Die Oberheudorfer in der Stadt Allerlei heitere Geschichten von den Oberheudorfer Buben und Mädeln
Part 7
Im Eifer hatten sie aber vergessen, auf die Straße zu schauen, und so traten plötzlich die zwei Buben, von denen sie eben gesprochen hatten, in den Garten.
»O pfui, ihr kommt so heimlich,« schalt Marianne schmollend.
Die beiden achteten nicht auf sie. Erstaunt blickten sie auf den Gast, und Jobst rief in seiner herrischen Art: »Was tust du denn hier?« Er meinte es nicht so schlimm, es kam bei ihm aber alles etwas patzig und abweisend heraus, und wer ihn nicht kannte, hielt ihn wohl für einen recht eingebildeten Buben.
Ulli knurrte nur »Na« und maß den unwillkommenen Gast mit einem unfreundlichen Blick. Friede wurde feuerrot. Er fühlte, die Buben sahen ihn als einen Eindringling an in ihrem Garten. Vor Scham und Ärger vergaß er das freundliche Füchslein, und daß dies Frieden hatte stiften wollen; schwipp, schwapp, drehte er sich trotzig um und lief zum Garten hinaus.
»Friede,« schrie Marianne ihm nach, und dann schalt sie ärgerlich auf den Bruder und Freund: »Pfui, warum seid ihr denn so abscheulich zu Friede? Gerade war er so nett und wollte mit eure Mützen angeln.«
»Was?« rief Jobst erstaunt, »was wollte er tun?«
»Den geht meine Mütze gar nichts an,« brummte Ulli.
Mit ein paar guten Worten hätte Füchslein nun schnell alles erklären können, und sie hätte auch die Buben dazu gebracht, den Schulgenossen wieder zurückzuholen, doch sie war wie eine kleine Rakete. Puff, puff, ging es bei ihr gleich immer oben hinaus. Hinterher tat es ihr freilich bitter leid, aber dann wurde manchmal nicht so rasch glatt und gut, was ihr Ungestüm verfahren hatte. So ging es auch heute. Marianne schalt ein paar Minuten heftig auf die Buben ein, und die gaben ihr die unguten Worte reichlich zurück, Jobst laut und heftig, Ulli mit Brummen und Knurren. Es schallte gar nicht lieblich durch den Garten, bis sie auf einmal vor Wut und Ärger alle drei davonrannten, eines hierhin, das andere dahin. Im Winkel eines Gartenhauses heulte sich dann Marianne zurecht, wie die Mutter es nannte. Als sie das getan, lief sie in den Garten zurück und suchte versöhnungsbereit Jobst und Ulli, aber die waren weg und blieben weg. Da ging die Kleine mit kummerbeschwertem Herzelein zur Mutter, die an ihrem Nähtisch saß, erzählte der die ganze Geschichte und klagte sich dann selbst an: »Und ich dachte, nun würde alles gut werden.«
»Ja, mein Mädel, man denkt eben manchmal verkehrt herum,« sagte die Mutter, »und das Friedenstiften will sacht und leise angefaßt werden. Wenn du so wild und ungestüm auf deiner Geige spielen wolltest, kämen auch keine lieblichen Töne heraus, und mit Menschenherzen muß man ebenso zart umgehen.«
Marianne Sonntag nahm erst den rechten, dann den linken Zopf in den Mund, dann seufzte sie, und nach diesen Vorbereitungen sagte sie betrübt: »Ich will auf der Geige üben.«
»Tu es,« riet die Mutter und nickte ihrem Mädel zu. Sie lauschte dann dem Spiel der Kleinen, das klang erst gar nicht melodisch, aber nach und nach wurde es reiner, zarter. Dann klappte eine Tür, das Spiel brach jäh ab, nun flüsterten und tuschelten im Nebenzimmer zwei Stimmen, und plötzlich riß das Füchslein die Türe auf und rief: »Mutterle, wir vertragen uns wieder, und Ulli will auch nett zum Friede sein.«
Frau Sonntag hörte den guten Vorsatz, hörte ihre Kinder von Versöhnung reden, und sie freute sich darüber. Aber Friede wußte nichts davon. Traurig lief der durch allerlei Straßen, und wie er so ziel- und zwecklos dahin rannte, kam es ihm auf einmal in den Sinn: »Es wäre am besten, ich liefe nach Oberheudorf zurück.«
Er blieb unwillkürlich stehen. Der Gedanke an die Heimat erfaßte ihn mit solcher Gewalt, daß ihm die Tränen in die Augen traten. Ganz deutlich sah er das Haus von Muhme Lenelies, die Muhme selbst, die Dorfstraße, seine Gefährten, alles vor sich, und da fing er auch schon an zu laufen. Ich muß heim, gleich, dachte er, ich muß die Muhme sehen, ihr alles sagen, ich will wieder dort bleiben. Er kannte den Weg schon besser als Schulzens Jakob und Schnipfelbauers Fritz. Dort um jene Ecke mußte er gehen; nun kam die Straße, an deren Ende er schon grüne Saaten schimmern sah; da war er im Freien, war auf dem rechten Weg zur Heimat.
