Die Oberheudorfer in der Stadt Allerlei heitere Geschichten von den Oberheudorfer Buben und Mädeln

Part 5

Chapter 53,740 wordsPublic domain

»Den Friede besuchen!« riefen alle wie aus einem Munde, und Annchen Amsee knickste wieder und begann geschwind zu erzählen von dem schulfreien Tag, von Friede Hopserling, von dem Wettspringen, und während sie schwatzte, bekamen Mariandel und die Buben auch Mut und redeten mit; sie redeten wie ihnen der Schnabel gewachsen war.

Marie kamen die fünf sehr spaßhaft vor, sie lachte vergnügt, während sie das schwarze Huhn gutmütig streichelte. Das Lachen machte die Kinder noch mutiger, sie schwatzten immer lebhafter, erzählten die Geschichte von dem ungelesenen Brief und versicherten dazwischen immer wieder, Friede würde sich ungeheuer über ihren Besuch freuen. »Er schießt 'nen Purzelbaum, sicher,« behauptete Schnipfelbauers Fritz. Das tat er selber nämlich immer, wenn er Geburtstag hatte.

»Und Kuchen haben wir auch mit,« zwitscherte Annchen Amsee.

»Ja, viel!« Schulzens Jakob blähte sich wie ein kleiner Frosch auf. »Meine Mutter hat gesagt, da wär' ordentlich Butter drin, der würde den Stadtleuten schon schmecken!«

»Der ist fein!« Annchen Amsee leckte mit ihrem roten Zünglein geschwind die Mundwinkel, »hm, fein!«

»Und 'nen Brief hab' ich für Friede von Muhme Lenelies,« flüsterte Waldbauers Mariandel schüchtern, »und grüßen soll ich von der Muhme, und -- und -- sie tät Ihnen dankbar sein.« Das Mädel atmete tief auf, die lange Bestellung war ihm sehr schwer geworden.

Die Kinder hatten in all ihrem Schwatzen gar nicht gemerkt, daß das Fräulein ganz still war; kein Wort sagte es, und manchmal seufzte es tief, wie jemand, dem eine Last auf dem Herzen liegt. Die fünf Paar Beine, die so tapfer die vielen Stunden auf der Landstraße gelaufen waren, hatten den schneeweißen Hausflur bald recht schmutzig getreten, und das Schwatzen durchhallte das Haus sehr laut. Selbst die alte Treppe wunderte sich über den ungewohnten Lärm, und sie knackte ein paarmal unwirsch. Aber das alles schien Fräulein Wunderlich gar nicht zu merken. Sinnend, ernsthaft betrachtete sie die Kinder, schaute in die treuherzigen Augen, die ihr aus den blühenden, runden Gesichtern entgegenstrahlten, und dachte nur immer: »Das sind nun Friedes Freundinnen und Freunde, -- ob der Junge wohl auch so vergnügt hätte schwatzen können?« Und dann sann sie nach: Was tue ich nur mit den Kindern, wie sage ich es ihnen, daß ich ihren Freund -- --? Sie erschrak auf einmal tief vor ihrer Tat. Hinausgeworfen hatte sie den Jungen, und plötzlich schlug sie vor den Kindern die Augen nieder.

»Jetzt sieht sie die Schmutztrapsen, jetzt wird sie gleich furchtbar schelten,« dachte Marie erschrocken, die mit großer Freude den Kindern zugehört hatte. Aber merkwürdigerweise schalt Fräulein Wunderlich nicht, sondern sagte sehr sanft: »Marie, du könntest Schokolade für die Kinder kochen. Die Schule ist ja noch lange nicht aus, und sicher werden die Kinder hungrig sein.«

»Schokolade?« Die fünf Reisegefährten rissen Augen und Mund weit auf; Schokolade gab es in Oberheudorf sehr, sehr selten, nur an den allerhöchsten Festtagen, und hier in der Stadt sollten sie gleich das köstliche Getränk bekommen. Und wie komisch, das Fräulein fragte auch noch: »Mögt ihr Schokolade gern?«

»Ja!« brüllten alle fünf, so laut sie konnten, und unverhohlen, riesengroß stand die Freude auf ihren Gesichtern geschrieben.

