Die Oberheudorfer in der Stadt Allerlei heitere Geschichten von den Oberheudorfer Buben und Mädeln

Part 4

Chapter 43,859 wordsPublic domain

Schulzens Jakob hatte versucht, den Brief zu greifen, und kaum hatte ihn Heine Peterle vor dem Griff geschützt, als der dicke Friede danach langte. »An mich ist er erst recht, ich heiße Friede!«

»Nä, mir gehört er!« Mit beiden Händen umklammerte Heine Peterle das weiße Ding, er puffte mit den Ellenbogen nach beiden Seiten und trotzte borstig auf: »Wenn ihr so seid, dann sag' ich nicht, was drinne steht.«

»Wie sind wir denn?« fragten die andern gekränkt. »Nä, pfui, wie du bist! Der Brief ist doch für uns alle!«

»Nä,« Heine Peterle stampfte mit dem Fuß auf, »der gehört mir, erst muß ich'n lesen.«

»Na, dann lies doch fix! O bist du'n Tranpeter!«

»Ihr laßt mich ja nicht lesen.« Heine Peterle wurde immer zorniger, immer röter, und trotzdem ein kühler, frischer Wind wehte und es gar nicht heiß war, traten ihm doch die Schweißperlen auf das Gesicht, denn immer dichter, immer enger umschloß ihn der Kinderkreis, er konnte sich kaum noch rühren. »Ich kann doch nicht aufmachen,« stöhnte er, »erst muß ich ein Messer haben!«

»Hier mein's!« »Nimm mein's!« »Nein, mein's ist schöner!« »Mein's schneidet am besten!« Die Buben suchten in ihren Taschen und holten Messer heraus. Die Mädel ärgerten sich, daß sie keine hatten, und Schulzens Röse rief beleidigt: »Zu so was nimmt man 'ne Stricknadel, Vater nimmt immer Muttern ihre.«

Einen Augenblick sahen die Buben betroffen drein; der Schulze bekam die meisten Briefe, und wenn der eine Stricknadel zum Öffnen nahm, mußte es wohl richtig sein. Aber dann brüllte Anton Friedlich: »Buben machen alles mit 'nem Messer, da ist mein's!«

»Das hat ja keine Klinge,« höhnte Schnipfelbauers Fritz und streckte seins schmeichelnd Heine Peterle hin: »Nimm mein's!«

»Nä, das is nie ordentlich scharf,« empörte sich der blaue Friede, »da guck mal meins!«

»Au!« brüllte Heine Peterle, denn im Eifer hatte ihn der andere mit dem angepriesenen Messer in die Hand geritzt.

»Ihr stecht ihn ja tot!« kreischte Bäckermeisters Mariele, die sehr ängstlich war; sie fing auch gleich an zu heulen, und Heine Peterle hatte nicht übel Lust, es ihr nachzumachen, denn seine Lage war nicht beneidenswert. Die Kinder drängten und drängten; er konnte sich nun wirklich nicht mehr rühren, puffte mit den Ellenbogen, stieß mit den Füßen, alles half nichts. Endlich schrie er jammernd: »Laßt mich los -- sonst -- sonst -- eß ich den Brief auf!«

Die Kinder schrieen allesamt laut auf vor Schreck, Bewunderung und Angst. Die Drohung machte einen solch ungeheuren Eindruck auf sie, daß sie den armen Heine Peterle beinahe zerquetschten. »Mach's nich, nä, mach's nich, der Brief ist doch for uns alle,« bettelten sie, und Heine Peterle hätte seine Drohung auch wirklich nicht ausführen können, er konnte nicht einmal mehr stoßen, so fest eingekeilt stand er da.