Aber allzu weit kam er nicht. Ein Wäglein kam angerollt. Er sah es erst, als es dicht vor ihm war; da sprang er zur Seite. In dem Wagen saß ein einzelner Herr, der sich scheltend herausbeugte: »Na, was ist denn das für eine Sitte, so toll auf der Straße herumzulaufen!«
Friede stutzte und blieb erschrocken stehen. Den Herrn kannte er, das war ja Doktor Treumann, zu dem er einst an einem stürmischen Wintertag gerannt war, um eine Medizin für Muhme Lenelies zu holen. Auch der Arzt hatte den Buben erkannt. »He, du,« rief er, »bist du nicht der Friede aus Oberheudorf, nach dem mich meiner Schwester Kinder schon halb entzweigefragt haben? Komm einmal her, wir zwei kennen uns doch, du bist ja mein kleiner Held.«
Friede trat verlegen an den Wagen heran, und der Arzt prüfte mit klugen, ernsten Augen sein Gesicht. Holla, da stimmt etwas nicht. Er merkte es gleich und fragte laut: »Läufst wohl spazieren, was?«
Der Bube nickte nur befangen, er stand mit gesenktem Kopf da und wagte es gar nicht aufzuschauen. Einen kleinen Helden hatte ihn Doktor Treumann eben genannt, das war er doch nicht, er, der eben hatte feige ausreißen wollen.
»Na, sieh mich doch mal an, mein Junge!« sagte da der Arzt gemütlich. »Straßenstaub und Steine kannst du ja noch oft sehen, aber mich hast du doch noch nicht gesehen, solange du in der Stadt bist. War übrigens verreist, sonst hätte ich mich schon um dich gekümmert. Na, Kopf hoch! Ein tapferer Junge sieht jedem frei ins Gesicht.«
Friede schlug rasch die Augen zu dem Arzte auf. Er fühlte, der durchschaute ihn, ahnte, daß er nicht auf rechten Wegen ging. Stirn und Backen brannten ihm, er atmete tief, aber fest sagte er dann: »Ich wollte ausreißen, nach Oberheudorf zurück.«
»So, so!« Doktor Treumann war gar nicht überrascht, seine Augen blitzten, und seine Stimme klang scharf: »Bist du jetzt so einer geworden, der gleich das Hasenpanier ergreift? Hm, meinst wohl, die Muhme wird sich arg über dein Heimkommen freuen?«
Darauf gab Friede keine Antwort. Er schämte sich plötzlich unsäglich der eigenen Feigheit, und hastig drehte er sich um, lüftete höflich seine Mütze und begann wieder nach der Stadt zurückzulaufen.