Fräulein Wunderlich lächelte milde, so milde, wie sie lange, lange nicht gelächelt hatte. Sie führte die Kinder selbst in das Wohnzimmer und schien es gar nicht zu sehen, daß der Teppich auch ein bissel Schmutz von der Landstraße als Mitbringsel bekam. Die fünf Oberheudorfer durften sich um den runden Tisch herumsetzen, auf den Marie alsbald ein blütenweißes Tischtuch breitete, und auf den sie wundervolle, mit Rosen bemalte Tassen stellte. Ordentlich feierlich wurde es den Kindern zumute, sie verstummten mehr und mehr, und Fräulein Wunderlich mußte ein paarmal mahnen: »Erzählt mir noch etwas! Seid ihr wirklich den weiten Weg immerzu gelaufen?«

Die Kinder antworteten, aber als dann Marie mit der Schokolade kam und einen Teller feine, weiße Buttersemmeln dazu hinstellte, da verstummten die Buben und Mädel vollständig. Sie lachten nur selig vergnügt, und dann kauten und schluckten sie voller Behagen, während Herrin und Dienerin ihnen andächtig zusahen. Fräulein Wunderlich mußte an ihre Kinderzeit denken. Damals hatte es zu den Geburtstagen auch Schokolade gegeben, ihre beiden Schwestern hatten noch gelebt, und drüben aus dem Nachbarhause waren die lustigen Spiegeleier gekommen -- so hatten die Wunderlichkinder die beiden Brüder von Spiegel genannt. Dem Fräulein wurde es seltsam weich ums Herz. Warum war nur alles so anders geworden? Feindschaft herrschte, wo es einst Freundschaft gegeben hatte! -- --

Heine Peterle setzte tief aufatmend seine Tasse nieder, -- die fünfte war es gewesen, nun konnte er wirklich nicht mehr, er war plumpssatt. Jetzt dachte er wieder an den Freund und fragte: »Kommt der Friede nun bald aus der Schule?«

»Der hat's aber gut!« seufzte Schulzens Jakob, der einen Schokoladenbart von einem Ohr bis zum andern hatte.

In Fräulein Wunderlichs blasses Gesicht stieg eine leichte Röte, wirklich, sie schämte sich vor den Kindern. Leise stockend erwiderte sie: »Der Friede -- -- ist -- -- er wohnt gar nicht bei mir, sondern im Nebenhaus.«

Buben und Mädel sahen einander verdutzt an, endlich sagte Annchen Amsee schüchtern: »Ach -- -- hier ist's wohl zu fein für ihn?«

»Wo ist er denn?« rief Mariandel kläglich. »Ich will doch zum Friede!«

»Im Nebenhaus drüben wohnt er, Kinder!« Fräulein Wunderlich seufzte wieder; ja, nun mußte sie doch den Kindern alles erzählen!

Aber da sagte Marie plötzlich: »Das mit dem Friede ist nu so'ne Geschichte. Mein Fräulein hat nicht gleich gewußt, was das für'n guter Junge ist, und hat gedacht, er tut's aus Bosheit, daß er rüber in'n Garten geklettert ist, und drüben, da wohnt 'n alter Herr, der hat ihn gleich behalten. Habt ihr denn das in Oberheudorf nicht gewußt?«

»Nä!« Die Kinder sahen wieder höchst erstaunt drein. Maries Rede hatten sie nicht ganz verstanden, nur Mariandel rief plötzlich entrüstet: »Der Friede ist doch nicht boshaft!«

»Ih wo, ist er auch nicht,« beruhigte Marie, »ich bringe euch nachher ins Nachbarhaus, und dann erzählt ihr dem Friede, wie schön's hier gewesen ist.«

»Ja, und sagt ihm, er möchte mich recht bald besuchen,« fiel Fräulein Wunderlich hastig ein, und im Herzen nahm sie sich vor: »Ich tue dem Buben was Liebes an, ich will meine Härte gut machen.«

»Jetzt wird bald drüben die Schulglocke läuten, nun kommt euer Friede gleich raus,« rief Marie, und dies Wort ließ selbst das plumpssatte Heine Peterle gleich aufspringen, und die Buben wären beinahe ohne Lebewohl und Dank hinausgestürmt; aber Annchen Amsee mahnte mit sanften Püffen an diese Pflicht, und so dankten denn alle sehr höflich, legten ihre braunen Patschen treuherzig in der Hausherrin weiße Hand und versprachen sehr vergnügt das Wiederkommen.