»Potztausend, ihr Kindervolk, was macht ihr heute wieder für'n Geschrei? 's ist ja, als wäre Krieg und die Feinde hätten euch aus der Schule hinausgeschmissen!« Der das sagte, war Hans Rumpf, der Nachtwächter und Ortspolizist. Er kam mit einem grimmigen Gesicht herbei, denn er ärgerte sich schon eine ganze Weile über die Kinder, die da mitten auf der Dorfstraße standen und standen und nicht heimgehen wollten. Seine barsche Frage scheuchte die Kinder diesmal aber nicht auseinander, sie blieben stehen und klagten: »Heine Peterle hat'n Brief bekommen und will ihn uns nicht lesen lassen. Er will ihn aufessen, und er ist vom Friede, und er ist doch für uns alle, und wir lassen ihn nicht aufessen.«

»Nä, er ist for mich alleine,« heulte Heine Peterle, dem jetzt die Geduld riß, »und ich -- ich -- esse ihn doch auf.«

»Das muß ich sagen, dies is nu nich scheene von dir,« sagte Hans Rumpf strafend. »Nä, Heine Peterle, das mußte nich machen, so ungefällig sein.«

»Nich wahr?« schrieen alle Kinder, und Schulzens Jakob griff wieder nach dem Brief. »Gib her, ich mach'n auf!«

»Nä!« Heine Peterle trampelte vor Wut mit den Füßen und wurde nun so fuchswild, daß er wie ein Ziegenböcklein mit dem Kopf den dicken Friede in sein Bäuchlein stieß. Der quiekte erschrocken, wollte flüchten und stieß in der Enge so derb an Annchen Amsee, daß die kreischend zu fliehen trachtete.

»Nich so hitzig! So was, das is nich scheene!« tadelte Hans Rumpf, aber seine Worte verhallten ungehört. Die Buben und Mädel stießen, schubbsten und drängten einander, teilten Püffe aus, suchten immer wieder Heine Peterles Brief zu fassen, quietschten, schrieen, heulten und kreischten, -- es war ein fürchterlicher Lärm.

»Hollah, fort von der Straße!« Des Schulzen Oberknecht kam mit einem Wagen angefahren, hinter ihm her kamen noch zwei Wagen. Die Leute hatten Dünger auf das Feld gefahren und kehrten nun heim. »Hollah, aus dem Wege!« Der Oberknecht ließ die Peitsche knallen, und nun flüchteten die Kinder und stoben auseinander wie ein Krähenschwarm, in den ein Schuß gefallen ist. Dabei versuchten Schulzens Jakob, Anton Friedlich und etliche andere aber doch noch Heine Peterle den Brief zu entreißen. Der wehrte sich. »Mein Brief, mein Brief,« brüllte er.

»Hollah, aus dem Wege, unnützes Bubenpack!« brüllte der Oberknecht wieder; seine Peitsche sauste, und Anton Friedlich bekam eins über den Rücken. Mit einem lauten Schrei riß er aus, stieß an Heine Peterle an, der verlor das Gleichgewicht, purzelte hin, sprang aber geschwind wieder auf, denn dicht vor ihm standen die Pferde, und einen Augenblick später wäre er unter ihre Hufe gekommen.

»Potzwetter noch einmal,« schrie der Oberknecht erschrocken, »am hellichten Tage kann man hier nicht ruhig fahren, weil einem die Buben in den Weg laufen.« Srrr, srrr, sauste seine Peitsche durch die Luft, und hier gab es einen Schlag, dort einen. Die Kinder jammerten, denn die Peitschenhiebe waren nicht sanft, aber alles Klagen und Jammern übertönte plötzlich laut Heine Peterles Stimme. »Mein Brief ist weg, huhuhuhu, ich habe meinen Brief verloren.«

Die Wagen rollten vorbei, die Knechte schalten, Hans Rumpf schalt, die Kinder sollten nach Hause gehen, aber die blieben auf der Dorfstraße stehen und fragten und klagten untereinander: »Wer hat ihn denn?«

»Ihr habt ihn mir genommen, mein Brief, huhuh, mein Brief!«

»Er hat ihn doch aufgegessen!«

»Nä, ich hab'n nich gegessen, mein Brief, huhuh, mein Brief!«

»Hier liegt er!« Annchen Amsee, die Luchsaugen hatte und alles sah, was andere nicht sahen, hob ein schwarzes, triefendes Ding von der Straße auf: in einer Pfütze hatte es gelegen, und ein Wagen war darüber hingegangen.

Entsetzt starrten die Kinder den verunstalteten Brief an, von dem eine schwärzliche Tunke herniederrann, und jetzt streckten sich die Hände nicht nach ihm aus. Schulzens Jakob sagte kleinlaut: »Den kann man doch nicht mehr lesen!«

»Erst muß er ganz trocken sein,« riefen zwei, drei Stimmen.

