Die Oberheudorfer in der Stadt Allerlei heitere Geschichten von den Oberheudorfer Buben und Mädeln
Part 12
»Die sind besser als ihr,« sagten die Bauern; »die möchten wir wohl behalten.« Da blähten sich die beiden Stadtbuben ordentlich über das Lob, und am Abend schmeckte ihnen das Essen so gut, daß Kaspar auf dem Berge seine helle Freude daran hatte. Denn Gäste, denen es schmeckte, die tüchtig zulangten und die Schüsseln leer aßen, die hatte man besonders gern in Oberheudorf.
In diesem wohlhabenden kleinen Dorfe saßen die Bauern meist schon seit Urgroßvaters Zeiten auf ihren Höfen. Darum gab es in ihren Häusern auch viel stattlichen Hausrat. Geschnitzte Truhen und Schränke, schöne Kannen, Teller und Schüsseln aus Zinn, auch Spinnräder gab es noch, wenn auch nur ein paar ganz alte Weiblein aus alter Gewohnheit die Räder surren ließen. Füchslein ließ sich besonders gern alle diese Dinge zeigen. Die Buben waren mehr für das Draußensein. Wenn Füchslein auch immer sagte: »Am allerbesten gefällt es mir doch bei Muhme Lenelies,« so kroch sie doch im Schulzenhaus, bei Heine Peterles Eltern, bei Amsees und auf dem Waldbauernhof in alle Winkel. Auch in das Schulhaus kamen die Stadtkinder. Der Lehrer war zu Friedes großem Leidwesen verreist; aber die Frau Lehrer zeigte den dreien noch am letzten Tage die Schule. In der sah Füchslein zuerst eine Geige.
»Eine Geige, eine Geige,« rief sie sehnsüchtig, und die Lust nach dem geliebten Instrument erwachte in ihr.
»Kannst du denn spielen?« fragte die Frau Lehrer.
»Ach ja!« Füchslein streckte die Hände aus. »Darf ich darauf spielen, einmal nur?«
»Ja, hole sie dir heute nachmittag. Wenn du gut damit umgehst, leihe ich sie dir gern.«
»Oh, mit einer Geige muß man gut sein; sie hat eine Seele, sagt Herr Wunderlich,« versicherte Marianne Sonntag eifrig.
»Nun, so hole sie dir jeden Tag!«
»Ach, morgen müssen wir schon fort,« riefen alle drei betrübt.
»Es ist dumm,« brummte Jobst von Hellfeld, der ganz vergessen hatte, daß er nur auf allerdringlichstes Bitten vom Füchslein mitgekommen war.
Am Nachmittag holte sich Marianne die Geige. Am Dorfbrunnen wollte sie spielen; so hatte sie es den Buben und Mädels versprochen.
Ein Mädel, das Geige spielt, hatten die Oberheudorfer noch nicht gesehen, und selbst die allerfleißigsten Hausfrauen ließen ein Weilchen ihre Arbeit ruhen, als Marianne Sonntag zu spielen begann. »Wir wollen auf der Dorfstraße tanzen,« hatten die Kinder gesagt, aber sie vergaßen das Tanzen über dem Spiel. Feine und süße Klänge durchzogen das Dorf. Es war wie das Singen der Vögel im Frühling, wie das Rauschen der Bäume, wenn leise der Abendwind über sie dahinstreicht. Immer stiller wurde es ringsum, und immer mehr Leute ließen ihre Arbeit ruhen und lauschten. Niemand aber hörte andächtiger zu als Muhme Lenelies, Friede und Waldbauers Mariandel. »Es ist, als ob du ein Märchen erzählst, Muhme Lenelies,« sagte Mariandel leise, und Friede dachte an Griechenland, von dem Professor von Spiegel ihm erzählt hatte. Er hörte das blaue Meer rauschen und sah die weißen Tempel am Ufer stehen. Die Sehnsucht erwachte in ihm, dorthin zu ziehen und alles zu sehen und dann auch so davon singen zu können wie Homer, der blinde Sänger.