»Wenn wieder keine Schule ist,« »Wenn Schnipfelbauers Fritz wieder fährt,« »Nächste Woche vielleicht,« so tönte es durcheinander. Und dann dachten die Mädel an den Kuchen und an das Huhn, aber Fräulein Wunderlich sagte, das müßten sie alles mit ins Nachbarhaus nehmen, das ginge nicht anders. Das wollten aber die Kinder durchaus nicht, denn das Huhn hatten sie doch für Fräulein Wunderlich mitgebracht. Kaspar auf dem Berge hatte doch gesagt, das Fräulein wünsche sich eins.

»Behalten Sie's nur,« redete Annchen Amsee zu, »es ist ganz gut, und meine Mutter sagt, vielleicht legt's doch Eier, man weiß nur nicht wohin.«

»Nä, ich nehm's nicht mehr mit,« wehrte Heine Peterle ab, der heimlich Angst hatte, er müßte es tragen, und die andern sagten es auch, von dem Kuchen sagten sie aber nichts.

»Ich dächte, 's wär' schon am besten, wir behielten den kleinen Teufel jetzt da,« ließ sich Marie vernehmen, »denn sonst passiert den Kindern noch was damit.«

»Nun gut, es soll hier bleiben, und der Friede kann's besuchen,« entschied Fräulein Wunderlich. »Und vergeßt es nicht, Friede zu sagen, er soll bald zu mir kommen,« mahnte sie noch, als die fünf schon zur Haustüre hinausliefen.

Die hörten dies kaum noch, sie sahen die ersten Grünmützen über den Johannesplan laufen und rannten auf das Gymnasium zu. »Da ist er!« brüllte Heine Peterle, und trotz der vielen Schokolade lief er nun doch wie ein Wiesel ihm entgegen in den Schulhof hinein.

»Friede, wir sind da! Friede, wir woll'n dich besuchen!« Traumfriede wußte nicht, wie ihm geschah, als ihn da auf einmal die fünf Oberheudorfer umringten. Jubelnd und lachend schwatzten sie auf ihn ein und merkten es gar nicht, daß sich um sie herum lauter Grünmützen stellten. »Hollah, Friede Pfennig hat Besuch bekommen, wohl auch aus Oberheudorf!« schrie ein Klassengenosse, und ein paar Stimmen schrien es ihm nach.

Friede wurde totenblaß bei diesem Spott, und ein häßliches, nie gekanntes Gefühl stieg in ihm auf: er schämte sich in diesem Augenblick der alten Freunde, und diese Scham schloß ihm jäh den Mund.

Die fünf sahen ihn an. Der da, das war doch gar nicht mehr ihr Friede, ihr alter Schulgefährte. So fremd sah er aus, und nun merkten sie auch, daß die Buben, die um sie herumstanden, spotteten, keck und übermütig. Ein langer Junge griff nach Heine Peterles vielgeliebter Pelzmütze, die dieser trotz des warmen Frühlingswetters trug. »Heda, du kommst ja wohl vom Nordpol?«

»Nee, aus Oberheudorf,« spotteten die andern. Aber sie hatten sich verrechnet, allzu viel ließen sich die Dorfbuben nicht gefallen. Klatsch, klatsch, schlug Schulzens Jakob geschwind um sich, und Heine Peterle und Schnipfelbauers Fritz folgten seinem Beispiel. Da kam Friede auch wieder zu sich. Zorn und Scham über sich selbst verliehen ihm doppelte Kräfte, er schob einen Buben, der ihn um Kopfgröße überragte, einfach zur Seite und schrie grob: »Laßt sie in Frieden, die gehören zu mir!«

»Na, seht doch die frechen Dorfjungen!« höhnte einer, aber schwapp hatte er einen Katzenkopf weg und einen Rippenstoß dazu, beides von guter Oberheudorfer Art. Die Stadtjungen merkten bald, daß die Oberheudorfer nicht mit sich spaßen ließen. Puffend, stoßend, kampfbereit wie junge Hähne zogen die sechs Heimatgenossen aus dem Schulhof wieder hinaus. Die Mädel ließen sich auch nichts gefallen, und Annchen Amsee gebrauchte ihr rotes Eßbündelchen dazu, es den Grünmützen um die Ohren zu schlagen. Die traten endlich den Rückzug an, und vor dem Spiegelhaus ließen sie die sechs in Ruhe und liefen davon.