»Ich weiß was!« Bäckermeisters Mariele schob sich wichtig vor und griff mit spitzen Fingern nach dem schmutzigen Ding. »Ich hab' mal mein Buch in den Schmutz geworfen und es hernach im Backofen fein getrocknet, dann konnte ich wieder alles lesen. Kommt, wir woll'n den Brief auch trocknen!«

»Fein,« riefen die andern, »und nachher lesen wir unsern Brief.«

»'s ist doch mein Brief,« schluchzte Heine Peterle, und auf einmal empfanden etliche der Mädel herzliches Mitleid mit dem Kameraden. Sie trösteten ihn, nahmen ihn in ihre Mitte, und Mariele sagte gnädig: »Wenn er trocken ist, bekommst du ihn zuerst.«

Alle miteinander zogen nach der Bäckerei. Das war nun keine Bäckerei, wie die etwa in einer Stadt ist. Abseits von dem Wohnhaus in einem Grasgarten stand das Backhäuschen, darin waren der Ofen und eine Backstube nebenan. Die war jetzt leer, aber der Ofen war warm, denn am Nachmittag wollten ein paar Bauersfrauen Striezel backen, und darum hatte Marieles Vater schon geheizt.

»Hier auf den Schieber müssen wir den Brief legen,« wisperte Mariele eifrig. Dann erschrak sie aber selbst, als sie das schmutzige Ding ansah.

»Leg meine Schürze unter!« Annchen Amsee hatte so geschwind, wie sie alles tat, Schwatzen, Essen und besonders Lachen, auch so rasch ihr Schürzchen abgebunden, das merkwürdig sauber war. Darauf wurde sorgsam der Brief gelegt und wie ein Brot in den Ofen geschoben.

»Nicht so rasch,« warnte Mariele ängstlich, denn die Buben schoben gleich sehr kräftig zu, sie dachten: »Viel hilft viel.«

Ein Weilchen standen die Kinder alle miteinander wartend in der Backstube, sie blieben aber nicht lange allein. Die Magd hatte sie durch den Grasgarten laufen sehen, und weil sie wußte, daß es verboten war, in das Backhäuschen zu gehen, meldete sie es rasch der Hausfrau. Diese rief ihren Mann, und der rannte denn auch ärgerlich nach dem Backhaus hinüber, riß dort die Türe auf und rief scheltend: »Na was soll denn das, was macht ihr denn hier alle in meinem Backhaus? Ei der Tausend, solche Gäste könnte ich hier gerade brauchen!«

Der Bäcker war ein gutmütiger Mann, darum klang sein Schelten auch nicht sonderlich böse, und ein paar von den Buben hatten auch den Mut, ihm die ganze Geschichte zu erzählen.

»Potz Weißbrot und Striezel, ihr seid doch ein närrisches Volk,« sagte der Bäcker, »backt 'n Brief in meinem Backofen. Na, woll'n mal sehen, ob er schon eine Butterbretzel geworden ist!«

»Das wär' fein,« schmunzelte der dicke Friede, der gleich Hunger bekam, wenn er nur das Wort »Butterbretzel« hörte.

Der Bäcker hatte unterdessen in seinen Ofen geschaut, aber er sah weder Annchen Amsees Schürze noch Heine Peterles Brief. Er fuhr suchend mit einem Stock im Ofen herum. »Meiner Seel',« rief er endlich, »das ist aber mal 'ne kuriose Butterbretzel geworden!« Er zog ein kleines Häufchen Zunder aus der Tiefe hervor: Schürze und Brief waren der Glut zu nahe gekommen und verbrannt.

