Die Oberheudorfer in der Stadt Allerlei heitere Geschichten von den Oberheudorfer Buben und Mädeln

Part 13

Chapter 131,739 wordsPublic domain

»Aber Kinder, 's ist nur Spaß!« Der Professor konnte kaum noch vor Lachen. Traumfriede tröstete: »Aber seid doch still, seid doch still!« Fräulein Wunderlich nahm gleich zwei heulende Mädel auf den Schoß. Muhme Lenelies wußte nicht, um wie viele sie schützend die Arme breiten sollte. Die Nachbarn beruhigten: »Kinder, Kinder, es ist ja nur ein Scherz!« Doch das half alles nichts. Die Kinder brüllten, als ob sie alle miteinander gebraten werden sollten. Selbst Füchslein, das doch die Sache kannte, brüllte mit. Nur Heine Peterle brüllte nicht, der zeigte, was ein echter Held in der Welt ist. Trapp, trapp -- polterte er auch die Stufen hinab, dem Pferde nach, und urplötzlich fühlte sich das so fest am Schwanz gepackt, daß es den dicken Friede erschrocken fallen ließ und der in den Sand der Reitbahn kollerte.

Der schwarze Herr und ein paar Diener sprangen herbei, hoben Friede auf und führten das Pferd zur Seite. Rings von den Bänken und aus den Logen heraus aber ertönte ein nicht endenwollender Jubel: »Bravo, bravo, bravo!«

Das schien dem Pferd besonders gut zu gefallen, denn -- eins, zwei, drei -- ergriff es Held Heine Peterle am Hosenboden und trug ihn nun im sausenden Galopp in der Reitbahn herum, bis ihm der Stallmeister ein »Halt« zurief.

»Jetzt frißt er Heine Peterle!« Anton Friedlich und Schnipfelbauers Fritz wollten auch hinunter, wollten auch Helden sein. Doch der Professor hielt sie erschrocken fest; ihm war es ordentlich unheimlich zumute geworden bei dem Geschrei.

Unten sprach der Stallmeister mit dem Pferd, und während der Diener die beiden Buben vom Staub reinigte, lief das Pferd hinaus und kam wieder und -- -- brachte eine riesengroße Zuckertüte. Die legte es vor Heine Peterle nieder, dann kehrte es wieder um, lief noch mal zurück, kam noch mal wieder und brachte eine zweite Zuckertüte für den dicken Friede.

Da vergaßen oben sämtliche Oberheudorfer Buben und Mädel ihre Angst, und jubelnd fielen sie in das Bravorufen des Publikums ein.

Der Stallmeister sagte unten etwas zu den Buben, und stolz kehrten diese nun wieder auf ihre Plätze zurück. Das Pferd aber kam -- trapp, trapp -- hinter ihnen her.

»Vielleicht holt's uns, und wir kriegen auch 'ne Tüte,« sagte Anton Friedlich hoffnungsfroh, aber der Clown jammerte: »Es holt mich, es holt mich!«

»Kriech nur wieder unter die Bank,« rieten die Kinder hilfsbereit, obgleich den Mädeln das Kasperle so in der Nähe recht unheimlich war. Aber da war schon das Pferd und -- schnapp -- hatte es den Clown am Hosenboden gepackt und trug ihn nun die Treppe hinab. Unten rollten die Diener eine große Tonne herbei, und o Entsetzen! das Pferd steckte Kasperle in die Tonne. Eine Zuckertüte gab's nicht.

»Das ist, weil er gelogen hat,« rief Heine Peterle und preßte stolz seine Zuckertüte ans Herz. Trotzdem sah er mitleidig nach dem Kasperle aus. Würde das in der Tonne stecken bleiben? Die Diener rollten die zur Bahn hinaus, sie rollten und rollten sehr heftig, und auf einmal war der Clown draußen, und niemand hatte es gesehen. Die Oberheudorfer brachen in stürmischen Jubel aus: »Kasperle, das war fein!«

»Lebt wohl!« rief der Clown, stand plötzlich auf den Händen und lief so davon.

»Komm bald wieder!« brüllten ihm alle nach. Da drehte er sich wie ein Rad und stand wieder auf den Beinen und quiekte mit ganz hoher, dünner Fistelstimme: »Ach nein, jetzt muß ich mich bei meiner Mutter in einen Pflaumenmußtopf schlafen legen, lebt alle wohl!«

»Heute macht der Clown auch zu dumme Witze,« brummte ein alter, griesgrämiger Herr hinter den Kindern, der sich schon die ganze Zeit über den Lärm geärgert hatte.