Daran dachte Heine Peterle nun nicht. Ihm gefiel das Spiel und das zierliche geigende Mädel furchtbar gut. Er schwitzte ordentlich vor Entzücken; er wünschte, seine Feldburger Flöte wäre noch ganz, dann hätte er darauf blasen können, und als Marianne Sonntag die Geige sinken ließ, schrie er: »Das will ich auch lernen.«
»Nä, er ist und bleibt ein merkwürdiger Bube, unser Heine Peterle; aus dem wird noch was Großes,« sagte Muhme Rese zu Muhme Lenelies. Aber die gab keine Antwort. In ihren guten Augen lag ein stiller Glanz, sie schaute Marianne Sonntag an, wie ein Blumenfreund eine feine, schöne Blüte freudvoll betrachtet. Das Stadtmädel schien den Blick zu fühlen; es lief plötzlich auf die alte, arme Frau zu, legte beide Arme um deren Hals und flüsterte: »Muhme Lenelies, dich hab' ich aber doch am liebsten in Oberheudorf.«
»Fein hast du gespielt, Füchslein,« rief Jobst, der stolz auf die Freundin war.
»Ja, schene war's; blasen klingt freilich noch besser,« schnarrte eine Stimme, die wie eine knarrende Türe klang. Hans Rumpf hatte auch zugehört und nickte nun wohlgefällig. »Und gut ist's doch, daß es keine Tänze waren, sonst wär' gleich auf der Dorfstraße getanzt worden.«
»Ach ja, tanzen, wir wollen tanzen,« flehten ein paar Mädels.
»Nä, nä, das ist nicht,« brummte Hans Rumpf. Aber niemand hörte auf ihn. Füchslein begann wirklich eine lustige Tanzweise zu spielen. Sie kletterte dabei auf den Brunnenrand, und um sie herum hüpften und sprangen bald alle Buben und Mädel im Kreise. Im Takt, außer dem Takt, im Polkaschritt und Walzertritt, allein, zusammen, wie es gerade paßte. Eins schleifte, eins wiegte sich, eins schwenkte die Beinchen, als wollte es die eigene Nase treffen, eins trampelte einem andern auf die Füße, ein Mädel purzelte hin; aber alles in allem war es wunderschön.
Der herrliche Abend ging viel zu früh vorbei, und all die dicken, rotkarierten Federdecken sperrten ihre Mäuler auf, um die Buben und Mädel zu verschlingen. Die ließen sich das auch ganz gern gefallen, und mancher kleine Tänzer drehte sich im Traum noch weiter, linksum, rechtsum, fiedelfiedeldum. Heine Peterle aber sagte noch halb im Schlafe: »Ich will auch fiedeln lernen.«
Nur Traumfriede war an diesem Abend nicht so froh wie sonst. In Feldburg hatte er sich heiß nach Oberheudorf gesehnt, und heute sehnte er sich auf einmal nach Feldburg. Er schämte sich ordentlich, als er immer wieder denken mußte: »Könnte ich morgen einmal heimgehen ins Spiegelhaus! Wie mag es wohl dem Professor gehen?«
»Morgen gehen deine Freunde weg,« sagte auf einmal Muhme Lenelies. »Möchtest du nicht mit und den Herrn Professor einmal besuchen?«
Friede wurde blutrot. Ja konnte denn die Muhme Gedanken lesen, seine Wünsche erraten? Er senkte verwirrt die Augen: »Ich bin furchtbar gern bei dir.«
Muhme Lenelies lachte leise. »Das weiß ich, mein Friede; aber man kann irgendwo sehr gern sein, und es kann doch einen andern Ort geben, wo man auch gern ist. Und eigentlich wär's schlimm, wenn du den Professor nicht lieb hättest.«
Friede atmete tief auf und fiel der Muhme um den Hals: »Dich hab' ich aber doch am liebsten.«
»Und sehnst dich doch hinaus, das ist nun mal so in der Welt. Geh du morgen ruhig mit nach Feldburg, übermorgen kommst du wieder, und wir feiern Wiedersehen.« --
Kaspar auf dem Berge hatte gesagt: »Wen ich geholt habe, den bringe ich auch wieder heim.« Darum brauchten die Stadtkinder auch nicht zu laufen; sie konnten nach Feldburg zurückfahren. Der Abschied wurde ihnen deshalb nicht leichter, und obgleich Jobst und Ulli sagten: »Tränen sind doch dumm,« schluchzte Füchslein ganz herzbrechend. »Kommt mit, ach, kommt alle mit!« bat sie. Sämtliche Buben und Mädel standen vor der himmelblauen Ente, als die Gäste schieden. Sogar die Wickelkinder waren von den großen Schwestern mitgebracht worden.
