Die Oberheudorfer in der Stadt Allerlei heitere Geschichten von den Oberheudorfer Buben und Mädeln

Part 6

Chapter 63,850 wordsPublic domain

Die beiden Missetäter entflohen entsetzt. Sie sahen nicht rechts, nicht links; sie liefen wie die Hasen. Draußen bogen sie statt nach rechts nach links herum, rannten dann in die nächste Querstraße hinein, und als sie jemand anredete: »Na, was rennt ihr denn so?« da sausten sie in ihrer Angst noch schneller weiter.

Um diese frühe Nachmittagsstunde waren wenige Menschen unterwegs in der Stadt, und die beiden Buben kamen ungehindert durch allerlei Straßen und Gassen, bis sie endlich merkten, daß sie gar niemand verfolgte. Da blieben sie stehen und sahen sich um. Ja wo waren sie eigentlich? Die Straße, in der sie standen, war still und einsam; ein paar stattliche Häuser standen darin, die in großen Gärten zu liegen schienen, denn über graue Mauern ragten Bäume hinweg. Die beiden kamen sich schrecklich hilflos und verlassen in der großen Stadt vor, von den Gefährten war nirgends auch nur ein Zipfelchen zu erblicken, und dazu quälte beide noch das böse Gewissen. Das hatte gar so sehr geklirrt in dem Laden, gewiß war sehr viel zerbrochen, und gewiß würde man sie suchen und --. Sie wagten die Folgen ihres Streiches gar nicht auszudenken, nur einmal murmelte Jakob: »Sie sperren uns ein!«

»Wir reißen aus,« flüsterte Schnipfelbauers Fritz und sah sich scheu um. »Weißte was, wir laufen immer voran nach Hause.«

Der Plan leuchtete Schulzens Jakob ein, aber wo lag Oberheudorf?

»Wir fragen,« meinte Fritz mutig und trat wirklich keck auf einen etwas größeren Jungen zu, der gerade vorbeiging. »Weißte, wo Oberheudorf liegt?«

»Auf dem Monde,« sagte der, pfiff sich eins und lief die Straße entlang.

»Frech!« sagten die beiden Oberheudorfer entrüstet, als hätten sie noch nie eine unnütze Antwort gegeben. Sie liefen wieder ein Stück die Straße entlang und fragten dann wieder einen Buben. Der wußte ihnen aber auch keine Antwort zu geben, er riet ihnen: »Geht nur immer der Nase nach.« Damit wären die beiden freilich nie nach Oberheudorf gekommen, denn Jakob mit seiner Himmelfahrtsnase hätte immer bergauf gehen müssen und Schnipfelbauers Fritz links herum; seine Nase war nämlich schief. Den beiden war das Weinen schon näher als das Lachen, sie standen wie ein paar begossene Pudel auf der Straße, und wenn jemand kam, erschraken sie. Sicher holte man sie und sperrte sie ein. Endlich fiel Schnipfelbauers Fritz der Name des letzten Dorfes ein, durch das Friede Hopserling sie gefahren hatte. Vielleicht wußte hier in der Stadt eher jemand, wo das lag. Da sie mit den Stadtbuben schlechte Erfahrungen gemacht hatten, fragten sie ein Mädchen, das aus einem der Häuser kam, und wirklich wußte sie Bescheid.

»Kommt ein paar Schritte mit,« sagte sie, »dann zeige ich euch die Straße, und ihr braucht nur immer geradeaus zu gehen. Seit ihr denn von dort her?«

»Nä, aus Oberheudorf,« bekannte Jakob zögernd.