Da rief ihm der Doktor nach: »Stadtwärts kannst du mitfahren. Komm, steig ein!«
Der Junge blieb zögernd stehen, er war unschlüssig, was er tun sollte. Mit dem Arzt zu fahren erschien ihm in diesem Augenblick gar nicht so vergnüglich, aber der streckte ihm jetzt die Hand entgegen und sagte in dem alten freundlichen Tone: »Du hast mir ja noch gar nicht die Hand gegeben, du Friede aus Oberheudorf. Komm, steig ein, wir erzählen uns was miteinander!«
Friede kletterte in das Wäglein und mußte sich neben den Arzt setzen, der so gemütlich zu plaudern begann, als wäre der kleine, blonde Dorfbube ihm ein herzlicher Freund. Und Friede taute auch bald auf und erzählte nun wieder treuherzig von seinen Kümmernissen. Nur seine letzte bittere Erfahrung verschwieg er. Doktor Treumann war ja Mariannes und Ulrichs Oheim, da wollte er nicht anklagen. »Ich hab' es mir ganz anders auf der Stadtschule gedacht,« schloß Friede seufzend seinen Bericht.
»Ja, ja, mein Junge, man denkt sich manchmal manches anders in der Welt,« tröstete der Arzt. »Ich dachte vorhin auch: Holla, der Friede aus Oberheudorf ist ja ein Feigling geworden! und dann habe ich gemerkt, daß ich falsch gedacht habe und du doch ein tapferer kleiner Kerl bist, und so einer kommt schon durch. So, und nun steig aus, da geht's zum Johannesplan hinauf. Grüße mir meinen alten Freund, den Professor, und dann, immer tapfer den Kopf oben behalten!«
Friede kletterte aus dem Wagen, grüßte und dankte. Jetzt brannte ihm wieder das Gesicht, aber diesmal vor Freude. Er nahm das gute Wort des Arztes mit in das stille Spiegelhaus, und an diesem Abend schrieb er den ersten Brief an Muhme Lenelies. Alles erzählte er darin, er schrieb aber auch, daß er tapfer sein und aushalten wolle. Und dieser Brief fiel nicht auf die Dorfstraße, er wurde auch nicht im Backofen verbrannt. Muhme Lenelies hob ihn gar sorgsam auf und las ihn so oft, bis sie ihn besser auswendig konnte als die Kinder in der Schule ihre Verse und Sprüche.
Schulzens Jakob und Schnipfelbauers Fritz hatten aber auch ihre unbändige Freude über den Brief, stand doch darin, daß sie nichts zerbrochen hatten. Seit sie das wußten, redeten sie noch kecker und hochmütiger von der Stadt und trillerten immerzu laut auf ihren Pfeifen, und alle Leute im Dorf sagten: »Wenn die Pfeifen nur erst kaput wären!« -- --
Das Abenteuer im Schloß.
In Feldburg gab es wie in vielen andern altertümlichen Kleinstädten auch ein Schloß. Es lag, wie es sich für ein richtiges Schloß schickt, etwas höher als die andern Häuser der Stadt und war auch von einem wirklichen Fürsten und einer wirklichen Fürstin bewohnt. Meist war zwar der Fürst von Salheim nicht in Feldburg, er hatte noch andere Schlösser, und da er ein Fürst ohne Land war und in Feldburg nichts zu regieren hatte, kam er immer nur etliche Wochen im Jahr dorthin. Er kam aber gern, und die Feldburger freuten sich auch über sein Kommen, und über das Schloß freuten sie sich auch; es sah so stattlich aus, und die Fremden, die in das Städtchen kamen, sagten immer entzückt: »Nein, ist das aber malerisch!«
In Oberheudorf hatten die Kinder schon früher manchmal von dem Feldburger Schloß gehört; seit Traumfriede aber in der Stadt war, sprachen sie sehr viel davon. Das Schloß zu sehen lockte sie sehr. Muhme Lenelies sagte zwar oft: »Ach was, Schloß hin, Schloß her, meine Märchenschlösser sind schöner.«
Doch die Kinder glaubten ihr das nicht recht und gaben wohl zur Antwort: »Du sagst aber nicht, wo die liegen.« Auch der Lehrer in der Schule hatte von dem Schloß erzählt, das in der Geschichte des Herzogtums, zu dem Feldburg und Oberheudorf gehörten, eine ziemliche Rolle gespielt hatte. Ein deutscher Kaiser hatte einmal dort gewohnt, und allerlei dunkle Sagen umspielten das alte, graue Schloß.