»Macht's nicht so arg mit dem Abschied!« mahnten die Erwachsenen. Aber die Kinder vollführten ein ganz unglaubliches Geschrei. Jedes hatte noch etwas zu sagen und zu fragen; am liebsten wären sie natürlich alle mitgefahren, und daß Friede es durfte, neideten sie ihm fast. Nur Heine Peterle fehlte. Seine Mutter war da und rief nach ihm; Muhme Rese suchte ihn an den merkwürdigsten Orten. Er war und blieb verschwunden. »Der wartet am Waldrand,« rieten die Kinder.
»Vielleicht liegt er noch im Bett,« sagte der dicke Friede. Doch Muhme Rese versicherte, dort sei er bestimmt nicht.
»Es ist häßlich von ihm, daß er nicht kommt,« schluchzte Füchslein. Da tröstete seine Mutter: »Paß auf, er kommt schon, ihm ist's arg leid, daß du wieder gehst!«
»Uns auch, uns auch,« schrieen die andern Kinder. »Wir besuchen euch alle.«
»Ja,« riefen die Stadtkinder, »bald!«
»Wenn Zirkus ist; im September ist Zirkus,« rief Marianne.
»Was ist denn das, ist das was zu essen?« fragte der dicke Friede nachdenklich.
Füchslein lachte hell auf und vergaß darüber das Weinen. Sie lachte immer noch, als der Wagen schon zum Dorf hinausrollte. »Dort steht Muhme Lenelies vor ihrem Hause,« rief Friede und winkte. Die drei andern taten es ihm nach. Sie winkten, nickten, die Kinder liefen hinter dem Wagen her, und immer wieder klang's: »Auf Wiedersehen, auf Wiedersehen!«
Bis zum Waldrand liefen die Oberheudorfer mit. Ein bißchen Neugier war auch dabei, zu sehen, ob Heine Peterle nicht dort wäre. Er war aber nicht dort, und als die Mitgelaufenen umkehrten und der Wagen in den Wald hineinrollte, sagte Füchslein betrübt: »Heine Peterle liegt vielleicht doch noch im Bette.«
»Nä, da liegt er nich,« erklang's laut, und aus Decken, unter Strohbündeln hervor kroch sehr vergnügt -- Heine Peterle. »Ich fahr mit,« rief er stolz.
»Wer fährt mit?« Kaspar auf dem Berge drehte sich flink auf dem Bock herum. »Potzwetter, Bube, was fällt dir ein?«
»Ich will mit, Oheim,« rief Heine Peterle. Kaspar auf dem Berge war nämlich seiner Mutter Bruder, und er hatte gedacht: »Der Oheim nimmt mich schon mit, wenn wir nur erst zum Dorf hinaus sind.«
Er hatte sich aber verrechnet. »So was, das gibt's nicht,« sagte der Wirt. »Ausreißen gilt nicht. Gelt, daß dir's wie denen in Schwipperlingen geht! Nä, steig man runter.«
Da half kein Bitten. Heine Peterle mußte aussteigen. Sein schöner Plan war zu Wasser geworden. »Wir laden dich bald ein,« trösteten die Stadtkinder.
»Ich will auch in die Stadt,« heulte der Bube, »ich lern 's Fiedeln.«
»Lern du nur erst ordentlich das Lesen und Schreiben,« riet der Oheim.
»Nä,« murrte Heine Peterle, »fiedeln ist besser, da macht man keine Kleckse.« Und schwupp, drehte er sich um und lief dem Dorfe zu. Erst als er dort war, fiel's ihm ein, daß er nicht einmal Abschied genommen hatte.