»Du meine Güte, und ich bin aus Berenbach,« erzählte das Mädchen. »Ich bin die Katerliese und diene bei Sonntags. Aber wie kommt ihr denn hierher, seid ihr allein in der Stadt, und wie heißt ihr denn?«

Die Buben wurden verlegen, sie fürchteten sich, das Mädchen, das zwar sehr freundlich aussah, könnte sie verraten, und scheu sahen sie die Katerliese von der Seite an. Diese sagte jetzt: »Geht hier die Straße hinaus und dann immer gradaus, dann kommt ihr nach Wiesental; dort fragt ihr am besten noch einmal. Aber erst erzählt mir, wie ihr hergekommen seid.«

Das Mädchen konnte lange fragen; kaum wußten die Buben den Weg, da rannten sie auch schon wie besessen davon. »Na, so was!« brummelte das Mädchen. »Ich glaube, sie haben ein schlechtes Gewissen gehabt; sicher haben sie einen dummen Streich gemacht! Den Oberheudorfern kann man so was schon zutrauen. Ich muß die Sache nachher gleich unserem Füchslein erzählen.«

Die andern Kinder hatten inzwischen erst nach einer ziemlichen Weile das Fehlen der beiden Buben bemerkt. Sie rannten eiligst den Weg wieder zurück, aber nirgends waren die beiden zu erblicken. Sogar zu Herrn Schulz in den Laden liefen sie hinein. Herr Schulz wurde etwas verlegen, denn er hatte die beiden wie die wilde Jagd aus dem Laden rennen sehen. Er sagte: »Ach, ihr werdet sie schon finden! Übrigens sind sie nach jener Seite gelaufen!«

Nun liefen die vier die Straße hinab, aber kein Jakob und kein Fritz war zu sehen. Friede fragte ein paar Leute, einen Schutzmann, einen Briefträger, -- niemand hatte die Buben gesehen.

»Vielleicht sind sie zurückgelaufen,« sagte Annchen Amsee endlich, und alle vier trabten nach dem Johannesplan. Dort wußte aber auch niemand etwas von den Vermißten. Sogar bei Wunderlichs fragten die Mädel nach, aber Marie, die öffnete, hatte keinen Zipfel von den beiden gesehen.

Professor von Spiegel tröstete: »Sie werden sich schon finden, in Feldburg gehen nicht plötzlich ein paar Buben verloren.« Aber die Mädel brachen in ein so jämmerliches Geheul aus, daß es dem guten alten Herrn himmelangst wurde. Er gab den Kindern den Gärtner mit zur Hilfe. Der ging auf die Polizei, aber auch dort hatte niemand die Vermißten gesehen.

Als Friede Hopserling mit dem Wagen kam, seine Schützlinge abzuholen, schimpfte er gewaltig, als er von dem Verschwinden der beiden hörte. »Haue müssen sie haben, aber ordentliche! Na die sollen meine Peitsche fühlen.«

»Ich dächte, wenn man jemand hauen will, muß man ihn erst haben,« sagte Frau Emma, die Hausverwalterin des Professors.

»Ja schon,« brummte Friede Hopserling und sah besorgt nach seiner Uhr. Er mußte aufbrechen, es wurde zu spät, er wagte aber nicht, ohne die Buben heimzukommen.

»Da kommt mein Mann mit 'nem Schutzmann. Du lieber Himmel, sie haben wohl gar die Buben eingesperrt,« rief die Gärtnerin.

Jetzt brach auch Heine Peterle, der sich bis dahin sehr männlich und tapfer bewiesen hatte, in ein lautes Geheul aus, und dies Geschrei hörten die wenigen Menschen, die gerade über den Johannesplan gingen. »Im Spiegelhaus ist was passiert,« rief eine Frau und rannte geschwind nach dem Hause hin. Einige andere folgten, und zu Friedes Entsetzen kamen auch etliche Grünmützen dazu. »Natürlich wieder was mit den Oberheudorfern los,« höhnte der eine. Es war der lange Junge, der Friede schon oft geneckt hatte; er wohnte am Plan, darum war er bei allem, was geschah, dabei.

»Ich glaube, es ist am besten, Sie fahren heim,« riet der Schutzmann Friede Hopserling. »Wir werden die Knaben suchen, sie werden sich schon finden.«

»Ich bleibe hier, ich suche mit,« schrie Heine Peterle, und »Ich auch, ich auch,« schluchzten die Mädel.

»Ich weiß was,« sagte da plötzlich ein feines Stimmchen. Marianne Sonntag drängte sich durch die Leute und betrachtete mitleidig die weinenden Oberheudorfer. »Weint nicht,« tröstete sie, und dann erzählte sie flink, daß zwei Buben Sonntags Dienstmädchen nach dem Weg nach Oberheudorf gefragt hätten.

