mit Staub bedeckt, Spinnweben lagen auf dem Haar und auf seiner Jacke; er sah aus, als hätte er ein halbes Jahrhundert in einer Rumpelkammer gesessen. »Was hast du denn gemacht, was hat er denn gemacht?« fragte der Lehrer ihn und die andern. Aber selbst für ihn, der doch die Buben und Mädel wahrlich kannte, war es schwer, etwas in dem wilden Durcheinander zu verstehen, nur ein Wort vernahm er immer wieder: »Er hat ihn auf den Bauch geschlagen,« »Er hat ihn auf den Bauch geschlagen.« »Hazieh, hazieh, hazieh!« nieste Heine Peterle, er schluchzte, hustete und stöhnte endlich: »Da -- -- da -- --«
»Was ist da?« rief der Diener aufgeregt, und der Lehrer und die Kinder alle sahen gespannt auf Heine Peterle.
»Hazieh -- -- da -- hazieh -- -- ist -- hazieh -- -- 'n Loch!«
»Schafskopf,« schrie ihn der Diener an, »das sehen wir doch.« Auf einmal schlug er sich vor den Kopf. »Ich hab's: die geheime Türe ist das, die geheime Türe nach dem verborgenen Gang, nach der unser Fürst schon lange sucht. Das Bild ist die Türe.« Er raste an die große Haupttüre des Saales, an der ein Klingelzug hing, und läutete Sturm. Laut, dringlich schallte es durch das Schloß, und von allen Seiten eilten Diener herbei. Endlich kam auch der Kastellan, der in Abwesenheit des Fürsten das Schloß verwaltete. Lampen wurden gebracht und die geheimnisvolle Öffnung untersucht; eine ganz schmale, enge abwärtsführende Treppe wurde sichtbar.
»Es ist wirklich der geheime Gang,« sagte der Kastellan erstaunt. »Unser Fürst hat schon von einem Baumeister nach ihm suchen lassen, der aber nichts gefunden hat. Man vermutet nämlich irgendwo ein Gelaß, in dem wichtige Familienurkunden liegen sollen, aber bei einem Brande sind auch die Baupläne des Schlosses mit vernichtet worden. Der Großvater unseres jetzigen Fürsten hat den Gang noch gekannt, er starb aber unerwartet, und so erfuhr sein Sohn das Geheimnis nicht. Wie wird sich unser Fürst über die Entdeckung freuen!«
»Das ist dein Glück,« sagte der Lehrer sehr ernst zu Heine Peterle, »in fremden Schlössern haut man nämlich nicht mit der Faust nach den Bildern.«
»Nein,« meinte der Kastellan, »das tut man freilich nicht. Eigentlich ist's auch strafbar. Heute mag es freilich hingehen; hier ist mal eine Dummheit gut ausgegangen.«
»Er wollte den Räuber doch nur hauen, weil der so böse war,« flüsterte Annchen Amsee, um ihren Freund zu entschuldigen. Der wischte, pustete und nieste noch immer ganz furchtbar und konnte noch immer nicht viel sagen.
»Ach, darum also!« Der Lehrer, der Kastellan und der Führer riefen es wie aus einem Munde; sie sahen einander an und lächelten, lachten und fanden blitzschnell ein jauchzendes Echo bei den Kindern. Die waren ja heilfroh! Das ernste Gesicht des Lehrers hatte ihnen doch bisher die rechte Freude an der Entdeckung getrübt, aber jetzt kamen sie sich gleich ungeheuer wichtig vor, und ein paar der kecksten Buben tuschelten: »Da haben wir was Feines gemacht!« Himmelgern wären nun natürlich die Buben die Treppe hinuntergeklettert -- den Mädeln war es zu unheimlich -- aber das gab es nicht. Der Herr Kastellan zog den gemalten Bösewicht, der hinter die Wand gerutscht war, wieder hervor, und schnapp, war das dunkle Treppengelaß wieder verschwunden.