Den vier Reisenden wurde unterdessen die Zeit nicht lang, sie kamen schneller nach Feldburg, als sie gedacht hatten. Erst fuhr der Wirt die beiden Sonntagskinder heim, dann Jobst von Hellfeld, der drei Häuser von denen entfernt wohnte, und zuletzt rollte das Wägelein über den Johannesplan und hielt vor dem Spiegelhaus. Friede sprang heraus, nahm kurzen Abschied und lief dann ins Haus. Niemand hatte ihn gehört, niemand ihn gesehen. Die Tür stand offen, und so kam er unbemerkt an des Professors Studierzimmer. Er klopfte an und trat ein. Da saß der Professor über ein dickes Buch gebeugt an seinem Schreibtisch. Als er den blonden Buben gewahrte, glitt ein froher Schein über sein Gesicht. »Grüß Gott, Oberheudorfer Friede!« rief er. »Das ist recht, daß du einmal kommst; ich habe mich schon sehr nach dir gebangt.«
Da war es dem Friede auf einmal, als flüstere in seinem Herzen eine Stimme: »In Oberheudorf hast du eine Mutter, in Feldburg einen Vater. Ei, hast du es gut auf der Welt, Friede Heller!«
Im Zirkus.
Im September kam wirklich, wie es das Füchslein gesagt hat, nach Feldburg ein Zirkus. Es ist aber noch nicht gesagt, daß alle in einen Zirkus gehen können, wenn schon einer da ist. Die Oberheudorfer Bauern meinten, es sei genug, wenn ihre Kinder in diesen Herbstferien zum Vogelschießen nach Niederheudorf gingen. Vom Zirkus wollten sie nicht viel wissen. Ja freilich, das Vogelschießen lockte nicht minder. Da wollten sie alle hin, und wenn in dieser Zeit jemand gesagt hätte, rechts ist Zirkus, links ist Vogelschießen, kein Kind in Oberheudorf hätte gleich eine Antwort geben können. Einmal bettelte Schulzens Jakob beim Sonntagmittagessen: »Ich möcht' in den Zirkus.«
»Ach was, Vogelschießen ist genug,« brummte der Schulze.
»Aber -- -- aber, Zirkus soll so fein sein! Friede Hopserling sagt, man muß hin, weil -- --«
»Na, wenn's Friede Hopserling so gut weiß, dann soll er dich man einladen und die andern dazu; mir ist's recht.«
Der Schulze schob seinen Teller ein Stück fort. Das war ein Zeichen: »Nun sputet euch, ihr andern, wir haben lange genug gegessen.«
Jakob wagte kein Wort mehr; aber nachher auf dem Dorfplatz erzählte er, was der Vater gesagt hatte. »Friede Hopserling läd uns nicht ein,« schrie Anton Friedlich, »aber vielleicht sonst wer.«
Ja, sonst wer! Niemand fand sich, der es tat. Die Tage kamen und gingen. Das Vogelschießen kam und ging auch vorbei und war vergnüglich wie immer, und schon guckten die Herbstferien in das Schulhaus hinein, und von einer Einladung war nichts zu sehen und zu hören. Da kam eines Tages ein Brief an den Lehrer, und der ging mit dem Schreiben zum Schulzen. Der lachte und sagte: »Meinetwegen.« Und ebenso sagten noch ein paar andere Bauern, und die Bäuerinnen setzten noch hinzu: »Man gönnt's ihnen schon, das Vergnügen.«
Auch Muhme Lenelies bekam einen Brief, und auch sie schaute froh drein; ja sie guckte geschwind mal nach dem Wetter und sagte: »Wenn's doch schön würde!«
Am nächsten Tag also gab es in der Schule eine große Überraschung. Keine solche, bei der die Feuerspritze die Schulstube unter Wasser setzt oder jemand in die große Trommel fällt oder in sonst etwas hinein, nein, eine wundervolle Überraschung war es. Professor von Spiegel lud Traumfriedes Freunde und Freundinnen zum Zirkus ein. Und das beste dabei war, die Eltern erlaubten es. Glücklicherweise begannen just die Herbstferien, und Sonnabend früh durften sie alle nach Feldburg fahren. Am Nachmittag war im Zirkus eine große Festvorstellung; zu der sollten sie gehen. Der Herr Lehrer hatte die Sache am Schulschluß gesagt, und das war gut. Wohl keines der Kinder hätte sonst mehr aufgepaßt.