Da drehten sich urplötzlich alle Buben und Mädel um und starrten den Griesgram namenlos verwundert an. Der wurde ordentlich verlegen und murrte: »Das sind ja unglaublich ungezogene Rangen.«

»Ungezogen, diese Kinder? Na hören Sie, mein Herr, die tun doch nichts,« rief Fräulein Wunderlich entrüstet. Ihr, die sonst so leicht gescholten hatte, gefielen alle diese Buben und Mädel gut, denn in ihrem Herzen war ein Türlein aufgesprungen, durch das viel Freude und Liebe aus und ein gehen konnte. Waldbauers Mariandel, die neben ihr saß, streichelte sie zutraulich und flüsterte: »Du bist aber nett, Fräulein Wunderlich.«

Annchen Amsee huschelte sich von der andern Seite an sie an, und Traumfriede drehte sich um und nickte ihr strahlend, dankbar zu.

Der verdrießliche Herr aber brummelte weiter. Dies war ihm nicht recht und das. Einige Buben sagten schon untereinander: »Er ist wie Hans Rumpf, wenn er seinen Linksaufstehtag hat.«

»Das Schwatzen stört,« knurrte der Herr wieder, schon zornesrot im Gesicht.

Unten standen gerade acht Pferde steif in einer Reihe, und alles wartete neugierig, daß sie springen würden, da tönte in die tiefe Stille, die just über dem Zirkus lagerte, Annchen Amsees helles Stimmchen hinein: »Gib dem Herrn was aus deiner Tüte, Heine Peterle, der ärgert sich nur, weil er keine hat.«

Hunderte von Augen richteten sich auf den Platz, wo die Kinder saßen, und alle diese vielen, vielen Augen sahen, wie Heine Peterle über die Köpfe seiner Gefährten hinweg seine Tüte dem brummigen Herrn darbot.

»Es sind furchtbare Kinder,« dachte der. All die lachenden Blicke waren ihm äußerst fatal, und in seiner Verlegenheit griff er wirklich in die Tüte, und weil er sich schämte, lächelte er dazu ganz freundlich, und Heine Peterle lächelte wieder und sagte in hörbarem Flüsterton zu Schulzens Jakob: »Jetzt sieht er nicht mehr so böse aus!«

»In der nächsten Pause geh' ich,« dachte der brummige Herr wütend. »Für diese Nachbarschaft danke ich.« Aber dann kam die Pause, und kaum hatte sie begonnen, da wandte sich Heine Peterle wieder um, streckte ihm nochmals seine Tüte hin und fragte treuherzig: »Gelt, das ist fein?« Und auf einmal lächelten ihm alle Buben und Mädel freundlich und ermunternd zu. Da vergaß er das Weggehen und blieb; er vergaß aber auch das Brummen, denn der Jubel der Oberheudorfer erklang immer von neuem so laut, so selig froh, daß sich darüber die griesgrämigsten Mienen aufhellten.

Was gab es aber auch nur für wunderbare Dinge in diesem Zirkus!

Vier feuerrote Clowns brachten vier rosenrote Schweinchen an, und die machten allerlei Kunststücke. Sie sprangen und marschierten auf Befehl, wie es noch nie in Oberheudorf ein Schwein getan hatte.

»Warum machen sie's nur bei uns nicht?« tuschelten die Kinder einander zu. Ein paar Augenblicke später hatten sie diese Frage schon wieder vergessen, denn lauter schöne Fräuleins schwebten in die Bahn. Auf einem Wagen wurde eine Prinzessin hereingefahren, und nun gab es einen wundervollen Tanz. Als er zu Ende war, war auch die Vorstellung zu Ende, und der Professor mahnte zur Heimkehr.