»Gut, mein Junge,« sagte der Kastellan, »daß du nicht größer und nicht kleiner bist; hast gerade auf die rechte Stelle gehauen. Hier am Degenknauf des finstern Herrn sitzt ein Knopf; durch einen Druck darauf kann man anscheinend die geheime Pforte öffnen.« Er drückte, er drückte noch einmal, aber -- -- keine Türe sprang auf. »Na, was ist denn das?« rief er verwundert. »Herr Lehrer, versuchen Sie es doch einmal!«
Der Lehrer trat heran, er drückte auch, aber das Bild blieb unbeweglich an seinem Platze, und seine finsteren Augen starrten die Kinder an.
»Man muß hauen, aber feste,« sagte Heine Peterle plötzlich, der nun endlich das Niesen eingestellt hatte.
Der Kastellan folgte dem Rat, er schlug einmal, zweimal, aber erst beim drittenmal spazierte der finstere Bösewicht davon. »Potzwetter, so eine Oberheudorfer Bubenfaust kann aber kräftig dreinschlagen,« rief der Kastellan. »Gut, daß es nicht etwas anderes war.«
Der Herr Lehrer war auch sehr froh darüber, und er war es recht zufrieden, als er mit seiner Schar wieder auf dem Schloßhof stand. Dort hinaus brachten auf des Kastellans Befehl die Diener ein paar Tische und Stühle, und die Kinder durften unter den uralten Linden des schönen Hofes ihre mitgebrachten Butterbrote verzehren. »Vielleicht gibt's Schokolade,« sagte Schulzens Jakob und dachte an Fräulein Wunderlich, doch darin irrte er sich. Die Limonade, die die Schloßköchin den Kindern schickte, schmeckte ihnen aber auch sehr gut, und es wurde eine fröhliche Schmauserei.
Nachher gab es noch die Waffenkammer zu sehen, in der so viele alte Ritterrüstungen, Hellebarden, Schwerter und andere Waffen und Geräte hingen, daß die Buben sich am liebsten alle in eisengepanzerte Ritter verwandelt hätten. Darüber war die Zeit schnell vergangen, und die Sonne dachte schon etwas an den Heimweg und an das Zubettgehen. Zeit war es also auch für die Oberheudorfer, daran zu denken, obgleich sie alle sich noch sehr gern die Stadt angesehen hätten.
»Friedes Schule wollen wir sehen,« bettelten ein paar Buben. Friede erschrak. Ganz jäh kam ihm der Gedanke an den Spott der stolzen Gymnasiasten. Was würden die sagen, wenn sie die Oberheudorfer, seine Heimatgenossen, sehen würden? Gleich schämte er sich aber wieder: mochten sie doch lachen, was kümmerte es ihn!
Ob der Lehrer etwas von den Gedanken ahnte? Er sagte so freundlich und gütig, wie er immer zu Friede sprach: »Es wird zu spät werden und ist auch ein großer Umweg, über den Johannesplan zu gehen!«
Doch da bat Friede heiß und dringlich: »Ach bitte, bitte, ich möchte allen so gern das Gymnasium zeigen.« Er wollte es beweisen, daß er sich der lieben Heimatgenossen nicht schämte, weil sie anders in Art und Wesen waren als die Buben und Mädel in der Stadt, und so bat er noch einmal: »Bitte, bitte, wir wollen alle über den Johannesplan gehen.«
Der Lehrer sah seinen einstigen Schüler prüfend an, dann strich er ihm über die heiße Wange und sagte froh: »Bist doch noch mein alter Friede, doch heute ist es wirklich zu spät, wir müssen uns sputen, um zu unseren Wagen zu kommen. Ein anderes Mal dann. Komm aber mit, begleite uns noch ein Stück heimwärts.«
Friede tat es, und er tat es gern. So vergnügt, als gehöre er noch ganz zu ihnen, lief er mit den Heimatgenossen durch Feldburgs Straßen bis dahin, wo er vor einiger Zeit Doktor Treumann getroffen hatte. Hier nahm er Abschied. »Auf Wiedersehen, auf Wiedersehen in den Sommerferien,« hieß es.