Der Gärtner hatte das Geschrei gehört und kam eilig herbei, um zu sehen, was dies eigentlich zu bedeuten hätte. Erstaunt sah er den kleinen Gast seines Herrn unter den Dorfkindern stehen. Die redeten eifrigst auf Friede ein, erzählten von dem Brief, ihrem Weg hierher und versicherten immer wieder: »Wir sind nur gekommen, um dich zu besuchen.«

Mariandel fragte eindringlich: »Freust dich wohl arg, gelt, Friede?« Aber sie erhielt keine Antwort. Friede konnte sich gar nicht recht freuen, er wünschte, die Freunde wären nicht gekommen; er wußte nicht, was er mit ihnen anfangen sollte. Sie mit in das Haus zu nehmen, wagte er nicht, und er seufzte, als Annchen Amsee nun schon zum dritten Male fragte: »Gehen wir nun ins Haus? Das sieht aber fein aus!«

Der Gärtner war inzwischen zu dem Professor gegangen und hatte ihm von dem Kinderbesuch erzählt. Der rief zwar etwas erschrocken: »Lieber Himmel, gleich fünf!« Er erlaubte aber doch, daß sie hereinkamen. Friede war heilfroh, als der Hausverwalter seine Gäste holte, er hätte in seiner Verlegenheit wohl noch etliche Stunden mit ihnen vor dem Tore gestanden. Er schämte sich nachher seiner Zaghaftigkeit sehr, denn der Professor empfing die Kinder so freundlich, als hätte er just an dem Tage gedacht: »Wenn ich doch Besuch aus Oberheudorf bekäme!«

Annchen Amsee erkannte den alten Herrn gleich wieder. Oh, sie wußte es noch genau, er hatte ihr die Backen gestreichelt und sie ein putziges Frauenzimmerchen genannt. »Ja,« rief Schnipfelbauers Fritz stolz, als Annchen dies erzählte, »un ich sollt' 'ne Maulschelle kriegen, aber ich hab' se nich gekriegt!«

»Na siehst du,« sagte der Professor lächelnd, »da sind wir ja alte Freunde. Nun erzählt mir mal, wie ihr hergekommen seid.«

Das ließen sich die Kinder nicht zweimal sagen, sie erzählten alles, auch von dem Schokoladefest bei Fräulein Wunderlich. Zu essen bekamen die Kinder auch etwas, und es schmeckte ihnen so gut in dem gastlichen Hause, daß die Hausverwalterin mitleidig dachte: »Die bekommen zu Hause gewiß recht wenig zu essen.« Sie hatte eben keine Ahnung, was in einen rechten Oberheudorfer Kindermagen hineingeht.

Nach Tisch sollten sich die Kinder die Stadt ansehen, da Friede an diesem Nachmittage keine Schule hatte. Zuvor durfte sie Friede selbst rasch einmal durch alle Zimmer führen, die der Professor bewohnte. Dabei kamen sie auch durch einen großen Saal, in dem die Sammlung des Hausherrn aufgestellt war: antike Büsten und Statuen, Krüge, Vasen, Waffen und allerlei Gebrauchsgegenstände aus uralten Zeiten, und die fünf Oberheudorfer rissen die Augen weit auf vor Erstaunen. »Ja warum stellt sich jemand nur so häßliche alte Sachen hin?« fragten diese Augen alle.