»Mein Brief,« brüllte Heine Peterle, und Annchen Amsee weinte: »Meine Schürze, sie war ganz neu!« Doch alles Klagen und Weinen, alles Jammergeschrei half nichts, Brief und Schürze blieben verbrannt. Traurig, mit gesenkten Köpfen zogen alle miteinander heimwärts; wie die begossenen Pudelchen kamen sie einher, und wer die Buben und Mädel sah, schüttelte den Kopf und meinte: »Na, da hat's was in der Schule gegeben.«

Heine Peterle war ganz entzwei vor Kummer um den verlorenen Brief, er hätte doch so himmelgern gewußt, was darin gestanden hatte. Selbst Muhme Lenelies, die zum erstenmal bitterböse auf die Kinder war, denn auch sie hätte zu gern den Inhalt des Briefes gewußt, tröstete schließlich den armen Buben und versprach ihm, sie würde ihm Friedes nächsten Brief vorlesen. Das beruhigte Heine Peterle aber nur halb, und er stieg an diesem Abend mit dem Gedanken ins Bett: »Wenn ich nur wüßte, was in dem Brief gestanden hatte!« Auf einmal, er war schon völlig ausgekleidet, wutschte er zur Kammer hinaus, raste die Treppe hinunter, riß unten die Wohnstubentüre auf und brüllte: »Ich weiß, der Friede hat mich eingeladen!«

Schwapp, hatte er einen Katzenkopf weg. »Dummer Bengel,« rief sein Vater, »was soll das Geschrei? Man denkt ja, es brennt im Hause!«

So endete dieser Tag, der eigentlich wunderschön hätte sein müssen, trübe für den armen Heine Peterle. Es war nur gut, daß ein freundlicher Traum kam, sich an sein Bett setzte und ihm die prächtigsten Dinge erzählte. Als der Bube am nächsten Morgen aufwachte, war aller Kummer weg, wie weggeblasen, und als er in seine Höschen fuhr, sagte er höchst vergnügt zu Muhme Rese, die ihn geweckt hatte: »Aber mein war doch der Brief, mein Name hat drauf gestanden.«

Und ein wenig später ging er steif und stolz wie ein Gockel zur Schule und rief seinen Kameraden wichtig zu: »Etsch, ihr habt noch nie 'nen Brief gekriegt, aber ich!«

Da sahen ihn die andern betroffen an, seufzten und dachten: »Ja, recht hat der Heine Peterle schon, gekriegt hatte er den Brief, und das Lesen -- -- ja, das Lesen war schließlich doch Nebensache. Lesen konnte jeder einen Brief, aber kriegen nicht.«

Eine Stadtfahrt.

Traumfriede war schon eine Woche fort, als die Oberheudorfer Kinder ganz unerwartet eine große Freude hatten; der Lehrer sagte ihnen nämlich am Schluß der Stunde: »Kinder, morgen habt ihr frei.«

Dies klang allen so überraschend, daß sie mäuschenstill saßen und den Herrn Lehrer nur mit großen Augen verwundert ansahen. Der fragte: »Ihr freut euch wohl nicht? Das ist nett von euch!«

»O ja,« brüllten alle geschwind, und plötzlich war es, als wäre der Sturm in die Klasse hineingesaust. Die Kinder drehten sich auf ihren Plätzen um, nickten und winkten hierhin und dorthin, lachten und tuschelten, und die Buben- und Mädelbeine zappelten wie gefangene Fische im Netz.

Der Lehrer lächelte ein wenig: »Es waren doch erst Ferien!«

»Och, das ist ja schon furchtbar lange her,« riefen ein paar Buben; es klang, als wäre Ostern vor hundert Jahren und nicht vor vierzehn Tagen gewesen.

»Na, dann geht mal heim und seid hübsch brav morgen. Ich muß mit dem Herrn Pfarrer nach Tannenroda; es ist eine wichtige Sache, die sich nicht aufschieben läßt, es tut mir leid genug.«

Die Kinder hörten wohl, was der Herr Lehrer sagte, ihre Gedanken waren aber sehr wenig dabei, und Schulzens Jakob erzählte nachher daheim: Der Herr Lehrer müßte den Herrn Pfarrer nach Tannenroda schieben, und das wäre sehr wichtig. Die Buben und Mädel dachten nun daran, wie sie den schulfreien Tag recht vergnügt verleben könnten, sie machten Pläne, als wäre der eine Tag so lang wie die Sommerferien.

Wie etliche Buben und Mädel so schwatzend die Dorfstraße entlang gingen, trafen sie Friede Hopserling, den Müllerknecht. Mit dem waren sie immer gut Freund, und ihm erzählten sie auch gleich, daß morgen schulfrei sei. »Na, dann besucht doch den Friede in Feldburg,« riet der Knecht.