»Das sind sie, das sind sie,« riefen die Oberheudorfer alle, als Marianne sagte: »Einer hatte ein blaues Halstuch, der andere ein rotes.«

»Die haben 'ne Dummheit gemacht,« brummelte Friede Hopserling leise vor sich hin. »Steigt auf, ihr drei, wir finden sie schon.«

»Die haben sicher etwas begangen, darum sind sie ausgerissen,« sagte auch der Schutzmann und sah die andern Kinder scharf an, daß sie mit einer ungeheuren Eile auf den Wagen kletterten. Frau Emma konnte ihnen kaum noch ihre roten Eßbündel hineinwerfen, so rasch fuhr der Friede davon. »Halt, warten Sie einmal!« wollte der Schutzmann rufen, aber da rasselte der Wagen schon in die Rosengasse hinein.

Dem Friede war das Herz sehr schwer. Die Angst um die Gefährten, der Abschied, alles bedrückte ihn. Am liebsten wäre er mit nach Oberheudorf gefahren, und als der Wagen in der Rosengasse verschwand, da war es ihm, als müßte er schreien: »Nimm mich mit, Friede Hopserling, nimm mich mit!« Er biß aber die Lippen zusammen und lief in das Haus hinein.

»Nun läuft er fort und sagt gar nichts,« murrte Marianne Sonntag. »Dieser Friede ist wirklich ein Grobian, Ulli hat recht.« Sie ahnte nicht, daß der Geschmähte in diesem Augenblick in einem Gartenwinkel saß und bitterlich weinte. Ach, überall war er fremd!

Im Spiegelhaus waren sie freilich alle gut zu ihm; er hatte aber doch immer das Gefühl: »Hier gehöre ich nicht hin.« Der Professor würde ihn nicht vermissen, wenn er fortging; ein paar Wochen wollte er ihn ja überhaupt nur behalten. In der Schule mochte auch wohl niemand den Friede Pfennig leiden, und morgen spotteten sie gewiß wieder über seinen Dorfbesuch. Und dann würde er sich gar wieder schämen wie heute, und daß er es getan hatte, quälte ihn so sehr; wie eine Last lag es auf seinem Herzen. So abscheulich kam er sich vor, weil er immer gedacht hatte: »Wären die Freunde doch nicht gekommen!« Was wohl Muhme Lenelies dazu sagen würde? Und was dazu, daß er so schlecht auf seine Freunde aufgepaßt hatte? Vielleicht -- -- -- -- hatte sie ihn dann auch nicht mehr lieb?

»Gagagagag, gagagei,« schrie es auf einmal neben ihm. Ein kleines, schwarzes Huhn stand da und schaute mit schief geneigtem Kopf zu ihm hin.

»Das ist der kleine Teufel, den Heine Peterle mitgebracht hat,« dachte er und griff unwillkürlich nach dem Huhn. Das kreischte und schlug mit den Flügeln um sich; aber Friede hatte gar geschwind zugepackt, und das Teufelchen konnte nicht mehr ausreißen.

»Es ist aus Oberheudorf.« Weiter überlegte Friede nichts; wie ein Stück Heimat erschien ihm das schwarze Tierchen. Und sachte, liebevoll streichelte er es. »Du bleibst bei mir,« tröstete er. Gewiß hatte Fräulein Wunderlich den Teufel auch hinausgeworfen wie ihn selbst. Er trug das Huhn zu dem Gärtner, der auch ein paar Hühner hatte und den schwarzen Gast aus Oberheudorf bereitwillig aufnahm.

Friede Hopserling war unterdessen sehr eilig, immer brummend und knurrend durch die Stadt gefahren und hatte endlich die Landstraße erreicht. »Nun paßt ordentlich auf, ihr drei,« gebot er, »irgendwo im Weggraben werden sie schon sitzen.«

Heine Peterle und die Mädel hatten das Weinen aufgegeben. Alle drei hielten so eifrig Umschau, daß erst Annchen Amsee einen Meilenstein für Fritz und dann Heine Peterle einen Baumstumpf für Schulzens Jakob hielt. Aber sie erreichten Wiesental, ohne eine Spur der Vermißten zu finden, und Friede Hopserling schaute immer sorgenvoller drein, obgleich er tat, als wären ihm die Buben höchst gleichgültig. In Wiesental mußte er erst dreimal fragen, ehe jemand ihm Auskunft geben konnte. Eine alte Frau endlich sagte, sie habe die beiden gesehen und ihnen die Straße nach dem nächsten Dorf gezeigt.