»Es ist ja fast alles zerbrochen,« flüsterte Annchen Amsee, und Mariandel lispelte ängstlich: »Weiß denn der Herr, daß sein Zeug alles kaput ist?«

»Ja doch, er hat dies alles gesammelt,« erklärte Friede, und in seine blauen Augen trat ein träumerisches Sinnen. Er fand nämlich die kaputen Sachen gar nicht so häßlich. Aber da puffte Heine Peterle und kicherte: »Nun sieh doch da den Topf mit 'nem Loch, und da noch einen, und der Mann hat keine Arme, und, hihihihi, der Frau haben sie die Nase abgehauen.«

»Herr Professor hat aber seine Freude an den Sachen,« sagte Friede, und er hätte ganz gern den Freunden von den alten Griechen und Römern etwas erzählt, denen einst alle diese Dinge gehört hatten. Die fünf meinten aber, es wäre nun besser, sie gingen in die Stadt. Die zerbrochenen Töpfe gefielen ihnen gar nicht, ja Annchen Amsee sagte verächtlich: »Meine Mutter hat ein paar, da fehlt der Henkel, aber die sind viel hübscher.«

»Ach, kommt in die Stadt, ich will was kaufen,« rief Schulzens Jakob und klimperte protzig mit drei Groschen. Er kam sich ungeheuer reich vor.

»Ja, einkaufen wollen wir,« riefen auch die andern. Da schwieg Traumfriede von den alten Griechen und Römern und führte seine Heimatgenossen in die Stadt.

Feldburg hatte nur eine Hauptstraße, in der es hübsche Läden gab, denn es war ja eine kleine Stadt, Großstädter nannten sie eben »ein Nest«. Aber die Oberheudorfer Buben und Mädel waren halt keine Großstädter, ihnen kam die Stadt erstaunlich groß vor. Ihre derben Schuhe klapperten laut über das Pflaster, als sie nun wieder über den Johannesplan trabten. Jeden Menschen, den sie sahen, grüßten sie höflich. Als sie aber in die Hauptstraße einbogen, sagte Friede: »Laßt lieber das Gutentagsagen sein, hier tut man das nicht!«

»Pfui, wie unhöflich!« Annchen Amsee rümpfte das Näschen, aber gleich darauf vergaß auch sie ihre Entrüstung, denn Heine Peterle schrie plötzlich laut auf: »Nä, da rennt 'n Wagen ohne Pferde!«

Die Wege, die nach Oberheudorf führten, waren nicht besonders glatt und schön, und darum hatte noch niemand diese Fahrt mit einem Automobil unternommen. Ein solches Fahrzeug war den Kindern also vollständig unbekannt. Sie staunten es darum mit offenem Mund an. »Wie war es nur möglich, daß ein Wagen ohne Pferde fahren konnte!«

»Da ist noch einer!« schrie Jakob, und alle fünf rannten auf den Fahrdamm dem merkwürdigen Ding entgegen.

»Runter!« brüllte sie da ein Mann an. Er faßte Heine Peterle und Schulzens Jakob beim Kragen, Friede zerrte die Mädel auf den Fußsteig zurück, eine Frau hatte Schnipfelbauers Fritz ergriffen. Mit einem Ruck stand das Automobil still, es hätte beinahe die Kinder überfahren. Der Chauffeur, die Insassen, die Fußgänger, alles schalt auf die Kinder ein, die so verdattert waren, daß sie gar nichts sagen konnten. Nur Schnipfelbauers Fritz schrie immerfort: »'n Wagen ohne Pferd, 'n Wagen ohne Pferd!«

»Die sind ja wohl aus Afrika?« brummte ein dicker Schutzmann, und die Umstehenden lachten.

»Nee, die sind aus Oberheudorf,« brüllten etliche Grünmützen, und Friede erkannte zu seinem Entsetzen ein paar Klassengenossen. O weh, nun würde der Spott wieder losgehen. Er senkte scheu den Kopf und bat: »Kommt doch, kommt, da ist ein Laden. Annchen kann dort eine Tasse kaufen.«

Den fünfen war das recht. Sie waren auch froh, aus dem Tumult herauszukommen, und so folgten sie alle eilig Friede in einen großen Laden hinein. Hier vergaßen sie vor Staunen gleich den soeben überstandenen Schrecken. So viele schöne Tassen, Teller, Krüge, Vasen, silberne Kannen und Zuckerschalen und hunderterlei Sachen hatten sie noch nie gesehen. Besonders die Mädel gerieten fast aus dem Häuschen vor Freude, und Annchen Amsee rief gleich: »Die Tasse will ich kaufen, -- nein, die da, nein, die!«