»Warum hat uns Friede das Schloß nur nicht gezeigt? Zu dumm von ihm!« murrten die fünf ersten Stadtfahrer oft. Ihnen und den andern Kindern war es daher eine wundervolle Überraschung, als der Herr Lehrer eines Tages sagte: »Wir wollen einen Spaziergang machen, ratet wohin?«
»Nach Dachhausen,« schrieen die einen; die andern rieten: »Nach dem Kuhberger Walde.« Wo anders hin war es nämlich noch nie gegangen.
»Falsch geraten! Nach Feldburg, das Schloß ansehen.«
Ein unglaublicher Jubel erhob sich. Selbst der Lehrer erschrak, dies war ja noch ärger, als er gedacht hatte, und streng gebot er Ruhe. Da wurde es auch still im Schulzimmer, aber draußen auf der Dorfstraße ging der Lärm nachher wieder los. Die Buben und Mädel schwatzten so laut und eifrig miteinander, daß an diesem Tage sogar die Gänse, die Hauptspektakelmacher im Dorfe, eifersüchtig wurden. Eine dicke Gans schnatterte der andern zu: »Gräßlich das, man versteht ja sein eigenes Geschnatter nicht bei diesem Kindergeschrei!«
In heller Aufregung liefen die Kinder heim. »Wir gehn aufs Schloß,« schrie Heine Peterle schon zum Fenster hinein, damit es nur ja gleich alle wußten. Die erwartete Überraschung blieb leider aus, denn nur Muhme Rese saß in der Stube, und die dachte, es wäre wieder einer von des Buben Späßen. Sie brummelte nur: »Warum willste nich gleich zum Kaiser?«
Heine Peterle war entrüstet. Aufgeregt erzählte er nun ausführlich, was der Lehrer gesagt hatte. Da ließ die Muhme ihren Strickstrumpf sinken, sah den Buben nachdenklich an und sagte zuletzt: »Geh nur ja nich mit, Heine Peterle, nä, nä, tu das nich, dir passiert was, du paßt nich in en Schloß.«
Trotz dieser düstern Warnung dachte Heine Peterle gar nicht daran, daheim zu bleiben. Er gehörte ja schon zu den Großen, die mit durften, zu den »Gernegroßen«, sagte der Vater.
Die Regenwolken, die über Oberheudorf hingen, taten den Kindern den Gefallen, am Tage vorher eiligst auszureißen, und am Morgen des Festtages war der Himmel so blank geputzt, als hätten ihn die Oberheudorfer Mädel mit Sand und Seife abgescheuert.
Hatten die Kinder vor diesem Tage gefragt: »Wie kommen wir nach der Stadt?« dann hatten die Erwachsenen erwidert: »Auf Schusters Rappen, wie sonst; meint ihr, für euch würden Kutschen angespannt?«
Und dann standen zur Überraschung der Buben und Mädel am Morgen doch zwei große Leiterwagen auf dem Dorfplatz, und Friede Hopserling schmückte die Pferde gerade noch mit frischen Maiensträußen, als die Kinder angelaufen kamen. »Hurra, wir dürfen fahren,« schrieen alle.
»Nä, wer hat das gesagt?« brummte Friede Hopserling, und der Schulzenknecht, der den andern Wagen führte, rief: »Wer mitfahren will, muß 'nen Taler zahlen, billiger tu' ich's nicht.«
Aber die Kinder kletterten schon auf die Wagen hinauf, sie wußten genau, woran sie waren. Und dann kam der Herr Lehrer und setzte sich auch in den einen Wagen, und los ging die Fahrt. Die Dorfbewohner standen auf der Straße oder schauen zu den Fenstern heraus, sie winkten und nickten, und die Kinder taten, als ginge die Reise mindestens nach Amerika. Heine Peterle blies auf seiner rosenroten Flöte, Schulzens Jakob und Schnipfelbauers Fritz auf ihren Trillerpfeifen, die andern wieder sangen, und Friede Hopserling knurrte: »Die Pferde werden noch scheu werden.«
An einem sonnenhellen Frühlingstag auf einem Leiterwagen durch den Wald zu fahren, ist höchst vergnüglich, und die Oberheudorfer Buben und Mädel waren auch so lustig, wie man nur sein kann. In Wiesental, dem letzten Dorf vor Feldburg, wurde ausgestiegen. Von da aus ging es zu Fuß nach der Stadt. »Gleich zum Schloß hinauf,« gab der Lehrer den Ungeduldigen zur Antwort.