»Friede besuchen!« Die Kinder sahen sich an. Fein wäre das schon, aber Feldburg war arg weit, und ob sie durften?

»Macht's so. Ich fahre früh hin mit Säcken und nachmittags leer heim; zurück nehme ich euch mit, hin müßt ihr laufen. Fein, was?« Friede Hopserling grinste die Kinder an wie ein lachendes Kasperle vom Vogelschießen, die Buben und Mädel grinsten wieder, und auf einmal schrieen sie alle: »Ich will mit, ich auch, ich auch!«

Friede Hopserling übersah die Schar, schüttelte den Kopf, zählte an seinen Fingern ab und brummte endlich: »Vier, mehr nicht.«

»Ich, ich, ich, nein ich, lieber ich, nimm mich mit!« Jedes rief, jedes bat, aber der Knecht schüttelte den Kopf. »Geht nicht, vier, sonst haben's die Pferde zu schwer.«

Er trat zur Seite, maß nachdenklich den ziemlich breiten Straßengraben mit seinen Blicken und sagte dann: »Wer am besten springt, darf mit.« Er selbst sprang hinüber, zog drüben einen Strich, kam zurück und stellte sich an einen Meilenstein. »Einer nach dem andern, -- wer fängt an?«

Die Kinder gehorchten, das Springen erschien ihnen zu lustig, und jedes hoffte: »Ich erreich's.« Anton Friedlich hatte sich vorgedrängt: »Ich will anfangen, ich spring' am besten.«

»Na los!« rief Friede Hopserling, und plumps lag Anton auch schon im Graben. »Mit 'nem großem Maul springt man nicht,« lachte der Knecht. »Schulzens Jakob spring!«

Der sprang und kam richtig über den Strich. Seine Schwester Röse, die es ihm nachmachen wollte, fiel aber in den Graben, dort bekam sie gleich Gesellschaft vom blauen Friede, und noch waren sie beide nicht herausgekrabbelt, da plumpste ihnen schon Bäckermeisters Mariele nach.

»Es ist zu weit,« riefen ein paar Kinder; Friede Hopserling erwiderte aber gelassen: »Wer nicht gut springt, kann vielleicht nicht gut laufen, und wer nach der Stadt will, muß gut laufen können, basta!«

Hopsa, da war Schnipfelbauers Fritz drüben, der dicke Friede sprang ihm nach, und klatsch, lag er im Graben.

»Jetzt muß Heine Peterle springen,« riefen ein paar Stimmen. Heine Peterle aber stand unentschlossen da. Wenn er gut sprang, mußte er mit in die Stadt, und eigentlich wollte er doch nicht, hatte gesagt, er würde nie mehr in die Stadt gehen.

»He, der Heine Peterle, der Städter, mag nicht in die Stadt,« neckte Friede Hopserling, »er fürchtet sich.«

»Nä,« rief Heine Peterle patzig, »pah, vor der Stadt fürchten!« und hops war er drüben, sogar noch ein Stück über den Strich war er gesprungen.

»Mädel können nicht springen,« höhnte Anton Friedlich, als Krämers Trude in den Graben sank.

»Das ist frech, hast auch drin gelegen!« Annchen Amsee reckte sich, nahm eilig einen ihrer braunen Bummelzöpfe in den Mund und sauste so geschwind über den Graben, daß sie drüben gleich Schulzens Jakob und Schnipfelbauers Fritz umriß.

»So nun sind's vier,« sagte Friede Hopserling, »weil Annchen am besten gesprungen ist, darf sie sich noch ein Mädel aussuchen. Ein Mädel ist leicht, das ziehen meine Pferde noch.«

»Mariandel,« rief Annchen Amsee geschwind und lief auf das schüchterne blonde Dirnchen zu, das es gar nicht gewagt hatte, zu springen. »Du mußt mit, über dich freut sich der Friede am meisten.«

»Nä, über mich, an mich hat er geschrieben,« beharrte Heine Peterle, und die andern widersprachen ihm nicht. Sie redeten schon eifrig von der Fahrt, und ob es die Eltern erlauben würden. Doch die waren gut und sagten nicht nein; wenn Friede Hopserling die Kinder unter seinen Schutz nahm, dann waren sie wohl geborgen.