»Eingeladen zum Zirkus!« Sie stürzten alle eilfertig auf die Straße. Dort konnte man sich doch ordentlich freuen, und das taten sie auch sehr laut und sehr nachdrücklich. In der Stadt hätten die Menschen wohl gleich die Feuerwehr herbeigerufen oder gedacht, ein Kirchturm oder mindestens drei Häuser wären eingestürzt, der Krieg sei ausgebrochen oder so etwas Ähnliches; doch in Oberheudorf war man nicht so zimperlich.
Vier Schultage waren es noch, und jeder Schultag dehnte und dehnte sich wie ein Stück Gummi. Unglaublich, wie es ein Schultag fertig bringt, so lang zu sein. Aber dann kam doch der Morgen, an dem es hieß: »Heute geht's nach Feldburg zum Zirkus!« Und daß es kein Traum war, bewiesen die beiden Wagen, die mit Tannengrün geschmückt auf dem Dorfplatz die Stadtfahrer aufnahmen.
Es war eine wunderschöne Fahrt durch den herbstlichen Wald. Die Buchen, die da und dort in den Tannenwald hineingelaufen waren, und die Eichen, die am Rande standen, trugen schon ihr goldrotes Herbstkleid. Sie spreizten ihre Laubkronen stolz in der Sonne und schienen zu rufen: »Seht uns an, wir haben ein goldenes Gewand.« Ach, die armen Bäume konnten viel rufen, die Oberheudorfer Buben und Mädel achteten gar nicht darauf; sie sahen nichts von der Pracht des sonnenreichen Herbsttages, sie schwatzten nur vom Zirkus. Höchstens sagte mal eins: »Die Eicheln fallen schon runter,« oder sie lugten auf der Landstraße nach den Pflaumenbäumen und griffen in die vollen Äste hinein, denn Friede Hopserling zumal, der den einen Wagen führte, fuhr auch immer so seltsam dicht unter den Bäumen dahin.
Im Spiegelhaus warteten die Sonntagskinder und Jobst und Friede auf die Gäste. Fräulein Wunderlich war herübergekommen und hatte mit Frau Emma und Marie ungeheure Töpfe voll Schokolade gekocht. Weißbrot und Kuchen standen bereit, und hinten im Garten waren ein paar lange Tafeln gedeckt. Professor von Spiegel ging lächelnd und heiter auf und ab, schaute sich alles an und freute sich mit seinem Pflegesohn auf die Gäste. Füchslein war in namenloser Aufregung. Sie rannte immer zwischen Tor und Festplatz hin und her. »Ich kann's kaum erwarten,« rief sie immer wieder. »Friede, freu dich doch, schrei mal, du bist so still!«
Traumfriede gehörte nun nicht zu denen, deren Freude überlaut ist. Wenn er sich so recht innerlich im Herzen freute, war er meist sehr still. Aber Jobst besorgte etliche Male das Freudeschreien, und drüben in Wunderlichs Garten krähte der kleine Teufel wie besessen. »Er ahnt, daß die Oberheudorfer kommen,« sagte Marie. »Es ist ein sehr kluges Tier.«
Endlich kamen sie. Die beiden Wagen rumpelten laut und vernehmlich über den Johannesplan, und ein paar Minuten lang war der stille Platz von dem fröhlichsten Leben erfüllt. »Muhme Lenelies,« rief Friede plötzlich aufgeregt und stürzte auf die alte Frau zu, die zwischen allen Buben und Mädeln aus Friede Hopserlings Wagen kletterte.
»Nun siehst du, mein Friede,« sagte die alte Frau vergnügt, »da bin ich auch einmal. Wenn man eingeladen wird und es so arg bequem hat, nach der Stadt zu kommen, ist es eine leichte Sache.«
Muhme Lenelies konnte es schon sagen, daß es arg bequem sei, auf einem Mehlwagen zu fahren, denn sie war viele, viele Jahre als Botenfrau den weiten Weg zwischen Oberheudorf und Feldburg hin und her gegangen. Heute kam sie als lieber Gast. Professor von Spiegel und Fräulein Wunderlich gingen ihr beide so freudevoll entgegen, als wäre die einfache alte Frau ihnen schon eine gute, langvertraute Freundin.