O dieser Zug durch die Stadt! Diejenigen, die schon dagewesen waren, blähten sich wie die Fröschlein auf und sagten wichtig, wenn sich die Gefährten über dies oder das wunderten: »Das ist so in der Stadt.«
»Da ist Herrn Schulz sein Ramschladen,« schrie Schulzens Jakob, und sämtliche Kinder blieben vor dem Laden stehen, preßten die Nasen an die Fensterscheibe und hatten nicht übel Lust, Herrn Schulz zu besuchen. Doch da rief Heine Peterle: »Nu kommt wieder der Wagen ohne Pferde.«
»Brrr bums,« blieb das Automobil stehen, und der Führer schalt zornig: »Ja, was soll denn das, Kinder? Runter von der Straße! Ich glaube gar, das sind wieder die dummen Buben von neulich!«
Der Lehrer hatte seine Not, ehe er es seinen Buben und Mädeln begreiflich machen konnte, daß sie immer nur auf dem schmalen gepflasterten Bürgersteig zu gehen hätten.
»Du, Mariele,« rief da Annchen Amsee, »sieh mal, hier wohnt 'n Bäcker.«
Es war die größte Bäckerei der Stadt, vor der die Kinder gerade angelangt waren: ein stattlicher Laden mit breitem Schaufenster, in dem Torten, Kuchen, Körbchen mit allerlei feinen Weißbrötchen aufgebaut waren; dahinter wieder standen lange, dunkelbraune Brote, ernsthaft wie Schildwachen.
Mariele sah mit großen Augen drein; fast andächtig, ehrfurchtsvoll musterte sie den Laden. Das sollte eine Bäckerei sein, wie ihr Vater sie hatte? Dem kleinen Mädel kam hier plötzlich die Erkenntnis, wie klein doch das Heimatdorf war gegen Feldburg, und hatte der Lehrer nicht gesagt, Feldburg wäre eine kleine Stadt? So gab es noch größere Städte mit noch viel, viel größeren Bäckereien? Mariele seufzte so tief und schwer, daß es der Lehrer hörte. Er wandte sich um und fragte: »Was hast du denn, Mädel?«
»'s ist nich hübsch in der Stadt,« klagte Mariele angstvoll und starrte den Bäckerladen an, der ihr in seiner Größe und Pracht fast unheimlich war.
Der Oberheudorfer Lehrer kannte die Kinder gut und verstand des Marieles Schrecken. Er nahm die Kleine an der Hand, und während sie alle miteinander den Schloßberg hinaufpilgerten, zeigte er ihr allerlei, ein hübsches Haus, einen Garten, in dem allerlei Blumen blühten, er zeigte ihr, wie ein paar kleine Mädel ihre Puppen in der Sonne spazierenführten, und allmählich verlor Mariele die Angst vor der Stadt. Häuser, Bäume, Blumen, Menschen, die gab es auch in Oberheudorf, na, und wenn der Vater auch keinen großen, feinen Laden hatte, ein Bäcker war er doch, und der Herr Lehrer sagte: »Auf den großen Laden kommt es nicht an, nur darauf, ob das Brot gut ist, das einer bäckt, und das Brot deines Vaters schmeckt so gut, daß viele Stadtleute es sich kommen lassen, weil sie es besonders gern essen.«
Da wurde Mariele sehr stolz auf ihren Vater, und Feldburg mit all seinen Häusern und Läden kam ihr gar nicht mehr unheimlich vor, ja am Schloßtor schaute sie sich ganz kühn um und tuschelte Annchen Amsee zu: »Am Ende essen sie drinnen gar auch Brot vom -- Vater.«
Ein paar Buben und Mädel hatten sich den ganzen Weg über nach dem Friede Heller umgeschaut. Warum der wohl nicht zu sehen war?
»Er weiß nicht, daß wir da sind,« sagten einige.