Es gab an diesem Nachmittag viel Aufregung im Dorf. Die Kinder liefen dahin und dorthin, um von ihrer Stadtfahrt zu erzählen, und jeder gab ihnen gute Ratschläge. Kaspar auf dem Berge sagte: »Nehmt ein Huhn mit, die Dame -- denn das ist sie --, sie hat's gesagt, will immer ein Huhn haben!«

Da rannten die Kinder und flehten ihre Mütter an, sie sollten ihnen ein Huhn schenken, und die Mütter sagten, so was wäre Unsinn, dann sollten sie lieber daheim bleiben. Endlich, als das Bitten gar nicht nachließ, gab Heine Peterles Mutter wirklich ein Huhn her, eins, das keine Eier legte, pechschwarz und so unnütz war, daß man es im ganzen Dorfe nur den kleinen Teufel nannte. Nachdem die Kinder das Huhn hatten, wollten sie auch Eier haben, aber da schrie Heine Peterle: »Nä, nä, mit Eiern fällt man in der Stadt immer hin!«

»Ich geb' euch für den Friede und seine Pflegeeltern Kuchen mit, und damit ist's genug, weiter wird nichts mitgenommen,« sagte die Schulzenfrau endlich, denn ihr Jakob hätte am liebsten das halbe Bauerngut mit nach der Stadt geschleppt. Muhme Lenelies kam auch und brachte einen Brief für ihren Friede. Die alte Frau freute sich über die Fahrt der Kinder am allermeisten, sie dachte nur immer: »Wie wird sich mein Friede freuen! Gewiß hat er sich schon sehr gebangt!«

Mit viel Geschwätz, Geschrei, mit großer Wichtigkeit und Eile brachen die fünf Reisenden am nächsten Morgen auf. Auf dem Dorfplatz am Brunnen trafen sie sich und taten, als wollten sie miteinander eine Reise um die Welt machen. Der Abschied war auch danach. Annchen Amsee und Mariandel weinten ein bißchen, und die Buben sahen so grimmig drein, als wollten sie in der Stadt die größten Heldentaten verrichten. Jedes trug ein rotgemustertes Taschentuch zu einem Eßbündelchen zusammengebunden, und jedes fand das überflüssig, nur Heine Peterle nicht, der sagte: »In der Stadt ist's komisch, ich hab' dort nischt zu essen gekriegt.« Sein Bündelchen war auch am dicksten, und seine Mutter meinte bedenklich: »Das ist zu viel, du wirst ja krank!«

»Nä,« rief Heine Peterle vergnügt, »vom Essen nie!« Und pfeifend zog er mit seinem Bündel neben den Gefährten her, er kam sich so ungeheuer klug und erfahren vor; er war doch schon einmal in der Stadt gewesen, und gewiß würden sie in der Stadt sehr staunen, daß Heine Peterle aus Oberheudorf wieder einmal kam.

Fräulein Wunderlich hatte an diesem Tag »Rumpelkammerlaune«, wie das Mädchen Marie es nannte. Diese Laune hatte sie jetzt freilich immer, und ob es draußen regnete oder die Sonne schien, immer ging das Fräulein mit einem brummigen Gesicht einher. »Seit sie den Jungen aus Oberheudorf rausgeschmissen hat, ist's, als säße sie immer in unserer dunklen Kammer,« murrte Marie, der es gar nicht mehr im Organistenhaus gefiel. Sie sah dann auch nicht gerade wie Frühlingswetter aus, als sie an diesem Tage die Fenster blank putzte. Der Johannesplan lag still und einsam da, das Gymnasium hatte schon begonnen, und kein grünbemützter Bube rannte mehr über den Platz. Nur am andern Ende spielten ein paar kleine Kinder Kreisel; manchmal drang ihr lustiges Lachen zu Marie hinüber, dann erhellte sich deren Gesicht immer ein bißchen, denn sie hatte alle Kinder lieb. In dem großen Garten des Nachbarhauses war auch alles still, und Marie dachte, wie schon so oft in diesen Tagen: »Rein wie verschwunden ist der Junge, nicht mal sehen tue ich ihn.« Sie ahnte nicht, daß Friede stets durch eine kleine Seitentüre am andern Gartenende das Haus verließ und um die Kirche herumlief, nur um nicht am Organistenhaus vorbei zu müssen. So hatte er es auch an diesem Tage gemacht, an dem er wieder wie immer mit schwerem Herzen in die Schule lief. Einsam saß er unter seinen Genossen, er sprach mit keinem, ging allen scheu aus dem Wege, aber oft genug gellte der spottende Ruf: »Friede Pfennig aus Oberheudorf,« hinter ihm her.