Es dämmerte schon, als der Wagen wieder zu dem Dorf hinausrollte. Ein feines Grau verhüllte die Ferne, und in dem Wald, an dessen Rand jetzt die Landstraße hinlief, herrschte bereits ein geheimnisvolles Dunkel. »Nun wird's gar schon dunkel,« grollte der Knecht. »Am Ende sind gar die verflixten Buben durch den Wald gelaufen; na denen will ich's heimzahlen.« Er ließ wütend die Peitsche durch die Luft sausen, und zu seinem großen Erstaunen schrie die Luft laut auf. »So was,« rief Friede Hopserling verdutzt, »der Schrei kam doch von oben!«

»Da hängen ein paar Beine,« quiekte Annchen Amsee und deutete auf eine hohe, noch kahle Kastanie, die hier einsam unter Kirschbäumen an der Landstraße stand. »Das sind Fritzens Beine!«

»Sie sind's, sie sind's!« riefen jauchzend Heine Peterle und Mariandel. Wirklich tauchte Schulzens Jakob aus dem Straßengraben auf, Schnipfelbauers Fritz aber zappelte noch in den Ästen der Kastanie hin und her. Endlich kam er mit zerrissenen Hosen unten an.

»Nicht hauen,« flehten Annchen und Mariandel und hielten Friede Hopserling beide Arme fest, »nicht hauen, bitte nicht!«

Der Knecht sah aber auch wirklich sehr grimmig aus, und Fritz und Jakob rutschten vor Angst wieder in den Straßengraben hinein. Von dort aus erzählten sie klagend ihre Erlebnisse.

»So, Schaden habt ihr angerichtet?« rief Friede, aber er sah lange nicht mehr so böse aus. Die beiden taten ihm schon leid; er dachte, sie hätten mit ihrer ausgestandenen Angst Strafe genug gehabt. »Steigt nun mal ein,« brummte er, »hoffentlich habt ihr nicht zu viel zerbrochen, denn was kaput ist, müßt ihr bezahlen, das hilft nun nichts.«

»Dann hätten wir ja gar nicht erst -- -- huhu -- -- auszureißen brauchen,« schluchzte Jakob.

»Nä, war auch gar nicht nötig. Ausreißen nutzt nie nischt. 'n ehrlicher Mann zahlt den Schaden, den er macht, damit basta. Jetzt hört mit der Heulerei auf, 's wird schon nicht so schlimm sein. Bei uns ist mal ein Mann vom Speicher gefallen, da dachten alle, er wäre tot, und dabei war er gar nicht runtergefallen, sondern 'n Mehlsack.« Mit dieser tröstlichen Erzählung beruhigte Friede die beiden Schelme wenigstens so weit, daß sie das Heulen aufgaben und nach ihren Eßbündeln griffen. Die Kinder schmausten, aßen sich plumssatt, schwatzten eine Weile, schilderten sich ihre ausgestandene Angst, schalten weidlich auf Herrn Schulz, der ihrer Meinung nach an allem schuld war, und dann schliefen sie ein. Sie lagen alle fünf im Wagen und schliefen so fest und süß wie daheim in ihren Betten, und Friede Hopserling brummte schmunzelnd: »Na, 's ist gerade, als hätte ich wieder Mehlsäcke geladen.« Er lud dann jeden kleinen lebendigen Mehlsack vor dem rechten Hause ab, und nur Annchen Amsee wurde so weit munter, um ein »Danke schön« sagen zu können. Wer dachte, er bekäme noch etwas von der Stadtfahrt erzählt, der irrte sich gewaltig, kein Wörtlein sagten die fünf Kinder an diesem Abend mehr. Doch die Erwachsenen trösteten sich und meinten: »Morgen werden sie schon schwatzen, mehr als man vertragen kann.«

Verkehrte Gedanken.