»Vielleicht hat er noch Schule,« meinte Heine Peterle nachdenklich, der dachte, in der Stadt könnte schon mal von früh bis abends Schule sein.
Als sie aber alle ans Schloßtor kamen, stand dort ein Bube und schwenkte jauchzend seine grüne Mütze: Friede war es. Er stürmte ihnen entgegen und hätte sie in der Freude seines Herzens am liebsten umarmt, den Herrn Lehrer voran. Ehe er aber noch alle recht begrüßt hatte, schrie Anton Friedlich, dessen Augen neugierig rundum gingen: »Uh je, da steht der Fürst mit 'nem großen Stock!«
»Er kommt her, er kommt her,« quiekten etliche Mädel und knicksten erschrocken bis zur Erde. Fein angetan in dunkelrotem, goldgesticktem Rock, einen Dreispitz auf dem Kopf, kam der Türhüter heran. Er wußte von dem Kommen der Oberheudorfer; der Lehrer hatte angefragt, ob er mit seinen Schulkindern an diesem Tage das Schloß besichtigen dürfe. Mit gnädigem Lächeln sah der Türhüter die Kinder an. Daß sie ihn für den Fürsten hielten, freute ihn, und er erlaubte es huldvoll, daß die Buben und Mädel ihn von allen Seiten betrachteten und um ihn herumliefen wie um einen Weihnachtsbaum. Sie hörten erst mit Bewundern und Besehen auf, als der Diener kam, der sie im Schloß herumführen sollte. »Hört nun schon auf,« mahnte der, »wenn ihr drinnen alles so genau besehen wollt wie unsern Türhüter, dann werdet ihr bis morgen früh nicht fertig. Kommt jetzt, drinnen gibt es Schöneres zu sehen.«
»Grobian,« brummte der Türhüter, der sich sehr gern bewundern ließ, aber dann sagte er auch: »Geht nur hinein!«
Es gab wirklich sehr viel in dem Schloß zu sehen: geschnitzte, vergoldete, mit Seide und Samt überzogene Sessel, Stühle, Sofas, Tische mit eingelegten, kunstvoll verzierten Platten, schimmernde Spiegel, Bilder, Vasen, kurz so viel schönen, reichen Hausrat, daß die Buben und Mädel aus dem Erstaunen und der Bewunderung gar nicht herauskamen. In einem Saal, der ganz von Gold schimmerte, mußten sie alle riesige Filzschuhe über ihre eigenen Schuhe ziehen. Der Fußboden war so fein und glänzend, so spiegelglatt, als sollte darauf gespeist werden, und der Diener mahnte: »Hier muß man vorsichtig gehen!«
Ja gehen, er hatte gut reden! Hopps, da lag der dicke Friede schon, und krach setzte sich Schulzens Jakob auf seinen Hosenboden. Krämers Trude zappelte ein Weilchen wie ein Fisch, dann fiel sie auch hin, und Bäckermeisters Mariele rutschte wie ein kleiner Schlitten auf ihrem Bäuchlein den halben Saal entlang. Der Führer hatte gerade mit dem Erklären beginnen wollen, als er sah, wie es um ihn herum plumpste. »Aber Kinder, was macht ihr denn?« rief er erschrocken.
Krach, da lag auch er da, so lang er war. Anton Friedlich hatte sich an seinem Bein halten wollen und ihn mit umgerissen.
»Uff!« stöhnte er. Vor lauter Überraschung wußte er nichts weiter zu sagen, nicht einmal schelten konnte er. Kaum hatte er sich aufgerichtet, da purzelte schon wieder eins hin, und ein Mädel griff angstvoll nach seinem Rockschoß.
»Aber was macht ihr denn?« schrie er nun entsetzt. »Haltet doch --« bums setzte sich vor ihm wieder ein Bube sehr unsanft auf den Hosenboden, und alles klirrte und krachte im Saal.
»Das geht nicht,« riefen der Lehrer und der Führer erschrocken wie aus einem Munde, und die Kinder klagten: »Wir können nicht in den Pantoffeln gehen.«
»Wir ziehen alle die Schuhe aus!« Annchen Amsee saß auf dem Fußboden, sie stand auch nicht auf, weil sie dachte, sie falle ja doch wieder hin. »In Strümpfen geht's, da trapsen wir auch nicht!«
»Ja, wir wollen die Schuhe ausziehen,« schrieen ihr die andern nach, und schon hatten ritsch, ratsch ein paar Mädel ihre Schuhe aufgebunden.