»Wir kommen dir entgegen,« versprachen die Freunde.
»Wir auch,« riefen die Mädel, »und -- --«
»Macht Schluß, es ist Zeit!« mahnte der Lehrer und schob ein paar Kinder vorwärts.
Friede war schon wieder ein paar Schritte zurückgelaufen, als er noch einmal innehielt und den Gefährten nachrief: »Heine Peterle, wenn etwas von dem geheimen Gang in der Zeitung steht, schreibe ich es dir.«
»In der Zeitung stehen!« Heine Peterle wußte plötzlich nicht, sollte er vor- oder rückwärts laufen, sollte er einen Luftsprung machen oder einen Purzelbaum schießen. Er drehte sich rundum und brachte den ganzen Zug auseinander, und es hätte wohl eine schlimme Verwirrung gegeben, wenn der Lehrer Heine Peterle nicht an der Hand gefaßt und gesagt hätte: »Wir zwei gehen mal miteinander. Nun vorwärts rasch, sonst fährt Friede Hopserling fort!«
Das half, nun liefen sie alle, so rasch sie konnten, und erreichten bald Wiesental, wo die Wagen schon warteten.
Von der Rückfahrt ist nur zu sagen, daß sie sehr lustig war. Es wurde viel gelacht, geschwatzt und gesungen, und die treuen Wächter des Dorfes, die Hofhunde, hörten die Stimmen der Heimkehrenden zuerst und grüßten sie durch ein langanhaltendes Gebell.
»Auf der Dorfstraße wird nicht mehr gestanden und geschwatzt,« gebot der Herr Lehrer, »Abschied nehmen ist nicht nötig, morgen seht ihr euch ja wieder.«
Heine Peterle hatte es am eiligsten, aber auch die anderen folgten alle brav dem Befehl. Heine Peterle mußte doch den Eltern und Muhme Rese sein Abenteuer erzählen, das preßte ihm fast das Herz ab. Mit noch mehr Gepolter und Lärm und noch ungestümer als sonst stürzte er daheim in das Wohnzimmer, in dem sein Vater just die Zeitung las. Der fuhr erschrocken empor.
»Vater, ich komm' auch nein,« schrie Heine Peterle und tippte mit seinem Finger gleich ein Loch durch die Zeitung, »wegen dem Gang im Schloß, wo der Räuber davor stand, und -- --«
»Bewahr mich!« rief der Bauer. »Frau, der Bube ist ja woll übergeschnappt. Leg ihn rasch ins Bett und tu ihm ein kaltes Tuch auf den Kopf!«
»Nä,« schrie Heine Peterle angstvoll, »ich hab doch -- --«
»Ins Bett,« befahl der Bauer, »er hat Fieber.«
»Je, je, je,« jammerte Muhme Rese, »er wird krank, ich koch'n Fliedertee.«
»Nä!« Heine Peterle sträubte sich, denn seine Mutter wollte ihn in die Schlafkammer führen. »Komm nun, komm, schlaf dich aus!« tröstete sie.
Aber Heine Peterle mochte gar nicht schlafen, er wollte erzählen, und hastig schwatzte er alles durcheinander heraus, und Vater und Mutter sahen sich besorgt an, und die Mutter sagte: »Er hat wahrhaftig Fieber!«
»'n kaltes Tuch auf den Kopf und ins Bett, basta,« befahl der Bauer. Da half kein Widerstreben mehr. Heine Peterle wurde ins Bett gesteckt, und die Mutter legte ihm ein kaltes Tuch auf den Kopf, und Muhme Rese brachte Fliedertee.