»Schon aus?« »Ach, ich wollte, ich könnte bis morgen bleiben,« erklang es. Draußen auf der Straße aber rief der dicke Friede laut: »Ich werd'n Kasperle.«

»Ich so einer, der mit den Pferden springt,« schrie Anton Friedlich, und das wollten noch etliche andere ebenfalls. Die Mädel wollten so wunderschöne Tänzerinnen werden. Annchen Amsee quiekte: »Ich so eine mit Flügeln,« und Schulzens Jakob, ein dicker, purzeliger Bube sagte bestimmt: »Ich werd' auch so'ne Dame!« Nur Heine Peterle blieb dabei: »Ich lern 's Fiedeln.« Alle waren sich aber darüber einig, einstmals zum Zirkus zu gehen, und Friede Hopserling riet ihnen: »Bleibt doch gleich da!«

Das wollten sie nun doch nicht, nur der dicke Friede schwankte ein wenig, dann kletterte er aber doch noch fix mit auf den Wagen. Vorläufig erschien ihm das Elternhaus noch verlockender. Freilich, der Abschied von Feldburg wurde ihnen allen an diesem Abend bitter schwer, und sie alle stimmten laut und sehnsüchtig in des Füchsleins Ruf ein: »Ach, lägen doch Feldburg und Oberheudorf nur etwas näher zusammen!«

Beim Abschied hielt Muhme Lenelies Herrn von Spiegels Hand fest in ihrer arbeitsharten. Sie wollte ihm danken für alles, was er an ihrem Friede getan hatte und noch tun wollte, aber sie vermochte nur ein paar Worte zu reden. Doch der alte Herr klopfte und streichelte die Muhme herzlich und sagte: »So Gott will, sehen wir uns noch oft, ehe unser Friede ein Mann geworden ist.«

»Und Gott geb's, daß er ein rechter Mann wird,« flüsterte die alte Frau. »So einer wie sein Pflegevater,« fügte sie ganz leise hinzu.

Der Professor aber hatte es doch gehört. Er sah der alten Frau in die guten Augen und sagte fest: »So einer, der seiner Pflegemutter Ehre macht.«

Von den andern hatte niemand auf das Zwiegespräch geachtet. Die schwatzten, lachten und lärmten, bis Friede Hopserling »hüh hott« rief und die beiden Wagen davonrollten. Bis Wiesental etwa ging's noch laut in den Wagen zu, dann wurde es still und stiller. Ein Kind nach dem anderen schlief ein; zuletzt wachten außer den Kutschern nur noch Muhme Lenelies und Friede. Die sahen beide, wie der Mond groß und rot über den Bergen emporstieg. Dann sahen sie, wie sein Licht in den Wald eindrang, sie hörten das Rauschen der Bäume und hin und wieder den verschlafenen Schrei eines Vogels. Manchmal kletterte auch Friede Hopserling vom Wagen herunter und schaute nach, ob noch alle da waren, ob nicht eins im Begriff war hinauszufallen. »Die bringen alles fertig,« dachte er und stopfte kräftig ein vorwitziges Bubenbein in den Wagen zurück. Reden tat er nicht dabei, und auch der Schulzenknecht, der den andern Wagen führte, störte die Muhme und ihren Pflegesohn nicht im traulichen Zwiegespräch.

»Möchtest du auch zum Zirkus gehen?« fragte Muhme Lenelies den Buben lächelnd.

»Nein!« Der schüttelte den blonden Kopf und schmiegte sich fest an die treue alte Freundin an. »Muhme Lenelies, weißt du, weit in die Welt hinein reisen möchte ich einmal wie der Herr Professor. Griechenland möchte ich sehen und viele, viele fremde Länder und viel, viel lernen und -- --.« Traumfriede wollte noch viel; große Taten wollte er vollbringen, Schönes, Gutes tun, alles wollte er. Nur die alte Muhme und der Heimatwald hörten, was er alles wollte, sann und dachte. Knabenträume waren es, aber Muhme Lenelies dachte bei diesen Träumen doch: »Vielleicht wird mein Friede noch einmal einer, dessen Name einst die Welt mit Stolz und Freude nennt. Warum soll in einem kleinen Dorf wie Oberheudorf nicht auch ein großer Mann geboren werden, ja warum nicht?«

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Weitere Anmerkungen zur Transkription

Offensichtlich fehlerhafte Zeichensetzung wurde stillschweigend korrigiert.

Korrekturen (das korrigierte Wort ist in {} eingeschlossen):

S. 44: Nachbargarten im Scan unlesbar starrte in den {Nachbargarten} hinunter und dachte

S. 90: emfing → empfing denn der Professor {empfing} die Kinder so freundlich

S. 164: leuchete → leuchtete In Friedes Augen {leuchtete} es auf

S. 166: im → ihm die große Wurst sauste {ihm} plötzlich an den Magen

S. 237: ihn → ihm bis {ihm} der Stallmeister ein »Halt« zurief

S. 242: Hosperling → Hopserling und Friede {Hopserling} riet ihnen