An dem Tage nach der Stadtfahrt der fünf Oberheudorfer Kinder dachten in Feldburg und Oberheudorf allerlei Leute allerlei Sachen, die nicht eintrafen. Wie es so geht, Schulzens Jakob und Schnipfelbauers Fritz dachten, es würde niemand etwas merken von dem, was sie in der Stadt angerichtet hatten, und dabei sagte jede Mutter gleich am frühen Morgen zu ihrem Buben: »Sag mal, was hast du nur getan? Du hast ja ein so schlechtes Gewissen.«

Was Mütter auch immer alles sehen und wissen! Den beiden blieb nichts anderes übrig, als ihre Untat zu bekennen. Die Mütter schalten zwar nicht sehr, aber beide sagten: »Bezahlt muß werden, das hilft nichts, und wenn die Sparbüchse ganz leer wird.« Dies klang den Buben gar bitter in den Ohren. Nachher in der Schule vergaßen sie zwar ihren Jammer rasch, denn es war zu schön, von der Stadt zu erzählen. Ordentlich protzig kamen die fünf an und sagten: »Wir haben aber viel gesehen!« Und als die andern schrieen: »Erzählt, erzählt! Wie war's?« da sahen die Buben die Mädel an und die Mädel die Buben, sie nickten und blinkerten sich zu und taten so wichtig und geheimnisvoll, daß die andern vor Neugier fast platzten. Zu schön war dies, so schön, daß Heine Peterle und Annchen Amsee dachten: »Heute wird der Herr Lehrer über ein bißchen Plappern in der Stunde nicht schelten.« Oh, das war aber falsch gedacht! Er schalt sogar sehr, und Annchen Amsee bekam wirklich eine Strafarbeit und Heine Peterle beinahe eine.

Die andern Kinder sagten an diesem Tage: »Vielleicht gibt es bald schulfrei, vielleicht schon morgen;« aber sie merkten es dann auch, wie falsch sie gedacht hatten. Kein Wunder war es, denn selbst die Erwachsenen dachten an diesem Tage immer etwas Verkehrtes. So dachte die Hausfrau in der himmelblauen Ente: »Heute wird mein Kuchen aber gut geraten,« und dann verbrannte der Kuchen und wurde pechschwarz. Und Schnipfelbauers Kathrine sagte: »Frau, ich denke, heute kriechen unsere ersten Hühnchen aus.« Aber denen fiel das gar nicht ein, sie blieben noch zwei Tage in ihren Eierschalen sitzen.

Auch Muhme Lenelies dachte etwas, das nicht in Erfüllung ging. Sie meinte, die Kinder würden ihr viele schöne Dinge von ihrem Friede erzählen. Was die fünf aber berichteten, klang der alten Frau so seltsam, daß ihr das Herz darüber schwer wurde. Und weil es mit dem Abschied in der Stadt so flink gegangen war, konnten ihr die Stadtfahrer nicht einmal Grüße ausrichten. »Nä, Grüße hat Friede nicht gesagt,« versicherte Heine Peterle, und Annchen Amsee wußte auch nichts von Grüßen. »Er hat gesagt, er käme am liebsten wieder nach Oberheudorf,« flüsterte Mariandel.

Dies Wort vermehrte nur noch die Sorgen der guten Muhme, und sie seufzte tief darüber, weil der Weg in die Stadt gar so weit und das Gehen ihr jetzt so beschwerlich fiel. Wie mochte es nur ihrem Friede gehen? Stimmte das wirklich alles so, wie es die Kinder erzählten, daß ihn das Fräulein Wunderlich aus dem Hause geworfen hatte und die Schulkameraden ihn nicht leiden konnten? Die Gedanken der guten Muhme liefen so geschwind nach Feldburg wie keine Buben- oder Mädelbeine jemals laufen können, und in Feldburg liefen diese Gedanken immer um Friede herum; der merkte aber nichts davon. Er ging wie alle Tage um die Kirche herum ins Gymnasium und war dort froh, als endlich die Stunden begannen, denn laut und leise rief es hinter ihm und neben ihm: »Friede Pfennig, wie geht's den Oberheudorfern?« »Friede Pfennig, fährst du auch auf dem Mehlwagen spazieren?« »Hör du mal, in Oberheudorf sind die Leute wohl neunmalklug?«

»Na wartet nur,« dachte Friede trotzig, »ich will's euch schon zeigen, daß die Oberheudorfer nicht auf den Kopf gefallen sind.« Er konnte das auch gleich an diesem Morgen zeigen. Der Lehrer fragte ihn in der Geschichtsstunde allerlei, und Friede konnte klug und sicher Antwort geben, ja er wußte noch mehr zu sagen als der Klassenerste.