Aber der Bube, als er sah, daß doch niemand seine schöne Geschichte hören wollte, schrie: »Ich hab' Hunger.«
»Man muß'n ja nich aufregen,« tuschelte Muhme Rese ängstlich und schlurfte, so schnell sie konnte, in die Vorratskammer und holte viele Butterschnitten und frischen Sonntagskuchen dazu. Heine Peterle aß sehr brummig und schweigend alles auf, und je mehr er aß, desto beruhigter sah die Mutter drein. Nur Muhme Rese schüttelte noch immer ängstlich den Kopf und sagte wieder und wieder: »Wärste doch nicht mitgegangen! Ich hab's gleich gesagt, im Schloß passiert nischte nischt Gutes. Nu haste so'ne Geschichte im Kopp!«
Schluck! tat Heine Peterle, und der letzte Bissen war hinunter. Er schüttelte energisch den nassen Umschlag von der Stirn, streckte sich aus, sagte sehr vergnügt: »Und 's ist doch wahr, un vielleicht kommt's in die Zeitung.« Dann schlief er bums ein.
»Ein sonderbarer Bube!« seufzte Muhme Rese.
Der kleine Teufel hilft Fräulein Wunderlich über die Dornenhecke.
Ulrich Sonntag hatte sich zwar der Schwester gegenüber bereit erklärt, mit Friede nett zu sein, aber Jobst von Hellfeld wollte nicht, der bockte. Als Ulli ihm am andern Morgen auf dem Schulweg die Versöhnungsgeschichte erzählte, rief er borstig: »Ich tu' nicht mit, fällt mir gar nicht ein; dem Bauernjungen nachlaufen, das könnte mir passen!«
Und gerade an diesem Tage ging Friede nicht um die Kirche herum, sondern lief an dem Organistenhaus vorbei und kam gerade hinter den Freunden her, als Jobst das vom Bauernjungen sprach. Husch flogen da auch all die guten Vorsätze weg, mit denen er gekommen war. Er hatte Ulrich anreden wollen, ganz leicht hatte er sich das vorgestellt, und nun ging er stumm und ohne Gruß an seinen Kameraden vorüber, und ebenso stumm lief er dann wieder nach dem Spiegelhaus zurück.
»Hast du mit ihm gesprochen?« rief das Füchslein dem Bruder an diesem Tage entgegen. Sie erzürnte sich sehr, als sie sein »nein« hörte, und sie war schon drum und dran, mit zornigen Worten ihrem Grolle Luft zu machen, als ihr noch zur rechten Zeit der Mutter Worte einfielen. Sie seufzte zwar dreimal tief, dann war der Zorn in sein dunkles Herzkämmerchen zurückgesunken, und Füchslein sagte sanft und lieblich: »Aber morgen, Ulli, gelt, morgen tust du es?«
Ulli versprach es. Am nächsten Tag kam er aber sehr brummig heim. Schon von weitem schrie er: »Füchslein, er will gar nicht, tut, als sei ich Luft. Frech! Nun will ich aber auch nicht mehr.«
Von diesem Entschluß brachte den Bruder kein sanftes und kein zorniges Bitten und Fordern ab, und das Füchslein sah betrübt alle schönen Friedenspläne zerrinnen, denn sie selbst zankte sich wieder einmal gründlich mit dem Bruder. Sie sah Friede in diesen Tagen auch nur einmal von ferne; sie rief ihn an, er lief aber geschwind davon. Im Organistenhaus war er auch nicht gewesen, ärgerlich sagte es ihr Fräulein Wunderlich. Diese hatte schon wieder alle gute Schokoladenlaune verloren; sie ging verdrießlich im Hause herum und schalt und brummte, wenn sie an den bösen Nachbarn und den hinausgeworfenen Buben dachte. Selbst über den entflohenen kleinen Teufel schalt sie jeden Tag. Daß das Huhn entwichen war, kränkte sie bitter.
Marianne Sonntag bekam auch von dem entflohenen Oberheudorfer Huhn zu hören. An einem Frühlingsnachmittag war es, an dem ein leiser, warmer Regen auf die Erde niederfiel. Fräulein Wunderlich hatte trotz des Regens in ihrem Gärtchen gegraben und gepflanzt, und das Füchslein war zu ihr gekommen. Sie standen beide an der Mauer des Nachbargartens unter einem kleinen Schutzdach, und dort erzählte das Fräulein laut und zornig von dem entflohenen Huhn.