Das Schokoladenfest im Spiegelhaus war sehr schön, aber das allerschönste war dann doch der Zirkus. Der war so groß, daß sicher das ganze Niederheudorfer Vogelschießen mitsamt dem Karussell, dem Kasperletheater, der Pfefferkuchenfrau und allem, was sonst da war, hineingegangen wäre. Die Buben und Mädel sagten gleich alle am Eingang: »Ah,« und sie waren ein bißchen ärgerlich, daß sie nicht »ah« genug sagen konnten, denn ein Mann rief immer: »Weiter, weiter, Stehenbleiben ist verboten.«
»Das ist in Niederheudorf nie verboten,« knurrte Schnipfelbauers Fritz; aber als er von einem nachfolgenden Mann einen Puff in den Rücken erhielt, ging er doch eilig weiter.
Der dicke Friede hatte einen heißen, sehnsüchtigen Wunsch; es war der, nur einmal im Leben ein richtiges Kasperle zu sehen. Ein Kasperle war für ihn das Allerlustigste, Allerschönste, was er sich denken konnte. Als nun gleich zu Anfang ein Clown in die Reitbahn sprang, entzückte ihn dieses große, lebendige Kasperle so, daß er in ein nicht endenwollendes Gelächter ausbrach, in das seine Gefährten jauchzend einstimmten. Und weil es die Oberheudorfer vom Niederheudorfer Vogelschießen so gewöhnt waren, mit dem Kasperle zu reden, so schrieen sie allesamt: »Guten Tag, Kasperle, wir sind da!«
»Freut mich sehr.« Der Clown war etwas verblüfft; der Zuruf paßte nicht in sein Spiel. Er fragte aber doch: »Woher seid ihr denn?«
»Aus Oberheudorf!« tönte es zurück, und von gegenüber kamen ein paar Bubenstimmen: »Herrjeh! die Oberheudorfer sind auch da!«
Der Clown grinste und schoß zehn Purzelbäume hintereinander, so fix, daß Anton Friedlich bewundernd rief: »Der kann's fein.« Aber da ritt plötzlich eine wunderschöne Dame in die Reitbahn, die in ihrem rosa Kleid mit goldenen Flügeln wie ein leibhaftiger Engel aussah. Sie verneigte sich auf ihrem Pferd, sprang in die Höhe, streckte erst das rechte, dann das linke Bein in die Luft und ergriff schließlich ein von der Decke herabhängendes Seil. Flugs lief in diesem Augenblick das Pferd unter ihr weg, und Heine Peterle, den eine namenlose Angst um die schöne Dame ergriff, warnte: »Du, dein Pferd reißt aus.«
»Seid doch still da oben,« rief der Clown.
»Ja,« brüllten die Buben und Mädel nach Niederheudorfer Gewohnheit, und das Pferd erschrak über das Gebrüll und stieg erschrocken kerzengerade in die Höhe.
Der Stallmeister rief »Stille!« und der Clown drohte mit der Faust. Nun sieht aber ein Clown, wenn er ernst sein will, erst recht komisch aus, und die Buben und Mädel fanden es denn auch so spaßhaft, daß sie vor Vergnügen kreischten und auf ihren Sitzen hin und her wackelten. Das steckte an, der Zirkus dröhnte vor Lachen. Da aber keine lustige Nummer auf dem Programm stand, sondern Miß Florence Wilson ihre Künste als Seiltänzerin zeigen sollte, ging der Clown rasch hinaus.
»Adjeh, Kasperle! Legste dich ins Bett?« schrieen sämtliche Oberheudorfer, und von neuem rauschte das Lachen durch den Zirkus.