»Ei, du weißt ja sehr gut Bescheid,« sagte Doktor Schneider freundlich.

Weil der sonst nicht viel lobte, machte dies Lob auch großen Eindruck, und die Klassengenossen schauten den Oberheudorfer Buben auf einmal ordentlich verwundert an. So viel wußte der? Manch einer wünschte sich da heimlich: »Ach, wäre ich doch so klug!« und darüber wagte er es dann nicht, den Oberheudorfer Buben zu verhöhnen.

Trotzdem lief Friede nachher wieder allein aus der Schule nach dem Spiegelhaus, wieder um die Kirche herum. Er ahnte nicht, daß Fräulein Wunderlich am Fenster saß und dachte: »Heute wird der Friede wohl zu mir hereinkommen, weil ich gestern so nett zu seinen Freunden war.«

Damit hatte sie aber auch etwas Verkehrtes gedacht, denn Friede kam der Besuch gar nicht in den Sinn, und Fräulein Wunderlich verlor darüber wieder ihre gute Laune, wurde brummig und verdrießlich und schalt im Hause herum. Sie gehörte eben auch zu den Menschen die meinen, eine einzige Freundlichkeit muß gleich Liebe erwecken.

An diesem Nachmittag sagte Frau Emma, die Hausbesorgerin: »Geh, Friede, besorg' mir einmal etwas in der Stadt, du tätest mir damit einen großen Gefallen.«

Sie brauchte wirklich nicht lange zu bitten, Friede war gleich bereit, und die Frau dachte: »Er ist doch ein gefälliger, lieber Junge.« Damit hatte sie nun wirklich etwas Rechtes und nichts Verkehrtes gedacht. Friede tat gern jemand einen Gefallen, und er lief auch gar eilig in die beiden Geschäfte, in denen er allerlei bestellen sollte. Der zweite Laden war jener, in dem er am Tage vorher mit seinen Gefährten zuerst gewesen war, und etwas bänglich betrat er das Geschäft. Die Verkäuferin erkannte ihn auch gleich wieder und rief ärgerlich: »Na, du hast aber ungezogene Freunde! Was waren denn das für abscheuliche Bengel, die hier so gepfiffen haben?«

»Gepfiffen?« Friede sah die Verkäuferin sehr erstaunt an, und diese merkte schnell, der Bube ahnte nichts. Ihr Gesicht hellte sich etwas auf, und sie erzählte den Streich, den Jakob und Fritz ihr gespielt hatten. Während sie erzählte, konnte Friede sich nicht helfen, er mußte ein wenig lachen, und dabei kam die Geschichte auch dem Fräulein auf einmal mehr lächerlich als ernsthaft vor, und zuletzt lachten sie beide ganz fröhlich und herzlich. Als Friede ihr sagte, seine Gefährten seien ausgerissen, gewiß vor Angst, rief sie sogar mitleidig: »Schreib es ihnen doch, es wäre nichts kaput gegangen, es sind nur ein paar Nickelbretter umgefallen, das hat freilich schrecklich gepoltert und geklirrt.«

In guter Freundschaft trennte sich Friede, nachdem er seine Botschaft ausgerichtet hatte, von dem Fräulein, und als er wieder auf der Straße stand und ihm die Frühlingsluft so mild um die Nase wehte, bekam er Lust, spazieren zu gehen. Er hatte Zeit, und im Spiegelhaus schalt niemand, wenn er später heimkam. Der Professor ermahnte ihn ja selbst manchmal: »Lauf hinaus, sieh dich in der Stadt um! Man muß mit offenen Augen durch die Welt gehen!«