»Das ist gewiß nach Oberheudorf zurückgeflogen,« rief Marianne mit ihrem hellen Stimmlein. »Ihm gefällt es nicht in der Stadt.«
»Rede doch nicht solchen Unsinn, wie soll ein Huhn nach Oberheudorf fliegen!« schalt Fräulein Wunderlich. »Aber meinetwegen, ich mag schon gar nicht mehr von dem Ort und seinen Bewohnern hören. Nichts wie Ärger hat man davon.« Die Dame machte ein so bitterböses Gesicht, daß es dem Füchslein ganz ungemütlich wurde.
»Ich will jetzt hineingehen, Onkel Wunderlich ist gewiß wieder zurück.«
»War mein Bruder nicht da?« fragte das Fräulein.
»Nein, er ging vorhin noch mit dem Herrn Professor von Spiegel auf dem Platz draußen hin und her,« sagte Marianne arglos; sie hatte in diesem Augenblick die nachbarliche Feindschaft ganz vergessen.
»Geh, pfui, geh, du bist auch ein abscheuliches Mädchen!« rief Fräulein Wunderlich plötzlich. »Kommst nur, um mir unangenehme Sachen zu sagen.«
»Aber ich hab' doch nichts getan,« stammelte Marianne, doch Fräulein Wunderlich rief noch einmal: »Geh, geh, ich will dich nicht mehr sehen.«
Betrübt verließ die Kleine den Garten, und drinnen fiel es ihr erst ein, warum sie die Hausherrin erzürnt hatte. Die war böse, daß ihr Bruder mit dem Nachbar ging; sie haßte den, und Mutter hatte doch gesagt, einmal wären sie miteinander gute Freunde gewesen! Nachdenklich, mit gesenktem Kopf trat Marianne in das Musikzimmer. Dort stand der alte Organist und sah sinnend in den leise rinnenden Regen hinaus. »Was hast du denn, Kind?« fragte er, sich seiner Schülerin zuwendend, als diese eintrat, »du siehst ja gar nicht wie ein rechter Sonntag aus?«
»A--ch!« -- Füchslein seufzte -- »das Friedenstiften ist doch arg schwer!«
»Ja freilich, schwer ist's, sehr schwer sogar!« Herr Wunderlich seufzte nun auch. »Es ist darum am besten, es gar nicht zum Unfrieden kommen zu lassen. Aus einem kleinen Pflänzchen wächst oft eine ganze Dornenhecke auf, und keines kommt mehr herüber oder hinüber.«
»Nur ein Prinz,« sagte Füchslein, die gut verstanden hatte, daß ihr Lehrer an seiner Schwester Zwist mit dem Nachbarn dachte.
Herr Wunderlich lächelte. »Ja, ein Märchenprinz, und ein Märchenprinz kann auch ein Oberheudorfer Bauernbube sein. Man muß aber Geduld haben, viel Geduld. Wir wollen uns nur hüten, daß nicht noch mehr Streit und Unfriede entsteht, nicht noch zwischen anderen Brüdern und Schwestern.«
Marianne wurde rot, seufzte tief und murmelte, während sie ihre Geige aus dem Kasten nahm: »Ich will Ulli nachher wieder gute Worte geben.«
»Und ich will meiner Schwester auch gute Worte geben,« sagte der alte Herr, und auf einmal lachten sich Lehrer und Schülerin sehr vergnügt an, nickten sich zu, und dann spielten sie zusammen und vergaßen darüber Zank und Streit.