Die Verkäuferin sah die neuen Kunden etwas erstaunt an. Weil aber Annchen Amsee so rasch dies und das kaufen wollte, lächelte sie huldvoll und sagte: »Sucht euch nur aus, die Tassen dort sind besonders schön.«

Ja, Annchen fand die bezeichneten Tassen auch wunderfein, sie waren ganz mit Rosen bemalt und innen vergoldet. »So eine nehme ich,« rief Annchen und holte ihr Sacktüchlein hervor, in dem sie ihr Geld eingebunden hatte. Sie war sehr reich, reicher noch als Schulzens Jakob, denn sie hatte vier Groschen. Wichtig legte sie das Geld auf den Ladentisch und fragte: »Krieg ich zwei dafür?«

Ihre Gefährten sahen sie bewundernd an. Nein, war das Annchen schnell beim Kauf! Sie tat ja gerade, als wäre sie schon hundertmal in der Stadt gewesen und hätte schon oft schöne Tassen gekauft.

Die Verkäuferin hatte eine Rosentasse vom Brett genommen und sah nun prüfend auf das Geld. »Aber Kind,« rief sie, »so eine Tasse kostet drei Mark! So billige Tassen haben wir überhaupt nicht; da kannst du höchstens so eine dafür bekommen.« Sie hielt Annchen eine glatte weiße Tasse hin, die nur einen schmalen goldenen Rand hatte. »Nimm die, sie ist sehr hübsch.«

»Nä, die is nich hübsch, gar nich.« Heine Peterle kam Annchen zu Hilfe. Er mußte doch zeigen, daß er in der Stadt Bescheid wußte, und kräftig tippte er mit seinem braunen Zeigefinger auf die Rosentasse: »So eine soll's sein.« Klirr, wackelte dabei die Tasse hin und her. »Ih, du dummer Bube,« rief die Verkäuferin und sah auf einmal gar nicht mehr freundlich, sondern ziemlich ärgerlich aus. »Gleich läßt du die Tasse stehen! Ich dachte es mir gleich, solche teure Sachen sind nichts für euch. Geht hier gleich gegenüber zu Herrn Schulze, das ist ein Ramschladen, der hat Tassen genug für euch.«

»Ja, wir wollen lieber gehen,« flüsterte Mariandel und sah ängstlich auf Schulzens Jakob, der sehr eifrig eine schöne Vase befühlte. »Kommt, sonst macht Jakob was kaput.«

Die Verkäuferin schien das auch zu befürchten, sie rief erschrocken: »Stehen lassen, nichts angreifen! Wer etwas anfaßt, muß Strafe zahlen. Geht nur, geht; im Ramschladen findet ihr schon etwas!«

»Ja, kommt,« mahnte auch Friede, und die Oberheudorfer fanden auch, das Fräulein im Laden sei viel zu unfreundlich. Der mochten sie gar nichts mehr abkaufen. Sie verließen rasch das Geschäft und beschlossen draußen, zu Herrn Schulz zu gehen; sicher war der höflicher als das Fräulein. Herr Schulz hatte nun freilich keinen so prächtigen Laden, sondern nur ein kleines, schmales Budchen, in dem alles durcheinander und übereinander stand. Es herrschte ein richtiges Sammelsurium darin, aber den Oberheudorfern gefiel es doch sehr. Die Buben zogen höflich die Mützen, die Mädel knicksten tief, und Herr Schulz lächelte und zog seinen Mund so breit wie eine Schublade.

»Na, Kinder, was wollt ihr denn?«

»Eine Tasse kaufen in Ihrem Ramschladen,« sagte Heine Peterle und fand das sehr nett und höflich gesagt. Und Annchen Amsee rief voller Bewunderung: »Ach, der Ramschladen ist aber fein!«

»Potzwetter,« schrie Herr Schulz da zornig, »so eine freche Bande, mein Geschäft einen Ramschladen zu nennen! Na wartet nur!« Und hopps sprang Herr Schulz über den Ladentisch und packte Schulzens Jakob, der sich am weitesten vorgedrängt hatte. Er wollte dem gerade einen richtigen Katzenkopf versetzen, als Friede seine Hand erschrocken festhielt und sagte: »Bitte nicht schlagen, Herr Schulz, die haben es nicht böse gemeint.«