»Es wird wohl am besten so sein,« meinte der Herr Lehrer, und der Diener sagte seufzend und ergeben: »Meinetwegen, obgleich sonst nie jemand so in den Festsaal geht.« Eins, zwei, drei, waren alle Schuhe ausgezogen, und dann tappelten lauter rosenrote und kornblumenblaue Füße über das glatte Parkett. Die Oberheudorfer Mütter liebten nämlich die bunten Strümpfe sehr.
Aus dem Festsaal ging es in die Silberkammer, von da in das gelbe Zimmer, dann in den roten Saal, dann in die grüne Kammer; es war beinahe wie in einem Märchen. Endlich schloß der Führer eine schwere eichene Türe auf und sagte: »Das ist der Ahnensaal.« Aber erschrocken prallten die Kinder zurück, und den Mädeln wurde es himmelangst. An den Wänden hingen die lebensgroßen Bilder vieler Männer und Frauen in seltsamen Trachten. Manche von ihnen sahen recht grimmig aus, gar nicht, als hätten sie vom Anderwandhängen einen sonderlichen Spaß. Dies und das erzählte der Führer von dem und jenem: der war ein großer Held gewesen in dem langen Krieg von dreißig Jahren, und jener hatte gegen die Türken gefochten. Die eine der Schloßfrauen hatte einmal mit tapferer, mutiger List Stadt und Schloß aus großer Gefahr gerettet. Sie sah auf ihrem Bilde aber auch so stolz und feierlich aus, daß die Kinder sie sehr ehrfürchtig anschauten. Krämers Trude knickste sogar vor ihr.
Am Südende des Saales lag neben einer Tür, die auf einen schmalen Vorsaal endete, eine kleine Nische. In der hing noch ein Bild: ein finsterer Herr in der spanischen Hoftracht des sechzehnten Jahrhunderts war es. Von ihm erzählte der Führer, er sei ein gar arger Bösewicht gewesen, er gehöre von rechtswegen gar nicht in diesen Saal, denn er sei nur ein entfernter Verwandter des Fürstenhauses. Man lasse aber sein Bild hängen, obgleich er es gar nicht um die Familie des Fürsten verdient habe. In einer wilden Sturmnacht habe er versucht, die einzige Tochter des damals regierenden Herrn zu rauben. Fahrende Spielleute hätten ihm dann aber das schöne Fräulein abgejagt, als sie im Walde nach Hilfe gerufen habe. Sie sei dann vor Schreck und Grauen in ein Kloster gegangen. Ihr Räuber aber sei landflüchtig geworden, man wisse nichts von seinem Ende.
»Huhu,« graulten sich die Mädel und sahen ordentlich ängstlich auf den finsteren Mann, just als würde der mit seinen spitzen Schnabelschuhen aus dem Bilde herausmarschieren. Heine Peterle tat einen tiefen Atemzug und sagte: »Man hätt' ihn ordentlich verdreschen müssen.«
Das Wort gefiel den Buben, und der eine sagte dies, der andere das, was sie getan hätten, wenn sie die fahrenden Leute gewesen wären.
Der Herr Lehrer war inzwischen mit dem Führer an eins der spitzbogigen Fenster des Saales getreten, und die Kinder konnten sich ungestört über den finsteren Gesellen unterhalten.
»Wie er die Augen aufreißt!« tuschelte Annchen Amsee, »puh, wie graulich!«
»Ich hätte ihn ganz gewiß gefangen und in den Turm gesteckt,« versicherte Schulzens Jakob zum drittenmal. Da trat Heine Peterle ganz dicht an das Bild heran und sagte keck: »Ich geb' ihm jetzt noch was für seine Schlechtigkeit.« Und patsch schlug er mit seiner kleinen Faust dem gemalten Mann auf den Bauch.
Die Kinder lachten, aber ihr Lachen erstarb jäh.
Himmel, was war das?