Im Spiegelhaus dachten just zwei auch gerade an die Nachbarn hinter der Hecke. Friede war es und der Gärtner. Dieser hatte gerade an der Mauer gestanden, als Fräulein Wunderlich von des schwarzen Teufels Verschwinden erzählte. Lieber Himmel, das war doch das kleine Huhn, das Friede ihm gebracht. Eilig lief er zu dem Knaben, der über seinen Büchern saß, und erzählte ihm das Gehörte.
Friede erschrak. »Ich dachte, sie hätte es hinausgeworfen wie mich,« stammelte er erschrocken.
»Ja, das hilft nun nichts, du mußt es ihr schon wieder hinübertragen,« meinte der Gärtner.
»Aber ich kann doch nicht zu ihr gehen,« rief Friede ordentlich entsetzt, »ich will's über die Mauer heben.«
»Trag's lieber hinüber! Gib es der Marie, das ist kein ungutes Mädchen, die wird schon verstehen, daß du das Huhn nicht hast behalten wollen. Aber fort muß es gleich, mein Herr möchte sehr böse werden, wenn er wüßte, ich habe ein fremdes Huhn im Stall, nach dem sie drüben suchen. Übrigens hat das Fräulein dich ja neulich grüßen lassen, vielleicht ist sie gar nicht mehr böse.«
»Ich mag nicht zu ihr gehen,« rief Friede trotzig.
»Gut,« brummte der Gärtner, »dann trage ich das Huhn fort, wenn du dich fürchtest! Im Hause darf es nicht bleiben, und der Herr Professor soll mich keinen alten Eigensinn schelten.«
»Ich will's schon hinübertragen,« murmelte Friede kleinlaut. »Pah, ich fürchte mich nicht, und Marie macht ja immer die Türe auf, der kann ich es übergeben.« Er nahm seine Mütze, ging in den Garten hinab und holte den kleinen Oberheudorfer Teufel aus dem Stall heraus. »Schade ist's nicht darum,« brummte der Gärtner, »und arg viel Freude wird das Fräulein an dem kleinen Untier nicht haben, aber zurückhaben soll sie es; was Recht ist, ist Recht.«
Es wurde Friede nicht leicht, bis zu dem Nachbarhaus zu gehen. Er sah sich draußen erst um. Niemand war zu sehen; der Johannesplan lag, wie fast immer, wenn nicht Schulanfang oder Schulschluß war, menschenleer da. Als er an das Organistenhaus kam, sah er, daß eins der Fenster neben der Haustüre halb offen stand. Von seinem kurzen Aufenthalt im Hause her wußte er noch nicht gut Bescheid, wie und wo die einzelnen Zimmer und Wirtschaftsräume lagen; er glaubte aber, dies Fenster sei eins von dem breiten Hausflur. Er überlegte nicht lange und fand, es sei am besten, das Huhn einfach durch das Fenster in das Haus zu lassen, dann war es drinnen, und Marie würde es bald merken, denn der kleine Teufel wußte seine Stimme gut zu gebrauchen. Wenn jemand etwas bequem ist, dann erscheint es ihm leicht gut und richtig, und Friede erging es mit dem Huhn auch so. Kurz entschlossen schwang er sich von der Treppe auf die Fensterbrüstung; es ging ganz leicht. Dann ließ er das Huhn durch das offene Fenster in das Haus hinein, zog vorsichtig, so gut es gehen wollte, das Fenster von außen wieder zu und ging befriedigt ins Spiegelhaus zurück. Dort lief er gleich hinauf zu seinen Büchern, weil er sich im Herzen ein bißchen schämte, dem Gärtner zu sagen, wie er das Huhn bei Wunderlichs abgegeben hatte.