»Nä, Kinder, ihr müßt doch stille sein,« mahnte Muhme Lenelies, während Professor von Spiegel lachte, daß ihm nur immer die dicken Lachtränen über die Wangen rannen. Die Kinder dachten: »Wenn man in der Stadt ist, hört man darauf, was Stadtleute sagen.« Da der Professor jedoch schwieg und selbst lachte, achteten sie nicht auf der Muhme sanfte Mahnung, sondern brüllten: »Kasperle, komm raus, Kasperle, komm raus!«
Da! Atemlos stieß Heine Peterle Annchen Amsee an. Die schöne Dame war an dem Seil hochgeklettert und schwebte nun wie ein großer Schmetterling in der Luft auf und ab. »Die kann fliegen,« kreischte Schulzens Jakob, während Heine Peterles Augen vor Erstaunen immer runder und kugliger wurden.
Jetzt trat Miß Florence auf ein hoch über dem Boden ausgespanntes Seil, und aus der Luft schwebte eine Geige herab. Die ergriff sie und begann auf dem dünnen Seil stehend zu spielen. Sehr schön klang das nun zwar nicht, und Füchslein dachte: »Dies sollte Herr Wunderlich hören, der möchte gut schelten!« Aber die Oberheudorfer gingen beinahe auseinander vor Staunen. Sie waren noch ganz verdattert, als ein Reiter mit vier Pferden in die Bahn sprengte und diese die merkwürdigsten Dinge vollführten. Sie sprangen, stellten sich auf die Hinterbeine, tanzten. Und Bäckermeisters Mariele flüsterte: »Am Ende sind's gar keine richtigen Pferde.«
»Guten Tag, Kasperle, biste wieder da?« brüllten etliche Buben, und Mariele vergaß ihren Zweifel über dem Kasperle, das mit einem Purzelbaum in die Reitbahn schoß. Hinter ihm drein kam noch eins, aber auf einmal -- nein, das war doch nicht schön -- fing der schwarze Herr mit den Kasperles an zu zanken; er sagte, sie hätten ihm etwas weggenommen.
»Laß se doch, die tun doch nischt,« schrieen Jakob und Schnipfelbauers Fritz empört.
Aber der schwarze Herr kümmerte sich gar nicht darum, er schalt immer weiter, immer heftiger auf die Kasperle. Das wurde dem dicken Friede zu toll, er nahm einen Apfel, den er in der Tasche hatte, und warf ihn höchst geschickt dem schwarzen Herrn an den Rücken. Dabei kreischte er zornig: »Die haben nischt genommen, ich hab's doch gesehn!«
»Nicht wahr?« Der erste Clown trat an die Rampe und sah zu den Oberheudorfern hinauf. »Du bist aber gut, daß du mir hilfst!«
Der dicke Friede wurde klatschmohnrot vor Freude über das Lob, er reckte sich ordentlich und schrie: »Verhau den schwarzen Herrn, der ist eklig!«
Schwupp lief das Kasperle zu dem schwarzen Herrn hin; es legte den Kopf auf die Seite und sagte mit dünner Stimme: »Erlaubst du es mir, daß ich dich verhaue?«
»Der ist aber dumm, der fragt erst,« riefen ein paar Buben, und sie fanden es höchst begreiflich, als der schwarze Herr sagte: »Nein, ich erlaube es nicht, mach daß du fortkommst.«
In diesem Augenblick drehte sich eins der Pferde um und fuhr mit seinem Maul in des Clowns Hosentasche. Der schrie laut auf und flüchtete, hopps, sprang er über die Bänke, sauste über die Köpfe hinweg und platsch -- saß er mitten zwischen den Oberheudorfer Buben und Mädeln. Die kreischten wie besessen. Ein paar Mädel flüchteten unter die Bänke, der dicke Friede schnappte wie ein Fisch nach Luft, und der ganze Zirkus bebte von dem Gelächter der Zuschauer.
Aber -- trapp, trapp, trapp -- kam das Pferd die Treppe herauf. Wutsch, kroch der Clown hinter Krämers Trude und Schulzens Röse her unter die Bank und jammerte: »Der war's, der war's!« Dabei zeigte er auf den völlig sprachlosen Friede.
Und da -- -- laut gellte das Angstrufen der Kinder durch den Zirkus --, das Pferd packte den dicken Friede am Hosenboden und trug ihn davon.
»Es frißt ihn, es frißt ihn, es macht ihn tot! Halt, halt! huhuhuhu!«