Während Friede so still in der Schule saß und Marie Fenster putzte, klippten und klappten auf einmal fünf Paar Kinderbeine laut über das Pflaster des Kirchplatzes. Marie bog sich aus dem Fenster und schaute erstaunt die Buben und Mädel an, die da einherkamen. »Na, die sind doch nicht von hier,« dachte sie lächelnd; die fünf hatten sich so fein gemacht und sahen so stolz und vergnügt drein, als wollten sie den ganzen Johannesplan kaufen. »Du meine Güte,« rief Marie erstaunt, »sie kommen zu uns!«

Wirklich kamen die Kinder auf das Organistenhaus zu. Einer der Buben streckte die Hand aus: »Dort ist's,« und ein Mädel rief eifrig: »Es steht Wunderlich dran, ich kann's lesen.«

»Ich will klingeln.« Heine Peterle drängte sich vor und drückte sehr kräftig auf den weißen Knopf; oh, er wußte schon Bescheid mit dem städtischen Klingeln!

Ehe Marie noch voller Erstaunen von dem Fensterbrett heruntergeklettert war, lief Fräulein Wunderlich schon ärgerlich herbei, um zu öffnen. Es hatte den ganzen Tag noch nicht einmal geklingelt, und doch schalt sie: »Man hat auch nicht fünf Minuten Ruhe.« Sie riß die Türe auf und schaute verdutzt auf die Buben und Mädel draußen, die sie halb neugierig, halb verlegen anstarrten. Nur ein Bube trat eiligst vor, verbeugte sich sehr tief und schrie das Fräulein an, als wäre sie taub: »Wir sind da, weil der Friede mich eingeladen hat und -- und --«

Annchen Amsee trug das schwarze Huhn, das den Kindern unterwegs schon recht unbequem gewesen war; es wollte sich durchaus nicht ruhig tragen lassen, zappelte immer hin und her und benahm sich recht wie ein kleiner Teufel. Annchen hatte es noch am längsten tragen können, doch jetzt war ihre Kraft und die Geduld des Huhnes zu Ende; mit lautem Geschrei flog es Fräulein Wunderlich an die Nase. -- »Das Huhn bringen wir mit,« vollendete Heine Peterle aufatmend.

»Ich danke schön dafür,« rief das Fräulein wütend.

»Bitte!« Annchen Amsee und Mariandel knicksten tief, sie wußten doch, daß es sich schickt, nach jedem Dank »bitte« zu sagen.

»Bitte,« brüllten es ihnen die Buben nach und verneigten sich auch. Heine Peterle aber sagte stolz: »Das ist von meiner Mutter und heißt Teufel, und Muhme Rese hat gesagt, für die Stadt wär's gut genug!«

»Ih, du bist ja ein ganz abscheulicher, frecher Bengel,« rief Fräulein Wunderlich so entrüstet, daß Heine Peterle ganz erschrocken zurückwich.

»Nä, das ist er nicht!« Annchen Amsee strich sich ihr Schürzchen glatt, stellte sich wichtig vor das Fräulein hin, schaute sie mit ihren runden Braunaugen treuherzig an und versicherte: »Nä, das müssen Se nich vom Heine Peterle denken, der ist ganz gut.«

Das kleine Mädel, das so zutraulich und offen zu ihr aufsah, brachte Fräulein Wunderlich in Verlegenheit. Sie schämte sich im Herzen etwas ihrer schnellen Heftigkeit, und viel sanfter fragte sie: »Ja Kinder, was wollt ihr denn eigentlich hier?«