Fräulein Wunderlich war in ihrem Gärtchen immer auf und ab gegangen, ärgerlich auf alle Welt und ärgerlich auf sich. Es erzürnte sie auch, daß sie naß wurde; trotzdem holte sie sich keinen Schirm. Endlich kehrte sie in ihr Haus zurück. Dort scheuerte Marie mit viel Lärm und Gepolter die große, nach dem Garten gehende Hinterstube aus. Pfingsten rückte näher, und zu Pfingsten mußte alles noch blanker als blank sein. Sie fing daher immer zeitig mit Scheuern und Putzen an. Wenn sie so recht in der Arbeit war, hörte und sah sie nichts. Sie schaute auch erst auf, als Fräulein Wunderlich die Türe öffnete und rief: »Marie, hier schreit ja ein Huhn im Hause!«
»Ih nee,« rief Marie vergnügt, »ja, da geistert vielleicht gar der kleine schwarze Teufel aus Oberheudorf im Hause herum!« Sie lauschte, es war aber nichts zu hören, und Fräulein Wunderlich ging noch verdrießlicher von dannen, hinauf in ihr Schlafzimmer, um sich umzuziehen, denn sie war ganz naß geworden. Alles ärgerte sie, Maries Lachen, daß ein Huhn schrie und dann doch nicht schrie. Sie war so recht in der Stimmung, sich über die Fliege an der Wand zu ärgern.
Unten hatte es geklingelt, erst einmal schüchtern, dann noch einmal lauter.
Marie war durch den Hausflur geschlurft, hatte geöffnet und kam und meldete: »Fräulein Müller ist da, mit dem neuen Kleid.«
»Lange genug hat es gedauert,« murrte Fräulein Wunderlich. Vorgestern hatte die Schneiderin schon das neue Kleid bringen sollen, und jetzt brachte sie es erst. Fräulein Wunderlich hätte das Kleid sicher in den zwei Tagen nicht angezogen, ja eigentlich hatte sie gar nicht daran gedacht, nun aber schalt sie über die Unpünktlichkeit und ging mit dem allerfinstersten Gesicht zu der Schneiderin hinab. Diese sah noch blässer, noch bekümmerter als sonst drein. Sie wollte gerade eine Entschuldigung sagen, als Fräulein Wunderlich sie zornig anschrie: »Schämen Sie sich, so unpünktlich zu sein, ich werde nichts mehr« -- --
»Gagagagaaag« gackerte es auf einmal laut dazwischen, und Fräulein Wunderlich brach erschrocken ab. »Marie, Marie,« rief sie, »es ist doch ein Huhn in der Wohnung!«
Marie stürzte herbei. »Wo denn? Ich höre ja nichts!« Sie konnte auch wirklich nichts hören, denn es war wieder alles still im Haus. »Das ist 'ne putzige Geschichte,« meinte sie und schlurfte kopfschüttelnd wieder davon.
Fräulein Wunderlich war aber so verärgert, daß sie die arme Schneiderin noch heftiger anschrie. Die wollte etwas sagen; sie wäre aber sicher noch lange nicht zu Worte gekommen, wenn nicht plötzlich wieder laut ein Huhn gegackert hätte.
»Da ist es ja wieder,« rief Fräulein Wunderlich und riß die Türe auf. »Marie, Marie, es gackert wieder.«
Diese kam angerannt. »Das ist der kleine Teufel aus Oberheudorf, der geistert im Hause rum,« rief sie, »der ist 'n Gespenst geworden.«
Die arme Schneiderin wollte gern ihr Geld haben. Daheim war ihre Mutter so krank, und sie hatte sie pflegen müssen und dabei Tag und Nacht genäht. Nun war kein Geld im Hause, ach, und nun war ihre Kundin so böse. Wie sollte sie das nur sagen? Sie atmete tief und flüsterte ängstlich: »Ich wollte um mein Geld bitten, ich -- --«
»Nein, so eine Unverschämtheit, so -- -- --«
»Gagagagaaag, gagagag,« gackerte es laut. Fräulein Wunderlich brach wieder ihre Rede ab und stammelte: »Wo ist das nur?«
»Hier drinnen schreit es,« rief Marie und riß die Türe zu dem Besuchszimmer auf, der »Putzstube«, wie sie es nannte. »Alle guten Geister, das ist wirklich 'n Gespenst,« schrie sie entsetzt. »Da, da, o du meine Güte, wie graulich!«