Das tat Friede auch an diesem Tage. Er lief durch allerlei Straßen, die er noch nicht kannte, und schaute sich ganz ernsthaft die Häuser an und auch die Menschen, die an ihm vorübergingen. Dabei empfand er wieder so recht, wie einsam er doch in der Stadt war. In Oberheudorf hatte er jeden gekannt, dem er auf der Straße begegnet war. Unwillkürlich schlug er in seinen sehnsüchtigen Gedanken den Weg ein, der nach Oberheudorf führen sollte. Dabei kam er auch an einer langen, grauen Gartenmauer vorbei, und wie er so dahinging, fühlte er auf einmal einen Ruck an seiner Mütze, und zu seinem maßlosen Erstaunen sah er diese durch die Luft entschwinden.

»Meine Mütze,« schrie er erschrocken, und in diesem Augenblick tauchte ein sehr verlegenes Gesichtchen über der Mauer auf. Das Füchslein war es, das rief bittend: »Ach du, ich dachte mein Bruder wär's, nun habe ich deine Mütze geangelt.«

»Geangelt?« Friede riß seine Augen weit auf, und er sah so erstaunt drein, daß Marianne Sonntag kichernd sagte: »Aber jetzt machst du ein dummes Gesicht, und Ulli meint doch, du seist klug!«

Friede wurde blutrot und brummte ein wenig beschämt: »Das ist doch aber auch komisch, Mützen zu angeln.«

Das Füchslein war jetzt ganz auf die Mauer geklettert, saß behaglich oben und schaute sehr vergnügt auf den Buben herab. »Ich will dir's erklären. Jobst und Ulli angeln manchmal Fische, -- nein, so nicht -- sie wollen welche angeln und fangen keine, bloß mal einen, und der war vorher schon tot. Aber weißt du, Buben sind immer eingebildet« -- --

»Das stimmt nicht,« rief Friede dazwischen. Doch das Füchslein ließ sich nicht stören, es rutschte auf der Mauer hin und her, seine rotbraunen Zöpfe wippten wie ein Paar Uhrenpendel auf und ab, und lustig schwatzte es weiter: »Buben sind immer eingebildet, und darum wollten sie mich nicht mitnehmen. Wir haben uns miteinander gestritten, und ich habe gesagt, ich kann was Besseres angeln als tote Fische, und darum sitze ich hier.«

»Und angelst meine Mütze?« Friede lachte. Das lustige Mädel auf der Gartenmauer gefiel ihm so gut, daß er alle Befangenheit verlor. Dies gefiel nun wieder Marianne ausnehmend, und sie rief: »Deine sollte es ja nicht sein. Aber komm doch rein, wir angeln dann beide Jobst und Ullis Mützen. Komm fix, sonst sehen sie dich!«

Friede überlegte nicht lange, sondern trat durch die Türe, die Marianne ihm zeigte, in den Garten. Der war weder sehr groß, noch besonders schön angelegt, es war ein richtiger Obst- und Krautgarten, einer, in dem es sich gewiß wundervoll spielen ließ. Ein umgestülpter Schubkarren diente dem Füchslein als Standort. Sie konnte von ihrem Platz aus bequem die Straße überschauen, und Friede mußte sich neben sie stellen und aufpassen. »Du kennst doch Ulli und Jobst,« sagte sie, »sie gehen mit dir in eine Klasse. Sag mal, warum bist du am ersten Tage gleich so grob zu Ulli gewesen? Er ist ganz wütend auf dich.«

»Ich bin gar nicht grob,« verteidigte sich Friede, und er erzählte dem Füchslein, wie sehr seine Mitschüler ihn vom ersten Tage an geneckt hätten, und daß ihn in seiner Klasse niemand leiden möchte.

Das Füchslein wieder verteidigte den Bruder und Freund. Eifrig rief es: »Wir haben uns auf dich gefreut, weil Onkel Treumann schon von dir erzählt hat, und weil unsere Katerlies sagt, in Oberheudorf passieren so viele Geschichten. Aber warte, jetzt stifte ich Frieden zwischen euch. Erst angeln wir Ulli und Jobsts Mützen weg, und nachher werdet ihr gute Freunde.«