»Nä, nä,« schrieen die andern angsterfüllt, »wir haben doch nischt getan!«

»So, mein Geschäft einen Ramschladen nennen, das nennt ihr wohl höflich?« Ein bißchen freundlicher schaute Herr Schulz schon drein, und Friede erzählte geschwind, was das Fräulein gegenüber gesagt hatte. »Na, der werde ich noch meine Meinung sagen,« brummte Herr Schulz und fragte nun gar nicht mehr streng: »Ihr dachtet wohl, ein Ramschladen wäre etwas sehr Nettes?«

Die Kinder nickten, und Annchen Amsee flüsterte: »Hier ist's doch auch so schön!«

»Ja freilich ist's schön bei mir!« Herr Schulz lächelte wieder versöhnt. »Nun sagt mir, was ihr haben wollt.«

Die Kinder wollten viel. Mit Herrn Schulz ließ es sich aber auch gut handeln, der fragte erst, wieviel Geld sie hätten, und dann schnitt er kein verächtliches Gesicht wie das Fräulein gegenüber, sondern holte ganz wundervolle Tassen herbei. Jedes Mädel konnte eine Tasse erstehen und noch ein buntes Zopfband dazu, denn Bänder hatte Herr Schulz auch. Und für die Buben waren Trillerpfeifen und Mundharmonikas da. Heine Peterle erstand sogar eine rosenrote Flöte, die zur allgemeinen Freude wie ein Frosch quakte, obgleich Herr Schulz behauptete, man könnte darauf wie eine Nachtigall flöten. Schulzens Jakob sagte aber: »'n Frosch ist besser als 'ne Nachtigall.«

Die Kinder trennten sich nur schwer von dem freundlichen Herrn Schulz, und sie versprachen ihm ganz fest, das nächste Mal würden sie bestimmt wiederkommen.

Schnipfelbauers Fritz und Schulzens Jakob, die sehr schöne, grelltönende Trillerpfeifen gekauft hatten, verließen den Laden zuletzt. Als sie schon an der Türe standen, sagte Herr Schulz plötzlich halblaut zu ihnen: »Ich würde dem groben Fräulein da drüben einmal etwas pfeifen, wenn ich ein Bube wäre.«

Die beiden sahen sich an. Heisa, das war so ein Spaß nach ihrem Sinn!

»Wir machen's, aber allein,« tuschelte Schnipfelbauers Fritz, »die Mädel haben gleich Angst, und der Friede mag so was auch nicht.«

»Hm, alleine!« Jakob blieb stehen und sah den Kameraden nach. Die bogen just in eine Seitenstraße ein und schwatzten so miteinander, daß sie sich an der Ecke gar nicht umsahen. Einen Augenblick zögerten die Buben noch, schwapps flogen da Annchen Amsees braune Zöpfe um die Ecke. Nun waren die vier verschwunden, die beiden aber liefen auf den Laden zu und spähten erst einmal durch die Glastüre hinein. Sie sahen niemand. Die Verkäuferin stand ganz hinten; dort suchten sich gerade ein paar Damen eine Teekanne aus. Wie die Buben leise zögernd die Türe öffneten, sahen sie gegenüber Herrn Schulz höchst vergnügt vor seinem Ramschladen stehen. Das stärkte ihren Mut, wutsch waren sie im Laden drin und pfiffen dort laut und gellend auf ihren Pfeifen. »Trilililiiii --« schallte es in den Laden hinein, und das Fräulein ließ vor Schreck fast eine Teekanne fallen. Die beiden Damen aber riefen entsetzt: »Das brennt wohl, oder eine Lokomotive ist auf der Straße, o Himmel!«

»Trilililiiii,« pfiffen die Buben weiter, aber da kam schon die Verkäuferin angerannt, und nun hieß es ausreißen. Sie wollten geschwind zur Türe hinaus, doch die ging nicht nach außen, sondern nach innen auf. Die Buben prallten zurück; Schnipfelbauers Fritz stieß an Schulzens Jakob, und der an etwas, das hinter ihm mit einem ganz fürchterlichen Geklirr zusammenstürzte. Das Ladenfräulein schrie laut auf: »Hilfe, Hilfe! Polizei, Polizei!«